Wie die Besichtigung dieses Lauchhammergußwerkes im Winter 1926/27

stattfinden sollte, wurde es zunächst auf dem Friedhof vergeblich

gesucht. Man hatte eine schützende Hülle darüber gedeckt. Bei dem

Suchen wurde aber noch ein weiteres eisernes Grabdenkmal entdeckt, das

seither wenig beachtet worden war, und das gleichfalls dem Verfall

geweiht zu sein schien, das Grabkreuz der Familie Wolf aus dem Jahre

1834 (Abb. 2). Eigenartig wirkt an dem Grabkreuz die naturalistische

Darstellung des Mohnes, die fast an den Jugendstil erinnert, eigenartig

die verschließbaren Schriftplatten. Der oberste Abschluß, wohl ein

kleines Kreuz, fehlt, kann aber ohne Bedenken fortgelassen werden,

zumal seine ursprüngliche Form unbekannt ist. Auch dieses Grabkreuz

wurde nach Dresden gebracht und wieder hergestellt. Die Schriftplatten

waren nur schwer noch zu entziffern (Abb. 3). Herr Pfarrer Wiese in

Lichtenberg hat Text und Sprüche auf Grund der Photographien und

der Kirchenbücher wieder zusammengestellt. Herr Kunstmaler Richard

Morgenthal malte die Schrift darnach auf die dunkelblau getönten

Platten in Gold (Abb. 4). Das übrige Grabkreuz wurde mit Graphitfarbe

gestrichen, die den Eisencharakter des Kunstwerkes schön betont.

[Illustration: Abb. 4. =Schrifttafeln des erneuerten Wolfschen

Grabkreuzes=]

Noch von einer kleinen Episode soll erzählt werden, die sich bei der

Wiederherstellung dieses Grabkreuzes ereignete, und die beweist, daß

oft auch ein tüchtiger Handwerker einem solchen Kunstwerk seines

Faches verständnislos gegenübersteht. Die kleinen Scharnierbänder der

Schriftplatten mußten erneuert werden, sicher doch keine schwierige

Aufgabe. Wie dies zunächst von dem modernen Schlosser gelöst wurde, mag

das Bild zeigen (Abb. 5). Worte sind wohl nicht nötig. Man mag aber

daraus ermessen, wie schwierig es oft ist, den richtigen Handwerker für

Arbeiten der Denkmalpflege zu wählen, und wie wichtig eine ständige

Beaufsichtigung derartiger Arbeiten ist.

Mit den Lichtenberger Grabdenkmälern wurden zwei Werke aus der Zeit um

1830, die für ihre Zeit besonders bezeichnend in ihrer Auffassung und

Form sind, für die Nachwelt auf Kosten des Heimatschutzes erhalten. Sie

wurden erhalten, damit sie auf ihrem stimmungsvollen ursprünglichen

Standplatz wieder aufgestellt werden. Nur dort in der schönen

Umgebung, neben der prächtigen alten Kirche, werden sie wirklich zur

vollen Geltung kommen. Sie in ein Ortsmuseum zu verbannen, wäre ganz

verfehlt. Man würde dem Friedhof seine schönsten Denkmäler nehmen und

im Ortsmuseum würden sie in ihrer Schönheit niemals zur Wirkung kommen

können. Sie würden damit künstlerisch entwertet werden.

[Illustration: Abb. 5. =Schlechte Scharnierbänder=]

Das stille Tal

Im schönsten Wiesengrunde

Ist meiner Heimat Haus,

Da zog ich manche Stunde

Ins Tal hinaus.

Dich, mein stilles Tal,

Grüß ich tausendmal!

Muß aus dem Tal jetzt scheiden,

Wo alles Luft und Klang,

Das ist mein herbstes Leiden,

Mein letzter Gang.

Dich, mein stilles Tal,

Grüß ich tausendmal!

Sterb’ ich, in Tales Grunde

Will ich begraben sein;

Singt mir zur letzten Stunde

Beim Abendschein:

Dich, mein stilles Tal,

Grüß ich tausendmal!

Wilhelm Ganzhorn.

Seit wann die Herren von Einsiedel auf den Burgen Gnandstein und

Wolkenburg sitzen

Ein Nachtrag zum Aufsatz »Burg Gnandstein« im XV. Bande, S. 361–388.

Von _Otto Eduard Schmidt_

Mein Aufsatz über die Burg Gnandstein im letzten Heft des XV. Bandes

der Mitteilungen enthält insofern eine empfindliche Lücke, als ich

dort Seite 366 f. zwar verschiedene unbeglaubigte Nachrichten über die

Zeit, in der die Herren von Einsiedel die Burg besessen haben sollten,

bekämpfen mußte, aber die wünschenswerte Lösung dieser Frage aus Mangel

an urkundlichem Stoff nicht zu bieten vermochte, obwohl ich zuletzt

auch in Gnandstein selbst hierüber Aufklärung gesucht hatte. Nunmehr

aber haben erneute Nachforschungen in den Originalurkunden, Copialien

und Lehnsregistern des Dresdener Hauptstaatsarchivs ergeben, daß doch

die Burg Gnandstein schon weit eher im Besitze der Herren von Einsiedel

gewesen ist, als ich in meinem Aufsatze angegeben hatte. Das Kopialbuch

1303 fol. 99b bis 100a enthält die Abschrift der Urkunde, durch die

Burggraf Albrecht von Leisnig die Burg an Klaus von Einsiedels eheliche

Wirtin Ilse verleiht. Diese Urkunde ist datiert vom Mittwoch »~vor

circumcisionis domini ut supra~«, d. h. aus demselben Jahre, wie die

vorhergehende Urkunde. Da diese aber vom Jahre 1414 stammt, so ist auch

die Verleihung des Gnandsteins an Ilse von Einsiedel am Mittwoch »vor

dem Tage der Beschneidung des Herrn Christus« im Jahre 1414, also am

27. Dezember 1414 erfolgt. Aber auch schon eine Reihe von Jahren vorher

muß Gnandstein – und ebenso Schloß Wolkenburg – in den Händen der

Einsiedel gewesen sein. Denn die Originalurkunde des Hauptstaatsarchivs

vom 9. Juli 1409 mit zwei wohlerhaltenen Einsiedelschen Siegeln:

»gegeben … czu lipck (Leipzig) nach gotis geburde vierzehnhundert Jar

darnach in dem nuynden (neunten) Jahre am nesten (nächsten) dienstage

vor Sente Margarethentage« meldet, daß Heinrich und Klaus von Einsiedel

»den hochgeborn Fürsten herrn friderich und Herrn Wilhellm lantgraffen

in doringen (Thüringen) und marcgraffen von Missen (Meißen) … die

Slosse gnanstein und Wolkenberg geoffnet haben.«

Endlich hat Herr Oberarchivrat Dr. Klocke am Westfälischen Adelsarchiv

in München, der das Urkundenbuch der Familie von Einsiedel bearbeitet,

wie mir Herr Dr. Hohlfeld, Vorsteher der Zentralstelle für

Familienforschung in Leipzig, freundlichst mitteilen läßt, urkundlich

festgestellt, daß Gnandstein jedenfalls als Lehen des Burggrafen von

Leisnig noch im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts an das Geschlecht

von Einsiedel gekommen sei. Als Jahre, in denen ihnen von den genannten

Burggrafen die Anwartschaft auf die Güter des Heinrich Marschall (s.

meinen Aufsatz S. 366) verliehen worden sei, werden 1377 bzw. 1384

genannt.

So hätten also die Herren von Einsiedel auf Gnandstein und die Grafen

von Einsiedel auf Wolkenburg schon im Jahre 1884 oder bald darauf das

Erinnerungsfest an den halbtausendjährigen Besitz ihrer Burgen feiern

können.

Der Kampf gegen die Straßenreklame in den Vereinigten Staaten

Ein lebhafter Kampf spielt sich zur Zeit in Amerika ab, der zur

Einschränkung der Straßenreklame, dessen, was man dort die ~Out-Door

Advertising~, der Ankündigung vor der Türe, nennt. Er geht aus von

der öffentlichen Meinung, die sich in der Presse, wie in den großen

nationalen Verbänden vielfach mit der Frage beschäftigt. Sie sieht

in der Reklame weniger einen Vorteil für die Gesamtproduktion und

den Anreiz zum Warenkauf als den Kampf der einzelnen Geschäfte

untereinander, der volkswirtschaftlich nachteilig wirkt, da er

zweifellos die Waren verteuert. Man ging so weit, öffentlich

aufzufordern in Geschäften, die viel Reklame machen, nicht zu kaufen.

Die Frage hat vielfach bereits die Gesetzgebung beschäftigt, als deren

Zweck man die Durchführung des allgemeinen Willens erkennt. Eine

Druckschrift der ~Municipal Art Society~ in Neuyork, geschrieben von

einem der Führer der Städtebaubewegung in den Vereinigten Staaten,

_Frank B. Williams_, gibt klaren Einblick in den Sachstand. Die

größeren und kleineren Kaufleute und Industriellen, sagt er, haben

erkannt, daß die Kunden Anzeigen außerhalb der Geschäftsviertel nicht

lieben und diese Abneigung auf die angekündigten Waren übertragen,

daher genüge es, wenn sie auf diese nur in den Geschäftsvierteln

hingewiesen werden. Die Geschäftsinhaber aber können auf eine

weitergreifende Reklame nicht verzichten, wenn dadurch ihren

Konkurrenten ein unbilliger Vorteil entsteht. Vielfach haben daher die

Geschäftsinhaber selbst im Sinn dieser Bewegung gewirkt, damit die

Unkosten herabgemindert würden. Aber dennoch sah man sich genötigt, die

Staaten zur gesetzlichen Regelung der Frage aufzurufen und zwar durch

Anwendung der Polizeigewalt der Gemeinden.

Hauptsächlich gilt der Kampf der Reklame in freier Natur, an den

Verkehrsstraßen. Wer eine solche durchfahren hat, kennt die langen

Reihen von Bretterzäunen, die mit Anzeigen überfüllt sind, so daß die

dem Autoführer geltenden polizeilichen Anschläge schwer erkennbar

werden. Man sieht also in dieser Reklame eine Verkehrsgefahr. Dazu

verdeckt sie die Aussicht, behindert also den Spazierenfahrenden am

Zweck, die schöne Gegend zu besehen. Geschäftsgewandterweise befinden

sich nämlich diese Reklamewände zumeist gerade an den beliebtesten

Aussichtspunkten. Die neueren Verfügungen verbieten deshalb die Reklame

an Landstraßen, in Parks, an öffentlichen Bauten, in öffentlichen

Anlagen, an den Haltestellen und Brücken der Bahnen, an der Außenseite

von Omnibussen und Bahnwagen und anderem öffentlichen Eigentum. Da

Straßen und Parks den Gemeinden gehören, haben diese das Recht zu

solchem Verbot. Vergehen gegen diese Bestimmungen werden bestraft. An

Bauten im Privatbesitz dürfen Ankündigungen nur gegen schriftliche

Erlaubnis des Besitzers angebracht werden.

Die meisten amerikanischen Städte haben ein Zonengesetz angenommen,

durch das nach deutschem Vorgang für das Bauwesen abgegrenzte Gebiete

je andere Bestimmungen über Haushöhe, Bauart, Zweck der Bauten

festgelegt sind. Da gibt es u. a. Geschäftsviertel und Wohnviertel.

Letztere sind nur für Wohnzwecke bestimmt, Geschäfte dürfen in die

bestehenden oder zu bauenden Häuser nicht gelegt werden. Selbst

der kleinste Laden ist verboten. In diesen, wie in ländlichen

Bezirken, wurde der Anschlag von Reklame glatt untersagt. Aber auch

den Grundbesitzern sind in der Ausnutzung ihres Besitzes Schranken

auferlegt. Vielfach haben sie für in ihrem Grundstück angebrachte

Reklame eine beträchtliche vom Hausbesitzer zu verlegende Steuer

zu zahlen. Wenngleich die Bundesgerichte die ästhetische Seite des

Bauwesens als nicht der Polizeigewalt unterliegend ansehen, ist doch

der Kampf gegen diese dem Reklamewesen günstige Anschauung so lebhaft,

daß man an eine baldige Änderung der Grundsätze der Gerichte nicht

zweifeln kann, durch die, wie Williams schreibt, das Auge ebenso vor

Unbill geschützt werden muß, wie dies durch die bestehenden Gesetze

hinsichtlich der Nase und das Ohr schon geschieht.

In Deutschland hat die Verarmung dahin geführt, daß Vieles, was

jenseits des Ozeans bekämpft wird, bei uns von den Behörden selbst

angeordnet wurde. Auch gewann ich in Amerika den Eindruck, als wenn

die deutsche Reklame künstlerisch höher stehe, als jene drüben, trotz

einiger sehr eindrucksvoller Schöpfungen.

Aber es ist immerhin bei dem in Deutschland allgemeinen Bestreben,

amerikanische Gedanken als »zeitgemäß« aufzunehmen, beachtenswert, daß

bereits dreißig Staaten im oben geschilderten Sinne gehaltene Gesetze

aufgestellt haben.

Cornelius Gurlitt.

Anmerkung der Schriftleitung: Hoffentlich lernen bei uns in

Deutschland die Betriebsstoff-Reklame-Veranstalter, diese

Verschmierer so manch schöner Landschaft, von diesem Vorgehen

in Amerika, ehe wir es als »zeitgemäß« nachahmen.

Das Wittichkreuz bei Glashütte

Ein Beitrag zur Steinkreuzforschung

Von _Erich Glänzel_, Luchau in Sa.

Wenn man von dem Bergstädtchen Glashütte an der Müglitz die

Staatsstraße nach Dippoldiswalde wandert, zweigt etwa fünfhundert

Meter hinter der Stadt rechter Hand ein kleines Wiesental ab. Ein

Feldweg steigt darin anfangs leicht, bald aber steil aufwärts und dort,

wo das Tal sich weitend in den Hang ausläuft, steht am Rande jungen

Fichtenwaldes, von Hecken malerisch umrahmt, ein altes Steinkreuz. Der

Volksmund nennt es Wittichkreuz nach dem darauf eingeritzten Namen

und den Gerüchten über einen Räuber Wittich, der hier getötet worden

sei. Es soll auch nicht ganz geheuer sein an diesem Ort und wer zur

mitternächtlichen Stunde hier vorübergeht, dem könne wohl der Geist

Wittichs erscheinen. Was hat man aber nun von alledem zu halten?

Der Chronist Laurentius Peccenstein berichtet in seinem Theatrum

Saxonicum[2] vom Jahre 1608 im zehnten Kapitel über diesen Wittich,

über Wittichschloß und Wittichkreuz. Er hat als Quelle eine

Handschrift des Reinerus Reineccius[3] vom Jahre 1569 fast wörtlich

verwendet. Nach beiden Quellen sei das folgende berichtet:

Auf dem Rittersitz Lochaw (heute Erbgericht Luchau bei Glashütte) saß

einst der Ritter Weigold von Bärenstein. Er war in der Jagd und im

Kriegshandwerk wohl geübt, und der letzte Umstand mag vor allem der

Grund gewesen sein, daß ihn der Räuber Wittich besonders fürchtete, der

»seyn auffenthalt in einem starken Felse, gelegen unter der itzigen

Berkstadt Glasehütte« gehabt haben soll. Wittich, der noch »allerley

böse Buben« zu sich gezogen, wurde vom Markgrafen von Meißen öffentlich

ausgekündigt und auf seine Ergreifung, ob tot oder lebendig, eine

hohe »vergunstigung« ausgesetzt. Da er sich am meisten um den »von

Bernstein« sorgte, der seiner »Tugent halben ihm vordechtig war«,

beschloß er »ihn hinderlistiglich hinwegzureumen, in meynunge durch

solch Exempell andere abscheuig zu machen, sich an Ihme zuvorgreiffenn.«

Eines Morgens begab er sich mit einigen Knechten »vor des von

Bernsteins behausunge gegen der Lochaw, begeret ein Gespreche mit

ihme«, das ihm Weigold ohne Argwohn gewährte. Kaum war dieser vors Haus

getreten, tat der Bösewicht mit seiner Armbrust drei Schüsse auf ihn,

doch ohne Schaden. Weigold setzte mit seinen Reißigen den Fliehenden

»auff dem Fuße nach« und holte sie ein. Er hielt Wittich zuerst »seine

Untreue und sein verräterisch Gemüt« vor und griff dann zur Wehr.

Auch der Räuber war »in solchenn sachenn wol geübet«, aber Weigold

behielt die Oberhand und tötete ihn. Sein Raubhaus wurde eingenommen

und zerstört. »Über dem Ryttorsitz Reinharts Grymme« aber wurde wegen

dieses Todschlages »das Kreuz aufgerichtet, das bis heute geblieben.

Voll biederen und ehrsamen Gemütes lehnte Weigold allen Lohn und Dank

des Markgrafen ab; doch da man in ihn drang, sich eine Belohnung

auszubitten, stellte er ein höchst eigenartiges Begehren: man solle

einen guten Hirsch, den er auf seinem Gebiete gehetzt und gefangen,

wegführen und in Dresden über die steinerne Brücke, die über die Elbe

gebaut war, laufen lassen.«

Die oben geschilderte Begebenheit erwähnt Dr. Kuhfahl in Band VI, Heft

11 und 12 der Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz.

Er berichtet nach Valentin Königs Adelshistorie (Leipzig 1707, Band I,

Seite 22), die ich noch nicht daraufhin durchsehen konnte, ob König

Näheres über seine Quelle angibt. Sicher scheint mir aber zu sein,

daß die angeführte Zahl 1430 nur auf Schätzung beruhen kann. Über

die älteste Geschichte der Bärensteins sind fast keine Urkunden mehr

vorhanden, da sie zum größten Teile bei einem Brande des Rittergutes

Ottendorf bei Pirna, daß der genannte Weigold von Bärenstein oder seine

Nachkommen käuflich erwarben, verbrannt sind[4][5]. Erwähnt sei nur,

daß der Großvater Weigolds, Reinhold von Bärenstein, 1315 starb[3].

Geht man von dieser Zahl aus, so dürfte sich der geschilderte Vorgang

sicher wesentlich eher als 1430 abgespielt haben.

Über die richtige Bestimmung des Ortes macht Dr. Kuhfahl Zweifel

im Hinblick auf die oben angeführte Stelle geltend, daß dies Kreuz

über dem Rittersitz Reinhardtsgrimma (siehe oben) errichtet worden

sei. Neuere Feststellungen haben ergeben, daß der heutige Standort

nicht der ursprüngliche ist. Die von Dr. Kuhfahl angeführte Notiz

Bösigks[6], das Kreuz sei einmal umgefallen und wieder aufgestellt

worden, läßt sich dahin erweitern, daß man Ende der fünfziger Jahre

des vorigen Jahrhunderts das Kreuz von seinem alten Standort entfernte

und nach Glashütte brachte, wo es bei einem Hausbau verwendet werden

sollte. Mag nun bei dem Bauherrn damals ein Funken heimatkundlichen

Gewissens aufgeglüht sein oder kam auch ihn die Furcht an, die die

Mordkreuze allenthalben im Volke verbreiteten, sicher ist, man lud

das Kreuz wieder auf und beabsichtigte wohl, es an seinen Standort

zurückzubringen. Dem Fuhrmann mag die Last zu groß geworden sein. Er

warf den Stein auf halbem Wege ab, und so kam dieser an seinen jetzigen

Standort. Nach den Angaben eines alten Einwohners von Luchau, der

sich auf die eben geschilderten Ereignisse noch genau besinnen kann

und auch die daran beteiligten Personen mit Namen zu nennen weiß,

lag der ursprüngliche Standort des Kreuzes auf Glashütter Boden, nur

wenige Schritte von dem Punkte entfernt, wo Cunnersdorfer, Luchauer

und Glashütter Flur zusammentreffen. Nun läßt sich nachweisen, daß die

Besitzer der hier angrenzenden Cunnersdorfer Fluren dem Rittergute

Reinhardtsgrimma fronpflichtig waren, ja daß ein großer Teil dieser

Fluren lange Zeit mit Reinhardtsgrimma in gleichen Händen war. Dieser

Rittersitz hatte demnach damals eine größere Ausdehnung als heute,

und der alte Standort des Kreuzes lag also dicht ȟber dem Ryttorsitz

Reinharts Grymme«, sofern man dabei die Besitzung als Ganzes, nicht nur

das Rittergut, versteht.

Reinhardtsgrimma muß in hiesiger Gegend eine nicht unbedeutende Rolle

gespielt haben; denn außer den beiden erwähnten Chronisten zieht zum

Beispiel auch der »Pirnische Mönch« diesen Rittersitz zu näherer

Ortsbestimmung heran. Er schreibt von: »Clasehutte in Meißen bey

Reinartsgrimme«[7].

Mag der geschilderte Vorgang auch eine sagenhafte Umkleidung haben, man

kann ihm doch einen historischen Kern nicht absprechen. Konnte sich

bessere Gelegenheit zur Anlegung eines Raubnestes bieten, als sie das

unterhalb Glashütte besonders felsige und wilde Müglitztal bot? Daß das

Erzgebirge manchem Raubritter, als den man Wittich sicher betrachten

kann, Schlupfwinkel bot, wird in der sächsischen Geschichte auch

anderorts erwähnt.

Als Wittich den Mißerfolg seines Anschlages erkannte, wird er ganz

gewiß versucht haben, nach seinem Raubnest zu entkommen, das ihm

sicheren Versteck bot und wo er vielleicht auch noch Helfershelfer

hatte. Dahin führte der kürzeste Weg über jenen Ort, an dem das Kreuz

früher stand. Es ist doch ganz unwahrscheinlich, daß er in Richtung auf

das Schloß Reinhardtsgrimma floh, wo er nur auf neue Feinde treffen

mußte. Das Steinkreuz, das im Dorfe Reinhardtsgrimma steht, sowie das

verschwundene Kreuz am Wege von Luchau nach diesem Orte[8] läßt sich

also kaum mit dem Ereignis in Verbindung bringen.

An der Echtheit der Inschrift auf Wittichkreuz ist, wie Dr. Kuhfahl

bereits sagt, mit Sicherheit zu zweifeln[9], die geschichtliche

Echtheit des Kreuzes glaube ich aber nach meinen Ausführungen als sehr

wahrscheinlich dargestellt zu haben.

Fußnoten:

[2] Laurentius Peccensteinius, Theatrum Saxonicum, 1608 (Sächs.

Landes-Bibliothek zu Dresden).

[3] Ankunfts u. Geburts Stam d. Geschlechtes der von Bernsteyn

usw. v. Chr. Reynerum Reyneck Steinhemium, Ao. 1569.

(Handschrift i. d. Sächs. Landesbibliothek zu Dresden).

[4] Umständliche Nachrichten von Altenberg, von Chr. Meißner,

1747, S. 532.

[5] Peccensteinius, Theatrum Saxonicum, 1608.

[6] F. L. Bösigk »über Mordkreuze« (Mitteilungen d. Kgl. Sächs.

Altertumsvereins zu Dresden, 1857, 10. Heft, S. 31 ff.).

[7] Christoph Meißner, Umständliche Nachrichten von Altenberg,

1747, S. 585.

[8] Dr. Kuhfahl, Mitteilungen des Landesvereins Sächs.

Heimatschutz, Bd. VI, Heft 11/12, S. 281.

[9] derselbe, Mitteilungen des Landesvereins Sächs.

Heimatschutz, Bd. V, Heft 1. S. 36.

Eine Holzschnitzerin

Zu ihrem achtzigjährigen Geburtstag

Von _O. Seyffert_

In meinen Jugendjahren war mir das Studieren des Lebenslaufes berühmter

Männer die Quelle hohen Genusses. Ich habe aber mit der Zeit das

Gebiet wesentlich erweitert und dadurch auch meine Freude. Heute

will ich von einem Menschenkinde erzählen, das weit entfernt ist von

Berühmtheit, dessen Leben mir aber in seiner rührenden Schlichtheit und

in seiner Auswirkung beachtenswert erscheint. Auguste Müller wurde am

22. August 1847 in Seiffen im Erzgebirge geboren. Sie ist auch immer

hier geblieben, nur einmal kann als stolze, unternehmungslustige Tat

eine Reise nach Dresden verzeichnet werden. Sie ist zu Fuß dorthin

getrippelt, hat sich unterwegs aber Seiffner Jahrmarktsleuten

angeschlossen. Diese weite Wanderung hat starke Erinnerungen

geschaffen, und die Müllerin erzählt gern davon.

[Illustration: Zu Abbildung 1 (siehe Seite 325)

Hans ruft, die Mutter komt schon aus dem Busch, sie nur mal Mutter wir

haben alle viel. Kretel hatte viel Beere Und Hans hatte 3 große Pilze

gefunden, Kretel hatte immer gesungen; Heidelbeere, Heidelbeere, wer

kann mir daß Dink verwehren, Ich hab mein Topf voll Beeren Wer sein

Topf nur halb voll hatt, der ist eine faule Mähre! Die Mutter sagt nun

Komt meine Kinder, wir wollen machen, daß wir heme kum da haben wir

Holz und Pilze und Beere nu wollen wir kochen, Hans spricht, Mutter wir

machen die Pilze heute Omt, Kretel will die Beere einmachen.]

Elend und Kummer hat sie genug kennen gelernt, aber auch die Freude

ist dann und wann bei ihr eingekehrt: Menschenschicksal. Verlobt ist

sie gewesen, ihr Herzallerliebster starb aber kurz vor der Hochzeit.

Dann kamen lange Jahre der Krankheit, seit den vierziger Jahren ist sie

gottlob wieder gesund und munter.

[Illustration: Zu Abbildung 2 (links)

Die kleine Anna und daß Reh

Als Anna zehn Jahre alt war sah sie im Wald ein kleines Reh, daß lag

da und lief nicht fort, als sie nahe zu ihm kam, da war es lahm, daß

Tier tat Anna leit. Sie hob es auf und trug es heim, zu Hauße gab sie

Milch, und machte ein Lager und hatte es gepflegt und daß arme Tier

schlief, und als es schön ausgeruht hatt, da war daß Bein wieder gut

geworden und konte nun springen. Anna hatte daß Reh sehr lieb, zu Hause

bei ihrem Vater hatte sie ein Garten, und führte es hinein, da ist ein

schöner Baum, da frist es die Blätter ab: Anna hatte es mit den Kühen

mit auf das Feld genomen, daß Reh sprang hin und her.

Zu Abbildung 2 (rechts)

Der Nero bast auf, in seiner Hütte sind drei Ratten, Und die Mietze

Katze diese wird wohl auch eine oder alle drei bekommen, da wird Nero

müssen abkratzen, und muß froh sein daß seine Hütte wieder leer wird,

daß er sich kann wieder rein legen, und schlafen.]

Schon in ihrer Kindheit schnitzte und bästelte sie. Sie ist

Volkskünstlerin in des Wortes wahrster Bedeutung. Ich habe sie

dann und wann in ihrer kleinen Stube aufgesucht. Sie gehört zu den

Menschen, die wir zumal auf dem Lande antreffen, welche die gute

Luft »draußen« lassen. Am verschlossenen Fenster steht der Tisch. Der

ist ihre Werkstatt. Auf ihm siehts kunterbunt aus. Aber sie erklärt

dies in philosophischer Ruhe. Die angefangenen oder fast vollendeten

Schnitzereien dürfen »der Ordnung halber« nicht weggeräumt werden, bis

sie fix und fertig sind. Das währt immerhin einige Wochen. Aber der

Tisch ist auch für anderes, z. B. für das Essen und Kaffeetrinken, für

das Lesen vorhanden.

[Illustration: Zu Abbildung 3 (links)

Der große Sultan tat niemand was zu leite. August und Karl setzten

sich auf Sultans sein Rücken. Diese Jungen sind ein großes Stück

gelaufen. Die Mutter rief ihr Jungens kommt rein, der Sultan sollte zum

Fleischer gehen. Hier ist der Korb, liegt ein Zettel drin soll 1 Pfund

Kalbfleisch holen als er zum Fleischer kam, da kratzte Sultan an der

Tiere, der Fleischer gab ihn daß Fleisch er hatte auch einen Knochen

bekommen weil er sehr brav war.

Zu Abbildung 3 (rechts)

Aber Fritz: Geh doch nicht bei mir in die Wäsche, da kanst du dich

nicht waschen? Du must doch erst warten bis ich gewaschen habe, nu ja

Liesel, da hättest du könen erst zu mir sagen.]

Sie schnitzt allerhand kleine Figurenzusammenstellungen aus

Holzstückeln, Ästeln genannt, die sie aus dem Feuerholz herausliest.

Ihre Anregungen holt sie sich aus Büchern und Bildern, am liebsten

aber aus sich selbst. Und sie spintisiert zu gerne und hat ja auch

Zeit dazu. Manchmal porträtiert sie bekannte Leute des Ortes. Mich

hat sie auch einmal unter dem Messer gehabt. Ich bin sehr stattlich

ausgefallen. Meine Frau aber hat mich nicht erkannt. Die Pinsel, die

sie zum Bemalen ihrer Arbeiten gebraucht, verfertigt sie sich selbst.

Sie verwendet dazu die Haare ihrer Verwandtschaft. Die besten Pinsel

– das muß man ehrlich gestehen – liefert ihr Neffe. Das ist der

Krippenfigurenschnitzer Carl Müller, der ihr weitgehend entgegenkommt

und ihr alle Abfälle beim Haarschnitt zuträgt. An mich, ich bin

freilich auch nicht verwandt mit ihr, hat sie sich in dieser haarigen

Angelegenheit noch nicht herangewagt.

[Illustration: Zu Abbildung 4 (links)

Wenn die Liesel die Gänse heim treibt, da singt sie das Liedchen Hule,

hule, Gänschen, wackelt mit dem Schwänzchen. Da schreit die alte Gans

Gick, gack, juch!

Zu Abbildung 4 (rechts)

Die Mutter sagt! Liesel, dreib die Gänse naus auf die Hafelstoppel,

Und paß hübsch auf, daß sie nicht ins Kraut gehn, Liesel schlägt nicht

zu, wenn sie mit der Rute winkt, da folgen sie auch gleich, hinter

den Jungen gehn die Alten her, und sie schreien sehr: gak, gak, gak,

die kleinen hören gar nicht darauf: Sie denken, wo sie könen Fliegen

fangen?]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 7–8 · 第 5 / 9 段