Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen --

Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer

heiligen Mutter leben -- viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie

gedurft ...

War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?

Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der

rechte Prüfstein für sie.

Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann

ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr -- verschwamm in Träumereien.

Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause -- hülle sich in

Dunkel -- --

Sie fuhr zusammen -- erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich

werde ihn niemals lieben ...«

Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen -- ja, so

konnte sie ihn wohl lieb haben.

Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.

Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle,

friedliche Ehe nottat.

Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher

Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen?

Klara wußte, was das war: heiraten.

Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die

sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ...

Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen

Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen!

Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes

Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir

ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde.

Hier war kein Wahn, keine Flamme.

Hier warteten nur sittliche Pflichten.

Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit.

Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.

Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in

heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit -- --

Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen

Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr

kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.

»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte

sie verdutzt.

»Bitte,« sagte Klara.

Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand.

Er wurde rot -- es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit

ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle

Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn

die Wirklichkeit.

»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er.

Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas

Mütterliches.

»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von

Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.«

Sie schob an dem Tisch -- als wolle sie das Sofa freimachen. -- Tat,

als sei dies ein alltäglicher Besuch -- war fast unbefangen --

»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er.

Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar -- so voll

Güte.

»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise.

Er setzte sich aus Nervosität -- unwillkürlich -- legte den Hut auf den

Tisch -- strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn -- wie sein

Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und

diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte

ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick.

Er begriff: ja -- er mußte viel sagen -- das hatte sie zu verlangen.

Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. -- Er konnte nicht. Alles in ihm

wehrte sich.

»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung -- es ist das, was der

Augenblick mit sich bringen sollte. -- Ich -- -- liebes Fräulein --

Klara -- ich habe ... Schweres liegt hinter mir -- was soll ich sagen --

wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden -- ja, das

tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...«

Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch -- vielleicht Zorn

gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen -- in

langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen.

»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen --

Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht -- --

Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden

vielleicht noch.«

Er öffnete die Lippen -- wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen

Atemzug ...

»So darf ich wahr sein?«

»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?«

fragte Klara entgegen.

Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat -- o wie wohl!

»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil

mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein

neues Dasein finden würde.«

Stille Helden: Roman · 第 13 / 69 题