Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die
Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe
dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern
herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder
in ein besseres Zimmer gesetzt.
Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung
klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und
sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah,
damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.
Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch
nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon
wußte.
Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben
wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.
Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils,
doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an
den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die
meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der
Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil
Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn
Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden
und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf,
wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!
Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution
wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn
er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um
Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen,
schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem
die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst
sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte
sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich
einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte
dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und
stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet
einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und
ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und
ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath,
abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner
Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne
ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in
Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal
mehr aushält als der größte und stärkste Elephant!
Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und
es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte
mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen
hatte.
Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden,
andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind
abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle
genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse
selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl
besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe
herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug
erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und
Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und
freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt
wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte
und Geistliche ihre Schuhlumpen wären!
Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein
hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah
ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein]
bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles,
der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte,
er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.
Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes
Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten
Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten
aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über
meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den
Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die
Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend
Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und
Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal
manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten
hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich
sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn
ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute
recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber
sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen,
daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute
blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten
Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr
durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm
nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein
Hexenmeister bin!
Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken,
steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte,
versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir
ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil
mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig
darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch
keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies
auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am
Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.
Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern
wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig
gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.
Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und
um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst
habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der
Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und
deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir
Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie
nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.
Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich
setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht,
ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu
Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen
und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man
möge mich nur näher betrachten.
"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.--"Käthchen hat ihn mir
draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich
erschrocken.--"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt
der Wirth.--"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!"
Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht
nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.
Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen
beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir
niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.
Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der
Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein
Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich
machte meine Zeit.
Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.
Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines
Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche
liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth
war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in
mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt
heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau
noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in
Frieden ziehen.
Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt
mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine
leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch
nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.
Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte
abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und
machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine
Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3
Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht
gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten
gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!
Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte
sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf
der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der
Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren
bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich
Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.
Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr
vom Spitale, arbeitet!"--"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"--
"Verrichtet leichte Arbeit!"--"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr
eine Gelegenheit zum Verdienen!"--"Suche Er nur eine solche!"--"Ja, was
soll ich jetzt anfangen?"--"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!"
Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als
einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den
Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.
Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht,
hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.
Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen
stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich,
weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich
gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging
wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir
wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem
Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.
Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.
Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich
hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit
dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und
volksfeindlich.
Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht
mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für
jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch,
ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten
und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch.
Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum
Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß,
alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich
an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine
alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im
vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden
Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies
sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz
schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch
aus einem Kreuz ins andere schickt!
Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt,
mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor
und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles
gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch
ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler
ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich
arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath
geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr
1852 jetzt nahe ist!
* * * * *
"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber,
wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige
Streich' gemacht!" meint der Moses.
"Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat _der_ Mensch
ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir
Euern Rücken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.
"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht
darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm;
so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der
Indianer.
"Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen.
Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich
hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!"
grinst das Affengesicht.
Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen.
"Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in
Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur
einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren
zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten
Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue
Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und
was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das
Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb,
Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch
einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine
Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, _daß sie nicht
erdichtet ist_!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit
deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine
_gewöhnliche Zuchthausgeschichte_, wie wir sie von vielen Rückfälligen
vernehmen können!"
"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit
der Stoffel. "Was der Paule von den _alten_ Zuchthäusern erzählte, habe ich
großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern
Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß
die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz
andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich
und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!"
"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer.
"Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht "rapsen." Ich bin arm,
ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer
arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus
ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief
ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen
findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne
Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die
Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!"
belehrt der Stoffel.
"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen?
Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern
beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu
Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern
Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die
Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?" schreit der
Indianer.
"Hu, das ist grausig!--gräßlich!--Lieber todt als in der Zelle!--Man sollte
das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die
Gefangenen im Chorus.
"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der
Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefängnisse sind zwar keine
Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen
der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei
uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!"
"Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?" fragt der
Zuckerhannes.
"Mon Dieu, _du_ Dummkopf gehörst ja selbst dazu!"
"Ich?"
"Ja du!"
"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man
Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!" lacht
der Indianer.
"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon
gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern,
Pfaffen und "Großköpfen" hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen
möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der
Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will
wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt
dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß
brummt!" lacht der Stoffel.
"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von
Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.["]
Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber
verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und
schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe
ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger
Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch
der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es
kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat
mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor
Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das
heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für
gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren!
... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je
nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr
gewesen!"
"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt
Schwabenalter!" lachte der Stoffel.
"%Silence, je vous prie!%" brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal
und spricht mit steigender Aufgeregtheit.
"Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im
Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit,
Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit
eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen
Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth
gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe
betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends
existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und
stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der
Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen
sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem
scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze."
"Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen
seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus,
Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden
heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre
natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der
Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten,
um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein."
"Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in
einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine
usurpatorischen Hände käme!--Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art
Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und
Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre
Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und
Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos
der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten
Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja
gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in
Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger."
"Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes,
welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen
alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten
Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint
wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der
That nur ein französischer See sein würde."
"Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!"--
"Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller
Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen
nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und
Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen
Knechtung und Elend trieb."
"Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die
unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des
Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich
steigert."
"Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse
Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß
gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen
Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und
die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in
welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit
unterjochen oder vernichten wird."
"Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lügen der
Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der
Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das
gegenwärtige Jahrhundert herüber. Große Resultate sind im Gebiete des
Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte
immer zahlreicher die bewußten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren
Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln
oder durch trotziges Weiterkämpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den
Völkern die Augen zu öffnen und im Interesse der großen Zukunft zu wirken.
"Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplänkel zur offenen,
blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner
auch noch in ein anderes Jahrtausend hinüberdröhnen, mag in der
Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hügel von Gebeinen sehen und
sein trübes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den
ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den
zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird?
"Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber
Zehntausende, so werden unsere Enkel im künftigen Jahrtausend jubeln: Die
Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kämpfer des reinen
Menschenthums erwürgt, die Helden desselben dagegen haben den _alten
Menschen überhaupt_ erwürgt und den Muth besessen, auf den Schädelbergen
vernichteter Feinde und gefallener Brüder die Fahne der ewigen,
unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und
religiösen Partheien arbeiten dem nächsten großen Ziele: _der permanenten
Revolution_ in die Hände; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie
sich gegenüberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlägt mein
Herz!"
"Laßt die gegenwärtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mißhandeln,
jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekämpfen, ihre Armeeen von Jahr
zu Jahr vermehren, möglichst viele Proletarier in zweifarbige Röcklein
stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen
das Tedeum dazu plärren und der Pabst den Hokuspokus darüber sprechen--im
Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet,
doch täglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann
entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hält donnernd Gericht über
alle Henkersknechte der Völker!"--
"Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspäne zu
fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren
Bücherwürmern in ihrem Treiben belästiget, dann werden die Erstern
gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als
Rekruten in die Reihen der Armee der großen Zukunft!"
"Diese Armee, Brüder, ist keine Täuschung, kein Wahn, die große Zukunft hat
längst ihre Männer, Helden und Märtyrer--wir selbst gehören dazu, wir Alle,
wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution,
obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich
in Euch steckt."
"Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder
vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, männlicher That und
Euern Brüdern sollt Ihr es verkündigen!"
"Sind wir nicht gefangen?--Gewiß!--Weßhalb?--Weil jeder Bewohner dieses
Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener
Weise übertreten zu haben!--Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa?
%Jamais%, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen
Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt
und Betrug!--Was ist ihr Zweck?--Aufrechthaltung der grundverderbten
bestehenden Zustände. Warum sind diese Zustände grundverderbt?--Weil sie in
der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrückung
derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten
aller Uebrigen fortwährend den Himmel auf Erden bereiten sollen."
"Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustände angreift,
zu verwirren und zu zerstören strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein
thatsächlicher Revolutionär, in den Augen der Nutznießer der gegenwärtigen
Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein
strafwürdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brüder Augen dagegen ein
bewußtloser oder bewußter Streiter, Märtyrer und Held der großen Zukunft,
der nicht blos für sich handelt, sondern zugleich für die Idee des reinen,
freien, vollen Menschenthums, für das Menschengeschlecht überhaupt!"
"Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten
Einklange ständen, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich
der Fall ist, wüßte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch
von politischen, man wüßte nichts von Fürsten, Soldaten, Polizeidienern,
Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefängnissen und eine Revolution wäre
unmöglich, weil kein Grund für sie vorhanden läge."
"Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegenträume der
Religionen aller Völker, würde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine
andere bessere Menschheit beglücken, welche lebt, um zu leben und so spät
als möglich, gesättigt von holden Genüssen den Einzelnen dem Todesschlafe
übergibt."
"Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt,
aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an
die große Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine
himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!"
"Der Spaniol schwieg erschöpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und
Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprüche einiger
Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener
Seligkeit sogar, welche das Bewußtsein gewährt, eine gute That vollbracht
zu haben.
"S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar
nicht weiß, wozu man in der Welt da ist!" seufzt der Zuckerhannes.
"Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei
uns ist; du könntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein
dummer Schwarzwälder und einfältiger Roßbube wärest!" bemerkt Martin, der
Schlosserlehrling.
"Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und
alle Bücher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen
lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern
hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und weiß Gott was
besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen dürfen. Bei mir ist dies
anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem
jünger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt
und wirst freigesprochen!" entschuldigte sich der Zuckerhannes.
"Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so muß man ihn
Musje Genie taufen! ... Nur Schade, daß ein solcher Mann auch den Husten
bekommt und von den Flöhen gebissen wird wie Andere! ... Er hätte wohl bis
Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfängt, hört
er nicht mehr auf und wir spüren weder Flöhe, Wanzen noch Schlaf!"
"Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bändigen Bestien und
machen Bileams Esel gesprächig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf,
Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft."
"Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder
zu hoch, aber schön ist sie gewesen, das muß ich unserm Zimmercommandanten
lassen!" sagt der alte Paul.
"Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl
verstehn, daß Beschummle ist keine Sünde und unverlorne Sache finden, kein
Verbrechen? Auf Deutsch: Betrügen ist eine Tugend und lange Finger sind ein
Verdienst, weil der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für die
Menschheit betrügt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche
Mehrzahl beschädiget und für die große Zukunft gearbeitet wird!" belehrt
der Mauschel den Paule.
"Es geht doch nichts über einen Juden, der dümmste ist gescheidter als zehn
Christen!" lacht der Spaniol.
"Wenn man in der "großen Zukunft" sich mit Jeder einen Spaß machen darf,
die Einem gefällt, dann gehöre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen
mit Leib und Seele an!" versichert das Affengesicht.
"Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht,
Polizeistaat und Budget geredet?" gähnt das schlaftrunkene Murmelthier.
Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber
schreit:
"Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein
Invalide der großen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer
neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?"
"Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll
ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!" läßt sich der
redselige Spaniol vernehmen.
"Jetzt!--Gleich!--Wir hören!--%En avant!%--Stille!" schreien die
Gefangenen, der Spaniol räuspert sich wiederum und spricht nach kurzem
Besinnen:
"Vor Allem verwahre ich mich dagegen, daß unser Murmelthier etwas Besseres
oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines,
sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen
Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen
Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und
politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das
Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne
Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von
Verbrechern kämpfen für Eine große Sache lediglich auf verschiedene
Weisen."
"Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine
Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen,
politische Körper zerstören zu helfen, dagegen verhältnißmäßig Wenige den
Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des
verkehrten Staatswesens zu rächen, lassen sich die kleinen Unterschiede
zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die
Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brüder erkennen und die
Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte
Menschheit als Notwendigkeit erkennen.
Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses
Verfahren Gesetzmäßigkeit getauft, im Wachsen der revolutionären Bewegung
werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine
Verbrecher bei Ausübung ihrer Thaten die politische Farbe des
Anzugreifenden mehr und mehr berücksichtigen."
"Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner
seien in Einzelnen ihrer Anhänger auch angegriffen, wird ein
constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein
demokratischer Straßenräuber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der
Aristokraten beschädigen und mit jeder für ihn vortheilhaften Unternehmung
zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!"
"Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der großen Zukunft!"
"Ihr werdet nun einsehen, daß kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei
als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns
Allen gleich."
"Ein Betrüger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschäftchen
macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon
weiß, daß wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name
ihres Eigentümers steht, ein Falschmünzer, welcher nicht absieht, weßhalb
nur die Reichsten Geld schlagen dürfen, diese Leute bilden bis zur Stunde
die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern."
"Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hieße man sie
_Privatverbrecher_, dann wäre der Ausdruck sachgemäßer, obwohl noch immer
unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich
Staatsmenschen wären. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und für oder
gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine
eigene Person bekümmert."
"Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwüstliche Armee
der großen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Märtyrer der
geknechteten Menschheit."
"Wer in Noth geräth, fordert sein Ureigenthum zurück und begeht gegenwärtig
Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in
seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, weist den Angriff ab, so gut er
kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Früchten der
elenden gesellschaftlichen Zustände ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als
Gattungsmensch etwa so gerne ausübt, wie unser Affengesicht, kann wegen
Nothzucht ins Unglück hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk
abbrennen zu sehen, zündet seine Hütte oder die eines Andern an und erhält
die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!"--
"Brüder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die
jährlich für Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten
müssen, aber das Herz hüpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze
und alle Strenge die Armee der großen Zukunft eher reicher an Rekruten, als
ärmer an Soldaten gemacht haben und täglich mehr machen."
"Sie führt einen tausendjährigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit
unserer Zustände, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede
gewesen, niemals haben die Unterdrückten aufgehört gegen ihre Unterdrücker
zu kämpfen und wie unverwüstlich, wie wunderbar ist diese Armee!"
"Sie ist überall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der
verderbten Gesellschaft seine Kriegserklärung entgegen, kämpft auf eigene
Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen muß die Gesellschaft
einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock,
Gefängniß und Schwerdt führen! Die Streiter der großen Zukunft beschädigten
und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden für lange Zeit oder
für immer entwaffnet und dennoch wächst ihre Zahl, als ob aus jedem
Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstünde!"
"In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen
mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf
erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus für diese Gegend
die Kaserne und das Werbdepot der großen Zukunft."
"Im kleinen Baden gibt es über 60 solcher Häuser, die großen Kasernen,
nämlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mögen einige
Hunderte Tag für Tag sitzen, Tag für Tag gehen Leute ab und zu und im
Ganzen mag die Zahl der stehenden und rührigen Heeresabtheilung, welche
dieses Ländchen der Armee der großen Zukunft liefert, wohl einige Tausende
betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft
mit nicht strafbaren Waffen angreifen."
"Wie bei uns, also ist's überall und große Länder, wie Preußen,
Oesterreich, Frankreich, England und Rußland mögen wohl Tag für Tag eine
ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefängnissen beherbergen
und mit einer noch zahlreichern im unaufhörlichen, ermüdenden Kampfe sein!"
"Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen
zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen
Kampfe; was viele Staatsmänner im Straf- und Gefängnißwesen leisteten, hat
bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den
Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen
Beifall genickt, gleichsam als ob es fühle, der Krieg gegen Verbrecher sei
ein Krieg gegen das Volk!"--
"Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der großen Zukunft sichtbar
schwächten, entnervten und verminderten: _Vernichtung oder Verdummung der
Verbrecher_. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste
des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so daß dieselben für die alte
Gesellschaft und deren Religion geködert werden, findet nur in
Zellengefängnissen statt, doch glücklicherweise blind gegen den eigenen
Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere
Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Mißgriffe und
Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind
mit dem Bade ausgeschüttet!"--
"Denkt, daß von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche
Keinem und Jedem angehört, nur fünf Millionen in dieser Stunde mit uns
durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drängern
fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun
frage ich Euch, Brüder: Muß Einem das Herz nicht höher schlagen, wenn er
dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehört? ... Muß nicht ewiger,
unversöhnlicher Haß die Brust eines freien Mannes erfüllen beim Anblicke
der zahllosen Opfer, welche täglich und zwar seit Jahrtausenden täglich dem
Götzen Gesetz und dem großen Betrüger Wahn geopfert und geschlachtet
werden? ... Thränen, Seufzer, Weheklagen und Blutbäche unterdrückter
Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine
Handvoll schlauer Unterdrücker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf
Erden, aber es soll und wird und muß Eine geben und ihr Spruch heißt: Tod
den Unterdrückern, die noch leben, Haß und Fluch denen, die mit ihren
Opfern Staub geworden!--Wäre Gott kein leerer Name und der Himmel kein
Mährchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten,
so müßte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Größe und sein Himmel nicht
für das Volk eingerichtet sein, deßhalb Haß und Hohn Gott und Himmel!"--
"Brüder, Ihr hört, daß ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in
solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine
Leidensgefährten, ihr verkannten und mißhandelten Söhne des Volkes, Ihr
werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwören, feierlich schwören
heißen, unversöhnlichen Haß aller--."
Der Einäugige lacht in diesem Augenblicke unbändig auf.
"Weßhalb lachen, Du altes Märzenkalb?" fragt der Zuckerhannes mit einer
Stimme, welche verräth, daß er vor Rührung dem Weinen sehr nahe gestanden.
"Ho s' ist auch zum Lachen!" brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls.
"Die Millionenkränk sollst Du kriegen, Spaniol!" schreit der alte Paul und
lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben.
"%Mon Dieu%, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen
Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wüßte nicht!" sagt der Spaniol
kleinlaut und ärgerlich.
"Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid
ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir
seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest,
jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hölle gebe?
--Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil
bringt und keine Strafe weder da noch dort?" fragt der Indianer.
"Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr
Denken die Gottesbegriffe ja erst allmählig hervorbrachte und finde Himmel
oder Hölle allein in der Brust der Menschen. Doch schwören kann ich so gut
als ein Anderer, blos daß ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwöre!" ruft
der Spaniol unwillig.
"Mußt zuerst beweisen, daß Du Ehre im Leib hast!" schreit der Stoffel.
"Jedenfalls mehr als Du, einäugiger Spitzbube!" erwiedert der empörte
Zimmerkommandant.
"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft,
hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heißen
und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir
freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel
mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die
Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er
hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man
nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!" ereifert sich
der Einäugige.
"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder
Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch,
aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein
Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20
recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele
gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind
als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte,
bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser
gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" läßt
sich der Paule vernehmen.
"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!" brummt der Spaniol.
"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran
doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung,
ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein
besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es
auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich
gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins
Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf
Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!" eifert der Indianer.
"Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt.
Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern
herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und
die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die
Beweise?" bemerkt das Affengesicht.
"Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und
wir stehen wieder--."
"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.
"Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein
Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da
meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom
nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein,
der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes
macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!--Es gibt
einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten,
wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und
thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich
angethan wurde!" predigt der Indianer.
"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne
und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib
beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen
anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht
der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem
Musje Baboeuf als dem _französischen Christus_ redete. In Spanien traf den
"schönen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach
jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe
doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland
aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré
formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte,
um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung
weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal
und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und
mit den Zähnen klappert."
"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich,
aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in
Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus
allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie
fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken
stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden
zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir
ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten,
richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr
gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden
so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft
dalagen!"--erzählt der alte Paul.
"Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und
keine leere Erfindung der Gelehrten!" fällt der Stoffel ein.
"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das
einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet,
der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende
doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."--
"Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der
Schlosserlehrling den Indianer.
"Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von
Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten
soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als
sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und
Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er
die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein
Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend
der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus
meiner Erfahrung."
"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch
oft reden gehört habe, wie ist's _Dem_ ergangen? Am Ende schlimmer als mir,
weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen,
welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er
denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft
herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum
Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!" meint der
Paul.
"Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und
hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's,
daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid
Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus
der Uebung komme und morgen wird Eine über die "Bornirtheit des heutigen
Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.
"Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen
versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer
erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem
leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.
Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der
Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in
einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den
Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze
Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an
und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis
gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben
dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und
denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten
hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben
und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben.
Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt
sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage
zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen
Schlafgemach angewiesen habe.
Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge
als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet,
bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um
eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch
zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz
herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein,
erhebt den Säbel und--die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt
mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm
nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld
ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen.
Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt
gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit--
der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat
voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.
Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben
auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten,
allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder
fröhlich sein können.--
Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und
gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen,
die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht
Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der
Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu
verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen
durch die Frage:
"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott
nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat
diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That
des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen
aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist
dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen
sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und
dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"
Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht
liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu
beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei
demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr
oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch
mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in
ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.
Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls
abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm
berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft
sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen,
dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.
"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in
ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt:
"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses
Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz
dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel
niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen
wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen
Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte,
dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?
"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen
Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker,
großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein
nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen
Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der
Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind,
betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht."
"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel
besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das
freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat
es ergriffen, auf den Arm gehoben und--in den tiefen Rhein hinein geworfen
und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"--
"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre
ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus
dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn
der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der
Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich
gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie
sich dieselbe begeben."
"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser
bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch
Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre
von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim
Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde
Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm
ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt,
geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während
desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne
sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und
der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt.
Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht
leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und
Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem
Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat
mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen
verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft,
ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute
Schäflein!"
Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand großen Beifall und selbst
der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen,
doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von
vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den
geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem
Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart.--
Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des
Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder
doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die
Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu
verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich
gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und
Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.
Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem
Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen
Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr
als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen
einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der
Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den
eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers,
das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das
Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die
tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die
Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr
durchzogen.
Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines
trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte
beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding
auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute
von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde.
Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an
ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die
Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn
Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches
sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es
wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom
Staate zu emancipiren.
Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf,
reibt mit den Fingern den Grundbaß zur "deutschen Marseillaise," welche der
Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt:
Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will,
Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.
Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im
Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und
nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der
Schlosserlehrling:
"Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im
Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe,
wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und
einem Gottesdienste beiwohnen könnte!"
"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht
einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!"
meint der Paule.
"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!" seufzt der
Zuckerhannes.
"Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann
könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der
Einäugige.
"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes.
"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!"
prophezeit Jener.
"Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch
wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die
"Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern
geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer.
"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt
noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese
halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der
Spaniol.
"Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion
heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es
selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein
Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. _Der_ wird den
Zuchthäuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart.
"Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fährt
fort:
"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen
und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter
Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur
auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so
nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn
es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie
nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt
Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die
Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit?
Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist
geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen
Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt
wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben,
es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten
Kerkermeister fragen!"
"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom
Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger
niemals oder selten denken!"--schreien die Gefangenen.
"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte
Paul.
"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je
einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch
übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der
Moses.
"Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der
Spaniol.
"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer
Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran,
Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des
armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk
hält und dieses verspottet sieht.
Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das
Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint:
"Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters
doch ein paar Stunden täglich lesen!"
"Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein,
Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wünscht das Affengesicht.
"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und
bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit
uns macht man, was man will!" klagt der Paul.
"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen
annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls
so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!"
sagt der Zuckerhannes.
"Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn
Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch
keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einäugige.
"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden,
aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld
wie Heu bekomme!" lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.
"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in
einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch
reich werden!" spottet der Indianer.
"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit,
das ist gewiß!" versichert der Spaniol sehr bestimmt.
"Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.
"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird
jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer
Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt,
welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt
des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum
gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen
können, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul.
"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens
einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau
anlaufen!" lacht der Indianer.
"Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20
hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr
ernst.
"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen
Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich
nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes.
"Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du
mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu
wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.
In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines
Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister
steht auf der Schwelle:
"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!"
"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den
Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol.
"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, _der_ ist Euch schön
durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht.
"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann
erträglicher!" spottet der Einäugige.
Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und
Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des
Zimmercommandanten, fährt mit dem "Gesellschaftskamm" des
Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem
Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.
Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und
lachen alsdann laut.
Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden.
Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten,
welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide
verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt
werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der
Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein--dieses sind
Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet
werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die
Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige
Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen
und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer
Tugenden zu sein pflegen.
Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus
tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.
Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche
Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme
Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam
entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem
Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:
"Hans, Ihr seid frei!"
Frei!--dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die
Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die
liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath.
Frei!--Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem
Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu
versichern, von keinem Traume geäfft zu werden.
Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet
einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende
Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er
dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über
seine verblichenen Wangen.
"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?"
"Nein!"
"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor
aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!"
Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er
nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und
Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.
Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des
Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur
Stunde auch im Kerker gültig sei.
Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller
Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein
gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht
haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge.
Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm
vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er
Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.
Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch
die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen
Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen,
er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum
ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an
ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung,
Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf
berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine
Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "weßhalb er diesmal dem Zuchthause
entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in
welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des
Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des
Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen
Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann
wieder vor sich hin.
Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den
Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul,
seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren
zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen
wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden,
küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.
Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod
hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker
herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch:
"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du
habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger
Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ...
Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["]
Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag,
daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi
eine Silbe erwiedert zu haben.
"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!" ruft der
Knecht ihm nach.
Er hört nicht darauf.
"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern
eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren
mußt!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von
Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit
diesem unter Einem Dache leben müßten.
Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind
freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr.
Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach
von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen
Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum
Gefängniß.
Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten
Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen.
"_Diesem_ soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwärter und schüttelt
den Kopf.
"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das
Geld schuldig! ... Behüte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum
halbgeöffneten Thore hinaus.
"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den
Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das
mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt
in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt.
#DER ZUCKERHANNES WANDERT FORT UND VERLIERT SICH SELBST#
Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine
glänzende Silberbrücke über den Untersee. Schwül und heiß war der Tag,
Alles freut sich der Kühle, welche der Abend brachte und während die Jungen
des Dorfes scherzend und lachend in Rädchen stehen oder Arm in Arm singend
durch die Gassen ziehen, sitzen die ältern Leute mit müden Gliedern und
ruhigem Herzen meist noch auf den Bänkchen vor ihren Häusern im traulichen
Gespräche.
Vor einem der letzten und einsam stehenden Häuschen, dessen weiße Wand
freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine
Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein
Weibsbild und stützt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten
Großvaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der
Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mußte, um einer etwas bequemen
Person einen bequemen Sitz zu bereiten.
Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einförmig
ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das
freudige Quaken der grünen Hüpfer in den vom letzten Regen dagelassenen
Pfützen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stören ihr Nachdenken
und nur wenn Schritte sich nähern, fährt sie empor und späht dem Kommenden
entgegen.
"Er ist's nicht!--der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!"
murmelt die Getäuschte zuweilen ärgerlich und sinkt in die vorige
nachläßige Lage zurück.
Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch-
Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrötig und das keineswegs
häßliche, aber sonnenverbrannte und bereits ältliche Gesicht mahnt durch
einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine
alte Jungfer.
Wir haben in der That eine solche vor uns, nämlich die Emmerenz, deren
Leben bis zum dreißigsten Jahre sehr einförmig sich gestaltete und erst
seit einem halben Jahre reicher geworden ist.
Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder
frühzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte
die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen
Bauernhäusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch
wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen,
ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie
es zunächst zu verdanken, daß die alte Ursula sie zu sich nahm.
Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich
nebelhaften Gründen in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an
Gliederschmerzen, mußte mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett
beständig hüten.
Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und
zanksüchtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht
fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und
derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermöge, während
sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte.
Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre,
erbte vor einem halben Jahre das Häuslein sammt Zubehör der Ursula, sitzt
jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und paßt
nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmöglichst
seinen Namen geben soll.
Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der
Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange
die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Männer zu
schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft.
Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwänzelt der rothe Fritz
um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen förmlichen
Heirathsantrag gemacht, will längstens nach der Erndte als Hausherr ins
Häuslein einziehen und gefällt das Ganze der Emmerenz gar nicht übel.
Hat der Fritz nicht einige prächtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen?
Ist er nicht ein stattlicher, großer Bursche und trägt noch den rothen
Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im
Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe
sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet
hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er
nicht wie ein Roß und könnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die
Emmerenz über alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters
hinwegsähe?
Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schönern
Hälfte des menschlichen Geschlechts niemals wählerisch oder gewissenhaft
gewesen sein, doch in neuerer Zeit läßt sich nichts auf ihn bringen und daß
er ein Knicker und zornmüthiger Bursche ist, gefällt der Sparsamen und
machte nicht bange der gleichmüthigen Erbtochter Ursulas.
Sie würde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine
Art von Vorrecht auf sie gehabt hätte, welchen sie noch vorigen Frühling
fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht haßt und den ihr die Alte
sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig
empfahl.
Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener
Bursche, dessen nicht übles Gesicht durch eine überflüssige Halszierde
widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fuße etwas hinkt.
Wir erkennen in ihm, der große Schweißtropfen mit der breiten,
abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas
einfältig und verlegen aussehenden Emmerenz nähert, den Zuckerhannes.
"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!"
"Hoh,--keucht der Angeredete--der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun,
so eben hab' ich den letzten Wagen voll für heute in die Scheune geführt!
... Hast mir sagen lassen, daß ich Wichtiges vernehmen soll, bin deßhalb
aus allen Kräften hergeeilt und jetzt für einen Augenblick da!"
"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, daß du da
bist, denn einmal müssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten
Winter der Ursula das Leben gerettet, als während meiner Abwesenheit Feuer
in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch
mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"--
"Oh, ich wäre für dich--für Euch durch das höllische Feuer gegangen! ... Es
sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!"
"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu
verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und
verlassener Bursche bist. Ich möchte Wort halten!"--
Ein Zug voll Ueberraschung und Freude überzieht das Gesicht des
Zuckerhannes, er hält beinahe den Athem zurück, um kein Wort der Emmerenz
zu verlieren.
"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich weiß,
daß du auch mich nicht verachtest!"
"Verachten? Was fällt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt
außer Dir? ... Ach, wenn Du wüßtest, wie--"
"Ja, ich weiß es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswörtlein gesagt!"
[gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Bürger wärest, wer weiß,
was dann geschähe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!"
Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit
großen Augen bewegungslos an.
"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Hütte, zwei Prachtkühe, einen
Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein
kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist
grundehrlich, deßhalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler
verlassen und mein--Knecht werden?"
"Dein Knecht?" fährt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen,
senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?"
"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst
Alles mit mir und Alles wird gut werden!"
"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der
Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glück, von welchem er
schon lange heimlich geträumt, der Erfüllung plötzlich nahe stände.
Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurück, richtete die blauen
Augen forschend in das Gesicht des Entzückten und sprach zögernd:
"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht
verübeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute würden mit
Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschähe! ... Hätte ich das
gewollt, so würde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren
Lebzeiten gethan haben! ... Es muß außer dir noch Jemand ins Haus!"
"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ...
Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein
Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes.
"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind für mich zu viel, wenn du's nicht
wärest, nähme ich gar keinen! ... Du hörst ja, daß ich nicht mehr lange
_ledig_ bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt
mich, daß ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht
anders mehr!"
Siedendheiß und eiskalt nach einander überläuft es den Burschen, er zittert
vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre
einstudirten Reden vergessen, weiß nicht, was sie weiter sagen soll, knüpft
den Schurzbändel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen,
plötzlich fährt ihr ein glücklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den
Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig:
"Hannes, hast du Geld?"
"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar
Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe--"
"Wieviel hast du Alles in Allem?"
"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen
Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich
weiß, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!"
Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als kränkend für
den Liebhaber, denn er weiß, daß sie seine Leidenschaft kennt und früher
erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten über die Zunge brachten
und nie im Ernste.
"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut über einen armen Knecht
lachen! ... Was kann ich für meine Armuth?
"Oh, die _reiche_ Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula
noch gewollt, aber an Geld ist die _reiche_ Emmerenz eben auch arm und ohne
Geld... ja ohne Geld ist--Vieles nicht zu machen!"
"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!"
sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig.
"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann muß
ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das
Ortsbürgerrecht kostet ja mehr!"
"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu
nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?"
"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du
so blutjung und ich schon so alt bin!"
"Oh, dann ist Alles gut, man wird täglich älter und mit dem Geld wüßte ich
mir zu helfen!" lächelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem
Beine hüpfend.
Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz.
"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?"
"Schweige doch mit der Lotterie, weißt ja, daß ich nicht gerne davon höre!
... Die Galle läuft mir über, so oft ich daran denke, wie mich der
Spitzbube, der Spaniol, übertölpelt hat! ... Weiß Gott, wo dieser Schuft in
der Welt herumfährt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ...
Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter
Glücksspiel für mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in]
meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller möge ihnen auf der
Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der
Spaniol doch, _den_ hättest du einmal hören sollen und Er ist's, der mir
auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ...
Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs
thun, Geld muß her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz
es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein
Geld zu holen!"
"_Dein_ Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da muß was Sauberes dahinter
stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ...
Du weißt, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe
lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus
einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ...
Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die
Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.]
"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehört das Geld
mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!"
"Ei, weshalb hast du früher nichts davon gesagt? Weßhalb holtest du es
nicht früher? ... Es wäre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ...
Wieviel ist es denn?"
"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden müßte, von denen ich
gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und
ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt muß Geld her, jetzt muß
auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und
mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen
selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spät in der Nacht in deiner Nähe
gewesen, weil ich wußte, daß Einer da aus und eingehe, der mir nicht
gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus.
"Du meinst den rothen Fritz, he?"
"Ja, _den_ mein ich, _der_ ist mir wie Gift und Popperment und hätte ich in
meinem Leben einen Menschen umbringen können, so ists dieser rothe Halunke,
der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spöttisch das
Maul verzieht!"
"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!"
"Aber ich desto mehr wider ihn!"
"Weßhalb denn?"
"O du weißt es, Emmerenz! ... Du weißt es, aber ich wills dir auch noch
sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden
und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes
Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein
Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verübt hätte, was es geben
kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh
als bei den Menschen gelebt und mir fast angewöhnen müssen, in jedem
Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat
bewiesen, daß er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefängniß habe ich
Freunde gefunden, aber sie haben mich nachträglich verrathen und verkauft!
... Im Adler drüben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist
bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister,
Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in
Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich
kennen lernte, wurde es anders, ich hatte für unglücklich mich gehalten und
fühlte mich bald als der Glücklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht
die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was
mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist
unsäglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, für dich sei mir die
Hölle nicht zu heiß und bei dir der Himmel da oben gleichgültig, weil ich
ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders
geworden, neben dem Himmel ist die Hölle mit allen ihren Qualen in mir wach
geworden! ... Mehr als einmal hätte ich den See springen mögen vor Jammer
und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der
leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich weiß nicht was
treiben könnte!"
Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes
angehört, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor
leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie
das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste:
"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott weiß, daß
ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne hätte, denn du bist
rechtschaffen, ehrlich, fleißig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in
meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern muß dem
Verstand das erste Wort gönnen! ... An dir weiß ich nichts auszusetzen, als
daß du für mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz
paßt weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem
hiesigen Orte gebürtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu
nehmen!"
Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die
Hände zittern, das Herz pocht hörbar, doch kein Wort bringt er hervor.
"Wie gesagt, ich nähme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben,
wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld,
woher nehmen und nicht stehlen?"
"Geld und immer und überall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes
in wilder Aufregung und fährt fort: "Müßte ich mich dem Teufel
verschreiben, daß er uns Geld herbeischaffte, ich thäte es, ja ich thäte es
um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nöthig, ich habe dir schon
gesagt, daß es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der
Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist
gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet
und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, daß ich noch jedes Wort
weiß! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe
ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben
und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen
Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug
herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner
Nähe bleiben darf! ... Versprich es!"
"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!"
"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch
einmal die Hand für diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der
tiefsten Verzweiflung.
"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man könnte sich ja schier fürchten und
vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln!
... Es wird kühl und ist Zeit, daher höre, was ich jetzt beschlossen habe:
Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und
zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei
bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen
Worten erhebt sich die Emmerenz, trägt den Polsterstuhl ins Häuslein,
wünscht noch einmal gute Nacht und schließt alsdann die Thüre. Gleich einem
Träumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit
sich selber redend dem Adler zu.
Am nächsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes
fehlt und der Meisterknecht weiß nichts zu sagen, als daß derselbe spät
heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er müsse
auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst
kostete, werde so bald als möglich wieder zurückkehren und wolle gerne
einen Taglöhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit für ihn verrichte.
Wohin er ging und weßhalb, vertraute er keiner Seele an und weil der
Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber
mit sich selber als mit Andern redete, drängte man denselben auch nicht mit
vielen Fragen und ließ ihn gehen.
Bevor wir den nächtlichen Wanderer einholen, müssen wir Manches nachholen.
Wir wissen bereits, daß die Schriften desselben, welche aus der Heimath
gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten.
Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen
Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan
und je mehr er sich der Hoffnung hingab, daß auch für ihn endlich bessere
Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und
Kränkende, welches in dem sichtbar veränderten Benehmen der Hausbewohner
gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines
unerzogenen und mißhandelten Buben, hatte auch hart genug dafür büßen
müssen, um das Ende der Strafen erwarten zu dürfen und weil dieses nunmehr
ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur
für Ungemach und Unglück geboren und für ihn gebe es weder einen
himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen
könne.
Dieser von trüben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden
aufgedrungene Gedanke trägt ungemein viel zur Gleichgültigkeit, zum Zweifel
und oft genug zum Hasse gegen Gott und göttliche Gebote bei, wie ein
vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus
den niedersten und gedrückteren Ständen des Volkes Jeden belehren mag.
Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf
den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht
anvertraut und häufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es
schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen.
Der Bläsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man außer einer stolzen,
heftigen Gemüthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern
Knechte und Mägde auf, daß dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anlaß
mit unverhehlter Geringschätzung und Verachtung betrachteten und mit
offenem Mißtrauen behandelten, um zu bewirken, daß derselbe den Mooshof
bald wieder freiwillig meide.
Solches kränkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und
Quälereien gar nicht aufhörten, er aber jeden Anlaß vermeiden wollte, der
seine Vertreibung fordern und herbeiführen konnte, mied er alle
Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mägde nicht
versäumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen,
hinkenden Schwarzwälders zu erzählen, der hinter irgend einem Zaune
aufgelesen, schon früh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so
weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch außerhalb des
Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die
Kirche die schwerste aller Arbeiten.
Er hielt seine wiehernden und gehörnten Pflegebefohlenen für weit besser
und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der
ernstlich beklagte, daß Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermögen,
so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich
und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und
tausendfarbiger Matten würdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm
ein Spaßvogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine
unglückliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein
wandelndes Fegfeuer, faßte der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum
unvernünftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was
dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hören können,
sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet.
Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er
erzählte dem Vieh von den Thälern und Tannenwäldern des Schwarzwaldes, von
der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm
etwas Widriges begegnet und er erzählte von seinem Wehe und Leid, dann
glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren großen, schwermüthigen Augen
aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brüllte dumpf und
kläglich oder zornig oder der Bleß richtete die hellen, verständigen Augen
mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schüttelte zuweilen die
Mähne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit
den Vorderfüßen, der Zuckerhannes aber hielt dies für klare Beweise
vollkommenen Verständnisses und herzlichen Mitgefühls und gab die Hoffnung
niemals auf, die Falbe oder der Bleß, seine Lieblinge oder ein anderes
Stück würde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun
und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen:
"Schau, Hans, wir dürfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es
vermögen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter
den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der
Sünde genommen wäre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben
im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsünde sind
Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine
unserer größten Qualen besteht darin, daß wir nur mit Gerechten oder höchst
selten mit einem kleinen Sünder reden können und doch mit Allen reden
möchten, namentlich mit Thierquälern, deren Seele gemeiniglich in einen
Postgaul fährt. Du hast zwar noch kleine Mängel an dir, aber bisher ein
schweres Leben geführt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt
und uns für besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelöst!"--
Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfüllung, Hoffen und
Harren macht manchen zum Narren und könnte nicht fehlen, daß der
Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal
bei Leuten laut werden ließ.
Die Knechte und Mägde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber
seitdem er wußte, der Schwarzwälder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit
andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schönem Wetter nicht
immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder
kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurück, da
schüttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich,
wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die
Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleißigen Anwohner
des Gottesdienstes.
Das Gelächter der Knechte und Kichern der Mägde hörte nicht auf, hinter dem
Gelächter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit,
Neid und Rachsucht und der Schwarzwälder lieh Anlaß dazu.
Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es
noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und
je mehr ihm der Bauer und die Bäuerin dafür Dank wußten, desto weniger
wußten ihm dafür die Dienstboten.
Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleißigen Knechten der Fall
zu sein pflegt, so mußten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen,
damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen würde und
dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwälder schinde und
plage sich ab aus purem Zorn und Haß gegen sie, thaten Alles, demselben die
Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und
während sonst wohl sogar der Bläsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll
gegen den Zuckerhannes hätte fahren lassen, trug letzterer selbst das
Meiste dazu bei, die Gemüther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und
unversöhnlich zu machen.
Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Höchste, deßhalb liebte er
auch den Schwarzwälder, erhob ihn vom Roßbuben bald zum Range eines
Stallbeherrschers und hätte eher dem Bläsi als diesem den Dienst
aufgekündiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem
Befehlerles spielen und wie Zorn und Haß gegen Andere wirklich der Sporn
seiner Unermüdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich für Unbilden zu
rächen und das Mißtrauen in seine Ehrlichkeit gründlich zu beseitigen.
Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute
wohnt, ohne daß Ungeschicklichkeit, Trägheit, Nachlässigkeit und Untreue
mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer
der besten Höfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und
veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne daß die Eigenthümer
Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, daß die Schuld unbeweisbar
oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines
Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissärs mit immer
größerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und
an dem Mitdienenden zu rächen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine
Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne daß die Hofleute es wußten
und wenn es auf unsern Helden angekommen wäre, so würde es wöchentlich
einigemal schwere Händel abgesetzt haben. Er log und verläumdete nicht,
doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm
Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen übergangen worden wäre.
Die Mitdienenden haßten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von
ganzem Herzen, doch weil der Haß nichts helfen wollte, theilten sie sich
etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien,
nämlich in eine solche, bei welcher der Haß von der Furcht überwogen wurde
und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte
mißtrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche,
deßhalb auch furchtlose Bläsi blieb, der kein Soldat hätte sein müssen, um
offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen.
Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der
friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch
einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel
und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit
seinem krummen Fuße auch nicht tanzen könne, so könne er doch Gesundheiten
trinken und lustig sein mit ihnen.
Der Moosbauer und die Moosbäurin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu,
der Einladung zu folgen, aber dieser schüttelte das Haupt, daß die
Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig:
"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht.
Geht, tanzt und sauft und schimpft über mich, soviel Ihr wollt, mir ist der
Bleß lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu
thun haben und fürchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so närrisch, mein
Geld den Wirthen zu geben!"
Solch unchristliches Gebähren hat der Zuckerhannes schwer gebüßt.
Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann
einige Hausbewohner für sich, doch der Bläsi behielt die Oberhand und
endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken.
An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einäugigen Stoffel
zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prächtige Ulmerpfeife mit
silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in
Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an.
Der Zuckerhannes hat vom Einäugigen, welchen er später im Amtsgefängnisse
traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehört, auch hat der
Antragsteller einen Kopf, der an Füchse und Wölfe mahnt, aber in diesem
Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehört er
unmöglich dem Stoffel an und der Inhaber weiß gar ehrlich und freundlich zu
thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nächster Nähe daheim.
Unser Held besitzt Geld, eine große Freude an glänzenden Sachen, sieht
nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf
vorbeigehen lassen sollte, deßhalb werden Beide handelseinig und scheiden
in Friede und Freude.
Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhändler zwischen Licht
und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt
prächtigen Zeug zu Hosen und Röcken aus und läßt einen schönen Theil
zurück, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die
Elle solches Tuchen sei unter Brüdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der
menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwölf Batzen abgelassen
lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu
sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer
Knechte sehr ungern sähen.
Der Falben und dem Bleß hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das
Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich
gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne
Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen ließ, hat das
Thier ob diesen Silberklängen keine Freude gezeigt, sondern durch sein
erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzürnt, so daß er
ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh."
Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im
Zwielicht, sondern am frühen Morgen und nicht der billige Krämer, sondern
ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen
Abschied vom Mooshofe weg in das Gefängniß der Amtsstadt zu liefern, mit
den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes
mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant
vom Krämer im Stalle binnen längerer Zeit erhandelt und nicht wieder
verkauft hatte.
Mehrere Monde saß der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemächer und
noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines
nicht, was er vom einäugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen
der Gefangenschaft zusammen lebte, hätte erfahren können.
Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten
spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem
Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter
Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom
Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies
erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht
darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi
zusammentraf.
Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er
während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten,
so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen
und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter
Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den
er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.
Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich
von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als
Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu
nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des
Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen.