Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn --

Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und

eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ...

Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen

unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ...

»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,«

sprach er langsam.

Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. -- Obgleich Wynfried wußte, der

junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die

Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal

vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer

seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen

Druck der Hand -- war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues

Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren,

sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?

Kannten sie sich denn jetzt?

Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in

Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_

von _mir_?«

Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das

elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn.

Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett.

Er starrte ins Unbestimmte.

»Eine Kugel durch den Kopf -- das wäre das richtigste ...«

Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines

Vaters Angesicht. -- Er hatte eine Vision. -- Sein Vater stand an seiner

Leiche, aber der alte Mann weinte nicht -- Verachtung war in seinen

Zügen, die furchtbar schienen.

Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück -- das

fühlte er.

Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten?

Ah -- gleichviel unter welchen -- wenn sie ihm nur Inhalt für sein

Dasein vortäuschten.

Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten

würde.

2

Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der

beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt

erwartet wurde.

Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst

paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den

Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein

Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller

mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden

seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte

sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara

Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre

zweijährige Tochter mitgebracht -- wenn also böswillige Menschen davon

munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so

war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr

umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau

gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare,

stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal

gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen

machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten.

Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten

Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit

sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen

Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in

den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und

das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher

Lebensinhalt.

Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an,

die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur

Begutachtung gezeigt wurde.

»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so

durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich

eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er

gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte.

Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders

rätselhaft.

Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie

zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine

Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren

Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen.

Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die

Frage: Wie fang' ich das an?

Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und

hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten

durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen

alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen

Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute

mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen

Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer

Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried

unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in

seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der

Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes

noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme

Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich

noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung,

gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ...

Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in

der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um

fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge.

»Dann kann ich dich ihr vorstellen.«

Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er

verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er.

Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem

ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie«

-- seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen

Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen -- und

andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit

schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und

anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen -- -- Ja, all diese würden

sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum

Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten -- alles

war egal --

Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der

gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu

wälzen: Wie fang' ich das an?

Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß

dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde.

Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen

Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit

neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen

zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das

feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem

ungewohnten Laut vergrämt wird? -- War es klüger, zu schweigen oder zu

reden? den Dingen ihren Lauf lassen?

Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge

abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war

als der Dunkle, der neben ihm lauerte?

Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann,

dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte?

Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es

meinetwegen tun ...

Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. -- Es sollte doch für sie

kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung

finden, und damit das Glück ...

»Wie fang' ich es an?«

Er fand keine Antwort.

Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken

Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte

abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für

die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen.

Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar

wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien

-- bei seinem Zustand!

Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales.

Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken.

Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine

Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den

bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der

Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer,

umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der

Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend

fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft.

Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der

Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der

Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und

geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach

Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab.

Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß

glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde

träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und

schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel

fleckend.

Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten

Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten,

auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die

drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte

man auch den Blick auf das Werk.

Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen.

Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau

gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl

oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine

Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich

doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für

seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab

in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese

Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald

vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk -- und

bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen

-- wirklich zu blühen ...

O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen

wunderbar trotzigen Willen zum Leben.

Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas

Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich

künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt.

Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß.

Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine

Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler

entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles

zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie

spielen -- welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde --

im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem

Leben selbst.

So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein

hindurch ein Arbeitender gewesen.

Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit

sein Herz gehängt hatte.

Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der

Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr

weit eine Rechte entgegenstreckte.

»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der

Ähnlichkeit ergriffen.

Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede

Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. -- Er besaß kein Bild von der

längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren

vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden.

Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche

der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die

Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter.

Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune,

reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen

Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend

gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der

klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes

Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es

Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und

sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke

waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht

haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß.

»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn

ist wieder da!«

»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr

Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.«

»Hätt' ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion,

und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben -- 'ne kleine alte

Klatschbase bleibt sie doch.«

»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte

entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.«

»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.«

Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen

und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn

hier haben. -- Er war so lange nicht zu Haus.«

»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so

lange fernhielten. -- Liebe Klara -- in der Welt draußen haben sie

meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. -- Er muß sich

besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so

gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er's besser als hier. Arbeit

und Familie -- das ist die Gesundheit.«

»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater

zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu

sein ...«

Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne

Tradition -- ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus

anzugehören. -- So ein Haus bekommt Geschichte. -- Wie Sie die Gründung

Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.«

»Wer weiß -- wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung

nimmt, die ich erhoffe -- dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der

Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme -- wo so das

Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. -- Ein

wenig müßt' ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters

imponieren. -- Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche

Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie -- denn wissen Sie, liebes

Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers -- seins

allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was

sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit,

das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein

Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck

keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden!

Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen

ganzen Posten davon -- mehr als Geld -- das weiß Gott. Aber er besaß die

Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er

diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz

gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke

ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein -- sie

allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen -- und dies

Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. --

Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich.

Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von

Natur aus da sein: Erz oder Kohle -- aber beides heranschaffen -- das

macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor:

wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache,

dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die

Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch

auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für

Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum

Aufblättern bringt -- na, der muß schon was Suggestives an sich haben.«

Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an

allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf.

»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing -- er selbst

verstand auch nichts von Hüttenchemie -- kann sein, daß er nicht von

vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen

-- ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs

neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines

Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch

ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben.

-- Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus -- lernen -- lernen. --

Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle

hinaus. -- Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne

zusammen und schwor mir: ich mach's! Als der Vater starb, war ich ein

Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung

-- zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das

teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte --

gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen.

»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir

seinen Direktor mit -- einen Mann von kolossalem Wissen und Können. --

Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf

den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die

ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt'

ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als

Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer

Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...«

Er verlor sich in Nachdenken.

Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren.

Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den

Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet.

»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er

dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig

waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus

'Severin Lohmann' zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten

Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so

früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch

immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach

einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte,

was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und

Mann eins -- auch dem Namen nach -- und daß mein Junge den sentimentalen

Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den

Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.«

»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von

Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles

Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer

rätselhafter, daß ...«

»Daß was, liebes Kind?«

Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene

Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke.

»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten

und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an

Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg

und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld

gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie

sich angenommen wie meiner.«

»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?«

antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt.

Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke,

lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese

Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich.

»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu

Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem

Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind -- es ist so

natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, -- »ich wäre

bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs

dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach

Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl

couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie

sprachen. -- Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich -- aber

Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern

Leuten.«

Er sah sie tief an -- und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie

etwas befangen machte.

Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich

keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das

zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum

daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und

mich hier an der Schule anstellten.«

»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?«

»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich

alles nicht angenommen wurde -- aber ich darf doch jeden Sonntag

kommen ...«

»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die

gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie

aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ...

»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. --

Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen.

Bitte Herr Geheimrat, ich hab' manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen

mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?«

Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet

gewesen. -- Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und

Selbstmord zu verzeihen gehabt! -- Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte

manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen,

nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter

Geschwätzigkeit litt -- aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen --

und können dennoch manchmal völlig schweigen -- wo sie lieben und

schonen wollen ...

Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren

Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für

immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg

doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand

oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die

Füße.

Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater

war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ...

Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.

Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht

verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so

eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie

früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ...

Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher

Innigkeit um die Wahrheit baten.

Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O

nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!«

Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, -- die

heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. --

Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein

abgleitender Blick. -- Dies Auge wich ihr aus? -- Dies gebieterische

Herrenauge, das sonst andere bezwang -- was bedeutete das?

Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu

wissen.

»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam.

Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an.

»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter -- ich habe -- sie war -- -- Liebes Kind!

Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.«

»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich

verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen

-- daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und

verschleiert bliebe.

Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und

Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir

wußten es rasch -- wir waren füreinander bestimmt gewesen -- sie mein

Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum

gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns.

Meine Frau hätte mich niemals freigegeben -- nie -- aus kleinlicher

Schadenfreude nicht. -- Unsere Lage war bitter -- sie war gefährlich --

aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...«

Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner

Mutter ...«

Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie -- und sie küßte

seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter

ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und

ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an.

»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er.

Sie lächelte mit Tränen in den Augen.

Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.

»Es war immer schon, als wär' ich's, wie ein Vater haben Sie an mir

gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher

gekommen ...«

Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen -- von ihrer

Mutter -- vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen -- von der

Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr

eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben -- was war

es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber

den Gatten ihrer Mutter?

Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat

gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!«

Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie

der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen.

Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken

Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über

die ihres Vaters schweigend hinwegging.

Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ...

»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger

Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit.

Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe --

wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das

Zittern seiner Hand -- das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch

nicht aufregen.

Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst

irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in

das Alltägliche hinüberzubringen -- wie es eben für den noch

Schonungsbedürftigen am besten war.

Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war

Wynfried -- der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum

je wirklich mit ihm gesprochen.

»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen

-- Fräulein Klara Hildebrandt.«

Klara reichte ihm freundlich die Hand.

»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.«

»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame

Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er.

»Aber nein -- garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie

waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von

mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer

oder Ihrer Mutter.«

»Ja -- ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir --

ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt,

nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.«

»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie

mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater -- den einzigen

Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht

hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte

sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre

natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte

ihn ihr doch gleich interessant.

»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.«

»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich

durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist

mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.«

Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu.

Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl -- als sei er hier zwei

Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche?

Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein.

Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es

ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön

war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter

ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im

Klang der sanften Stimme aus.

Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von

strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln

vermocht.

Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen

eingestellt -- die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm

sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige

Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte --

und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen.

Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch,

der neben dem Krankheitsthron stand.

»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß

Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.«

Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie

hat -- überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze

Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch

Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon

versteht.«

»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?«

»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,«

warf der Geheimrat ein.

Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er

sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner

Angelegenheiten denken könne.

»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der

Arbeiterschaft zu unterrichten?«

»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und

mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig.

»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude

gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen

Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt

-- Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen

verschaffen können.«

Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort -- diese ganze Szene

unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann

der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr

er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den

beiden!

Klara schüttelte nur leise den Kopf.

»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine

Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier

geboren. Hier bin ich aufgewachsen -- inmitten des Werks habe ich meine

ersten Eindrücke gehabt -- später hab' ich an seinen Grenzen gelebt,

immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt

hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater,

ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und

selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab' ich etwas anderes im Gefühl

gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für 'Severin

Lohmann' tätig sein müsse. Wie sollt' ich's? Als Buchhalterin?

Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall

gewesen -- dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich

mag erziehen -- auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen

macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden

mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule

unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an 'Severin Lohmann'.

Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt's mir vor, als

ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater

und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?«

»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat.

»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...«

Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen.

Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so

beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier

ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich

verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch

noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben

in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht

einst geliebten Frau zu versorgen ...

Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der

alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen.

Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen

wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.

Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie

nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr

zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich

gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine

treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei,

erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf

geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen

Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und

Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer

Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar

Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man

mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht

und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten

Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und

Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als

Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre -- und man

spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges

Pröbchen von Dummheit war.

Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende

anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches

Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte

er durchaus.

Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der

Begrenzung machte ihn betroffen.

Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und

beruhigend?

Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt -- vielleicht für immer.

Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer

Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen.

Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings-

und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor

seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von

Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten

Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles,

grünes Stückchen Wald ...

Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß

Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die

Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? --

Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer

gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der

Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte -- wie sie floh, sobald sie

konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ...

Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war

ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte

sich dennoch gezwungen, zu glauben.

Er wurde nach und nach sehr schweigsam.

Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden

lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die

Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit

uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ...

Sie stand auf.

»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.«

»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr.

»O nein -- danke sehr -- nein --,« lehnte Klara ab.

Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung

ergebend ...

»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre

Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen

Tischgenossen an meiner Krankentafel -- Wynfried muß unten allein essen

-- kommen Sie doch diese nächsten Tage -- bis er etwas eingelebt ist --

etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch

vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als

Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm' ich dann auch mein

Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.«

Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_

merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch

sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken

vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch

schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche

Züge zuweilen bemerkbar?

Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er

war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er

konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu

zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis)

weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben

werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die

der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs

wegen so gewachsen sein würde.

Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten.

Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit -- so überflüssig erschien

er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater.

Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen

Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine

Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ.

»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie

kurzweg.

Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend.

Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen

zu werden.

Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und

Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn

herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen

dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte

früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln

anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der

Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie

dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten.

Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen

wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster

Wichtigkeit. --

Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen

hatte, um zu fragen: »Nun?«

»Was -- nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von

einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?«

»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich

wissen.«

»Wohltuend -- ganz und gar -- ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig

näher kennen lernen -- muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so

etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe --

wie sollt' ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich

nicht in sie verlieben. -- Ich? -- Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir,

ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.«

»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater.

»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die

seinen Vater gehaßt hatte.

»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er

weiter.

Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte,

als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung.

»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben.

Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren

Tones -- der grollte gleichwie aufkochender Zorn.

»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. --

Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die

Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne

Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die

Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen

schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden

waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur

von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und

Lieschen auch artig seien.

Sie hielt freundlich stand.

Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an

Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie

dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit

ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem

Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste -- o nein!«

An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn

kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der

umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder

ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der

Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling

anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn

und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb

des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale

Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung

genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und

Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang

zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies

Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das

dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war

so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten.

Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu

genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende

Erinnerungen tauchten auf -- sahen nun, da sie vor dem Auge einer

Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem

Kind dargestellt hatten. -- Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen

voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem

Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme

Jammer der Mutter -- ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus

-- dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats -- düster und

beherrschend. -- Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen.

-- Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen -- die Schrauben

knirschten so -- man hörte sie. -- Die Mutter bebte nebenan und preßte

ihre Tochter heftig an sich. -- Damals dachte Klara, das sei immer so,

wenn ein Mensch sterbe -- all diese Einzelheiten. -- Heute mit einem

Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ...

Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe

eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen.

Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen

Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins

Gesicht zu sehen -- so kam sie in der kleinen Wohnung an ...

Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über

dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein

Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche

umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski

vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst

das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause

hereingefahren.

Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug.

Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum

Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald

angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie

von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden.

Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen

gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras

Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt

werden konnte.

Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie

den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles

beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen:

der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von

dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem

Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt

zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von

Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien --

der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß

demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt

geigen möge.

Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das

heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge.

Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei.

Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden.

Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte

Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch

einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt

lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf

bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die

Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara

zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so

deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet

wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst

du, ich ängstigte mich.«

Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den

Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein

ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete.

»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten.

Ich wußte nicht recht, was ich sollte.«

»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender

Neugier.

Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum -- auf sachten,

aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen

bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters

erschien ...

»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst,

daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es

schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete,

bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im

Hause des Geheimrats unterrichtet war.

Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die

Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus?

Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben?

Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier

sei?

Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das

Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich

vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als

ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines

Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten.

»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm

an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus.

-- Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen

Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag'

ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie

treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den

Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er -- horch -- wir wollen

achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...«

Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der

Vorhänge zu verbergen.

Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den

Gleichgültigkeiten rundum.

Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen,

wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt,

sich davon ermattet zu fühlen.

»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie.

Und plötzlich brach es aus ihr heraus.

»Ich bitte dich -- laß die fremden Leute -- komm -- ich muß mit dir

sprechen, dich etwas fragen --«

Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort.

»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es

mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen,

wenn ich dich etwas fragte?«

»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so

starke Töne anschlug. -- Sie war doch fast nie zärtlich, und nie

aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der

Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise.

»Wie sollt' ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?«

»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so

frühen Jahren?«

Wie strenge Klara aussah -- die geraden Brauen schoben sich näher

zusammen, ihre Augen brannten.

Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme

Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage!

Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl

eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war.

In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war

man ganz klein davor ...

»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.«

»Ah --« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte

Frau. -- So drang schon diese Bewegung auf sie ein ...

»Ah -- also es ist etwas zu verschweigen ...«

»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das

nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_

Manne gegeben worden war?«

»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du

sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann

zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun

völlig außer sich.

Also es gab Schmachvolles zu verbergen!

»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte

wohl damals ... Aber der Geheimrat -- du kennst ihn ja. -- Er _wollte_

alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was

es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.«

Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für

Klara zur Folter.

»Sag doch endlich, was denn -- was denn ...«

»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir

versprichst, mich nie zu verraten ...«

»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest.

Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute

bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur.

Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie

erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde.

»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden.

Großes Gehalt, Tantieme. -- Das schaffte nicht genug, -- woher ihm diese

Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin,

und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau

wohl nicht. -- Und er spekulierte. -- Obwohl sein Kontrakt es ihm

verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar

gegen des Geheimrats Unternehmungen -- oder unter Benutzung von ihm

bekannten Chancen, die 'Severin Lohmann' hätten zugute kommen müssen. --

Und so derlei. -- Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was

hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein

Lamprecht, der ja Arzt bei 'Severin Lohmann' und allen Beamten war, aus

dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der

Schlag gerührt. -- Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart

bewiesen. -- Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein

Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort

zum Geheimrat. -- Und der nahm alles in seine Hand -- die Hand kennen

wir -- stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und

auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel

geschlossen wurde -- damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten,

das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.«

Klara stand regungslos.

Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter,

und die alte Frau legte sich keine Hemmung an.

»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der

Geheimrat habe es ihm befohlen -- später befahl er selbst es auch noch

mir, als du zu mir kamst. -- Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte

meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension

gekostet -- und dich hätte er mir nicht gelassen. -- Das Finanzielle

nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet

haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für

dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer:

das sei alles wegen deiner Mutter -- die hätte er wie 'ne Heilige

verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen

Idealismus -- und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er

hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär' ich 'n rauher

Autokrat geworden. -- Ja Kind -- nun weißt du es! Aber -- o Gott, wenn

du mich an ihn verrätst!« jammerte sie.

»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen

Schwur.«

Die alte Frau hörte die tonlosen Worte -- aber zugleich blitzte durch

ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen.

Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der

Haustür nähern.

Mechanisch -- es trieb sie -- war sie, husch, wieder am Fenster.

»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig.

Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ...

Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch

aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der

Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm

und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in

melancholischem Schatten lagen ...

Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ...

Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher -- ihre Augen blieben an der

Uhr hängen -- die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke

Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und

her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor

von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes

Liebeslied ...

Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.

Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und

zerschlagen ...

Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte -- weinte.

Was hatte er alles getan -- für sie und ihre Mutter!

Wie ihm jemals genug danken!

»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!«

Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht

ein.

Wie ihm jemals genug danken?

Ein Leben reichte dazu nicht aus. -- Mit welch heißer Freude würde sie

es für ihn hingeben.

Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn

opfern zu dürfen.

3

Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen

Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von

Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten

Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den

letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen

Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität

morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen

suchte.

Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die

Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt

habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein

_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett

des Vaters kam.

»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter,

nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt,

unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto

mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.«

Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht

noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich

werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und

Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold,

dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen,

daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe

herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben

liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig -- das war gewiß

ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der

Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen

Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld

kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten

also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend

liegen mochte.

»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat

spöttisch hinter ihnen her.

In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk

brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf.

Wie einfach.

Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar

Einfaches. --

Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und

trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und

zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und

Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten

Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß

es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das

fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei;

seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der

Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am

Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton

entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den

weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten.

Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der

höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden.

Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten

Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben

getragen.

Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf

eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und

fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er

die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen

niederzuhalten.

Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief

seines ganzen Lebens.

An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:

»Mein teures Kind!

Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit

gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der

Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die

mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die

Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten,

daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist,

brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also

darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.

Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu

sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten,

der Grund, weshalb ich schreibe.

Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht

bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß

erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude

sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen

sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war,

der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter

ablenken durfte ...

Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt!

Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen.

Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr

nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten

Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen.

Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte.

Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen

Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!

Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen

Worte aus.

Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll

Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in

seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen

Schmerz mit sich herumtrug.

Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden --

nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben

Ihr väterlicher Freund

Severin Lohmann.«

Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in

die Feder kam, feuchtete sich sein Auge.

Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher

Besitz als unser Glück?

Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara

seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so

verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit -- sie war wie von

zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie

Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung --

ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene

Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich

einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet.

Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte.

Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner

hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu

dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, -- weil es

dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche

Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit

darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden.

Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht!

Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war

seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer

gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends

zerstören mußte.

Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff

war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. --

Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger.

Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara

zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen.

Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und

Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein

Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er

nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.

»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater

geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch

nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das

rührendste verändert, seit du hier bist.«

Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten.

Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei,

er stand so unberührbar fern von diesen Dingen -- sein Herz war tot.

Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn

in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der

letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim

-- konnte in Ruhe nachdenken -- sich vielleicht, wenn sie wollte, mit

der Pflegemutter aussprechen -- war gefaßt und klar in ihrem Entschluß,

wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles.

Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht

Schläge herklingen lassen. --

Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade

ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.

Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war's ja draußen viel

erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt.

Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne

gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der

Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem

braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre

Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft.

Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller

Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die

am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren

so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre

Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl

von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. -- Keine

fröhliche Morgenfrühe. --

Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor

ihr herging -- die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu

nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen

waren wie bestäubt von Regentropfen.

Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem

Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit

der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß

Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach.

Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache,

regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe

Arbeit frisch zu halten hat.

Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen

Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund

mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine

hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines

künftigen Divisionärs -- zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden

mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen.

Richtig -- die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging's die Fahrstraße

hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien,

als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe

der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine

gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten.

Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des

Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie

bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines

Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen

Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt

vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme

wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten

und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen

merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie

ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar

hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er

sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen

begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen

ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab,

wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave.

Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen

eingerammten Stämme, der Duc d'Alben, wie auch die ziegelroten

Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der

Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See

erinnernden Charakter.

Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den

Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als

strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut.

Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man

noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts

gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter

Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte

nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen.

Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken

Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem

Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein

Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß.

Der Hauptmann stieg zuerst ein -- es bedurfte dazu nur des einen

Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara

aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen,

tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte

der andere Offizier.

»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.«

Klara nickte -- sie schloß gerade ihren Schirm.

»Mit dem aufgespannten Schirm -- im Winde -- das ist mehr Hindernis als

Schutz,« sagte sie.

»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er

wohlwollend.

»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich

für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie.

»Bitte --« sagte jetzt der Kamerad.

Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning -- Fräulein

Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das

gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen

Hauseigentümerin.«

Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den

Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der

Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu

lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf.

Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war

sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als

sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines

dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen

Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war

in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man

sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze

Erscheinung gefiel ihr -- sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem

feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die

Spuren schlammiger Wege klebten.

Stille Helden: Roman · 第 8 / 69 题