Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da man sich in der

Wüstungsforschung mit der Feststellung, wo ungefähr eine Wüstung lag,

zufrieden gab und dabei zwischen Ort und Flur nicht unterschied.

Weil man fast ausnahmslos Zerstörung im Kriege annahm, zerbrach man

sich auch nicht groß den Kopf über das Schicksal der Einwohner. Sie

waren getötet worden, waren an der Pest zugrunde gegangen, waren

teilweise auch abgewandert. Wohin? war gleichgültig. Heute, wo man das

Wesen der Wüstungen tiefer erfaßt hat, muß man sich natürlich auch

darüber _Rechenschaft_ zu geben versuchen, _was aus den Bewohnern

der eingegangenen oder aufgegebenen Dörfer und namentlich auch,

was aus ihren Fluren geworden ist_, die wir zum Unterschiede von

den eingegangenen Orten oder Wüstungen _Wüste Marken_ (Wüstmarken)

nennen. Auf den Meßtischblättern von Sachsen sind folgende Wüste

Marken angegeben: Alsdorf nordwestlich Borna, Albersdorf östlich

Wermsdorf-Hubertusburg südwestlich Oschatz, *Beyersdorf südwestlich

Lampersdorf südwestlich Oschatz, *Blumenberg südlich Oschatz,

Boigen oder Bogen südwestlich Röcknitz nördlich Wurzen, Broschwitz

(Proschwitz, Breschwitz) zwischen Thallwitz und Collmen nordöstlich

Wurzen, Budigaß nordöstlich Zwenkau, *Cunnersdorf westlich Oschatz,

Danitz (Dähnitz, Denitz) südlich Collmen nordwestlich Wurzen, Dellnick

(Döllnick, Delanichen) südlich Röcknitz nördlich Wurzen, Dittersdorf

südwestlich Dahlen, *Drehsa nördlich Brandis östlich Leipzig,

*Eckartsberg südwestlich Theusdorf nordöstlich Kohren, *Flickert

(Pflicker-Mark) südöstlich Markranstädt, Gaumnitz (Gaunitz) zwischen

Rochzahn und Casabra südlich Oschatz, Glade südöstlich Naunhof

nordwestlich Grimma, Gohlis südlich Markranstädt, Göhrendorf westlich

Wurzen, *Gorau (Gohrau, Gora) östlich Oschatz, Grasdorf südöstlich

Markranstädt, *Groß-Neußlitz (Naußlitz, Neißlich, Meuselwitz)

nordwestlich Oschatz, *Groß-Wüstalbertitz nordöstlich Lommatzsch,

Grune zwischen Kühnitzsch und Dornreichenbach östlich Wurzen, Heinitz

südlich Borthen-Burgstädtel westlich Pirna, Hennersdorf westlich

Thammenhain nordöstlich Wurzen, *Kaisershain bei Elbisbach südlich

Bad Lausick, Klein-Neußlitz (Naußlitz, Neißlich, jetzt Wirtshaus)

bei Merkwitz nordwestlich Oschatz, *Klein-Wüstalbertitz nördlich

Lommatzsch, *Köllsdorf (Köhlsdorf, Kölzdorf) nordwestlich Bad Lausick,

Kolmen südöstlich Holzhausen südöstlich Leipzig, *Krummlampertswalde

nordöstlich Falkenhain nordöstlich Wurzen, *Lautzschen nördlich Dögnitz

westlich Wurzen, Maschendorf westlich Breunsdorf westlich Borna,

*Mehlis (jetzt Wirtshaus) südwestlich Böhlitz-Mutzschen, Miltitz

zwischen Heyda und Boritz südöstlich Riesa, Moschütz (Moschitz,

Maschütz) nördlich Körlitz östlich Wurzen, *Naundorf (Wüstnaundorf) mit

Haideberg zwischen Weida und Ganzig westlich Riesa, *Neblitz (Nebelitz)

nördlich Hohenheida nordöstlich Leipzig, Olbersdorf südlich Röhrsdorf

südwestlich Gorknitz westlich Pirna, *Ottendorf südwestlich Bennewitz

südwestlich Wurzen, Poppeln südwestlich Falkenhain östlich Wurzen,

*Pratzschwitz (Praschwitz, Proschwitz) nördlich Oschatz, Recknitz

südöstlich Ragewitz südwestlich Mutzschen, Reichsfeldern südwestlich

Nieder-Grauschwitz südöstlich Mutzschen, Rosendorf bei Thierbach

nördlich Borna, *Rustel-Mark zwischen Klein-Trebnitz und Jacobsthal

nordöstlich Strehla, Sahnau (Sahna) nordwestlich Crimmitschau,

Sahnsack südlich Wurzen, Schaldau östlich Groß-Böhla nordwestlich

Oschatz, Schalitz südwestlich Trebelshain östlich Wurzen, *Schönstädt

südöstlich Dornreichenbach südöstlich Wurzen, Siedewitz südöstlich

Thallwitz nordwestlich Wurzen, Söllnitz (Sellnitz) zwischen Dehnitz und

Oelschütz südlich Wurzen, Staucha (Stauchau) nordöstlich Burkhartshain

südöstlich Wurzen, *Stein (Wüstungsstein) zwischen Beucha und

Heinersdorf westlich Bad Lausick, *Stolpen (jetzt Vorwerk) südöstlich

Heyda östlich Wurzen, Tauchnitz bei Groß-Zschepa und Collmen-Böhlitz

nordöstlich Wurzen, Trochau (Trojau, Trojan, Trogan) südöstlich

Blumroda östlich Regis, Warthau östlich Wurzen südwestlich Zschorna,

Wehrbruch (Querbruch, Berbruch) nordwestlich Zweenfurth östlich

Leipzig, Weiße Mark nördlich Zwenkau, *Wenig-Glasten südlich Glasten

nordöstlich Ballendorf östlich Bad Lausick, *Wenig-Machern nordöstlich

Machern westlich Wurzen, Willebisch nordöstlich Markranstädt,

Wilschwitz (Willschütz, Wülschwitz) nordwestlich Trogen nordwestlich

Lommatzsch, *Wittendorf nordöstlich Thierfeld nordöstlich Hartenstein,

*Zöllsdorf (Zölsdorf, Zielsdorf) südöstlich Kieritzsch nordöstlich

Borna, Zschöllau (Zschellau) nördlich Oschatz. Gehen wir diesen 70 auf

den Meßtischblättern angegebenen Wüstmarken weiter nach, so ergibt

sich, daß die 27 mit einem Sternchen versehenen bis in die Gegenwart

als _selbständige Flurgebilde_ fortbestehen, die eigene Flurgrenzen

und eigene Flurbücher haben. Bei den meisten Wüstmarken liegen die

Verhältnisse anders. Sie wurden _aufgeteilt_. Hier erwächst der

Forschung die reizvolle Aufgabe nachzuweisen, welche Nachbargemeinden

sich in die ehemalige Wüstungsflur geteilt haben und in welcher Weise.

Meist wird es gelingen, wenn auch nur mit einer bis zu einem gewissen

Grade erreichbaren Sicherheit und Genauigkeit, und zwar mit Hilfe

genauer Beobachtungen des Grenzverlaufs, richtungweisender Flurnamen

und urkundlicher Zeugnisse. Durchgeführte Beispiele mit Kartenskizzen,

und zwar der Wüstungen Adelsberg und Altdorf bei Chemnitz, Alte Harth

und Wartha ebenfalls bei Chemnitz, Franken südlich Dresden, Hasela

(Hasenlaube) westlich Wilsdruff und Thümmel bei Limbach findet man

in den Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte XVI (1913)

S. 15 bis 28 (Rudolf Ulbricht), der Wissenschaftlichen Beilage

der Allgemeinen Zeitung Chemnitz vom 15. 2. 1912 (derselbe), den

Mitteilungen des Vereins für sächsische Volkskunde VI (1912) S. 16

bis 20 (derselbe), VIII (1922) S. 139 bis 146 (Beschorner) und in der

Monatsbeilage zum Wilsdruffer Tageblatt »Unsere Heimat« XIII (1924)

Nr. 3 S. 13 bis 16, Nr. 4 S. 9 bis 16, Nr. 5 S. 12 bis 16 (derselbe).

Da diese Arbeiten aber nicht jedem gleich zur Hand sind, so sei

hier noch der Versuch gemacht, die _Flur des untergegangenen Dorfes

Grun-Praschütz_, östlich Dresden, zu bestimmen. Wie schon oben erwähnt,

wurde dieses Dorf 1310 von Räubern ausgeplündert und dem Erdboden

gleich gemacht. Das Kloster Altzelle, dem es gehörte, verzichtete auf

den Wiederaufbau. Es verkaufte den Grund und Boden und erwarb dafür

anderen Besitz bei Strehlen, Zschachwitz, Kauscha usw. Für die Lage

des einstigen Ortes Grun-Praschütz ist zunächst wichtig, daß es immer

zusammen mit Strehlen genannt und außerdem in einer Urkunde vom 26.

März 1315 (Hauptstaatsarchiv Dresden Nr. 2034; vgl. Beyer, Altzelle S.

579 Reg. 350) als ~super fluvium Albee~, also »an der Elbe gelegen«

bezeichnet wird. Diese beiden urkundlichen Angaben lassen allerdings

noch ziemlich viel Spielraum; denn die Elbe, wenigstens wie sie heute

fließt, ist ziemlich weit von Strehlen entfernt. Aber das Dresdner

Amtserbbuch von 1547 kommt uns zu Hilfe, indem es auf Bl. 646 angibt,

daß Seititz (Seidnitz östlich Dresden) und Gruhn-Praschitz (Bl. 654~b~

Grun-Brabschitz genannt) »eine Gemeine« bildeten. Das ehemalige Dorf

Grun-Praschütz lag also zweifelsohne bei Seidnitz, es fragt sich nur

noch, wo? Da, wie Schiffner und Herzog übereinstimmend angeben, eine

halbe Hufe der Dorfflur an einen Grunaer Bauer kam, so könnte man

vermuten, es habe nach Gruna zu gelegen; dafür würde vielleicht auch

der sonst nicht recht erklärliche Zusatz _Grun_-Praschütz und die

Bezeichnung eines Aktenstückes von 1843 »Gruna mit Grünrabschütz«

sprechen. Andererseits aber erwähnen Schiffner und Herzog, daß auch

Einwohner von Klein-Zschachwitz Anteil an der Flur hatten und daß

die ehemalige Praschützer Gemeinde (also eine Wüstungsgemeinde in

obengedachtem Sinne) in Groß-Zschachwitz ihren Sitz hatte. Danach

scheint es wieder, als ob sich die Praschützer Flur mehr nach

Laubegast zu erstreckt hätte. Die Zweifel wegen der Lage der Wüstung

Grun-Praschütz werden zum größten Teil gelöst durch die Flurkrokis,

die Grundkarte 417/443 und das Meßtischblatt 66, aus denen die

Flurgrenzverhältnisse der Gruna-Blasewitzer Gegend hervorgehen. Die

an und für sich regelmäßige Flur von Seidnitz hat im Norden einen ganz

merkwürdigen Ausläufer, der bis zur Elbe reicht, zwischen Tolkewitz und

Blasewitz. Ein ganz ähnliches Anhängsel hat die sonst auch ziemlich

regelmäßige Flur von Gruna; auch dieser langgezogene Zipfel von Gruna,

der sich westwärts an den Seidnitzer Zipfel anlehnt, erstreckt sich bis

zur Elbe. Es kann keinem Zweifel unterliegen: Diese beiden Flurarme

von Seidnitz und Gruna bildeten einst die Flur des im Jahre 1310

untergegangenen Dorfes Grun-Praschütz oder einen wichtigen Teil davon.

Vielleicht gehörte noch der östliche Teil der heutigen Flur Striesen

dazu, vielleicht auch ein Stückchen der Blasewitzer Flur (vgl. die

nebenstehende Kartenskizze). Das Dorf Grun-Praschütz dürfen wir wohl in

der Gegend westlich vom Tolkewitzer Johannes-Friedhofe suchen, etwa da,

wo sich heute Neu-Gruna gebildet hat.

[Illustration: Lage und Umfang der Wüstung Grun-Praschütz, aus

den Flurkrokis, der Grundkarte 417/443 und dem Meßtischblatte 66

erschlossen]

* * * * *

Was für Gesichter werden viele, die bisher von den Wüstungen so

Ungeheuerliches zu berichten wußten, machen, wenn sie das alles

lesen? Sie werden gewichtig mit dem Kopfe nicken und in ihrem Innern

denken: alles ganz gut und schön, aber im wesentlichen sind es eben

doch die bösen Hussiten und Schweden gewesen. Gegen jahrhundertalten

Volksglauben ist die Wissenschaft so gut wie, nein schlechterdings

machtlos. Vielleicht ließe sich eher als mit Worten mit Taten etwas

ausrichten. Auf jeder Wüstmark sollte ein einfaches Mal gesetzt werden

mit der kurzen Inschrift: »N. N., schon vor … untergegangenes Dorf«. So

absonderlich auch vielen der Gedanke erscheinen mag, neu ist er nicht.

Schon 1825 tauchte er, und zwar in amtlichem Gewande, in der Provinz

Sachsen auf, blieb allerdings unausgeführt. Dagegen wurden tatsächlich

solche Denksteine in der Pfalz errichtet, die sogenannten Rittersteine,

weil ein gewisser A. v. Ritter die Anregung dazu gab. Auch im Odenwalde

soll man auf ähnliche Steinmarken stoßen. Der Heimatschutz sollte sich

bei uns in Sachsen der Sache annehmen. Er würde sich damit keineswegs

nur um die Wissenschaft ein Verdienst erwerben. Er würde vielmehr

wirklichen, praktischen Heimatschutz treiben, werktätig mitarbeiten

an der Erhaltung wichtiger Bestandteile der Heimatkunde unseres

sächsischen Vaterlandes.

Fußnoten:

[11] Siehe den Aufsatz »Wüstungsverzeichnisse« in den Deutschen

Geschichtsblättern VI (1904) Seiten 1 bis 15. Aus der

Provinz Sachsen bringt neuerdings zahlreiche Beispiele

selbständiger Wüstungsgemeinden _G. Reischel_ in »Sachsen

und Anhalt« (Jahrbuch der Historischen Kommission für die

Provinz Sachsen und Anhalt) II (1926) Seiten 222 bis 379

(Die Wüstungen der Provinz Sachsen und des Freistaates

Anhalt).

[12] Wegen der Zusammensetzung der Dresdner Flur s. namentlich

O. Trautmann »Der Boden Dresdens vor 300 Jahren« (Dresdner

Geschichtsblätter XXV, 1916, Seite 176 ff.) und »Ehe

Dresden Stadt wurde« (eb. XXVII, 1919, Seite 175 ff.).

Für die anderen sächsischen Stadtfluren liegen noch keine

zusammenfassenden Veröffentlichungen vor.

[13] Die Wüstungsliteratur für _Sachsen_ findet sich jetzt

vollständig zusammengestellt in den Prof. Rudolf Kötzschke

zu seinem sechzigsten Geburtstage gewidmeten »Deutschen

Siedlungsforschungen« (Leipzig. B. G. Teubner, 1927), S.

141–160.

Die Pillnitzer Staatsgondeln

Von _Siegfried Störzner_, Dresden

Zu den Prunkstücken des Lustschlosses Pillnitz gehörten einst die

im Hafen an der großen Freitreppe liegenden Staatsgondeln. Bei

den prächtigen Wasserfesten, die hier besonders unter August dem

Starken und später unter Friedrich August I. (1768/1827) durch den

allgewaltigen Günstling Grafen Marcolini auf der Elbe inszeniert

wurden, spielten diese Fahrzeuge eine große Rolle. Als beispielsweise

1791 in dem Schlosse der Fürstenkonvent tagte, auf dem die bekannte

_Pillnitzer Konvention_ geschlossen wurde, errichtete man auf der

Insel, dem Elbheger, einen Eintrachtstempel und veranstaltete zu

Ehren der anwesenden Herrscher und Fürsten ein mehrtägiges Fest mit

glänzenden Illuminationen der drei Schlösser, der Insel, des Hafens

und der Staatsgondeln. Allein der Park ward von sechzigtausend Kerzen

erhellt. Ein brillantes Feuerwerk auf der Elbe beschloß die Festivität.

Die Pillnitzer Staatsgondeln werden von den zeitgenössischen

Schriftstellern mit Recht als _die schönsten Fahrzeuge des Landes_

gepriesen. Höchstens die _Prachtschaluppen_ auf den _Moritzburger

Teichen_ konnten sich mit ihnen vergleichen.

Zur Bedienung der Fahrzeuge bildete man aus den Schiffern, Fischern

und Schiffsbauern der nahen Elbdörfer eine kleine _Marinemannschaft_,

die vor hundert Jahren unter dem Kommando des Schiffsaufsehers Johann

Gottfried Krüger stand. Neben diesem ersten Gondelier waren in Pillnitz

zwölf, in Moritzburg zehn und in Dresden vierzehn Gondelführer

vorhanden.

Prächtig waren die _Monturen_. Als solche werden 1830 aufgeführt:

Seidene »Barkarolen-Mützen und -Schärpen«, seidene Westen und

Beinkleider, weiße und braune Schuhe mit seidenen Schleifen.

(Das italienische Wort Barkarole bezeichnet eine kleine Barke,

ein mastloses Fahrzeug, auch ihre Mannschaft und deren Lieder.)

Während die Pillnitzer Monturen weniger abgenutzt wurden, war in

Moritzburg »der Verschleiß« sehr groß, besonders an Schuhen und

Strümpfen, da die dortige Mannschaft bei den »Teichfahrten und

Fischereyen« sehr oft ins Wasser und in den Schlamm waten mußte.

Die Pillnitzer und Moritzburger Staatsgondeln und ihre Mannschaften

unterstanden dem _Schiffsaufseher_ und ersten Gondelier. Als solcher

wird 1760 in den Akten der Steuermann Christian Kalte genannt. Er hat

auch die Aufsicht über die _Fliegende Fähre_. Als er 1769 stirbt,

wird Nachfolger sein Sohn und bisheriger Adjunkt Gottlob Kalte. Sein

Gehalt steigt in vierzig Dienstjahren von vierzig auf hundert Taler.

Kalte der Jüngere stirbt 1809. Nun wird Schiffszimmermeister Pätzold,

Schiffsaufseher bei den Schaluppen der schon genannte Johann Gottfried

Krüger.

Wenn der Hof die Gondeliere nicht brauchte, gingen die Leute ihrer

gewöhnlichen Beschäftigung nach. Die Fahrzeuge lagen meist im

Pillnitzer Hafen, ab und zu das eine auch im Dresdner Gondelhafen neben

der alten Festungsmauer unter dem heutigen Belvedere.

In Pillnitz waren 1824 noch drei große Staatsfahrzeuge stationiert

und zwar _die grüne und die rote Prachtschaluppe_ für die königliche

Familie und eine zweite grüne »oder sogenannte ordinaire Chaluppe«

für den Hofstaat. Letztere zeigte an der Spitze »einen Schnörkel mit

Festonen«, also geschnitzte Laub- und Blumengewinde. In das Fahrzeug

selbst war ein wappengeschmückter »Pavillon« eingebaut.

Ungleich prächtiger war die Ausstattung der beiden anderen

Staatsgondeln. Die _grüne Schaluppe_ zeigte an der Spitze einen

Drachen, auf dem ein Engel ritt, _die rote Schaluppe_ eine Sirene, die

auf einer Seemuschel blies.

Beide Fahrzeuge waren in der Mitte mit großen Pavillons, wie man damals

die Kajüten nannte, versehen. Das Verdeck der Kabine war auf der

grünen Schaluppe mit Blech überzogen und grün gestrichen – daher der

Name des Fahrzeuges! – und mit Kronen, Blätterwerk, Bändern und Ranken

geschmückt. Sechs Schiebfenster, eine Tür mit Flügeln, ein verglastes

doppeltes Bogenfenster zum Schieben, zwei festgemachte bretterne

Sitzbänke, ein Rücksitz, ein langer Tisch, bleifarben gestrichen,

befanden sich in der Kajüte, während im hinteren Teil beim Steuer ein

eiserner Aufsatz und ein kleines Behältnis mit Tür und Schloß Platz

gefunden hatten.

Weiter gehörten zur Ausrüstung sechs Ruder, sechs Ruderriemen, drei

Staken, Flaggenstange, Flagge, fünf Ruderbänke, eine Mastbank, ein

Mastbaum, ein Segel und schließlich noch eine Ziehleine von achtzig

Klaftern Länge (etwa 160 Meter).

Ganz ähnlich war die Ausrüstung der _roten Schaluppe_. Auch sie trug in

der Mitte einen Pavillon. Ferner zeigte sie am Bug und am Heck je eine

Vase mit Festonen, während sie an den Seiten mit den königlichen Wappen

dekoriert war.

Wundervoll war die _Innenausstattung der beiden Staatsgondeln_, die

übrigens auch außen mit prächtigen Schnitzereien geziert waren.

Auf dem einen Fahrzeug zeigte die Decke der Kabine eine _Karte des

Elbstroms_ von der böhmischen Grenze bis nach Dessau. Dazwischen sah

man alle Arten der im Strom vorkommenden Fische und allegorische

Darstellungen der Elbe, Mulde, Saale und Unstrut. Die Täfelung zwischen

den Kajütfenstern zierten Bilder mit Motiven aus den schönsten

Elblandschaften, dazu Darstellungen der verschiedenen Arten der

Elbfischerei.

In der Kabine des anderen Prachtfahrzeuges erblickte man alle Arten

von Schiffen, von der stolzen Galeere und Galeone bis zum kleinsten

und primitivsten Fahrzeug der Naturvölker. Weiter eine Darstellung der

Fischereigeräte aller Länder. Eine prächtige Windrose zierte die Decke.

Noch ein Wort von den _Künstlern_, denen diese Ausstattung zu

verdanken war. Die Ideen zu den geschmackvollen Verzierungen stammten

von dem Freiherrn von Racknitz, der Entwurf der Zeichnungen von dem

Hofkondukteur (Bauführer) Schuricht, die »enkaustischen Arbeiten«

(eingebrannte Malereien) und Gemälde von den Hofmalern Klinger und

Klengel.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Sachsen einst auch »_Kriegsschiffe_«

besaß. So befuhr um 1800 eine stolze, wohlarmierte _Fregatte_ den

seeähnlichen Großteich bei Moritzburg. Sie war von dem Hamburger

Schiffszimmermann Petzold erbaut worden und kostete die recht

ansehnliche Summe von dreißigtausend Talern. Im Jahre 1790 wurde sie

beim »Entenfang« unter großen Festlichkeiten vom Stapel gelassen.

Schließlich sei noch daran erinnert, daß vor zweihundert Jahren zur

Zeit Augusts des Starken _Übigau der Sitz der sächsischen Marine_ war.

So fuhr Mitte Mai 1728 der prunkliebende Herrscher von hier mit einer

Flotte von vier Brigantinen, vier Schaluppen und sechs großen Prahmen,

die mit achtzehn Kanonen bestückt waren, stromabwärts nach Torgau und

Wittenberg. Gegen hundertfünfzig Matrosen und Steuerleute bildeten

die Besatzung. An allen größeren Orten wurde die sächsische Armada

mit Musik und Salven begrüßt, was von der Flotte durch Kanonenschüsse

erwidert ward.

Anmerkung der Schriftleitung: Die beiden Gondeln sind

inzwischen dem Johanneum in Dresden überwiesen worden und haben

dort Aufstellung gefunden.

Bücherbesprechungen

Die Dorfkirche und der Heimatschutz

In jedem Dorfe stehen Kirche und Gottesacker oft als einzige Zeugen

der älteren Vergangenheit, in vielen Fällen aus historisch nicht mehr

erhellbarer Vorzeit auf die Gegenwart gekommen. Wir reden also zunächst

von der Dorfkirche als einzigartigem Bau- und Kulturdenkmal. Allerdings

kommt daneben in den überwiegenden Fällen auch das Rittergut in

Betracht. Was haben manche Dörfer an ihrem Rittergut! Aber wohlgemerkt,

wir reden jetzt nicht von den Gutsherrschaften als Persönlichkeiten.

Deren tatsächliche oder mögliche Wirksamkeit in Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft erheischt eine Würdigung für sich. Jetzt haben

wirs nur mit dem Gehäuse, mit den Höfen und Mauern, den Steinwappen,

Schlössern und Parks zu tun. Da ist nun zu sagen, daß deren Wirksamkeit

als mit der Geschichte versöhnende und verbindende Brücken und Bänder

vielfach bis heute durch die Nachwirkung gewisser früherer sozialer

Verhältnisse behindert wird. Die Sprache der Vergangenheit redet

allgemein eingänglich vielerorts nur das Kirchgebäude. Ja es fehlt

heute nicht eine Schicht von Rittergutsbesitzern, die vielleicht erst

durch das gegebene Verhältnis zu ihrer Dorfkirche den Weg zu ihren

historischen Pflichten findet …

Neben dem Landedelsitz ist die Dorfkirche Betätigungsfeld des

Heimatschutzes. So grüßen wir auch von hier aus den »Landesverein

Sächsischer Heimatschutz«. Denn ein wesentliches Stück derartiger

Bestrebungen ist, zu sorgen und zu schützen, daß im Bild und Charakter

der Heimat die Sprache der Vergangenheit nicht überschrien werde.

Also immerhin mag gelten: Neben dem Edelsitz die Dorfkirche ein

_Betätigungsfeld_ des Heimatschutzes, indem es die Gegenwart auf so

verschiedenen Wegen zur Würdigung jener Werte zu erziehen gilt. Aber in

viel höherem Maße _Bundesgenosse_! Denn jene Erbtümer Schloß und Kirche

besitzen in sich selbst Traditionskräfte genug, aus denen sie selbst

leben und die sie auf die Umwelt wirken lassen können. Und dies gilt

von der Dorfkirche in einzigartigem Grade.

Die Dorfkirche mit ihren Altertümern und Archivschätzen, das Gotteshaus

mit den Spuren seiner Baugeschichte, der Gottesacker mit seinen

Denkmälern und Erbstätten bilden auf dem Dorfe den Ankerpunkt des

historischen Heimatsgefühls. Und zwar tatsächlich, nicht etwa nur in

unseren wohlmeinenden Wünschen und Voraussetzungen. Das alles lebt

im Dorfe. Oder dieses Leben ist leicht zu wecken und wach zu halten.

Dieser Schatz ist in Predigt und Unterricht, an der Kirmes und auf

Wandergängen, durch Vorträge und im Gemeindeblatt leicht zu heben

und auszumünzen. Kenntnis und Schätzung der kirchlichen Altertümer

schafft Augen für die Privataltertümer. Heimatsmuseen (die übrigens

ein Problem für sich sind) und Heimatsbücher sind ohne die Dorfkirche

nicht zu denken. Diese bildet den oft vielleicht unbewußten Untergrund

von Heimatsinn und Heimatsfreude. Also ein Element des Volkstums.

Wem anders als der Dorfkirche können wir auf dem Lande so willig in

die Verwurzelung mit den Jahrhunderten folgen! Vollends wenn die

Dorfkirche noch Zeugnisse der katholischen Zeit enthält. Dann entsteht

ein Geschichtsgefühl, welches zusammen mit dem lieben Kirchenjahr

jenes so wohltätige Bewußtsein der Beheimatung in der _einen_

Christenheit erzeugt. Ja (und das steht mit dem letzten nur scheinbar

im Widerspruch) sogar bis in die Seele der germanischen oder sonstigen

Vorwelt vermag die Dorfkirche die Wurzeln des jetzigen Volkstums zu

senken, wenn sie dem sogenannten Aberglauben des Dorfes nicht pfäffisch

oder blasiert jedwede Freundschaft kündigt …

Vorstehende beherzigenswerte Ausführungen bilden einen Abschnitt aus

der Schrift des Pfarrers Hans Müller in Röcknitz, Die Dorfkirche der

Gegenwart (Verlag von Arwed Strauch in Leipzig 1925, 31 Seiten). Dieses

Heft, mit sieben köstlichen Bildern nach Zeichnungen des Verfassers

geschmückt, kostet eine Mark, und bietet eine Fülle wertvoller Gedanken

und Anregungen, wie vom Bereich der Dorfkirche her Kirche und Kultur

sich wieder verbinden und verbünden können zu gegenseitigem Dienst und

zu gegenseitiger Belebung. Allen Freunden des Heimatschutzes sei daher

diese Schrift warm empfohlen.

=Die Baukunst Breslaus.= Ein architektonischer Führer, im Auftrage

des Schlesischen Bundes für Heimatschutz herausgegeben von _Richard

Konwiarz_. Geschichtliche Einleitung von _Bernhard Stephan_. 136

Bilder und Zeichnungen, Plan der Altstadt und Plan des zukünftigen

Stadtgebietes Breslau 1926. Verlag Graß, Barth u. Co., (W. Friedrich),

Breslau 1.

Das Büchlein ist wie selten eines hinsichtlich Ausstattung und Inhalt

geeignet _praktischen_ Bedürfnissen zu dienen. Wer Gelegenheit

hatte bei der Breslauer Tagung für Heimatschutz und Denkmalpflege

an Hand dieses vortrefflichen Führers das alte ungeahnt schöne

Breslau zu durchwandern, der wird den Wert des Buches erkennen.

Dazu ist allerdings nötig, daß man die geschichtliche Einleitung

Bernhard Stephans in einer ruhigen Stunde durchliest bevor man die

Stadtwanderung beginnt. Diese Einleitung macht das Buch wertvoll auch

für den Laien im weitesten Sinne des Wortes und der Führer bekommt

dadurch Wert für alle Kreise, die der Bau- und Kunstgeschichte

fernerstehen. Darin liegt wohl auch das Geheimnis, weshalb das Buch

überall so freudige Aufnahme gefunden hat. Wer nun dann in der Materie

zu Haus ist, sei es als Fachmann, sei es durch das fleißige Studium

dieser geschichtlichen Einleitung, der wird mit dem Buch in der Hand

eine wahrhaft genußreiche Wanderung durch Breslau antreten können. In

knappen Worten – wir lesen ja auf verkehrsreichen Straßen wandernd –

werden die wichtigsten Eigenschaften und Daten der einzelnen Gebäude

hervorgehoben. In den Kirchen wieder vertieft sich der Verfasser etwas

eingehender in alle Einzelheiten, da kannst du ja im Gestühl sitzend

dir etwas mehr Muße gönnen. So zieht man vom Stadtkern – der Dominsel –

seine Kreise durch die Stadt, und schreitet von Schönheit zu Schönheit.

Man vermeint manches Mal Stadtbilder des mittelalterlichen Nürnberg

vor sich zu haben, so unberührt und rein tritt uns oft die Baukunst

des alten Breslau entgegen. Das Buch bekommt als Führer aber noch

besonderen Wert dadurch, daß der Verfasser nicht Kunstgeschichtler

sondern praktischer Architekt ist, dessen Name mit den besten und

bedeutendsten Bauwerken des modernen Breslau engstens verwoben ist. So

kann er auch sprechen über das Breslau von heute und das Breslau der

Zukunft.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 7–8 · 第 8 / 9 段