wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der
meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im
Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm
entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm
zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und
ging fort.
Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum,
die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den
vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in
Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen
Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig
genug entgegenschaute.
Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten
Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz
verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar
nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich
oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun
herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen
Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll
Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde
so auch mit der lahmen Alten bekannt.
Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau
oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was
er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit
seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch
angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb
er mit demselben zufrieden.
"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch
sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein
rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es
wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich
dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion?
Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt
und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder
halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht
gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im
Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal
einen guten Tag machst!"
Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des
Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf
dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und
bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.
Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und
verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus,
weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben
und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere
Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging
und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte.
Ein großer Trinker war er nicht, Karten und Würfelbecher übten auf ihn
keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum
Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam
und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber
behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er
sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht
an die Zukunft denke.
Der Spaniol ließ sich nimmer hören, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm
der Zuckerhannes den schönen Schuldschein desselben vorwies und machte es
ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in
Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und
wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch
Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus,
der Spaniol sei längst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im
Zuchthaus.
Der Verlust seiner Sparpfenninge kränkte den Hans gewaltig, hatte aber auch
sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mißtrauisch in Geldsachen und
während er im Amtsgefängniß beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben für
ehrliche Leute und die Ehrlichen für die durchtriebendsten und größten
Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verübte Betrug doch
wieder zu etwas besserer Einsicht.
Dagegen hatte er im Käfig ganz andere Ansichten über das Weibervolk
bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er täglich größer,
stärker und älter wurde.
In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mägde sind häufig
nicht von bester Butter, der Adlerwirth drückte beide Augen zu, wenn nur
tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an
sich.
Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an
manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Spätjahr und Frühling kaum
zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und
wußte manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte.
Wer weiß, was unter solchen Umständen, wo Gelegenheit und Lust zu unnützen
und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein würde, wenn unser Held
nicht mit einem Kropfe und krummen Fuße behaftet, dabei ein schüchterner
und erschrockener Mensch gewesen wäre, so oft er mit Weibsleuten zusammen
kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt hätte?
Jedenfalls war es nicht religiöse Ergriffenheit, sondern die Liebe zur
Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die
Kirche gar nicht und später nur deßhalb fleißig, weil die Emmerenz niemals
in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das
Kirchengehen gewaltig ans Herz legte.
Die Stallbewohner wurden ebenso pünktlich gefüttert und wohl gepflegt als
einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Bleß fand der
Thierfreund nicht wieder; der Umstand, daß manche Gäste weit schönere Rosse
in die Ställe zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das
erträgliche und leidliche Verhältniß, in welchem unser Held zu den
zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zärtlichkeit
desselben für die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er
mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen
Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen.
Angeborne Dienstfertigkeit führte ihn in das benachbarte Häuslein,
Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin
fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mägde des Adlerwirths
half lediglich dazu, daß er in arbeitsfreien Stunden fast immer drüben zu
finden war und eine wundersame Veränderung in seinem Innern vorging.
Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz
hatte, mochten anfangs keineswegs die löblichsten sein, allein er war
schüchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so
wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um
sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Miß an sich trug, die
bekanntlich um des Anstandes willen so roth als möglich werden muß, wenn
auch nur das sündhafte Wort "Hosen" in ihrer ätherischen Nähe laut wird, so
wußte sie doch recht gut, was wahrhafte Züchtigkeit und Ehre gebieten und
wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre
wetterharten Fäuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in
diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wußte täglich
weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schöner und
besser vor und das Liedlein:
Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so heiß,
Denn heimliche Liebe, von der Niemand weiß!
wurde an ihm mindestens zur Hälfte wahr.
Zur Hälfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben
doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blöden
Liebhaber sei, sondern wußte es besser, als er selbst, und Andere haben
auch Augen.
Sie war aber ein verständiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem
armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht
abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem
Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schöpfte, dann kehrte sie
jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstünde oder nahm
Alles für Scherz auf.
Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverständigen
Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Häusle und je mehr er die
Hoffnung verlor, desto größer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch
in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen
zu reden und Gehör zu finden.
Allmählig wurde er pfiffiger, gewann die alte, wunderliche Ursula ganz für
sich, dies gab Gelegenheit, der vielgeplagten Emmerenz manches Stündlein zu
versüßen, welches sonst bitter ausgefallen wäre; ferner half er dieser bei
ihren Arbeiten, soviel er nur vermochte, endlich griff er auch in den
Geldbeutel und kaufte derselben Manches, was sie schon um der redseligen
und befehlshaberischen Ursula willen nicht nur annehmen, sondern auch
tragen mußte, ob es ihr gefiel oder nicht.
Seitdem die Emmerenz am Sonntag mit einem halbseidenen Halstuch und einer
Granatenschnur prunkte, was der Hans um schönes Geld vom Randegger Juden
erhandelt, der auf der Reise zur Konstanzermesse alljährlich zweimal im
Adler einkehrte, glaubte das ganze Dorf, die Ehe der ältlichen Magd mit dem
hinkenden Schwarzwälder sei von den Beiden und der alten Urschel dazu fest
verabredet und beschlossen. Das genannte Kleeblatt waren so ziemlich die
Einzigen, welche nichts davon wußten und wissen wollten.
Zwar redete die Alte oft genug von Hochzeiten, welche im Himmel
abgeschlossen würden, von sonderbaren Fügungen Gottes, von den Vortheilen
einer Ehe, in welcher die ältere Frau den jüngern Mann für sich recht
erziehen könne, von der künftigen Erbschaft der Emmerenz und der
Gutherzigkeit des Knechtes und nachdem letzterer sie gar aus einer
Lebensgefahr gerettet, redete sie manchmal ganz unverblümt davon, es werde
das Gescheideste sein, wenn die Emmerenz dem Hans über ihrem Grabe die
Hände reiche und dem Zuckerhans klangen dergleichen Reden wie himmlische
Musik--aber der Fisch wollte niemals herzhaft anbeißen, sondern vorläufig
vollkommen frei und ledig bleiben und erklärte in unwirschen Augenblicken,
eher die halbe oder auch ganze Erbschaft verlieren, als sich ewig an irgend
ein Mannsbild der Welt binden zu wollen, am wenigsten an den "Kropfhannes."
Es gäbe ein dickes Buch, wenn man Alles beschriebe, was der Zuckerhannes um
der Emmerenz willen in kaum zwei Jahren ausgestanden; jeder Andere hätte
alle Geduld verloren und alle Hoffnung aufgegeben, doch wissen wir bereits,
daß selbst die Dazwischenkunft des rothen Fritz die Leidenschaft unseres
Helden nicht dämpfte, sondern erst recht zur vollen Flamme und zwar zur
peinigenden und verzehrenden auflodern machte.
Dieser kannte Gott nicht recht und liebte Christum nicht, Etwas muß aber
der Mensch haben, was er liebt und woran er sich hält und bei ihm, in
dessen Gemüth einmal eingedrungene Gefühle und Leidenschaften tiefe Wurzeln
schlugen, deren Blüthen zu stark waren, um nach jedem Winde zu flattern,
war dieses Etwas eben die Emmerenz. Diese wurde der Abgott, den er
beständig anbetete und weil der Abgott ein zeitliches, wandelbares Geschöpf
war, wurde der Anbeter auch von allen Stürmen des Tages und des Herzens
unerquicklich genug mitgenommen.
Weil die später folgende Geschichte des Duckmäusers voll von Liebe ist und
wir bereits wissen, wie weit der Zuckerhannes nach dem Tode der Ursula mit
der verständigen Emmerenz gekommen, wollen wir mit einem kecken Sprunge den
Wanderer einholen, der mitten in der Nacht aus dem Adler und Dorfe schied.
Jetzt leuchtet die Abendsonne über die weiten Getreidefelder der Baar,
schärfer und schärfer malen sich die dunkeln Höhen des Schwarzwaldes im
tiefblauen Himmel ab, länger und länger werden die Schatten, am Fuße eines
Kreuzes, das weit in die einförmige Landschaft hinausschaut und seinen
Schatten beinahe bis in den Krautgarten eines stattlichen Meierhofes
hineinwirft, sitzt der Zuckerhannes mit gefalteten Händen und bewegt die
Lippen in inbrünstigem Gebete.
Noth lehrt beten und manchmal auch der Wahn, zumal hinter der Noth oft
genug nur der kurzsichtige Wahn steht, was gerade bei diesem Beter der Fall
ist. Befindet er sich nicht in arger Noth, weil er wähnt, ohne die Emmerenz
gebe es kein Glück mehr für ihn in seinem ganzen Leben, und weil er kein
Geld hat, um vor derselben als Hochzeiter auftreten zu können?--
Einen alten Plan des Spaniolen im Kopfe, die Emmerenz als seinen
eigentlichen Herrgott im Herzen und all sein Geld in der Tasche tragend,
ist er Tag und Nacht fortgelaufen und je näher er dem Ziele seiner nächsten
Wanderung kam, je gründlicher er Alles überlegte, was ihm vom Erfolge
derselben abzuhängen schien, desto ängstlicher schnürte sich sein Herz
zusammen.
Vom ursprünglichen Plane des Spaniolen, sich auf ganz besondere Weise Geld
zu verschaffen, ist er keineswegs abgegangen, aber von den Mitteln für
sichere Erreichung dieses Zweckes will er nur im äußersten Nothfalle
Gebrauch machen und bittet Gott inbrünstig, diesen Fall _nicht_ eintreten
zu lassen.
Die Ermahnung der Emmerenz, nichts Schlechtes zu begehen, konnte er nicht
vergessen und Gott ließ ihn auf dem Wege mit einem geistlichen Herrn
zusammentreffen, in welchem er denselben Vikar von Ehemals erkannte, der
seiner Mutter, der Brigitte, so manche leibliche und geistige Wohlthat
erwiesen und ihn selbst in die Hände der Elsbeth geliefert hat.
Dieser gute Herr ist indessen ein noch besserer Landpfarrer geworden, hat
seinen alten Schützling mit sich in den Pfarrhof genommen, gastlich
bewirthet und beherbergt und sich den ganzen Lebenslauf desselben vom
letzten Augenblicke der Trennung im Schwarzwalde drunten bis zum ersten der
Begegnung in der Baar da oben ausführlich erzählen lassen.
Manchmal hat der Herr den Kopf geschüttelt und den Erzähler scharf
angeschaut, um aus der Miene desselben zu lesen, ob der wahrheitliebende
Hannesle nicht zu einem lügenreichen Zuckerhannes geworden, doch log dieser
nicht zuviel, sondern erzählte Gutes und Schlimmes nach bestem Wissen, denn
er sah in der Begegnung mit seinem alten Schützer eine Fügung Gottes und
wenn er in das ernstfreundliche Gesicht und mildklare Auge desselben
schaute, wollte keine Lüge über die Zunge, es war ihm schier als ob er
wieder einmal in einem Beichtstuhle säße und keinen Menschen, sondern einen
Engel vor sich hätte, welcher Gottes Allwissenheit theile.
Auch von der Emmerenz und vom Plane des Spaniolen hat der Zuckerhannes
geredet und nicht verschwiegen, daß und weßhalb er sich gerade auf dem Wege
befinde, diesen Plan auszuführen. Verwundert und fast traurig hat der
Pfarrer zugehört und dann dem Plane mit unbesiegbaren Gründen
widersprochen.
Aber die Leidenschaft hat ein anderes Fühlen, Denken und Wollen, folglich
auch andere Gründe als die christliche Wahrheit und weil der Knecht
leidenschaftlich liebte, ist er auch nicht aufrichtig von seinem Plane
abgegangen, wiewohl er Nichts gegen das Aufgeben einzuwenden und nichts
Stichhaltiges für das Ausführen desselben vorzubringen wußte.
Der Geistliche kennt jetzt die Menschen und ist nicht mehr der junge Vikar,
welchen die nächste, beste Gleißnerin mit frömmelndem Geschwätze lange
hinters Licht führt, er erkennt die Selbstsucht und den Satan in jeder
Verkleidung, selbst in der der Frömmigkeit und religiösen Ergriffenheit,
durchschaut den Zuckerhannes und sieht wohl, derselbe leide an einem Uebel,
welches sich nicht an Einem Tage und sogar schwerlich in hundert oder
tausend Tagen heilen lasse.
Weil dieser offen erklärte, um keinen Preis den Plan des Spaniolen gänzlich
aufstecken zu wollen, so schrieb der Geistliche für ihn endlich einen Brief
in der schönen Absicht, mindestens die Gewaltmittel, von denen der Spaniol
allein guten Erfolg von vornherein gehofft, unnöthig zu machen.
Ganz zufrieden mit diesem Briefe schied der Zuckerhannes von seinem alten
Schützer. Auf dem Wege las er das Schreiben einmal und zehnmal; je weiter
er vom Pfarrhofe wegkam, desto deutlicher kam ihm die Einsicht, der
Geistliche habe die Worte viel zu milde und versöhnlich gestellt, so daß
wohl ein guter Christ, nicht aber ein schlechter, gottvergessener Kerl sich
dadurch rühren und zum Geldhergeben bewegen lasse.
Am Ende erinnerte sich der Verblendete an alle Verdächtigungen und
Verleumdungen des geistlichen Standes, die er im Amtsgefängnisse und
anderswo gehört, gelangte zur weitern Einsicht, der Briefschreiber sei eben
auch ein "Pfaffe," der im Interesse der Großen und Reichen das Volk
betrügen helfe und habe offenbar nicht gewollt, daß er seinen Zweck
erreiche, sondern einen Metzgergang mache und am Ende dem rothen Fritz das
Feld räume.
Er redet und trinkt sich in argen Groll gegen den Wohlthäter hinein, findet
einen Winkeladvokaten und dieser macht um Geld und gute Worte einen neuen
Brief, worin die Worte des Geistlichen mit den wilden Drohungen des
Spaniolen sich zusammengesellen und welcher zugleich im Namen des
Ueberbringers, nämlich des Zuckerhannes, geschrieben ist.
Jetzt sitzt dieser betend am Fuße des Kreuzes und erhebt sich endlich
entschlossen, um sich dem stattlichen Maierhofe zu nähern, denn der
Eigenthümer desselben ist gerade derjenige, welcher Geld schwitzen und
damit ihn mit der Emmerenz zusammenkitten soll.
Das Gebet hat ihm keinen rechten Muth eingeflößt; langsam, mit klopfendem
Herzen hinkt er dem Hofe näher, der Kettenhund ist längst unruhig geworden
und fährt wüthend aus seinem Häuslein heraus, ein Knecht steht unter der
Stallthüre und betrachtet verwundert den Ankömmling, dessen Anzug
keineswegs dem eines Bettlers, dessen Gesicht dagegen dem eines armen
Sünders ziemlich ähnlich sieht. Eine kleine, hagere, unfreundlich
dreinsehende Bauernfrau erscheint unter der Thüre, bringt den Hund zum
Schweigen und es entspinnt sich zwischen ihr und dem Zuckerhannes folgendes
kurze Gespräch:
"Was wollt Ihr?"
"Etwas mit dem Hofbauern reden. Ist er daheim?"
"Nein, er ist noch im Walde bei den Knechten."
"Wann kommt er heim?"
"Wenn alle Lumpen heimkehren. Sagt nur gleich, was Ihr wollt, ich habe auch
ein Maul!"
"Ich muß unter vier Augen mit ihm reden. Wann treffe ich ihn, morgen?"
"Mit Tagesanbruch muß er wieder in den Wald, um neun Uhr vielleicht könnt
Ihr ihn finden. Was soll ich ihm sagen?"
"Weiter nichts, aber seid so gut und gebt diesen Brief und dieses Päcklein
mit Schriften an ihn ab. Aufbrechen werdet Ihr es wohl nicht?"
"Aufbrechen? Gott bewahre, gebt nur her, bei mir ist Alles wohl versorgt!"
"Ihr seid doch die Hofbäuerin?"
"Ja, die bin ich und Ihr, wer seid denn Ihr? Ihr werdet nicht dem Galgen
entlaufen sein und es wohl sagen dürfen!"
"Ho, werdet's schon noch erfahren, besorgt mir jetzt nur die Schriften und
behüte Euch Gott bis morgen neun Uhr!"
"Ei, wenn Ihr gute Nachrichten habt, könnt Ihr ja dableiben und ein
Gläslein trinken, bis mein Bauer heimkommt."
"Ich weiß nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind
schon ein bischen alt, deßhalb behaltet Euer Gläslein und gehabt Euch wohl
für jetzt!"
"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ...
Lebt wohl!"
Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus
des nahen Dorfes:
"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fängt an! ... Diese Bäuerin
scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele
Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Höllenleben
führt! ... Vielleicht rührt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite
Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl
treiben mag!"
In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen über den
Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen
ließ, mit welcher er die Schriften der Bäuerin eingehändigt. Mehr als
zehnmal stand er auf, um in den Hof zurückzukehren und so oft die
Stubenthüre sich öffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung,
der Empfänger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging
nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er später
die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge
trieb ihm alle Müdigkeit und Erschöpfung aus den Gliedern.
Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schließen,
war der Empfänger des Briefes, nämlich _der leibliche Vater des
Zuckerhannes_. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verführer
Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach
verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermögens, welches
ihm nach mehreren Unglücksfällen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib
genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen
Unfrieden als Brautschatz mitbrachte.
Aus einem wüsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener
Kinder hervor, von denen gegenwärtig nur noch Zweie im Hofe leben und im
Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren.
Heute hat er draußen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm
Herzen als gewöhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern übel
genug empfangen worden, denn die Bäuerin hat sofort nach dem Weggehen des
verdächtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der
Marianne, der ältesten Tochter vorlesen lassen.
Noch spät in der Nacht hörten die Dienstboten die gellenden Stimmen der
Bäuerin und Mariannens, die verächtlichen Schimpfreden, welche der lange
Jörg gegen den Vater ausstieß und das zornige Vertheidigen Michels gegen
die bittern Vorwürfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den
Anschein, als ob die Worte wieder zu Prügeln werden wollten. Die Knechte
und Mägde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war
mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um
Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit führte zu Auftritten, welche
dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Höllenhof" erworben hatten.
Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Türken und Heiden sich in den
Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das
gewöhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flüchen und
unerhörten Verwünschungen gewürzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen
sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lästern
erst wieder recht an und hörte nach mehrern Stunden erst allgemach auf,
nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und
beharrlich jede Antwort verweigerte.
Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt,
wußten die meist liederlichen Knechte und Mägde noch vor dem Einschlafen
auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und höchstes
Gesetz galt, daß nach dem Betläuten kein Dienstbote an Werktagen ohne
besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, würden die Zungen der
meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die
Jugendsünden des "Höllenbauern" tüchtig in Allarm und Bewegung gesetzt
worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten
hätte.
Ein düsteres Oellämpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt
eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die
schlechten allein ausgenommen, den verhängnißvollen Brief des Verstoßenen
hält der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen
zerreißt, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus
Vielen" recht gut paßt.
Derselbe aber lautet:
"Alter Sünder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich,
nachdem ich bald 21 Jahre das nämliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir
ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den
alten Tiger hat."
"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern könne
nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem
andern Stande angehört."
"An dein weites Gewissen will ich zunächst reden und wenn es nicht ein
bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung
empfangen, deren Du Dich würdig gemacht, ohne daß dieselbe auf Erden Dir
bisher zu Theil wurde."
"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"--
"Natürlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am
Lebensglücke einer armen Verführten? Größere Herrn als Du Einer bist,
leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet
derartige Schwachheiten höchst liebenswürdig und nachahmungswerth und was
Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur für die Armen und Geringen
Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt,
Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar
sorgfältig vertuscht, häufig genug belacht, belobt und belohnt."
"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nächste
Recht dazu habe und Dir zunächst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast,
Du Unmensch!"--
"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der
Absicht, einem braven Mädchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und
geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genähert hast."
"Zum Zweiten bist Du ein Meineidiger, denn Du hast derselben nicht blos die
erlogenen Redensarten und Schwüre aufgetischt, welche jeder Verliebte
aufzutischen pflegt, sondern sie durch gewisse schriftlich gegebene
Eheversprechen in dein höllisches Garn gelockt, um rascher zum Zwecke
deiner thierischen Lüsternheit zu gelangen. Sie hat von diesen
Versprechungen niemals Gebrauch gemacht, weil sie noch als Gefallene mehr
Ehre im Herzen trug als Du."
"Zum Dritten bist Du ein Mörder, denn Du hast der Brigitte das Herz
gebrochen, den Grund zu schwerem Leiden und zeitlichem Unglücke gelegt,
welches ihren frühen Tod herbeiführte."
"Das Sterben unter Gefallenen ist zwar nicht sonderlich Mode, aber gar
Viele erliegen durch Schuld ihres Verführers dem geistigen Tode, der wohl
mehr als der leibliche bedeutet und die Meisten bleiben einem traurigen,
verachteten und freudlosen Leben preisgegeben."
"Die Brigitte modert schon viele Jahre unter dem Boden, Du hast ihr den
Todestritt und der Todtengräber den Abschiedstritt gegeben, aber wenn ihr
Gespenst auch niemals deinen Schlaf störte, so sind ihre Thränen und
Seufzer, ihre Anklagen und Verwünschungen doch von Gott gehört worden, denn
Er ließ mich leben und am jüngsten Tage wird die Gemordete gegen Dich
ehrlosen, meineidigen Mörder als Anklägerin auftreten, wenn Du deine Schuld
nicht auf Erden erkennst und einigermaßen zu sühnen Lust bekommst."
"Sie hat Dir zwar vor ihrem Tode verziehen, Alles verziehen, aber Gott kann
und wird Keinem verzeihen, welcher nicht Asche auf das Haupt streut und
ernste Buße thut."
"Es ist leider wahr, schrecklich wahr, daß Du, Fesenmichel, vor mehr als 20
Jahren nicht schlechter an Brigitten gehandelt hast, als Tausende vorher
und seither, vielleicht in dieser Stunde, an tausend Anderen handeln, aber
ein Laster bleibt ein Laster, wenn es auch wegen allgemeiner Verbreitung
schier zum Gesetze und Recht gemacht wird und Du bleibst ein ehrloser,
meineidiger, mörderischer Wicht, wenn Du auch unter allen Ständen und
Klassen des Volkes noch so viele Kameraden und die Entschuldigungen:
Jugend, Mangel an Bildung, guter Gelegenheit und dergleichen hohle
Redensarten für Dich hast."
"Weißt Du, weßhalb ich das Recht besitze, dein weites Gewissen aus langem
Sündenschlafe aufzurütteln und an Brigitten zu mahnen? Weil ich Brigittens
Sohn, dein eigener, leiblicher Sohn bin, gegen den Du Dich nunmehr seit
mehr als 20 Jahren täglich versündiget hast."
"Der zweideutigen, flüchtigen Freude einer Schäferstunde hast Du das
Lebensglück zweier Menschen geopfert, welche nichts Böses gethan haben und
die Folgen deiner lustigen Sünde pflanzen sich reichlich und unabsehbar auf
Erden und hinüber in die endlose Ewigkeit fort. Brigitte ward unglücklich
auf Erden durch Dich; wäre ihre arme Seele nach dem Tode nicht in den
Himmel gekommen, sondern den Martern des Fegfeuers oder gar den ewigen
Qualen der Hölle überantwortet worden, so trügest Du wohl die meiste Schuld
daran, denn Du hast Alles gethan, um sie zeitlich und ewig zu verderben und
Nichts, um sie zeitlich und ewig zu beglücken."
"Ungemach und Unglück aller Art haben mich großgezogen, Dir zumeist habe
ich alles Widrige zu verdanken, was mir bisher im Laufe vieler Jahre
begegnete, indem Du mich in die Welt setzen halfst und dann für immer
verließest, wie das wildeste Raubthier sein Junges nicht zu verlassen
pflegt."
"Hyänen, Löwen und Tiger helfen ihre Jungen aufziehen, tragen ja Futter
herbei und vertheidigen dieselben bis zum letzten Blutstropfen, die Heiden
befolgen das Beispiel der Thiere und handeln als Menschen dazu, aber in
christlichen Landen laufen große Haufen viehischer Bauern und viehischer
Herren, die großartig mit Ehre und Bildung und manchmal sogar mit ihrem
Christenthum prahlen und pochen, herum und unterlassen, was Raubthiere und
arme Heiden thun und Christen vor Allem im höchsten Grade thun sollen."
"Brave Geistliche sehen in solch heillosen Zuständen eine Hauptquelle der
unermeßlichen Summe von Jammer und Elend, welches auf der Christenheit
lastet, doch nicht einmal im Beichtstuhle, geschweige auf der Kanzel dürfen
sie sich mehr als allgemeines Gerede über das sechste Gebot erlauben, wenn
sie nicht von der empfindsamen, anständigen und doch so grundliederlichen
und verderbten Welt arg verkannt, verlästert und vom zahllosen Heer der
Religionsspötter, Staatsverbesserer und Unzüchtigen gesteiniget werden
sollen."
"Und die Gesetze? Guter Gott, die Gesetze _müssen_ da aufhören, wo
allgemeine Liebhabereien des Volkes anfangen; gerade die Gesetze sollen in
den meisten Ländern das sprechendste Zeugniß ablegen, wie weit es unser
Anstand und unsere Bildung mit der wahren Schaam und ächten Sittlichkeit
hinsichtlich des sechsten Gebotes brachten und was die Frucht einer allzu
zartsinnigen Erziehung sei."
"Die Gesetze geben mir kein Recht, Dich Fesenbauer am Schopfe zu nehmen,
ganz im Gegentheil schützen sie Dich ehrlosen, meineidigen Mörder und
Rabenvater vor jeder unsanften Berührung, aber ich nehme Dich doch am
Schopfe, mein Recht dazu ist von der Natur und Vernunft und damit von Gott
gewährleistet und wenn ich Dir eventuell den Hirnkasten einhämmerte, die
Gesetze mich dafür verdammen, so hast nur Du vor Gottes Richterstuhl die
alleinige Verantwortung!"--
"Nimm Dich in Acht vor mir, Du hast mich zum Waisen gemacht, zum armen,
verachteten, mißhandelten und verfolgten Bankert und bei Dir steht es,
meiner Armuth ein Ende zu machen oder mich dahin zu bringen, daß ich die
bisher unverdiente Verachtung endlich einmal verdiene, die Mißhandlungen,
welche die Mitmenschen meiner Mutter und mir reichlich angedeihen ließen,
am Urheber räche, nach weiterer Verfolgung den Teufel frage und Dich in
alle Ewigkeit in die tiefste Hölle hinabfluche und noch dort erwürge."
"Kein Mensch gibt sich selbst das Leben und kann dafür, wenn er in einem
Schweinestalle anstatt in einem Schlosse geboren wird, ein jeder Bettelbube
würde gewiß bald und gerne zu einem "gnädigen Herrlein" sich ummodeln, wenn
es nur anginge; ferner ist das Weib schwächer als der Mann, ein
unerfahrenes Mädchen mit Schwüren und besonders mit schriftlichen
Versprechungen nicht sonderlich schwer zu übertölpeln.--Das Kind ist ganz,
die Mutter in den meisten Fällen sicher mehr als halb unschuldig, doch
Mutter und Kind tragen in unsern Landen voll einsichtsreicher, gerechter
Menschen und christlicher Nächstenliebe alle Schuld und alle Folgen der
Sünde, der Hauptschuldige und Hauptsünder dagegen wird kaum in Heimgärten
oder in den Prachtzimmern ausgeputzter Kaffeeschwestern ein bischen
durchgehechelt, fragt gemeiniglich wenig darnach und hat leichte Sorge,
seine Ehre vor Schiffbruch zu bewahren."
"Meine Mutter ist an den Folgen deiner Sünde gestorben und ich habe diese
Folgen vor der Welt nunmehr 21 Jahre herumgeschleppt, Du hast nichts
darnach gefragt, bist nach wie vor der reiche, angesehene Fesenbauer
geblieben, hast ein reiches Weib und eheliche Kinder bekommen, aber jetzt
schreibt Dein Ismael an Dich und wenn es umsonst ist, dann soll die todte
Hagar gerächt werden von ihrem Ismael und Du wirst mindestens einmal heulen
wie die Thiere der Wüste, wenn Du nichts Besseres von denselben lernen
willst!"--
"Wäre ich ein Spitzbube, Räuber, Mordbrenner und Mörder geworden, wer trüge
wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen
keinen Namen? Hätte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits
angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer hätte die
erste Verantwortung dafür? Würde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst
ewig verdammt werden, wer hätte der Hölle diese Rekruten angeworben?"
"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter
die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das
ist der Schuft!--dann hast Du den Rechten errathen!--Gelt, der _junge_
Fesenmichel hat beim Bärenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken
bekommen? Ich vermuthe, der _alte_ Fesenbauer bekomme vom vielen Denken
noch immer keine Kopfwehe, deßhalb hat der Ismael diese Schrift machen
lassen und mit Freuden unterzeichnet."
"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, daß ich
Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und daß ich ferner groß
geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen."
"Von meinen Unglücksnächten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzählen
als von den zahllosen Flüchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich
bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem
Allmächtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom
Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wäre,
würden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den
Leibesmördern und Seelenmördern senden oder jedenfalls weniger, auch gar
keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder
machen!"--
"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und
vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn
werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen
und gerichtlich bestätigen lassen, daß ich niemals wieder einen Anspruch
irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst--wenn und
insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von
Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet,
geschweige noch zu erwarten hat."
"Vier- bis fünfhundert Gulden nämlich reichen aus, aus einem der
verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glücklichen Mann zu
machen, der Dich und die Deinigen niemals belästiget und täglich für Euer
Wohlergehen betet."
"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und
letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Füßen will ich Dir fallen um
Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und
ewig unselig zu machen."
"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf
nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn
Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, daß ich nimmer weiche, nimmer
ablasse, Dich auf alle möglichen Arten zu quälen und zu verfolgen, wenn Du
mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr
nahe bei der Hand hast, mir einhändigest, damit ich bald wieder fortkomme."
"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, daß ich Zuchthaus, Galgen und
Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug,
nunmehr aus Gründen, die ich Dir mündlich mittheilen kann, nicht länger
ertragen mag."
"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal
menschlich und christlich an Deinem
_Ismael Zuckerhannes_."
Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept
des Winkeladvokaten wäre die solide gebildete Welt um ein Muster
unanständiger Grobheit ärmer geblieben.
Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkührlich viel an
die Brigitte und ihren Bären gedacht.
Am nächsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der
heranrückende Zuckerhannes wurde nämlich vom Fesenhofe durch den
Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner
schmählich vertrieben und vergaß die rührende Rede, welche er sich während
der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon über die Lippen brachte.
Am dritten Abend später blieb der Fesenmichel ungewöhnlich lange von seinem
Hofe weg.
Die Bäuerin und Marianne schalten und lärmten, der lange Jörg, der älteste
eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Türke, später jedoch griff man zu
Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jörg den
Hofbauern.
Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der
ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbösen
Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war.
Die Bäuerin wälzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei
Kämmen, Marianne schrie, daß die Leute im Dorfe drüben es hörten, der lange
Jörg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein
neues Hausregiment zu führen, als nagelneuer Gebieter zahllose Mängel an
allen Maßregeln des Vorgängers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunächst
auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten--aber Alles änderte der
Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Bäuerin, der wehmüthigen
Marianne und dem zornigen Jörg die frohe Nachricht verkündigte, er habe im
ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt
und die Herzwunde könne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich
um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermögen, um den
Michel allzufrüh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.--
Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen
ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren
froh, daß er sich freiwillig den Gerichten überlieferte.
Er spazirte wiederum in ein Amtsgefängniß und der Prozeß begann ernsthaft
zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war,
um vor Amt erscheinen zu können.
Kein Unglück ohne Glück!--Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu
Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und deßhalb wurde er
nicht als Räuber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei
ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern
Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine große Wohlthat und der Thäter
so gescheidt, die That für die Folge eines kleinen Mißverständnisses zu
erklären.
Einige Monate später trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche
Kleider.
#EIN TAG IM ZUCHTHAUSE.#
Die Sterne glänzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond
schaut noch in die Straßen der Stadt hinab, man könnte dieselben für
ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines
bleichen Nachtschwärmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem
Pflaster hohl und dumpf wiedertönten oder eine Wäscherin längs den hohen
stattlichen Häusern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen
wünschten--da zittern hell und schrill die Klänge eines Glöckleins durch
die Morgenluft und wer sich nicht in holden Träumen wiegt, des Glöckleins
Stimme hört und kennt, der weiß, daß ein neuer Tag mindestens für die
modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei.
Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitläufiges mit
einer hohen Mauer umgebenes Gebäude mit mehrern Nebengebäuden und Höfen und
unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgemäß aus einem ehemaligen Kloster zu
einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren
Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 überstieg, in neuerer Zeit aber
fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will.
Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rührige
Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr
ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen
Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Kräfte zu
opfern, ohne großen Lohn und sonderliche Anerkennung dafür einzuerndten und
so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes
Glöckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade deßhalb als richtig
sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Sälen Tag
und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der
gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient.
Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einförmig,
still und dennoch rührig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und
Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen
und fleißigen Sträflinge einmal mitanzusehen und könntest beinahe Lust
bekommen, mit dem nächsten besten Graukittel human oder christlich zu
fraternisiren--aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen
Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Sträflings nagt, wird von
der zweckmäßigsten Hausordnung nicht getödtet und das Wehe, welches ihm oft
so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste
Behandlung nur gemildert und niemals gehoben.
Das Glöcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, für das Erwachen derselben
sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thüren der
Schlafsäle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Sträflinge auf
ihren Strohsäcken, Mancher schaute bereits gleichgültig oder sehnsüchtig
dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere störte das Rufen und
Pochen in süßen Träumen und verwandelte lächelnde Gesichter in
niedergeschlagene Alltagsköpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren
Zwilchkleidern, Strümpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die
Toilette schon so weit gediehen, daß nachträglich zum Kamme und zum
Handtuche gegriffen werden kann.
Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Fäßlein
oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und
Selbstquälen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder
will zuerst Wasser haben und schön werden und der Gänsewein läuft doch nur
aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und
der Flinke ärgert sich über den Langsamen.
Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die
vorschriftmäßige Glättung, ehe sie sich waschen und kämmen; die
Unreinlichsten begnügen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das
Handtuch als Ovation der Hausordnung tröpfeln, lassen die ohnehin
kurzgeschnittenen Haare ungekämmt, die Verzärtelten thun dasselbe, denn der
Winter hat seine Eisblumen über die Fenster des Saales gewoben, so daß man
weder Drathgitter und Eisenstäbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht
und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der
Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren
Träumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewährte, vollkommen fertig
geworden, klirren Schlüssel und Ketten, die mächtigen Riegel der
eisenbeschlagenen Thüre des Saales Nro. 5 werden zurückgezogen, die Thüre
springt auf, ein schnurrbärtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von
mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen.
Ein Fremder würde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem
Schlafsaale entgegenströmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen,
durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die
Geruchsnerven eines Aufsehers sind längst gegen derartige Kleinigkeiten
durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem
Vergnügen eine riesenmäßige Prise und wirft die Augen prüfend rings umher.
Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner
Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des
Tages in lautlose Stille verwandelt.
"Gebet!"
Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar,
dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tüchtigen
Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt
Etwas herab, was möglicherweise einem Vaterunser ähnlich lautet, mindestens
versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden
falten die Hände und schauen in die Nacht hinein.
"Ab!"
Jeder greift nach seiner Mütze, Einer nach dem Andern trabt der Thüre zu,
Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorüber,
welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern.
Der Aufseher, welcher der Saalthüre zunächst steht, zählt die
Herausgehenden, ein Zweiter macht für Jeden derselben einen Strich auf eine
Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gäste fehlt,
einige derselben sind uns bekannt.
Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5
schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr
gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die
gebückte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die süßfreundliche
Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrüßt, beweisen, daß Kraft
und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen.
Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das
durch längere Gefangenschaft und andere Dinge erschöpfte Affengesicht zu
zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Sträfling behauptet,
derselbe müsse ein Gärtner sein, weil er das Saamensäcklein beständig am
Halse hängen habe--es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale
hinkt und nicht vergißt, jeden Aufseher gutmüthig anzulächeln. Die Wangen
sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im
Ganzen sieht unser Held gar nicht übel und unglücklich aus und die
reinliche Sträflingstracht kleidet ihn recht gut.
Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit großen, schwermüthigen Augen
und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grüßt Niemanden und man bliebe
zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet
beständig in Bewegung erhalten würden, wenn man nicht wüßte, daß Beides
zugleich der Fall sei.
Ja, der alte Melchior betet vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, ein
Nonplusultra der Frömmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen
verachtet, denn er hat als Mörder seines Sohnes noch zwölf Jahre hier zu
"brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch
hegt, nämlich sein Dörflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus
dieser Jammerhöhle und je länger diese ausbleibt, desto inbrünstiger und
ausschließlicher fleht er um dieselbe.
Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen
würden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen
Spitzbubengesichtchen sich entdecken ließe. Blutjung an Jahren übertrifft
er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und
jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er außergewöhnliche
Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethätigte, sandte ihn die einsichtsvolle
Gesellschaft auch ungewöhnlich früh auf diese Hochschule der Verbrecher und
es scheint, daß er die von gründlicher Erfahrung strotzenden Vorträge
grauer Schelme mit Nutzen hört.
Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch
jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszüge wenig von der
Resignation eines alten Sträflings, wohl aber von stiller Schwermuth und
hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch
nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschönen und Stadtmamsell
freundlich zugelächelt, hat das Lächeln noch nicht verlernt, doch aus den
Augen sprüht ein innerer Brand und durch das Lächeln zuckt ein tiefer Gram.
Dieser schöne, interessante Mensch ist ein lebenslänglich Verurtheilter,
nämlich der Duckmäuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes.
Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde
dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt
vielleicht das Interesse des Lesers--doch für jetzt lassen wir den armen
Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle
desselben.
Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute
Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten
bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt
hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen
Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der
lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und
verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes.
Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in
den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen
Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten
Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.
Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten
Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das
emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle,
nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner
und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von
Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen
des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der
Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das
Klosterwesen des Mittelalters.
Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe
hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche
Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße
und Hände in Bewegung.
Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab,
während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt
aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem
fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher
ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der
hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.
Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in
die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert
von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen.
Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann
schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank
zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen
Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein
kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt
sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen
hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz,
ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und
die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne.
"Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und
lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des
zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her,
doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das
Signal zur Wiederholung des Manövers.
Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und
erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen
jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und
dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der
Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen
Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.
Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute
Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des
Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran,
Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.
"Es gehört dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen
Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im
Vorübergehen ein hölzernes Arbeitsgeräthe in den Ofen, der sich freudig
aufflackernd für diesen Morgenbissen bedankt.
"Es gehört dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fügt bei "der Teufel
soll den Staat holen!"--Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein
reicher, vornehmer, mächtiger Feind, der ihn beherrscht und quält und dafür
auf jede Weise beschädigt werden muß.
Manche Sträflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer
kehrt freudiger zurück, als er fortgegangen. Die holde Dämmerung ist der
Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen
geschlagen werden, der Abtritt die Börse und das Rathhaus der
Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straßenräuber den Ofenheitzer.
Dieser zieht ein Päcklein dieser Sträflingsambrosia hervor, der Räuber
schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in
diesem Augenblicke ein Glücklicher.
Wie wenig gehört dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glücklicher oder
unglücklicher zu machen!--
"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes
springt an seine Fügbank, der Straßenräuber aber schreitet trotzig nach der
Thüre.
"Wohin?"
"Hinaus!"
"Schon wieder?--Verfluchtes Geläufe!"
"Schon wieder!" schnauzt der Kettenträger und murmelt vor sich hin einen
schweren Fluch über alle Leuteschinder.
Er trifft einige Andere; der Exfourier erzählt eben, wie bis zur Stunde ein
ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perüke und
darunter einen silbernen Hirnschädel trage, weil ihm der beinerne von einem
Sträfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhörer bewundern die That dieses
Sträflings und der entzückte Kettenmann schwört, nach der Entlassung dem
Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrücken oder die Beine
abschlagen zu wollen.
"Weßhalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher
erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.--"Von
wegen meiner Religion!"--"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen
halten!"--"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und deßhalb bin ich
hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"--"Ja, was glaubst Du denn?"--"Ich
habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und
letzter Artikel!"--Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern
der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmäuser heißt.
"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schön von meiner Braunen geträumt!"
sagt der Exfourier und lacht höhnisch.
"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art träumt!" meint der Benedict
trocken.
"Hört einmal diesen Narren, er vergönnt Einem die Träume!" meint Einer.
"Der Duckmäuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas
Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn
der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein
darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, deßhalb siehst Du die
Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheißen
haben, doch in den nächsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier.
"Ein düsterer Zug fährt über das Gesicht des Benedict, während er erwidert:
"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, daß ich nicht die Grunzer
meines Rheindörfleins nachahmte! ... Vielleicht wärs mit mir jetzt doch
schon zu Ende!"
"Oh, Du kannst noch frei werden!" tröstet der Zuckerhannes.
"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict.
"Wir wollen gehen, das Tagwerk muß heute auch fertig sein!" sagt Einer und
die Meisten gehen, während Andere kommen.
Allmählig bricht der Tag heran, die Stunde der Morgensuppe ist nahe, man
merkt am Arbeiten, sie habe im Magen der Sträflinge bereits geschlagen;
endlich ertönt die helle, schrille Stimme des Hausglöckleins, in einem Nu
werden sämmtliche Werkzeuge bei Seiten gelegt, der Straßenräuber brüllt mit
einer Stimme, welche dem heidnischen Kriegsgotte keine Schande gebracht
hätte:
"Suppe!"--Alle rüsten sich zum Abgehen.
"Ab!"
Die Gefangenen drängen sich nach der Thüre durch die Gänge und marschiren
im Gänsemarsch dem Hauptgebäude zu, still, geordnet, rasch, das einsame
Klirren der Fußkette eines Räubers gibt zuweilen den Takt an, mit
befriedigten Blicken lassen die Aufseher die langen Reihen vorbeidefiliren.
Dort aus jener Thüre tritt ein alter Kerl, wendet das von allen möglichen
Leidenschaften und Schicksalen durchwühlte Gesicht gegen den Zuckerhannes,
zwinkert pfiffig mit dem einen Auge und zieht das Maul in eine möglichst
angenehme Krümmung.
Das rothe Band unter dem linken Kniee zeigt an, daß er zur alten Garde des
Zuchthauses gehöre, es ist der einäugige Stoffel, der Besenbinder und
Erzspitzbube, welchen wir im Amtsgefängnisse kennen lernten und welcher das
gewohnte Winterquartier wiederum bezogen hat.
Beim Eingange zum Hauptgebäude trifft er mit dem Zuckerhannes zusammen.
"Der alte Paul läßt Dich grüßen, Hannes!"
"So? Was treibt er? wo ist der graue Halunke?"
"Halunke? Ein braverer Bursche hat noch nicht auf Erden gewandelt, als er,
aber das Unglück verfolgt ihn. Hab Dir's ja längst auseinandergesetzt, daß
ihm der Spaniol keinen Kreuzer von deinem Gelde gegeben und daß er deßhalb
Händel mit ihm bekommen hat. Der alte Paul wird auch bald wieder kommen,
das Unglück verfolgt ihn bis zum Jahr 1852 und ist nur gut, daß das
Zuchthaus nicht das größte Unglück ist, was Einem begegnen kann!"
"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man draußen meint. Weiß
Gott, ich will lieber lebenslänglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der
dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob
er hier hocke oder--."
Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich
in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speisesälen führen. Der
Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein
verworrenes Gesumme und Gebrumme ertönt. Rasch füllen sich die langen,
schweren, altersbraunen Tische längs den Wänden, ruhig sieht ein alter
Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt
und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher,
der von Hand zu Hand geht.
Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen,
wüthen in großen Stücken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Löffel
klirren heimelig und thönerne Schüsselchen, in denen ein Stücklein Butter
im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbüchsen die Gourmands des
Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein.
"Suppe!" schreit der Aufseher.
Alle Sträflinge fahren wie electrisirt in die Höhe, alle Mützen fliegen von
den Köpfen, alle Hände werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein
Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gerösteten Mehlsuppe in seine
Nase dringt, desto beflügelter wird seine Zunge.
Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet für sich, wenn die Reihe an ihn
kommt, betet aber auch für manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch
oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den
Verdacht christlicher Frömmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit
nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren.
"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen
setzen sich mit Ausnahme der Aufwärter, welche die zinnernen
Suppenschüsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaßen für sich auf
die Seite stellen.
An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und
viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen.
Die erträgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hieße
unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele
schwer arbeiten, Alle vom frühesten Morgen bis zum späten Abend thätig sein
müssen; es hieße aber auch unsinnig sein, denn Alles ist möglichst karg
ausgemessen und der Vortheil, für viele Menschen auf einmal zu kochen, so
groß, daß trotz aller Beschränkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost
bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher
auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen--Schuft werden kann.
Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der
badischen Strafanstalten zu überzeugen, wird ein Blick in die Verköstigung
der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frühern Jahren nicht immer
der Fall gewesen sein möchte.
_Selbstbereitung der Kost_ von Seiten der Anstalt, wie dies im
Zellengefängniß zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingeführt wurde, möchte
übrigens für den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger
Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das
Vortheilhafteste bewähren.--
Mancher leckt bereits sein Schüsselchen rein, das Affengesicht bettelt
Ueberreste Anderer zusammen, der Exfourier, der mit Zuckerhannes und dem
Benedict an Einem Tische sitzt und längst als Wortführer der Sippe
anerkannt ist, klopft sich behaglich auf den Bauch und läßt den Duckmäuser
bezeugen, die Morgensuppe der Soldaten übertreffe nimmermehr eine solche
Mehlsuppe.
Dieser bejaht, findet nichts zu wünschen übrig, außer einem "Pfifflein vom
Alten" als Würze und meint, die Heldenkraft der mittelalterlichen Ritter
müsse sicher auch vom tüchtigen Genusse guter Mehlsuppen mit Wein
hergestammt und der Rasse die heutige Welt lendenlahm gemacht haben.
Der Mordbrenner aus der Baar findet nichts Gutes am ganzen Zuchthause,
geschweige an den Mehlsuppen desselben und beneidet schließlich die
"Großköpfe" alter Zeiten um Mehlsuppe und Wein.
Das Gespräch wird gelehrt, der Exfourier gibt die Entscheidung, die Allen
gefällt, nachdem auch er nichts Gutes am Zuchthause gefunden haben will.
"Dort drüben auf der Wachtstube," sagt er und deutet mit dem Löffel durch
das Fenster, "dort drüben habe ich als Wachcommandant viele hundert Ritter-
und Räubergeschichten gelesen und tief über die heutige Welt und Lumperei
nachgedacht. Wenn ich die armen Sträflinge so betrachtete, wie sie bleich
und hungrig an mir vorüberschlichen und die Nase sehnsüchtig nach dem
Qualme meiner Tabakspfeife richteten, wollte es mich schier versprengen vor
Zorn und Wehmuth! ... Arme Teufel, dacht' ich, man verherrlicht Euch in
Büchern, bewundert Euch in den nobelsten Gesellschaften und mißhandelt Euch
doch im Leben. Was könnt Ihr dafür, weil Ihr zu spät auf die Welt gekommen
seid, wo das Rauben und Bandensammeln kein Hauptgeschäft adelicher Herren
mehr sein darf und gemeine Leute dafür eingesperrt und gehängt werden?
Warum gibt es bei uns in diesem zusammengestohlenen Bändelland keine
Abruzzen und kein Estremadura? Weßhalb einen Schwarzwald voll Gensdarmen
statt eines Bakonyerwaldes? ... Mein Seel, wenn viele Soldaten wie ich
gedacht hätten, wären wir einmal vom Exerzirplatze mit Sack und Pack
weggelaufen, um als freie Männer zu leben und den Reichen die Schädel
einzuschießen. Wir hätten uns im Schwarzwalde ganz gut einige Zeit halten,
leicht vertheidigen und durch die Schweiz nach Italien durchschlagen, auf
dem Wege unsere Beutel und Schnapssäcke füllen und manchem Schurken den
wohl verdienten Lohn geben können! ... Ich wäre als Karl Moor
vorangegangen, meine Braune hätte ich als Amalie oder Emilie oder wie das
Theatermensch heißt, mit mir genommen! ... Gott straf mich, wenn meine
Braune nicht auch zur Büchse gegriffen und in die liederliche Welt
hineingeschossen hatte! ... Aber jetzt hocke ich da und freß unschuldige
Zuchthaussuppen, sie steht noch immer in einer Küche und hat Abends
vielleicht einen Andern zwischen Acht und Neune!--Der Teufel soll die Welt,
den Himmel und uns Alle dazu holen, wenns nicht bald anders kommt, denn ich
habe es satt und kann nicht sterben, bevor das Unrecht, was das
Kriegsgericht an mir verübte, gut gemacht und meine Schmach blutig
abgewaschen ist!"--
Um die Unschuld des Exfouriers, von der er mit seinen Kameraden fest
überzeugt ist, begreifen zu lernen, bedarf es weniger Worte.
Er gehörte einst zu jenen Unteroffizieren, welche zehn Wochen nur Ein Hemd
oder auch gar keines unter der glänzenden Uniform tragen und nach
zahlreichen Eroberungen innerhalb der Mägdewelt ward endlich auch er
erobert. Eine handfeste, stämmige Nymphe des Schwarzwaldes mit braunen
Haaren und rothen Wangen, mit beerenschwarzen Augen und einem Lächeln so
süß als das der Houris des Paradieses angelte das Herz des Kriegshelden und
was noch keiner gelungen, gelang ihr. Sie fesselte ihn nicht nur vier
Wochen, sondern nach vier Monden wurde er erst recht ernstlich gefesselt
und Liebe und Leichtsinn begingen Streiche, welche mit Pflicht und Ehre
sich täglich weniger zusammenreimen ließen.
Der Krug ging lange zum Brunnen, zuletzt zerbrach er doch.
Die Gebieterin der Nymphe trug einen prächtigen Schawl, die Nymphe wollte
einen ähnlichen als Hochzeitsschawl einstweilen in ihrer Truhe haben.
Bitten und Thränen, Vorwürfe und Schmollen brachten den ohnehin stark
verschuldeten Liebhaber in Verzweiflung. Endlich reichten einige kühne
Griffe in Kassen und fremde Geldbeutel hin, die Nymphe zu beseligen und ihn
mit ihr. Er legte den Schawl zu ihren Füßen und erndtete der Minne Sold,
nur die Angst vor Entdeckung trübte seine Seligkeit. Mindestens Ein
Pöstlein mußte rasch ersetzt werden, wenn der Fourier ruhig schlafen
wollte, deßhalb eilte er aus den Armen der Liebe in die der Freundschaft,
welche sich für ihn in einem feisten Corporal verkörpert hatte.
Die Freundschaft saß gerade im Bierhause, trank den zehnten Schoppen und
nebelte Bremerknaster dazu, der Fourier entdeckte Alles unter dem Siegel
tiefster Verschwiegenheit.
Die Freundschaft nahm erstaunt die Pfeife aus dem Mund, schaute den
Kameraden groß an, strich den Schnurrbart lange und eifrig, endlich zog sie
einen Geldbeutel heraus und warf ihn auf den Tisch. Der Geldbeutel war an
Münze beinahe so leer, als das reine Nichts Hegels an Bestimmungen und
während der Fourier denselben noch mit trüber, rathloser Jammermiene
betrachtete, fand sich die Freundschaft bewogen, dem Unglücklichen zum
Schluß einen halben Schoppen Bier ins Gesicht zu schütten und ohne
Entschuldigung fort zu gehen.
Der Fourier wischte den braunen Nektar ab, betrachtete den Streich als Spaß
der muntern Freundschaft und hatte zudem keine Zeit zum Zornigwerden, denn
die Stunde des Zapfenstreiches war da.
In Todesangst läuft er in aller Geschwindigkeit noch zu einem zweiten,
dritten und vierten Busenfreund und erhält von Dreien Nichts, vom vierten
den guten Rath, sich schleunig auf die Socken zu machen, weil die drei
vermeintlichen Freunde, denen er sich entdeckt habe, wohl in diesem
Augenblicke ihn bereits verriethen.
Er weiß nicht mehr, was er thut und eilt statt zur Kaserne zum Thore
hinaus. Es war eine schöne, mondhelle, lauwarme Sommernacht, welche viele
poetische und prosaische Seelen ins Freie gelockt hatte und
unglückseligerweise auch den Hauptmann der Compagnie, welcher der als
"liederliches Tuch" bekannte Fourier angehört. Der Hauptmann sieht und
erkennt den Untergebenen, die Eile desselben scheint ihm verdächtig, er
hält ihn an und arretirt ihn.
Aber ein Liebhaber der Romantik läßt sich keineswegs mir nichts dir nichts
auf seiner Heldenlaufbahn hemmen, somit zieht der Fourier vom Leder und
erst ein glücklicher Hieb des ebenso muthigen als braven und diesmal arg in
Harnisch gebrachten Offiziers bringt ihn zur Flucht, aber andere Leute
reden auch ein Wörtlein und eine Stunde später sitzt unser Held
krummgeschlossen im "Dunkelarrest für Unteroffiziere" und sinnt über
Schicksalstücke voll Weltschmerz nach.
Jetzt sitzt er für eine hübsche Zeit im Zuchthause und sucht Licht und
Aufklärung in demselben zu verbreiten, ist ein belesener Mann und deßhalb
ein Nebenbuhler seines Tischgenossen, des vielbelesenen Duckmäusers, den er
übrigens in innerster Seele anwidert.
Der Duckmäuser ist in seinen schlimmsten Stunden doch noch zehnmal mehr
werth gewesen, als der grundliederliche Exfourier im Schlafe und während
jener den Beifall der Beamten, Aufseher und bessern Kameraden erstrebt,
will dieser Alle sich gleich machen und dabei doch über Alle herrschen.
Der Ehrgeiz verwirrt Staaten und Zuchthäuser, der Mensch mit seinen
Leidenschaften bleibt überall derselbe, wenn nicht die übernatürliche Weihe
der Religion sein Wesen allmählig veredelt.
Von einer derartigen Veredlung weiß der Exfourier mit seinen Kameraden
wenig, denn alle sind Kinder des 19. Jahrhunderts, Alle haben den Jugend-
Glauben verloren und ein langes Sündenleben, oft in Verbindung mit
mangelhaftem Religionsunterrichte hat ihre Gemüther verwildert und
verkehrt.
"Die Mehlsuppe ist mir lieber als die Predigt, welche heute der Pfarrer
wieder auftischen wird!" sagt Einer, nachdem das:
"Stille, Stille!"
des Aufsehers den Redefluß des Exfouriers für eine Weile unterbrochen hat.
"Im Krankenzimmer ist's schändlich langweilig, die paar alten Schunken,
welche droben herumfahren, habe ich schon vorigen Sommer gelesen, auch ist
jetzt wieder der Teufel los, man kann deshalb nicht einmal ein Stück
Schwarzbrod hinaufschmuggeln und der Doktor bringt Einen mit seiner Diät
und Viertelskost fast zum Verhungern. Aber ich wäre doch froh, wenn ich
wieder einige Tage droben sein könnte, um der Abwechslung willen und um aus
der leidigen Kirche bleiben zu können!" murmelt der Exfourier.
"Krankenstock? he, he, he! ... Gutes Essen, Ausruhen, keine Grobheiten, he,
he, he! ... Ich weiß, wie man Doktoren auch im Zuchthause über den Löffel
barbirt, he, he, he!" schmunzelt der schielende Kilian und schaut
bedeutungsvoll mit einem Auge zur Stubendecke, mit dem andern zum Fenster
hinaus!
"Sag's, wir verrathen Dich nicht! ... Der Kilian ist lange in Frankreich
gesessen, er weiß Alles! ... Der Kilian kommt zur Krankenkost wenn es ihm
beliebt."
"Kilian, sage mir ein Mittel!" fleht der Exfourier.
"Was krieg ich, he, he, he?"
"Fünf Päcklein Schick, wenns probat ist!" meint der Duckmäuser.
"Zehn Päcklein!" bietet der Exfourier.
"Zehn Päcklein und fünf Portionen Fleisch!" steigert das Affengesicht.
"Zehn Päcklein Schick und zehn Portionen Fleisch, wer bietet?" entscheidet
der Kilian.
"Ich, es gilt, topp!"--Der Exfourier hat es, geht mit dem Kilian hinaus und
kehrt nach einer Minute mit der Miene eines Menschen zurück, der ein
freudebringendes Geheimniß erfahren.
"Der Kilian ist ein durchtriebener Franzose, er hat mich angeschmiert und
wieder einen dummen Witz gerissen, aber ich liebe den Witz und dieser ist
so dumm, daß ich gern zehn Fleischportionen opfere!" versichert der
Exfourier der ganzen Tischgesellschaft.
Diese Versicherung ist eine vom Kilian ausbedungene Lüge. Er gab dem
Exfourier ein probates Mittel an, um nach Belieben Geschwulsten zu erzeugen
und das Gesicht in wenigen Stunden unkenntlich zu machen. Am Tische sitzt
kein Verräther, dies wissen die Akkordanten, aber sie wollen Nutzen aus dem
Geheimnisse ziehen, jeden Verdacht vermeiden und deßhalb hat der Exfourier
auch "auf Ehre" schwören müssen, in den nächsten vier Wochen noch keinen
Gebrauch von der Sache zu machen.
"Gebet!" ruft der Aufseher.
Die Aufseher legen ihre Schüsselpyramiden weg, alle Gefangenen erheben sich
und verstummen, der Zuckerhannes betet ein zweites Vaterunser, dann wird es
lebhafter und lauter als je, 10 Aufseher würden 60 bis 70 Esser dieses
Saales nicht vollkommen im Zaum halten können.
"Was hat denn der drüben gemacht, der mit dem Hasenmaul und der rothen
Nase, he?" schreit der Zuckerhannes zu einem andern Tische hinüber.
"Ein altes Weib ausgeplündert und alsdann ins Kamin gehängt! ... Nein,
einem Kleiderkasten das Gehirn eingeschlagen! ... Einem liederlichen
Amtmann das Genick gebrochen!" rufen Einige herüber.
Der Rothnasige mit dem Hasenmaule hat Alles gehört, das Gelächter ärgert
ihn, er kommt zum Zuckerhannes und sagt zitternd vor Zorn:
"Vefluchter kropfiger, hinkender Halunke, was geht es Dich an, was ich
machte? Ich bin kein so schlechter Kerl wie Du, wenn Du mich nicht gehen
läßt, werde ich den Weg auf die Verwaltung finden!"
"Hier sind Alle gleich, es gibt keinen Unterschied!" bemerkt der Exfourier.
"Hör, Du, Hasengosche, fährt der Mordbrenner auf, wenn Du Etwas anzeigst,
dann nimm Dich vor mir in Acht! ... Ich frage den Teufel nach dem
Verwalter, Zwangstuhl und schwarzem Loch und an _dem_ Tische, wo ich sitze,
muß Freiheit sein. Der Zuckerhannes sitzt aber da!"
"Ein schlechter Kerl bist Du, man sieht es Dir an und was Du gethan, ist
Eins!" meint der Zuckerhannes, der sich vom ersten Schrecken erholt hat.
"Der Teufel hat mit der wüstesten, ältesten Hexe in der Mainacht das
Hasenmaul fabrizirt!" lacht der Exfourier.
"Beleidiget und quält Euch doch nicht selbst, ihr Narren!" erinnert der
Duckmäuser.
"Ihr alle seid Spitzbuben, wie Ihr da hockt, aber ich bin unschuldig
hergekommen, Gott weiß es und wird meine Ankläger, Zeugen und Richter
finden."
"Packe Dich oder ich haue Dich viereckig!" droht der Mordbrenner.
"Bst, der Aufseher kommt!"
Richtig, er kommt, das unerfahrene, arme Hasenmaul wendet sich an ihn und
erzählt ihm Alles, der Aufseher verspricht, Alles zu melden. Er wird es
thun, Alle werden für den Zuckerhannes und den Mordbrenner reden, diese
werden dann Alles rundweg läugnen und dennoch bestraft werden, aber das
Hasenmaul wird Alles bitterlich bereuen und sich in diesem Punkte gründlich
bessern.--
Wiederum ruft das Glöcklein zur Arbeit, der Abmarsch beginnt, die
Speisesäle leeren sich rasch und nach wenigen Minuten steht jeder wieder
bei seiner Arbeit.
Der Zuckerhannes hobelt rüstig darauf los, er ist im Zuchthause kein
heuriges Häslein mehr und weiß seine Zeit so einzutheilen, daß er stets
bequem mit seinem Tagwerke fertig wird, ohne sich sonderlich zu beeilen
oder anzustrengen, bis jetzt hat er an der Morgenportion noch wenig
verfertiget.
Eine der schwierigsten Aufgaben der Gefängnißbeamten, Erhaltung eines
lohnenden Gewerbsbetriebes, Vertheilung der Arbeitskräfte und Heranbildung
von Arbeitern ist in dieser Anstalt so gut gelöst, als die zahlreichen
Schwierigkeiten von Außen und Innen, Oben und Unten es erlauben.
Der Zuckerhannes hätte ein Handwerk erlernen können, aber er mochte nicht
und unterzog sich der schweren Arbeit des Daubenfügens, welche wenig
Geschicklichkeit, doch Armschmalz genug erfordert; er wäre im Stande ein
doppeltes Tagwerk zu liefern und seinen Lohn zu erhöhen, aber er that dies
nur im Anfange und arbeitet seit langer Zeit gerade was er muß, denn
erstens hat der Staat nicht den Fesenmichel, sondern ihn bestraft und keine
Macht der Welt wäre im Stande, ihn von der Gerechtigkeit seiner Strafe zu
überzeugen, folglich will er einem so ungerechten Staate auch so wenig als
möglich nützen. Zweitens erhalten die Gefangenen ohne doppeltes Tagwerk
Schnupftaback, diesen mächtigen Beweger eines Sträflingsgemüthes und Butter
tauscht unser Held für manche Fleischportion ein.
Er thut somit gemächlich, schaut von Zeit zu Zeit nach dem Ofen und
plaudert bisweilen mit seinem Nachbarn und frühern Todfeinde, dem Bläsi,
welcher als Oberknecht des Moosbauern ihm so vieles Herzeleid bereitete.
Bläsi ist wegen unvorsätzlicher Tödtung bei Raufhändeln auf einem Tanzboden
zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, die Strafe hat seinen
Hochmuth furchtbar erschüttert, doch nicht gebrochen, sondern gegen Gott
und Welt, Gesetze und Menschen gekehrt.
Er hält seine Strafe lediglich für ein unverdientes Unglück, bleibt zu
stolz, sich zu Gott zu erheben oder zu den Spitzbuben herabzusteigen, die
Meinung der Menschen galt ihm stets als höchstes Gesetz, jetzt ist er in
dieser Meinung tief gesunken und hierin liegt das Wehe, welches sein
Innerstes beständig durchwühlt.
Der Zuckerhannes hat die Lehre des Spaniolen, Verbrecher seien Helden der
Menschheit und Martyrer der großen Zukunft, niemals vergessen, das Leben
unter Sträflingen und das tägliche Anhören ihrer Geschichten hat ihn gegen
Verbrechen abgestumpft und für die Leidensgenossen eingenommen.
Gutmüthig ist er dem Bläsi entgegengekommen, hat alle Unbilden vergessen,
ist unfähig, den Einfluß zu berechnen, welchen dieser Mensch auf sein
Schicksal ausübte und hat demselben den Vorfall mit dem Hasenmaul während
des Morgenessens erzählt.
Bläsi befindet sich kaum ein Vierteljahr in der Anstalt, gibt mit Herz und
Mund dem Hasenmaul Recht, insofern dieser seine Ehre wahren wollte, aber
das Anzeigen desselben findet er nicht schön.
"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes.
"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und
entleiden, ohne daß Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu
verhindern vermögen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer
dem Andern anthun, ohne dafür bestraft zu werden!" philosophirt der
Neuling.
"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlägt oder sogar todt sticht,
was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thäters? Gewiß
nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere
gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon weiß ich ein
Exempel zu erzählen. Ich lag noch keine zehn Nächte im Schlafsaale, da sah
ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf
einmal auslöschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohsäcken auf einmal
aufsprangen und einem Schläfer, der so wenig als ich und Andere an etwas
Böses gedacht hatte, schnell den Bettteppich über den Kopf zogen. Dann
hämmerten sie aus allen Kräften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und
Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der
ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag fürchtete. Die Wache
machte Lärm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne
ausgelöscht war, erkannten sie keinen Thäter und ehe die vielen Riegel und
das schwere Schloß geöffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme
des Geschlagenen so ruhig und schön da, als ob sie kein Wässerlein getrübt
hätten! ... Der arme Teufel stöhnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen,
kannte auch die Thäter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und
weißt warum? Gerade weil er für einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute
Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und
Keiner konnte gehörig bestraft werden ... Ich für meine Person thue dem
Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen,
aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat
er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der
Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens muß Ordnung unter den
Sträflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht
droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich
doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!"
"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmäuser, der mit seiner
Leimpfanne beim Vorübergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht,
denn die Herren und Aufseher können nur Weniges verhindern und nur mit
Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn
sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht
es bei diesem und Andern böses Blut!"
"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen
nicht, weil sie ihm nichts beweisen können, dann macht es auch böses Blut.
Sie mögen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben
Feinde und Lästerer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hüten und zu quälen,
das vergißt ihnen der dümmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll,
weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen kränken,
bestehlen, mißhandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller,
gutmüthiger Riese.
"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.
"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt
ihm, das Gespräch wird fortgesetzt.
"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter
kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich
heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an
seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das
ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und
kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen
verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es
absichtlich gethan hat!" erzählt Einer.
"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom
Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der
Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich
aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den
Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche
herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit
nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.
"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim
Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er
der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell,
die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt
oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum
zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja
die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein
und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual
wird!" meint der Duckmäuser.
"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken über den
Großherzog, den er doch gar nicht näher kennt und der ihm gewiß noch nichts
zu Leide gethan, die gröbsten Schimpfreden ausgestoßen und thut es noch,
wenn er nicht gerade schläft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem
geringsten Aufseher wie ein Hund herum und ließe sich eher kreuzigen, bevor
er ein Wort gegen den Verwalter spräche!" grollt der Bläsi.
"Wir wollen wieder hinab, man weiß nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er
Viele auf unserm Rathhause hört oder sieht, muß es der Werkmeister
entgelten!"
"Gerade deßhalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thüre.
Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode ärgern! ...
Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst
verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der
Mordbrenner und bleibt, während unsere Bekannten gehen.
Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestörten Fortgang, an fleißigen
Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde
tadeln können, daß man sich zuweilen eine Minute erholt?
"Weißt was Neues, Hans?" zischt der einäugige Stoffel, der als Hausschänzer
mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspäne für die Küche sammelt, dem
hobelnden Zuckerhannes zu.
"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklärtes
Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig.
"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind
schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, daß hättest Du
nicht geglaubt?"
Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung
vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glück der Beiden macht ihn traurig,
doch sammelt er sich rasch:
"Dem Jost gönne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder,
aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin
doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit
gemacht und weßhalb läßt man mich verschmachten? Der Teufel hole die
Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu quälen!" seufzt unser Held
finster und mißmuthig und läßt den Hobel ruhen.
In fünf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die
Aergsten gönnen es dem Jost, die Besten mißgönnen es dem Zweiten und Allen
thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein.
Wie schwer erträgt es der Mensch, daß ein Mitmensch glücklicher wird als er
selbst!--In einem Augenblicke verminderten Lärmes dringt Weinen und
Schluchzen in die Werkstätte herein.
"Was ist das für ein Geheule?" forscht der Werkmeister.
Der Aufseher geht und kehrt zurück, indem er das Affengesicht vor sich
hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht ächzt und weint kläglich
und schneidet eine Jammermiene dazu, daß selbst die traurigsten stillsten
Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten müssen, der Aufseher sammt
Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand
vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben?
Das Affengesicht klagt oft über Rückenwehe und Mattigkeit, hat sich heute
zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins
Krankenzimmer gesprochen worden.
"Was liegt daran, ob ein Zuchthäusler abfährt? So wenig als wenn draußen
ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth
bezüchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor
keine dreimal in den Sälen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser
Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner können feinen Staub schlucken
sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor
zumuthen, wöchentlich in den heißesten Monden für ein Bad zu sorgen? ...
Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr
brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins
Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindsüchtig
wird, trägt der Doktor erst darauf an, daß er auf Genesung entlassen werde,
wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab!
... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu
melden! ... Ich hätte dem Doktor die Guttere längst an den Schädel
geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen,
Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden.
"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob
_er_ die Kost und Medizinen für uns bezahlen müsse! ... Der junge hat mir
Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht
besser würde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern
Bärenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah
ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen
Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel muß im
Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich möchte gerade da
umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von
Neuem auf.
"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!"
droht der Aufseher.
"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn.
"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklärt Jener.
Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere
Flüche und Verwünschungen leise vor sich hin.
"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmäuser wehmüthig.
"Man erfährt und erlebt das schändlichste Unrecht und soll dadurch vor dem
Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes.
Während der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die
Hofwache vom Gitterfenster ins Gewölbe herab:
"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!"
"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerührt!" prophezeit der
Bläsi.
"Die Sache wird nicht arg werden!" tröstet der Duckmäuser, der von der
Hobelbank unter dem Vorwande, eine Säge zu holen, herüber gesprungen ist.
"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu
arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort.
Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefängnißhof herab, ein
naßkalter Wind streicht von den Bergen herüber und über die Gefängnißmauern
herein tönt dumpfes Trommeln.
Trübes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie
herber an ihre Entbehrungen und an die Genüsse der Freien erinnert.
Unstreitig ist die Aussicht, einen schönen Frühlingstag in einem schwarzen
Loche zubringen zu müssen, herber als die, welche unser Held gegenwärtig
vor sich hat.
Gleichmüthig, gähnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande
führt.
Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er
zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann
erfährt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzückt, im
zweiten zu Boden schlägt.
Drüben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base
vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden
vermacht.
"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde
Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus
beherbergt Vermögliche nur gegen Vergütung von jährlich 80 fl., der
Zuckerhannes ist zu einer hübschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher
nichts bezahlen können und jetzt werden ihm so viele Abzüge gemacht, daß
ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nämlich
Nichts!
"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, für mich gibts kein Glück
auf der Welt!" stammelt der Arme und weiß vor betäubendem Schrecken kaum,
was er spricht.
Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank
zurück, die Kameraden wundern sich über sein zerstörtes Aussehen, der
Duckmäuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen
Platz verlassen zu können, doch findet er keine Zeit mehr dazu.
Vergeblich redet der Bläsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine
Antwort, fährt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fällt
eine große Thräne auf den Fügebock.
"Wenn mich nur der Teufel nähme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt
dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den
Hobel ingrimmig zu Boden.
"Bst, bst!" warnt der Aufseher.
"Wir bekommen Visite!" murmelt der Bläsi, bückt sich und gibt dem
Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand.
Sobald die Nähe eines Beamten angekündigt wird oder ein solcher in den
Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Sträflinge im Nu ihren Arbeitseifer und
räumen dem _Schweigsysteme_ die Oberherrschaft ein.
Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt,
auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die
Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und
erfahrenen Fachmännern entworfen wurde.
Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden,
aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb
aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum
erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf
wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich
jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden
und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste
verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches
besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig
oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und
Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen
wird.
Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer
Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger
Ersprießliches erzielten.
Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das
Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von
Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen
ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um
das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des
Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und
Bekehrung unzugänglich zu machen.
Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und
jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß
es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer,
stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein
und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen
lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene
System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des
Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer
Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft
nimmermehr zu erreichen vermag.
Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen
der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen
und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling
leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und
der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und
Selbstmörder werde.
Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen
desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die
einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und
reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die
Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen
oder Stockfischen zu werden, _sich selbst zu isoliren_ und weil dies nicht
angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der
Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu
begehen.
Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit
schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen
innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die
Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch
tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten
Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne
gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen,
strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den
meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine
unmögliche Sache.
Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke
Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem
unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet,
schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser,
blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das
undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht
versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen
Gänge des Saales sich hindurchwinden.
Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und
zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die
Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme
hörbar, nämlich die des Werkmeisters.--
Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Sträflingsseele
für einige Minuten zu ausschließlicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte
dies länger dauern als der Besuch währt?
Der Werkmeister übersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und
Spuler können nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden
und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister
ist auch ein Mensch und muß ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn
gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses läßt sich durch keine
Gewalt erzwingen.
Die Erfahrung lehrt, daß Strenge weit größere Unordnungen hervorruft, als
Nachsicht und Güte, und Sträflinge sind im Allgemeinen fügsame, fleißige
Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht.
Trotzige, gefährliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten
in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klügere Mehrzahl für sich
gewinnt. Unter 20 bis 40 Sträflingen den ganzen Tag leben und den
unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist
bald befohlen, aber nicht bald ausgeführt.
Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe übertönt der Lärm jedes laute
Gerede und auf der Seilerei würde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben
durch Grimaßen sich verständigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist
lang, der Meister muß dem Geschäfte nachgehen und steht er vorn, dann
plaudern oder flüstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die
Seiler und ein verständiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur
keine unnützen, verderblichen Gespräche geduldet werden.
Und bei den Holzhackern!
Ein Paar, welches Eine schwere Säge handhabt, deren Krächzen im Bunde mit
dem Schlag der Äxte ein leises Reden selbst für den nahestehenden Aufseher
unhörbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht?
Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch
moralischen Zwang beifügen? Und wozu? Fleißiges Arbeiten beseitigt viel
nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges muß geredet werden.
Lauter donnern die schweren Küferhämmer gegen die hohlen Fässer,
vielstimmiger ächzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger
zischt der Schleifstein, rascher eilen die Sträflinge mit ihren Aufträgen
hin und her und wenn Einer einen nöthigen Gang verschieben kann, verschiebt
er denselben gewiß, bis der Beamte den Rücken kehrt.
Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen
Burschen zu trösten, indem er versichert, Alles für baldige Begnadigung
desselben thun zu wollen, so daß ihm im günstigen Falle immer noch
Erklekliches von der Erbschaft übrig bliebe.
Der Angeredete seufzt tief auf und weint:
"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich für meinen Theil glaube
an kein Glück mehr!"
"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleißig, dann wird noch Alles gut
werden!" tröstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern.
Hannes berichtet dem Bläsi, was der Beamte heute so freundliches geredet,
der nahestehende Räuber hört zu und sagt finster:
"Hans, traue den "Großköpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere
und der dort Einer der Schlimmsten, sonst hätte er sich nicht als
Oberschinder anstellen lassen! ... In _seinen_ Beutel wird er dein Geld
gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!"
"Kannst Recht haben, wer weiß? Unsereiner versteht eben nichts von all den
lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er über das einfältigste
hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht!
... Wäre nur der Spaniol da oder noch besser die ""große Zukunft!""
"B'st, er guckt!" flüstert Einer vom Ofen herüber.
Der Beamte steht beim Duckmäuser und lobt die Arbeiten desselben.
Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies
finden, so muß man in Zuchthäusern nachsuchen, in welches wenige von Natur
beschränkte Menschen kommen, desto häufiger solche, die bei besserer
Erziehung und unter günstigeren Lebensverhältnissen ihrem Vaterlande zur
Ehre und Zierde gereichen würden. Auch der Duckmäuser ist im Zuchthause zu
einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der
es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen
im Stande wäre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die
wohlverdienten Lobsprüche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken
der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgültig hin, aber sie gewähren ihm
einen Schimmer von Glück, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat
ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in
verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestürzt und ein stolzes,
ehrgeiziges Herz schlägt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem
entehrenden Sträflingskittel.
Während der Beamte vom Duckmäuser weggeht, schreit der einäugige Stoffel
ins Gewölbe herab:
"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen
Sträflinge rüsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem
schmucklosen Betsaale zu.
Die vordern Stühle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nämlich
von den rückfälligen Dieben in Beschlag genommen, die übrigen füllen sich
rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich
hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wörtlein zu reden.
So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tödtung
schwer verurtheilt und dadurch schwermüthig geworden ist, denn in ihm
steckt ein ursprünglich edler Kern, er fühlt, Einen mit den schlechtesten
Subjekten zusammenwerfen, heiße so viel, als das bessere Ich desselben zum
Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu
finden, hat der Vollzug ihn zum heißen Feinde der Gesellschaft und zu einem
heißen Anhänger der Ansichten des Spaniolen gemacht.
Er unterhält sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei
alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth
gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt
der Selbsthülfe und Nothwehr und schließt:
"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem
Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedächtniß und Verstand
längst verschlafen hat, Martin war vermöglich und freigebig, allein ein
minderjähriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir
Andern besaßen Alle nichts und so mußte er nothgedrungen _dich_ daran
kriegen!"
"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb
und er hätte sich mit Wenigerem begnügen können. Freilich hat mir der Staat
erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und--"
"Ruhig!" brummt der Bierbaß eines Aufsehers.
Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt
der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflüster
verstummt.
Er verkündiget zunächst, die österliche Zeit sei nahe, er wolle am nächsten
Samstage mit dem Beichthören beginnen und habe vom Erzbischofe besondere
Ermächtigung, auch die schwersten Sünden zu vergeben, ganz natürlich aber
nur unter der Bedingung aufrichtiger Buße und Besserung des Sünders.
Die meisten Gefangenen hören solche Botschaft sehr gleichgültig an, manche
Gesichter verfinstern sich, über mehr als eines fliegt ein Zug bittern
Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise
Bewegung.
"Ich glaube gar, die Schwarzröcke halten uns Alle für schlechter als andere
Leute!" murmelt der Bläsi und schaut ganz verwundert vor sich hin.
"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bäcklein und dem feisten
Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und
hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier.
"Wär' doch ein großer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor
Amt verschwieg!" zischt ein Falschmünzer.
"Der Bischof muß ein rechter Aristokrater sein! ... _Wir_ schwere Sünder?
Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner.
"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst
du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes.
"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flüstert dem
Nachbar ins Ohr, warum, und--
"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche.
"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher.
"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen
Leuteschindern weg bin, dann soll mich--!" murmelt ein kleiner Knirps und
wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche.
Der Geistliche will heute eine kleine Prüfung anstellen, um sich zu
überzeugen, ob die gute Saat, die er treu und emsig gesäet, doch ein
bischen aufgegangen sei. Er hofft wenig, denn die jüngst Angekommenen
wissen gemeiniglich fast nichts von Religion, die Andern besitzen nur
wenige Bücher; Gelegenheit und Zeit mangeln, um auswendig zu lernen oder
nachzudenken und wie Mancher schläft ein in der schwülen Luft des
überfüllten Betsaales, wie mancher schweift mit seinen Gedanken außerhalb
der Gefängnißmauern herum, wie mancher liest während des Unterrichtes ein
wildfremdes Buch oder paßt nur auf, um den Vortrag entstellen, verspotten
und critisiren zu können!--
Zuerst fragt er jetzt nach den 10 Geboten Gottes. Der erste Gefangene
bleibt beim fünften stecken, der Zweite findet das achte nicht, der Dritte
verwechselt Alle, endlich sagt der Vierte sie ordentlich her und fügt auch
kurze befriedigende Erklärungen bei.
Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelächter und nach
Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten.
Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gänzlich, drei Andern nur
verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Sträfling, welcher bei
den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote geläufig her und
Andere müssen dieselben wiederholen.
Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein
Wissen einem vieljährigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als
stiller, eingezogener Sträfling und fleißiger Arbeiter bewährt, eine Klage
wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die
Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Füßen zu stehen, thut er, was Viele
seiner ihm ganz ähnlichen Kameraden ebenfalls thun--er stiehlt eine
Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt,
nämlich ins Zuchthaus zurück.