Wüstungen_. Sie ist weit größer als gemeinhin angenommen wird. In
dem nassauischen Oberlahnkreise z. B. stehen 30 bisher festgestellte
Wüstungen 61 bestehenden Ortschaften gegenüber. Im Weimarer Kreise ist
das Verhältnis 173 : 309, in Anhalt 274: 351, in Hessen (ehemaliges
Großherzogtum und preußische Provinz zusammengenommen) 2800 : 3300,
in den (besonders gut untersuchten) provinzialsächsischen Kreisen
Bitterfeld und Delitzsch 307 : 259, in der Altmark 875 : 726, auf dem
Eichsfelde 526 : 288, im Nordthüringgau (Landstrich zwischen Magdeburg
und dem Harze) 500 : 230 bis 240, in Braunschweig 900 : 460, in dem
heutigen Kreise Grafschaft Wernigerode 43 : 14. Aus diesen Beispielen,
die vielfach noch auf alten, unvollständigen Forschungsergebnissen
beruhen, ersieht man, daß in Mitteldeutschland auf einen bestehenden
Ort selten weniger als eine Wüstung kommt, meist aber mehr, häufig
zwei, ja sogar drei. Eine genaue Statistik wird dadurch sehr erschwert,
daß sowohl der Begriff Dorf oder Ort sehr verschieden gefaßt wird,
als auch namentlich der _Begriff Wüstung_. Zu letzterem sind vielfach
zerstörte Burgen, Warttürme, aufgegebene Einzelgüter, Förstereien,
Mühlen, alte Ding-, Gerichts-, Richtstätten und dergleichen, die
eigene Namen haben, gerechnet worden, ferner solche Siedlungen, die
nur _zeitweise wüst_ lagen, später aber wieder auflebten, sei es
mit demselben, sei es mit einem anderen Namen oder in anderer Form.
Endlich sind gelegentlich auch Gemeinden einbezogen, die im Laufe
der Zeit _umgetauft_ oder die _mit anderen Gemeinden vereinigt_
wurden. Umtaufungen sind immer schon vorgekommen. Markneukirchen
z. B. hieß ursprünglich Nothaft, wohl weil es eine Gründung der
gleichnamigen egerländer Familie war; 1274 taucht zum ersten Male
der Name Neuenkirchen für den Ort auf (s. O. Wild, Geschichte von
Markneukirchen, 1925, S. 45). Bärenklause südöstlich Dresden hieß
Goltschau bis 1554, wo der Besitzer des Ritterguts Hans Christoph v.
Bernstein die Änderung des Namens beantragte und bewilligt erhielt
(s. Lippert-Beschorner, Das Lehnbuch Friedrichs des Strengen, S. 45
Anm. 34), Augustusberg südlich Nossen Käseberg (Umtaufung durch Johann
Adolf v. Haugwitz, seit 1705 Besitzer des Guts; s. Postlexikon XIV,
1827, S. 220), Jahnishausen südwestlich Riesa Watzschwitz (Umtaufung
durch Jan v. Schleinitz um 1500; s. Postlexikon XVII, 1830, S. 38,
Kirchengallerie III, 1840, S. 43 und VII, o. J., S. 96), Klipphausen
nördlich Wilsdruff bis 1528 Klein-Röhrsdorf (s. Postlexikon V, 1817,
S. 694), Spreewiese bis 1911 Leichnam (s. Sächs. Jahrbücher 1920),
Wiesenau im Kreise Guben bis 1919 Krebsjauche (s. Niederlausitzer
Mitteilungen XIV, 1918, S. 232 f.; Gubener Zeitung 1919 Nr. 182 vom 6.
8.). Vereinigungen von Gemeinden fanden aber viel häufiger statt. Dabei
ist die Erscheinung zu beobachten, daß sich zwar die alten Namen noch
eine Zeit lang als Bezeichnungen von Ortsteilen halten, allmählich aber
doch aus dem Gedächtnisse der Menschen schwinden. Deshalb sind die
zahlreichen Vereinigungen von Gemeinden, wie sie während der letzten
Jahrzehnte in Sachsen aus Verwaltungsgründen vorgenommen worden sind,
vom geschichtlich-geographischen Standpunkt aus zu bedauern. Welchen
Umfang sie angenommen haben, lehren die Übersichten in den Sächsischen
Kanzlei- und Termin- oder Expeditions-Kalendern für Justiz-,
Verwaltungs- und Gemeindebehörden und in den Sächsischen Jahrbüchern
1920 bis 1926 (bearbeitet von A. Reichel, Dresden, M. Dittert & Co.).
Nur um einen Begriff von den einschneidenden Veränderungen zu geben,
seien die in dem Jahrgange 1920 aufgeführten Eingemeindungen 1900 bis
1919 zusammengestellt, ohne die vielen Ergänzungen dazu in Jahrgang
1921. Es wurden vereinigt 1900 Chrieschwitz mit Plauen, Rößgen mit
Mittweida, 1901 Cölln mit Meißen, Gruna mit Dresden, Löbenhain mit
Röhrsdorf, 1902 Kottewitz mit Lorenzkirchen, Marienthal mit Zwickau,
Räcknitz, Seidnitz und Zschertnitz mit Dresden, 1903 Cotta, Kaditz,
Löbtau, Mickten, Naußlitz, Plauen, Trachau und Übigau mit Dresden,
Reusa mit Plauen, Spittel mit Kamenz, 1904 Groß- und Klein-Wiederitzsch
als Wiederitzsch, Hilbersdorf mit Chemnitz, Messa mit Lommatzsch,
1905 Burgstädtel mit Omsewitz, Domselwitz mit Lommatzsch, Eckersberg
mit Zwickau, Ober- und Nieder-Langenau zu Langenau, Richzenhain zum
Teil mit Waldheim, zum Teil mit Hartha, Serkowitz mit Radebeul,
1906 Leitelshain mit Crimmitschau, 1907 Bernsdorf mit Chemnitz,
Freibergsdorf mit Freiberg, Josephdorf mit Ober- und Nieder-Leutersdorf
zu Leutersdorf, 1908 Friedeburg mit Freiberg, Niederspaar mit
Meißen, Ober-Reichenbach mit Reichenbach, 1909 Mittel-Herwigsdorf,
Gampenstein und Hainewalde zu einer Gemeinde, Mittweida und Tännicht
mit Schwarzenberg, 1910 Alt- und Neu-Tanneberg als Tanneberg,
Dölitz, Dösen, Möckern, Probstheida, Stötteritz, Stünz mit Leipzig,
Klein-Prausitz mit Porschnitz, Mittel-Oderwitz mit Oderwitz, Rosenthal
mit Nieder-Haßlau, 1911 Neudörfchen mit Mittweida, 1912 Alt- und
Neu-Hörnitz als Hörnitz, Brand mit Erbisdorf, Groß- und Klein-Burgk
zu Burgk, Klein-Rückerswalde mit Annaberg, Mühlgrün mit Auerbach,
Oberspaar und Zaschendorf mit Meißen, Tolkewitz mit Dresden, 1913 Borna
und Furth mit Chemnitz, Deila mit Planitz, Eckersdorf mit Coßmannsdorf,
Mülbitz mit Großenhain, Obersachsenfeld mit Schwarzenberg, Reick
mit Dresden, Seitendorf klösterlicher und Zittauer Anteil zu einer
Gemeinde, Strehla mit Bautzen, 1914 Bohnitzsch, Neudörfchen und
Zscheila mit Meißen, Flemmingen mit Hartha, Lausa mit Friedersdorf,
Weixdorf und Gomlitz zu Lausa, Nieder- und Ober-Wiesa als Wiesa,
Ober-Reußen mit Gröba, Scharre mit Hirschfelde, 1915 Eutschütz mit
Bannewitz, Groß- und Klein-Dölzig zu Dölzig, Mockau und Schönefeld mit
Leipzig, Nieder-Pesterwitz mit Potschappel, Ötzsch mit Markkleeberg,
Zschiedge mit Burgk, 1918 Albertsthal mit Rothenbach, Klein-Struppen
mit Struppen, Neunimptsch mit Roßthal, 1919 Neustruppen mit Struppen,
Unter-Weißig mit Weißig bei Döhlen, Voigtsberg mit Ölsnitz, Wilschwitz
mit Staucha.
Es liegt natürlich sehr nahe, die erstaunlich große Zahl von Wüstungen
den vielen _Kriegen_ früherer Jahrhunderte zur Last zu legen. Selbst
Leute, die in der Geschichte Bescheid zu wissen meinen, glauben
unentwegt daran. Nichts aber ist irriger und unbegründeter. Gewiß
kommen vereinzelte Fälle vor, namentlich im frühen Mittelalter. So ist
urkundlich bezeugt, daß der Ort Grun-Praschütz, der ungefähr an der
Stelle des heutigen Neu-Gruna (westlich vom Tolkewitzer Friedhofe bei
Dresden) zu suchen ist, 1310 von Räubern völlig zerstört und nicht
wieder aufgebaut wurde. Die Bewohner siedelten nach Zschachwitz über;
in die Flur, von der noch weiter unten einiges gesagt werden soll,
teilten sich die Nachbarn. Aber solche nachweisbare Fälle des dauernden
Eingehens von Ortschaften in Fehde- und Kriegszeiten stehen bei uns in
Sachsen ganz vereinzelt da und sind auch in dem übrigen Deutschland
nicht eben häufig. Geradezu aber Seltenheiten müssen Wüstungen aus
Kriegen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts (Hussitenkriege, Bruder-,
Schmalkaldischer, Dreißigjähriger Krieg usw.) oder gar aus noch
späteren Zeiten genannt werden. Von den 56 Wüstungen des Kreises
Eckartsberga z. B., den 500 des Nordthüringgaus, den 2800 in Hessen
rührt nicht eine aus dem Dreißigjährigen Kriege her! Ebenso wenig
läßt sich bei uns in Sachsen mit Bestimmtheit nachweisen, daß von den
Hussiten niedergebrannte Dörfer dauernd in Schutt und Asche liegen
blieben, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Wenn _E. Herzog_ bei
den meisten der von ihm im Neuen Archiv für sächsische Geschichte II
(1864) S. 59 bis 110, 193 bis 218, V (1867) S. 319 bis 325, X (1872)
S. 77 bis 85 und XII (1874) S. 90 bis 96 verzeichneten Wüstungen
die Hussiten oder den Dreißigjährigen Krieg als Entstehungsursache
anführt, so entbehren diese Angaben aller quellenmäßigen Begründung.
So schlecht es vielen Orten und ihren Bewohnern durch die Hussiten,
im Dreißigjährigen Kriege, bei dem Schwedeneinfall unter August
dem Starken, im Siebenjährigen Kriege usw. erging, sie wurden doch
allmählich wieder aufgebaut. _Ein_ Beispiel statt vieler: Pennrich bei
Dresden wurde 1631 von den Kaiserlichen völlig verwüstet und sechzehn
Jahre lang von seinen Bewohnern gemieden. Allmählich aber fanden sich
diese doch wieder zu ihrer heimatlichen Scholle zurück. Langsam erstand
das Dorf wieder aus den Ruinen. Manchmal dauerte es freilich auch etwas
länger, aber namentlich die Regierung Augusts des Starken begünstigte,
trotz aller Schwierigkeiten, die gemacht wurden, den Wiederaufbau
vieler Dörfer, um den Wohlstand des Landes zu heben und der Staatskasse
neue Steuereinkünfte zuzuführen. Wer sich genauer darüber unterrichten
will, nehme die 1909 in dem ~Studium Lipsiense~ (Ehrengabe für Karl
Lamprecht) veröffentlichte Arbeit »Über den Wiederaufbau der meisten
im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Dörfer« (Berlin, Weidmann), das
darin berücksichtigte Buch von A. H. Königsdörffer »Verwüstung der
Kirchfahrt Langhennersdorf bei Freiberg im Dreißigjährigen Kriege
und ihre Wiederherstellung« (Freiberg, H. Gerlach, 1879) und als
Ergänzung Pinders »Pegauer Kriegsdrangsale 1633, 1637 und 1644«
(Weitere Beiträge zur Heimatskunde von Pegau VII bis IX, 1905) zur
Hand. Die Geschichte jedes einzelnen Hauses aktenmäßig verfolgend,
weist Königsdörffer nach, daß die vier Dörfer der genannten Kirchfahrt
Langhennersdorf-Obergemeinde, Langhennersdorf-Niedergemeinde,
Reichenbach und Bräunsdorf entweder ganz oder bis auf wenige Häuser
verwüstet, allmählich aber doch wiederhergestellt wurden. Ähnlich geht
aus Pinders Darstellung hervor, daß die Schweden 1644 Pegau und die
Dörfer Carsdorf, Weideroda und Klein-Storkwitz völlig niederbrannten.
Dennoch ist keines davon Wüstung geworden!
Wenn aber Hussiten und Dreißigjähriger Krieg keine oder nur geringe
Schuld an den Wüstungen tragen, _wo_ um alles in der Welt _kommen_ dann
(so werden alle Uneingeweihten fragen) _die massenhaft eingegangenen
Dörfer her_?
Sie sind bei uns zum größten Teile, um es kurz und bündig zu sagen,
eine ausgesprochene _Eigentümlichkeit der Kolonisationszeit_, d. h. der
mit dem 10. Jahrhundert beginnenden Zeit, wo unser bis dahin von den
Slaven besetztes Land von den Deutschen besiedelt wurde. Es war eine
große Zeit, wie sie größer, erfolgreicher die deutsche Geschichte kaum
wieder aufzuweisen hat, als sich erst die deutschen Rittergeschlechter,
dann die Bauern vom Rhein, vom Main und von den Gestaden der Nordsee
in immer stärkeren Strömen über unser Land ergossen und sich teils
neben den Slaven, teils aber in ganz neu gerodeten oder erst noch
zu rodenden Gebieten festsetzten. Manch kleiner Slavenweiler ging
dabei schon zugrunde, wurde zur Wüstung. Dafür erstanden hunderte von
neuen Ortschaften in der Ebene, an den Flußläufen, auf bewaldeten
Höhen und schließlich auch im Gebirge. _Von ihnen erwies sich aber
auf die Dauer nur etwa die Hälfte als bestandfähig._ Im ersten Eifer
wurden doch viele der Neusiedlungen an Stellen angelegt, die sich
später als ungünstig erwiesen, obwohl wir im allgemeinen den sicheren
Blick der Siedler für die günstigste Lage bewundern müssen. Manches
Dorf war zu nahe an einem Flusse angelegt und konnte sich nicht
dauernd gegen die Hochwassergefahr halten. Schon daß die Fluren fast
regelmäßig im Frühjahr und auch gelegentlich sonst noch zum größten
Teile überschwemmt wurden, war unerträglich. Anderwärts wieder fehlte
es an Wasser, namentlich an ergiebigen Quellen. Auch erwies sich der
Boden oft als für den Ackerbau ungeeignet, während ganz in der Nähe
günstigere Bedingungen zu finden waren. In waldigen Gegenden litten
nicht selten die Äcker unter dem Wilde, die auf den Wiesen weidenden
Herden unter Raubtieren. In allen solchen und ähnlichen Fällen brach
man schnell entschlossen das erst vor kurzem gegründete Dorf wieder
ab und zog weiter. Es war das mit nicht zu großen Schwierigkeiten
verbunden, da die Dörfer nur klein waren und zunächst aus Blockhäusern
bestanden, die schnell abgetragen und an einer anderen Stelle wieder
aufgebaut waren. Häufig handelte es sich bei der Verlegung nur um
kleine Entfernungen. Oft hatte man anfänglich die Felder in der
sumpfigen Niederung angelegt, das Dorf aber aus Gesundheitsrücksichten
auf einer benachbarten Höhe errichtet. Mit zunehmender Kultur wurde
das Gelände entwässert. Warum sollte man jetzt das Dorf nicht in die
Ebene verlegen und sich die Möglichkeit bequemerer Bewirtschaftung
der Flur verschaffen? Man wechselte also einfach den Standort des
Dorfes. Häufig gab man dem verlegten Dorfe einen anderen, dem neuen
Gelände angepaßten Namen. Häufig behielt man aber auch den alten bei.
So erklärt es sich, daß man oft in der Nähe eines heutigen Ortes
eine Wüstung gleichen Namens findet, in der Torgauer Gegend z. B.
bei Pülswerda eine Wüstung Pülswerda, bei Klingenhain eine Wüstung
Klingenhain, bei Treptitz eine Wüstung Treptitz. So erklärt sich ferner
der häufig anzutreffende Flurname »Das alte Dorf«.
Rührt schon von diesen Vorgängen und Zuständen eine sehr große Zahl
derjenigen Wüstungen her, von denen die Quellen des 13., 14. und
15. Jahrhunderts wissen, so fallen doch auch noch zwei andere Dinge
schwer ins Gewicht: die _Zusammenlegung_ mehrerer kleiner zu einem
großen Gemeinwesen in früheren und frühesten Jahrhunderten und die
_Aufsaugung_ vieler Dörfer durch die Städte, Klöster und weltlichen
Großgrundbesitzer. Die Zusammenlegung von Dörfern geschah vornehmlich
wohl aus Sicherheitsgründen. Da es bei den mittelalterlichen Kriegen
und Fehden weniger auf große Schlachten als darauf ankam, den Gegner
durch Plündern und Sengen möglichst an seinem Besitztum zu schädigen,
so entschlossen sich viele kleine Dörfer, die auf offenem Felde dem
Feinde wehrlos preisgegeben lagen, ihre Selbständigkeit aufzugeben und
unter den Schutz eines in der Nähe gelegenen, vielleicht befestigten
oder wenigstens durch eine Landwehr gesicherten Ortes zu begeben.
Aus freiem Willen, durch böse Erfahrungen gewitzigt, vielleicht auch
durch den Grund- oder Landesherrn veranlaßt, zogen die Bewohner
mit Hab und Gut dorthin. War die Zuflucht nicht zu weit entfernt,
so brauchten sie ihre Selbständigkeit nicht ganz aufzugeben; von
dem neuen Wohnorte aus bewirtschafteten sie ihre Felder weiter und
blieben dort auch eine Sondergemeinde in der größeren Gemeinde. Solche
_Wüstungsgemeinden_, die ihre eigenen Schulzen hatten und unter deren
Vorsitze jährlich Feld- oder Rügegerichte, meist auf den Wüstmarken
selbst, abhielten, treffen wir, und zwar bis in die Gegenwart hinein,
häufig in allen Gegenden Deutschlands und auch bei uns in Sachsen an;
z. B. waltete in den Dörfern Holzhausen und Zuckelhausen südöstlich
Leipzig der Kolmenrichter für die Wüstung Kolmen, die in der
Geschichte der Universität Leipzig eine Rolle spielt, seines Amtes,
für die Wehrbruch-Gemeinde östlich Leipzig der Vogt des Leipziger
Thomasklosters, dem die Wehrbruchmark zustand. Jedes Jahr einmal hielt
er auf ihren Feldern unter Zelten Gericht ab, zu dem die Bewohner von
Zweenfurth, Panitzsch und Sommerfeld die Schöffen zu stellen hatten und
diese hinterher bewirten mußten[11].
Nicht nur heute, auch schon im Mittelalter übten die _Städte_ große
Anziehungskraft auf die Bewohner des umliegenden platten Landes aus.
Hinter den Stadtmauern war man sicher vor den Unbilden des Krieges
und Überfällen durch Räuberbanden. Stadtluft machte außerdem frei,
wie der bekannte mittelalterliche Rechtsgrundsatz lautete. Ledig der
lästigen Hörigkeit, konnte hier der Bauer sein Leben in Selbständigkeit
genießen und sich aller der Vorzüge erfreuen, die die Stadt sonst
noch bot. Viele Gemeinden gaben also ihre Dörfer auf und wanderten
nach der nahen Stadt aus, indem sie einer Vorstadt, einem Stadtteile
oder einer Straße den Namen ihres bisherigen Dorfes liehen. Von
hier aus bewirtschafteten sie ihre Felder weiter, wenn diese nicht
gar zu entfernt lagen, und bildeten ebenfalls in dem städtischen
Gemeinwesen ihre Sondergemeinde weiter unter eigenem Richter oder
Schulzen. Es läßt sich aber auch beobachten, daß die Bewohner eines
Ortes allmählich nach der Stadt abwanderten, bis das Dorf leer stand
und allmählich verfiel. Um alle älteren Städte legt sich daher ein
Kranz von Wüstungsfluren, oft bis zu einem Dutzend und mehr. In der
Stadtflur _Dresden_ z. B. sind außer Drezde die Wüstungsfluren Auswick,
Fischersdorf, Lonnßewitz, Ostra, Poppitz und vielleicht noch zwei
andere Wüstungen unbekannten Namens (die eine zwischen Hauptbahnhof
und Zschertnitz, die andere etwa an der Stelle des Striesener Platzes)
aufgegangen[12], in _Leipzig_ außer Lipzc Debeschütz (bei Connewitz),
Deutschendorf (Reudnitz), Groß- und Klein-Parthau, Lusitz, Miltzschen,
Naundorf, Ölschwitz, Petsch, Pfaffendorf und Übelessen, in _Chemnitz_
außer Kamenicz Borstendorf und Streitdorf, in _Döbeln_ außer Dobelin
Mannsdorf, Staupitz und Thulschitz, in _Leisnig_ außer Lisnig Delen
(Döhlen) und Moschwitz, in _Grimma_ Borensdorf, Harth, Neschwitz,
Papperzan und Rappenberg (Vorwerk), in _Rochlitz_ außer Rochlici
Koselitz, Poppitz, Weidschitz und Zaßnitz, in _Borna_ Abtsdorf (zum
Teil), Altstadt Borna, Bockwitz (jetzt Vorwerk), Gnandorf, Hartzdorf,
Haulwitz, Tummlitz (zum Teil) und Wenigen-Borna, in _Geithain_ Altdorf,
Bogin, Ober-Geithain, Oberstadt, Ottenhain und Unterstadt, in _Oschatz_
Cunnersdorf, Blumenberg, Gorau, Groß-Neußlitz und Praschwitz (aus der
die Stadt Oschatz wie herausgeschnitten erscheint. – Es muß genügen,
hier auf die zahlreichen Wüstungen, die sich in unmittelbarer Nähe der
meisten Städte finden, und auf die ganz besonderen Aufgaben, die der
Wüstungsforschung daraus erwachsen, hinzuweisen. Bei uns in Sachsen hat
man diesen Dingen noch auffallend wenig Beachtung geschenkt. Anderwärts
ist man ihnen vielfach mit größerem Eifer nachgegangen. Vor allem
sei auf J. Lappes Rechtsgeschichte der Wüsten Marken (Münster i. W.,
1916), das die Einleitung zu dem geplanten Sammelwerke »Die Wüstungen
der Provinz Westfalen« sein soll, aufmerksam gemacht. Das Buch enthält
auch ein umfängliches, allerdings für Sachsen so gut wie nicht in
Betracht kommendes Verzeichnis von Arbeiten, die sich mit Wüstungen in
Deutschland beschäftigen[13].
Ähnlich wie die Städte wirkten die _Klöster_ und _großen
Gutswirtschaften_ aufsaugend auf die Nachbarorte und Nachbarfluren
ein, nur daß hier die Bauern nicht freiwillig ihre Besitzungen
aufgaben, sondern (wenn auch wohl meist gegen Entschädigungen)
dazu gezwungen wurden. Hatte aber ein Kloster alle Bewohner eines
Nachbarortes »gelegt« (wie man den Vorgang nannte), so riß es die
Häuser nieder und erbaute an ihrer Stelle ein Klostervorwerk. Mit den
Klöstern wetteiferten die großen Grundherren im »Bauernlegen«. Die
Fürsten veranlaßte dazu in vielen Fällen ihre _Jagdleidenschaft_.
Bei uns in Sachsen z. B. bewog Kurfürst August die Bewohner des im
Friedewalde (westlich Moritzburg) gelegenen Dorfes Kreyern, nach Coswig
auszuwandern, wo sie mit Land und zeitweisem Steuererlaß entschädigt
wurden. Dafür ließ er die Häuser abtragen und in der Nähe das Forsthaus
gleichen Namens errichten. Ebenso verfuhr er mit dem Orte Benken
südlich Torgau. Einem allerdings bisher unverbürgten Gerüchte zufolge
soll er sogar daran gedacht haben, alle Dörfer der Sächsischen Schweiz
aus dem Bereiche seiner Wildbahn wegverlegen zu lassen.
Mögen endlich noch der _aufblühende Bergbau_ in Sachsen, der große
Volksmassen in das Erzgebirge abwandern ließ, die _Pest_ oder
andere seuchenartige Krankheiten, wie sie besonders im Gefolge von
verheerenden Kriegen auftraten, und _Naturereignisse_ manchem Orte
bei uns in früheren Jahrhunderten verderblich geworden sein, so
dürften wir die Hauptursachen für das massenhafte Wiederverschwinden
von Siedlungen kennengelernt haben. Die wellenförmige Bewegung, die
wir überall in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit beobachten
können, zeigt sich auch hier. Auf die von einem bewundernswerten
Geiste getragene Kolonisationsbewegung folgte ein gewaltiger
Rückschlag, der seine sichtbaren Spuren in zahllosen Wüstungen
zurückgelassen hat. Man hat geradezu von einer Zeit der »Entsiedlung«
und der »Zusammensiedlung« gesprochen. Ihre Wirkungen wurden noch
verstärkt durch den _wirtschaftlichen Niedergang vieler Gegenden
Deutschlands_ schon vor dem Dreißigjährigen Kriege, wie ihn A. Grund
(Veränderung der Topographie im Wiener Walde und Wiener Becken:
Geographische Abhandlungen, herausgegeben von A. Penck, VIII 1,
Leipzig, 1901), R. Hoeniger (Der Dreißigjährige Krieg und die deutsche
Kultur: Preußische Jahrbücher 1909 S. 402 bis 450. – Die Legende
von der kulturvernichtenden Wirkung des Dreißigjährigen Krieges:
Korrespondenzblatt des Gesamtvereins LX, 1912, Spalten 162 bis 164) und
F. Kaphahn (Der Zusammenbruch der deutschen Kreditwirtschaft im 17.
Jahrhundert und der Dreißigjährige Krieg: Deutsche Geschichtsblätter
XVIII, 1912, S. 139 bis 162) nachgewiesen haben.
Da das Wüstwerden meist in sehr frühen Zeiten erfolgte, wo noch nicht
jeder Vorgang, namentlich wenn er als selbstverständlich erschien,
aufgeschrieben wurde, so dürfen wir nicht beanspruchen, auf das Jahr
oder Jahrzehnt genau das Eingehen und seine Ursachen im einzelnen
festlegen zu können. Wir müssen uns damit begnügen, in erster
Linie _festzustellen, wann die Orte zuerst als Wüstungen_ (~villae
desolatae~, ~villae desertae~ und dergleichen) _auftauchen_ und _wo die
Orte gelegen haben_. Dafür gibt es vielerlei Merkmale. Am leichtesten
ist die Sache, wenn von den ehemaligen Dörfern noch _einzelne
Gebäude übrig_ geblieben sind, _Vorwerke_, _Mühlen_, _Wirtshäuser_,
_Bauernhöfe_ oder gar _Kirchen_; denn unter den eingegangenen Orten
befindet sich auch gar manches alte Kirchdorf. Bekannte Beispiele
von Wüstungskirchen in Sachsen sind die Theklaer Kirche nordöstlich
Leipzig und die Kirche von Witro bei Paschwitz nördlich Wurzen an der
preußischen Grenze. Wo solche weithin sichtbare Zeugnisse für Wüstungen
fehlen, muß Vertrautheit mit der Örtlichkeit andere Spuren aufdecken.
Oft wissen die Leute der Gegend noch von _Mauerwerk_, das sich da
und dort an verborgenen Stellen findet oder früher beim Umackern
des Bodens gefunden hat, von alten gemauerten _Brunnen_, _gefaßten
Quellen_, verfallenen _Kellern_. _Spuk-_ und sonstige _Sagen_ sind
nicht selten mit solchen Stellen verknüpft. Selbst _geschichtliche
Erinnerungen_ haben sich von Geschlecht zu Geschlecht bis in unsere
Tage fortgepflanzt. Es gilt nur, sich an die richtigen Leute zu wenden
und geschickt aus ihnen herauszuholen, was sie noch anzugeben wissen.
Auch die _Flurnamen_ sprechen meist eine deutliche Sprache. Von der
Bezeichnung »Das alte Dorf« war schon oben die Rede. Die Bezeichnung
»Die Höfchen«, die man nicht minder oft antrifft, zeigt ebenso genau
die Lage eines ehemaligen Dorfes an, ferner Namen wie der Friedhof,
der Dorfplan, der Anger, Wüste Kirche und andere mehr. Wo solche Namen
fehlen, erinnert doch vielleicht der noch erhaltene _Dorfteich_, der
nunmehr im freien Felde oder im Walde liegt, an den alten _Dorfplatz_,
um den sich einst die Gehöfte scharten. Auch die Pflanzenwelt hilft
uns, den Standort ehemaliger Dörfer festzustellen; man muß nur die
Augen aufmachen und wissen, daß _gewisse Pflanzen_, vor allem der
kleinblättrige Efeu, der Holunder, die Brennnessel und das Schellkraut
als sogenannte _Kulturrelikte_ auf ehemalige Bebauung einer Stelle
im Gelände hinweisen. Das _Gras_ aber zeigt an Stellen, wo sich
Mauerwerk im Boden verbirgt, eine andere Farbe und verdorrt schneller,
so daß man gelegentlich von einem erhöhten Standpunkt aus deutlich
den Grundriß der alten, vom Erdboden verschwundenen Häuser sich vom
Wiesengrunde abheben sieht. Wer untergegangene Dörfer aufstöbern
will, muß aber nicht nur auf die genannten Dinge achten, sondern
sein Augenmerk auch darauf richten, ob sich nicht _im Walde Zeichen
früheren Feldbaues_ bemerkbar machen. Die _Hochraine_, die man früher
der vorgeschichtlichen Zeit zuschrieb, sind meist nichts anderes, als
die Überreste von Feldbau auf Fluren, die aufgegeben wurden und sich
später wieder mit Wald bedeckten. – Und zu alledem kommen noch die
_Wege_, die uns oft mit geradezu verblüffender Sicherheit zu Stellen
führen, wo vormals ein Dorf gestanden haben muß. Strahlenförmig laufen
sie nach einem solchen Punkte im Gelände zusammen. Freilich sind
gerade in neuerer und neuester Zeit die Wege vielfach anders gelegt
worden, namentlich in bereinigten Fluren. Deshalb muß man, um hier
richtig zu gehen, gute ältere Karten zu Hilfe nehmen. Sie bieten auch,
wenn sie den _Flurgrenzverlauf_ deutlich erkennen lassen, weitere
Möglichkeiten, Wüstungen oder richtiger gesagt Wüstungsfluren ahnen zu
lassen. _Fluren_ z. B., die sich durch ihre _auffallende Größe_ von
den Nachbarfluren unterscheiden, erscheinen von vornherein verdächtig,
durch Aufnahme von Wüstungsfluren (oder wenigstens von Stücken solcher)
so umfänglich geworden zu sein. Ähnlich sieht es um Fluren aus, die
besondere Zipfel, Ausbuchtungen oder andere, sonst unbegreifliche
Unregelmäßigkeiten aufweisen. Machen sich bei den Nachbarfluren
ähnliche Erscheinungen nach derselben Richtung hin bemerkbar, so kann
ein geübter Kartenleser schon in vielen Fällen lediglich aus der Karte
Wüstungsfluren ablesen, die sich dann durch Urkunden, Restfunde und
die anderen Anzeichen, wie sie eben besprochen wurden, bestätigen. Das
Studium der Flurkarten ist auch wichtig; ergibt sich doch oft aus der
_Aufteilung der Fluren_ ein geschlossener Fremdkörper, der sich als
eine ganze oder teilweise Wüstungsflur kennzeichnet. Einiges Weitere
hierüber später.