Missmut darüber wohl auf meinem Gesichte ausgeprägt haben, denn meine
liebe Böske stand freundlich und gefällig wie immer gleich auf, um
in den Kästen nach einem passenden Ersatz zu suchen. Da es jedoch
vergeblich war, fragte sie mich schüchtern, ob ich nicht bis morgen mit
einem gehöhlten Rohr vorlieb nehmen möchte. Sie hätte selbst als Kind
daraus geraucht, von bösen Buben verführt, und wüsste, dass es sehr
schön ginge.
Nach dieser Hinzufügung musste ich natürlich erklären, dass ich diese
Art von Spitzen allen anderen vorzöge, wenn ich sie auch noch nicht
praktisch erprobt hätte. Ich glaubte, dass zufällig etwas Geeignetes
im Hause wäre, und war voller Erstaunen, als ich hörte, wie sie das
Hausthor öffnete und die zum Garten führende Steintreppe hinabstieg.
Dann aber fuhr es mir siedend heiss durch den Kopf, dass sie bis zum
Teiche gehen wollte, um mir eine Spitze zu schneiden. Es war ein sehr
dunkler Abend und der Weg zum Rohr schmal und holprig. Auf keinen Fall
durfte ich sie dort allein gehen lassen.
Ich holte mir also geschwind mein kleines Laternchen, setzte mir eine
Mütze auf und eilte ihr nach. Sie musste aber gleichfalls sehr schnell
gegangen sein, denn als ich noch auf dem Wege war, hörte ich sie schon
das Röhricht prüfend auseinander biegen und sah ihre helle Schürze zu
mir herüber schimmern.
Als ich sie erreicht hatte, redete ich sie ein wenig erregt und mit
sanftem Vorwurfe auf dieses Wagnis hin an, das für mich doch allzuviel
der Freundschaft wäre und bei dem sie leicht hätte zu Schaden kommen
können.
»O, ich kenne die Wege,« erwiderte sie mir. »Überdies werde ich ja
nicht mehr lange Gelegenheit haben, Ihnen nützen zu können. Lassen Sie
es sich für dieses Mal also nur ruhig gefallen!«
Diese Worte schnitten mir tief in das Herz. Als ich dann in dem
Bestreben, ihr zu leuchten, mit meiner Hand ihre Schulter berührte,
fühlte ich, dass sie am ganzen Körper bebte, und mich dünkte es,
als ob es von verhaltenen Thränen käme. Da wurde es mir ganz wirr
im Kopf. Alles, was ich so lange an Liebe und Leidenschaft still
mit mir herumgetragen hatte, rebellierte mit einem Mal gegen meine
Schüchternheit, und nachdem ich ein kurzes, aber inbrünstiges
Stossgebet zum lieben Herrgott geschickt, dass er ja in den nächsten
Minuten nicht den Mond aufgehen lassen soll, liess ich mein Laternchen
fallen, umschlang sie mit beiden Armen und küsste sie ohne Aufhören
wohl unzähligemal hintereinander.
Anfänglich liess sie sich das ohne Widerstreben gefallen, und ich
glaubte sogar den Gegendruck ihrer Lippen zu verspüren. Plötzlich aber
stiess sie einen kleinen Schrei aus, und ihre schwachen Händchen gegen
meine Schulter stemmend, versuchte sie mich fortzuschieben.
Später hat sie mir gestanden, dass ich sie so leidenschaftlich umfasst,
dass ihr in der Rückengegend ein Korsettstäbchen zerbrochen wäre, was
sie arg geschmerzt hätte. Damals aber, als ich dies noch nicht wusste,
weckte ihre Gegenwehr meine ganze Schüchternheit wieder auf.
Ich war über die begangene Keckheit auf den Tod erschrocken und wäre
am liebsten in den Erdboden versunken. Da sich dieser aber trotz seiner
Weichheit dazu nicht hergeben wollte, bückte ich mich wenigstens, um
mein Laternchen aufzuheben und dann spurlos zu verschwinden.
So am Boden kauernd und mit den Händen umhertastend, bat ich in
kläglichem Tone um Entschuldigung und behauptete, dass ich nun
wohl wüsste, dass ich vorhin ganz von Sinnen gewesen wäre. Am Ende
titulierte ich sie gar ›gnädiges Fräulein‹, was ich sonst noch nie
gethan hatte, wohl in der instinktiven Absicht, ihr durch diese Anrede
nun einen verdoppelten Respekt zu bezeugen.
Da hörte ich sie mit einem Mal lachen, so hell und doch so leise, als
ob ein Vöglein im Röhricht gezwitschert hätte.
›Spricht man so mit einem Mädchen, das man vor einer Minute noch
geküsst hat, Herr Kaplan?‹
Und ehe ich mich noch ganz aufrichten konnte, fühlte ich ihre Arme um
meinen Nacken, und zweimal küsste sie mich auf den Mund. Beim ersten
Kuss empfand ich nicht viel mehr als Schrecken und Staunen, wie Moses,
als ihm der Herr im Dornbusch erschien. Beim zweiten aber wusste ich
schon, dass mir damit eine Gnade zu teil würde, die nur einmal vorkommt
im Leben, und ich liess das Laternchen schlafen. Wir fanden die Wege
auch im Dunkeln.
Als wir endlich in das Zimmer zurückgingen, schleifte ich einen langen
Stock Rohr hinter mir her, und mit solcher Begeisterung, wie wir damals
Spitzen schnitten, hat es seitdem wohl kein dritter mehr gethan.
Die Gute! Sie wurde bald meine Frau. Als ihr Vater starb, kehrte ich
als Pfarrer in diese Gemeinde zurück, und über zwanzig Jahre haben wir
Lust und Leid miteinander geteilt ... Nun wissen Sie, warum ich noch
heute des Sonntags Cigaretten aus Rohrspitzen rauche. Es ist zu ihrem
Gedächtnis, zum Gedächtnis an unseren ersten Liebestag. Dreissig Jahre
habe ich es gehalten, und gedenke es auch weiter so zu halten, bis mich
der Allmächtige – hier lüftete er demütig sein Käppchen – zu sich ruft
und mich wieder mit ihr vereint.«
Während seiner letzten Worte hatte sich die Thüre geöffnet und ein
junges, vielleicht neunzehnjähriges Mädchen war auf der Schwelle
erschienen.
Über das Gesicht des Kaplans, der bisher nachsinnend vor sich
hingesehen hatte, glitt ein schelmisches Lächeln.
»Die jungen Vögel bauen sich Nester, wenn ihre Zeit kommt, auch ohne
dass sie von ihren Altvorderen gehört hätten, wie man das macht. Von
heute ab werde ich auch aus Rohrspitzen rauchen, Herr Pastor, und gebe
es Gott, dass es bei mir zu demselben Glücke führt, wie bei Ihnen!«
Und mit einem kräftigen Rucke brach er einer Regiecigarette das
Mundstück ab, und aus der Brusttasche eine sorgfältig in Papier
eingeschlagene Rohrspitze hervorholend, zündete er sie sich darin an.
»Wie meinen Sie das?« fragte der alte Herr zerstreut.
Er war in Erinnerungen verloren. Auch wenn es heller gewesen wäre,
hätte er es kaum bemerkt, dass seine Tochter, die ihn zum Nachtmahl
rufen wollte, beim Anblick dieser Rohrspitze ganz purpurrot geworden
war und dann aus dem Schatten herüber dem jungen, blondbärtigen Kaplan
vorsichtig mit dem Zeigefinger drohte ...
Soeben ist im Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger= zu =Leipzig=
erschienen der =neueste Roman= von
YVETTE GUILBERT:
Die Halb-Alten
Les Demi-Vieilles
Einzig autorisierte Ausgabe übersetzt von Ludwig Wechsler.
2. Auflage.
_Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--._
Im Vorwort dazu sagt Yvette Guilbert:
»_Ce livre a été écrit pour être lu des yeux qui pleurèrent
beaucoup et aussi pour être le défenseur, l’ami avoué et dévoué
de toutes celles qui furent des sensibles, des impressionables,
des douloureuses, des tendres, des femmes!_«
Mit einer mühsam verhaltenen Leidenschaft, die aber überall den echt
Pariser Charme verrät, erzählt Yvette von den armen Frauen, erzählt mit
einer sich windenden Schmerzlichkeit, die dann und wann wie aus der
Glut einer Feuerflamme geradezu elementar hervorbricht. Die Tragik der
Frauen, die in der Liebe alt werden, das ist der Untergrundton, den sie
in ihren »Demi-Vieilles« anschlägt. Es wird sozusagen das fürchterliche
Schicksal einer Ninon de Lenclos aufgerollt, die mit achtzig Jahren
noch so jung und schön gewesen sein soll, dass sich Jünglinge in sie
verliebten, und im weiteren Sinne wird die unerbittliche Grausamkeit
gezeigt, die überhaupt in dem Altwerden der Frau liegt. Alle Frauen und
Männer, denen ein im besten Sinne modernes, menschlich bedeutungsvolles
Buch etwas zu sagen hat, werden Yvette Guilberts »Demi-Vieilles« lesen
müssen, und es mit wirklich grossem Interesse und mit Lust lesen.
_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes._
Im Verlage von =Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig=, ist soeben
erschienen:
Die Vaclavbude
Ein Prager Studentenroman von =Karl Hans Strobl=.
Preis brosch. M. 3,–, geb. M. 4,–
»Nach der süßlichen Romantik »Alt-Heidelbergs« wirkt ein so gesundes
Buch wie das vorliegende doppelt wohlthuend. Strobl schildert in
seinem Studentenroman die letzten Tage der sturmbewegten Zeit unter
dem Ministerpräsidenten Badeni. Plötzlich fühlt man sich in jene Zeit
zurückversetzt und lebt den Prager Rummel bis zur Verhängung des
Ausnahmezustandes mit ... Die Schrecken dieser wenigen Wochen sind von
dem Autor mit einer solchen Anschaulichkeit geschildert, daß es einem
an mancher Stelle den Atem verschlägt.«
»Deutsche Zeitung,« Wien.
»Strobls Erzählung, deren schlichte Helden ein paar Prager
Burschenschafter sind, schildert mit großer dichterischer Kraft
und Anschaulichkeit, die stellenweise an das Packendste, was Zola
geschrieben hat, erinnert, Stimmungen und Vorgänge in den blutigen
Prager Dezembertagen nach dem Sturz des Ministeriums Badeni ...«
»Vossische Zeitung,« Berlin.
»In der Beschränkung ein Meisterwerk, verdient Strobls Roman, aus
Mähren die Reise durch ganz Deutschland und Deutschösterreich zu
machen ... Im Nationalitätenkampfe steht der Brünner Dichter mit
ganzer Seele auf der Seite der Deutschen, seiner Landsleute, von deren
Berufung zur Weltherrschaft und kultureller Mission er fest überzeugt
ist ... Karl Hans Strobl hat den österreichischen Roman der Gegenwart,
in dem das psychologisch-soziale Moment pocht und hämmert, erschaffen.
Möchte er dafür auch die gebührende Anerkennung weitester Kreise
finden!«
»Tagesbote aus Mähren und Schlesien.«
Im Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger= in =Leipzig= sind erschienen
die neuesten Romane von =Victor Blüthgen= und =C. Eysell-Kilburger=
(Frau Victor Blüthgen).
Die Spiritisten
Roman von
Victor Blüthgen.
Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--.
»Wer dem Spiritismus nicht gänzlich ablehnend gegenübersteht, wer den
geheimen Wunsch hat, das verschleierte Gebiet der 4. Dimension kennen
zu lernen, wer vielleicht schon gar im stillen einen Ausflug dorthin
versucht hat, dem sei mit warmem Herzen dies Buch empfohlen ... Die
›Spiritisten‹ sind amüsant von der ersten zur letzten Seite, und man
wird das Buch nur ungern vor Schluss aus der Hand legen.«
Altonaer Nachrichten.
Dilettanten des Lasters
Roman von
C. Eysell-Kilburger (Frau Victor Blüthgen).
Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--.
»... ein Werk, das man nicht als Unterhaltungslektüre bemessen darf.
Man kann den Roman als Beitrag zur Frauenfrage betrachten ... Der
ganze Roman bietet in der Handlung ein aufgegriffenes Stück Leben von
ergreifendem Ausklang, das um so wertvoller erscheint, je mehr man sich
hinein vertieft, und das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.«
Stettiner Zeitung.
»... Man meint nach der Lektüre dieses Romans die Mädchen persönlich
zu kennen, diese Mädchen mit der frohbewussten äusseren Unabhängigkeit
vom Manne und der heissen inneren Sehnsucht nach ihm. Diese Mädchen,
die in brennender Neugier gern des Lebens süssestes Geheimnis ergründen
möchten und doch wieder vor der Entschleierung des Bildes zu Sais
schaudernd zurückschrecken und sich begnügen, nur mit zagen Fingern
daran vorüberzustreifen – Dilettanten des Lasters.«
Wiesbadener Tageblatt.
_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes._
Wenn die Menschen reif zur Liebe werden
Von
Edward Carpenter
Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Aus dem Englischen übersetzt und
eingeleitet von =Karl Federn=.
Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--
Während unsere moderne Erziehung meist mit einer scheuen
Verschwiegenheit über die Fragen sexueller Natur und ihre heimlichen
Abgründe hinwegzuleiten sucht, erörtert der Verfasser, frei von aller
Aengstlichkeit und Prüderie, dieses für das Lebensglück jedes Einzelnen
und für unsere gesamte Kultur so hochwichtige Problem. Mit dem ruhigen
und vorurteilsfreien Blick des Naturforschers vereinigt er den idealen
Schwung des Propheten und socialen Reformators. Die unhaltbaren und
unreifen Zustände der Gegenwart unterzieht er einer tief eindringenden
Kritik und gewinnt aus ihnen die Fundamente einer neuen, höheren
Weltanschauung, welche die Sinne nicht durch Askese und unsinnliches
Idealisieren verkrüppeln läßt, sondern der Persönlichkeit ein freies
Ausleben aller ihrer Kräfte und Fähigkeiten ermöglicht. »Nicht nur fort
sollst du dich pflanzen, sondern hinauf.« Dieses Wort Nietzsches könnte
man der Schrift als Motto voransetzen. Es ist eins von jenen Büchern,
durch das der warme Hauch des Lebens weht, ein Grund- und Eckstein von
jenem großen Bau der Zukunft, an welchem wir mitzuarbeiten alle berufen
sind.
Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger Leipzig, Goeschenstr. 1=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Lange
Reihen von Gedankenstrichen wurden einheitlich gekürzt. Ein
Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Orientierung ergänzt.