bestimmten Büchern sieht man es besonders an, daß sie mit Vorliebe
benutzt wurden. Der Griff der rauhen Arbeitshände und die braunen
Zeichen des Schaffens in den feuchten Schlüften und Klüften der Grube
sind unverwischbar den Blättern eingeprägt, namentlich da, wo die
»Lieder vor der Schicht« den täglichen Gebrauch beweisen.
Ein Lied, das an einer solchen durch die Arbeitshand besonders
geadelten Stelle steht, mag zeigen, mit welchem Ernst dieses »Gebet
vor der Schicht« aufgefaßt wurde, und welche Gedanken den in die Grube
fahrenden Bergmann in seinem schwarzen Grubenkittel bewegten:
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenkleid – ein Todtenkleid.
Drum falt ich betend meine Hände und flehe um Barmherzigkeit.
O Herr, du meine Zuversicht: verlaß, verlaß den Bergmann nicht!
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenschacht – des Todes
Schacht,
Wohin ich meine Augen wende, nur schweres Graun, nur tiefe Nacht.
Mein Heil, mein Licht, Immanuel, komm, mache du mein Dunkel hell!
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenlicht – mein
Lebenslicht.
Ein Tropfen löscht es gar behende, wie bald verwehts der Zugwind
nicht.
Herr Gott! in Noth und in Gefahr nimm meines Lebens gnädig wahr!
Gieb mir, o Herr, zum selgen Ende ein wachend und ein betend Herz,
dein Wort als Leuchte in die Hände zur Fahrt hinauf- und
niederwärts.
Kommt dann die allerletzte Schicht, dann zag ich nicht, dann klag
ich nicht.
Still leg ich dann am selgen Ende das schwarze Kleid der Grube ab;
man legt die ausgelöschte Blende und mein Gezähe mir aufs Grab;
mir reicht der Herr das weiße Kleid der himmlischen Gerechtigkeit.
Einst fahr ich dann am selgen Ende herauf aus meines Grabes Schacht;
hell leuchten alle Bergeswände; des Himmels Glanz durchbricht die
Nacht;
es steigt die Gnadensonne auf, und Alles jauchzt: Glückauf!
Glückauf!
Die bergmännische Betstube im Freiberger Stadtmuseum ist bis in alle
Einzelheiten hinein, wie hier die alten Gesangbücher durch ihren Inhalt
und die Spuren ihres Gebrauches beweisen, ein Kulturdenkmal, wie nur
wenige in dieser Eigenart und inneren Bedeutung im Lande vorhanden sind.
Bergmännische Frömmigkeit, die so ihre tägliche Arbeit unter den Schutz
des Allerhöchsten stellt, hat namentlich in den früheren Jahrhunderten
den _Gruben_ und _Berggebäuden_ Namen von religiöser Bedeutung gegeben.
Es sind uns viele Namen überliefert, welche das deutlichste und oft
eigentümlichste Gepräge ihrer längst vergangenen Zeit an sich tragen.
Den Berggebäuden einen besonderen Namen zu geben, entspricht nicht
nur einer alten guten Sitte, sondern verdankt auch gesetzlichen
Vorschriften ihren Ursprung. Noch die neueren Berggesetze besagen
ausdrücklich, daß die althergebrachten Namen der Berggebäude nur mit
besonderer Genehmigung der Bergbehörden abgeändert werden dürfen.
Beim Auftun einer Grube herrschte aber völlige Freiheit, und dieser
ist es zuzuschreiben, daß bei der Wahl der Namen die mannigfaltigsten
Umstände mitwirkten, und eine Zusammenstellung ein gar buntes Bild
bergmännischen Sinnes aus sieben Jahrhunderten ergeben würde.
Überwiegend jedoch, wenn nicht an Zahl, so doch sicher an Bedeutung der
Gruben mit den dazugehörigen Berggebäuden und Aufbereitungsanlagen sind
die religiöser Gesinnung entspringenden Namen.
Wie feierlich fromm klingt es doch, wenn hunderte von »Lachtern« tief,
dort, wo zwei Gänge sich kreuzen, als Ortsbezeichnung im kargen Schein
des Grubenlichts z. B. aufleuchtet: »Kreuz des Neue Hoffnung Gottes
Stehenden mit Gottlob Morgengang!«.
Die im folgenden einer Zusammenstellung im Freiberger Bergkalender
vom Jahre 1864 entnommenen Namen entstammen sämtlich dem Freiberger
Bergbau, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen. Im Vertrauen auf den
Schutz Gottes, des obersten Bergherrn, der Mutter Maria, des Sohnes
und heiligen Geistes, besonders aber der Heiligen der katholischen
Kirche, verlieh man den Berggebäuden unter anderem die Namen:
Heilige Dreifaltigkeit, Aller Welt Heiland, Kindlein Jesus, Christus
Schlangentreter, Himmelsfürst, Schöne Marie, Unsere liebe Frau am Weg,
Sct. Johannes am Jordan, Sct. Anna, (Sct. Anna Geschlecht, Sct. Anna
und Altväter), Sct. Apollonia, Sct. Barbara (Reiche Sct. Barbara),
Großer Christoph, Sct. Donat, Sct. Elisabeth, Sct. Erasmus, Sct.
Gregorius, Heilige drei Könige, Pflegevater Joseph, Sct. Seligen, Sct.
Wolfgang.
Gleich religiösen Ursprungs, der Bibel entlehnt und auch im nahen
Zusammenhang mit den genannten erscheinen folgende Namen, bei deren
ursprünglicher Wahl zum Teil vielleicht der Reichtum der aufgefundenen
Erze mit einwirkte: Abraham, Arche Noah, Himmlischer Austheiler,
Christbescherung, Got vertrauter Daniel, Elias, Emanuel, Engelsberg,
Engelschar, Erhörung Gottes, Erzengel Michael, Freude Gottes, Gottes
Gabe, Gnade Gottes, Hülfe Gottes, Milde Hand Gottes, Reiche Hand
Gottes, Hoffnung Gottes, Vorsehung Gottes, Himmlisch Heer, Himmelfahrt,
Himmelskrone, Himmelsfürst, Himmlische Musika, Himmlische Kantorei,
Himmelspforte Isaak, Neu Jerusalem, König Ahasverus, König David, König
Manasse, König Salomo, Heilig Kreuz, Gelobt Land, Armer Leichnam,
Moses, Osterlamm, Prophet Jonas, Rose von Jericho, Junger Tobias,
Reicher Trost.
Sogar Sprüche mit religiösen Grundgedanken kommen als Grubennamen vor:
z. B. Im Namen Gottes fahren wir ein, Wills Gott, so hauen wir Erz, Ich
wags, Gott vermags, Gott segne anderweit, Gelobt sei Gott, Gott allein
die Ehre, Trau und bau auf Gott, Gott wird helfen, Gott giebt, Gott
nimmt, Gott gebe Beständigkeit, Gott hilft gewiß, Bergmännischer Gott,
thue die Klüfte auf.
Dieser religiöse Sinn, der den einzelnen Gruben fromme Namen gab,
war auch bei den Gründungen der neuen _Bergstädte_ um die Wende des
sechzehnten Jahrhunderts zur Namengebung lebendig, alter guter Sitte
folgend, und um das neue große Werk besonders unter den Schutz und die
Gnade himmlischer Mächte zu stellen. Die Städte der heiligen Sippe
bilden so im Erzgebirge eine eigenartige Stadtfamilie. Es ist zu
bewundern, wie der vorausschauende Unternehmergeist jener Jahrzehnte
seine Städte gründete und planmäßig benannte in der sicheren Erwartung
des dauernden himmlischen Bergsegens für alle jüngeren oder älteren
Angehörigen in der Reihe der heiligen Sippenstädte: Joachimstal und
Annaberg, Marienberg und Jöhstadt (Josephsstadt). Ihnen schließt
sich als Bergstadt mit einem Heiligennamen, Sebastiansberg an. In
Schneeberg, dieser durch den Erzbergbau entstehenden und emporblühenden
Bergstadt, erhielt die gewaltige, das Land mit ihrem Turm weithin
beherrschende Pfarrkirche ihren Namen nach dem Schutzpatrone des
Bergbaus St. Wolfgang. Unter seinem Schutze sollten Stadt und
Grubenbezirk wohl gedeihen.
Und wo hoch das Haupt und die Krone des Erzgebirges, der Fichtelberg,
sich stolz in den Himmel reckt, da klingt als ständige Mahnung ein
frommer Bergstadtname »Gottesgab« wie ein Weihespruch und Dankgebet
beim Fündigwerden neuen Bergsegens in die dumpfen Täler hernieder.
Dieser aus bergmännischem Geiste gewachsene Name ist wie eine Predigt:
Auf sturmumbrauster Hochebene über eintausend Meter hoch liegt dieses
alte Bergstädtchen. Sommerfreude und Sonnenschein ist kurz, Nebelsorge
und Wintersnot ist rauh und lang, die Frucht und Nahrung in Feld und
Garten, der Erwerb in bescheidener Hantierung mühselig und dürftig,
der Boden widerwillig und karg. »Eine Wohltat für den Ort ist das
Armenhaus!« sagt Berlet. Entsagung, Bedürfnislosigkeit, Armut, Mühsal
und Lebensnot, und dennoch »Gottesgabe«, dennoch oder vielleicht darum
die Heimat Anton Günthers, des Sängers der Heimatfreude, des Glückes
der Genügsamkeit, des Sonntagskindes von Gottesgab, dessen Leben und
Dichten ein Symbol seiner Heimat und ihres Namens ist, das Gottes Gaben
und seine Größe auch im Kleinen und Geringen erkennt, dem die Berge und
die Täler, der Wald und seine Geschöpfe ebenso wie der schlichte Mensch
seiner Heimat Offenbarungen seines Reichtums, seiner Güte und seiner
Herrlichkeit sind, dem die arme Heimat doch ein Königreich ist, »weil
dort drubn mei Heisl schtieht!« – – –
[Illustration: Abb. 6. =Die drei Kreuze bei Freiberg=]
Die bergmännische Frömmigkeit, die im Gotteshause in allerlei Formen
ihren Ausdruck suchte, die in Liedern und Namen ihre betenden Hände
nach oben streckte, hat auch durch sichtbare Symbole das Denken von
der täglichen schweren Arbeit in der Grube nach oben zu lenken und
himmlischen Schutz und Bergsegen sich zu sichern gesucht.
An einem uralten Häuersteg zwischen Freiberg und Brand steht als
Wahrzeichen seit Jahrhunderten die Gruppe der »_Drei Kreuze_«. Weithin
sichtbar ragt sie empor und grüßt mit schwerem Ernst den Bergmann auf
seinem Weg zur oder von der Schicht. (Abb. 6.) Jetzt sind es nur noch
die leeren Kreuze, die vielleicht noch manchmal eine fromme Hand mit
einem Kranze schmückt. Die überlebensgroßen Gestalten des Heilandes
und der Schächer sind verschwunden – die Figur des Heilandes und der
Kopf eines Schächers, wertvolle Schnitzwerke, werden im Freiberger
Altertumsmuseum aufbewahrt – aber dennoch wirken die Kreuze als
einziges Symbol dieser Art in der Freiberger Gegend in ihrer Einsamkeit
auf stiller Halde eindringlich und stimmungsvoll. Sagen haben sich
um diese drei Kreuze gerankt. Mag es ein Sühnezeichen sein für die
Ermordung dreier Ratsherren durch Feindeshand, mag es fromme Stiftung
sein vielleicht von Bergmannshand, die Phantasie des Volkes raunt
um dieses eigenartige stumme Denkmal mit Fragen und Denken tiefe
Geheimnisse und webt ihren unergründlichen Zauber. Jahrhunderte lang
bis zur Abrüstung des Bergbaus hat die Bergknappschaft vornehmlich aus
Beiträgen benachbarter Gruben die drei Kreuze unterhalten. Jetzt hat
die Stadt Freiberg pietätvoll diese Aufgabe übernommen.
Dieser Gedanke der drei Kreuze begleitet den Bergmann zu seiner
Arbeit in der Grube. Die Grubenlampe, die _Froschlampe_, welche ihm
auf seiner mühseligen Fahrt in die Tiefe, auf dem finsteren engen
Pfad durch Stolln und Gänge, bei der gefahrbringenden Arbeit vor Ort
ihr tröstendes Licht spendet, trägt an dem Bügel über der Flamme an
einem metallenen Schildchen das Symbol der drei Kreuze. Mag hie und
da das Kreuz zur Kreuzblume als Schmuckform entartet sein, die bei
weitem größte Zahl der seit etwa Anfang des sechzehnten Jahrhunderts
aus Metall gefertigten Froschlampen trug dieses klare Symbol durch
das Arbeitsleben des Bergmannes. Der Glaube an eine bewahrende,
glückspendende Wirkung der durch das Bild der drei Kreuze geweihten
Lampe, ohne deren Licht ja der Bergmann im Schacht verloren wäre, der
Glaube an den heiligen Talisman der drei Kreuze an der Lampe mag dieses
sinnvolle Symbol durch vier Jahrhunderte bis in die letzten Tage des
Bergbaues unverändert erhalten haben.
In der bergmännischen Sammlung des Freiberger Altertumsvereins befindet
sich eine kupferne Froschlampe (Abb. 7) mit dem Datum 1643, dem Jahre
der schweren, siegreich überstandenen Belagerung Freibergs durch die
Schweden unter Torstensohn, mit dem eigenartigen Namen des alten
Besitzers: »Schriddo Feisiner« und dem Spruche: »Also hat Got die Welt
gelibed das er seinen / einigen / gebornen Sohn gab auf das alle die an
ihn gleuben nicht verlorn werden sondern das ewige Leben haben /«. Das
Talismanschildchen an dem Bügel über der Flamme, dort, wo der Schein am
hellsten ist, trägt die drei Kreuze und unter dem mittelsten das mit
kunstlosen Linien eingegrabene Bild des Gekreuzigten mit den Buchstaben
~I. N. R. I.~ Diese Lampe ist die lebendige praktische Illustration des
alten Bergmannsspruches: »Mein Grubenlicht soll Jesus sein. Mit ihm
fahr ich aus und ein«. Diese Lampe ist somit ein kostbares, lebendiges,
redendes Zeugnis davon, wie tiefen Sinn und welche ernste Bedeutung der
Bergmann diesem scheinbar so nebensächlichen und überflüssigen Schmuck
seiner Grubenlampe, seines hilfreichen, tröstenden Gefährten in der
Finsternis, beilegte. In dem zwei Jahrhunderte jüngeren Liede dort aus
dem Bergmannsgesangbuche der Betstube klingt es wieder aus jenem Geiste
wie eine Erklärung:
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenlicht – mein
Lebenslicht.
Ein Tropfen löscht es gar behende, wie bald verwehts der Zugwind
nicht.
Herr Gott! in Not und in Gefahr nimm meines Lebens gnädig wahr!
Gieb mir, o Herr, zum selgen Ende ein wachend und ein betend Herz,
Dein Wort als Leuchte in die Hände zur Fahrt hinauf- und
niederwärts.
[Illustration: Abb. 7. =Froschlampe (1643) mit drei Kreuzen und
Inschrift=]
Der fromme Gedanke des heilbringenden Kreuzes, unter den der Schacht
und die Häuer sich stellen, fand auch gelegentlich in der Grube selbst
Verkörperung, sei es als Nachklang aus ferner katholischer Zeit,
sei es als frommes Zeichen der Weihe und Talisman. Die Freiberger
bergmännische Sammlung bewahrt ein kleines Kruzifix aus Messing auf,
das mittels Holzplatte im Tiefen Fürstenstolln im Schachte Hohe Birke
untere sechs Maaß (in der Nähe des Stollnhauses in Zug, dem alten
Bergmannsdörfchen bei Freiberg) ins Gestein eingesetzt gewesen war.
Mehrere Bergmannsnamen sind neben dem Kreuz in das Holz geritzt. Es
stammt aus dem Jahre 1596 und ist ein Zeugnis für die Gefühlswelt des
in weltabgeschiedener dunkler Tiefe in einsamer gefährlicher Arbeit
schaffenden Bergmannes.
Das Symbol des Kreuzes in freibergisch-bergmännischer Auffassung
findet sich auch an Kleinkunstwerken, mit denen das tägliche Leben,
sei es daheim, sei es im Beruf, geschmückt wurde. In der Freiberger
Sammlung befindet sich z. B. ein als Werk alter bergmännischer
Volkskunst unschätzbares Schreibzeug etwa aus der Zeit um 1710 (Abb.
8), vielleicht aus dem Besitze eines alten Bergbeamten. Es baut sich
in vier Stufen auf, die den Sockel bilden für ein großes Kruzifix.
Am Schaft des Kreuzes ist das Bergmannswappen angebracht und zwei
Bergleute halten rechts und links Wache. Die unterste Stufe des
Sockels enthält die Schubkästchen für Tintenfaß und Streusand. Die
Stufe darüber stellt in zierlichen Figürchen die Arbeit unter Tage in
der Grube dar. Die nächste Stufe zeigt in der Mitte die kegelförmige
Kaue, links Pochwerk und Erzwäsche, rechts Hochöfen. Die oberste Stufe
zeigt die Bergverwaltung, vielleicht gar das Oberbergamt selbst in
altertümlicher Amtstracht hinter den Schreibtischen sitzend. Auf diesem
allen, wie auf hoher Halde stehend, ragt das Kreuz mit den beiden
bergmännischen Wächtern als Hauptmotiv des ganzen Aufbaues: Das Ganze
ein Symbol, daß die bergmännische Arbeit vom Häuer zum Schmelzer bis
hinauf zum federgewaltigen Manne der Bergwissenschaft oder Verwaltung
unter dem Kreuze steht.
Ein weiteres ähnliches Schnitzwerk (Abb. 9) aus gleichem Zeitalter
in der Sammlung ist die Darstellung der drei Kreuze. Die drei Kreuze
sind offenbar den drei Kreuzen bei Zug naturgetreu nachgebildet und
von einem gemeinsamen Dache überdeckt, wie es viele Jahrzehnte des
achtzehnten Jahrhunderts dort zum Schutze diente. Sie stehen auf
einer aus Erzstufen und Kristallen aufgebauten Halde. Ein großes
Bergmannswappen schmückt das mittlere Kreuz, an dem zwei Bergleute
Wache halten. Bergleute in verschiedenen Gruppen besetzen die Halde.
Auch dieses kleine aus echtem, rechtem Volksempfinden hervorgegangene
Kunstwerk ist ein Zeuge, wie innig das Kreuz, insbesondere die Gruppe
der drei Kreuze als frommes Wahrzeichen und Heilszeichen im Glauben und
Gefühlsleben des Bergmannes fest gegründet ist.
[Illustration: Abb. 8. =Bergmännisches Schreibzeug.= (Um 1710)]
Aus dieser Gesinnung heraus erklärt es sich, daß auch das
Hauptprunkstück, der Stolz des in feierlicher Bergparade
einherschreitenden Bergmannes, die reichverzierte _Bergbarte_ als
ersten geheiligten notwendigen Schmuck als oberste der auf Bein
eingeritzten Schildereien die Darstellung des Gekreuzigten zeigt.
Das Kruzifix oben am »Helm«, dem eigenartig geformten Griff, auf dem
»Nacken« des Helms, dicht unter der Öse des eisernen Blattes der Barte,
ist zu fester frommer Überlieferung der Jahrhunderte geworden. Der
Körper des Gekreuzigten reicht mit den Kreuzesarmen auf die Seiten
des Helmes rechts und links, wo anbetende Bergleute knien oder auch
schwebende Engel zu frommem Schmucke dienen.
[Illustration: Abb. 9. =Modell der drei Kreuze aus dem achtzehnten
Jahrhundert mit bergmännischer Staffage=]
Auch sonst findet sich manche fromm-religiöse Darstellung oder Spruch
mit Beziehungen auf das Bergmannsleben unter den Schildereien und
der Spruchweisheit an den altehrwürdigen Barten. Wenn die Schächte
und Gruben durch die Namengebung gleichsam in das Eigentum und den
besonderen Schutz und Segen von allerlei Nothelfern aus der Schar der
Heiligen oder der Männer der biblischen Geschichte gestellt werden, bei
den Barten, die nur ganz persönliches Eigentum des einzelnen Bergmannes
sind, findet sich kein Stellvertreter oder Nothelfer, sondern Jesus
allein soll Schutz und persönlicher Beistand sein: »Mein Grubenlicht
soll Jesus sein, so fahr ich fröhlich aus und ein«. Dieser schöne
Bergmannsspruch und Gedanke, dem wir bei dem Kirchenliede und der
Froschlampe begegneten, findet sich mit dem Bilde des Gekreuzigten
und zweier betender Bergleute geritzt in Bein an einer alten Barte.
Das Persönliche der Beziehung zu Jesus spricht sich besonders in
einer Darstellung aus, wo Jesus unten im Schacht die Hand auf die
aufwärtsführende »Fahrt« legt, als ob er den Schacht verlassen wolle,
während ein Bergknappe ihn aufhalten will. »Halt Jesum, laß ihn
nicht heraus, hilf ziehen, so schont Gott dein Haus«, so ist der Ruf
des in der Verlassenheit der Tiefe um göttlichen Schutz bangenden
Bergmannsherzens, der hier in so sprechender, naiver Weise eine
Barte schmückt. Auf einer anderen Barte steht Jesus wie ein Freund
unter den Bergleuten, als Schutz und Hilfe, denn: »Wer sein Gesprech
mit Jesu hält, zu dem sich Jesus auch gesellt«, sagt der Mahn- und
Verheißungsspruch. Noch manche Sprüche klingen aus dem Geiste dieser
alten treuherzigen Bergmannsfrömmigkeit und finden entsprechende
Darstellung auf der Barte: »Der rechte Gang wird hier entblößt, mein
Jesus hat mich abgelöst«, wo in einer Darstellung mit Schlägel und
Eisen arbeitender und ausfahrender Bergleute nach glücklich verfahrener
Schicht die Ablösung als Jesu Führung gepriesen wird, oder, wo
Bergsänger einen Lobgesang anheben: »Lobet, lobet Gott mit großem
Schall, Auf, auf, auf, o ihr Bergleute all!« oder, wo der Bergmann an
der Hängebank sich zur Einfahrt mit dem Stoßgebet rüstet: »Mit Gott
fahr ein, in Schacht hinein«.
Alle diese Bartensprüche geben einen tiefen Einblick in das
Seelenleben und die persönlichste Gedankenwelt des Bergmannes, der
sein Leben auf schlichter Pflichterfüllung, Berufsfreude und echter
Religiosität aufbaute. Diese für Volkskunst und Volkskunde und die
deutsche Kulturgeschichte so wichtigen Barten sind ja eine besondere
Eigenart des erzgebirgischen Erzbergbaues, wie sie in keinem anderen
Bergbaugebiet weiter vorkommt, aus frühem Mittelalter überliefert und
bis in die Neuzeit mit den alten frommen Gedanken und Gebräuchen treu
bewahrt und hoch gehalten, treu bis zum Tode der Mutter aller dieser
alten Bergherrlichkeit, des erzgebirgischen Erzbergbaues selbst. –
[Illustration: Abb. 10. =Gebet des Bergmanns nach der Schicht=]
Nachdem wir nun das weite Gebiet bergmännischer Frommheit durchwandert
und ihre verschiedenen Äußerungen betrachtet haben, erkennen wir,
daß diese Frommheit sich mit betenden Händen nach oben streckt, aber
dabei mit festen Schuhen mitten im praktischen Leben steht, fern von
Frömmelei und Muckertum. Treu an alten Sitten und Gebräuchen hängend
hielten sie das hoch und heilig, was ihnen einen inneren Halt und
eine Stütze gab in der Not und Drangsal des Lebens, in der Gefahr und
Mühsal ihres Berufes. Es war eine Frommheit der tätigen Hände und des
staubigen Arbeitsrockes, eine Frommheit des innigen, sinnigen Gemütes,
die die höchsten Dinge mit schlichtem Glauben und Vertrauen mit dem
täglichen Leben und Beruf zu verbinden wußte, diese dadurch adelte und
sich innere Werte schuf. So war die Frommheit dem rechten Bergmann
nicht bloß eine äußere Zutat, ein Ornament, sondern ein Fundament
des Lebens, ohne das er in den vielen ihn bedrohenden Gefahren nicht
hätte bestehen können. Nichts Menschliches war ihm fremd, aber auch
dem Göttlichen und Unerforschlichen fühlte er sich nahe, näher als
andere Berufe verbunden. Seinen Beruf trug er darum ins Gotteshaus,
heiligte ihn durch die Gottesnähe. Gottesweihe gab er auch seinem
Berufe dadurch, daß er seine frommen Gedanken, Gebräuche und Symbole
als helles Licht in das werktätige Leben der Schicht hineinstrahlen
ließ. Der betende Bergmann vor der Kaue (Abb. 10), der im schlichten
Bergkittel einsam auf freier Halde seine Hände faltet nach glücklich
verfahrener Schicht, ist ein altes Bild, das die Wand in gar manchem
Bergmannsstübchen schmückte: Es ist das Bild des Bergmannswesens selbst
in seiner Tüchtigkeit, Schlichtheit und Frommheit echt deutscher Art.
– Vorüber! Die letzte Schicht ist längst verfahren, die Schächte
verfallen, und die Halden sind einsam geworden – – – Vorüber! – aber
»Mir ist um Menschen und Bergwerk leid«.
Das Volkslied
Schattenrisse von _Max Zeibig_
Manchmal ist es ein Wandersmann. Braun verbrannt und hat leuchtende
Augen. Kräftig. Mit derbem Stock in der Hand und schreitet
singsangselig über Berg und Tal. Einmal durch grasgrünen Wald. Dann an
Korn und Mohn vorbei. Hört den Brunnen rauschen in der Stadt. Verweilt
bei den Schönen, scherzt und küßt und singt und liebt und lacht. Wenn
er wieder weiterzieht, schauen ihm die Mädchen so eigen nach. Winken,
lächeln und gehen still beiseite … Im Dorfkrug kehrt er abends ein.
Trinkt und trinkt und treibt es toll. Und bezahlt keine Schulden.
Keinen Batzen und keinen Gulden.
* * * * *
Manchmal ist es ein wunderfeines Königskind mit lichtem Haar und
schönen Händen und silbernen Schuhen. Wenn die schneeweißen Füße
durch die Wiesen laufen, bitten alle Blumen: Heb mich auf! Aber das
Königskind läuft weiter, immer weiter bis an den Fluß. Dort setzt es
sich auf eine Birkenbank und wartet auf den Abend, auf die Sterne und
den Mond. Und dann weht der weiche Wind ein Lied und ein Leid vom
anderen Ufer herüber, und das Wasser rauscht einen dunklen Akkord dazu.
* * * * *
Manchmal ist es ein wilder Reiter. Die Rosse wiehern und stampfen.
Trense und Kandare klirren und klingeln leise. Trompeten tönen feurig.
Säbel blitzen im Sonnenschein. Und hoiho! Vorwärts stürmt es im Galopp!
Batterie und Eskadron. Vorwärts, immer vorwärts! Voran die fliegenden
Fahnen! Abends aber leuchten lodernde Feuer am Himmel und werfen ihre
traurigen Sonnen in die Nacht. Blut und Tränen tropfen auf die Erde.
* * * * *
Manchmal ist es ein fröhlicher Ringelreihen. Lauter liebe blonde und
braune Kinder fassen sich an den Händen, drehen den Kopf nach der
Seite und spielen und tanzen und springen und machen husch! husch!
husch! Der liebe alte weiße Herr Dorfkantor steht dicht dabei und
guckt verträumt in dieses Kinderparadies. Ihre Augen blitzen wie
blankgeputzte Fensterscheiben. Die Blumenkränze aber auf den Köpfen
sind die allerschönsten Königskronen der Welt.
* * * * *