sie leicht von den übrigen Bewohnern der Anstalt. Sie tragen einen Zug
schmerzlicher Resignation im Gesicht, und ihre Augen blicken auf ein
vergangenes Leben.
Hier und da gemahnen noch Gang und Gebärde an die frühere
gesellschaftliche Stellung. Sonst kommt sie selten zum Vorschein.
Besonders nicht in der Kleidung. Wenn beim Essen ein Tropfen Suppe oder
Bratensaft auf den Rock fällt – nun, so schadet das nichts. Gereinigt
wird er deswegen doch nicht. Für wen auch? Untereinander hat man sich
gegenseitig nichts vorzuwerfen und ausser der alten Dame, welche die
Wirtschaft führt, und ihren beiden Dienstmädchen ist kein weibliches
Wesen für sie vorhanden. In die Stadt zu gehen ist ihnen auch nicht
erlaubt, weil es zum Teil der Alkohol war, der sie hierhergebracht.
Da ist der Hauptmann und Oberamtmann a. D. von Wegeler, der ein
tüchtiger, pflichttreuer Beamter war, bis ihm sein junges Weib im
ersten Kindbett starb. Von da ab hatte er keinen Sinn mehr für seine
Akten gehabt und vom frühen Morgen an bei der Flasche gesessen. Man
schonte ihn so lange als möglich; eines Tages aber war er schwer
betrunken an das offene Grab eines alten Soldaten getreten, um ihm
nach dem Geistlichen als Vorsitzender des Kriegervereins ebenfalls
einige Worte nachzurufen. Hin und her taumelnd hatte er einige
unzusammenhängende Sätze hervorgestossen, bis er endlich gänzlich
das Gleichgewicht verloren hatte und auf den blumengeschmückten Sarg
gefallen war. Es hatte einen dumpfen Schall gegeben, der oben einen
entrüsteten Widerhall fand und laut genug war, um bis zum Minister zu
dringen. Er hat nachdem nicht mehr amtiert und trug sein Weh in die
stillen Räume der Anstalt. Vom Trunk liess er bald; auch die Wunden,
die ihm der Tod seiner Frau geschlagen, vernarbten in der alles
heilenden Zeit. Dafür überkam ihn aber die Energielosigkeit eines
Lebens, dem jeder Sporn fehlt, die Resignation eines Lebens, das sich
selber verloren giebt.
Sein Zimmergenosse, ein kleiner, pommerscher Pastor, der wie eine
Karikatur aus dem vorigen Jahrhundert aussieht und eine verbitterte,
boshafte Zunge hat, bedurfte keines so jähen Anstosses, um ein
Trinker zu werden. Fünfundzwanzig Jahre in einem elenden Dorfe,
ganz einsam, ohne Verkehr, ohne Bücher und geistige Anregung hatten
ihn ganz allmählich dazu gemacht. Die Bauern hatten oft Gelegenheit
gehabt, einen Betrunkenen auf der Kanzel zu sehen, bis sich das hohe
Konsistorium hineinmischte, und er abgesetzt wurde.
Dann wohnt ein junger, bildhübscher Mann dort, der kurz nach seiner
Beförderung zum Oberleutnant in später Nacht einst angerauscht und
durch einen Wortwechsel erregt aus dem Kreise seiner Kameraden
geschieden und auf dem Heimwege mit der brennenden Cigarre einem
Pulverschuppen zu nahe gekommen war. Der Posten hatte ihn auf die
bestehenden Vorschriften aufmerksam gemacht, vielleicht in einem
ungebührlichen Ton. Genug, der arme, betrunkene Leutnant hatte ihn mit
der flachen Klinge über das Gesicht geschlagen. Verwundet hatte er ihn
nicht, aber die Militärgesetze lassen nicht mit sich spassen. Er bekam
den schlichten Abschied, und da er zu keinem anderen Berufe vorgebildet
war, landete auch er hier.
Ach, es sind seltsame Schicksale, die sich hier zusammenfinden! ...
In dumpfem Gram, in stumpfer Resignation schleppen sie ihre Tage
dahin. Die Erinnerung, in der sie überhaupt nur leben, das Fehlen des
weiblichen Elementes, das schon manchen zu neuem Aufstieg trieb, das
Fehlen jeglicher Berührung mit den brausenden Stürmen und Strömen der
Freiheit, das lässt sie ganz verkümmern.
Einmal schlug aber doch eine Welle der Aussenwelt auch in ihren Frieden.
Eines Tages blieb Herr von Wegeler, der als erster der Herren
gegen Mittag das Speisezimmer betrat, überrascht in dem Thürrahmen
stehen. Auf seinem dicken, aber bleichen Gesicht spiegelte sich ein
fassungsloses Erstaunen, das sich mehr oder minder auch in den Zügen
der nachfolgenden ausdrückte.
Neben der Wirtschafterin, einer Pastorenwitwe, stand eine junge, hohe
Mädchengestalt. Das Haar lag ihr in schweren, goldenen Flechten auf dem
Haupte, und ihre Augen waren schön und klug. Sie hatte das Aussehen
einer vornehmen Dame, wenn sie auch nur eine Erzieherin war, die ihre
Tante besuchte.
Nach der Gesamtvorstellung, die von seiten des Hausvaters, eines
weissbärtigen Greises, erfolgte, schien sich die allgemeine Erregung
etwas zu legen. Man ass seine Suppe wie gewöhnlich, nur dass hier und
da verstohlene Blicke zu dem Fremdling hinüberstreiften. Bald kam aber
die zweite Sensation. Das Fräulein, das einige Zeit verwundert auf
die schweigenden Gesichter gesehen hatte, begann ein Gespräch. Seit
Menschengedenken plauderte man nicht am Anstaltstisch. Es war immer,
als ob der allgemeine Gram jedes Wort in den Kehlen zurückgehalten
hatte. Sie aber stellte harmlos dem ihr gegenüber sitzenden Hausvater
allerhand Fragen, sprach dann über das Wetter, Krankheiten und den
englischen Nationalcharakter und zog allmählich auch Herrn von Wegeler
in die Unterhaltung.
Dabei bemerkte er plötzlich, dass sie mit einem Blick grenzenlosen
Erstaunens seinen Rock betrachtete, und zum erstenmal seit langer
Zeit dachte er daran, dass der ja ganz entsetzlich schmutzig sein
musste. Eine brennende Röte flog über sein Gesicht. Dann aber trat
der ehemalige Offizier in ihm hervor. Mit Gewalt seine Verlegenheit
niederzwingend, setzte er sich durch lebhaftes Geplauder über das
Peinliche dieses Augenblicks hinweg, und schon nach wenigen Minuten
waren in ihm wie in den übrigen am Tische Sitzenden wenigstens die
Formen der besseren Vergangenheit wieder lebendig geworden.
Kaum dass sie die Tafel verlassen hatten, wurde von allen Seiten nach
dem Hausdiener gerufen, und eine halbe Stunde später trabte dieser,
keuchend unter der Last von vierzehn Oberröcken der Reinigungsanstalt
zu. Herr von Wegeler zog sich seinen Sonntagsstaat an, und selbst
der Ministersohn, der so lange Jura studiert hatte, bis ihm die Haare
ausgegangen waren, suchte sich eine frische, lachsfarbene Krawatte
hervor, obwohl er dabei murmelte, dass es doch eigentlich nur eine
Erzieherin sei.
Beim Nachmittagskaffee boten sie einen anderen Anblick. Selbst der
kleine Pastor, der immer in den Kleiderschrank stieg, um dort einen
heimlichen Kognak zu sich zu nehmen, hatte sich rasiert und seine Hände
gründlicher als sonst gewaschen. Die, der zu Ehren das alles geschehen
war, liess sich zunächst aber nicht blicken. Als sie endlich doch
erschien, war sie im Ausgehkostüm und trug den Sonnenschirm in der
behandschuhten Hand.
»Meine Herren,« rief sie fröhlich, »wer von Ihnen will so freundlich
sein, mich auf die Ziegelburg zu begleiten? Tante hat natürlich keine
Zeit dafür!«
Eine Sekunde blieb alles still. Jeder dachte daran, dass es ihnen
streng untersagt war, das Anstaltsgebiet zu verlassen. Dann aber
schoben sich dreizehn Stühle zurück, und bis auf den Pastor erklärten
sie alle, dass es ihnen ein besonderes Vergnügen sein würde.
Ein Lächeln in den schönen Augen, sah sie von einem zum andern.
»Die Herren sind zu liebenswürdig,« meinte sie dann. »So viel Kavaliere
auf einmal würde aber doch beängstigend sein. Herr von Wegeler und Sie,
Herr Leutnant, wenn ich bitten darf. Auf Wiedersehen, meine Herren!«
Und nach einem graziösen Kopfnicken ging sie den beiden Auserwählten
voran.
Nachdem sie den hohen Burgberg bestiegen und die entzückende Aussicht
genossen hatten, die bei einem mässig guten Glase bis zur Porta
Westphalica reicht, schlug sie vor, noch einmal in die Stadt zu fahren,
wo sie einen kleinen Einkauf zu besorgen hatte. Herr von Wegeler und
der melancholische Leutnant folgten ihr auch dahin. Zum zweitenmal
übertraten sie damit die jahrelang eingehaltenen Anstaltsvorschriften.
Aber was sollten sie thun? Der blosse Gedanke, ihr gestehen zu müssen,
dass sie wie Schulkinder nur eine sehr begrenzte Bewegungsfreiheit
genossen, trieb ihnen schon die Scham in das Gesicht, und beiden schoss
es wie ein Blitz durch das Gehirn, dass es doch eigentlich schmachvoll
wäre, in solcher Abhängigkeit zu stehen – sie, zwei kräftige, gesunde
Menschen!
Als sie heimkehrend die auf das Anstaltsgebiet führende Thür öffneten,
sahen beide noch einmal zurück und in ihre Augen trat ein seltsamer
Ausdruck. Dort lag die Stadt. Ihre Lichter funkelten zu ihnen herüber,
und wie ein dumpfes Brausen schlug der Lärm der geschäftigen Freiheit
an ihr Ohr. Das Haus vor ihnen aber lag tot und still.
Herr von Wegeler konnte in der darauffolgenden Nacht nicht schlafen.
Die Idee, wieder hinauszutreten, liess ihm keine Ruhe. Und am nächsten
Tage nahm er einen grossen Bogen Papier zur Hand, auf dem er eine
Eingabe an das Ministerium zu entwerfen begann. Er kam damit jedoch
nicht zu Ende. Immer wieder hatte er zu streichen und zu verbessern,
und so verschob er die Absendung denn von einem Tage zum andern und
besserte tagtäglich daran herum.
Es war allmählich ein ganz anderes Leben in die Anstalt gekommen. Die
Herren hielten wieder auf ihre Kleidung, bei Tische wurde geplaudert,
die Tagesereignisse besprochen, hier und da auch ein Scherz gemacht.
Selbst untereinander grüssten sie sich verbindlicher, und wenn einer
das Rasieren vergessen hatte, trafen ihn missbilligende Blicke. Der
melancholische Leutnant bürstete sogar seinen Schnurrbart hoch und
legte regelmässig eine Bartbinde an, wodurch er gleich viel weniger
melancholisch aussah.
An allen Ecken und Enden merkte man es, dass ein frischer Wind durch
die modrige Luft der Resignation gefahren war.
Die Gouvernante hatte aber nur einen kurzen Urlaub. Schon am nächsten
Sonntag musste sie fort, über den Kanal zurück in die erwerbende Fron
der Kindererziehung.
Als sie sich von den Herren verabschiedete, wurde es von keinem
besonders schmerzlich empfunden. Verliebt war ja niemand in sie, und
niemand hatte daran gezweifelt, dass sie über kurz oder lang wieder
verschwinden würde.
Bei der nächsten Mittagstafel hatten aber dennoch alle ein
eigentümliches Gefühl. Die alte Pastorenwitwe sass grämlich auf ihrem
Stuhl, der Hausvater hatte den weissen Kopf beinahe ganz in die
Schultern hineingezogen, und die Herren sahen trübe in ihre Suppe, die
auch weniger Fettaugen zu haben schien wie früher. Einmal versuchte
der Ministersohn mit der roten Krawatte, ein Gespräch einzuleiten. Er
erhielt aber nur einsilbige Antworten.
Am nächsten Tage war der Stumpfsinn wieder in alle seine Rechte
eingesetzt. Die Röcke wurden wieder fleckig, Herr von Wegeler überliess
seine Eingabe den Mäusen, der Leutnant bürstete sich den Bart nicht
mehr, der kleine Pastor fing wieder an, das Rasieren und Händewaschen
für Zeitverschwendung zu halten, und wenn des Abends die Lichter der
Stadt herüberfunkelten, sah sie niemand mehr an.
Für wen auch?
Es war eine Welle der Aussenwelt auch in ihren »Frieden« gedrungen,
aber sie ebbte viel zu früh zurück. Ihre Seelen sinken wieder in den
alten Schlaf. Wie das graue Haus in der Dämmerung liegen sie da,
tot, still, träge, während doch ganz in ihrer Nähe das Leben sich in
gigantischer Arbeit regt und mit roten, funkelnden, bösen Augen zu
ihnen herübersieht.
Im Pfarrhaus.
Eine stille Geschichte.
[Illustration]
»Auch dieses hat seine Geschichte. Auch dieses.«
Der alte Pastor sagte es mit einem halb wehmütigen, halb frohseligen
Lächeln, und über seine hellen, kinderguten Augen legte es sich wie der
feine, blaue Schleier einer lieben Erinnerung.
Dann, sich die erloschene Cigarette wieder über der Lampe anzündend,
fuhr er fort: »Es haben mich schon viele gefragt, warum ich statt der
Pfeife, die ja mit meinem Stande unzertrennlich verbunden scheint, an
Sonntagen immer nur Cigaretten rauche, trotzdem es mir nicht gesund
ist, und noch dazu aus so unbeholfenen Rohrspitzen. Ich will es Ihnen
erzählen, wenn Sie vielleicht auch über die Thorheit eines altmodischen
Mannes lächeln werden. Haben doch so viele irgend eine Gewohnheit, die
anderen thöricht erscheint, die sie aber hegen und pflegen, weil sie
ihnen hilft, ein liebes Gedenken wachzuhalten ... Schrauben Sie, bitte,
die Lampe etwas niedriger, lieber Freund!«
Der Kaplan, der dem alten Herrn gegenüber sass, gehorchte. Ein
halbes, gedämpftes Licht lag nun über den hier und da wurmstichigen,
zwei oder drei Generationen alten Möbeln und den vergilbten Büchern
und Schriften, die in grosser Anzahl, aber in bemerkbarer Unordnung
darauf lagen. Die grossen Holzscheite in dem eisernen Ofen knisterten
mitunter, und die Flamme und das erhitzte Petroleum surrten vernehmlich.
»Es sind jetzt gegen dreissig Jahre her, dass mich mein seliger
Vorgänger in dieser Pfarre als Kaplan zu sich berief. Ich war damals
wohl so alt wie Sie, fünfundzwanzig. Von vielen Seiten wurde ich
noch gedrängt, erst, wie die meisten meiner Kommilitonen, nach
Deutschland zu gehen, nach Leipzig oder nach Rostock, wo wir Ungarn
grössere Stipendien geniessen, um dort meine theologischen Studien zu
vervollständigen. Aber mir war das Studentenleben sauer geworden. Arm
wie ich war, hatte ich mir durch Stundengeben fast jeden Bissen Brot
selber verdienen müssen. Ich nahm also an, und so kam ich in diese
Gemeinde. Das damalige Pfarrhaus war noch nicht so vornehm wie dieses.
Es stand auf demselben Platze, aber das Dach war mit Stroh gedeckt, die
Wände waren viel niedriger und die Öfen rauchten. Mitunter froren wir
im Winter, aber es hat mir doch leid gethan, als es abgerissen wurde.
In dem alten bin ich jung und glücklich gewesen, in das neue bin ich
schon mit grauen Haaren eingezogen, vereinsamt bis auf meine Tochter.
Meine selige Frau hat es nicht mehr erlebt ... Mit dem geistlichen
Herrn kam ich in ein so freundschaftliches Verhältnis, dass ich mich
ihm gegenüber bald mehr als Sohn des Hauses, denn als sein Kaplan
fühlte. Weniger gut gelang mir dies bei seiner Tochter. Er war Witwer
und sie, die ebenso alt wie unsere Böske sein mochte, also neunzehn
Jahr, führte ihm die Wirtschaft. Schüchtern und ohne Erfahrung im
Verkehr mit Damen, ging ich ihr beinahe aus dem Wege, so dass wir uns
eigentlich nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten sahen.
Wenn ich nach beendetem Nachtmahl mit meinem seligen Vorgänger, wie
es gewöhnlich war, noch ein Stündchen am Tische sitzen blieb, um über
Weltläufte oder Gemeindeangelegenheiten zu plaudern, sass sie immer
ganz still am anderen Ende der Tafel, mit einer Häkelei beschäftigt
oder in alten Jahrgängen einer illustrierten Zeitschrift blätternd.
Mitunter glaubte ich dann zu bemerken, dass sie hier und da das
feine Köpfchen hob und mich verstohlen von der Seite ansah. Es hätte
aber auch eine Täuschung sein können, und so gab ich denn einige Zeit
hindurch acht, bis es mir gelang, ihre Augen mehrmals auf frischer That
zu ertappen. Wenngleich ich mir nichts dabei dachte, beunruhigte mich
das doch, und ich musste mir Mühe geben, mit meinen Gedanken bei dem
Thema des Gesprächs zu bleiben, das der geistliche Herr mit mir führte.
Ich mochte schon gegen sechs Monate ihr Hausgenosse gewesen sein,
als unser Schullehrer nach einer benachbarten Stadt gewählt wurde.
Mitten im Sommer ging er uns davon, und nun begann für uns die schwere
Aufgabe, einen neuen zu suchen. Beinahe jeden Sonntag kam einer,
einmal sogar zwei zugleich, die aber alle den Beifall der Gemeinde
nicht fanden. Da sagte eines Abends der alte Herr lachend zu mir:
›Wissen Sie, am liebsten hätte ich einen jungen und unverheirateten.
Das gäbe dann vielleicht noch einen Mann für die Böske!‹
Sie sass wie gewöhnlich über einer Häkelei und wurde ganz rot, als sie
das hörte. Dann blickte sie zu uns herüber. ›Sag das nicht, Papa! Ich
mag keinen Schullehrer!‹
Sie hatte nervös, beinahe heftig gesprochen, wie ich es noch nie von
ihr gehört hatte. Ich sah ganz deutlich, als sie dann den Kopf wieder
über ihre Arbeit bog, dass ihr rechtes Ohr ordentlich glühte, was bei
ihr – Gott habe sie selig! – ihr lebelang ein Zeichen der Erregung
blieb.
Ihr Vater war aber gut aufgelegt.
›Warum denn nicht, Kind?‹ fragte er heiter. Und da sie ihm keine
Antwort gab, wandte er sich direkt an mich.
›Nun, was sagen Sie denn dazu?‹
Ich wusste eigentlich gar nichts darauf zu sagen. Es schien mir
unschicklich, in Gegenwart eines jungen Mädchens von ihrem künftigen
Manne zu reden, und so wurde ich beinahe so rot wie sie. Nach einigen
Minuten des Stillschweigens fühlte ich aber doch die Verpflichtung,
etwas zu erwidern, und so antwortete ich denn so vorsichtig wie
möglich: ›Wenn er ein ehrenhafter Mann ist, wäre es das Schlimmste
noch lange nicht. Man kann auch in einem Schulhause glücklich werden,
Fräulein Böske!‹
Da blickte sie wieder auf, aber diesmal gerade mir in das Angesicht.
Ihre Wangen wurden ganz bleich. Die grossen, braunen Augen hefteten
sich wohl eine Minute lang auf mich. Dann rollten langsam zwei Thränen
daraus, und sie beugte sich wieder über die Häkelei. Sie sagte keine
Silbe, aber nach diesem Blicke war es mir plötzlich, als ob ich eine
Todsünde begangen hätte.
Bald darauf stand sie auf und ging in die Küche. Ich hörte sie dort
mit dem Geschirr herumhantieren. Heute weiss ich, dass sie damals mehr
geweint als gewirtschaftet hat. Damals fühlte ich das nur, und sobald
es thunlich war, verabschiedete ich mich und nahm in meine Stube ganz
seltsame und unerklärliche Empfindungen mit.
Ich hatte sie bis dahin immer ›Fräulein Böske‹ angeredet, was, wie Sie
wissen, eine Koseform von Erszibet ist, weil ich es nie anders gehört
hatte. Das ganze Dorf nannte sie so. Am nächsten Tage aber redete ich
sie mit ihrem Vatersnamen an. Ich kann es heute eben so wenig sagen wie
damals, warum ich es that, aber ich weiss noch, dass es mich schmerzte,
dass sie so gar kein Zeichen des Erstaunens darüber sehen liess. Sie
war gleichmässig freundlich wie immer; es schien mir aber oft, auch
wenn sie mitten in der Mittagssonne stand, dass ein Schatten auf ihrem
Gesichte läge. Seit diesem Abende ging es mir überhaupt ganz seltsam
mit ihr.
Ich ertappte mich dabei, dass ich in der vorgefassten Absicht, auf ihre
heimlichen Blicke acht zu geben, in das Speisezimmer trat, und dass es
mich ordentlich schmerzte, wenn sie hartnäckig alles andere eher ansah
als mich. Wir hatten die Rollen ganz getauscht. Jetzt spähte ich so
oft wie nur möglich zu ihr herüber und dabei passierte es mir, dass
ich mit einem Male bemerkte, wie wunderschönes Haar sie doch hatte. Es
war hellbraun, und wenn gerade ein volles Lampenlicht darauf schien,
blitzten ihre Stirnlöckchen ganz goldig. An einem der folgenden Tage
fing ich gar an, mich über ihren graziösen Gang zu freuen. Sie war
etwas schwächlich, aber sehr zierlich gebaut, und beim Gehen stiess
sie mitunter mit den Knieen an die Röcke, was mir immer sehr lieblich
vorkam.
So ging es Tag für Tag. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues an ihr, und
am Ende konnte ich auch meine Gedanken gar nicht mehr losreissen von so
viel Schönheit.
Ich erinnere mich gut, wie ich einst an meinem Schreibtisch in die Höhe
fuhr. Die Lampe war weit heruntergebrannt. Ich musste wohl stundenlang
geträumt haben und ich weiss, dass ich in diesen Träumereien ihre
leichtgeöffneten, roten Lippen ganz dicht vor mir gesehen und sie
wieder und wieder geküsst hatte. Ich war darüber erschrocken und legte
mich eilig zu Bett, bis zum Morgen beinahe in einer alten Postilla,
gedruckt bei Hans Lufft, anno domini 1567, lesend, ehe mir der Schlaf
kam.
Diese Postilla besitze ich noch heute. Ich habe mir noch oft daraus
andere Gedanken angelesen und halte sie in hohen Ehren. Sie ist reich
mit Holzschnitten verziert und trägt als Titelbild den gekreuzigten
Heiland, zu dessen beiden Seiten Doktor Martinus Luther und der
sächsische Kurfürst knien. Aber mir ist sie mehr wegen dieser
Erinnerungen wert als wegen ihres Altertums.
Unter diesen Umständen konnte ich es mir nicht länger verhehlen,
dass ich eine innige Liebe zu ihr hegte, und nach den gemachten
Beobachtungen schien es mir auch, als ob dieselbe keineswegs einseitig
wäre. Obwohl mich dieses letztere nun mit einem ganz merkwürdigen,
schamhaften Stolz erfüllte, trug es doch nur dazu bei, meine
Schüchternheit zu erhöhen, und wenn sie mir bei Tisch, wie es späterhin
hier und da doch wieder der Fall war, einen freundlich schelmischen
Blick zuwarf, wurde ich rot wie ein Schulbube und vermochte vor
Verlegenheit keinen Bissen mehr hinunterzubringen. So lebten wir,
gegenseitig unsere Liebe ahnend, monatelang nebeneinander her,
ohne dass ich je den Mut gefunden hätte, ihr auch nur ein einziges
vertrauteres Wörtchen zu sagen. Es wurde zum zweiten Male Herbst, als
in einem weiter entfernteren Dorfe der Geistliche starb und ich mich,
da ich ja nicht ewig Kaplan bleiben konnte, um die vakante Stellung
bewarb.
Meine Probepredigt war gerade auf einen Sonntag angesetzt worden, an
dem der alte Herr eine Eheschliessung in Neograt, das auch zu seinem
Sprengel gehörte, vorzunehmen hatte. Sein Ziel lag mitten auf meinem
Wege, und so benutzten wir beide denselben Wagen.
Als wir abfahren wollten, trat die Böske zu uns heran. Erst küsste sie
ihren Vater, dann reichte sie mir die Hand und wünschte mir Glück. Aber
ihre Augen waren traurig dabei und ihre Stimme kaum hörbar.
Ich wurde gewählt.
Als ich gegen Abend nach Hause kam, war der alte Herr noch nicht
da. Nur seine Tochter kam mir entgegen. Ich war voller Freude und
teilte ihr fröhlich meine Neuigkeit mit. Ein stummer Händedruck war
ihre Entgegnung. Da es schon dämmerte, konnte ich den Ausdruck ihres
Gesichtes nicht erkennen. Als ich dann aber in das Speisezimmer trat,
bemerkte ich, dass sie ganz blass war und verweinte Augen hatte. Und
plötzlich fiel es mir schwer auf das Herz, dass meine Wahl ja auch eine
Trennung von ihr bedeutete. Das Dorf war weit entfernt. Selten nur
hätte ich auf einige Stunden zum Besuch herüberkommen können. War es
darum, dass sie so traurig aussah?
Ich konnte nicht daran zweifeln. That mir doch selber bei aller
anfänglichen Freude das Herz weh. Und es wurde immer ärger. Die Kehle
war mir wie zugeschnürt, und ich fühlte, dass ich keinen Bissen würde
hinunterbringen können. Ich entschuldigte mich damit, dass ich schon
gegessen hätte, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. Trübselig sass
ich am Tisch und brannte mir eine Cigarette an, während wenigstens sie
so that, als ob sie einige Brocken zu sich nähme.
Mit jeder Rauchwolke, die ich in die Luft blies, verfinsterte sich
auch mein Gedankenkreis. Ich würde also von ihr gehen, ohne ihr meine
Liebe gestanden zu haben! Wir würden meilenweit voneinander wohnen
und alt und grau werden, ohne uns zu finden! Denn ich kannte meine
Schüchternheit gar gut und wusste, dass ich, einmal fort von hier, es
nie zu einem förmlichen Antrage bringen würde. Der Gedanke, jetzt, wo
wir so schön allein waren, einfach auf sie zuzugehen und ihr Köpfchen
in beide Hände zu nehmen und es zu küssen, kam mir auch. Aber mir
fehlte jeglicher Mut dazu, und wir hätten uns wohl wirklich für ewig
verloren, wenn der gute Gott uns nicht durch ein ganz unscheinbares
Ereignis geholfen hätte.
Als ich nämlich eben dabei war, mir eine zweite Cigarette zu
drehen, stiess ich meine kleine Holzspitze aus Unachtsamkeit mit
dem Ellenbogen vom Tisch. Ich stand auf, um sie zu suchen und war
dabei so unglücklich, gerade mit dem Fuss darauf zu treten, so dass
sie in zwei Teile zerbarst. Damals war ich ein leidenschaftlicher
Cigarettenraucher, konnte es aber ebensowenig wie heute vertragen,
dass mir der Tabak direkt in den Mund kam, und war somit über dies
Malheur sehr betrübt. Eine andere besass ich nicht, und aus dem
benachbarten Dorfe konnte ich mir zu dieser Stunde keine mehr holen
lassen.