Aus einer frommen Altarbruderschaft hat sich ja erst in Frei

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Buches.

[Illustration]

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

7 bis 8

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XVI

_Inhalt_: Luftbild und Heimatschutz – Erzgebirgische

Bergmannsfrommheit – Das Volkslied – Das Ende einer Riesin

– Ein von Louis Riedel in hochdeutscher Sprache abgefaßtes

Gedicht – Die Karte des Vogtlandes im Maßstab 1 : 100000

– Volkskunde im Unterricht! – Eine Heimatschutzstimme vor

fünfzig Jahren – Neue Brücken in der Dresdner Heide – Zwei

Grabdenkmäler vom Friedhof in Lichtenberg bei Freiberg –

Das stille Tal – Seit wann die Herren von Einsiedel auf den

Burgen Gnandstein und Wolkenburg sitzen – Der Kampf gegen die

Straßenreklame in den Vereinigten Staaten – Das Wittichkreuz

bei Glashütte – Eine Holzschnitzerin – Das Erzgebirgslied –

Josef Ostermaiers Leben und Wirken – Unsere eingegangenen

Dörfer – Die Pillnitzer Staatsgondeln – Bücherbesprechungen

Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

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Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1927

Ziehung _bestimmt_ am 8. und 10. Oktober 1927

4. Geldlotterie

für die Erhaltung des Dresdner Zwingers

500000 Lose

54643 Gewinne und 1 Prämie im Gesamtwerte von 160000 Reichsmark

Gewinnplan

=Höchstgewinn= im günstigsten Falle =50000 Reichsmark=

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=1 Hauptgewinn= =5000= "

5 Gewinne je 1000 Reichsmark = 5000 "

10 Gewinne je 500 " = 5000 "

25 Gewinne je 200 " = 5000 "

50 Gewinne je 100 " = 5000 "

100 Gewinne je 50 " = 5000 "

150 Gewinne je 20 " = 3000 "

300 Gewinne je 10 " = 3000 "

1000 Gewinne je 5 " = 5000 "

3000 Gewinne je 3 " = 9000 "

50000 Gewinne je 1 " = 50000 "

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54643 Gewinne und 1 Prämie 160000 Reichsmark

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden-A., Schießgasse 24

Band XVI Heft 7/8 1927

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 31. August 1927

Luftbild und Heimatschutz

Was uns das Luftbild von der deutschen Stadt erzählt

Von Oberleutnant _Tschoeltsch_

Wir leben heute im Zeitalter des Luftverkehrs. Was früher ein frommer

Wunsch bleiben mußte: fliegen, sich die Welt von oben anzusehen, ist

heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Anders aber als dem

Erdenmenschen malt sich dem Flieger die Welt. Er sieht aus seiner

Höhe herab auf das ganze Land, nicht auf einzelne Teile, und wenn er

versteht, etwas herauszulesen aus dem, was das unter ihm liegende

Land erzählt, dann wird das Fliegen erst zu einem Genuß. Es ist heute

leicht, die Entwicklungsgeschichte der deutschen Stadt, die einen

Zeitraum von tausend Jahren umfaßt, vom Flugzeug aus zu verfolgen. An

einigen Aufnahmen soll das gezeigt werden.

Unsere Städte sind nicht ohne bestimmten Plan entstanden. Eine

ganze Reihe von Faktoren waren für ihre Anlage maßgebend: völkische

Einflüsse, politische Strömungen, wirtschaftliche Verhältnisse,

Handel, Verkehr, Geländebeschaffenheit. Das Vorherrschen bestimmter

Mächtegruppierungen beeinflußte die Anlage einer Stadt, im Mittelalter

waren es Kaiser und Kirche, in der Gotik das Bürgertum, in der

Renaissance Fürstentum und Bürgertum, in der Barockzeit das absolute

Fürstentum. Maßgebend bei allem aber war der Grundsatz, daß die

Neuanlage dem Leben und Schaffen der Menschen zu dienen hatte.

So waren z. B. die ersten deutschen Städte, die im zehnten Jahrhundert

durch Heinrich I. erbaut wurden, zur Abwehr feindlicher Einfälle

angelegt. Die Lösung dieses Problems sah man in der Anlage einer

starken Burg. Diese legte man auf dem höchsten Punkte der Gegend

in gesicherter Lage an, im Kriegsfalle gewährte die Burg den in

ihrer Nähe angesiedelten Kolonisten Schutz, als Gegenleistung

hatten die Kolonisten an der Verteidigung der Burg teilzunehmen.

Aus dieser Ansiedlung heraus entwickelte sich die Stadt, in deren

Verteidigungssystem von Wällen, Gräben, Mauern und Türmen die Burg in

irgendeiner Form mit einbezogen wurde.

[Illustration: Abb. 1. =Torgau mit Schloß Hartenfels=]

Bild 1 zeigt das sich hoch über die Elbe erhebende Schloß Hartenfels in

Torgau. Wir sehen eine starke, wehrhafte Anlage, unregelmäßig gebaut,

d. h. nach keinem bestimmten von der Natur vorgeschriebenen Schema. Die

Stadt lehnt sich an die Burg an. Die Burg bildet den Kern der Siedlung,

die zur und über die Elbe führende Straße ist zwangsläufig so um die

Burg herumgelegt, daß der Verkehr auf dieser Straße jederzeit gesperrt

oder kontrolliert werden konnte.

Die Ausbreitung des Christentums führte zur Errichtung von Bistümern

und Klöstern. Beide wurden Kulturzentren, die nun als solche den

Kern zu Siedlungen gaben. Auch die Siedlungen der Kirche mußten

verteidigungsfähig sein. Das ersehen wir aus Bild 2, das uns die

Stadt Quedlinburg zeigt. Schloß und Stiftskirche liegen hoch oben

auf dem Felsen, die Häuser der Siedlung liegen in loser Anordnung

um die Baulichkeiten von Schloß und Kirche herum. Die eigentliche

Bürgersiedlung hat sich nach Norden zu, abgesondert von der

Klostersiedlung, entwickelt.

Im ausgehenden Mittelalter wird das Bürgertum an Stelle von Kaiser

und Kirche Träger des deutschen Gedankens. Die Städte entwickeln sich

mit Macht zur Macht und schließen sich zu Städtebünden zusammen. Sie

verbreiten deutsche Kultur nach den Küsten der Nordsee und nach den

Ostseeprovinzen hinauf (Hansa).

[Illustration: Abb. 2. =Quedlinburg=]

Der Kern einer derartigen Bürgersiedlung ist der Markt. Ursprünglich

wird der »Markt« an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen oder an

Flußübergängen abgehalten, er stand unter dem Schutze des Königs oder

eines von ihm ernannten Vertreters. Ansiedler, Kaufleute, Handwerker

lassen sich an solchen Punkten nieder, Gasthäuser entstehen. Handel

und Gewerbe blühen auf. Der Markt wird bestimmend für die Anlage

der sich hier entwickelnden Stadt. Nicht weniger maßgebend ist der

Wehrgedanke, bestimmend für die Siedlung ist die Anlage der Gräben,

Wälle, Mauern und Türme. Die Straßen werden von Anfang an in Wohn-

und Verkehrsstraßen gegliedert, die weiten Verkehrsstraßen dienen den

Bedürfnissen des Verkehrs, sie führen zum Markt, dem Kern der Stadt.

Die wesentlich engeren Wohnstraßen haben lediglich den Verkehr mit den

Anwohnern zu vermitteln. Beide aber, Wohn- und Verkehrsstraßen, haben

eins gemeinsam, von ihnen aus können die Befestigungsanlagen der Stadt

jederzeit leicht erreicht werden.

Hierfür zwei Beispiele, Bild 3 Großenhain, Bild 4 Leisnig.

In Großenhain erkennt man auf den ersten Blick die Form der alten

Stadt. An Stelle der früheren Befestigungsanlagen führt eine breite

Promenade um sie herum. Die einmündenden Handelsstraßen führen zum

Markt, sie sind leicht zu unterscheiden. Für die Gliederung des

Stadtgrundrisses sind sie maßgebend gewesen. Der Markt mit dem Rathaus

liegt im Mittelpunkt der Stadt, etwas abseits vom Markt liegt die

Kirche. Diese Lage der Kirche finden wir oft in alten Städten, die

Kirche liegt abseits vom Verkehr auf einem stillen Fleck für sich.

[Illustration: Abb. 3. =Großenhain=]

Durch Leisnig führt eine große Handelsstraße. Diese weitet sich im

nördlichen Teil zu einem großen breiten Markt aus. Der Verkehr kreuzt

den Markt nicht, er geht an der Seite vorbei. Ein sehr wesentlicher

Vorteil, denn nur diese Führung der Hauptverkehrsstraße macht einen

ungestörten Handel auf dem Markt möglich. Im nördlichen Teil des

Ortes, von Häusern umgeben, liegt die Kirche, sie bildet anscheinend

den ältesten Teil der Stadt. Auf einem Felsen über der Stadt liegt das

Schloß Mildenstein, von diesem aus ist, wie bei Schloß Hartenfels in

Torgau, der Verkehr auf der Handelsstraße jederzeit zu beherrschen.

[Illustration: Abb. 4. =Leisnig=]

Wie schon aus diesen Bildern hervorgeht, waren im Mittelalter für

Gestaltung des Stadtgrundrisses _praktische_, nicht künstlerische

Erwägungen maßgebend. Die Forderungen des Handels, des Verkehrs, der

militärischen Verteidigung bedingten ihn. In der Renaissancezeit

traten Gedanken des _künstlerischen_ Städtebaues in den Vordergrund.

Das Landesfürstentum erstarkte, die Städte gewannen an Macht. Hieraus

entsteht das Bestreben, die Stärke der Macht auch nach außen hin zu

zeigen. Der Wohnsitz des Fürsten entwickelt sich zur Burg oder zum

Schloß.

Die Erfindung des Schießpulvers, die die Verwendung der Feuerwaffen

(Flinten, Kanonen) zur Folge hat, zwingt zur Anlage einer andern Art

von Befestigungen. Die Stadtbefestigung muß weiter nach außen verlegt

werden, um zu verhindern, daß Geschosse in die Stadt geschleudert

werden können. Bastionen entstehen, die Stadtbefestigung wird

sternförmig, Erdwerke zum Aufstellen von Geschützen werden geschaffen.

Man legt Wert auf flankierende Feuerwirkung. Wassergräben umgeben die

nun entstehenden Festungswerke.

Bild 5 zeigt diese Entwicklung in sehr anschaulicher Form (vgl.

auch Bild 1). Auf dem östlichen Elbufer von Torgau ist ein Werk zur

Sicherung der Elbebrücke, ein Brückenkopf, angelegt. Die Form stimmt

mit dem oben gesagten überein. Die Straße, am Schatten der Bäume sehr

gut erkennbar, ist zwangsläufig um das Festungswerk herumgelegt. Eine

Sperrung ist ohne weiteres möglich. Oben auf dem Bilde ist noch ein

zweites Festungswerk erkennbar: eine Sicherung der hier oben über die

Elbe führenden Eisenbahnbrücke. Beide Anlagen sind heute militärisch

vollkommen wertlos. Trotzdem hat der Versailler Vertrag die Schleifung

verlangt.

[Illustration: Abb. 5. =Festungswerke Torgau=]

Der Dreißigjährige Krieg hat der oben geschilderten Entwicklung

ein Ende gemacht. Weit und breit war das Land verwüstet, die

Landwirtschaft vernichtet, Handel und Wandel stockten, das Bauern-

und Bürgertum lag kraftlos am Boden. Woher sollten da die Mittel zu

solch kostspieligen Verteidigungsanlagen kommen? Zwei Mächte waren aus

diesem Kriege siegreich hervorgegangen: die Fürsten und die Kirche.

Das absolute Fürstentum kam hoch. In diesem verkörperte sich jetzt

das Staatswesen. Zwei Auffassungen treten sich dabei gegenüber, in

Frankreich der Grundsatz des Fürsten ~l’état c’est moi~, in Preußen:

ich bin der erste Diener meines Staates. Es ist folgerichtig, daß der

Wohnsitz der Repräsentanten des ganzen Staates diese Würde nach außen

kennzeichnet. Das beweisen uns die Ansichten von Schloßanlagen aus

dem 18. Jahrhundert. Es handelt sich nicht mehr um den Bau einzelner

Gebäude, sondern um Bauten und Anlagen in größtem Umfang und breitester

Ausdehnung. Diese Anlagen gaben den Grundgedanken für den Ausbau der

Residenzstädte, in deren Mittelpunkt das Schloß des Fürsten liegt.

Daß dem so ist, zeigt uns am deutlichsten Dresden, Sachsens

Landeshauptstadt. (Bild 6.) Die alte (innere) Stadt ist an dem um sie

herumlaufenden Straßenzug (Ring) deutlich zu erkennen. Verkehrszentrum

ist der Altmarkt, zu dessen Entlastung der Neumarkt angelegt ist. Seine

unregelmäßige und unschöne Form verdankt der Neumarkt dem Umstand, daß

hier das alte Wachtgebäude, das vor der Frauenkirche stand, abgerissen

worden ist. Der Blick auf die Frauenkirche sollte dadurch freigelegt

werden.

[Illustration: Abb. 6. =Dresden, Stadtkern, aus 3000 Meter Höhe=]

Die innere Stadt ist nach einem ganz bestimmten Schema angelegt, über

dieses Schema ist bei Großenhain (Wohn- und Verkehrsstraßen) bereits

gesprochen. An der Elbe liegt das Schloß, eine feste, geschlossene

Anlage mit einem hohen Turm, der noch an den burgmäßigen Charakter

erinnert. In großartiger Weise findet die wuchtige Schloßanlage

ihre Fortführung in die Barockzeit durch die Anlage des »Zwingers«.

Eine wunderbare Schöpfung, durch die der Landesfürst seine Macht

repräsentierte. Angelehnt an die alte Stadt sehen wir dann die

schematischen Linien moderner Stadtteile.

Die erneute Änderung der politischen Verhältnisse blieb nicht ohne

Einfluß auf die weitere Gestaltung des Stadtbildes. Eine ganz andere

Zeit kam. Das Volk wurde mit verantwortlich am Staatswesen. Es wird

nunmehr Wert darauf gelegt, Gebäude, die dem öffentlichen Leben dienen,

imponierend zu bauen: Parlamente, Ministerien, Verwaltungsgebäude,

Schulen, Kasernen, Bahnhöfe.

[Illustration: Abb. 7. =Leipzig. Reichsgericht=]

Das sehen wir am Leipziger Reichsgericht (Bild 7). Der repräsentative

Charakter des aus sehr niedriger Höhe aufgenommenen Gebäudes kann

deutlicher nicht zutage treten als durch die große Kuppel über der

mächtigen Eingangshalle.

[Illustration: Abb. 8. =Dresden-Albertstadt=]

Bild 8 zeigt uns die ehemaligen militärischen Gebäude von

Dresden-Albertstadt. Wir sehen das Arsenal, das Bekleidungsamt, das

Traindepot, das Proviantamt, das Festungsgefängnis usw., alles Gebäude,

die heute friedlichen Zwecken dienen. Der Vertrag von Versailles hat

ihrer militärischen Verwendung ein Ziel gesetzt. Aber es war großzügige

Arbeit, die in einer vergangenen Zeit hier vom sächsischen Staat

geleistet worden war, auch ein Dokument für den Ausdruck der Macht, die

wir einst hatten.

[Illustration: Abb. 9. =Lauchhammerwerk bei Riesa=]

Und schließlich gestaltete die Erfindung und Entwicklung der Maschine

alles um. Wir selbst erleben eine Entwicklung ins Große: Großverkehr,

Großgewerbe. Die Bodenschätze werden im weitesten Umfang ausgenützt,

die Industrie verlangt Schaffung von Verkehrsanlagen, die rasche

Absatzmöglichkeiten gewährleisten. Eine einwandfreie Übersicht über

diese modernen Anlagen gibt uns weder Karte noch Skizze, sondern nur

das Luftbild.

[Illustration: Abb. 10. =Bahnhof Dresden-Friedrichstadt=]

Ein großes neuzeitliches Industrieunternehmen erblicken wir auf Bild

9: Das Lauchhammerwerk in Riesa. Mächtige Fabrikhallen liegen unter

uns, zahlreiche Schornsteine ragen aus dem riesigen Komplex heraus.

Das Werk liegt sehr günstig. Auf der einen Seite hat es unmittelbaren

Gleisanschluß, denn ihm gegenüber liegt der Bahnhof Riesa, auf der

anderen Seite fließt die Elbe, so daß der billigste Weg, der Wasserweg,

zum Transport der Rohstoffe oder der Fertigfabrikate verwendet werden

kann.

[Illustration: Abb. 11. =Dresden-A. Hauptbahnhof=]

Den meisten Raum auf der Erde beanspruchen natürlich die modernen

Verkehrsanlagen.

[Illustration: Abb. 12. =Leipzig. Hauptbahnhof=]

Von der gewaltigen Ausdehnung dieser Anlagen geben die Bilder 10, 11

und 12 Kunde, die uns den Rangierbahnhof Dresden-Friedrichstadt, den

Hauptbahnhof Dresden und den Hauptbahnhof Leipzig zeigen. Besonders

durch die Personenbahnhöfe ergießt sich täglich ein gewaltiger

Verkehrsstrom. Morgens kommen die in der Stadt beschäftigten Arbeiter

und Angestellten hereingeströmt, abends strömt alles zurück, einen

gewaltigen Ansturm haben diese Bahnhöfe täglich auszuhalten.

Aus den drei Bahnhofsbildern kann man aber noch etwas ersehen: wie

eng es in unseren Großstädten schon geworden ist und wie sich hohe

Häuserblocks auf jedem freien Fleckchen Erde erheben. Die Raumnot

in unseren Städten ist ungeheuer geworden. Wie sie sich – von oben

gesehen – auswirkt, zeigt ein Bild aus Dresden, das die Gegend um die

Annenkirche wiedergibt. (Bild 13.)

[Illustration: Abb. 13. =Dresden-A. Freiberger Platz und Annenkirche=]

Wir sehen fast senkrecht in das Häusermeer. Hochgebaute Häuser (man

beachte die Schattenwirkung), verbaute Höfe, enge, winklige Straßen

und Gassen – wo soll hier Sonnenschein hineinkommen, wie soll ein

frisches Lüftchen seinen Weg hier herein finden? Durch diese Straßen

braust der staub- und lärmerregende Verkehr: Straßenbahnen, Wagen,

Autos, Krafträder. Es ist dies der Boden, auf dem die vom Maler Ziller

so meisterhaft und doch so tragisch gezeichneten Großstadtkinder und

Großstadtmenschen gedeihen, die, dem Heimatboden entfremdet, den

Begriff der Vaterlandsliebe kaum kennen können.

[Illustration: Abb. 14. =Plauen= (Vogtland)]

Das Häusermeer der Großstadt Plauen (Vogtland) macht rein äußerlich

zwar einen regelmäßigeren Eindruck, innerlich ist es wie mit dem Bild

von Dresden-Altstadt (Bild 13). Wie wir aus Bild 14 (Plauen, Vogtland)

entnehmen können, ist Abhilfe im Städtebau unbedingt erforderlich.

Wie überaus wichtig die Schaffung von Heimstätten ist, die nicht

abhängig von der Spekulation mit Grund und Boden sind, geht aus diesen

Bildern hervor. Der Eintritt stabiler Geldverhältnisse läßt den Bau von

Wohnungen ja glücklicherweise nicht mehr als Utopie erscheinen.

Mit diesen Bildern sei die Arbeit abgeschlossen, die in kurzen

Stichworten einen Zeitraum von tausend Jahren umfaßt. Die Fülle von

Eindrücken, die das Luftbild vermittelt, die Menge von Anregungen, die

es gibt, genügen, um ganze Bücher zu schreiben. Das Luftbild ist keine

Spielerei mehr, es ist zur Wissenschaft geworden. Auch die Behörden

erkennen seinen Wert an, das preußische Handelsministerium hat eine

besondere Luftbildabteilung eingerichtet, die von dem bekannten Doktor

Ewald, dem ersten, der das Luftbild in den Dienst der Wissenschaft

stellte, geleitet wird. Seiner Initiative ist es auch zu verdanken, daß

das Luftbild zum modernen Unterrichtsmittel in den Schulen geworden ist.

Für uns erfüllt das Luftbild seinen Zweck, wenn es uns zeigt, wie

wichtig die Probleme der modernen Zeit: Siedlung und Verkehr geworden

sind und wenn es mehr als Karten geeignet ist, dem Laien sichtbar zu

machen, wie diese Probleme im Rahmen der gegebenen Verhältnisse zu

lösen sind.

Erzgebirgische Bergmannsfrommheit

Bilder aus einer versunkenen Welt

Von _Gustav Rieß_, Freiberg

Die Abendschatten sinken auf Freiberg hernieder. Auf tiefblauem Grunde

steht die dunkle Umrißlinie der malerischen Türme der Peterskirche

(Abb. 1). Steil stoßen die Dächer in den Duft und Dunst des vergehenden

Tages. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert, rauscht und plätschert,

und seine ehernen Löwen schauen und speien, schauen und speien ruhevoll

und unbeweglich in das unruhige Leben des Marktes der alten Bergstadt.

Da hebt die Rathausuhr mit mächtigem Schlage aus. Siebenmal hallt

es vom Glockenmund dort oben. Siebenmal klingt es dann vom hohen

Petersturm mit der vollen tiefen Stimme von Erz. Dann aber schwingt es

mit hellen Tönen von dort oben her, klingend und singend, rufend und

mahnend über die Dächer und Giebel bis hinaus in Feld und Flur zu den

alten Halden und Gruben vergangener Zeit und Bergherrlichkeit:

»Auf, auf zur Grube ruf ich euch, ich, die ich oben steh,

So oft ihr in die Tiefe fahrt, so denket in die Höh!«

Das Bergglöckchen ist es, das schon zwei Jahrhunderte dem Bergmanne

seine mahnende Stimme erhob, und zur lebendigen Stimme der Heimat ward,

das Bergglöckchen, das heute die Stimme der Erinnerung ist und Worte

tauscht mit der Vergangenheit und doch mit seinem Ruf in manche Tiefen

der Gegenwart dringt, wenn man recht auf ihren besonderen Sinn nur

lauschen will: Mag deine Fahrt noch so sehr in die Tiefe gehen, denke

in die Höhe, dann wird das Dunkel überwunden.

[Illustration: Abb. 1. =Petrikirche in Freiberg=]

Bergmannsfrömmigkeit hat dieses Bergglöckchen hoch oben zwischen Himmel

und Erde gehängt, daß sie zur Schicht viermal des Tages mahnend ihre

Stimme erhebe, und heute noch im modernen Straßengewühl ist ihre Stimme

lebendig von alter Bergmannsfrömmigkeit.

Bergmannsfrömmigkeit ist weit von Frömmelei entfernt. Fest stand er mit

beiden Beinen auf der Erde und wußte des Lebens Freuden gar wohl zu

schätzen. Der Beruf, der ihn in die dunkle geheimnisvolle Tiefe seiner

Schächte und Stolln führte, mit mannigfachen Schrecken und Gefahren ihn

täglich bedrohte und doch wieder manches Wunder der Tiefe ihn erkennen

ließ, zwang jedoch mehr als in irgendeinem anderen Stande den Sinner

und Träumer, den nachdenksamen stillen Geist in der Abgeschlossenheit

der Tiefe in sich hineinzulauschen und in die Höhe zu denken, wie das

Glöcklein es mit heller Stimme immer wieder rief.

Das ganze Leben des Bergmannes ist wie kein anderer Stand von diesen

Gedanken durchtränkt und man spürt es, daß daraus eine Kraft strömte,

die die Schwere des Berufes überwinden ließ, Arbeitsfreude gab und mit

frohem Sinn auch das karge Brot schmackhaft machte.

Ein Ausdruck dieser fest im Berufsleben ruhenden Frommheit ist es,

daß die _Gotteshäuser_ in den Bergstädten ihren Bergaltar für die

besonderen gottesdienstlichen Feiern der Bergknappschaft hatten.

Aus einer frommen Altarbruderschaft hat sich ja erst in Freiberg der

gewerkschaftliche Zusammenschluß der Bergknappschaft entwickelt. Als

glänzendes Beispiel ist der herrliche Bergaltar in der _Annenkirche

in Annaberg_ erhalten, der gleichzeitig mit dem Bau der Kirche im

Jahre 1521 durch die Bergknappschaft errichtet wurde. Die Formen der

Frührenaissance sind bei diesem Altarwerk in wunderbarer Frische und

Selbständigkeit verwendet. Der Mittelschrein zeigt die Geburt des

Herrn in einer perspektivischen Renaissancehalle. Je sechs köstlich

gearbeitete heilige Figuren auf zierlichen Postamenten rechts und links

und ein frohlockender Chor von musizierenden Engeln darüber bilden den

lebendigen Rahmen des Werkes. Annaberg war in jenen Tagen die Wiege der

Frührenaissance in Sachsen. Wenn das Sebaldusgrab von Peter Vischer,

diese Großtat deutscher Kunst in der alten Reichsstadt Nürnberg als

das erste Werk der Renaissance (1508 bis 1519) auf deutschem Boden

bezeichnet wird, so dürfen die Werke in Annaberg die vom Meister H.

W. und aus dem Geiste des Meisters der Freiberger Apostel geschaffen

sind, mit Stolz sich daneben stellen als gleichzeitige Schöpfungen

aus deutscher Seele im Geiste der neuen Kunst voll innerer Freiheit

und ausdrucksvoller Schönheit, Schöpfungen, bewundernswert, weil sie

nicht aus altem Kulturboden mit jahrhundertealter Kunsttradition,

wie in Nürnberg, sondern aus dem rohen Kolonialboden einer jungen

Industriesiedlung, Bergmannssiedlung, hervorgesprossen sind. Der

Bergmannsfrömmigkeit entspricht es, wenn am Bergaltar neben der

Darstellung des Todes der Maria Bergmannsfiguren anbetend knien und

klagend die Hände erheben, wenn in der Bekrönung der Schutzpatron des

Bergbaus mit einem flehenden Bergmann steht, und links und rechts

Bergmannsgestalten Schilde mit den Bergmannszeichen halten und

auf zierlichen Renaissancesäulchen daneben Bergmannsfigürchen den

oberen krönenden Abschluß bilden. Ja, das ganze Arbeitsleben trägt

hier der Bergmann in das Heiligtum und stellt es unter den Schutz

und die Weihe des Altars: Auf der Rückseite des Altarwerkes ist in

Leimfarbe die Entstehung des Annaberger Bergbaues und die Tätigkeit

des Bergmannes beim Schürfen und Fündigwerden der Erze, Arbeiten vor

Ort, Fördern, Stürzen, Schlagen, Pochen, Waschen, Schmelzen und Prägen

des Silbererzes dargestellt. Man fühlt es, wie sehr der Bergmann sein

ganzes Leben mehr als andere im Licht der Sonne schaffende Berufe von

höherer geheimnisvoller unerforschlicher Macht abhängig weiß, und

wie durch die körperliche Verbindung in Gestalt und Sinnbild mit dem

heiligen Ort Hilfe und Schutz in den Gefahren der dunklen Tiefe er sich

erfleht und mit froher Gewißheit glaubt.

Auch in der _Bergkirche_ in _Annaberg_, die 1511 vollendet, später

durch Brand zerstört und neu aufgebaut, 1616 wieder geweiht wurde,

sind am Altar zwei Bergmannsfiguren angeordnet, die das sächsische

Haus- und Kurwappen halten; als Abschluß des Altarwerkes war ehemals

das große sächsische Wappen mit zwei geschnitzten Bergmannsfiguren als

Wappenhalter angebracht. Drei kleine zinnerne Altarleuchter stellten

Bergmannsfiguren dar, wie auch in anderen erzgebirgischen Kirchen,

z. B. in Zöblitz und Marienberg Bergmannsfiguren als Lichtträger auf

dem Altare ihren Platz finden. Auch im Freiberger Altertumsmuseum

befinden sich derartige Altarleuchter aus Zinn in Form von die starken

Altarkerzen hoch tragenden Bergmännern. Doch nicht nur mit dem

Altare, sondern auch an der Kanzel, Taufstein und anderen Stellen des

Gotteshauses hat das religiöse Gefühl des Bergmannes die Darstellung

seiner Gestalt als Vertreter seines Standes mit der heiligen Stätte

und ihren Segnungen und Verheißungen verbunden wissen wollen. An der

_Kanzel_ in der Annenkirche in Annaberg, die im April des Jahres

1516 aufgestellt wurde, ist er im untersten Feld der Brüstung der

Kanzeltreppe bei der Arbeit vor Ort dargestellt. Mit Schlägel und

Eisen arbeitet er im festen Gestein. Seine Hose ist auf dem linken

Oberschenkel bei der rauhen Arbeit im Schachte zerrissen. Ein Bündel

Eisen an der Schnur liegt zu seinen Füßen. Man fühlt, wie die Schwere

und der Ernst der Arbeit vom Künstler mit großem Wirklichkeitssinn

betont wird, vielleicht aber auch eine sinnbildliche Bedeutung

hineingelegt ist. Die Arbeit des Bergmannes ist ja besonders reich an

Sinnbildern und Gleichnissen für das tägliche Leben und nicht minder

für geistliche Beziehungen, religiöse Gedanken und innere Erkenntnisse.

Dieser Bergmann im Arbeitskittel bei schwerer Häuerarbeit »in der

Strosse« an heiliger Stätte dargestellt, ist jedenfalls ein besonders

eigenartiges Zeugnis vom Geiste des Bergmannes und vom Geiste der Zeit,

welcher von der Kirche der Priester zur Kirche der Gemeinde, von der

Lebensfremdheit priesterlichen Altardienstes zu der Lebensnähe der

deutschen Predigtkanzel schon vor der Reformation strebte und die Keime

der Reformation und einer neuen Welt- und Lebensauffassung in sich trug.

Auch an der Bergmannskanzel im Dom zu Freiberg ist der Bergmann

dargestellt (Abb. 2). In der schwersten Zeit des Dreißigjährigen

Krieges, im Jahre 1638 wurde sie durch den Bürgermeister Jonas

Schönlebe gestiftet, ein Friedensdenkmal aus grimmigster Kriegsnot,

ein stilles Denkmal der Kunst aus der Zeit der Zerstörung und des

Unterganges alter Kunst und blühender Kultur. Den Rumpf der Kanzel

trägt ein Bergmann auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen

in geschlossener ruhiger Haltung. Die Kanzeltreppe wird von einem

kauernden Bergknappen (Abb. 3) mit starkem Nacken und muskulösen Armen

getragen. In dem furchtbarsten Glaubenskriege um die Errungenschaften

der Reformation und deutsche Geistesfreiheit war diese Kanzel ein

Symbol, daß die Predigt des Wortes und die Freiheit des Denkens sich

stützen muß auf die Kraft und Treue des Volkes der Arbeit, des Volkes,

das Felsen zerbricht und Finsternis und unwegsame Tiefe nicht fürchtet,

um edles Erz zum Lichte zu fördern. Der Bergknappe unter der Treppe

hat ähnlich wie der Bergmann von der Annaberger Kanzel bei der rauhen

Arbeit sein Arbeitskleid zerrissen, und die Muskeln und Adern des

kräftigen Unterarms schauen durch das gähnende Loch des zerfetzten

Ärmels.

[Illustration: Abb. 2. _Bergmann als Kanzelträger an der

Bergmannskanzel (1638) im Dom zu Freiberg_]

Auch in der Kirche zu Erbisdorf bei Freiberg, mitten im alten

Bergbaugebiet gelegen, war die lebensgroße Gestalt eines Bergmannes,

der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vermutlich entstammend,

Kanzelträger und bestätigt den Gedanken, wie stark das Bergvolk, als

Träger des Wortes, aus der Not der Zeit nach höherer Geistigkeit sich

streckte und als glaubenstreue Stütze freier Verkündigung fühlte.

Dieser bergmännische Kanzelträger befindet sich jetzt im Freiberger

Altertumsmuseum. Die Rechte stützt er auf ein Wappen, dessen Zeichen

ein Herz ist, das auf Schlägel und Eisen ruht und aus dem drei Rosen

sprießen, ein sinniges Symbol dafür, wie das rechte Bergmannsherz an

seinem Berufe hängt und Rosen ihm daraus erblühen.

[Illustration: Abb. 3. =Bergmann unter der Treppe der Bergmannskanzel

(1638) im Dom zu Freiberg=]

In den alten Tagen vererbte sich der Beruf von den Vätern auf die

Söhne. Ein Segen lag darin, aber oft auch ein bitterer Zwang und

schweres Menschenschicksal. Da lag es nahe, daß der Bergmann auch

am _Taufstein_ schon dem jungen Erdenbürger, dem einstigen

Bergmann, etwas vom Bergmannsgeiste und dem Segen der Berufsfreude

mitgeben wollte. Der Taufstein im Dome zu Freiberg, den im Jahre 1531

Herzog Heinrich der Fromme und seine Gemahlin Katharina gestiftet

haben, ist solch ein Bergmannstaufstein. Auf dem in schwerfälligen

Frührenaissanceformen gehaltenen Sockel sind zwischen aufrollenden

Voluten vier anbetende Knaben angebracht. Ihre Kleidung ist das Wams

mit Kapuze, wie es der Bergmann trägt, und wie es als Kleidung der

Gnomen und Zwerge, der Bergleute des Märchens und der Sagen, auch

heute noch in allen Kinderbüchern lebendig ist. Auch der Taufstein

in Annaberg, der einem kostbaren Goldschmiedepokal gleicht, mit

seinen reizenden Kindergestalten im Kapuzenwämschen, und auch der

Taufstein der Jakobikirche zu Freiberg aus dem Jahre 1555, eines

der kunstreichsten Werke seiner Zeit im Lande, sind aus gleichem

Bergmannsgeiste geschaffen.

Diese Verbundenheit des Bergmannes mit dem Gotteshause machte

es auch selbstverständlich, daß die Bergbeamten ihren eigenen

_Knappschaftsstuhl_ hatten, der ihnen für den Gottesdienst vorbehalten

und bezeichnet war. Der Knappschaftsstuhl im Freiberger Dom trägt

in der reichen Schnitzerei des oberen Abschlusses die Gestalten von

drei Bergleuten in altertümlicher Tracht. Die beiden äußeren halten

ein Wappenschild mit Schlägel und Eisen, der Jahreszahl 1546 und den

Buchstaben K. S. (Knappschafts-Stuhl). Der mittlere ist ein Meisterwerk

der Holzschnitzkunst mit einem prächtigen Apostelkopf, eine Gestalt,

die vielleicht der Meisterwerkstatt oder der Hand des Künstlers der

zwölf Apostel des Freiberger Domes aus der Zeit um 1520 entstammt.

In der Linken trägt er eine Erzstufe, in der Rechten eine Bergbarte,

diese uralte Waffe des freien stolzen Bergknappen. Alles an diesen drei

Gestalten weist darauf hin, daß der Bergmann, stolz auf seinen Beruf,

auch im Gotteshause alle Zeichen seines Standes, Schlägel und Eisen,

Bergbarte, das große charakteristische Bergleder und die Erzstufe für

kirchenfähig und Gott wohlgefällig und damit seinen Stand selbst für

besonders mit dem Heiligtum und seinem Segen verbunden fühlte. An dem

Messingkronleuchter aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts im Dom

steht: »Wer will Bergwergk bauen, der mus Gott vertrauen«, »An Gottes

Segen ist alles gelegen«. Dies ist der Geist, aus dem ihm die Freude

und der Stolz auf seinen schweren Beruf entsprang. Ein naives Zeugnis

dieser Gesinnung ist das sogenannte »Bergmännische Gedächtnis« in der

Kirche zu St. Michaelis bei Freiberg, wo im achtzehnten Jahrhundert ein

biederer Bergmann, ein »Eigenlöhner« namens Johann Morgenstern, seinen

Dank für guten Anbruch durch Aufstellung einer Bergmannsfigur in der

Kirche ausdrückte mit der Inschrift: »Reicher Gott vor diese Gaben sei

dir herzlich Dank gesagt. Was wir zugebuset haben und von längern Zeit,

das ist nun gottlob gefunden, weil der Anbruch ist gemacht. Anno 1714.«

Dieses Denkmal ist 1848 erneuert worden. (Abb. 4.)

[Illustration: Abb. 4. =»Bergmännisches Gedächtnis« (1714) in der

Kirche von St. Michaelis bei Freiberg=]

Bei dieser kirchlichen Sinnesart ist es kein Wunder, daß die Bergleute

auch ihren besonderen kirchlichen Feiertag mit ihrer besonderen

»_Bergpredigt_« hatten, an dem sie in festlicher Bergparade mit den

prächtigen Knappschaftsfahnen und allem bergmännischen Gepränge in

den Dom zogen. Als man im Jahre 1737 diesen Tag bergmännischen Stolzes

aber auch bergmännischer Lust und Freiheit – es ist der 22. Juli,

der Tag Mariae Magdalenae – aufheben wollte, weil viel Mißbrauch mit

der Freiheit getrieben war, da rotteten sich die Bergleute zusammen,

bedrohten den Superintendenten und Amtsprediger Dr. Christian Friedrich

Wilisch, und »erstritten« sich diesen Festtag wieder, der seitdem

»_Streittag_« genannt und bis in die letzten Jahre des Bergbaues

festlich begangen wurde. Diese Vorgänge sind, wie das ganze Leben und

Treiben, Sitten und Gebräuche des Bergmannes ein Beweis für das Wort

des Freiberger Chronisten Möller in seiner Chronik vom Jahre 1653

»Man hat die alten Gebräuche / so viel möglich gewesen / fleißig in

acht genommen«, und ferner für das Wort des Schneeberger Chronisten

Meltzer vom Jahre 1716, daß die Bergleute »eines freyen Gemütes sind,

aber wenn diese Gemüths- und andere Freyheit hat wollen gekräncket

/ disputieret oder sonst verletzet werden / seynd sie zum Aufstehen

geneigt gewesen«. Diese »Freyheit des Gemütes« und vielleicht auch der

natürliche Ausgleich zu dem schweren Arbeitsleben im tiefen dunklen

Schacht hat freilich auch oft zur Leichtlebigkeit, Üppigkeit und

mancher Zuchtlosigkeit geführt. Untaten und Verstöße gegen die guten

Sitten, »unehrlich, mißtätige, verbotene Stücke« wurden jedoch, wie

Möller berichtet, streng gerügt, und »es ist Keiner unter der Fahne und

dieser ehrlichen untadelhaften und reinen Zunft gelitten worden, bis

so lange er sich der Unthaten, Verdachtes und bösen Geschreis genugsam

entbrochen und seine Sache gebührlich ausgeführt hat.« In die »reine

Zunft« der Bergknappschaft durfte ja »kein unehelich Geborener oder wer

unehrlich gehandelt, auch nicht die Handwerker alle zugelassen werden«.

Wie Beruf und Arbeitsleben mit den heiligen Räumen der Kirche, mit

Altar, Kanzel und Taufstein, mit kirchlichen Gebräuchen und Sitten

verbunden waren und in das feierliche Leben und Wesen der Kirche

hineingetragen wurde, so wurde auch umgekehrt kirchlicher Brauch in das

schwere Alltagsleben des Berufes hineingetragen. So besteht die alte

schöne Einrichtung der gemeinsamen Andacht vor Antritt der Schicht, vor

der Fahrt in die dunkle Gruft des Schachtes, wo der Tod lauern kann,

ein Brauch, der seit 1595 bis heute lebendig geblieben ist. Möller

sagt 1653 in seiner Chronik: »Es hat aber dieses Gebet Paul Steiger

der Bergwerksverwalter anno 1595 angeordnet / und müssen noch heute

zu Tage die Steiger und Hewer auff den Zechen / ehe sie an die Arbeit

gehen / eine Viertelstunde zuvor beten und singen.« Was würde wohl

Paul Steiger und Andreas Möller sagen, daß »auch noch heute zu Tage

die Steiger und Hewer« auf der letzten Zeche des einst so stolzen und

reichen Freiberger Bergbaues, auf der Grube Alte Hoffnung Gottes zu

Kleinvoigtsberg heute noch nach dreihundertzweiunddreißig Jahren diesen

uralten Brauch halten!

Die bergmännischen »_Betstuben_«, die für diesen Brauch eingerichtet

waren, sind charakteristische Denkmäler bergmännischer Kultur und

Geistes. (Abb. 5.) Auf rauhen Bänken saßen dort die hageren von

der Arbeit in sonnenloser Tiefe gezeichneten Männer und lauschten

den kurzen Worten der Schrift, die einer der Ihren las, sangen mit

kräftigem Ton zur Orgel, die einer der Ihren spielte, das Gezähe zur

Hand, und fuhren dann mit einem Glückauf und dem Gruß »Helf Gott, fahrt

gesund durch miteinander!« in die geheimnisvolle Tiefe.

[Illustration: Abb. 5. =Bergmännische Betstube auf dem Elisabethschacht

in Freiberg=]

»Wer will Bergwergk bauen, der muß Gott vertrauen!«, und »Mein

Grubenlicht soll Jesus sein, mit ihm fahr ich aus und ein!« Solche

Sprüche sind zahlreich aus dem bergmännischen Leben als volkstümliche

Spruchweisheit hervorgewachsen, sind mit allen möglichen Ausprägungen

des täglichen und beruflichen Lebens verbunden und zeigen deutlich,

wie religiöses Denken und Fühlen zu den seelischen Grundlagen des

bergmännischen Daseins gehörte. Es ist daher kein Zufall, daß auch

im kirchlichen Gesangbuche, im Kirchenliede, der Beruf des Bergmanns

seine besondere eigene Stellung einnimmt. Kein anderer Beruf,

vielleicht der des Landmannes ausgenommen, ist mit Berufsliedern im

Gesangbuche vertreten. Im neuen Gesangbuch der evangelisch-lutherischen

Landeskirche vom Landeskonsistorium im Jahre 1910 herausgegeben,

sind vier »_Bergwerkslieder_« in einem besonderen Abschnitt

zusammengestellt. Vor der Einfahrt: »Mit dir, Allmächtger, fahr

ich an und voll Vertraun auf dich; nicht schreckend ist die dunkle

Bahn, wenn du begleitest mich« und drei Lieder nach der Ausfahrt,

darunter das altertümliche kurz nach dem Dreißigjährigen Kriege um

1658 von Matthäus Wieser verfaßte »Mit Freuden will ich heben an und

einen Bergreihn klingen lan dem höchsten Gott zu Ehren. Auf, auf ihr

christlichen Bergleut, rühmt Gottes groß Allmächtigkeit, helft mir

sein Lob vermehren« mit der treuherzigen Bitte im Schlußverse: »Tu

auf dein reiche milde Hand und segne unser ganzes Land, all Bergwerk

und Schmelzhütten«. In dem alten Freiberger Gesangbuch aus dem Jahre

1781 sind fünf Bergwerkslieder im Hauptteil, ferner drei Lieder »Bey

Begräbnis eines Bergmanns«, und zwei im Anhang enthalten. Der Inhalt

ist immer wieder die Bitte um Bewahrung in der dunklen Tiefe, Dank für

gnädigen Schutz und vor allem auch oft das anbetende Staunen vor den

Wundern der Tiefe.

Von diesen Bergwerksliedern möge ein besonders bezeichnendes Lied

der siebziger oder sechziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts der

Vergessenheit entrissen werden. Im Jahre 1766 war die Bergakademie

Freiberg gegründet worden und erfüllte mit ihrem Ruhme die ganze

wissenschaftliche Welt. Zu dem Lehrstuhle ihres berühmten Professors

der Mineralogie und Geologie Abraham Gottlob Werner drängten sich

Hörer und Studenten aus allen Nationen, um die wissenschaftlichen

Erkenntnisse dieses genialen Neuschöpfers der Mineralogie und Geologie

aus seinem Munde zu hören und die Geheimnisse des Werdens und Seins

der Gesteine unter seiner Führung zu ergründen. Die Begeisterung für

die Wunder der Tiefe war durch den überragenden Geist Werners in seine

Hörerschaft, in die Freiberger Gesellschaft, in die breite Bevölkerung

und nicht zum wenigsten in die Herzen der Männer im Bergmannskleide,

der Bezwinger der dunklen Tiefe, selbst tief eingedrungen. Das neue

Licht der Wissenschaft, das in das Dunkel der Schächte hinableuchtete,

füllte vor allem auch das Bergmannsherz mit neuem Berufsstolz und

Berufsfreude. Als Verfasser des Liedes ist C. C. G. genannt, und ich

vermute als Dichter den Bruder des Dichters Christian Fürchtegott

Gellerts, der als höherer Bergbeamter und Professor 1466 bis 1490 in

Freiberg tätig war. Dieses »Kirchenlied« ist gleichsam ein empfindsam

poetisches Kolleg, das ein mineralogisch frisch begeisterter Bergmann

beim Befahren seiner geliebten Gruben hält, oder wie es der berufsfrohe

Bergmann Gellert vielleicht seinem tiefreligiösen Bruder, dem Professor

Gellert in Leipzig, dem bekannten Dichter vieler Fabeln und Lieder,

hätte schreiben können und von dem neuentdeckten Boden seiner Heimat

als Heimatgruß singen würde. Gellert stammt aus Hainichen bei Freiberg,

wo sein ehernes Denkmal den Marktplatz ziert. Das Lied lautet:

Nicht, daß mich _glänzend Gold_ ergötzt, und _tönend Silber_ rühre,

wird jetzt mein Geist in Lust versetzt; Nein! darum, daß ich spüre:

Er, der die Himmel ausgestreckt, hab in der Tiefe auch verdeckt

den Reichtum seiner Schätze.

Versenket in den tiefen Schlund der unermessnen Weiten,

bemerk ich Schöpfer! jenen _Fund_, den vor verjährten Zeiten,

du in die _Klüfte_ hast versenkt, durch Macht, die Welt und Zeit

umschränkt

von mancherley _Metallen_.

Es steigt der stolzen _Berge_ Haupt, bis an der Wolken Decke,

von außen alles Schmucks beraubt, in _aufgethürmter Strecke_;

doch machst du, HERR! in ihrem Schoos, den Reichthum deiner Wunder

groß

in _Stöcken_, _Gäng_ und _Flötzen_.

In Horn, in Quarz, in Gems und Spat, in _Glimmer_, _Gneis_ und

_Schiefer_,

_bricht blättrigt_, _wollig_, und _wie Draht_, in Nest und _Nieren_

tiefer,

vor sich, und von Natur gezeugt, oft reiner denn die Kunst erreicht,

_gediegen Gold und Silber_.

Die _Kupferblume_ trotzt der Pracht der buntesten Gesticke;

_Glanz_, _Wismuth_, _Zinn_, und _Kobald_ macht, durch _Vielheit der

Geschicke_,

HERR! deiner Wunder Menge kund, und öfnet unser Herz und Mund,

dich jauchzend zu erhöhen.

_Zinnober_, _Spiesglas_, _Eisenstein_, der _Kiese schön Gemenge_,

grubst du in harten Felsen ein, mit spielendem Gepränge;

_derb_, _strahlich_, _rund_ und _würfelweis_, weit über Kunst und

Menschenfleiß

_gesprengt_, _gezackt_, _getroffen_.

Auf einer _Mutter_ zeigt sich oft so mancherley _Geschicke_;

Wie sonderbar und _unverhofft_ ist nicht des _Bergmanns Glücke_!

Zum _Anbruch_, den man _überfuhr_, _eröffnet_ sich dereinst

_die Spur_,

durch deiner Weisung Leiten.

Nicht _mächtig_, _derb_ und _fest_ allein stehn solche deine Gaben;

in _Mulm_ und _Letten_, wie _in Stein_; hast du sie auch gegraben.

In _Gilben_, _Bräunen_, _Schwärz_ und _Sand_, in _Früchten_ auch und

aus dem Land

kann _Gold_ und _Silber_ wachsen.

_Der Gänge Schweben_, _Fallen_, _Stehn_, _ihr Stürzen_ und

_Verschieben_,

_ihr Rammlen_ und _ihr Schaaren_ stehn _im Gegenbuch verschrieben_;

als deine Vorsicht einst vermaß, und auch im Kleinsten nicht vergaß,

sich wunderbar zu zeigen.

Erstaunend thu ich einen Blick auf _Fahrung_, _Schacht_ und

_Strecken_,

_Gesenk_ und _Stroßen_ denn zurück, mich wieder zu erwecken,

_vor Ort_ und überall zeigt er mir als vom _Fund_ und Vater her,

sich unser GOTT, der Schöpfer.

Auch ohne Grauen seh ich nicht die _aufgeräumten Weiten_;

doch kann ein schwaches _Grubenlicht_ mich durch dieselben leiten.

Das _Schwebende_ macht mich bestürzt, und, von dem _Hangenden_

verkürzt,

das _Liegende_ mir bange.

Wie schüchtern merk ich die Gefahr an _Haspel_, _Kübel_, _Seile_!

und gleichwohl werd ich auch gewahr, indem ich mutig eile,

was sich von allen Seiten zeigt, und, Höchster! dir zum Preis

gereicht

den Schutz, du Menschenhüter!

Der _Kaue_ flüchtiges Gebäud, der _Halte kühn Geschütte_

macht, daß mein Sinn, noch halb zerstreut, verdoppelt meine

Schritte.

Doch werf ich ja noch einen Blick aufs _Ausgestürzte_ hier zurück,

so find ich neue Wunder.

Es _strahlt_ und _blitzt_, wie Edelstein, manch _taub_ und _grob

Geschicke_,

verschiedner _Blenden_ falscher Schein stellt uns das eitle Glücke

der Thoren aller Zeiten klar, in seinem falschen Schimmer, dar,

_zerfallen_ und _verstürzet_.

Thu, Höchster, _Klüft_ und _Gänge_ auf, damit sie reichlich

schütten;

auf _Gruben_ und _Gebäuden_ steh es _höfflich_; und in _Hütten_

erfreu, vom _haltigen Geschick_, uns ferner mancher _Silberblick_,

zu Herrn und Landes Besten.

Dein Segen, nicht der Überfluß, macht _glückliche Gewerken_;

das laß bei dankbarem Genuß uns alle wohl bemerken.

Erfreu uns mit Zufriedenheit, und laß bey Treu und Redlichkeit

noch manch _Glück auf!_ erschallen.

C. G. G.

Dieses lange, fromme, mineralogische Bergmannslied ist besonders

deshalb noch bemerkenswert, weil es eine ganze Reihe echt

deutscher Fachausdrücke, altes Sprachgut, aufweist, die uralter

Freiberger Bergmannssprache entstammend vielleicht durch Werner dem

wissenschaftlichen Gebrauche und in ihrer bildhaften Anschaulichkeit

der Schriftsprache zugeführt sind. Fast jeder Vers enthält solche

»Vielheit der Geschicke«, solche »Nieren und Nester«, solche »Stöcke«,

»Anbrüche« und »Gänge« bildhaft sprachlicher Ausdruckskraft. Solches

kostbare Sprachgut zu bewahren, aus dem untergehenden Erzbergbau zu

retten und für unsere immer mehr verflachende und versandende Sprache

wie edles Gold zu retten, das ist auch Heimatschutzarbeit.

Dieses alte Bergmannslied beweist aber auch weiter, daß schon vor der

»Entdeckung der Landschaft und Naturempfindung« in der klassischen

Dichterperiode und Romantik bei den Bergleuten ein tiefes Empfinden

für die Schönheit und Romantik der unterirdischen Welt lebendig war,

und »Herz und Mund jauchzend der Wunder Menge erhöhte«, daß aus der

Naturbetrachtung auch kleinster Dinge durch die Wissenschaft die

Bewunderung und Freude und tief empfundener, bewußter, ästhetischer

Genuß entsprang.

Auch die Lieder »Bey Begräbnis eines Bergmannes« sind besonders

charakteristisch und echt bergmännisch in ihren Gedanken und Fassung.

Es handelt sich ja um »die letzte Schicht« des Bergmanns. Da beginnen

und schließen zwei der Begräbnislieder jeden Vers mit dem Gruße

»Glück auf!«. Er preist sich selig, daß er die schweren Schichten

verfahren hat und es keine »Leidensknauer« mehr gibt. Er ist in die

»himmlische Gewerkschaft« aufgenommen, wo ihn die »Knappschaft der

Engel« grüßt. Wenn auch der Leib »zerstufft« wird, die Gruft macht

ihn »recht gediegen«, wenn Jesus ruft »Der Geist soll auf den edlen

Gängen des Himmels sich indes auslängen«. Sein »Schlägel« werden die

»Friedenspalmen« sein und sein »Berglied« »Jubelpsalmen«.

Aus echtem bergmännischen Geiste sind besonders folgende Verse aus

einem Begräbnisliede von C. G. G.:

Der Glaube ist mein _Grubenlicht_, mich recht zu leiten,

Der löschet auch im Tode nicht; keine Zeiten,

weder Grab noch Ewigkeit, kann mich von Jesu scheiden.

_Verstürzt_, _verzimmert_ und _versetzt_ nur diese Glieder,

_gesäubert_ giebt er sie zuletzt mir doch wieder;

wenn er einst erscheinen wird, und _Hauptbefahrung_ halten.

Denn öffnet sich auch diese _Kluft_, und alle _Pingen_,

wenn er mit Macht die Toten ruft, sie zu bringen

auf die rechte _Scheidebank_, das Beste auszuhalten.

Auf diesen _Anschnitt_ freu ich mich, am letzten Tage;

so werft den _Schurf_ nur über mich; alle Plage

Mühe, Schrecken und Gefahr sind nun, Glück auf! _verfahren_.

Bei allen diesen echt bergmännischen Kirchenliedern ist bezeichnend,

wie für tiefreligiöse Dinge, Begriffe und Vorstellungen, für Leben,

Sterben und Ewigkeit Bilder aus der Berufstätigkeit als tiefsinnige

Symbole auftreten. Das Berufsleben dient der sinnigen grübelnden

Betrachtung als Gleichnis für inneres Erleben und die übersinnlichen

Dinge des Glaubens und erhält einen geheimnisvollen, deutungsreichen,

mystischen, zu des Bergmannes Tun und Denken so gut passenden Schimmer.

Das Grab ist die Kluft, der Himmel ein »schöner Anbruch«, der Leib eine

Erzstufe, das jüngste Gericht ist »die rechte Scheidebank«.

Die Frommheit des Bergmannes baut sich ihren eigenen Himmel so, wie

z. B. auch der alte bergmännische Holzschnitzer Kaltofen die Geburt

des Heilandes als bergmännisches Erleben mit seinem Schnitzmesser

empfand: Das Kindlein ist vor einsamer Kaue in einem »Hund« statt der

Krippe gebettet, und statt der Hirten wollen die zur Schicht ziehenden

Bergleute den Heiland anbeten. – Echt deutsche Poesie und Gemütstiefe

vereinen sich mit kindlich gläubiger Einfalt und machen das Hohe und

Heilige dem tief empfindenden Herzen nah und vertraut und geben ihm

einen Heimatklang, damit das suchende, fragende Herz auch dort ein

Zuhause findet.

In der Betstube auf der Grube standen die alten dicken Gesangbücher mit

ihren etwa eintausendfünfhundert Liedern im schlichten Schränkchen und

zeugen für fleißigen Gebrauch. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts

erschien dann aus der Zeit der Empfindsamkeit hervorsprießend ein

besonderes »Gesangbuch für Grube und Haus«, genannt »Evangelischer

Berg- und Haus-Altar« mit fünfundachtzig Bergmannsliedern außer den

vielgesungenen Kirchenliedern.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 7–8 · 第 1 / 9 段