Copyright 1914 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

1

Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr

geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag

jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis

zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde.

Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und

damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn

sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein

regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so

zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein

neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen.

Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen,

seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte

Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder

bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt

arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und

Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der

Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem

ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt

wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein

Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese

Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer,

aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen

Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und

gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen

war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am

raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde

mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie

erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel

oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost

gestattete.

»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie

'ne Wöchnerin,« sagte er.

»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und

schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht.

»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der

Geheimrat erbittert. »Na ja -- wie denn nicht! Früher war ich sein Herr,

jetzt ist er im Grunde der meine.«

Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln

Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem

freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als

fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von

dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen,

übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch

die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man

Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen

-- an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein

Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick

eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als

der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der

Riese jäh blaurot im Gesicht -- stieß einen rauhen Laut aus -- taumelte

und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold

habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden.

Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und

vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren

konnte, und Leupold zog sich zurück.

Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große

Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine

Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor.

»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz' ich ihn aus dem Bett!

Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und

er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...«

Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal

an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal

zurückerwacht war zum Leben -- auch eine Art von Wiedergeburt -- -- wie

ihm das Bewußtsein kam -- wie er die Lider öffnete -- da sah er in ein

treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen

begann.

Nur das Auge des Dieners -- eines ergebenen Menschen -- nicht das Auge

seines Sohnes! --

Ah -- dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja

mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in

bezug auf Leupold.

Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper

muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ...

Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese

nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die

unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares

und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so

gut, daß es das Ende ward ...

In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige

Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig

-- ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da

schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der

ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt.

Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht

für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals

schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es

keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen

Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt.

Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück

Welt hin, darüber er der Gebieter war.

Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im

ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die

kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der

Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie.

Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten

hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und

Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen.

Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei

Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu

ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen

Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen

unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das

Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern,

hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer

Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse

diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben

sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den

verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in

denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte.

Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der

Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße

erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen

und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die

nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe

bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den

Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den

rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich

Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft

von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all

diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie

andere waren, als die Natur sie schafft.

Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin

Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem

Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm

durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links,

wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich

zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich

im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf

welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf.

Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und

dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese

Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt

wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade

gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer

Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte --

das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«.

Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und

Schlacken ...

Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem

Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm,

dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel

stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten

lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den

Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen

Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in

Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und

Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß

hinüber in die Straßen hinein -- auch das Geld, das »Severin Lohmann« in

Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen,

stärkeres Leben pulsierte.

Der alte Herr sah gern hinüber -- es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da

wuchs -- wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein

Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.

Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des

andern Ufers fühlen.

Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft

hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar

Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen

wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie

leer hinabgelassen hatten -- Dampfer aus Schweden -- aus Griechenland --

Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt

zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können.

Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles,

hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten

von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz

anzusehen war.

Er dankte für Ruhe ...

Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit

Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im

Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern

Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine

Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen

sie.

Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses

Elend mit Wynfried ...

Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage -- ja, weiß Gott,

ich weiß, was das ist ... wie's gemeint ist mit dem Adler, der kommt,

dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille

ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an

einem ...«

Nun merkte er auf -- ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen

getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken.

Ja richtig -- was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag,

das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen.

Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im

Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran

mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur

Führung beigegeben war -- der eine auf einem hellen Fuchs, der andere

auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen

vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen

und zogen zu einer Gefechtsübung aus -- vielleicht um am Meeresstrand

anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu

verhindern.

Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die

marschierenden Gestalten.

Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft

gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem

Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von

Krankheit und Alter war in ihnen --

Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren.

»Ja, lieber Schönstedten -- bin schon auf -- kein Schlaf des Nachts --

Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil

verkauft -- famos zugeritten, wie er war ...«

Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck -- Herrgott

wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und

imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er -- und der

da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant

Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold

seine Karte hereingebracht.

Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte,

mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast

gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut

gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er,

der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine

Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher

schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn

dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte,

ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war,

dachte er an seinen Sohn ...

Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von

Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren

Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen -- bin ja kein

menschenfeindlicher Querkopf -- aber da sitz' ich nun -- vorbei ist's

mit dem Gastlichsein ...«

Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine

Freundlichkeit erweisen konnte.

Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen --

da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu

aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen,

die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben --

dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern

nur an Pflicht denkt.

Auch stille Helden -- wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich

bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und

preist.

Ja, die gibt's auf allen Gebieten.

So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den

einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn.

»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der

Junge hatte es einmal gewünscht.«

Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur

lau gewesen.

Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und

späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das

Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den

ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich

ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen -- was

sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an

Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ...

Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich,

um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen.

Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit

all den Schüsseln und Speisen vor sich.

Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung -- durchschlug die

Luft, als wolle er jemanden treffen ...

Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie

wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm

Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du

ihn weibisch erzogst ...

Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln -- er sah ihr schönes Gesicht,

auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst.

In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald

erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht

Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere

Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch

ärgerlich reizte.

»Leupold!« sagte er befehlshaberisch.

»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern

abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer

Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.

»Ist mein Sohn schon aufgestanden?«

»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad

gegeben.«

Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr

etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang,

spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können

doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...«

Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt.

Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne

schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner

Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das

ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn

»was los« sei -- was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber

der würde es auch nicht verraten ...

Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in

Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht

wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ...

Geduld -- wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist -- die

bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ...

Was sollte mit seinem Sohn werden?

Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun

geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn

wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf

befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe

hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im

Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er

überhaupt gearbeitet hatte, war unklar.

Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null -- sein Sohn!

Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen

hatte der Alte immer gehaßt.

Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben

Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von

allen ...

Ein Weib hatte ihn zerbrochen -- er hatte sich zerbrechen

lassen -- -- --

Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte.

Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für

dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war.

Erziehung -- das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die

Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch

gewesen.

Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre

Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten

können unbequem sein.

Auch gehört Liebe dazu -- und seine Frau hatte wohl, außer zu sich

selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so

aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist

bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht -- das wußte der alte

Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte --

früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das

Philosophieren an ...

Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer

vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von

den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist:

Lieben und Leiden ...«

Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie

schroff sein Ausdruck gewesen war -- das wußte er selbst nicht.

Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach

er: »Was weißt denn du von mir!«

Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm!

Einsam! Einsam!

Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden

bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ...

Lieben und Leiden?

Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen,

Durchschnittlichen sei.

Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht

zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben

wollen ...

Helden müssen sie sein -- aber in der Stille -- denn es ziemt ihnen

nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen.

Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer

Nächte bleibt ihr Geheimnis.

Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in

weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit

einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte.

Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der

Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie

Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn

gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt.

Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft,

richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt,

mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel

Ergebenheit und Keuschheit aus -- es war, als wehe der Hauch von

Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften

Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem

stürmisch Leidenden half -- und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal

von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen

sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr

braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren

Ausdruck so merkwürdig wechselnd war -- beredte Hände.

Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu

Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann.

Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er

hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen -- solche Männer gibt es. Es

gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn

sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur

mit ihm in Berührung kommen -- Frauen, die man isolieren sollte; wie

Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt

werden. Wunderlich -- wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen

die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen.

Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.

»Ich kenn' meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine

undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten -- die äußeren Daten seiner

Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? -- Nichts? -- Ich weiß

es nicht.

»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil

er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron

setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in

vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht

allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von

Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat,

will weiter existieren -- volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft

Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden --«

Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend

bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden,

die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und

Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt,

Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte

Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen

für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht

der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos

ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der

Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß,

indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt

engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ...

Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. -- Ja, solche Männer muß

man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung.

»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer

Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen

andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze

bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...«

»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum

bleiben? Das tat weh nur zu denken -- --

Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz,

all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken

der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ...

Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor,

noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht

wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem

Reichtum?

Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine

glühende Unruhe.

»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen

worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch

auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.«

Aber wo die Rechte finden?

Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige --

ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts

mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene

nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der

rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren

drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht

die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und

von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob

nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried

passend.

Keine -- weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er

müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert

oder Unwert besaß, war ja erwiesen. --

Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge

gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes

guter Engel werden konnte -- denn sie war die eine, von der er vorher

wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde

nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.

Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten

über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich

doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen

Folgsamkeit erfüllt -- hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein

kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen

fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben -- leben!

Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie

sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf -- die Sandsteintreppe

zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der

alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte

das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind

und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft

trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins

Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an

der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter,

dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und

rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von

Severinshof gebaut hatte.

Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin.

Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus

folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des

Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist

verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen

Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den

Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die

sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre

Feierabendruhe erwarteten.

Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien -- dem

Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein.

Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte

vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie

pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die

Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm

sein bißchen Poesie. -- Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags

nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde

lang.

Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke

Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.

»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit

erschütterte ihn beseligend.

Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo

er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. -- Ihr

Segen wäre über den Kindern -- --

Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien,

um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so

entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos

in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit

von Luxus umgeben gewesen war?

Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos

dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die

Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und

alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was

man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte.

Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen

Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder

mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln

verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich

immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog

wie unter Peitschenhieben.

Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen.

Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus

sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn

ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel.

Jetzt erschien ihr Haupt. -- Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand

sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte

er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit

den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien

ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war

so sorgsam -- am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem

lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. -- Unter dem Arm trug

sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie

schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund,

die tiefen grauen Augen -- er kannte sie seit vielen, vielen Jahren.

»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch

eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens

ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die

Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ...

Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen

hatte. --

Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen

darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe

heilig hielt.

Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der

Arbeitsriese -- er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen,

verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine,

wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und

das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm

wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen

können. -- Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er

schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte.

In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war

das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung

von einst ...

Klara grüßte herauf -- und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte

er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das:

komm!

Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes

fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht

geht.

Ja sie -- sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die

Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück.

In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille

sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht

des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all

diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar

nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum

Unheil anderer Menschen.

Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin

meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. -- In ihr

kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt

bleiben mußte.

Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte

er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das

schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem

atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen

Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester

und malträtiert mich -- also bitte noch vorher.«

»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen

und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen

fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich

befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der

auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So--o?« als Antwort

hatte.

Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des

Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried

Severin Lohmann bei seinem Vater ein.

Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des

Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches

welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft

gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden

war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig

-- sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen

standen, blickten leer in die Welt -- ob aus Müdigkeit oder

Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen.

Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, -- eine

Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht

entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase,

das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht

hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken,

leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel

ein wenig verzerrte. --

Er war im Morgenanzug -- das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und

lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner

Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter.

»Guten Morgen, Vater -- verzeih, daß ich so komme -- aber es schien

eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?«

»Mag nicht gefragt sein, hab' mich auch alle die Monate, seit dem

Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch.

Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam -- mit Extrazügen

hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß

seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das

hatte ihn in Paris, oder wo er grad' gewesen war, mit eisernen Zangen

festgehalten.

Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken -- neu anfangen.

Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du

gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß

einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch

den kostbaren Morgenanzug des Sohnes.

»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du

Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk' ich: na ja,

du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden

Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie'n Frauenzimmer in seidene

Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe,

denk' ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz

unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor'n Kopf als dieses lila

seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht

abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn

sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist

mir was Fremdartiges. Nun -- Randglosse. Überhör sie, wenn du willst.

Und nu setz dich mal da ...«

Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze

zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die

Besucher des Geheimrats dastand.

»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen

wünschest,« sprach der Sohn höflich.

Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine

Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern

gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von

_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die

ganze Nacht beschäftigt.

»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos,

ziellos drauflos redeten -- wie man so bei der ersten Gelegenheit zur

Entladung tut -- aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber

praktischer sein,« begann der Vater.

Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte

die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes

Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang.

»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine

Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin,

sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.«

Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den

Faden der Weiterentwicklung ab.

»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können.

Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine

Bedürfnisse -- falls du diese nicht sehr einschränken willst. -- Aber es

ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig

machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung.

War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein

Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese

Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte.

»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich

werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben -- Koppen ist diskret und ein

zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine

Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm

durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen

soll mir Details ersparen ... du verstehst ...«

Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut

des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich

erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden

und ihrer Art ersparen wollte -- nicht die Rechnungen von Juwelieren,

Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die

Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte.

Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld

sein eigentlichster Wesenszug ...

Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein

Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ...

Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.

Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von

allem -- allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern

würde -- er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er

ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht

noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber

Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum.

Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend -- er wußte

jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß

mitgeschwungen -- sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies

Roheisen -- davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er

zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als

wolle ihn dies Wort verfolgen.

Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden

Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen

kam -- als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ...

Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem

Überragenden.

Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht

wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl -- wie ein

leise aufzuckendes Elend -- darüber, daß er ein Nichts sei -- sich jäh

als solches fühlte -- zum erstenmal.

Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater

und Sohn.

Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse.

»Ich danke dir für deine Großmut.«

»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der

Geheimrat.

Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine

Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder

ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen

Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.

»Nein!«

»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige

denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.«

»Aber ich habe doch ...«

»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt

gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder

bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das

Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große

Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich.

Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu

behaupten ...«

Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer

Ausdruck über dieses Antlitz flog -- es schien nicht mehr das eines

gewöhnlichen Sterblichen -- monumentale Größe war darin -- Kraft von

übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode

trotzen, wenn er wolle ...

Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist

doch einmal mein Nachfolger -- du mußt dich darauf vorbereiten -- dich

einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner

vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die

rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst.

Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein,

und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster

Mitarbeiter -- geschäftlich mein anderes Ich -- trotz der völlig

verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel -- er mir auch --

Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr

auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts

sein ohne ihn -- du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein

Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist

du einverstanden?«

»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos.

Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese

erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine

Furcht aufblitzen ...

Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war?

Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die

ihn von ihr absperrte?

»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich

-- gestehst du mir das zu?«

»Ja.«

»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht' ich, wenn ich

so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_

fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na -- der Wunsch wurde mir

erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht -- man bekreuzigt sich,

daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen,

Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet -- und mich -- mich hat sie

auch was gekostet. Glaub nur -- es war ein harter Augenblick, als man

mir dein Telegramm gab -- 'Unabkömmlich -- hoffe auf deine rasche

Genesung'-- Unabkömmlich! -- Wenn der Tod an des Vaters Lager steht!

Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst,

eine -- _Dirne_ zu verlieren ...«

Die Faust ballte sich -- die Worte waren schwer von Schmerz.

»Verzeih -- ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme.

»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in

Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich

die edle Dame -- weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der

ihr standesamtlich 'ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal,

Wynfried -- so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der

Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre.

Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?«

»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem

Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich

verachte diese Frau und alle Frauen.«

»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast

zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein

Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf --«

Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.

Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem

Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen?

Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen

Tod ihn verändert?

»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus,

wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du

heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt

geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. -- Die

scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. -- Nur durch eine Frau

kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs

Weib gestellt. -- Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut

abnimmst.«

»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange

Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das

seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. --

Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er

begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war.

Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich

das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß

vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens

Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters

zu erringen -- das Verlangen danach wallte in ihm auf -- zum erstenmal,

seit er denken konnte.

»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne

heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte

sich zu zerbrochen zum Kampf.

Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes

gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen

gegen Welt und Weib.

»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er

doch auf seinen Vorschlag hören.

»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried

ausweichend.

»Ah -- ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.«

Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in

der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre

heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen,

daß er vielleicht unzart vorgehe ...

»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich -- nur um den Vater

nicht zu reizen.

»Klara Hildebrandt.«

»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor -- der sich erschoß --

wegen verfehlter und verbotener Spekulationen -- du hast dich des Kindes

angenommen -- die --?«

»Ja -- die.«

»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen

Tochter ankam. -- Es gibt so Dinge -- man behält sie, obschon sie

eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben

-- aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig

war. -- Ja, ich weiß noch -- Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage,

deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren -- ich hatte so viel

Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und

nicht durfte. -- Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der

Weg versperrt war -- und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden

möge. -- Die Frau war sehr schön -- ich begriff damals nicht und auch in

den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz

anders vorkam. -- Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber

reiner Weiblichkeit -- wenn ich mich recht erinnere ...«

»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr

waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...«

Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf.

Sein Sohn sah ihn an -- ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange

ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was

weißt _du_ von _mir_!«

Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was

dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen

können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb

-- wie er für das Kind gesorgt. --

Stille Helden: Roman · 第 7 / 69 题