Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch
abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu
toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben
gewesen. --
Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender
Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten.
Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an
mitleidig -- machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau
der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten.
Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder
Freudigkeit bringen. -- Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum
Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken -- Sie
sah wohl: noch war das alles tot in ihm. --
Welche Aufgabe!
Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu
_seinem_ Sohn machen helfen. --
Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete
Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel.
Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum
Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer
Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine
Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem
Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die
edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes.
Und Klara -- sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes
hängend, fühlte wieder: »Ich muß!«
War es denn wirklich ein solches Opfer?
Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer
Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse.
Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen
Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. --
Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war
ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur
flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein
Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten
dergleichen bei ihr an -- was bei allen obwaltenden Umständen ja auch
auf der Hand lag ...
Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen
solchen Platz stellte -- --
Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!
Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten
wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof -- denn da gab es noch
viel zu tun -- gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch
mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und
diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne
Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick
das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als
es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich
rühren, nützlich sein. -- Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch
Einfluß auf den alten Herrn.
War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese
Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter
gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten
habe.
Aber sie -- oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen.
Ihr Herz klopfte rascher -- eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.