der Volkskunde auf den deutschen Universitäten. Durch eine
hauptamtliche _selbständige_ Professur ist die Volkskunde auf
keiner deutschen Universität vertreten (in Hamburg besteht ein
ordentlicher Lehrstuhl für deutsche Altertums- und Volkskunde), und
im allgemeinen sind nur an einzelnen Universitäten Lehraufträge für
Volkskunde erteilt worden, meist auch nur als Nebenfach neben anderen
Hauptaufgaben[1]. Erst wenn diesem Mangel gründlich abgeholfen ist,
wird die Voraussetzung gegeben sein für die sachlich erforderliche
Aufnahme der Volkskunde in die Prüfungsordnung für das höhere Lehramt.
Ohne diese Grundlage an der Universität geschaffen zu haben, hat
Bayern bereits in der Prüfungsordnung vom 23. Juni 1923 für die
mündliche »Prüfung für den Unterricht in der deutschen Sprache, der
Geschichte und der Geographie« die »Bekanntschaft mit der deutschen
Volks- und Altertumskunde …« gefordert (§ 57). Mit größerem Recht
verlangt Hamburg, das, wie oben erwähnt, allein von deutschen Ländern
ein Ordinariat für deutsche Altertums- und Volkskunde besitzt, im
§ 32 seiner Prüfungsordnung von den Kandidaten, »welche germanische
und deutsche Altertumskunde als Zusatzfach wählen«, neben anderem die
»Kenntnis der volkstümlichen Erscheinungen in Sprache und Dichtung,
Glaube und Brauch, sowie der äußeren Formen des volkstümlichen
deutschen Lebens in Wohnbau, Tracht und Gerät« und weiter einen
»Überblick über die Geschichte der germanischen und deutschen
Altertums- und Volkskunde«. Auch Preußen wird sich den Forderungen, die
sich für die Errichtung von Lehrstühlen an den Universitäten und für
die Aufnahme der Volkskunde in die Prüfungsordnung ganz von selbst aus
den »Richtlinien« ergeben, nicht entziehen können.
Wenn nun, wie zu hoffen steht, in diesem Punkte auch bald eine
Änderung eintritt, so wird es im besten Falle doch geraume Zeit
dauern, bis die höheren Schulen über eine genügend große Anzahl von
Lehrern verfügen, die auf der Universität für die volkskundlichen
Anforderungen der Lehrpläne vorgebildet worden sind. Deshalb empfiehlt
der Verband deutscher Vereine für Volkskunde für die Zwischenzeit
als Übergangsmaßnahme die regelmäßige Veranstaltung volkskundlicher
Kurse zur Einführung der zur Zeit im Amt befindlichen Lehrerschaft
in das Wesen, die Einzelaufgaben und die Methode der Volkskunde. Die
Kurse müßten planmäßig über die einzelnen Länder des Reiches, bezw.
deren Provinzen verteilt werden und wären am besten an solchen Orten
abzuhalten, die zugleich über das nötige museale Anschauungsmaterial
verfügen. Sie wären in bestimmten Zwischenabständen zu wiederholen,
um einer möglichst großen Anzahl von Lehrern die Gelegenheit zu
volkskundlicher Vor- und Fortbildung zu geben. Als Lehrer an derartigen
Kursen kämen neben Universitätsdozenten auch geeignete Vertreter der
Schulpraxis in Frage.
2. Volksschule.
Wesentlich ungünstiger steht es bisher mit der Berücksichtigung
der Volkskunde im Volksschulunterricht. Das Fach der
Heimatkunde dient hier in der Hauptsache den erdkundlichen und
geschichtlichen Verhältnissen der nächsten Heimat, und auch die
am weitesten vorgeschrittene Denkschrift über »Die Neuordnung
der Volksschullehrerbildung in Preußen« (Berlin 1925) sieht eine
Heranziehung der Volkskunde im Lehrplan der Pädagogischen Akademien
nur für die freien »Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaften« vor.
Hier ist vor allem Wandel zu schaffen und die Volkskunde sowohl in
den Volksschulunterricht wie in die Ausbildung der Volksschullehrer
hereinzubeziehen.
Die Volksschule hat vornehmlich die Aufgabe, Heimatkunde zu vermitteln,
nicht so sehr um des Wissens willen, sondern zur Grundlegung eines
starken Heimatgefühles, aus dem die Liebe zur Heimat und über sie
zum Gesamtstaate sich entwickeln muß. Den wesentlichsten, bis jetzt
leider gänzlich übergangenen Teil der Heimatkunde bilden nun gerade
solche Gebiete der Volkskunde, die, wie Brauch, Sitte, Volksdichtung,
Mundart, Flurnamen usw., dem erdkundlichen und geschichtlichen Teil der
Heimatkunde erst Belebung, Farbe und innere Wärme geben.
Die Schüler, zum Teil selbst Träger dieser Überlieferungen, merken,
daß der Lehrer mit Freude und Verständnis dem Volksgute gegenübersteht
und daß es nicht verächtliche Dinge sind, deren man sich zu schämen
hat. Sie erkennen, daß hinter diesen Äußerungen des Volksgeistes oft
hohe Auffassungen und sittliche Werte stecken, daß sie es verdienen,
Gegenstand froher Schulstunden zu sein. Es ist nicht zweifelhaft, daß
gerade diese Stunden den Schülern am lebhaftesten im Gedächtnis haften
werden als freudige Erinnerung; und die Erkenntnis vom Werte dieser
Dinge und diese freudige Erinnerung an ihre Behandlung im Unterricht
schaffen weiter Gefühlswerte, die über die Schule hinausreichen und die
Heimat interessant und lehrreich gestalten. Ein solcher Unterricht wird
auch dazu beitragen, diese Äußerungen der Volksseele zu bewahren und so
eine Poesie des Lebens frisch zu halten, die dem materiellen Zug der
Zeit entgegenwirken kann.
Der Unterricht soll Arbeitsgemeinschaft sein. Wir wüßten aber kein
Gebiet der Gesinnungsfächer, auf dem dies besser durchgeführt werden
könnte als gerade auf dem Gebiet der Volkskunde. Ja, der Lehrer
ist hier in der Tat auf die Schüler als Herbeischaffer des Stoffes
angewiesen. Zudem werden die Eltern als Zubringer notwendig mit
herangezogen, und dadurch wird eine Verbindung zwischen Schule und
Elternhaus in idealer Weise geschaffen. Jeder Schüler wird hier
Baumeister sein, jeder wird etwas Neues, vom anderen Nichtbeachtetes
herbeibringen können. Ein Wetteifer entsteht, und wenn schließlich alle
Bausteine in der Schulchronik zusammengestellt sind, sehen die Schüler,
was sie in gemeinsamer Arbeit geleistet haben, einer Arbeit, deren Wert
der Lehrer zu unterstreichen und zu erläutern hat. Der Lehrer ist hier
der erläuternde Empfänger, die Schüler sind die Geber.
Es ist nun eine bedauerliche, nicht zu bestreitende Tatsache, daß
heute nur wenige Lehrer solchen Unterrichtsstunden Verständnis oder
Wissen entgegenbringen, da es ihnen nicht möglich war, weder auf der
Schule noch später auf dem Seminar sich das nötige wissenschaftliche
Rüstzeug zu erwerben. Wenn bisher ein großer Teil der Lehrer durch
seine Herkunft aus ländlichen Kreisen wenigstens mit dem Stofflichen
vertraut war, so wird auch dies in Zukunft mehr oder weniger wegfallen,
denn im Gegensatz zu den heutigen Verhältnissen wird der künftige
Volksschullehrer zumeist städtischen Kreisen entstammen und ihm somit
das Verständnis für bäuerliche Kultur und Anschauungsweise vollständig
abgehen. Soll aber die so wesentliche Vertiefung der Heimatkunde im
Arbeitsunterricht der Volksschule erfolgen, so muß der Lehrer einen
inneren Trieb zur lebensvollen Gestaltung dieses Unterrichts verspüren.
Gibt ihm dieser nicht eigenes Erleben und Wissen, so kann nur die
Begeisterung für die Wissenschaft der Volkskunde ihm diesen Antrieb
geben, denn alles hängt bei diesem Unterricht zuletzt von dem Interesse
des Lehrers ab.
So steht fest, daß in Zukunft, mehr als früher in den Lehrerseminaren
geschah, der junge Lehrer in die Wissenschaft der Volkskunde eingeführt
werden muß, nicht nur um des Unterrichts willen, sondern auch, damit
er, ein Kind der Stadt oder nichtbäuerlicher Kreise, nicht ratlos
stehe vor ihm unverständlichen Denkrichtungen des Landvolkes und er
keinen Anstoß errege.
Andererseits wird kein Gebiet dem Lehrer auf dem Lande, der durch die
neue Vorbildung wissenschaftlich interessiert ist, die Gelegenheit
verschaffen, so in Sammlung und Verarbeitung des Stoffes sich
wissenschaftlich zu betätigen, wie gerade das Gebiet der Volkskunde.
Die geistige Beschäftigung mit Dingen, die er wirklich beherrscht,
wird der inneren Vereinsamung und der daraus folgenden Verbitterung
vorbeugen, ihn geistig frisch erhalten und davor bewahren, einer öden
Routine anheimzufallen.
Er wird durch diese Betätigung auf dem Gebiete der Volks- und
Heimatkunde sich in seinem Dorfe, wie in weiteren wissenschaftlichen
Kreisen Anerkennung verschaffen, ein gesundes Selbstbewußtsein erringen
und seine soziale und geistige Stellung auf dem Dorfe heben, was seinem
Lehramte und seiner weiteren Aufgabe zugute kommt, neben dem Pfarrer im
Dorfe als einer der geistigen Führer zu wirken.
Daß weiterhin die Wissenschaft der Volks- und Heimatkunde, der
Wirtschafts- und Besiedelungsgeschichte wie der Lokalhistorie auf die
Kleinarbeit wissenschaftlich vorgebildeter Kräfte auf dem platten
Lande angewiesen ist, selbst wenn sie nur zuverlässige Beobachter
sind, unterliegt keinem Zweifel, wenn dies hier auch nur als wichtige
Nebenwirkung in Betracht kommt.
Fassen wir zusammen, so liegt es also ebenso im Interesse der
Volksschule wie der Volksschullehrer, daß diese mit dem vollen Rüstzeug
wissenschaftlicher Volkskunde an ihre Aufgabe herantreten. Da die
jetzige höhere Schule, künftig die allgemeine Vorbereitungsschule der
Lehrer, diese Aufgabe nie bewältigen kann, weil bei der bedrängenden
Fülle der Unterrichtsstoffe die Zeit dazu mangelt, so muß an den
besonderen Bildungsanstalten der Volksschullehrer – nenne man sie
pädagogische Akademien oder anders – die Gelegenheit geschaffen
werden, dem künftigen Lehrer eine systematische Ausbildung in der
Wissenschaft der Volkskunde, die allein die Grundlage des Unterrichts
sein kann, zu vermitteln. Deshalb muß es als durchaus unbefriedigend
bezeichnet werden, wenn nur für die wahlfreien Arbeitsgemeinschaften
die Volkskunde herangezogen wird. Es sind vielmehr in den Lehrplan
volkskundliche Pflichtvorlesungen und Pflichtübungen aufzunehmen, denen
jeder beiwohnen muß, so daß dann (eine weitere notwendige Folgerung)
die erworbenen Kenntnisse in diesem Fach bei der Abschlußprüfung
festgestellt und bewertet werden können. Die Heranbildung der für das
Fach der Volkskunde an den Lehrerbildungsanstalten nötigen, zahlreichen
Dozenten wird nur an der Universität erfolgen können, so daß auch
von diesem Gesichtspunkte aus sich die unbedingte Notwendigkeit
herausstellt, die Wissenschaft der Volkskunde an den Universitäten
durch eigene Lehrkräfte vertreten zu lassen. – Bis die geforderten
Maßnahmen sich wirksam erweisen können, wird es notwendig sein,
Übergangsmaßnahmen zu treffen, ähnlich denen, die oben für die höheren
Lehrer gefordert wurden.
Fußnoten:
[1] Das Ausland ist uns hier erheblich voran: zählt doch, um
nur ein Beispiel zu nennen, die finnische Universität
Helsingfors (3000 Hörer) nicht weniger als 4 beamtete
Professoren der Volkskunde (2 Ordinarien und 2
Extraordinarien), neben denen noch 2 Dozenten tätig sind.
Eine Heimatschutzstimme vor fünfzig Jahren
Von _Th. Leuschner_, Dresden-Loschwitz
Während der Jahre 1851–1853 hatte sich der Bildhauer _Josef Herrmann_
in Loschwitz an der heutigen Schillerstraße vom Architekten und
Baumeister C. Th. Lehnert die Villa »Thorwald« bauen lassen. Sie
gefällt auch heute noch den Spaziergängern, nachdem der jetzige
Besitzer das Grundstück mit dem herrlichen Baumbestand aus seinem
verwahrlosten Zustand unter Aufwendung reichster Mittel zu neuer
Schönheit hat auferstehen lassen.
Von demselben Baumeister ließ Herrmann im unteren Dorf an dem Bachlauf
einen kleinen Rundbau errichten, der ein Relief aus weißem Marmor
aufnehmen sollte, das er zum Andenken an eine gute Tat seines Vaters
in den beiden Wintern 1868 und 1869 in Rom geschaffen hatte.
Es ist ein Unrecht gewesen, inmitten der schlichten, kleinen
Dorfhäuser, der stattlichen Nußbäume am Bachlaufe den Fremdkörper
eines Rundbaues zu stellen, wie wir ihn heute noch sehen können. Seine
Umgebung hat sich im Laufe der Jahrzehnte ganz wesentlich verändert,
so daß wir heute den damaligen Gegensatz von dörflicher Elbsiedelung
und römischem Altertum nicht mehr in voller Schärfe zu empfinden
vermögen. Ob sich die Einwohner und Nachbarn gegen dieses ausländische
und unzeitliche Geschenk des vermögenden Künstlers geweigert haben,
ist uns nicht überliefert worden. Doch darf wohl die Entstehung
des spöttischen Namens »Die Senfbüchse«, mit dem heute noch die
Loschwitzer das Josef-Herrmann-Denkmal bezeichnen, auf die Zeit seiner
Gründung zurückgeführt werden. Es mag auch nicht an einzelnen Stimmen
gefehlt haben, welche auf die Verschandelung des einfachen Dorfbildes
hingewiesen haben. Einen Beweis dafür haben wir in den bitteren, stark
höhnischen Worten, mit denen der Berliner Hofkapellmeister _Heinrich
Dorn_ 1872 in einem Aufsatz über Loschwitz seinem Groll und Zorn Luft
machte. Er ist ein treuer und begeisterter Sommergast von Loschwitz
gewesen.
Aus dem Anfange seines Aufsatzes seien zunächst zwei Sätze
hervorgehoben: »Zum zwölften Male seit 1856 habe ich das freundliche
Elbdorf besucht und mich immer wieder von seinen Vorzügen überzeugt,
an seinen Reizen ergötzt … Für mich, der ich ein leidenschaftlicher
Spaziergänger bin, gibt es in und um Loschwitz wohl keinen Talgrund und
keinen Bergeshang, den ich nicht von allen Seiten durchwandert oder
erstiegen hätte.«
Und nun der längere Abschnitt, mit dem er uns zu einem Vorläufer des
damals noch so wenig gefühlten Heimatschutzes werden muß:
»Eine kleine Schwenkung nach links, und wir stehen mitten in dem
freundlichen Dorfe, dessen Hauptstraße vom Bach durchschnitten, nach
der Elbe führt. Ehe wir aber dorthin und ans Ende unsrer Pilgerfahrt
gelangen, beben wir noch entsetzt zurück vor jenem monumentalen
Bauwerk, das in der geschmacklosen Form einer Riesenkochbutterbüchse,
welcher selbst der Deckelknopf nicht fehlt, den schönen Grasplan
verschimpfiert, nachdem vier der ältesten Nußbäume dem Moloch der
Architektur zum Opfer gefallen sind. Wer selber, wie ich, im Besitz
mehrerer Kinder ist, wird gewiß gegen den Ausdruck rührender Pietät
nichts einzuwenden haben; alles aber hat seine Zeit und, setzen wir
hinzu, auch seinen Ort.
Der Vater des bereits erwähnten verstorbenen Professor Herrmann
soll nämlich, so lautet die Sage, vor langen Jahren in Petersburg
beim Eisgang der Newa einem russischen Knesenjüngling das Leben
gerettet haben. Zum Andenken an diese Begebenheit ließ nun der Sohn
questionierten Vor- und Eisgang in Marmor verewigen und erkaufte sich
von der Gemeinde Loschwitz die Erlaubnis, mitten im Dorfe das teure
Monument in die oben bezeichnete Hünengrabsenfdose, welcher selbst
der Deckelknopf nicht fehlt, einhüllen zu dürfen, vor welcher aber
jeder Wanderer schaudernd stehen bleibt, und in deren Schlund sich
noch kein Mensch gewagt hat, obwohl der Schlüssel gleich dahinter
bei einem Böttchermeister für zwei Neugroschen parat liegt. Nicht
der Verkauf des idyllischen Plätzchens, wofür die arme Kommune
anständig bezahlt worden, sondern der Ankauf desselben, um dort in
solcher Weise die kindliche Liebe an den Tag zu legen, ist eine
leider nicht mehr zu sühnende Barbarei. Erleben wir aber früher oder
später in Loschwitz Gasbeleuchtung, dann ließe sich die Straßburger
Gänseleberpastetenterrine, welcher selbst der Deckelknopf nicht fehlt,
vielleicht noch nutzbringend verwerten, sollten auch die in dem
Laboratorium zu erzeugenden Dämpfe dem ~haut relief~ einigen Dampf
antun.«
Gewiß ist es eine absichtliche, vom Unmut eingegebene Verschleierung
des Tatbestandes, wenn Dorn von der sagenhaften Errettung eines
russischen Knesenjünglings redet. In Wahrheit war die Sache so, daß
_Dominik Josef Herrmann_ am 24. Februar 1799 zwei Schiffer, die im
Eisgang der Elbe von Prossen bei Schandau auf ihrem Kahn abgetrieben
worden waren, bei Kaditz ans Ufer gerettet hatte. Wir wollen Heinrich
Dorn diese Fälschung nicht übel auslegen; er soll – wie sich heute noch
seiner alte Loschwitzer erinnern – ein sehr scharfer und offener Herr
gewesen sein, dem es bei seinem Musikantenblut gleich dem befreundeten
Fr. Wieck auf eine Übertreibung mehr oder weniger nicht ankam, wenn es
galt, an einer Sache Kritik zu üben. –
Wohl hoffte der Sohn, daß von seinem künstlerischen Werke dieselbe
moralische Wirkung zugunsten seines Vaters auf den Beschauer
ausgehen möchte, wie sie G. Bürger in seinem Gedicht »Hoch klingt
das Lied vom braven Mann« erreicht. Sein Wollen können wir verstehen
und nur gutheißen. Daß er aber die Schöpfung, mit der er eine
sittliche Einwirkung erzielen will, in ein Gebäude eingliedert,
das ein freundliches Straßenbild zerstört, war ein arger Mißgriff,
den wir einem Künstler nicht verzeihen können. Er erschwert doch
einem denkenden und empfindenden Menschen schon von vornherein die
Freudigkeit, einen höheren Gedanken aufzunehmen. Wir verlangen von
einem Künstler, daß er eben mehr ist als ein Kind seiner Zeit. –
Diesen uns selbstverständlichen Heimatschutzgedanken hat lange vor
unsrer Gegenwart Heinrich Dorn in einer klaren, wenn auch spöttischen
Form seiner Zeit gesagt. Mit Erfolg? Wir wollen uns seinen Namen
merken. Ist er doch auch der Kapellmeister gewesen, der Beethovens
~Missa solemnis~ zum ersten Male in vollem Umfange aufgeführt hat,
1847 auf dem sechsundzwanzigsten Niederrheinischen Musikfest; seinem
Dirigentenstab gehorchten rund sechshundert Ausführende. Er ist 1892 in
einem Alter von achtundachtzig Jahren gestorben.
Neue Brücken in der Dresdner Heide
Von _Oskar Pusch_, Dresden
Ein Wolkenbruch in Ullersdorf bei Dresden in einer Julinacht 1926
zerstörte durch die Menge des abflutenden Wassers mehrere schöne alte
Brücken des Prießnitzgrundes in der Dresdner Heide. Sie stammten aus
der Zeit von 1840, als der Prießnitzgrundweg, die alte Gelte, zur
Straße ausgebaut wurde. Aus forstwirtschaftlichen Gründen war die
schnellste Wiederherstellung der Brücken dringend geboten. Wiewohl
einfache Betonbalkenbrücken am wohlfeilsten gewesen wären, entschloß
sich die Regierung doch, den Bitten des Landesvereins Sächsischer
Heimatschutz entsprechend, die alten Bogenformen mit größerer
Durchflußöffnung wieder erstehen zu lassen. Neu errichtet wurden die
Gänsefußbrücke an der Heidemühle, die Kuhschwanz- und Kannenhenkel- und
Wettinbrücke (neuerdings vom Volksmund so benannt). Sie wurden teils
aus den vorhandenen Sandsteinstücken, teils aus Granit, der in der
Heide ansteht, erbaut.
[Illustration: Abb. 1. =Wettinbrücke=]
Die Zinnenform der Brüstung der eingestürzten Brücken wurde nicht
wieder übernommen. Als Vorbild galt die alte Kuhschwanzbrücke und die
Totenbrücke bei Klotzsche. Den Revierverwaltungen von Klotzsche und
Langebrück und dem Straßen- und Wasserbauamt Dresden ist es vor allem
zu danken, wenn die neuen Brücken schöner als zuvor aus den Trümmern
erstanden sind.
[Illustration: Abb. 2. =Kuhschwanzbrücke=]
Es dürfte vielleicht bei dieser Gelegenheit erwünscht sein, etwas
über die eigenartigen Namen der Brücken zu erfahren. Namen wie Gelte,
Kuhschwanzweg, Kannenhenkelweg hat der Volksmund nach den in die Bäume
eingeschnittenen Wegzeichen im 18. Jahrhundert gebildet. Im Mittelalter
erhielten die Hauptwege der Heide als Wegzeichen einen Buchstaben, z.
B. ~K~ = Klotzscher Straße, ~L~ = Langebrücker Straße, ~Y~ = Radeberger
Straße, ~X~ = Stolpische Straße. Der Kannenhenkelweg hatte ein ~P~
mit Punkt (ähnlich einem Kannenhenkel) und Kuhschwanzweg ein ~Q~ mit
Punkt und Schwanz. Zur Zeit des Vater August, da Math. Oeder die
Heide vermaß, hieß der Kannenhenkelweg der Kolmische Weg, noch früher
der Köllnische Weg. Es sind nun zwei Deutungen möglich: entweder
man kommt zum »Bergweg« (~colm~, ~culm~, ~Colm saigurn~, ~holmen~
[englisch] = Berg) oder nach Dr. Schmidt auf den »Knüppelweg« (auf der
~colne~ = sumpfiges Gelände, später gleichbedeutend mit Knüppeldamm,
Cöln bei Meißen). Das Letzte entspräche auch nach Gude (Radeberg) dem
Wendischen. Dort heißt der Knüppel Kij (mundartlich Kill). Damit wäre
auch der Küh- oder Kienbruch an der Ullersdorfer Straße ein Kijbruch =
Knüppelbruch (siehe auch Kynast).
[Illustration: Abb. 3. =Gänsefußbrücke=]
Der Kuhschwanzweg heißt 1570 der Tarische Weg, d. i. ebenfalls
»Bergweg« (siehe Tharandt und Thorwalder Wände).
Der Gänsefußweg führt seinen Namen auf sein Waldzeichen zurück. Das
Mittelalter kannte den Weg schon, nicht aber als Gänsefuß.
[Illustration: Abb. 4. =Schwedenbrücke= (altes Bauwerk, das das
Hochwasser aushielt)]
Es wäre eine überaus dankeswerte Aufgabe, den oft wunderlich klingenden
Namen der Dresdner Heide nachzuspüren, wobei man aber des Slavischen
bzw. Wendischen nicht entbehren kann (Brodberg [~brudo~ = Hügel],
Mordgrund [~mokru~ = feucht], Schotengrund [~Zschorte~ = schwarz,
sumpfig]) usw.
Zwei Grabdenkmäler vom Friedhof in Lichtenberg bei Freiberg
Von Dr.-Ing. _Hubert Georg Ermisch_
Über die künstlerischen Eisengußwerke von Lauchhammer ist 1925 schon
in diesen Mitteilungen eingehend berichtet worden. In diesem Heft
(XIV. Heft 5/6, Abb. 7) ist auch das Grabdenkmal zweier Kinder des
Pfarrers Brause auf dem Kirchhofe in Lichtenberg bei Freiberg aus dem
Jahre 1839 abgebildet (Abb. 1). Eine Kindergruppe voller Lieblichkeit.
Wie die beiden Schwesterchen sich aneinander schmiegen, ist so schön
der Kindernatur abgelauscht. Gerade dieses Denkmal zeigt anschaulich
die Möglichkeiten des Eisengusses, zeigt, wie wundervoll der Künstler
das derbe Material zu meistern verstanden hat, wie er durch schlichte
Einzelformen die Harmonie geschaffen hat zwischen dem zierlichen
Liebreiz der Kinder und der Derbheit des Eisens. Leider ist der
Künstler bis heute unbekannt geblieben.
[Illustration: Abb. 1. =Erneuerte Kindergruppe= (Lauchhammerguß) =auf
dem Friedhofe in Lichtenberg=]
Dieses Denkmal hatte Schaden gelitten. Die Fußplatte lag in Stücken und
ein Füßchen war abgebrochen. Durch die oben erwähnte Abbildung in den
Mitteilungen des Heimatschutzes war die Gemeinde aufmerksam auf dieses
Kunstwerk geworden, hatte sich an den Landesverein gewandt und im
Winter 1926/27 wanderte das Werk nach Dresden, um hier sachgemäß wieder
hergestellt zu werden.
[Illustration: Abb. 2. =Grabkreuz der Familie Wolf auf dem Friedhofe in
Lichtenberg=]
Jeder, der mit Denkmalpflege sich beschäftigen muß, wird allen
Fragen der Wiederherstellung und des Schutzes zunächst die
Frage entgegensetzen: _Warum_ ist das Kunstwerk schutz- bzw.
erneuerungsbedürftig geworden. Die Antworten auf diese Frage sind
oft nicht so leicht zu geben. An dem Lichtenberger Denkmal meinte
man, allein der Rost sei schuld daran, man hätte den Schutzanstrich
öfters erneuern sollen. Dem kann nur teilweise zugestimmt werden.
Das Zersprengende war hier nicht der Rost allein, sondern ursprünglich
wohl der Umstand, daß die gußeiserne Platte mit schmiedeeisernen
Schrauben überstraff angezogen worden war. So entstanden Sprünge,
und erst als das Wasser dort hineindringen konnte, konnte es sein
Zerstörungswerk ausführen. Aus diesem Befunde ergab sich die Art der
Wiederherstellung. Sie wurde dadurch erleichtert, daß heute mit Hilfe
des autogenen Schweißverfahrens das Füßchen leicht wieder angefügt
werden konnte. Die Fußplatte wurde vollkommen neu gegossen. Ein
guter Graphitfarbenanstrich gibt der ganzen Gruppe Schutz ohne den
Eisencharakter zu verwischen.
[Illustration: Abb. 3. =Verfallenes Grabkreuz der Familie Wolf auf dem
Friedhofe in Lichtenberg=]