Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch
trostloser auf?
»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen,
daß ich Ihnen helfen könne?«
Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in
keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen.
Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben -- er stand
vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.
»Ja.« Und er glaubte an sein Ja.
»Ich danke Ihnen. Das ist viel. -- Wie alles liegt, muß es mir -- --
genug sein,« sagte sie langsam.
»Sie willigen ein -- liebe Klara?«
Er nahm etwas scheu ihre Rechte.
»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich
Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste
Mensch auf der Welt.«
Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?
Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund.
Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit
war? -- Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? -- Nicht fragen ...
Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt -- welche Erleichterung! Dafür war
er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. -- Was sie ihm
brachte, wollte er lieber nicht wissen.
Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es
ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der
Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne,
beunruhigend, beschämend -- Nein, nicht fragen -- --
Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie
doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so
durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam
ihn. Er küßte sie.
Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an.
»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,«
sagte sie warm.
Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie
Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. -- Es
tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten
auszukommen.
Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll
Ungeduld.
»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die
alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat
ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage
-- ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«
Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften,
ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn
herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit
zwang.
Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen
Monaten gehabt hatte.
Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr
besondere Wärme zu zeigen -- aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_
besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand
zwischen seine beiden Hände.
Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk
geschmiedet war ...
Klara sah sie -- zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen -- sie sah
unwillkürlich genau hin.
Da zog er hastig die Hand zurück -- es war ihm unangenehm, daß ihr sein
Armband so offenbar auffiel.
»Also in einer Stunde.«
Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen
hatte.
»Es wird -- es soll gut gehen!« sagte sie sich fest.
Nun also zur alten Frau -- ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber
auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten
standhalten ...
Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen
großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr
Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur.
Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab
und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben -- es ist wohl
recht?«
Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt,
hier.«
Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches
Gefühl beriet sie -- nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren.
Sie öffnete.
Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ...
Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der
Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte:
»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der
Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.«
Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte -- wickelte beides mit raschen,
unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier -- riß die Schublade
ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief
hinein ...
Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn,
fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh -- höre ...«
4
Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die
Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein
kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen
Natur gestellt.
Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen
Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der
Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte.
Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von
Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die
Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen.
Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu
faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte
unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß
Vorwand, uns länger und allein zu haben -- das zielt auf Sie, Marning --
man müßte ja Idiot sein, wenn man's nicht merkte -- da könnense nu Ihr
Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln
hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen:
ich habe zugehört.
Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und
weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der
Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die
arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration
und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung
verschieden war -- oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer
wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, -- denn das
Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ...
Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat
erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest
großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art
Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er
vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist,
um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil
Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden.
Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus
gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß.
Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten
nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht
geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den
Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um
Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren.
Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen,
erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke
einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen
schienen.
Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten
Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte
seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich
dann ins Meer ergoß.
Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und
lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm
bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit
Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die
weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den
roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern.
Blau war das Wasser, blau der Himmel -- nur dies bedrohliche eine Gewölk
da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.
Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand,
auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige
und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von
Üppigkeit und Sommerhöhe.
Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an
ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin
dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein
Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was
nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und
Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein
Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung
verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine
Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien -- die machen immer Mühe
und oft Ärger, sagte sie.
Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft
darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es
war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu
verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort
zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern
-- und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe,
teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten
schien.
Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den
Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren
Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.
Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld
an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben.
»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame
Weiblichkeit -- so eine von den heißen Trägen.«
Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe
kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles,
rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar
Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur
ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien,
vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu
üppig und schläfrig dabei zu werden.
Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien
Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu
hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal
Art der Frau. --
Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am
Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit«
nannte. Sie ließ abräumen -- man war von zwei Bedienten umsorgt worden,
die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen
nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit,
und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr
wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst
kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen
Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben,
trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand
breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme
bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte
Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße
Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese
Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres
Gesichts waren auffallend -- rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie
bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so
weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften,
wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen
konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß
und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als
goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. --
Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob
es der Dame hin, die ihr gegenüber saß.
»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die
Karten?«
»Aber sehr gern.«
Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn
sie einmal in Anspruch genommen wurde.
Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von
Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle
Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen
nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht
aneignen konnte.
Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen,
Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als
Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben
sich haben mußte.
Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und
daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl -- an allem durfte man teilnehmen.
Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen
zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr
immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen
gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig
verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte
sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der
sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens
doch eine wohltuende Beruhigung war.
Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener
Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei
Feststellung der Tischordnung genannt werden würde.
»Mich muß natürlich Lohmann führen -- er ist zum erstenmal hier,« sagte
die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen
naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und
sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie
wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«
»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere
Pflegemutter.«
»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.
»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«
»Aber glückstrahlend?«
Likowski erwog -- prüfte nach -- machte eine Kopfbewegung.
»Glückstrahlend? Das ist nu so 'n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man
nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer
beherrscht.«
»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein
von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es
ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte.
»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen,
die 'n Handel sind -- so 'rum oder so 'rum.« Und sie seufzte auch.
Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.
»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz
elegisch hinzu.
Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft -- sie hat sich verkauft ...«
Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung.
Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.
»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen -- der Vater soll
ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme -- hätt's zur Bedingung
gemacht für Bezahlung der Schulden -- soll Klara Hildebrandt eine
Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt -- Klara soll ihn
hassen -- der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch
sein. -- Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered't, ohne daß
eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind' doch auch nich aller Welt
auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat
so 'n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte!
Als ob die Klara Hildebrandt 'n Mächen wäre, das sich so schlankweg
kaufen läßt! Nee, so 'n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich
gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der
ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und
sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.«
»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für 'n Eindruck
machte das Paar denn? Und die ganze Sache?«
Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen.
»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige,
nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war
mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und
die rasche Heirat -- das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet.
Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der
Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und
das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen
gemeinschaftlich.«
Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton
fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all
mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich
nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu
können.«
»Ich hab' immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar
denken,« meinte Likowski.
»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er
kalt.
»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken
Hand wieder erlangt hat?«
»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine
Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning.
»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!«
»Ach, Likowski, Sie haben immer 'n Faible für das Mädchen gehabt,«
neckte Agathe.
»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so 'n rauher
Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab' ich das Gefühl
nich verloren. Und wenn's, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich
losgeht, sag' ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern
auch: und zum Schutz der deutschen Frau.«
»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...«
»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor
sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab' ich ihn mal erlebt -- sein
Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau --
Wynfried war gerade zum Besuch -- ich hatte ihn neben mir bei Tisch --
Gott, wir waren beide noch so jung -- die Jüngsten in der ganzen
Gesellschaft -- wir verstanden uns himmlisch. -- Er war schön wie 'n
junger Gott damals -- hoch, schlank, blond -- und so viel Verständnis
für die Frau -- ach, es war ein Abend ...«
Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit -- etwas
Sehnsuchtsvolles. -- In ihre Augen kam ein feuchter Glanz -- sie verlor
sich in träumerische Gedanken.
»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,«
erlaubte Marning sich zu sagen.
Agathe stand auf, reckte sich lässig -- die ganze üppige Gestalt schien
sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor,
daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ...
»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie
machen das -- nicht wahr?«
»Aber sehr gerne!«
»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich -- alles andere ist weiter
keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.«
Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig
entglitten.
»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem
Zauberfest. Tun Sie desgleichen -- Sie wissen ja -- das grüne
Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste --
Begeisterung über die schöne Aussicht -- Promenaden -- Gruppenbildungen.
Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. -- 'Nur für Natur' ...«
schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.
Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand
auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in
ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte.
Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen
Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz
sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen
kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie
manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen,
knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel
deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und
Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen
Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr
angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen
Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die
arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes
Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute,
doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu
können. Und Likowski -- den teilte sie sich selbst zu. -- Welch ein
Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie
er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend«
-- das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem
Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine
Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er
war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. -- Ach, man konnte
nicht wissen. -- Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine
ritterlichen Worte danken ...
Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von
Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert
und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und
Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen
Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte
eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung -- eine Art
Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein
geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein
Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum
und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund
um die Schiffsränder gespannt waren.
Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im
Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den
Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll
Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.
Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten
faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden.
Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ...
»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?«
Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer
Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin,
zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in
Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück
vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ...
Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er
neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des
alten Herrn saß ...
Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte,
gelangweilter Höflichkeit ...
Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. -- Er
auch, der junge Ehemann auch.
Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon,
wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand
der Schwiegertochter ...
Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie -- wenn sie den
alten Herrn bediente ...
»Was geht das alles mich an? ...«
Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante
Anpflanzung.
»Ein junges Stückchen Wald -- halbwüchsiges Baumgedränge hat keine
Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und
manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu
offenbaren.«
Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen,
quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und
durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein
Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des
Gartens in einem Rundell.
Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende
rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen
Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der
Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in
allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal.
Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen
Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und
sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein -- das Leben, der Stand
bringen das so mit sich -- --«
Und woher und warum so niedergeschlagen -- fast mutlos und überdrüssig?
Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie
bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten -- wie das,
gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter
Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn
einmal die ernste, große Stunde käme ...
Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie
zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die
Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.
Man wurde schläfrig davon -- und doch so seltsam erregt ...
Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen
-- und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare
Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück -- einem großen, seligen
Glück ...
Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und
feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher
Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte
das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf.
Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf -- irgend ein Laut hatte
das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der
vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. -- Nun
wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann
auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen.
Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und
weltfernen Gartens.
Er wollte aufspringen -- war sehr überrascht.
»Nein, ich setze mich zu Ihnen.«
»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.«
»Will ich auch -- aber erst eine Stunde nach Tisch -- ich möchte nicht
dick werden -- lieber kastei' ich mich.«
»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.«
»Na -- sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit.
Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich
aussehe,« sagte sie.
Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte
den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße
Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit.
»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt.
»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer
sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich.
Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt:
Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört,
ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir 'n
Kompliment sagt -- halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig
werden. -- Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in
der Welt ist ...«
Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht -- aber
doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums
und aller Vergnügungen, eigentlich einsam -- vielleicht gar innerlich
arm.
Wie schwer, darauf zu antworten.
»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine
Frau -- denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er.
»Aber sie braucht Anerkennung -- Verständnis -- ich sage nicht:
Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht.
Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ...
ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. -- Und das hab'
ich nicht -- hatt' ich nie ...«
Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos -- wurde alles mit einer
Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht.
Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu
trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen.
»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er.
»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles.
Sie wissen es doch -- warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte
mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten
sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit
seiner rasenden Arbeit -- ähnlich wie der Geheimrat, aber in
Textilindustrie -- und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten --
Mama ist eine Vereinsdame -- Mama hatte auch eine Schwäche für Adel --
ein Baron sollte es sein --«
»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein --
lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen -- es erregt
Sie.«
»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat
Interesse für mich -- nicht einmal meine Freunde -- ich dachte, Sie
wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will,
ermahnt man mich gleich, zu schweigen.«
Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals
zur rechten Aussprache kommen zu lassen.
Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem
unverantwortlichen Kind hatte -- zum Schutz, zum Bevormunden
herausforderte.
»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie
mir nur immer anvertrauen mögen -- ich erbitte es als besondere Gunst,«
sagte er sehr herzlich.
Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre
Mädchenjahre -- wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er
selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an
ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre
Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche
Seltenheit -- eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen
versteht -- --
Man kann so rasch denken. -- Das alles war ihm gegenwärtig, während er
sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte.
Und sie hörte noch mehr hinein ...
»Ach ja -- ja,« flüsterte sie, »ja -- ein anderes Mal -- aber bald --
nicht wahr? Bald?«
Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen.
Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still.
Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut --
als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern.
Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen -- sie
drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor
Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz --
schlossen sich halb -- zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von
Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen
begann ...
Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der
Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese
lechzenden Lippen, und er war gebunden ...
Er riß sich zusammen -- mannhaft und überlegen. -- Nicht in Abwehr. Aber
in Besonnenheit.
Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich
zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug
eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß -- das war eine
Abschlagszahlung -- ein Vertrösten -- keine Zurückweisung. -- Aber doch:
es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben
hätte, sich satt zu küssen.
Sie stand auf -- reckte sich wieder. -- Das war immer wie ein Schauspiel
und ein unbewußtes Sichdarbieten -- lachte ein wenig gezwungen, und doch
war zärtliches Gurren in der Stimme.
»Ja -- an einem ruhigen Tage -- dann kommen Sie -- Sie allein -- und ich
erzähle Ihnen mein Leben. -- Und jetzt will ich wirklich ruhen ...«
Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die
zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte
mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ...
Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn
verliebt, und er konnte sie haben. -- Da war also ein Glück! Er hatte
sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau
von üppiger Schönheit. -- »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte
sie in einen Harem passen,« dachte er. -- Eine Frau mit großem Vermögen
und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen.
»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier
gebissen hatte -- -- sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen,
ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht
sauer wird.«
Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines
Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?
Es war sozusagen das große Los.
Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die
weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier
gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen -- nichts
überstürzen --
Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon,
der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die
wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des
Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer
Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige
Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm
etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest,
daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil
die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und
bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber
dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich.
Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel
zu spät kämen, spanne ab.
Und ihr Blick -- den Likowski sah und höchst vielsagend fand -- glitt
hinüber zu Stephan Marning. Und -- wahrhaftig: erwiderte der
Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus -- das konnte
man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif?
Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab
seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied
nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr.
Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile
aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten
war: das Schwert blank halten. -- Die Stunde kam bald doch mal, wo ...
Ja, der Stephan Marning -- ein ganzer Kerl -- man konnte ihn heiraten
lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein
kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der
Erlöser Agathens zu sein ...
Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an
der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner
bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der
Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht
für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit,
sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen
Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf
saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich
ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner
Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung
geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski
verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein
hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu
schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die
im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.
Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er
setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit
auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun,
sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei
einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um
ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte.
»Wär' ja Selbstmord ... 'ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos
bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben --
das versteht sich -- aber 'ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft
nich zu -- nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg -- nein.«
Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig
aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die
rechte Färbung. -- Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der
überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich
in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes
Härchen.
Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas
leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als
mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr
alter Adel waren.
Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie
für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch
umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte
hellgrauer Atlas.
»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum
jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten.
Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie
ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe
um -- alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen -- es kamen
Freundinnen aus Lübeck -- Referendare -- allerhand halbwüchsiges Volk,
das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. -- Und Hornmarck
hatte sich verliebt. -- Na, das war ja selbstverständlich. -- Aber es
hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu
frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt
man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. -- Und denn diese
Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ...
Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen
vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als
Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete,
die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der
Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller,
stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge
hineingeschrieben.
»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär' der Mann für
Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt's ihm gönnen,
daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das
kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte -- sein
Vater war 'ne Jeuratte -- der Sohn is nich belastet -- rührt keine Karte
an -- nee, kann ich beschwören -- tut er nich.«
»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von
Pankow. Ich habe drei Töchter -- drei!« sagte der Generaldirektor
lächelnd.
Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf
sein Gegenüber zu.
»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren
Generaldirektor mit 'n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann!
Wenn das nicht flutscht ...«
»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so
auf Goldsäcken herumwälzen.«
In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf
mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning.
»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter
meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.«
Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt
hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und
sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben
ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht -- vom Betrachten und
Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum.
»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt!
Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin -- Papas
Geburtstag. -- Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.«
»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter
braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel
daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf -- er sah ja
auch in der Geselligkeit so 'ne Art volkswirtschaftliche Pflicht -- fand
es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu
unterhalten. -- Neulich, als ich mal zu ihm fuhr -- ich verdanke ihm ja
manches -- als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften
mußte. -- Na, das gehört nicht hierher. -- Neulich hielt er mir einen
kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder
dann Besuch gemacht -- bei mir waren sie mal nachmittags, zur
Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile -- wer hat sie nicht! -- die
Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das
Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut
gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt
sie hoch.«
Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des
Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des
alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen
Sie, Baronin, es war recht eigen -- gerade für mich! Das kann man sich
wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt
-- solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat
sozusagen, manchmal um Severinshof -- in solcher Arbeiterkolonie kann
man immer mal helfend einspringen -- auch im Schulhause sprach ich wohl
vor -- und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers
meines Mannes war, tat mir's immer extra leid, daß ihr Leben so anders
lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel
Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich
gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres
Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu
danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung
auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für
unser weiteres Verstehen. -- Es berührte angenehm. Keine Spur von
Auftrumpfen ...«
»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die
Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich
doch verkauft.«
»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich
das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in
der Tür zwischen Salon und Terrasse stand.
Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich
plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als
taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit
erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben.
Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön
wie ein Apoll gewesen -- eine Erscheinung, wie man sie unter der
männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. -- Er war
gealtert -- der Jünglingszauber war davon -- stattlich sah er zwar aus;
aber gar nicht mehr auffallend -- so auf der Stelle bezaubernd.
Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren
natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara
Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt.
Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren
und sogleich fesselten.
Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen
unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die
Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen
entgegen; die ihr schon Bekannten -- und es waren schließlich die
meisten -- bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann
zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.
Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr
Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen
Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau.
»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant
Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so 'n
gänzlich unverheirateten Eindruck.«
»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine
Leutnant.
»Ach, wer da so 'reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft
gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe.
Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher
und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine
Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize
hatte.
Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit,
daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. --
Es zog sie -- es trieb sie -- sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans
Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem
man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach.
Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen
Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen -- halten eine
Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ...
Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den
schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf
die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren
Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine
Farblosigkeit zu verwandeln.
Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin
und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und
da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im
Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von
Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. -- Mein
Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann.
-- »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als
sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging.
»Den Freiherrn von Marning.«
Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der
geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. -- Aber doch: Frau Klara
Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe.
Entschieden -- so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im
letzten Augenblick unmöglich.
Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche
Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf
dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant
Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie
setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den
Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder
ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür
bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und
obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen
Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte.
Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr
munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl
beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und
höflich unterhielt -- natürlich mochte er sie nicht leiden -- daneben
versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen
schönen Abend von damals wachzurufen.
Er lächelte.
»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs
alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an
jenem Abend rasend in Sie verliebt.«
»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja -- jetzt sind
Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. -- Ein würdiger Mann. --
Schrecklich ernsthaft verheiratet. -- Teilhaber an Severin Lohmann. --
Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?«
»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen
Geistesgaben auch noch die Hünenkraft -- sie ist ja noch fast
ungebrochen. -- Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. -- Aber ich
versuche mich einzuarbeiten. -- Das große Interesse, das meine Frau hat,
ist dabei nicht unwichtig. -- Teilhaber werde ich offiziell am 1.
September.«
»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in
plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den
Lohmanns. -- Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine
nähere werden zu lassen.
»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat
eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch
geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.«
Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe.
Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses
wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen
durch ihn hin -- ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte
aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge.
Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte,
hatte einen Duft an sich -- einen ganz bestimmten Duft, süß und zart,
den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte
Erinnerungen aus dem Schlaf auf.
Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm -- verzeihen Sie
die Frage, Baronin -- aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein
Duft!«
Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. --
Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen
... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. -- Er sah zu seiner Frau
hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke.
Da lächelte er freundlich ...
Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder
emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu.
Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme.
Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch:
gezwungen, konnte sie denken. -- Und sie wußte nicht, was für Gespräche
sie versuchen sollte -- jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste
fühlte sie sich befangen -- und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine
ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu
entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen,
ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals
gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm
einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung
gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat.
Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen
reichen Mann verkauft.
Das verschloß ihr den Mund.
Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich
außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen -- als sei das
wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und
nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber
unmöglich.