Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so
ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Abendfalter
[Illustration]
Geschichten der Sehnsucht
von
Georg Busse-Palma
[Illustration]
Leipzig 1902
Hermann Seemann Nachfolger
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
Sr. Durchlaucht
dem
Prinzen Emil von Schönaich-Carolath
in herzlicher und dankbarer
Verehrung gewidmet.
Von demselben Verfasser ist ferner im Verlag von _Hermann Seemann
Nachfolger_ in _Leipzig_ erschienen:
=Mord.= _Geschichten, die mein Dolch erzählt._
Br. M. 2.50, geb. M. 3.50.
Inhalt
Seite
Abendfalter 1
Ein Kind der See 27
Der alte Steffen 45
Amtsrichter Johnsons Höhepunkte 61
In der Anstalt 85
Im Pfarrhaus 107
Abendfalter.
[Illustration]
An jedem Samstag Nachmittag hatte Brigitte Winterfeld nichts Besseres
zu thun, als mit den Kindern des Pfarrers auf der grossen Wiese
herumzutollen. Es waren dies zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren,
bei denen es lange währte, ehe sie ermüdet, aber jauchzend vor
Vergnügen, sich in die Butterblumen warfen, die ebenso goldgelb waren
wie der Sommersonnenschein über ihnen. Brigitte liess aber, ihrer
eigenen Trägheit zum Trotz, nicht eher nach, und wenn sie es erreicht
hatte, dann war auch die ruhende Gruppe, die braunen Kinder zu Seiten
ihrer grossen, schönen Spielgefährtin, ein Bild, das allen Augen gefiel.
Der pensionierte Oberförster Winterfeld besass, einen Büchsenschuss
vom Dorfe entfernt, ein Landhaus, weilte aber jeden Sonnabend bis
Mitternacht in der Stadt, wo ihn gute Freunde und ein guter Trunk nicht
eher losliessen. So war es schon seit Jahren Sitte, dass seine Tochter
die einsamen Stunden beim Pfarrer und dessen Kindern verbrachte. Sie
war auch selber noch harmlos genug, um an dem lustigen Spiel der
Kleinen ihre eigene lichte Freude zu haben.
Nur einer störte sie mitunter in ihrer Fröhlichkeit.
Wenn der Gutsverwalter, ein stiernackiger Schwarzkopf von ungefähr
dreissig Jahren, auf dem schmalen Richtweg bis an ihren Wiesenplatz
herangeritten kam und ihnen zusah, vermochte sie weder ruhig im Grase
liegen zu bleiben, noch mit den Kindern um die Wette zu laufen. Seine
Augen ruhten mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr, dass sie immer
das Gefühl hatte, als ob an ihrer Kleidung etwas nicht in Ordnung wäre.
Sie folgten jeder ihrer Bewegungen, die durch das dünne, schmiegsame
Hängekleid allzusehr hervortraten, und liessen nicht eher ab, als bis
ihr Zorn und Scham die Schläfen dunkelrot gefärbt hatten. Dann ritt er
pfeifend zurück, und frei und fröhlich konnte sie wieder aufatmen.
Es gab noch einen anderen, bei dessen Nahen sich ihre jungenhafte
Ungezwungenheit verlor. Das war Otto Ehlers, der Sohn des Lehrers, der
ihr Freund war von Kindesbeinen an. Wenn sie diesen sah, blieb sie auch
nicht ruhig liegen, aber nur, weil sie ihm gefallen wollte und weil sie
nicht wusste, dass sie am schönsten war, wenn ihre vollen Glieder sich
so weich und wohlig in der Sonne dehnten. –
Brigitte Winterfeld war kein Kind mehr. Sie stand erst im siebzehnten
Lebensjahre, aber ihre Formen waren weit über ihr Alter hinaus gereift.
Wenn sie aufrecht dastand, konnte man sie für eine junge Frau halten.
Nur an den schweren Zöpfen, die ihr blauschwarz bis über die Hüften
fielen, und auch an den immer etwas sehnsüchtigen, fragenden Augen
erkannte man auch äusserlich ihre unberührte Jugend. –
Es war im Spätsommer, und der Abend hing schon am Horizont, als Otto
Ehlers zum letzten Mal vor seiner Abreise auf ihren Spielplatz kam.
Die Kinder sprangen ihm entgegen und hingen sich an seine Arme.
»Warum kommst du so spät heut, Onkel Otto?« –
»Es ging nicht eher, ihr Racker. Ich musste doch allen Adieu sagen,«
sagte er halb lachend und halb wehmütig.
Dann begrüsste er Brigitte.
»Sie wissen ja schon, Briggi, dass ich morgen abreise?«
»Ja,« nickte sie. »Es thut mir sehr leid.«
»Ich freue mich, dass ich das Amt habe. Aber es ist doch schwer, alles
hier zurückzulassen. Oft werde ich nicht herüber kommen können, und
manches werde ich arg vermissen. Sie auch, Briggi!«
Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber.
Da trat die Frau Pastor auf den Pfarrhof und rief, die gehöhlten Hände
als Sprachrohr benutzend, zum Essen. –
Otto Ehlers biss sich auf die Lippen.
»Bleiben Sie nach Tisch noch lange hier?« fragte er dann.
»Nein, Otto. Ich gehe gleich fort.«
»Dann komm ich noch einmal zu Ihnen heran. Von Ihrem Vater habe ich
mich ja schon verabschiedet, von Ihnen könnte ich das jetzt auch
endgültig thun, aber ich möchte doch noch einmal das ganze Haus sehen.
Es hängen doch viel Erinnerungen daran. Schon aus der Pennälerzeit her
und dann erst später, als Sie immer grösser und schöner wurden ...«
Brigitte Winterfeld wurde rot.
»Für mich auch,« sagte sie hastig.
Dann schämte sie sich. Es fiel ihr ein, dass bei ihr, die das Haus
bewohnte, die Erinnerungen doch nur natürlich wären. Aber er hatte sie
wohl verstanden. –
Die Kinder an den Händen fassend, ging sie dem Pfarrhaus zu. Otto
Ehlers sah ihr nach. Mit der Rechten strich er sich mechanisch den
kurzen, blonden Vollbart, und in seinen Augen wechselte in jäher Folge
ein glückliches Leuchten mit tiefer Traurigkeit. – – – –
* * * * *
Es war schon Abend, als sie nach Hause kam, und tiefe Dämmerung füllte
das ganze Zimmer. Halbverdeckt von Wolken, die immer dunkler wurden, je
weiter sie sich von ihm entfernten, stand der Mond am Himmel und sah
durch das Fenster.
Brigitte Winterfeld rollte sich einen Sessel an die Scheiben und setzte
sich.
Die Sträucher in dem kleinen Vorgarten schwankten dunkel und traumhaft
auf und nieder. Es mochte wohl ein Wind aufgestanden sein. Farben
waren nicht mehr zu erkennen. Nur einige Rosen, die im Mondlicht
standen, nickten mit gelben Köpfen zu ihr herüber.
Und weiter, über den Pfad hinaus, den er kommen musste, reckte sich
schwarz und drohend der Fichtenwald. Zwischen den Stämmen aber, von dem
dunklen, verschwommenen Grunde, hoben sich hier und da schmale, lichte
Wege ab wie mit Goldkies bestreute Gnomenstrassen.
Eine jagende Eule schrie einmal von dort herüber, dann verschlang die
Ferne auch diese Rufe, und die Stille wurde noch fühlbarer.
Im Halbschlaf schloss Brigitte die Augen, und die Gedanken, die sie
schon seit Tagen schmerzten, kamen alle auf einmal wieder.
»Morgen früh geht er fort. Wenn er wiederkommt, werde ich ihm nichts
mehr sein. In der grossen Stadt sind so viele Mädchen, die hübscher und
klüger sind als ich.« –
Das klang in immer neuen Variationen immer wieder und wieder in ihrem
Herzen.
Dann schrak sie auf. Es war ihr, als ob die Thür gegangen wäre. Und da
hörte sie auch schon seine Stimme.
»Schlafen Sie denn wirklich, Briggi?« –
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. In derselben Sekunde war sie
aber schon gänzlich munter.
»Ich war ein bischen müde von dem vielen Herumlaufen. Aber kommen Sie
doch herein, Otto!« –
Jetzt bemerkte sie erst, dass noch kein Licht brannte. Sie zündete die
schwere Majolikalampe an und stellte sie auf den kleinen Tisch, an dem
sie vorhin im Dunkeln gesessen hatte.
»Es thut mir leid, dass ich Sie um ein Schlummerstündchen gebracht
habe, Briggi! Es ist aber wohl doch gut, denn sonst wäre die Nacht um
ihre Rechte gekommen.« –
Sie lächelte fröhlich.
»Was Sie wohl meinen! Ich bin kein Murmeltier, aber ich kann doch
sechzehn Stunden hintereinander schlafen. Übrigens war das kein Schlaf.
Ich hab an manches Liebe und an manches Böse gedacht. Auch an Sie und
Ihre Abreise.« –
»Und zu welcher Kategorie haben Sie mich gezählt?«
»Ihre Abreise zum Bösen, Otto. Aber soll ich Ihnen, statt dass Sie so
neugierig fragen, nicht lieber etwas von Papas Krätzer bringen? Sie
wissen, viel wert ist er nicht.« –
»Ich danke, Briggi, ich mag nicht trinken.« –
Dann aber schien er es sich zu überlegen.
»Wein möchte ich nicht,« sagte er zögernd, »aber wenn ich eine Tasse
Thee bekommen könnte ...«
Brigitte wunderte sich. Sie hatte noch nie gehört, dass Otto Ehlers im
Sommer Thee trank. Sie ging aber in die Küche, um welchen zu bereiten.
Als sie mit einem kleinen Kännchen zurückkehrte, hatte er den Kopf in
die Hand gestützt und sah sie lächelnd an.
»Wissen Sie auch, warum ich um Thee bat?« –
Sie schüttelte den Kopf.
»Es fiel mir grad’ ein, wie meine Eltern immer beisammen sitzen. Bei
der Lampe ist es so gemütlich, wenn es draussen ganz dunkel ist und die
Theetasse auf dem Tisch steht. Man kommt dann gar nicht darauf, dass es
anders sein könnte. Die beiden haben sich immer noch lieb trotz ihrer
fünfzig Jahre, und da dacht’ ich, wie das erst sein muss, wenn ich
_Ihnen_ so gegenüber sitz’ ...«
Brigitte war rot geworden. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte.
Ein seltsames Gefühl, halb Jubel und halb Angst, stieg in ihr auf.
Da pochte es stossweise, dumpf und leise, mehrmals an das Fenster. Es
waren drei Abendfalter mit grossen, dicken Köpfen, die, durch das Licht
verlockt, hineinwollten. Ihre weichen Körper drängten sich dicht an das
glatte Glas und die runden, rotglühenden Augen hingen gebannt an der
leuchtenden Glocke.
Sie kamen Brigitte wie eine Erlösung. Hastig griff sie nach einer
Serviette und schlug damit gegen das Fenster, um sie zu vertreiben.
»Die hässlichen Tiere,« sagte sie.
Aber da legte Otto Ehlers ihr seine Hand auf den Arm.
»Warum jagen Sie die Falter fort? Es sind keine hässlichen Tiere. Es
sind Nachtschwärmer, Kinder des Dunkels, die auch einmal zum Lichte
wollen.« –
Gehorsam liess sie das Tuch sinken.
»Vielleicht sind es Ihre Anbeter gar, Briggi! Ich glaube wirklich,«
fuhr er dann fort, mit weicher, bewegter Stimme, »ich glaube wirklich,
dass jeder Falter eine Sehnsucht ist. Wer Sie einmal gesehen hat, muss
doch wieder zu Ihnen zurück. Näher können sie nicht, da wollen sie
wenigstens durch die Scheiben spähn. Und ich weiss, wenn ich von hier
fort bin, wird meine Sehnsucht auch unter den Faltern sein.« –
Brigitte schlug ihre feuchten Augen voll zu ihm auf.
»Dann werde ich nie wieder einen forttreiben, Otto! Nie wieder!« –
Über den Tisch hin fasste er ihre Hände.
»Auch dann nicht, Briggi, wenn es lange dauert, eh’ aus der armen
Hilfskraft ein königlich preussischer Gymnasiallehrer mit einem eigenen
Theetisch wird? Auch dann nicht?« –
Ihre Verlegenheit war jetzt ganz vorüber.
»Auch dann nicht, Otto,« sagte sie ruhig. »Ich bin noch jung.«
Da zog er sie an sich und küsste sie.
Als er eine Stunde später das Haus verliess, rief sie ihm noch über
den Garten hinaus nach: »Ich werde nie wieder einen vertreiben! Nie
wieder!« –
Und Otto Ehlers, der die schwarzen Kiefern entlang im Dunkeln dem
Lehrerhaus zuging, hörte darin ein Gelöbnis der Treue, das besser und
schöner war als jeder Schwur.
Dann stieg auch sie die Treppe zu ihrer Schlafkammer in die Höhe.
Während sie sich auskleidete, flogen wieder einige Nachtschwärmer
an das erleuchtete Fenster. Da zog sie zum ersten Male die weissen
Vorhänge zu.
»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – –
* * * * *
Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast
in der Villa Waldfried. Erst kam er immer nur in Begleitung des alten
Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger
Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch
allein, und auch des Tages, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht
mehr aus dem Wege. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an
seine Augen, trotzdem die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem
Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, wenn
ihr auch das Blut von Monat zu Monat heisser und schwerer durch die
Adern rollte.
So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich
das Mädchen gestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es
war kein einziger feinerer Zug in seinem Gesicht, aber es war massig,
braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine
Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne
waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen
sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen
Schenkeln, über die Felder ritt.
So war Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte
ein freudiges Ereignis in das Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch
dort eingekehrt, und da es ein Bube war, liess der Pfarrer, der ein
lebensfreudiger Herr war, etwas draufgehen am Tauftage.
Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Erst
hatte sie in der Küche mitgeholfen, dann musste sie auch zu Tisch und
bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter.
Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer von neuem wurde
Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt.
»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreis bei solcher
Fülle verdursten sollte,« sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste
sind, wissen Sie wohl selber!« –
Dabei sah er sie mit seinen brennenden Blicken an, dass es ihr heiss
und kalt über den Rücken lief.
Sie war den Wein nicht gewohnt. Ihr schon von Natur aus heisses und
leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich
gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatten.
Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich hintüber und liess die
Wimpern halb herniedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heisse
Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht. –
Dann kam es ihr doch zum Bewusstsein, dass sie schon zuviel getrunken
hatte. Sie wollte ihren Vater nicht stören. So stand sie unter einem
Vorwande auf und ging allein nach Hause.
Sie zündete die Lampe an und liess sich an ihrem gewohnten Fensterplatz
nieder. In denselben Sessel, in dem sie auch gesessen hatte, als Otto
Ehlers Abschied nahm. Sie öffnete die enge Taille und atmete tief auf.
Dann überfiel sie eine weiche, schlaffe, gedankenlose Müdigkeit. Die
Stille that ihr wohl, und bald schlief sie ein.
Mit einem Male fuhr sie jäh in die Höhe.
Kräftige Männerarme hatten sich um ihren Leib geschlungen, und zwei
glühende, fiebernde Lippen pressten sich in tollem Kuss immer wieder
und wieder auf ihre Augen und auf ihren Mund.
Es war der Verwalter des Gutes, der ihr heimlich nachgegangen war.
Vergebens suchte sie sich von ihm zu befreien. Beide Hände stemmte sie
gegen seine Brust. Aber es gelang ihr nicht.
Und immer wieder kam dieser heisse Schauer, diese tollen, brennenden
Küsse, die sein heisses Blut dem ihren entgegendrängten, und denen sie
nicht lange widerstehen konnte.
Alle Kraft wich von ihr. Schlaff, halb bewusstlos, lag sie in seinen
Armen. Nur die Pulse schlugen ihr immer heisser und immer schneller.
Als er sie endlich losliess, hatte sie nur ein Verlangen: nach Luft,
nach Kühlung.
Sie riss das Fenster auf, dass die Scheiben klirrten. –
Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein
grosser, dunkler Falter in das Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das
lichtverführt sich schon lange an die Gläser gedrängt hatte.
Lautlos, mit schwerer Flugbewegung, kreiste er um Brigitte Winterfelds
heisse, glühende Stirne.
Dann wandte er sich dem Lichte zu.
Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weitaufgerissenen,
entsetzten Augen starrte sie ihm nach.
Nach einer Minute stiess sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug
schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den
weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. –
Ein Kind der See.
[Illustration]
Er war ein Antwerpener.
Sein Vater, dessen Glieder die Gicht gekrümmt hatte, verzehrte sich
vor Sehnsucht nach dem offenen Meer, das er Jahrzehnte lang befahren
hatte. Als kleiner Hafenbeamter wohnte er dicht am Wasser, und
über die Wiege seines Kindes flogen die herben, salzigen Seewinde.
In die Schlummerliedchen, die ihm die Mutter sang, schrillten die
Dampfpfeifen, und wenn er des Nachts sein heisses Köpfchen aus den
Kissen hob und durch das Fenster sah, glotzten ihn aus der Ferne böse,
rotglühende Augen an. Er fürchtete sich aber nicht lange vor ihnen,
denn ehe er noch sprechen konnte, wusste er schon, dass sie kein Spuk,
sondern nur die Laternen mächtiger, dunkler Schiffskolosse waren, die
sich schwerfällig durch den Kanal dem geräumigen Hafen zu bewegten.
Kaum, dass er die Kinderschuhe ausgetreten hatte, ging auch er zur See.
Als Leichtmatrose fuhr er auf einem Kauffahrteischiff.
Da kam es, dass sein Grossvater mütterlicherseits, der tief im
Binnenlande wohnte, um eine Mitternacht den Tod an die Thüre seines
Gehöftes pochen hörte. Auch die Klinke hatte geknirscht, aber der
hagere Schnitter war noch einmal vorübergegangen. Nur gemahnt hatte
er den Alten. Am Tage darauf ging dieser zu dem Geistlichen des Ortes
und liess sich einen Brief schreiben an seine Tochter, die Mutter von
Henrik Jansen junior. Einen Brief des Inhalts, dass sein Enkel zu ihm
kommen solle, damit, wenn der Schnitter wiederkäme, einer da wäre, der
die gemähte Garbe in die Scheuer bringe und ihm ein Erbe, dem Gehöft
aber ein neuer Herr sei.
Jansen jun. stiess anfänglich nur ein unartikuliertes Grunzen aus, als
seine Mutter ihm davon Mitteilung machte. Da er gerade nicht geheuert
war, reckte er seine mächtigen jungen Glieder auf der Ofenbank und
faulenzte. Er dachte aber immer daran, dass er bald wieder fahren
würde, und es wollte ihm durchaus nicht in den blonden Schädel, dass
er überhaupt von der See weggehen und als Binnenländer leben könnte.
Zwischen Leuten, die noch nie einen schwimmenden Balken unter den
Füssen gehabt! Lächerlich war dies einfach. Und am Schluss dieser
Gedankenkette spie er verächtlich ein Stück Kautabak in weitem Bogen
durch das geöffnete Fenster.
Seine Mutter, die früh verhärmt und früh gealtert aussah, liess aber
nicht nach. Für sie, die tief im Lande Geborene, waren Meer und
Schiffahrt immer nur unersättliche Mörder gewesen. Zwei Brüder ihres
Mannes hatten sie auf dem Gewissen. Der eine war ertrunken, der andere
hatte sich das gelbe Fieber geholt und war in der Fremde verscharrt
worden. Sie fürchtete für ihren Sohn und wurde nicht müde, auf ihn
einzureden.
Es dauerte aber lange, bis sie seine schwerfälligen Gedanken auf den
Punkt gebracht hatte, von dem aus gesehen das Binnenland lieblich war.
Als er jedoch einmal sich selber sagte, dass es prächtig sein müsse,
auf eigenem Grund und Boden zu stehen, wo er keinem Kapitän und keinem
Steuermann zu parieren brauchte – da hatte sie gewonnenes Spiel.
Jansen jun. erhob sich von der Ofenbank, trank einen Genever und
siedelte dann zu seinem Grossvater über.
Das Dorf, in welchem dieser wohnte, war fett und nahrhaft und seine
eigene Wirtschaft desgleichen. Als der Alte seinen Enkel bei sich
hatte, neigte er das Haupt, so tief wie eine Ähre im Juli. Bald
knirschte die Klinke zum zweiten Male, und diesmal ging der Fremde
nicht vorüber; im Gegenteil gab er dem Landwirt gewordenen Matrosen
Gelegenheit, ein würdiges Leichenbegängnis zu veranstalten und sich als
Herrn eines gesegneten Ackers, eines stattlichen Gebäudes und mehrerer
Joch Ochsen zu fühlen.
Ein alter, erfahrener Knecht war da, so dass es an der kundigen Hand
nicht fehlte und Jansen jun. Zeit hatte, die Schönheit des Binnenlandes
kennen zu lernen.
Anfänglich erregte alles seine Bewunderung und Freude. Die wogenden,
goldgelben Ähren, die ihm fast bis an die Schulter reichten, die
fruchtstrotzenden Obstbäume und nicht zum mindesten der sagenumwobene
Klapperstorch, der sich hier auf der sumpfigen Wiese behaglich Frösche
fing, – es waren ihm entweder ganz fremde Erscheinungen, oder doch nur
wie flüchtige Traumbilder, irgendwo in der Vergangenheit gesehene. So
verging ihm der Sommer schnell und fröhlich. Solange ihm alles neu und
fremd war, gefiel ihm das Dorf, den Herbst hindurch und auch den Winter
über. Wenn es ganz grimmig kalt war und er in dem mollig erwärmten
Zimmer sass, schmunzelte er sogar mitunter bei dem Gedanken, dass er
das Jahr vorher um diese Zeit an der englischen Küste getrieben hatte,
wo es so kalt war, dass die Haut der arbeitenden Hände in Fetzen an
den gefrorenen Tauen kleben blieb. Ach, da war es hier am Kamin doch
behaglicher! Und er stopfte sich eine neue Pfeife, trank einen neuen
Genever und war zufrieden.
Als es aber Frühling wurde, ging er umher wie ein Verlorener. Es
drückte ihn etwas. Wie ein Stein lag es auf seiner Brust. Manchmal war
es ihm, als ob er an dem fetten, kräftigen Erdgeruch ersticken müsste.
Die ganze Luft war durchtränkt von ihm und selbst der Wind war fett und
erdig.
Er klagte dem Geistlichen sein Leid.
Der behäbige Herr hob nachdenklich seine linke Hängebacke ein wenig in
die Höhe und gab ihm dann einen Rat.
– »Wissen Sie, Jansen,« sagte er ihm, »Sie müssen heiraten! Sie haben
hier weder Freunde noch Verwandte, und das drückt. Die Einsamkeit
schadet Ihnen. Denn sonst,« er schnüffelte dabei behaglich umher, »muss
ich sagen, dass die Luft hier sehr angenehm ist. Durchaus angenehm!« –
Jansen beugte sich der geistlichen Autorität.
Unter den breiten Hauben des Dorfes war eine, deren Trägerin ihm
besonders gefallen hatte. Zu der ging er, und sie sagte nicht nein. Im
Herbst sollte es Hochzeit geben.
Den dumpfen Druck wurde er dadurch aber nicht los. Die wilde, prächtige
Romantik des Seelebens wurde in seinem einfältigen Herzen übermächtig,
seitdem das Rauschen der Wellen und der Schrei der Möwen nicht mehr an
sein Ohr schlugen.
In der Nacht, wenn ein toller, übermütiger Wind die alten Fichten in
dem nahen Gehölz bog, dass sie ächzten und stöhnten, richtete er sich
oft im Bette auf, und es schien ihm, als müssten es Maste sein. Als
ob er wieder wie einst an der See lebte, schlürfte er mit durstigen
Atemzügen dann die Luft ein. Aber vergebens suchte er den herben,
prickelnden Geschmack. Die fette Erde spürte er nur, und seine Lungen
schlossen sich wieder, soweit es nur möglich war.
Auch am Tage brütete er oft stundenlang vor sich hin. Seine beste
Freundin dabei war die Geneverflasche. Unaufhörlich schenkte er sich
daraus ein. Beim zehnten oder zwölften Glas biss es ihm dann in der
Nase, als ob ein Seewind hineingeblasen hätte, und seine Träume wurden
immer lebhafter, bis er mit schwerer Faust auf den Tisch schlug und
in die Kammer ging, seinen Rausch und seine Sehnsucht miteinander zu
verschlafen.
Sein Hochzeitstag war trübe und stürmisch. Ein kräftiger Wind sprang
ihm in den Nacken, als er in die Kirche ging, und als er mit seiner
jungen Frau Hand in Hand wieder hinaustrat, verfing sich derselbe
Wind so heftig in ihren weiten, bauschigen Röcken, dass sie für einen
Augenblick von ihm lassen musste und es kalt und gell zwischen sie
hindurch pfiff. Des jungen Ehemanns Nüstern öffneten sich weit und
gierig. Nein, der roch nicht nach fetter Erde! Der kam von der See. Von
der endlosen, rauschenden See! –
In der darauf folgenden Nacht schlug der Regen unaufhörlich gegen die
Scheiben, und der Sturm hörte nicht auf zu blasen. Er blies durch die
in der Mitte gehöhlten Dachziegel, die Hunderte von Pfeifen bildeten,
und wüst und phantastisch klang es bis in das Schlafzimmer hinab.
In später Stunde, als sein Weib schon eingeschlafen war, richtete sich
Henrik Jansen plötzlich jäh empor.
Was war das?
Die Hand hinter der Ohrmuschel, lauschte er hinaus. Seine Brust hob
sich keuchend, der Schweiss trat auf seine Stirn.
Hatte ihn ein Spuk geäfft?
Aber nein, da war es ja wieder!
Durch das Pfeifen des Windes, durch das Rauschen des Regens schlug
deutlich vernehmbar ein dumpfes, dröhnendes Tuten, wie aus weiter
Ferne, an sein Ohr.
Das ist ein Nebelhorn!
Das ist die Stimme eines Schiffes, die warnend die Finsternis zerreisst!
Wo kommt es her?
Zitternd vor Erregung steigt er aus dem Bett und tritt an das Fenster.
Er öffnet es, doch jetzt hört er wieder nur Wind und Regen. Bald aber
erhebt es von neuem die Stimme. Dumpf tutend, wie aus weiter Ferne,
aber doch schon näher.
Seine Schläfe glühen, fiebernd späht er hinaus. Jetzt müssen die Augen
ja auftauchen, die roten, glühenden Augen!
Es fällt ihm ein, wie er, seiner Erinnerung nach zum erstenmal, ein
Nebelhorn gehört. Er war noch ganz klein und erschrak. Seine Mutter
aber erklärte es ihm.
– »Das ist einer vom Bremer Lloyd,« sagte sie, »der jetzt einfährt.«
Und ein anderes Mal fing sie an zu lachen. »Der brüllt wie ein
sterbender Bulle. Das ist der ›Flandern‹ von der Red Star Line.« –
Oh, er hatte sie bald alle gekannt. Einige davon hatten eine Stimme wie
keifende Marktweiber und andere, wie besonders das kleine Harwichboot,
hatten eine Grogkehle und waren ewig heiser.
Dieses Horn aber kannte er nicht. Wind und Regen störten den reinen
Klang, ebenso die Ferne, aus der es zu kommen schien.
Doch mit einem Male tönte es ganz in seiner Nähe. Und als er die
fieberhaften, sehnsüchtigen Augen dorthin wandte, sah er einen alten,
gebückten Mann, der ein mächtiges Kuhhorn an den Lippen hielt. Es war
der Gemeindewächter.
Wind, Regen und Sehnsucht haben dich getäuscht, Henrik Jansen!
Henrik Jansen versuchte zu lächeln, sein Gesicht verzerrte sich aber
nur. Langsam schloss er das Fenster, doch zu Bette ging er nicht.
Er setzte sich stumm an den eichenen Tisch und schlug die Hände vor das
Gesicht. Dort blieb er bis zum Morgen, und sein ganzer, riesiger Körper
bebte vor weinender Sehnsucht ...
Der alte Steffen.
[Illustration]
Im Osten der Universitätsstadt erhebt sich das Armenhaus. Es ist aus
massiven, grauen Steinen gebaut und hat zwei Stockwerke. In dem oberen
befinden sich aber nur die Krankensäle, so dass die noch rüstigen
Insassen von der schönen, kleinen Stadt fast nichts zu sehen bekommen.
Denn aus ihren niedrig gelegenen Fenstern können sie die Mauern, die
das Haus umschliessen, nicht überblicken, und Urlaub bekommen sie sehr
selten.
Im Winter ist das zu ertragen. Wenn der Regen gegen die Scheiben
schlägt oder die Flocken immer dichter und dichter herniederwirbeln,
frieren die alten Leute und sehnen sich nicht nach draussen. Nur
der alte Steffen vielleicht. Aber auch der denkt dann nicht an die
deutschen Thäler und Gebirgsketten, die dann doch rauh und ungastlich
sind. Er träumt von der heissen, brennenden Tropensonne, trotzdem
gerade sie ihn so krank und elend gemacht hat.
Er ist schwach auf den Beinen und hat keine Kraft in den Händen.
Mehrere Jahre hindurch ist er Plantagenaufseher in Java gewesen und mit
blossen Füssen über die Felder gegangen, bis sein Rückenmark verdorrt
und er überflüssig geworden war. Da kam er nach Deutschland zurück,
und fünf Jahre schon lebte er im Armenhause.
Aber in dem Druck der grauen, freudlosen Gegenwart kann er die Zeiten
nicht vergessen, wo er als Lanzknecht die halbe Welt durchfahren.
Er hat unter der Tricolore und unterm Halbmond gefochten, ist bei
Sewastopol im Feuer gewesen und hat in Tonkin geblutet. Dann ist er zu
den Holländern desertiert, und dort im Civildienst hat ihn das Unglück
getroffen.
In der Schar seiner Hausgenossen ist er immer noch eine imposante
Erscheinung. Unter Zwergen und Krüppeln und zahnlosen, ewig kauenden
Bettlergestalten tritt seine stämmige Figur wirkungsvoll hervor. Der
massige Kopf mit der kräftigen Nase, mit dem kurzen, grauen Vollbart
und den hellen Augen muss gut aussehen, wenn eine Fahne über ihm
flattert.
Gewöhnlich scheint er recht gleichmütig und ruhig. Manchmal aber fangen
seine Augen an zu glühen und zu blitzen. Das ist, wenn die Sonne
scheint. Jedem Sonnenstrahl sieht er dann nach.
Jetzt ist die Zeit seiner Marter und qualvollsten Wonne. Es ist
Frühling geworden.
Stundenlang sitzt er täglich auf der verwitterten Holzbank im Hofe.
Wenn er die Wimpern hebt, sieht man eine verzehrende Sehnsucht
hervorlodern. Denn die Schwalben haben unter dem Giebel gebaut, und
ihre Schwingen streifen um sein Gesicht, die Bäume grünen und sind
voll junger Knospen, zwischen den Steinen im Hof schiessen schmale
Gräser hervor, und die Vergangenheit wird in ihm lebendig.
Seit zwei Tagen hat er nicht mehr gesprochen und wird noch weitere Tage
nicht sprechen. Seine Kameraden aber wissen, dass jetzt die Abende
kommen, wo er erzählen wird, heiser vor Erregung, aber ein Poet in
seiner sehnsuchtsreichen Qual.
Wenn sie alle zu Bette sind und nur die Nachtlampe rötlich glühend
durch den dunklen Schlafsaal schaukelt, richtet er sich auf in
den Kissen. Und er spricht von seiner Jugend und ihrer Sonne und
Selbstherrlichkeit. Wie er in schimmerndem Segler über blaue
Meere gefahren, und von den grünen Küsten Kleinasiens Marmorhäuser
herüberwinkten und der glänzende Ölbaum. Wie er in Albanien biwakierte
und mit Baschi Bozuks um ein Marschallsross gewürfelt, das feinere
Glieder hatte als eine Königstochter und dessen Nüstern rosig waren
wie der duftigste Nelkenkelch. Wie er in Algerien Feldwache gestanden
in Palmenhainen und Dattelwäldern und einen Kabylen erschlagen um
einen Trunk Wasser. Wie er in schaukelnder Dschunke den heiligen Strom
durchglitten, vorüber an rauschenden, undurchdringlichen Dschungeln,
unter Bäumen, die, im Lande wurzelnd, sich weit über das Wasser reckten
und in deren dichtem Astwerk schlanke, bunte Königstiger lauerten,
lautlos mit geschmeidigem Schweife die Flanken peitschend. Er spricht
von Tropensternen und zierlichen havanesischen Frauen, von wirbelnden
Trommeln und toten Freunden; nur von seiner Sehnsucht spricht er nicht.
Wenn er dann aufhört, beisst er in den Bettpfosten und zerreisst sein
Leinen. Der Verwalter straft ihn dafür, aber seine Zuhörer schenken ihm
Cigarren und Kautabak, weil sie ihn bewundern.
All die Jahre schon ist es ihm sauer genug gewesen, hier sein Leben zu
verbringen. Doch hat er sich darein gefunden, wenn es ihm auch in jedem
Frühling fast passierte, dass ihn Landleute meilenweit von der Stadt
hilflos am Wege trafen und zurückbrachten. Beim Ausgehen hatte er nie
daran gedacht, zu entrinnen, aber was soll denn ein alter Landstreicher
nur machen? Ist der Frühling nicht stärker als sein Wille? Der Frühling
hatte ihn verlockt, weit hinaus, immer weiter, bis die kranken Füsse
ihn nicht mehr trugen.
Jetzt hat er nur noch _eine_ Furcht und _eine_ Sorge. Leben _muss_ er
im Armenhaus, aber sterben will er nicht in den dumpfen, drückenden
Mauern. Es graut ihm davor, und er zittert, wenn er nur daran denkt. Er
will sterben, wie das Wild stirbt, einsam im Wald, wenn die Dämmerung
durch die Zweige tropft und die Sonne im Verglühen ist. Auch der Tod
ist ein scheuer Gott und milder in der Einsamkeit. Seine Hände sind
dort weicher und seine Lippen liebreicher. Eine Hirschkuh darf dabei
sein und eine singende Drossel, aber nimmermehr ein Mensch.
So hat er sich denn einen Plan gemacht. Jetzt, wo es wieder Frühling
ist, will er einen Ort suchen gehen, zu dem er sich flüchten kann, wenn
er sein Ende nahen fühlt. Einen Ort des Alleinseins und eine Stätte des
Friedens.
Die Sonntagsglocken läuten, und Steffen zieht seine besten Kleider an
und bittet um Urlaub. Er erhält ihn auch und geht, so schnell ihn seine
schwachen Füsse nur tragen wollen, durch die Stadt. Er achtet nicht der
schmucken Giebelhäuser und der spielenden Kinder an den Wegen. Seine
Augen glänzen, und seine Nasenflügel zittern vor Erregung. In tiefen
Zügen trinkt er die weiche, köstliche Frühlingsluft.
Bald ist er ganz im Freien. Wohin er nur sieht, alles ist voll saftigen
Grüns. Die sanft aufsteigenden Berge scheinen wie dunkler Sammet, und
der Fluss, der sie weich und silbern umschmiegt, wie der Pelzbesatz am
Saum eines Herzoginkleides. Kein Ast so klein, dass er nicht voller
Knospen wäre, und überall schon heben sich junge Blütchen aus den
Wiesen und der jungen Roggensaat. Er hört ein Rotkehlchen im Weissdorn
singen und sieht einen Citronenfalter durch die Sonne tanzen, und sein
Herz schwillt vor Jubel. Denn es ist das Herz eines Landstreichers und
hat keine andere Liebe als Natur und Freiheit, die es nicht zu trennen
vermag. Es ist das Herz eines Landstreichers und voll Ehrfurcht vor dem
göttlichen Mysterium der ewigen Schönheit und Erneuerung.
Nun späht er umher. Oben auf dem Bergeskamme sind die dichtesten Wälder
und dunkelsten Gründe. Dort will er sein Grab wählen.
Eine Stunde wohl wandert er durch den Forst. Endlich hat er etwas
Passendes gefunden: eine tiefe Mulde, eng umstanden von verwitterten
Kiefern. Die Gräser darin sind niedergedrückt, aber sein geübter Blick
erkennt unschwer, dass es nur Rehe waren, die hier genächtigt haben.
Er kann darin liegen und sich strecken nach Herzenslust. Er sieht dem
Himmel ins Gesicht und weiss, dass man ihn hier nicht finden wird. Das
freut ihn, und fröhlich kehrt er zur Stadt zurück.
Jetzt sieht er die spielenden Blondköpfe und streichelt sie. Jetzt
sieht er auch die Häuser mit den altertümlichen Giebeln, mit den
blanken Fenstern und den Rebenvorhängen. Jetzt freut er sich auch der
Stadt, weil er gewiss ist, dass sie ihn nicht halten wird in seiner
letzten Stunde.
Im Armenhause wieder angelangt, holt er sich ein weiches Brettlein und
versucht ein Kreuz zu schnitzen. Seine Hände sind schwach und vermögen
das Messer nicht gut zu führen. Er wird wohl viele Tage lang sitzen
müssen, ehe es glatt und glänzend ist. Aber er hat ja Zeit und ist
geduldig. Sein Antlitz wird immer welker, aber sein stilles Lächeln
auch immer lichter. Sein Herz wird weit, wenn er daran denkt, wie seine
Finger das Kreuz umschliessen werden, wenn er seinen letzten Gang geht.
Er sieht die Stunde schon kommen in einem weissen, schimmernden Glanz.
In leuchtenden Wolken wird der Vollmond stehn und unzählige Sterne. Die
Luft wird duftig sein und wie halbverblühte Veilchen in den Farben. Um
die Stätte des Friedens aber wird ein Falter fliegen, ein grosser, mit
sammetdunklen Flügeln. Der wird sich auf seine Wimpern setzen und ihm
die Augen schliessen, tausendmal weicher als jede Menschenhand – – – –
Amtsrichter Johnsons Höhepunkte.
[Illustration]
Jeder Mensch hat in seinem Leben einige Höhepunkte, die ihm bis sein
seliges oder unseliges Ende unvergesslich bleiben.
Auch Ernst Alexander Johnson hatte die seinigen.
Den ersten hatte er damals erreicht, als er, der eben Amtsrichter
in dem kleinen polnischen Städtchen geworden war, seine alte
Studentenliebe heimführte.
Am ersten Abend, als sie beisammen sassen, schmiegten sie sich fest
aneinander und blickten wortlos in ihre neue Heimat.
Ernst Alexander, in dem ein gefesselter Dichter lag, seufzte tief
auf. Auf den Goldgrund des gegenwärtigen Glückes malten seine Träume
Blüten und Kränze einer späteren Zukunft, und das Grün der Hoffnung war
überall.
Die Augen wurden ihm feucht. Er griff nach der Hand seiner Frau und
küsste sie, so dass sie seine Thränen spürte.
Auch ihre Blicke waren verschwommen. Vielleicht hatte sie seine Träume
mitgeträumt. Sie fuhr ihm mit den Fingern in das braune, wellige Haar.
»Wie kann man nur so weich sein,« sagte sie. »Wie kann man nur so weich
sein, du Lieber?« ...
* * * * *
Sie lebten sehr glücklich zusammen. Nur einschränken mussten sie sich,
denn das Gehalt war nicht gross. Das thaten sie aber gern. Ernst
Alexander trank einen Schoppen weniger als früher, und gab nie mehr
als fünf Pfennig Trinkgeld. Allmählich gewöhnte er es sich überhaupt
ab, in ein Restaurant zu gehen. Wozu auch? Seine junge Frau machte es
ihm daheim so behaglich wie möglich, und dass ihn der Kronenwirt, Herr
Ignatz Malczewski, nur noch obenhin grüsste, liess sich verschmerzen.
Als sie dann gar noch anfing, sich mit Schneiderei zu beschäftigen und
ganz winzig kleine Häubchen und Jäckchen verfertigte, da brachte er es
natürlich nicht mehr über das Herz, sie auch nur einen einzigen Abend
allein zu lassen.
Es sollte aber früh genug anders werden. Nicht, dass ein Streit ihre
Harmonie getrübt hätte! Aber eines Tages trat einer in ihr Häuschen,
den sie beide noch in weiter Ferne geglaubt hatten. Der präsentierte
die Rechnung für das stille, reiche Glück, das sie ein volles Jahr
hindurch am Tisch des Lebens genossen hatten, und die Rechnung war
hoch. Frau Marianne brachte ein totes Kind zur Welt, und drei Tage
später folgte sie dem kleinen Wurm nach in die Grube.
Ernst Alexander blieb allein.
Fortan lebte er ganz einsam. Eine weiche Natur von Geburt an, schien
der Verlust seines Weibes ihn ganz gebrochen zu haben.
»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« sagte der »Aufsichtführende«
jeden Tag. »Er vergrämt und vereinsamt immer mehr. Wir müssen etwas
thun, um ihn aus dieser Lethargie zu reissen.«
»Ja, es ist schade um ihn,« meinten auch die anderen Herren. »Aber was
können wir thun?«
»Was wir thun können? Er muss wieder unter Menschen. Wir wollen ihn
bitten, einmal des Abends mit uns zu kommen, zum Bier.«
Sie besuchten ihn auch. Aber er wehrte sich.
»Nein, nein,« sagte er eigensinnig. »Ich will zu Hause bleiben.«
Dann, als sie nicht aufhörten, in ihn zu dringen, wurde er weicher.
»Was soll ich wohl unter euch? Ich kann nicht mehr so fröhlich sein
wie ihr und wäre ein trauriger Gast.«
Es fehlte ihm aber doch die Energie, um auf die Dauer zu widerstehen.
Er liess sich überreden.
Im Gasthof zur Krone, wo sich die Honoratioren allabendlich
versammelten, wurde immer tüchtig gekneipt. Diesmal aber, wo
Ernst Alexander Johnson nach so langer Abwesenheit wieder in den
verräucherten Räumen erschien, ging es besonders ausgiebig zu.
Von allen Seiten stiess man mit ihm an. Widerwillig, mit
melancholischem Lächeln, kam er nach, in der Vornahme, bei der ersten
schicklichen Gelegenheit die Gesellschaft zu verlassen.
So oft er sich aber sagte, dass es jetzt an der Zeit wäre, vermochte
er doch nie, seinem Unbehagen ein Ende zu machen. Ratlos den fetten
Oberkörper hin und her wiegend und ohne Freude, blieb er Stunde um
Stunde an der Tafel. Des Trinkens ungewohnt, wurde er früh berauscht.
Es war kein angenehmer Rausch.
Seine Kollegen mussten ihn nach Hause führen.
Mit schwerem Kopf und Bitterkeit in Herz und Kehle wachte er am
nächsten Morgen auf. Ein schwerer Druck auf seiner Stirn liess den
ganzen Tag nicht nach. Er vermochte nicht zu widerstehen, als Assessor
Lindenborn, mit dem er gemeinschaftlich das Gericht verliess und der
nicht weniger verkatert war, einige Auffrischungsschnäpse vorschlug.
Sie setzten sich wieder in das kühle, halbdunkle Kneipzimmer und
standen nicht eher auf, als bis es gegen Mitternacht ging.
Einmal aus der gewohnten Bahn geschleudert, fand er nun gar keinen
Halt mehr. Der Kronenwirt grüsste ihn jetzt sehr höflich, aber seine
Kollegen schüttelten aufs neue die Köpfe.
»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« meinten sie alle. »Wir müssen
ihn zur Vernunft bringen. Er vertrinkt alles, und es ist schon jetzt
nichts Seltenes, dass er am hellen Tage berauscht ist.«
Eines Abends, als sie in vorgerückter Stunde in ihrer Stammkneipe
zusammensassen, machten sie ihm Vorhaltungen.
Er war schon betrunken, und unter ihren wohlmeinenden Worten packte ihn
das graue Elend.
»Ich weiss, dass ich ein Lump bin,« sagte er schluchzend. »Ein Lump,
jawohl, ein Lump. Aber warum habt ihr mich nicht sitzen lassen in
meinem Jammer? Warum habt ihr mich gezwungen, mit euch zu trinken?«
»Aber, lieber Kollege! Es ist doch ein Unterschied zwischen Trinken und
Trinken. Wir haben es doch gewiss nur gut gemeint.«
Amtsrichter Johnson lächelte bitter.
»Gut gemeint, jawohl. Alle haben es gut gemeint. Alle, nur der Herrgott
nicht. Nur der Herrgott alleine nicht!« – – – –
* * * * *
Acht Tage später hatte er eine Sitzung des Schöffengerichts zu leiten.
Alle waren schon versammelt. Nur der Amtsrichter fehlte.
Da sandte man den Gerichtsdiener nach ihm aus.
Der alte Klemming traf ihn, wie er gerade, hin und her schwankend, sich
vergebens Mühe gab, die Thür seines Hauses aufzuschliessen. Es war
ersichtlich, dass er eben erst, gegen elf Uhr vormittags, die Schenke
verlassen hatte.
»Nun, Klemming, was ist denn?« lallte er.
»Herr Amtsrichter möchten auf das Gericht kommen. Die Herren Schöffen
warten schon alle.«
»Die Herren Schöffen? Wer denn, Klemming?«
»Herr Kaufmann Tietz, Herr Tischlermeister Maczkowski, Herr Rentier
Priemchen« ...
»Was Priemchen ist auch da? Hat der Kerl denn schon ausgeschlafen? Na,
ich komm schon!«
Ohne sich umgekleidet zu haben, Wäsche und Kleidung beschmutzt und
zerknittert, ging er dem kopfschüttelnden Diener voran.
Unterwegs pfiff er ein Kneiplied vor sich hin. Es schien ihm gar
nicht klar zu sein, wohin er gehen musste. Der alte Klemming wies ihn
zurecht, sonst wäre er am Gericht vorüber geschritten.
Man warf ihm die Amtsrobe über. Dann trat er in den Saal.
Mit würdevollen Gesichtern sassen die Schöffen auf ihren Stühlen. Der
Angeklagte, ein blasser, junger Bursche, erhob sich, als der Talar
sichtbar wurde. Aller Augen wandten sich auf den Richter.
Mit schweren, unsicheren Schritten näherte er sich seinem Tisch.
Da bemerkte er den Rentier Priemchen, mit dem er oft zusammen getrunken
hatte. Ein breites Lachen zog sich über sein gedunsenes Gesicht, das
vor Betrunkenheit glühte.
»Na, alter Schwede,« rief er ihm mit heiserer Stimme zu, »auch hier?«
Erschrocken fuhren alle auf.
»Setzen Sie sich doch, um Gottes willen,« flüsterte Priemchen.
»Gleich, Priemchen, gleich! Erst den Cantus.«
Und der königliche Amtsrichter Ernst Alexander Johnson stellte sich in
seiner vollen Amtstracht an den Rand des Podiums und erklärte feierlich:
»Zur Eröffnung einer urfidelen Schöffensitzung beginnen wir mit dem
schönen Liede:
Wer kommt dort von der Höh’?
Wer kommt dort von der Höh’?
Wer kommt dort von der ledernen Höh’,
Ça, ça ledernen Höh’,
Wer kommt dort von der Höh’?« ...
Während er den ersten Vers mit dröhnender Stimme absang, verbreitete
sich eine Todesstille um ihn.
Niemand vermochte zu lächeln. Bleich und fassungslos blieb jeder
auf seinem Stuhl, und jeden durchzuckte die Ahnung, dass hier ein
Menschenschicksal seinem Ende zuneigte.
Er begann noch den zweiten Vers. Mit den weiten Ärmeln seiner Robe
stiess er beim Taktschlagen an das schwarze Kreuz, das den kleinen,
silbernen Leib Christi trug. Es stürzte vom Tisch und schlug mit
dumpfem Hall auf die Dielen.
Da unterbrach er sich.
Mit blöden, blutunterlaufenen Augen blickte er hinunter und dann auf
die Beisitzer.
»So, so, ach – so –« stammelte er dann.
Ein Zucken ging durch seinen Körper. Schwer liess er sich in den Sessel
fallen.
Aber die Besinnung war ihm zu spät gekommen. Die Sitzung wurde
vertagt, und wenige Tage darauf war Ernst Alexander Johnson aus dem
Richterstande entfernt. – –
Wochen, Monate und Jahre vergingen. Der Amtsrichter a. D. war ein
stadtbekannter Trunkenbold geworden.
Als ihm niemand mehr Kredit gab, fing er an, seine ganze Habe zu
verkaufen. Ein Stück nach dem andern wanderte zum Trödler.
Eines Abends sass er in seiner leeren, unfreundlichen Wohnung, aus der
selbst die Wandbilder schon lange zu Geld gemacht worden waren, und
zerbrach sich den Kopf, was er noch verkaufen könnte. Aber nichts fiel
ihm ein. Ein Tisch und einige Stühle bildeten ausser einem kleinen
Wäscheschrank sein gesamtes Mobiliar. Verkäufliches war aber nur noch
in der letzten Schublade des Schrankes, und vor der hatte er eine
heilige Scheu.
Endlich entschloss er sich doch, das Fach zu öffnen, und zitternd
und scheu, wie ein Dieb, sah er hinein. Da lag alles noch so wie
vor Jahren: die Häubchen und die Jäckchen, die Windeln und das
spitzenbesetzte Taufkleidchen. Es war in zwei grössere Abteilungen
gesondert, die mit blauseidenen Bändern umwickelt waren. Daneben lagen
noch einige Untersachen seiner Frau.
Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, als er diese letzten
äusserlichen Erinnerungen an so viel Glück und Hoffnung vor sich sah.
Er kämpfte innerlich. Dann aber griff er doch, während die Schamröte
ihm bis in die Stirn stieg, die Pakete heraus.
In der Nähe seiner Wohnung befand sich eine kleine Branntweinschenke,
in der wandernde Burschen, verkommene Handwerker und der Amtsrichter a.
D. verkehrten. Der Wirt war ein gefälliger Mann und nahm ebenso gern
Kleidungsstücke und andere Sachen in Zahlung, als bares Geld. Zu dem
begab er sich.
Er bestellte einen Schnaps und ein Käsebrot. Der Besitzer des Lokals,
ein dicker, aufgedunsener Riese, der auf einem Auge blind war, musterte
ihn misstrauisch. Er brachte das Verlangte erst, als er das Bündel sah,
das Ernst Alexander neben sich gelegt hatte.
An den Nachbartischen, die klebrig waren und wie das ganze Lokal nach
vergossenen Getränken rochen, sassen mehrere junge Leute. Als es ans
Zahlen kam, musste er das Paket öffnen. Wie die Jäckchen und Windeln
zum Vorschein kamen, erscholl ein rohes Gelächter.
»Von wo haben Sie das denn?« fragte der Wirt verdutzt.
»Von meinem Kinde.«
»Haben Sie denn ein Kind?«
Ernst Alexander biss die Zähne zusammen.
»Es ist tot,« sagte er finster. »Sonst säss’ ich nicht hier.«
Der Wirt schien sich zu erinnern.
»Ach so, Ihre Frau starb ja auch damals.«
»Ja, sie starb auch.«
»Und das wollen Sie jetzt verkaufen?«
Der Amtsrichter a. D. hörte die Verachtung in diesen Worten und wagte
nichts zu erwidern. Mit gesenktem Kopf verliess er das Zimmer und trat
hinaus. Zwölf Silbergroschen hatte er in der Hand.
Nach einer unruhigen Nacht wachte er am nächsten Morgen früh auf. Noch
unangekleidet sass er mit wirrem Hirn auf dem Bettrand, und allmählich
trat ihm wieder ein Bild vor die Seele, das ihn im Schlafe gequält und
gepeinigt hatte.
Es war im Traume seine tote Frau zu ihm gekommen. Sie trug ein weisses,
faltiges Gewand, und an ihrer Rechten führte sie ihr Kind. Das Kind war
nackend und weinte bitterlich.
»Du hast ihm seine Hemdchen verkauft. Nun friert es,« sagte die Mutter.
Ernst Alexander bekam das nicht mehr aus dem Gedächtnis. Den ganzen Tag
trug er daran, und der Nebel, der jahrelang vor seinen Augen gelegen
hatte, verschwand mehr und mehr. Er sah alles, wie es wirklich war,
nackt und nüchtern. Er sah, dass der letzte Teil seines Lebens nichts
als Schmutz und Schande gewesen war, und Verzweiflung überfiel ihn. Er
sprach mit sich und mit den Toten, die ein Traum ihm heraufbeschworen
hatte, und alles in ihm ward voll von Bitterkeit und Selbstverachtung.
»Es ist keine Liebe mehr für mich, nicht im Himmel und nicht auf der
Erde,« sagte er laut.
Seine Worte dröhnten in dem leeren Gemach.
Er schrak zusammen.
Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und spie aus. – –
* * * * *
Die Abendsonne funkelte und sprühte auf dem Schieferdach des alten
Klosterturmes. Sie brach sich auch in den Scheiben des stillen, kleinen
Hauses und drang bis in das Zimmer.
Dort blieb sie lange und leuchtend.
Inmitten der gemalten Decke, an der kleine Amoretten mit roten Rosen
spielten, steckte ein eiserner Haken, der früher eine Hängelampe
gehalten hatte.
Die Lampe war schon lange fort und brannte schon lange nicht mehr.
Jetzt hing ein hänfener Strick daran, und an dem Strick hing ein
fetter, gedunsener Leichnam.
Das war der zweite Höhepunkt im Leben Ernst Alexander Johnsons. Sein
zweiter und letzter im Leben und im Sterben: zwei Fuss über den
Dielen. –
In der Anstalt.
Ein Bild aus dem Leben.
[Illustration]
Nicht weit von einer westdeutschen Industriestadt liegt eine grössere
Zahl schmucklos, aber gefällig gebauter Häuser. Durch grössere
Entfernungen voneinander getrennt, verstreuen sie sich über ein
weites, hügeliges Gelände, das hier und da mit Wald bestanden ist.
Grösstenteils werden sie von Kranken bewohnt, denen die kräftige Luft
und der tiefe Frieden wohlthut.
In einem der Häuser jedoch werden keine körperlich Leidenden
aufgenommen. Dies ist das Haus, das am weitesten der Stadt zugeschoben
und durch ein eisernes Gitterwerk von der Landstrasse getrennt ist. Es
ist die Domäne derer, die Schiffbruch im Leben gelitten haben, das Asyl
der Gestrandeten.
Es beherbergt nur Leute aus besseren Lebensschichten. In der Überzahl
sind die Offiziere a. D. Etliche Geistliche sind auch darunter,
mitunter auch ein Schriftsteller oder ein Redakteur.
Mannigfaltig ist ihre Schuld und ihr Schicksal; mannigfaltig sind die
Wege, die sie hierhergeführt; allen gemeinsam aber ist der dumpfe
Gram, der ihre Tage verbittert und der sie allmählich stumpf macht
gegen das Aussenleben, der allmählich auch ihre Sehnsucht, wieder
hinauszufliegen, erdrückt, und erst mit dieser Sehnsucht matter und
matter wird.