stattfinden sollte, wurde es zunächst auf dem Friedhof vergeblich
gesucht. Man hatte eine schützende Hülle darüber gedeckt. Bei dem
Suchen wurde aber noch ein weiteres eisernes Grabdenkmal entdeckt, das
seither wenig beachtet worden war, und das gleichfalls dem Verfall
geweiht zu sein schien, das Grabkreuz der Familie Wolf aus dem Jahre
1834 (Abb. 2). Eigenartig wirkt an dem Grabkreuz die naturalistische
Darstellung des Mohnes, die fast an den Jugendstil erinnert, eigenartig
die verschließbaren Schriftplatten. Der oberste Abschluß, wohl ein
kleines Kreuz, fehlt, kann aber ohne Bedenken fortgelassen werden,
zumal seine ursprüngliche Form unbekannt ist. Auch dieses Grabkreuz
wurde nach Dresden gebracht und wieder hergestellt. Die Schriftplatten
waren nur schwer noch zu entziffern (Abb. 3). Herr Pfarrer Wiese in
Lichtenberg hat Text und Sprüche auf Grund der Photographien und
der Kirchenbücher wieder zusammengestellt. Herr Kunstmaler Richard
Morgenthal malte die Schrift darnach auf die dunkelblau getönten
Platten in Gold (Abb. 4). Das übrige Grabkreuz wurde mit Graphitfarbe
gestrichen, die den Eisencharakter des Kunstwerkes schön betont.
[Illustration: Abb. 4. =Schrifttafeln des erneuerten Wolfschen
Grabkreuzes=]
Noch von einer kleinen Episode soll erzählt werden, die sich bei der
Wiederherstellung dieses Grabkreuzes ereignete, und die beweist, daß
oft auch ein tüchtiger Handwerker einem solchen Kunstwerk seines
Faches verständnislos gegenübersteht. Die kleinen Scharnierbänder der
Schriftplatten mußten erneuert werden, sicher doch keine schwierige
Aufgabe. Wie dies zunächst von dem modernen Schlosser gelöst wurde, mag
das Bild zeigen (Abb. 5). Worte sind wohl nicht nötig. Man mag aber
daraus ermessen, wie schwierig es oft ist, den richtigen Handwerker für
Arbeiten der Denkmalpflege zu wählen, und wie wichtig eine ständige
Beaufsichtigung derartiger Arbeiten ist.
Mit den Lichtenberger Grabdenkmälern wurden zwei Werke aus der Zeit um
1830, die für ihre Zeit besonders bezeichnend in ihrer Auffassung und
Form sind, für die Nachwelt auf Kosten des Heimatschutzes erhalten. Sie
wurden erhalten, damit sie auf ihrem stimmungsvollen ursprünglichen
Standplatz wieder aufgestellt werden. Nur dort in der schönen
Umgebung, neben der prächtigen alten Kirche, werden sie wirklich zur
vollen Geltung kommen. Sie in ein Ortsmuseum zu verbannen, wäre ganz
verfehlt. Man würde dem Friedhof seine schönsten Denkmäler nehmen und
im Ortsmuseum würden sie in ihrer Schönheit niemals zur Wirkung kommen
können. Sie würden damit künstlerisch entwertet werden.
[Illustration: Abb. 5. =Schlechte Scharnierbänder=]
Das stille Tal
Im schönsten Wiesengrunde
Ist meiner Heimat Haus,
Da zog ich manche Stunde
Ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!
Muß aus dem Tal jetzt scheiden,
Wo alles Luft und Klang,
Das ist mein herbstes Leiden,
Mein letzter Gang.
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!
Sterb’ ich, in Tales Grunde
Will ich begraben sein;
Singt mir zur letzten Stunde
Beim Abendschein:
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!
Wilhelm Ganzhorn.
Seit wann die Herren von Einsiedel auf den Burgen Gnandstein und
Wolkenburg sitzen
Ein Nachtrag zum Aufsatz »Burg Gnandstein« im XV. Bande, S. 361–388.
Von _Otto Eduard Schmidt_
Mein Aufsatz über die Burg Gnandstein im letzten Heft des XV. Bandes
der Mitteilungen enthält insofern eine empfindliche Lücke, als ich
dort Seite 366 f. zwar verschiedene unbeglaubigte Nachrichten über die
Zeit, in der die Herren von Einsiedel die Burg besessen haben sollten,
bekämpfen mußte, aber die wünschenswerte Lösung dieser Frage aus Mangel
an urkundlichem Stoff nicht zu bieten vermochte, obwohl ich zuletzt
auch in Gnandstein selbst hierüber Aufklärung gesucht hatte. Nunmehr
aber haben erneute Nachforschungen in den Originalurkunden, Copialien
und Lehnsregistern des Dresdener Hauptstaatsarchivs ergeben, daß doch
die Burg Gnandstein schon weit eher im Besitze der Herren von Einsiedel
gewesen ist, als ich in meinem Aufsatze angegeben hatte. Das Kopialbuch
1303 fol. 99b bis 100a enthält die Abschrift der Urkunde, durch die
Burggraf Albrecht von Leisnig die Burg an Klaus von Einsiedels eheliche
Wirtin Ilse verleiht. Diese Urkunde ist datiert vom Mittwoch »~vor
circumcisionis domini ut supra~«, d. h. aus demselben Jahre, wie die
vorhergehende Urkunde. Da diese aber vom Jahre 1414 stammt, so ist auch
die Verleihung des Gnandsteins an Ilse von Einsiedel am Mittwoch »vor
dem Tage der Beschneidung des Herrn Christus« im Jahre 1414, also am
27. Dezember 1414 erfolgt. Aber auch schon eine Reihe von Jahren vorher
muß Gnandstein – und ebenso Schloß Wolkenburg – in den Händen der
Einsiedel gewesen sein. Denn die Originalurkunde des Hauptstaatsarchivs
vom 9. Juli 1409 mit zwei wohlerhaltenen Einsiedelschen Siegeln:
»gegeben … czu lipck (Leipzig) nach gotis geburde vierzehnhundert Jar
darnach in dem nuynden (neunten) Jahre am nesten (nächsten) dienstage
vor Sente Margarethentage« meldet, daß Heinrich und Klaus von Einsiedel
»den hochgeborn Fürsten herrn friderich und Herrn Wilhellm lantgraffen
in doringen (Thüringen) und marcgraffen von Missen (Meißen) … die
Slosse gnanstein und Wolkenberg geoffnet haben.«
Endlich hat Herr Oberarchivrat Dr. Klocke am Westfälischen Adelsarchiv
in München, der das Urkundenbuch der Familie von Einsiedel bearbeitet,
wie mir Herr Dr. Hohlfeld, Vorsteher der Zentralstelle für
Familienforschung in Leipzig, freundlichst mitteilen läßt, urkundlich
festgestellt, daß Gnandstein jedenfalls als Lehen des Burggrafen von
Leisnig noch im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts an das Geschlecht
von Einsiedel gekommen sei. Als Jahre, in denen ihnen von den genannten
Burggrafen die Anwartschaft auf die Güter des Heinrich Marschall (s.
meinen Aufsatz S. 366) verliehen worden sei, werden 1377 bzw. 1384
genannt.
So hätten also die Herren von Einsiedel auf Gnandstein und die Grafen
von Einsiedel auf Wolkenburg schon im Jahre 1884 oder bald darauf das
Erinnerungsfest an den halbtausendjährigen Besitz ihrer Burgen feiern
können.
Der Kampf gegen die Straßenreklame in den Vereinigten Staaten
Ein lebhafter Kampf spielt sich zur Zeit in Amerika ab, der zur
Einschränkung der Straßenreklame, dessen, was man dort die ~Out-Door
Advertising~, der Ankündigung vor der Türe, nennt. Er geht aus von
der öffentlichen Meinung, die sich in der Presse, wie in den großen
nationalen Verbänden vielfach mit der Frage beschäftigt. Sie sieht
in der Reklame weniger einen Vorteil für die Gesamtproduktion und
den Anreiz zum Warenkauf als den Kampf der einzelnen Geschäfte
untereinander, der volkswirtschaftlich nachteilig wirkt, da er
zweifellos die Waren verteuert. Man ging so weit, öffentlich
aufzufordern in Geschäften, die viel Reklame machen, nicht zu kaufen.
Die Frage hat vielfach bereits die Gesetzgebung beschäftigt, als deren
Zweck man die Durchführung des allgemeinen Willens erkennt. Eine
Druckschrift der ~Municipal Art Society~ in Neuyork, geschrieben von
einem der Führer der Städtebaubewegung in den Vereinigten Staaten,
_Frank B. Williams_, gibt klaren Einblick in den Sachstand. Die
größeren und kleineren Kaufleute und Industriellen, sagt er, haben
erkannt, daß die Kunden Anzeigen außerhalb der Geschäftsviertel nicht
lieben und diese Abneigung auf die angekündigten Waren übertragen,
daher genüge es, wenn sie auf diese nur in den Geschäftsvierteln
hingewiesen werden. Die Geschäftsinhaber aber können auf eine
weitergreifende Reklame nicht verzichten, wenn dadurch ihren
Konkurrenten ein unbilliger Vorteil entsteht. Vielfach haben daher die
Geschäftsinhaber selbst im Sinn dieser Bewegung gewirkt, damit die
Unkosten herabgemindert würden. Aber dennoch sah man sich genötigt, die
Staaten zur gesetzlichen Regelung der Frage aufzurufen und zwar durch
Anwendung der Polizeigewalt der Gemeinden.
Hauptsächlich gilt der Kampf der Reklame in freier Natur, an den
Verkehrsstraßen. Wer eine solche durchfahren hat, kennt die langen
Reihen von Bretterzäunen, die mit Anzeigen überfüllt sind, so daß die
dem Autoführer geltenden polizeilichen Anschläge schwer erkennbar
werden. Man sieht also in dieser Reklame eine Verkehrsgefahr. Dazu
verdeckt sie die Aussicht, behindert also den Spazierenfahrenden am
Zweck, die schöne Gegend zu besehen. Geschäftsgewandterweise befinden
sich nämlich diese Reklamewände zumeist gerade an den beliebtesten
Aussichtspunkten. Die neueren Verfügungen verbieten deshalb die Reklame
an Landstraßen, in Parks, an öffentlichen Bauten, in öffentlichen
Anlagen, an den Haltestellen und Brücken der Bahnen, an der Außenseite
von Omnibussen und Bahnwagen und anderem öffentlichen Eigentum. Da
Straßen und Parks den Gemeinden gehören, haben diese das Recht zu
solchem Verbot. Vergehen gegen diese Bestimmungen werden bestraft. An
Bauten im Privatbesitz dürfen Ankündigungen nur gegen schriftliche
Erlaubnis des Besitzers angebracht werden.
Die meisten amerikanischen Städte haben ein Zonengesetz angenommen,
durch das nach deutschem Vorgang für das Bauwesen abgegrenzte Gebiete
je andere Bestimmungen über Haushöhe, Bauart, Zweck der Bauten
festgelegt sind. Da gibt es u. a. Geschäftsviertel und Wohnviertel.
Letztere sind nur für Wohnzwecke bestimmt, Geschäfte dürfen in die
bestehenden oder zu bauenden Häuser nicht gelegt werden. Selbst
der kleinste Laden ist verboten. In diesen, wie in ländlichen
Bezirken, wurde der Anschlag von Reklame glatt untersagt. Aber auch
den Grundbesitzern sind in der Ausnutzung ihres Besitzes Schranken
auferlegt. Vielfach haben sie für in ihrem Grundstück angebrachte
Reklame eine beträchtliche vom Hausbesitzer zu verlegende Steuer
zu zahlen. Wenngleich die Bundesgerichte die ästhetische Seite des
Bauwesens als nicht der Polizeigewalt unterliegend ansehen, ist doch
der Kampf gegen diese dem Reklamewesen günstige Anschauung so lebhaft,
daß man an eine baldige Änderung der Grundsätze der Gerichte nicht
zweifeln kann, durch die, wie Williams schreibt, das Auge ebenso vor
Unbill geschützt werden muß, wie dies durch die bestehenden Gesetze
hinsichtlich der Nase und das Ohr schon geschieht.
In Deutschland hat die Verarmung dahin geführt, daß Vieles, was
jenseits des Ozeans bekämpft wird, bei uns von den Behörden selbst
angeordnet wurde. Auch gewann ich in Amerika den Eindruck, als wenn
die deutsche Reklame künstlerisch höher stehe, als jene drüben, trotz
einiger sehr eindrucksvoller Schöpfungen.
Aber es ist immerhin bei dem in Deutschland allgemeinen Bestreben,
amerikanische Gedanken als »zeitgemäß« aufzunehmen, beachtenswert, daß
bereits dreißig Staaten im oben geschilderten Sinne gehaltene Gesetze
aufgestellt haben.
Cornelius Gurlitt.
Anmerkung der Schriftleitung: Hoffentlich lernen bei uns in
Deutschland die Betriebsstoff-Reklame-Veranstalter, diese
Verschmierer so manch schöner Landschaft, von diesem Vorgehen
in Amerika, ehe wir es als »zeitgemäß« nachahmen.
Das Wittichkreuz bei Glashütte
Ein Beitrag zur Steinkreuzforschung
Von _Erich Glänzel_, Luchau in Sa.
Wenn man von dem Bergstädtchen Glashütte an der Müglitz die
Staatsstraße nach Dippoldiswalde wandert, zweigt etwa fünfhundert
Meter hinter der Stadt rechter Hand ein kleines Wiesental ab. Ein
Feldweg steigt darin anfangs leicht, bald aber steil aufwärts und dort,
wo das Tal sich weitend in den Hang ausläuft, steht am Rande jungen
Fichtenwaldes, von Hecken malerisch umrahmt, ein altes Steinkreuz. Der
Volksmund nennt es Wittichkreuz nach dem darauf eingeritzten Namen
und den Gerüchten über einen Räuber Wittich, der hier getötet worden
sei. Es soll auch nicht ganz geheuer sein an diesem Ort und wer zur
mitternächtlichen Stunde hier vorübergeht, dem könne wohl der Geist
Wittichs erscheinen. Was hat man aber nun von alledem zu halten?
Der Chronist Laurentius Peccenstein berichtet in seinem Theatrum
Saxonicum[2] vom Jahre 1608 im zehnten Kapitel über diesen Wittich,
über Wittichschloß und Wittichkreuz. Er hat als Quelle eine
Handschrift des Reinerus Reineccius[3] vom Jahre 1569 fast wörtlich
verwendet. Nach beiden Quellen sei das folgende berichtet:
Auf dem Rittersitz Lochaw (heute Erbgericht Luchau bei Glashütte) saß
einst der Ritter Weigold von Bärenstein. Er war in der Jagd und im
Kriegshandwerk wohl geübt, und der letzte Umstand mag vor allem der
Grund gewesen sein, daß ihn der Räuber Wittich besonders fürchtete, der
»seyn auffenthalt in einem starken Felse, gelegen unter der itzigen
Berkstadt Glasehütte« gehabt haben soll. Wittich, der noch »allerley
böse Buben« zu sich gezogen, wurde vom Markgrafen von Meißen öffentlich
ausgekündigt und auf seine Ergreifung, ob tot oder lebendig, eine
hohe »vergunstigung« ausgesetzt. Da er sich am meisten um den »von
Bernstein« sorgte, der seiner »Tugent halben ihm vordechtig war«,
beschloß er »ihn hinderlistiglich hinwegzureumen, in meynunge durch
solch Exempell andere abscheuig zu machen, sich an Ihme zuvorgreiffenn.«
Eines Morgens begab er sich mit einigen Knechten »vor des von
Bernsteins behausunge gegen der Lochaw, begeret ein Gespreche mit
ihme«, das ihm Weigold ohne Argwohn gewährte. Kaum war dieser vors Haus
getreten, tat der Bösewicht mit seiner Armbrust drei Schüsse auf ihn,
doch ohne Schaden. Weigold setzte mit seinen Reißigen den Fliehenden
»auff dem Fuße nach« und holte sie ein. Er hielt Wittich zuerst »seine
Untreue und sein verräterisch Gemüt« vor und griff dann zur Wehr.
Auch der Räuber war »in solchenn sachenn wol geübet«, aber Weigold
behielt die Oberhand und tötete ihn. Sein Raubhaus wurde eingenommen
und zerstört. »Über dem Ryttorsitz Reinharts Grymme« aber wurde wegen
dieses Todschlages »das Kreuz aufgerichtet, das bis heute geblieben.
Voll biederen und ehrsamen Gemütes lehnte Weigold allen Lohn und Dank
des Markgrafen ab; doch da man in ihn drang, sich eine Belohnung
auszubitten, stellte er ein höchst eigenartiges Begehren: man solle
einen guten Hirsch, den er auf seinem Gebiete gehetzt und gefangen,
wegführen und in Dresden über die steinerne Brücke, die über die Elbe
gebaut war, laufen lassen.«
Die oben geschilderte Begebenheit erwähnt Dr. Kuhfahl in Band VI, Heft
11 und 12 der Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz.
Er berichtet nach Valentin Königs Adelshistorie (Leipzig 1707, Band I,
Seite 22), die ich noch nicht daraufhin durchsehen konnte, ob König
Näheres über seine Quelle angibt. Sicher scheint mir aber zu sein,
daß die angeführte Zahl 1430 nur auf Schätzung beruhen kann. Über
die älteste Geschichte der Bärensteins sind fast keine Urkunden mehr
vorhanden, da sie zum größten Teile bei einem Brande des Rittergutes
Ottendorf bei Pirna, daß der genannte Weigold von Bärenstein oder seine
Nachkommen käuflich erwarben, verbrannt sind[4][5]. Erwähnt sei nur,
daß der Großvater Weigolds, Reinhold von Bärenstein, 1315 starb[3].
Geht man von dieser Zahl aus, so dürfte sich der geschilderte Vorgang
sicher wesentlich eher als 1430 abgespielt haben.
Über die richtige Bestimmung des Ortes macht Dr. Kuhfahl Zweifel
im Hinblick auf die oben angeführte Stelle geltend, daß dies Kreuz
über dem Rittersitz Reinhardtsgrimma (siehe oben) errichtet worden
sei. Neuere Feststellungen haben ergeben, daß der heutige Standort
nicht der ursprüngliche ist. Die von Dr. Kuhfahl angeführte Notiz
Bösigks[6], das Kreuz sei einmal umgefallen und wieder aufgestellt
worden, läßt sich dahin erweitern, daß man Ende der fünfziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts das Kreuz von seinem alten Standort entfernte
und nach Glashütte brachte, wo es bei einem Hausbau verwendet werden
sollte. Mag nun bei dem Bauherrn damals ein Funken heimatkundlichen
Gewissens aufgeglüht sein oder kam auch ihn die Furcht an, die die
Mordkreuze allenthalben im Volke verbreiteten, sicher ist, man lud
das Kreuz wieder auf und beabsichtigte wohl, es an seinen Standort
zurückzubringen. Dem Fuhrmann mag die Last zu groß geworden sein. Er
warf den Stein auf halbem Wege ab, und so kam dieser an seinen jetzigen
Standort. Nach den Angaben eines alten Einwohners von Luchau, der
sich auf die eben geschilderten Ereignisse noch genau besinnen kann
und auch die daran beteiligten Personen mit Namen zu nennen weiß,
lag der ursprüngliche Standort des Kreuzes auf Glashütter Boden, nur
wenige Schritte von dem Punkte entfernt, wo Cunnersdorfer, Luchauer
und Glashütter Flur zusammentreffen. Nun läßt sich nachweisen, daß die
Besitzer der hier angrenzenden Cunnersdorfer Fluren dem Rittergute
Reinhardtsgrimma fronpflichtig waren, ja daß ein großer Teil dieser
Fluren lange Zeit mit Reinhardtsgrimma in gleichen Händen war. Dieser
Rittersitz hatte demnach damals eine größere Ausdehnung als heute,
und der alte Standort des Kreuzes lag also dicht ȟber dem Ryttorsitz
Reinharts Grymme«, sofern man dabei die Besitzung als Ganzes, nicht nur
das Rittergut, versteht.
Reinhardtsgrimma muß in hiesiger Gegend eine nicht unbedeutende Rolle
gespielt haben; denn außer den beiden erwähnten Chronisten zieht zum
Beispiel auch der »Pirnische Mönch« diesen Rittersitz zu näherer
Ortsbestimmung heran. Er schreibt von: »Clasehutte in Meißen bey
Reinartsgrimme«[7].
Mag der geschilderte Vorgang auch eine sagenhafte Umkleidung haben, man
kann ihm doch einen historischen Kern nicht absprechen. Konnte sich
bessere Gelegenheit zur Anlegung eines Raubnestes bieten, als sie das
unterhalb Glashütte besonders felsige und wilde Müglitztal bot? Daß das
Erzgebirge manchem Raubritter, als den man Wittich sicher betrachten
kann, Schlupfwinkel bot, wird in der sächsischen Geschichte auch
anderorts erwähnt.
Als Wittich den Mißerfolg seines Anschlages erkannte, wird er ganz
gewiß versucht haben, nach seinem Raubnest zu entkommen, das ihm
sicheren Versteck bot und wo er vielleicht auch noch Helfershelfer
hatte. Dahin führte der kürzeste Weg über jenen Ort, an dem das Kreuz
früher stand. Es ist doch ganz unwahrscheinlich, daß er in Richtung auf
das Schloß Reinhardtsgrimma floh, wo er nur auf neue Feinde treffen
mußte. Das Steinkreuz, das im Dorfe Reinhardtsgrimma steht, sowie das
verschwundene Kreuz am Wege von Luchau nach diesem Orte[8] läßt sich
also kaum mit dem Ereignis in Verbindung bringen.
An der Echtheit der Inschrift auf Wittichkreuz ist, wie Dr. Kuhfahl
bereits sagt, mit Sicherheit zu zweifeln[9], die geschichtliche
Echtheit des Kreuzes glaube ich aber nach meinen Ausführungen als sehr
wahrscheinlich dargestellt zu haben.
Fußnoten:
[2] Laurentius Peccensteinius, Theatrum Saxonicum, 1608 (Sächs.
Landes-Bibliothek zu Dresden).
[3] Ankunfts u. Geburts Stam d. Geschlechtes der von Bernsteyn
usw. v. Chr. Reynerum Reyneck Steinhemium, Ao. 1569.
(Handschrift i. d. Sächs. Landesbibliothek zu Dresden).
[4] Umständliche Nachrichten von Altenberg, von Chr. Meißner,
1747, S. 532.
[5] Peccensteinius, Theatrum Saxonicum, 1608.
[6] F. L. Bösigk »über Mordkreuze« (Mitteilungen d. Kgl. Sächs.
Altertumsvereins zu Dresden, 1857, 10. Heft, S. 31 ff.).
[7] Christoph Meißner, Umständliche Nachrichten von Altenberg,
1747, S. 585.
[8] Dr. Kuhfahl, Mitteilungen des Landesvereins Sächs.
Heimatschutz, Bd. VI, Heft 11/12, S. 281.
[9] derselbe, Mitteilungen des Landesvereins Sächs.
Heimatschutz, Bd. V, Heft 1. S. 36.
Eine Holzschnitzerin
Zu ihrem achtzigjährigen Geburtstag
Von _O. Seyffert_
In meinen Jugendjahren war mir das Studieren des Lebenslaufes berühmter
Männer die Quelle hohen Genusses. Ich habe aber mit der Zeit das
Gebiet wesentlich erweitert und dadurch auch meine Freude. Heute
will ich von einem Menschenkinde erzählen, das weit entfernt ist von
Berühmtheit, dessen Leben mir aber in seiner rührenden Schlichtheit und
in seiner Auswirkung beachtenswert erscheint. Auguste Müller wurde am
22. August 1847 in Seiffen im Erzgebirge geboren. Sie ist auch immer
hier geblieben, nur einmal kann als stolze, unternehmungslustige Tat
eine Reise nach Dresden verzeichnet werden. Sie ist zu Fuß dorthin
getrippelt, hat sich unterwegs aber Seiffner Jahrmarktsleuten
angeschlossen. Diese weite Wanderung hat starke Erinnerungen
geschaffen, und die Müllerin erzählt gern davon.
[Illustration: Zu Abbildung 1 (siehe Seite 325)
Hans ruft, die Mutter komt schon aus dem Busch, sie nur mal Mutter wir
haben alle viel. Kretel hatte viel Beere Und Hans hatte 3 große Pilze
gefunden, Kretel hatte immer gesungen; Heidelbeere, Heidelbeere, wer
kann mir daß Dink verwehren, Ich hab mein Topf voll Beeren Wer sein
Topf nur halb voll hatt, der ist eine faule Mähre! Die Mutter sagt nun
Komt meine Kinder, wir wollen machen, daß wir heme kum da haben wir
Holz und Pilze und Beere nu wollen wir kochen, Hans spricht, Mutter wir
machen die Pilze heute Omt, Kretel will die Beere einmachen.]
Elend und Kummer hat sie genug kennen gelernt, aber auch die Freude
ist dann und wann bei ihr eingekehrt: Menschenschicksal. Verlobt ist
sie gewesen, ihr Herzallerliebster starb aber kurz vor der Hochzeit.
Dann kamen lange Jahre der Krankheit, seit den vierziger Jahren ist sie
gottlob wieder gesund und munter.
[Illustration: Zu Abbildung 2 (links)
Die kleine Anna und daß Reh
Als Anna zehn Jahre alt war sah sie im Wald ein kleines Reh, daß lag
da und lief nicht fort, als sie nahe zu ihm kam, da war es lahm, daß
Tier tat Anna leit. Sie hob es auf und trug es heim, zu Hauße gab sie
Milch, und machte ein Lager und hatte es gepflegt und daß arme Tier
schlief, und als es schön ausgeruht hatt, da war daß Bein wieder gut
geworden und konte nun springen. Anna hatte daß Reh sehr lieb, zu Hause
bei ihrem Vater hatte sie ein Garten, und führte es hinein, da ist ein
schöner Baum, da frist es die Blätter ab: Anna hatte es mit den Kühen
mit auf das Feld genomen, daß Reh sprang hin und her.
Zu Abbildung 2 (rechts)
Der Nero bast auf, in seiner Hütte sind drei Ratten, Und die Mietze
Katze diese wird wohl auch eine oder alle drei bekommen, da wird Nero
müssen abkratzen, und muß froh sein daß seine Hütte wieder leer wird,
daß er sich kann wieder rein legen, und schlafen.]
Schon in ihrer Kindheit schnitzte und bästelte sie. Sie ist
Volkskünstlerin in des Wortes wahrster Bedeutung. Ich habe sie
dann und wann in ihrer kleinen Stube aufgesucht. Sie gehört zu den
Menschen, die wir zumal auf dem Lande antreffen, welche die gute
Luft »draußen« lassen. Am verschlossenen Fenster steht der Tisch. Der
ist ihre Werkstatt. Auf ihm siehts kunterbunt aus. Aber sie erklärt
dies in philosophischer Ruhe. Die angefangenen oder fast vollendeten
Schnitzereien dürfen »der Ordnung halber« nicht weggeräumt werden, bis
sie fix und fertig sind. Das währt immerhin einige Wochen. Aber der
Tisch ist auch für anderes, z. B. für das Essen und Kaffeetrinken, für
das Lesen vorhanden.
[Illustration: Zu Abbildung 3 (links)
Der große Sultan tat niemand was zu leite. August und Karl setzten
sich auf Sultans sein Rücken. Diese Jungen sind ein großes Stück
gelaufen. Die Mutter rief ihr Jungens kommt rein, der Sultan sollte zum
Fleischer gehen. Hier ist der Korb, liegt ein Zettel drin soll 1 Pfund
Kalbfleisch holen als er zum Fleischer kam, da kratzte Sultan an der
Tiere, der Fleischer gab ihn daß Fleisch er hatte auch einen Knochen
bekommen weil er sehr brav war.
Zu Abbildung 3 (rechts)
Aber Fritz: Geh doch nicht bei mir in die Wäsche, da kanst du dich
nicht waschen? Du must doch erst warten bis ich gewaschen habe, nu ja
Liesel, da hättest du könen erst zu mir sagen.]
Sie schnitzt allerhand kleine Figurenzusammenstellungen aus
Holzstückeln, Ästeln genannt, die sie aus dem Feuerholz herausliest.
Ihre Anregungen holt sie sich aus Büchern und Bildern, am liebsten
aber aus sich selbst. Und sie spintisiert zu gerne und hat ja auch
Zeit dazu. Manchmal porträtiert sie bekannte Leute des Ortes. Mich
hat sie auch einmal unter dem Messer gehabt. Ich bin sehr stattlich
ausgefallen. Meine Frau aber hat mich nicht erkannt. Die Pinsel, die
sie zum Bemalen ihrer Arbeiten gebraucht, verfertigt sie sich selbst.
Sie verwendet dazu die Haare ihrer Verwandtschaft. Die besten Pinsel
– das muß man ehrlich gestehen – liefert ihr Neffe. Das ist der
Krippenfigurenschnitzer Carl Müller, der ihr weitgehend entgegenkommt
und ihr alle Abfälle beim Haarschnitt zuträgt. An mich, ich bin
freilich auch nicht verwandt mit ihr, hat sie sich in dieser haarigen
Angelegenheit noch nicht herangewagt.
[Illustration: Zu Abbildung 4 (links)
Wenn die Liesel die Gänse heim treibt, da singt sie das Liedchen Hule,
hule, Gänschen, wackelt mit dem Schwänzchen. Da schreit die alte Gans
Gick, gack, juch!
Zu Abbildung 4 (rechts)
Die Mutter sagt! Liesel, dreib die Gänse naus auf die Hafelstoppel,
Und paß hübsch auf, daß sie nicht ins Kraut gehn, Liesel schlägt nicht
zu, wenn sie mit der Rute winkt, da folgen sie auch gleich, hinter
den Jungen gehn die Alten her, und sie schreien sehr: gak, gak, gak,
die kleinen hören gar nicht darauf: Sie denken, wo sie könen Fliegen
fangen?]