das grüne Sommergelände. Auf einmal werfen sich dir lauter Heckenrosen,
wilde, wilde, blaßrote Heckenrosen an deine Brust. Mit Kuß und Dorn!
Und du weißt nicht, ob du lachen sollst oder weinen. Du stürzest dich
zur Erde. Du jauchzt in dem grünen Meer und schaust durch das tiefe,
tiefe Himmelsblau in die große Ewigkeit. Und alles blüht und duftet,
singt und klingt, daß du die ganze Welt vergißt. Du wirst trunken vor
Freude, Glück und Seligkeit, und du meinst, du fliegst mit tausend
goldenen Schmetterlingen und jubelnden Lerchenchören geradeswegs in den
Himmel hinein …
Das Ende einer Riesin
Von _M. Kretschmar_, Revierförster.
Nun ist auch sie den Weg alles Irdischen gegangen, die »große Eiche«
im Grillenburger Walde. Als eines der imposantesten Naturdenkmäler in
näherer und weiterer Umgebung der hiesigen Gegend bekannt, wurde die
Gigantin von Alt und Jung gern aufgesucht, angestaunt und bewundert.
In Abteilung dreiundfünfzig des Grillenburger Forstreviers,
unweit des »Sausteiges«, führte sie inmitten eines schützenden
Fichten-Altbestandes ein beschauliches Dasein. Schon seit Jahren zierte
kein Blattgrün mehr ihre gewaltigen Äste. Einem aufrechtstehenden
Leichname gleich, rindenentblößt der Leib und bedeckt mit zahllosen
Runen stand sie da als stummer Zeuge aus dem dunkelsten Mittelalter.
Manchem Wanderer und Naturfreund habe ich den Weg zu ihr gewiesen und
immer wieder gern habe ich an ihrem Fuße geweilt und ehrfurchtsvoll zu
ihr aufgeschaut. –
Nur schweren Herzens entschloß sich die Forstverwaltung sie zu fällen.
Doch da die Fäulnis und innere Aushöhlung soweit vorgeschritten war,
daß nur noch ein schmaler Rand der Eiche geringen Halt gab, war die
Niederlegung nur ein Gebot der Vorsicht. Wie leicht hätte da ein großes
Unglück geschehen können, wenn bei einem plötzlich ausbrechenden
Gewittersturm Menschen in ihrem offenen Hohlraum Zuflucht gesucht
hätten. Wie recht man gehandelt, bewies die Tatsache, daß nach wenigen
Beilhieben und Sägeschnitten die Eiche bereits nach einer halben Stunde
am Boden lag.
Nun noch einiges über ihre Größenverhältnisse. Am Fuße maß sie zwei
Meter im Durchmesser. Der Rand, der ihr noch Halt gebot, war nur noch
fünfzehn Zentimeter stark und z. T. schon recht morsch. Die Stärke des
Stammes von zwei Metern setzte sich bis zur Höhe von sieben Metern
fort, dann gabelte sich dieser in zwei ein Meter starke Äste. Die
ganze Höhe der Eiche betrug fünfundzwanzig Meter. Ihr Alter wird auf
siebenhundert Jahre geschätzt.
Das gesunde Holz im oberen Teile war eisenfest, brauchten doch zwei
Waldarbeiter zirka fünf Stunden um einen Ast von ein Meter Stärke zu
durchsägen. Im ganzen waren einhundertfünfundsechzig Arbeitsstunden
erforderlich, um das Holz verkaufsfertig aufzubereiten. Der Rauminhalt
der Eiche, den Hohlraum eingerechnet – es hatten etwa vier bis fünf
Mann stehend Platz darinnen – betrug etwa einunddreißig Kubikmeter.
Nimmt man den Kubikmeter trockenen Eichenholzes mit sechzehn Zentner
an, so würde das Gewicht der Eiche rund fünfhundert Zentner betragen. –
Unmittelbar am Fuße der Eiche auf der nördlichen Seite des Stumpfes
wurzelt eine bereits wieder mannsstarke Buche. Angesichts dieses
frischen, grünen Baumes wird man unwillkürlich an das Dichterwort
erinnert:
»Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten
und neues Leben blüht aus den Ruinen.«
Ein von Louis Riedel in hochdeutscher Sprache abgefaßtes Gedicht
Mitgeteilt von _Emil Zeißig_ in Oschatz
_Louis Riedel_ in Meßbach im Vogtland ist weithin als vogtländischer
Dialektdichter bekannt. Von ihm stammt auch ein Poem in hochdeutscher
Sprache, das wert ist, dem Vergessen entzogen zu werden.
Am 5. und 6. Oktober 1907 versammelten sich in Annaberg viele der
früheren Schüler des dortigen Lehrerseminars, die vor vierzig,
fünfzig und noch mehr Jahren ihre Bildungsstätte verlassen hatten.
Den Festaktus in der Aula des neuen Seminars eröffnete _Riedel_ als
einer der alten Annaberger Seminaristen mit folgendem wirkungsvoll
vorgetragenem _Prolog_:
Vor vierzig Jahren war es – bei dem einen
Mag’s etwas länger, beim andern kürzer sein –
Da zogen wir mit mut’gem, stolzem Meinen
Von hier hinaus ins erste Amt hinein.
Wie da die jungen Herzen freudig schlugen,
Von bangen, frohen Hoffnungen geschwellt!
Manch hohes Ideal im Herzen trugen
Wir froh hinaus in eine neue Welt.
Wie wollten wir die kleinen Kinderherden
Getreulich führen, die man uns vertraut!
Ein Pestalozzi wollte jeder werden,
Den großen Meister jeder in sich schaut’.
Und was das Leben weiter bringen würde
An reichlichem Erfolg, an Ehr’ und Glück –
Leicht schien daneben jede Lebensbürde. –
Ach, sehnend denken wir der Zeit zurück!
Denn unser Wissen, das so groß uns deuchte;
Und unser Können und was drum und dran,
Zu unserm Schrecken merkten wir, es reichte
Nicht aus, das Lernen hub von neuem an.
Und eine Kinderherde sorglich weiden
War doch viel schwerer, als wie man gedacht,
Was mußt man schelten, strafen, dulden, leiden!
Wie manche bange, gramdurchwachte Nacht
Nicht folgte auf des heißen Tags Beschwerden!
Nicht enden wollten Ärger und Verdruß,
Und ließ uns an uns selber irre werden.
Auch gab’s zu knacken manche harte Nuß!
Und mächt’ge Zweifel wurden in uns rege:
Ist denn auch, was du lehrest, alles wahr?
Befindest du dich auf dem rechten Wege
Als Führer deiner lieben kleinen Schar? –
Doch was wir auch gefehlt, wie wir gelitten
Beim ems’gen Suchen nach des Amtes Glück,
Allmählich haben Ruh wir uns erstritten
Und schauen lächelnd auf die Zeit zurück.
Gefestigt stehen wir da, zwar grau an Haaren,
Im innern Herzen aber frisch und jung
Und hängen wie vor vierzig und mehr Jahren
An unserm Stande mit Begeisterung. –
Und heut’, wo wir zusammen uns gefunden
Vielleicht zum allerletzten Wiedersehn,
Gedenken dankend wir der frohen Stunden,
Die einst wir hier verlebt – und gehn
Die lieben, teuren Gräber zu besuchen
Der alten Lehrer, die durch Wort und Tat,
Indem sie uns in warmem Herzen trugen,
In uns gestreut so manche reiche Saat.
Und manches Samenkorn ist aufgegangen,
Und ständen heut die alten Herren hier;
Sie würden uns mit Freundesgruß empfangen.
Dankbar, dankbar gedenken ihrer wir.
Und da sie selbst uns nicht mehr können hören,
So richten unsre Dankesworte wir
An die, so jetzt an ihrer Stelle lehren:
Dank, tausend Dank, euch lieben Lehrern hier! –
Und wenn wir nun zum Schluß das Fazit ziehen:
Was brachte uns das lange Leben ein?
Ach, es war reich an Sorgen und an Mühen
Und nicht im Amte etwa nur allein,
Oft klopfte gar die Not an unsre Türen
Und Schmalhans unser Küchenmeister war,
Doch ließ noch stets sich die Behörde rühren
Und bracht zur rechten Zeit uns Hilfe dar.
Auch fehlte sonst es nicht an Tagen, Stunden,
Wo uns die Freude in die Arme zog:
Wenn Freunde sich bei Freunden eingefunden
Und heitres Scherzwort hin und wieder flog;
Wenn an uns unsrer Kinder Augen hingen
Beim Unterrichte heiß und weltentrückt,
Und wenn sie freundlich kamen, freundlich gingen,
Hat uns das nicht unzähl’ge Mal beglückt!
Und bot uns nicht oft erst nach langen Jahren
Manch einer seine Hand noch dankbar dar,
Nachdem er es im Lauf der Welt erfahren,
Wie gutgemeint selbst unser Strafen war!
Drum kurz und gut: Hat uns das Lehrerleben
Auch aufgehalset manches schwere Joch,
Bracht es auch Glück und Freude viel daneben,
Ein reich, ein köstlich Leben war es doch!
Über die »Wiedersehnsfeier alter Annaberger«, der ich beiwohnte,
berichtete ich ausführlich in der Sächsischen Schulzeitung 1907, wo
ebenfalls das Riedelsche Gedicht steht.
Die Karte des Vogtlandes im Maßstab 1 : 100000
Von Dr. _A. Schmidt_
Diese vom Reichsamt für Landesaufnahme hergestellte Karte umfaßt jenes
Stück deutschen Landes, das geologisch, volks- und landeskundlich
zu den interessantesten Gegenden Deutschlands gehört. Geologisch
ist es ein in sich geschlossenes Gebiet, das im Westen von der
Blankenberg–Bergaer Sattellinie und der großen Verwerfung, die von
Gräfental über Lobenstein verläuft, begrenzt wird. Im Osten bilden
das Kirchberger und Eibenstocker Granitmassiv und im Südosten der
böhmische Absturz die Grenze. Das Vogtland gehört zur mitteldeutschen
Schwelle, die das norddeutsche Flachland von den Beckenlandschaften
im Süden trennt. Ihre Uroberfläche ist die germanische Rumpfebene
der älteren Tertiärzeit. Gegenüber den Erhebungen des Fichtel-
und Erzgebirges erscheint das Vogtland als eine weit ausgedehnte
Hochfläche, die sich nach Norden allmählich bis zur sächsischen
Bucht hinabsenkt. Seit dem jüngeren Tertiär haben sich Aufwölbungen,
Bruchbildungen und vulkanische Vorgänge ereignet. Darauf deuten auch
noch die Mineralquellen, die im Vogtland häufig anzutreffen sind,
und auf die Fortdauer der Bewegungen weisen die häufigen Erdbeben in
dieser Landschaft. Die südwestlich-nordöstlich laufende erzgebirgische
und die südöstlich-nordwestlich serzynische oder sudetische Richtung
im deutschen Gebirgsaufbau kreuzen sich im Fichtelgebirge und
Vogtland. Sie machen den Aufbau des Bodens mannigfaltig und stellen
der geologischen Kartierung große Schwierigkeiten entgegen. Nur durch
diese verwickelte Tektonik kann man sich die im einzelnen auftretenden
Regellosigkeiten erklären. Eine natürliche orographische Gliederung
zeigt ein östlich, ein südlich und ein westlich vom Elsterknie
gelegenes Gebiet. Die Täler sind tief und scharf eingeschnitten,
soweit sie in hartem Gestein verlaufen, besonders das Elstertal
unterhalb Plauen. Vom Haupttal des ganzen Landes, dem Bett der weißen
Elster, erhielt das Vogtland, das Land der früheren kaiserlichen
Vögte, auch den Namen »Elsterbergland«. Den schönsten Teil des
Landes hat die Touristenwelt »Vogtländische Schweiz« getauft.
Zwei Hauptquellengebiete, der Schönecker Wald und die Gegend von
Mißlareuth-Tanna, sind deutlich erkennbar.
Die Grundlinien im Bau des Bodens sind zugleich die Hauptwege des
Verkehrs. Das Vogtland ist von jeher ein Durchgangsland gewesen; vier
Hauptpässe führen über die südlichen und westlichen Grenzkämme nach
Böhmen und Süddeutschland. Die orographischen Verhältnisse nötigten
dazu, Straßen und Siedlungen vorwiegend auf die Hochfläche zu legen und
den Dörfern eine meist ringförmige Form zu geben. Ursprünglich waren
die tiefer liegenden Täler durch ihre Form und die höher gelegenen
durch die starke Bewaldung auf nassem Boden siedlungsfeindlich. Nur die
Hochflächen boten zunächst Raum für zahlreiche slawische Siedlungen.
Später aber drang in den Tälern und Waldungen des Südens die Besiedlung
der Deutschen vor. Die verschiedenen Perioden der Rodetätigkeit und
die völkische Herkunft der Siedler haben ihre Spuren hinterlassen in
den Waldhufen- und Runddörfern; letztere erweiterten sich später zu
Straßendörfern. Auch die Namensendungen der Dörfer erinnern an diese
Zeit, und die Karte hält die Überreste jenes Siedlungswettstreites im
Bilde fest.
Die neuzeitliche Verkehrsentwicklung führt eine Expreßzuglinie
durch das alte Durchgangsland und verbindet Norddeutschland mit
dem Süden, ein Ersatz für die fehlende Wasserverkehrsader. Denn
wenn auch die Täler tief eingeschnitten sind, so findet sich doch
nirgends ein Durchbruchstal wie das der Elbe im Elbsandsteingebiet.
Diese Expreßzuglinie und eine andere wichtige Eisenbahn des Landes
überschreiten auf mächtigen Brücken die Flüsse Göltzsch, Elster und
Syra. Man hat das Vogtland deshalb mit Recht auch das Land der hohen
Brücken genannt.
Die alte Straße Zwickau–Plauen–Hof spielte in der Weiterentwicklung
der Ortschaften eine große Rolle und machte Plauen zum Verkehrs- und
Verwaltungsmittelpunkt. Die Entwicklung der Textilindustrie erweiterte
es zur bedeutenden Stadt. Das Zusammentreffen von Bodenschätzen,
günstiger Verkehrslage und einem guten Arbeiterstamm förderten die
industrielle Entwicklung des Vogtlandes, wovon Reichenbach und seine
Umgebung ein lebendiges Beispiel bieten. Aus der ursprünglichen
natürlichen Landschaft schuf ein arbeitgewohntes Volk eine
Kulturlandschaft, die zu den dichtbevölkertsten der Erde gehört.
Volkskunde im Unterricht!
Zur Förderung der Volkskunde im Unterricht hat der Verband deutscher
Vereine für Volkskunde nachfolgende Eingabe, die hauptsächlich
preußische Verhältnisse berücksichtigt, den zuständigen Stellen
übermittelt:
Bei der Neuregelung der Lehrerbildung in ganz Deutschland hält
sich der Verband deutscher Vereine für Volkskunde, der die
volkskundlich interessierten Vereine und Museen Deutschlands zu einer
Arbeitsorganisation zusammenfaßt, als sachverständige Körperschaft
für verpflichtet, mit allem Nachdruck dafür einzutreten, daß bei der
Erteilung des Unterrichts in der Volksschule wie in den höheren Schulen
und demgemäß auch bei der Lehrerbildung die Volkskunde in weit höherem
Maße berücksichtigt werde als bisher. Er faßt die im Interesse des
Unterrichts zu stellenden notwendigen Forderungen in die folgenden
Leitsätze zusammen und gibt in der anschließenden Denkschrift ihre
ausführliche Begründung:
I.
Der Verband deutscher Vereine für Volkskunde begrüßt die von Preußen in
den »Richtlinien für die Lehrpläne der _höheren Schulen_« durchgeführte
Einbeziehung der deutschen Volkskunde in den lehrplanmäßigen Unterricht
dieser Anstalten, wodurch eine schon seit langer Zeit von ihm erhobene
Forderung erfüllt wird. Der Verband gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die
anderen Länder des Reiches, soweit es noch nicht geschehen ist, dem von
Preußen gegebenen Beispiele folgen werden. Er weist aber gleichzeitig
mit allem Nachdruck darauf hin, daß bei dem Mangel an geeignet
vorgebildeten Lehrkräften die wirkliche Durchführung der Richtlinien im
Unterricht nur möglich ist, wenn durch besondere volkskundliche Kurse
die jetzt im Amte befindliche Lehrerschaft über den in Frage kommenden
Wissensstoff orientiert wird und wenn die gründliche Ausbildung der
künftigen Lehrer an den höheren Schulen in der Volkskunde dadurch
gesichert wird, daß an den Universitäten besondere Lehraufträge für
Volkskunde erteilt werden und in der Prüfungsordnung Volkskunde in
geeigneter Weise berücksichtigt wird.
II.
Der Verband deutscher Vereine für Volkskunde bedauert, daß bei der
Neuordnung der _Volksschullehrer_bildung, soweit von den einzelnen
Ländern Pläne dazu vorliegen, die deutsche Volkskunde in durchaus
ungenügendem Ausmaße oder gar nicht berücksichtigt worden ist, zumal
gerade in der Volksschule Volks- und Heimatkunde die Grundlage des
gesamten Unterrichts darstellen sollte. Insbesondere hebt der Verband
hervor, daß in der soeben erschienenen Denkschrift des Preußischen
Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung über die
»Neuordnung der Volksschullehrerbildung in Preußen« die Volkskunde
weder in der Unterrichtsverteilung (s. Stundentafel) noch bei der
Zusammensetzung des Lehrkörpers berücksichtigt ist. Demgegenüber
hält der Verband unbedingt an der Forderung fest, daß die deutsche
Volkskunde nicht nur in den wahlfreien Arbeitsgemeinschaften, wie es in
der Denkschrift geschehen ist, sondern auch in den wissenschaftlichen
Vorlesungen und Übungen den ihr gebührenden Platz einnehmen muß und daß
dieser Unterricht nur von solchen Dozenten erteilt werden darf, die auf
Grund einer besonderen fachlichen Ausbildung in der Volkskunde dazu in
der Lage und befähigt sind. In der Abschlußprüfung der pädagogischen
Akademien ist Volkskunde als Prüfungsfach entsprechend zu bewerten.
Für die zu treffenden vorläufigen Maßnahmen (Einrichtung von Kursen
zur Unterweisung der im Amte befindlichen Lehrerschaft in der
Volkskunde) und für die endgültige Ausbildung der künftigen Dozenten
an den pädagogischen Akademien oder Lehrerbildungsanstalten (sofortige
Erteilung einer hinreichenden Anzahl von Lehraufträgen für Volkskunde
an den Universitäten) gilt das oben unter I über die höheren Schulen
Gesagte.
Verband deutscher Vereine für Volkskunde
Denkschrift
über die Notwendigkeit, die Volkskunde im Schulunterricht und bei der
Lehrerausbildung in angemessener Weise zu berücksichtigen
Die seit langem erhobene Forderung, den Unterricht an den höheren
Schulen wie den Volksschulen mehr national und heimatlich zu
durchdringen, hat sich mit Recht immer stärker durchgesetzt. Die
Heimatkunde, deren wichtigsten Teil die Volkskunde bildet, ist in der
Tat in hohem Maße geeignet, das soziale Verständnis der einzelnen
Volksschichten füreinander zu fördern und dadurch der Zerrissenheit
unseres Volkes wirksam entgegenzutreten. Andererseits vermag die
Volkskunde, ohne daß sie beansprucht, ein besonderes Fach zu bilden,
alle anderen Fächer so zu durchdringen, daß die Lebendigkeit des
Unterrichts gesteigert und zugleich fremder Wissensstoff dem
Verständnis durch ähnliche Erscheinungen in der Heimat nahegebracht
wird. Durch die tiefer gegründete Kenntnis der eigenen Volksart
und ihrer geistigen Schöpfungen wird die Heimatliebe aus der
Unsicherheit des Gefühlsmäßigen herausgehoben und bewußter gefestigt.
Auch die Forderung, daß die führenden Persönlichkeiten des Volkes
(Verwaltungsbeamte, Richter, Pfarrer, Ärzte) der Art des Volkes, seinem
Glauben, Fühlen und Meinen mehr Verständnis entgegenbringen müssen,
kann nur durch die Aneignung der durch die Volkskunde vermittelten
Erkenntnisse, sei es im Unterricht, sei es später in geeigneten
Vorlesungen an der Universität, erfüllt werden. Nur so vermag der oft
mit Recht erhobene Vorwurf der Volksfremdheit und Lebensferne dieser
Kreise entkräftet zu werden.
Bedauerlicherweise sind diese Erkenntnisse immer noch nicht in Tat
umgesetzt worden. Nur ein Teil ist von einzelnen Ländern verwirklicht
worden, aber auch von ihnen nicht in zureichendem Maße, wie die
folgenden Bemerkungen deutlich zeigen.
1. Höhere Schulen.
Noch 1901 wurde z. B. in den »Lehrplänen und Lehraufgaben für
die höheren Schulen in Preußen« die Volkskunde weder namentlich
noch inhaltlich erwähnt. Hier brachte dann 1924 die in der
Denkschrift des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst
und Volksbildung zur Neuordnung des höheren Schulwesens geforderte
»stärkere Betonung der spezifisch nationalen Bildungsstoffe«
einen unverkennbaren Wandel zu Gunsten der Volkskunde. Die in den
»Richtlinien für den deutschen Unterricht« des gleichen Ministeriums
enthaltenen methodischen Bemerkungen kennzeichnen unter Absatz II
zunächst das Wesen der Volkskunde im allgemeinen und weisen dann
den Weg, wie durch einen lebensvollen Unterricht die Schüler von
einer volkskundlich eingestellten Heimat- und Stammeskunde bis
zur Einsicht in die hinter allem Wechsel der Geschlechter und
Lebensformen sich offenbarende, einheitliche Volksgemeinschaft zu
leiten seien. Auch für andere Untergruppen des deutschen Unterrichts
wie Kunstbetrachtung, für die »freien Arbeitsgemeinschaften«, sowie
für gewisse andere Unterrichtsfächer, wie Musik und Nadelarbeit,
wird auf die volkskundlichen Anknüpfungspunkte hingewiesen. In den
»Lehraufgaben« wird der volkskundliche Stoff von der untersten Stufe
an auf den Lehrplan der einzelnen Klassen verteilt; auch hier gibt der
Deutschunterricht in erster Linie den Rahmen, doch verlangen auch die
spezielleren Bestimmungen über Religion, Geschichte, Erdkunde, Musik
und Zeichnen an verschiedenen Stellen Eingehen auf volkskundliche
Erscheinungen.
Diese Art, wie der preußische Reformlehrplan die Volkskunde in den
Unterricht an den höheren Schulen eingliedert, dürfte in der Hauptsache
den Erwartungen sachkundiger Beurteiler entsprechen und ist daher
im allgemeinen von den Vertretern der wissenschaftlichen Volkskunde
mit Befriedigung begrüßt worden. Er sieht davon ab, die Volkskunde
als besonderes Unterrichtsfach einzuführen, fordert aber eine
volkskundliche Durchdringung weiterer Unterrichtsgebiete und beschränkt
sich hierbei nicht auf allgemeine Empfehlungen, sondern entwirft den
Plan einer systematisch aufgebauten, mit dem Gesamtunterricht in
lebendiger Wechselbeziehung stehenden volkskundlichen Durchdringung
des Schülers. Als notwendige Erweiterung ist aber die Aufstellung
des Grundsatzes zu bezeichnen, daß die Erarbeitung gewisser, näher
zu bezeichnender volkskundlicher Grundkenntnisse als verbindliches
Lehrziel der einzelnen Klassen zu gelten habe, das unbeschadet der
individuellen Lehrfreiheit der Unterrichtenden unbedingt zu erreichen
sei. Die Erreichung dieses Lehrziels durch die Schüler ist bei den
Prüfungen festzustellen.
Angesichts des hohen nationalen und sozialen Berufes der Volkskunde
ist es außerordentlich tief zu bedauern, daß bisher allein Preußen
die erforderlichen Schritte zu ihrer Einführung getan hat. Es
ist aber im Interesse einer fruchtbaren und allen Parteihader
überbrückenden deutschen Volksgemeinschaft unbedingt zu verlangen, daß
die anderen Länder des Reiches dem Beispiel Preußens folgen. Wenige
Unterrichtsfächer dürfte es geben, die bei gleich hoher Bedeutung
die gleiche Möglichkeit einer einhelligen Anerkennung und Wertung
finden könnten wie die Volkskunde. Aus diesem Grunde könnten bei der
Aufstellung entsprechender Lehrpläne unbedenklich die preußischen
Richtlinien, unter Berücksichtigung der oben erhobenen Forderung, als
Muster zugrunde gelegt werden.
Bei aller Anerkennung der grundsätzlichen Einführung der Volkskunde
in den Lehrplan der höheren Schulen Preußens darf man sich jedoch
nicht verhehlen, daß der Erreichung des in den Richtlinien gesteckten
Zieles noch große Schwierigkeiten entgegenstehen. Diese liegen nicht
etwa auf der Seite der Schüler; vielmehr stimmen alle Lehrer, die die
Volkskunde schon vor ihrer amtlichen Anerkennung in ihrem Unterricht
nach Möglichkeit berücksichtigt haben, darin überein, daß die Schüler
im allgemeinen jede volkskundliche Unterweisung und Anregung mit großem
Interesse entgegennehmen. Zumal durch die bewußt auf das Volkstümliche
eingestellte Jugendbewegung ist dies Interesse in den letzten Jahren
stark vermehrt worden; ihm nicht entgegenzukommen, hieße eine der
fruchtbarsten Möglichkeiten einer wahren Arbeitsgemeinschaft von Lehrer
und Schülern verpassen. Jene Schwierigkeiten liegen vielmehr auf seiten
der Lehrenden. Gerade der Lehrer, der sich seiner amtlichen Pflichten
und seiner wissenschaftlichen Verantwortung bewußt ist, wird in den
meisten Fällen den Forderungen, die die Unterrichtsbehörde an seine
volkskundliche Lehrbefähigung stellt, mit einer gewissen Mut- und
Ratlosigkeit gegenüberstehen. Denn nur eine verschwindend kleine Zahl
von Studienräten besitzt die Vorkenntnisse, um einen wissenschaftlich
begründeten volkskundlichen Unterricht zu erteilen, und Dilettantismus
ist auf diesem Gebiete, wenn irgendwo, von den übelsten Folgen
begleitet. Zwar fehlt es nicht an Hand- und Lehrbüchern der Volkskunde
(s. u. a. die Literaturangaben in der Richertschen Ausgabe der
preußischen Richtlinien, Berlin, Weidmann 1925), doch ist es eine alte
und nicht einfach durch Bequemlichkeit zu begründende Erfahrung, daß
sich nur wenige Lehrer in gereifterem Alter in Wissenschaftsgebiete
hineinarbeiten, für die sie in ihrer Universitätszeit in keiner Weise
durch Vorlesungen, Übungen oder wenigstens durch gelegentliche Hinweise
angeregt worden sind. In den meisten Fällen hindern die Bürden und
Sorgen des Amtes und der Familie, sich selbständig die Wege in bisher
unbekannte Gebiete zu bahnen, was angesichts der zurzeit bestehenden
Pflichtstundenzahl vollends erklärlich wird.