gesellschaftlichen Zustände. Je ärmer die Kirche und je geringer die Zahl
der Klöster wurde, desto mehr füllten sich Kasernen, Strafanstalten und
Spitäler.--Was die Liebe nicht mehr thut, weiß der Haß zu erzwingen!--
Der Exfourier soll die 7 Todsünden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er
hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt
empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom
Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine
ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage.
In der That antwortet er mit unverschämter Naivetät: er für seine Person
wisse nichts von Todsünden und habe den Katechismus über den Kriegsartikeln
ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den
gebildeten Ständen angehöre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren.
Auch stände nichts davon in der Hausordnung.
Der gute Geistliche will hier keinen Lärm anfangen, der Exfourier war klug
genug, so höflich und artig zu reden, daß der Aufseher nichts zu sagen
weiß, der Zuckerhannes soll die sieben Todsünden nennen.
Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein
unverständliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert,
der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsünden und sagt dieselben
absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug,
um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsünde, nämlich _das Erwischtwerden!_
--Schallendes Gelächter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflüster,
denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehört, alle wollen wissen,
weßhalb gelacht werde und nachträglich lachen, mit Mühe wird die Stille
wiederum hergestellt und Kilian erhält zunächst eine ernste Strafpredigt.
Der Duckmäuser, welcher einen tüchtigen Schulsack in die Anstalt brachte,
nennt endlich alle Todsünden und während der Stoffel die verschiedenen
Theile der Beicht aufsagt, läutet das bekannte Glöcklein Mittag, der
Geistliche tritt in den Verschlag zurück, zieht den Chorrock aus und
entfernt sich traurig und wehmutsvoll.
Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thüren rasseln auf, die
Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits
von der Arbeit abgeführt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem
Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen.
Selten geht ein Rückfälliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit
Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser
Leute zweifeln und grübeln wenig über religiöse Wahrheiten, spotten niemals
über Gebräuche oder Diener der Kirche, fromme Gesänge und Litaneien sind
ihre Lust, ihr religiöser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch häufiger
ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Hätte
Luther mit seiner Behauptung, daß der Glaube allein selig mache, Recht,
dann dürften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht
ganz übles Loos im Jenseits gefaßt machen, hätte gar Amsdorf mit seinem
Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schädlich, dann würde sich
der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den
Bewohnern unserer Zuchthäuser erfüllen!--
In jedem Speisesaal verworrenes Summen und allgemeines Gemurmel, Klirren
der Löffel, Messer und Schüsseln, jeder Aufseher ist gerade mit dem
Austheilen vortrefflichen Brodes fertig geworden, bis das Wort: "Suppe!"--
allgemeines Aufstehen und allgemeine Stille hervorzaubert.
Im bekannten Saale betet diesen Mittag der Zuckerhannes nicht, die Lust zum
Beten und Essen ist ihm vergangen, der Duckmäuser spricht an seiner Stelle
recht deutlich, kräftig und andächtig das Gebet des Herrn, dann fliegen die
Aufwärter mit den Suppenschüsseln herbei, der Speisezettel lautet heute
vortrefflich, deßhalb herrscht eine ziemlich gleichmüthige und oft heitere
Stimmung unter den Gefangenen.
"Reissuppe--Kartoffelschnitze--Rindfleisch!"
Morgen wirds lauten:
"Wassersuppe--saure Bohnen--Ende!" und mehr als ein alter oder junger
Gefangener wird sich mit der Wassersuppe und trockenem Brode begnügen,
dagegen werden die Vielfraße wiederum einen Freudentag haben. Alte Häuser
wissen von Manchem zu erzählen, der sich im Zuchthause zu Tode gegessen,
Mancher hat dem Affengesichte schon einen ähnlichen Tod prophezeit, aber
dieser läßt sich dadurch nicht rühren, bettelt und erhandelt die Schüsseln
Anderer zu seiner Portion, manche schieben ihm um des Spasses willen ihre
Ueberreste zu, er ißt Alles, was er bekommt und hat der Heißhunger den
Straußenmagen verlassen, dann setzt die Eitelkeit und Ruhmsucht das Ihrige
oben drauf.
Doch bereits beginnt die Rache der Natur, das Affengesicht muß heute
fasten, denn der Magen mag nicht mehr gut verdauen und an seiner Stelle
entfalten der Mordbrenner und der Kilian ihre Meisterschaft im Ueberessen.
Ersterer meint, es sei ihm Eins, wenn er auch zu Grunde gehe und der Tod
eines Vielessers jedenfalls dem Hungertode weit vorzuziehen, letzterer
versichert, er habe in seinem ganzen Leben noch niemals genug gegessen und
wenn er auch keinen Bissen mehr hinabbringe, sei er doch noch immer
hungrig.
In allen Sälen wird der Heldenmuth, womit der Exfourier dem Pfarrer
antwortete und der Witz, welchen der Kilian zum Besten gegeben, zum
Anknüpfungspunkte, die Religion zum Angelpunkte der Unterhaltung.
Der Obermeister holt den Kilian vom Essen hinweg in das wohlverdiente
"schwarze Loch" ab, dafür wird das religiöse Gespräch im Saale desselben
und besonders auch am Tische des Zuckerhannes um so lebhafter.
Wir werden uns hüten, dem Papiere anzuvertrauen, was wir mit eigenen Ohren
über die tiefsten Geheimnisse unserer Religion, die h. Sakramente der Buße
und des Altars, über den Erlöser und dessen jungfräuliche Mutter, über alle
Heiligen und Diener der Kirche aus dem Munde des Exfouriers und anderer
Halbgebildeten oft genug anhören mußten und möchten nur dreierlei jedem
Freunde Gottes, der Regierungen und des Volks ans Herz legen, nämlich:
_Erstens_ liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der
Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am härtesten verdammt und dadurch ihre
tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst
nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht
des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewährt findet und Alles mit dem
Ohre der Selbstsucht anhören, das ob dem Weltlärm des Eigennutzes und
Hasses die Stimme der göttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich
gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt
hinein.
Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben
dieselben mehr Entschuldigungen für ihren Unglauben als Andere.
Es sind häufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das
Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen
Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl
aber viel brutale Gewalt und herrische Willkür, welche sich vor Allem nur
gegen die Armen kehrt und für deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben
die Verbrecher recht fest, daß ein Reicher sehr bequem alle Gesetze
beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben
vermöge, überall höfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch für
strafbares Thun finde und wissen zudem, daß auch jeder Arme ein sehr
schlechter und verworfener Mensch sein könne, ohne mit dem peinlichen
Richter zu thun zu bekommen.
Sie sehen keinen Wald vor lauter Bäumen und kein Christenthum vor lauter
vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als
gutbesoldete Schildträger der Gewaltigen und Reichen und kümmern sich wenig
um deren Predigten.
"Wäre der Himmel so schön und die Hölle so heiß und all das
Pfaffengeschwätz nicht Lug und Trug, vor dem höchstens alte Weiber Angst
bekommen, dann würden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein
Häuflein Geistliche, die eben von Natur gute Männer sein mögen, sondern
Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen
nicht verachten, verfolgen und unterdrücken, sondern denselben helfen, wo
und wie sie können, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war
sicher ein guter Herr und großer Freund der Armen und Unterdrückten, aber
wenn er heute käme, würde ihn die Polizei packen, der nächste beste Amtmann
ins Zuchthaus bringen und wäre Er ein Gott, dann könnte Er solche
Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt draußen ist, unmöglich
dulden! ... Die Religion der Liebe und große Armeen, Vergebung der Sünden
und Todschießen und Hängen, das schöne Beisammenleben der ersten Christen
und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses
zusammen? Die Armen haben die Hölle auf Erden, die Andern machen sich
dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur
Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt!
... Gibt es Einen, dann kommen _wir_ in den Himmel, jedenfalls vor den
Andern, und würde jede Kleinigkeit in die Hölle führen, nun, dann können
_wirs_ nicht anders machen, die "Großköpfe" werden Gesellschaft leisten und
wo es so Viele aushalten, muß es lustiger und unterhaltender zugehen als in
einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und
vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu
bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und
pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und
Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewiß auch damals nicht
und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition,
aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele
Betbrüder drinnen sind! ... Kommt so ein hölzerner Rekrut vom Hotzenwald
oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen
wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in
die Stadt hinaus darf!"
So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der
Duckmäuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er fürchtet die
Grobheiten, Spöttereien und Verdächtigungen des Exfouriers, die Andern
geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzückt:
"_Der_ kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier
sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!"
An diese unbescheidene während des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und
heute wiederum preisgegebene Rede knüpft sich etwas Weiteres.
_Zweitens_ nämlich ist in unserer Zeit der Auflösung aller Stände der
Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes
eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen
sehr groß, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und
Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schöpfen müssen, weil ihnen
Zeit und Gelegenheit für gründliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der
Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland überhand nehmenden
Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Büchern erklärt es
sich, daß die Zahl der oberflächlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich
derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums
entspreche. Das an sich gewiß löbliche Streben nach nützlicher Unterhaltung
und allgemeiner Bildung hat zunächst in Folge der sozialen und
literarischen Verhältnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen
Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst
geführt und die Gleichgültigkeit gegen positive Religion hat sich selbst
bei ursprünglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur
bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion
überhaupt gesteigert.
Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthümer in
religiösen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und
die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens besonders gegen den
Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unübersehbare Schaar
untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer großen
Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die
Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum über
das positive Christenthum, den natürlichen Menschen über den
Christenmenschen Siege feiern zu lassen.
Das gegenwärtig lebende Geschlecht hat von seinen Vätern durchgängig eine
sehr elende religiöse Erziehung ererbt, die der positiven Religion
gleichgültig, gehässig oder auch todesfeindlich gegenüber stehende
Literatur erfreut sich bis zur Stunde der entschiedensten Oberherrschaft,
das Alltagsleben predigt in Einem fort durch zahlreiche Thatsachen
überwiegend den Unglauben, weil diese Thatsachen den Lehren und
Vorschriften des Christenthums mehr oder minder herb widersprechen, endlich
liegt der Unglaube offenbar im Interesse der Selbstsucht jedes Einzelnen
und wenn gründlich gelehrte Männer oft wie Kinder reden, sobald von der
katholischen Kirche die Sprache ist, so darf man sich nicht wundern, daß
die Zahl der Halbgebildeten und Halbgelehrten, welche dem Katholizismus
fremd, lau, mißtrauisch und feindselig gegenüber stehen erstaunlich groß
und fortwährend im Zunehmen begriffen bleibt.
Diese Halbgelehrten und Halbgebildeten leben fortwährend in und mit dem
Volke, sind die eigentlichen Apostel aller Irrtümer und Lügen der Zeit und
was ihnen an umfassender Bildung und gründlicher Gelehrsamkeit abgeht,
ersetzen sie durch absprechendes, brutales Auftreten, volkstümlichen Witz
und schonungslosen Spott, durch den Fanatismus ihres Unglaubens.
Es ist erstaunlich, wie aufgeklärt Schustersjungen und Schneidergesellen
heutzutage in den schwierigsten politischen und sozialen Fragen sich
geberden, wie tief einfache Handwerker in die Geheimnisse der europäischen
Kabinette eingeweiht zu sein vermeinen und wie bündig an jedem Biertische
über den Unwerth der positiven Religion, das Absterben der katholischen
Kirche und deren Bund mit der weltlichen Gewalt geredet wird.
Wer das Volk genau kennt und tagtäglich in Berührung mit den
verschiedenartigsten Menschen tritt, der weiß am besten, wie gewaltig der
Geist des Widerspruchs und der Empörung geworden und wie scheinbar er
gebändiget ist und wer nicht sanguinisch genug sein kann, aus leisen
Anfängen zur Besserung rasche Fortschritte derselben herzuleiten oder gar
zu wähnen, es ließe sich in einigen Jährlein gut machen, was mehrere
Menschenalter sündigten, der wird auf eine aufrichtige Rückkehr des jetzt
lebenden Geschlechtes zur positiven Religion im Ganzen verzichten, in der
Kraftentfaltung der katholischen Kirche und vor Allem in einer christlichen
Jugenderziehung die einzige Rettung vor den einfachen Consequenzen
herrschender Ansichten und Grundsätze, nämlich vor einer sozialen
Revolution und der schauderhaften "großen Zukunft" des Spaniolen erblicken.
Bettelsack und Elend bleiben die Propheten und Werboffiziere des
Communismus, die Halbgelehrten und Halbgebildeten die Apostel des
Unglaubens, welche mindestens von den Männern des Proletariats am liebsten
gehört werden.
Die Welt ist ein großes Zuchthaus und wie es hier zugeht, geht es vielfach
in kleinen Zuchthäusern zu. In diesen wird wenig Schlimmes von Zeitungen
und verderblichen Büchern gestiftet, weil solche nicht zu haben sind, eine
strenge Hausordnung wird möglichst streng gehandhabt, weltliche Lehrer
suchen rohsinnliche Naturen für höhere und edlere als rohsinnliche Genüsse
empfänglich zu machen, Geistliche offenbaren die Weltanschauung des
Christenthums, ein entbehrungsreiches, freudloses, hartes Leben fordert
jeden Sträfling auf, in der Religion Trost zu suchen und durch dieselbe den
verlornen sittlichen Halt wiederum zu erringen--dennoch ist von wahrer
Besserung in Sträflingssälen wenig oder nichts zu entdecken, Hopfen und
Malz sind an diesen Felsenherzen und Rohrmenschen verloren, so lange sie
beisammen bleiben und bei den Bejahrtern gemeiniglich für immer.
Einen Grund dafür finden wir auch in dem Umstande, daß Halbgelehrte und
Halbgebildete in jedem Sträflingssaale sich finden und ihre Kameraden im
Grunde mehr beherrschen, als sämtliche Vorgesetzten zusammengenommen.
Allenthalben herrscht der Gebildetere über den Unwissenden und Rohen und
wenn der Sträfling von vornherein geneigt ist, den besten
Gefängnißgeistlichen mißtrauisch zu betrachten, so glaubt er dagegen von
Herzen gern einem Leidensgefährten.
Wie mag ein Geistlicher Vieles ausrichten, dessen Person verdächtigt und
verläumdet, dessen Lehre verdreht, verachtet und verspottet wird und mit
welchem ein Sträfling selten ein vertrautes Wort reden kann, ohne sogleich
verspottet, verhöhnt und verdächtiget zu werden? Was der Geistliche bei
diesem oder jenem in einer Stunde gut macht, verdirbt der nächste, beste
Fanatiker des Unglaubens in fünf Minuten oder noch rascher durch einen
derben Witz.
Wo bleiben denn die Berichte der Geistlichen in den Schriften jener
gloriosen Gefängnißkundigen, welche die gemeinsame Haft vertheidigen und
Großartiges von der Besserung ihrer Pflegbefohlenen glauben machen
wollen?--
Halbgelehrte Fanatiker des Unglaubens üben mächtigen Einfluß auf die Armen
außerhalb der Gefängnißmauern aus, sie beherrschen auch als Sträflinge die
Ansichten und das Benehmen ihrer Leidensgefährten und sind eigentliche
Verderber der Besserungsfähigen unter denselben wie des gesammten
Proletariates.
Es ist bekannt, welche Rollen ehemalige Sträflinge gelegenheitlich bei
Revolutionen spielen und seit 1848 in Frankreich übernahmen, es ist auch
begreiflich, weßhalb religionslose Proletarier und ungebesserte Entlassene
den wahnwitzigsten Träumern des Sozialismus in die Arme stürzen und bei der
wachsenden Anfüllung und Ueberfüllung aller Strafanstalten möchte einsame
Haft für die verderbtesten, so wie für halbgebildete Verbrecher eine
Maßregel politischer Klugheit sein, wenn auch diese Leute keine
unsterbliche Seele besäßen und nicht die Bestimmung hätten, Glieder am
Leibe Christi zu werden.
Bessern sie sich nicht in der Zelle, so verschlechtern sie doch keine
Kameraden und machen Strafhäuser nicht zu Kasernen der Revolution.
_Drittens_ endlich ist das enge Beisammenleben von Sträflingen
verschiedener Confessionen für die auf den Grundlagen der positiven
Religion allein mögliche Besserung nichts weniger als vortheilhaft. Der
Protestant hat am Papste, an der Verehrung der Jungfrau Maria und der
Heiligen, an der Ohrenbeichte und der Ehelosigkeit der katholischen
Geistlichen ungemein Vieles auszusetzen, katholische Sträflinge wissen
gemeiniglich nicht gehörig zu erwidern oder sie mögen weder für Jesuiten
noch für Dummköpfe oder Heuchler gehalten werden; wenn die Israeliten
gewöhnlich die Christen bei ihrem Glauben lassen, so thun getaufte
Sträflinge den Israeliten gegenüber gewöhnlich das Gegentheil und aus all'
diesem folgt, daß die Religion Aller wenig dabei gewinnt, wenn auch der
religiöse Frieden ungestört bleibt.
Der Unglaube scheint im Interesse der Verbrecher zu liegen, halbstudirte
und etwas belesene Sträflinge vertreten die Rolle der Priester des
Zeitgeistes, das Zusammenleben der Mitglieder verschiedener Confessionen
befördert kein Anschmiegen an positive Religion--woher soll da die
Besserung kommen?
Wir wissen es nicht, haben es auch nirgends zu erfahren vermögen und kehren
nach diesem traurigen Ausflug in den Speisesaal des Zuchthauses zurück, in
welchem der Exfourier dem Zuckerhannes just den Begriff des "historischen
Rechtes" in seiner gewohnten Art erläutert.
Der Aufseher stört diesmal den Redefluß des gelehrten Mannes, der
Zuckerhannes erfährt nur noch, die großen Fische fräßen die kleinen und das
sei historisches Recht und das Gespräch wird rasch auf die Begnadigungen
gelenkt, welche diesen Morgen vorkamen.
Das Hasenmaul scheint bereits Neigung zur Verträglichkeit zu bekommen,
setzt sich einen Augenblick neben den Duckmäuser, hört dem Gespräche zu und
meint, der Jost, dem Alle die Begnadigung gönnten, sei eben doch wegen
Straßenraub verurtheilt gewesen und ein solcher Kerl jeder Begnadigung
unwürdig.
Auf solche Rede hin versetzt der gegenübersitzende Mordbrenner dem armen
Hasenmaul einen Stoß auf die Brust, daß es über die Bank hinabpurzelt und
laut aufschreit.
In diesem Augenblicke ruft das Glöcklein wiederum zur Arbeit der Aufseher
muß zur Thüre hinaus auf seinen Posten, der Lärm der Sträflinge hat den
Schrei des Hafenmaules schier erstickt und jetzt drängt Alles der Thüre zu.
Wie ein kampfbereiter Stier steht der Mordbrenner vor seinem Opfer, ein
Wort könnte das Hafenmaul in arge Ungelegenheit bringen, der Duckmäuser
sucht Beide zu beschwichtigen, erklärt letzterm, er habe Unrecht, dem armen
Jost das bischen Freiheit zu vergönnen und sagt:
"Jost hat allerdings einen Straßenraub begangen, aber er stand vorher
niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die
eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fünf unmündiger Kinder
hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weißt Du wie wehe
der Hunger thut?"--
Dergleichen Sträflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im
Grunde wirklich unglücklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur
Genüge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem
Mitmenschen abhängt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der
Lieblosigkeit steckt, mit welcher Sträflinge oft genug beurtheilt und
Entlassene oft genug behandelt werden.
An jeglichem Verbrechen, welches verübt wird, hat die Gesellschaft mehr
oder minder Mitschuld und deßhalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos
zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben für sich zu gewinnen und
Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben möglich zu machen!--
Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das
Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren,
Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler
schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen
einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der
Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe,
schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter,
pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche
Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen--dieser hundertstimmige Lärm
mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an
Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende
Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des
sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen.
Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen
sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke
steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu
Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt.
Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen
Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben
ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den
tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften
Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte--doch kein geschaffenes
Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, _tägliche Gewohnheit_
stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das
Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt,
stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu
freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch'
unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen
guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich
drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem
Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird
und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages
dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele--aber hat er
draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er
jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin
im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen?
War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe
Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu
erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause
wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren,
weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine
Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen
seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum
Durchbruche gelangte.
Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die
Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier
dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich
den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt.
Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts
von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel
ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet
und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.
Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im
Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken,
er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu
behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm
schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist
voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach
überboten, anwiderten.
Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der
Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe
zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit
lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind
beide Freunde geblieben.
Während der Erholungsstunde hat der Duckmäuser die Ursache des Kummers
erfahren, welcher den Freund niederdrückte; es gelang ihm, denselben
vollkommen zu trösten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine
Ersparnisse, von denen er als ein lebenslänglich Verurtheilter und gänzlich
verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermöge,
mitzugeben, hat den überraschten Zuckerhannes bis zu Thränen gerührt.
Jetzt hobelt der Beglückte an seinen Faßdauben, wirft von Zeit zu Zeit
sehnsüchtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wünscht eine
Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinüber zu springen.
Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr übel gelaunt vom Mittagessen
zurückgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird
jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von
denen er nichts zu befürchten hat.
Der bessernde Einfluß, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf
Gefangene ausüben, ist äußerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben
sind, verlöre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals
sähe!--
Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas über sein gewöhnliches Tagwerk zu
Stande zu bringen, deßhalb wählt er Dauben mit Astlöchern, an denen sich
der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse,
bald außerhalb der Werkstätte zu finden, ohne daß er von einem Vorgesetzten
deßhalb gescholten oder bedroht werden kann.
Er hofft, der Duckmäuser werde ihm einmal folgen, möchte demselben gerne
ein freundliches Wörtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das
Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht
daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachläßigung
betrübt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Sträflingssälen!
Sentimentalität ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven
Religion entfremdeten Gemüthes und findet sich häufig genug bei den
weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche außer dem Kalender,
der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern
niemals ein Buch lesen!--
Der Zuckerhannes könnte fast weinen und fühlt sich während der ersten
Mittagsstunden recht unglücklich, denn der Duckmäuser ist sein eigentlicher
Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet!
"Hof!--Hof!" ruft es durch das Haus.
Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den
Kameraden des betrübten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an
Bewegung und sie dürfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmäßig
und löblich finden können, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende
Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet.
Zunächst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber
seine Gäste aus, dieselben drängen sich zur Thüre hinaus und eilen die
Stiege hinab in den Hof.
Eine Minute später marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng
beobachtet, immer Einer hinter dem Andern längs den Mauern eines Hofes hin
und her, der ein längliches Viereck bildet.
Auf den Flügeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte
desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge
herausbeschwört und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte
schmutzige und löcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und
auswendig erträglich aussehe.
Der stumme Gänsemarsch einer Sträflingsschaar mag auf den fernstehenden
Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen
Ausruhen und beliebigen Umhergehen während der Erholungszeit weit
vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem
Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen müssen, zum Laufen zwingt,
genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Säle verhindern hilft
und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden,
abschneidet.
Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der
Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder große noch
eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam längs den Wänden
hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum.
"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und
während die Spaziergänger in ihre Säle zurückkehren, treten ihre Nachfolger
in den Hof hinaus.
Seltener und matter tönt das Hämmern und Klopfen, nach einer Weile setzt
der Ruf. "_Vier Uhr!_"--dem Fleiße der Seiler und Holzarbeiter ein
plötzliches Ziel.
Eifersüchtig bewahren die Sträflinge jedes der kleinen Zugeständnisse,
welches ihnen zu Theil geworden, der fleißigste Arbeiter wird eher den
letzten Nagel, welchen er zur Hälfte ins Holz hineingehämmert, stecken
lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!--hörbar
geworden.
Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gänsewein hinabgewürgt, die
einzige Würze des spartanischen Mahles besteht darin, daß sich Bekannte
gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden dürfen.
"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmäuser, der
Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem
Lächeln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen,
an welchen er Antheil haben soll.
Er eilt zur Hobelbank hinüber; mit dem gewichtigen Ernste und der
feierlichen Würde des vornehmsten Kochkünstlers irgend eines modernen
Heliogabal zieht der Duckmäuser eine Schüssel unter der Hobelbank hervor,
vor deren Inhalt Mancher zurückschaudern würde, der nicht eine Ader von
einem Eßkünstler in sich hat.
Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und
einige Tropfen ranzigen Brennöles daran--der Zuchthaussalat ist fertig und
mit vergnügter Miene greift das Freundespaar mit einem Löffel zu, welcher
aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert.
Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide
betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den
Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei
Bissen der köstlichen Speise zu sich nehmen dürfen!--
Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthäter
des Saales, er empfängt den Lohn des Fleißes und der Geschicklichkeit, der
Werkmeister drückt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate
erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrücklich verpönt, aber auch
nicht ausdrücklich billiget, so daß er möglicherweise eine Zeile im
Strafbuch nach sich ziehen könnte.
Die Schüssel wird leer, der Bläsi eingeladen, dieselbe vollends
auszulecken, er bedankt sich dafür, weil er noch nicht lange genug hier
ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu
empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wünscht seine Stelle einzunehmen, das
Affengesicht erhält jedoch den Vorzug.
Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und
steht auf den Treppen der Eingangsthüre.
Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen
Rückfälligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt
plötzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu
drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht
er eine Weile und wiederholt das Manöver, bis die Hofwache ihn vertreibt.
Verwundert hat der Zuckerhannes den Lärmmacher betrachtet, das Gelächter
der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt:
"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm
gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse
habe?"
"Der Kilian gibt Aufschluß, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt
den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe näherte.
"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heißt,
hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal
manchmal allarmirt!" erzählt ein Veteran der Greiferkunde und fährt fort.
"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins
Zuchthaus zurück mit einer neuen Capitulation von zwei Jährchen. Er
behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte deßhalb um
keinen Preis arbeiten. Alle Güte und alle Strenge fruchtete nichts, wir
selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit
er sich nicht für jetzt und für ein andermal das Spiel verderbe."
"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich für so lange in Arrest
gesprochen bis er sich dazu verstünde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag
und Nacht saß er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein
Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken
lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht
einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen
Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder
herausgenommen."
"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist
fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehöre nicht ins Zuchthaus und
werde deßhalb auch nicht arbeiten. Es wäre leicht möglich, daß die Herren
Richter eines schönen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich
übelgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als
Gabelfrühstück verspeisten, aber ich für meine Person glaube nicht an
Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafür
Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus.
Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen
durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und
hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er
zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat
nicht gewesen! ..."
"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mußte
einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, daß er jeden
andern Tag singen müsse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet
oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist
nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und
Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschänzer! ..."
"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer weiß, ob es mir nicht auch so
geht, wenn sie bei uns Zellengefängnisse bauen!" murmelt der Duckmäuser
nachdenklich.
"Müßte ich heute für Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte
ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprünge dort in den Bach und
wenn ich entdeckt und herausgezogen würde, wie es diesem ergangen, hinge
ich mich am nächsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier.
"Ja im Menschenquälen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das
Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt
der Duckmäuser.
"Überall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierquälerei und ich bin ganz
dafür, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und
Metzger die armen Thiere quälen aber weßhalb fällt es den Herrn niemals
ein, auch einen _Verein gegen Menschenquälerei_ zu stiften?" fragt der
Bläsi. Der Zuckerhans schaut dem Bläsi ernst ins Gesicht und dieser wird
bis über die Ohren roth.
"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stück Vieh! ... Das
Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch
eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt
Einer.
"Wenn ich könnte, packte ich die ganze Welt in eine Beißzange und hämmerte
sie mit dem schwersten Küferhammer platt!" lacht der Exfourier.
"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er närrisch wird, he?" fragt der
Zuckerhannes.
"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehört!" erwiedert der Rückfällige.
"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fängt er an zu schimpfen und behauptet,
es sei Einer draußen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen
wolle. Ist's Tag, dann läuft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und
verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hört und weiß!"
"Das ist spaßig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So
ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ...
"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit
der Zeit würden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint
auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch
vor 3 Wochen und--"
"Zur Arbeit, Leute!"
unterbricht der Werkmeister den Rückfälligen, die letzte Minute der
Erholungszeit ist vorüber, die Sträflinge eilen zu ihrem Geschäfte zurück
und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am
Sonntag ein Stücklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund
Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen
Tagwerkes nicht zurückbleiben.
"_Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!_"
Der Ruf zur Schule ergeht wöchentlich einigemal an Alle, welche das 36.
Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben und ihm folgt selten ein Sträfling
mit Widerwillen.
Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafür auch ein
dankbares und segensreiches.
Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mühe des Lehrers
und erschweren die Eintheilung der Schüler, täglich oder doch wöchentlich
gehen alte Schüler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten
sieht der Lehrer die Früchte seines Wirkens und weiß, daß diese sich
verdoppeln und vervielfachen würden, wenn die Schüler einige ihrer
arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten.
Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben,
Sträflinge sind gewöhnlich aufmerksame und talentvolle Schüler, fertigen
auch Schulaufgaben, so gut sie es vermögen, doch wer mag in dem
unvermeidlichen, durch Strenge höchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu
beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an
Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrängt bereits den ganzen
Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen
Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs
vernachlässiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem
Auswendiglernen gänzlich ein Ende.
Religionsunterricht und Schule müssen die Schuld des Beisammenlebens der
Verbrecher abbüßen helfen, mögen die Lehrer auch noch so eifrig und
pflichtgetreu sein, die Gefängnißbeamten fleißige Schüler beloben und
belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft
durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rückfällen in
neuen Verbrechen abzuhalten.
Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden,
Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche
Handlungen künftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk
gelernt, in Folge größerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den
Haß gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine
klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben--doch im Ganzen sind und
bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange
die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben.
"An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder
auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglück derselben
ist die Welt darüber ziemlich im Klaren, daß die schlechten Früchte dieser
Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden ließen und ein
beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der
Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.--
Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt,
später sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Büchern und
unnütz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterniß des Kerkers ist
ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmäuser brachte ihn zur
Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs
ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der
zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der
dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigniß des heutigen
ereignißreichen Tages.
Es dämmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der
Schule in die Werkstätte zurückkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er
den einäugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Nägeln kaut.
"Was gibts, alter Strolch, was treibst?"
"Ho, ich blase Trübsal, s'ist ein böses Instrument und morgen werde ichs im
schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch
zusammenbrennen würde und ich damit! ..."
"Weßhalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?"
"Ich erfuhr schon gestern Abend, daß der Jost heute fortkommt, weißt ja,
daß die alte Garde Manches eher erfährt als die andern. Der freudenvolle
Jost gab mir das Versprechen, ein paar Päckle Schick und ein Kettchen
Knackwürste von Außen herein über die Mauer zu werfen, hats auch richtig
gethan, ich ließ es mir schmecken, fing einen kleinen Krämerhandel an, der
Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schön geläugnet, aber man
fand Zeugen in meinen Strümpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter
wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!"
"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende draußen. Wenn ich
früher vom Zuchthause reden hörte, dachte ich immer an dunkle Löcher mit
triefenden Wänden, an Wanzen, Flöhe, Spinnen, steinhartes Brod und
stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefängniß auf etwas Besseres
hingedeutet? ... Hier habe ich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen,
als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an
welchem die verschlossenen Thüren das Fatalste sind! ... Ich für meine
Person muß mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!"
"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich für die Schinderei auch noch
bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Großköpfe"" würden uns so gar
ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei hätten?
... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, daß man zur Noth bestehen
mag! ... Früher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl weiß,
doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den
Specksalat, die Würste und Brodstücke auf einen Haufen legen und alle
Schoppen darüber gießen könnte, welche mir draußen auf der Schanz
zugesteckt wurden, es gäbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebäude
verbergen ließe! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch
die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war
ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..."
"Müßte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig
davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak
wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und muß das
Häfelein überlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird
voll, wöchentlich einmal kommen die mit den Schlapphüten und tragen Einen
von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber
die großen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel
Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem
Zuchthause, so wird er das nächstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit
stehlen, sondern tüchtig zugreifen, anzünden, einen Reichen todschlagen und
Alles thun, was er vermag!"
"Warum?"
"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters
Licht führte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit
durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und
die ganze Lumperei hat ein Ende oder er weiß doch wenigstens, weßhalb er
ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein
gescheidter Mann: je ärger die Großen dreinfahren, desto ärger treibens die
Kleinen und alles muß so kommen, wenn die ""große Zukunft"" nicht
ausbleiben--"
"Fort, s'kommt Einer!"
Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einäugigen mehr, hinter
ihm traben die Hausschänzer her, um die Lichter in den letzten Werkstätten
anzuzünden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in
den Hofraum der Strafanstalt herein.
Die heimelige Zeit der Dämmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen
von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes,
wirft ihren Schleier über manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der
strengen Hausordnung vereinbaren läßt und stimmt die abgematteten
Werkmeister und müden Aufseher milde und versöhnlich gegen ihre Arbeiter
und Pflegbefohlenen.
Wiederum läßt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen.
"_Sechs Uhr!_"
Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmützen vom
Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher
faltet die Hände und zuweilen bewegt auch einer die Lippen.
Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit?
Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr
Tagwerk fertig zu bringen, die Fleißigen ermüden sichtbar, die Arbeit eines
Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch öfter mit
Stillschweigen übergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet.
Allgemach wird es ruhiger in der Werkstätte, Ungeduld spiegelt sich in
mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen
einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glöcklein nicht den
letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme.
Endlich ertönt es;--"_Feierabend!_"--rasches Verstummen jedes
Arbeitslärmes, Aufräumen aller Geräthschaften, Abmarsch.
Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder
beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann läßt sich Jeder
die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stück
Brod schmecken.
Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die
Zinnschüsselchen verschwunden, so beginnt das Abführen in die Schlafsäle.
Die Wachen und Aufseher stehen draußen in den Gängen auf ihren Posten, der
Reihe nach werden die Nummern der Schlafsäle ausgerufen und Einer nach dem
Andern marschirt ab.
Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille
und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst
um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher
noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte
Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig
schadet.
Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an
einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein
bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile.
Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein
bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im
Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu
mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein
Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den
hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.
Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist
ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung
sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für
Gefangene.
Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit
weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und
manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche
Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische
sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends
die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne
im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem
vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche
die Mehrzahl der Sträflinge erlebt.
Was sollen dieselben machen?
Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden
und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern,
Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten.
Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese
wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das
Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der
Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre
Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die
Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht
ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend
hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet
Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst.
Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er
schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder
zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste
Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese,
spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem
Schandgemälde beglückt zu werden.
Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten
Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag
einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem
Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich
Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn
ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft,
wird er die furchtbaren Worte:
Ha, wo bin ich und was soll ich hier
Unter Tigern, unter Affen?
Welchen Plan hat Gott mit mir
Und wozu bin ich erschaffen?
mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.
Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen
Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am
nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren,
welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich
"gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen
Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem
Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben
abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten
Schriften zu machen pflegt.
Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf
seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen.
"Numero Fünf!"--ruft es durch die Gänge.
Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht
der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt
Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu
schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben.
Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher
folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser
herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen
Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute
zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.
"Gute Nacht!"
Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen
Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil
sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt
vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort,
wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht.
Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder
kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange
miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen
Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute,
welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen
begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug
als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich
auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen
ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten
Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der
Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne
Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man
nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes,
rasendmachendes Tutti beginnen.
Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg
vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der
Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr
fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr
gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch
thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust
klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten
ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen.
Neulinge gewöhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben,
Familienväter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den
Ihrigen, welche mit dem Schuldigen büßen und manchmal schwerer büßen als
dieser selbst, stachelt sie aus ihren Träumen auf.
Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert
fort und wann naht das Ende der Qual?--
#DIE LETZTEN JAHRE DES ZUCKERHANNES.#
Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem
wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten,
unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten.
Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch
und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen
Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten
Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen
Matten und silbern schimmernden Bächlein.
Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend
Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume
und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte
säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der
Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und
fromme Gesänge an unser Ohr.
Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen
Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und
verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte
beiwohnen?
Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen
Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und
Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und
unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte,
dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strümpfe,
unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische
Rosenkränze.
Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige
Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen
Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen,
wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den
Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und
lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod
stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.
Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist
alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele
Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne
einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des
Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.
Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer
prächtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der
ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen
Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der
bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das
dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.
Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine
vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen
des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst
laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr
gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach
der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar
zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein
Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:
Ich mach' in Tuch und Seide,
Politik und Religion!
Und hab' von allen Vieren
Die allerneuest' Facon!
im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig
verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und
geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze
in Entzücken versetzt.
Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft
mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während
die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm
steht--die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst
aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges
Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und
einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit
Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.
Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen
"Anker" im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei,
welche an schönen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nächsten Städte mit
Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch
Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als
bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen.
Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich
die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne
hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr
ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden
der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist
dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner
Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er
seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.
Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne
Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze
Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches
Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein
abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke
neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des
Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib
in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen
lasse.
"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein
heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau
dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern
und am allerwenigsten mit Heiden befaßte.
Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon
erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am
Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden
nicht allzulang gerathe.
Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise
fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und
wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.
Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das
265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und
von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich
vermißt wurde.
Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den
theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen
unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich
unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu
entreißen und für den Himmel einzunehmen.
Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des
Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit
vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln,
Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit
Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte,
bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er
nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das
Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum
daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr
herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und
muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten,
linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende
Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da
der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal,
wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche
hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen
Theil haben und notirt alles gut auf?"
Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris
hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus
diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon
wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte
und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel
Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen
Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte.
Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von
der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten,
welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:
"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und
geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt
würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die
Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend
gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein
Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in
Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt
derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat
mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin
schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen
der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich
zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will,
wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen
und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den
Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan
noch, _der_ brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats
im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm.
In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den
Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"--
Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige
Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine
Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete
sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb,
wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden
und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das
Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein
Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.
Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es
sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter,
aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann
sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.
Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika
drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und
dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders
zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren
und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten,
der Pariser sei an die Unrechte gekommen.
Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus
Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der
Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den
Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie
man mit Weibern fertig werde.
Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes
mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit
ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude,
ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im
Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und
selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten,
hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom
Kirchhofe herab ins Thal schaut.
Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und
diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder
von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen,
sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.
Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und
ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue
Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit
überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle
Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für
fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht,
welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die
günstigsten Bedingungen festsetzte.
Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor
dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für
sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl
würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts,
was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu
Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen
Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget
hätten.
So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem
frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der
Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen
Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der
Blüthe seiner Jahre zu Grunde.
Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin
mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark
ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie
die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei
ihr gefunden.
Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand,
daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der
jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen,
als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser
Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute
ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit
eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem
fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so
toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger
die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte
aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer
auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir
alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei
ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der
Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der
Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel
an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.
Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert
ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas
grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für
ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im
Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.
Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen
tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer
Erklärung.
Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern
sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.
Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die
Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz,
denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das
Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt
kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.
Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen
zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm
großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug
ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt
und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und
Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.
Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen
Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen
geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und
folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.
Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach
der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche
er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer
Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein
dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen
Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden
Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's
Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die
Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.
Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße
geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu
befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er
nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß
nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.
Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene
Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und
näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande,
Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen
Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!
"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen,
lieber Herr? Ich muß doch leben!"
"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr
wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es
wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter
eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem
Diener winkte.
Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser
den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein
viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.
Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine
kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte
in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten.
Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen
Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese
den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften,
obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute
boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht,
woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und
zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm
statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube
geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein
abzog.
Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der
Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh
genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte
und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren
alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig
gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er
oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort
der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im
Zuchthause gehockt!"
Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später
einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist
auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle
ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus
der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches
Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern
von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen
Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte
eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.
Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert,
mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt.
Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit,
welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er
freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen
zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz
ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der
Gemeinde zu verzichten.
Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und
verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen
gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten,
waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.
Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten,
die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der
Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause
anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden
und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die
Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er
niemals zu übertreten hoffte.
Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige
Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen
habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden
der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein
kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.
Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit
rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst,
wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein
verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering
scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.
Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von
Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven
Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als
Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.
Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr
Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen
langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder
noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die
Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn
aus der Emmerenz geworden sei.
Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des
menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen
ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die
Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben
anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht
geantwortet.
"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und
sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß
man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr
recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei
gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige
Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln
ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.
Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich
seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle"
jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines
Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen
müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines
Zuchthäuslers.
Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des
Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib
und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode
nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der
Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren
verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten
wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da,
an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen
er wünschte und dies that ihm wehe.
War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme
unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?
Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er
Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den
Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über
die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der
Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil
er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie
ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles
laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß
der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen
Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm
bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei
jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.
Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit
Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet.
In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten
zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde
Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die
Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den
Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem
nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom
Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern
vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als
einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.
Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und
noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf
an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen
lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute
jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth
an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im
Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe
dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog
aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres
Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht
daheim gewesen.
In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne,
obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler,
welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht
komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr
gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man
vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein
fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges
Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein
betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter,
Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals
copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und
sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder,
der als Knecht bei ihm diene.
Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine
große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle
und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause
zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller
zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde
das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.
So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer
bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern
nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach
Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die
Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer
lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke
Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.
Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner
der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch
christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten,
Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der
vielgepriesenen Berserker.
Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah
denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar
nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken
fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie
sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder
ganz ruhig und still zurück.
Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen
schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare
Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie
leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie
verloren.
Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst
her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler
durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:
"Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall
heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und
glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute
sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen
müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann
recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich
wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit
und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete,
während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am
bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth
hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater
und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf."
"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen
Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie
selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns
Beiden zurück ließ."
"Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein
alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen
doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht
wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles
anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler."
"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste,
sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte
Freundin
_Emmerenz_."
"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth.
"Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und
ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es
nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!"
"Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher
Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich
ihnen doch nicht schenken!"
"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn
ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes
zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen."
"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir,
bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an
Dir fehlte.--Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und
Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4
Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger
und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh,
daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen
Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?"
"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich
leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße
werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt
und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der
Spaniol."
"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch
droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem
Lächeln sein Braunbier.
"Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin
ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor
lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe
verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke,
so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder
nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten
Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers
Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals
Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische
Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt
jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere
wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst
jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte
Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich
ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer
ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!"
"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und
Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie
wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt
andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke.
"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan,
von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir
Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar
merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich
der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so
lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt
werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat
auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt.
Was bin ich schuldig?"
Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes
hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen
Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.
Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzählte Vieles dem
Zuckerhannes und dieser wurde über Alles, was er vorbrachte, so entzückt,
daß er demselben antrug, ihn über die Steig hinauf zu begleiten.
Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte
auch, daß er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen könnte, der
Hannes säumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung
begann.
"Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?" ließen sich Zwei
ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bären standen.
Der Fremde hörte es, schielte nach dem Begleiter hinüber, bemerkte, daß
dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter.
"Hat _der_ wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im
Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!" flüsterte später ein
Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorüberzog. Der Fremde
machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Höhe, von wo der
Tannenwald finster und schweigend herabstarrte.
"Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes muß Dich holen!" rief ein Kind dem
kleinen Brüderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause saß und
ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken
im vollen Laufe ins Haus hineinrannte.
Dem Zuckerhannes standen Thränen der Wuth und des Schmerzes in den Augen,
er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen.
Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte:
"Hört, guter Freund, Ihr könnt es mir nicht verübeln, wenn ich mich für
Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdächtig finde. Als
Handelsmann muß ich in gute und schlechte Wirthshäuser, die Wirthin da
drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht.
Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen
lassen darf? Seid Ihr's, dann laßt Euch nur nicht träumen, daß ich Euch als
Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!"
Große Thränen quollen dem Armen über die Wangen, krampfhaft gab er dem
Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme:
"Nichts für ungut! ... Herr! ... ja ich bins!" und ersparte sich eine
weitere Beichte durch rasches Umkehren.
Kopfschüttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. "Ja,
es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!"
und zog rüstig seine einsame Straße weiter.
Der Tag, an welchem der Hannes Gewißheit erhielt, die Emmerenz sei für ihn
verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden,
welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen
er sich bei der Pflegemutter antrank.
Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm
vergangen, er faßte den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken für alles
Andere zu entschädigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft
durchzubringen.
Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth hütete sich sammt dem
Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen.
Völliger Müßiggang widersprach der Natur des Unglücklichen, er verrichtete
Hausgeschäfte für die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast.
Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, düstere Mensch lebhaft,
zärtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nüchternen Zustande
zu sein schien. Wo er saß, mußte es lustig zugehen, wollten die Gäste nicht
aufthauen, so ließ er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte
es nicht fehlen, daß er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche
Freunde fand, welche er im Rausche für die vortrefflichsten und
verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gemäß bewirthete.
Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die
Pflegmutter an den Vogt und ließ sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil
er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Bärenhotel.
Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht,
er staunte zuweilen über die Rechnung und faßte gute Vorsätze.
"Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei große Thaler, welche Dir gehören.
Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr.
"Zunächst müssen die drei Thaler fort, damit ich weiß, daß ich Nichts mehr
habe!"
"Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?"
"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach
längerem Besinnen.
Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in
kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig
sei und verwendet werde.
"Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so
ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit,
wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so
gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch
nie gelebt!"
Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die
alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit
leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.
Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und
menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht
gut bei den "Großköpfen" angeschrieben stand.
Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der
Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen
liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher
mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers
jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes
in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern
duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo
suchen, wornach er gelüstete.
Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des
Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast
mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein
Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der
Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand
sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu
besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit
dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben
sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser
ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als
Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch
Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so
vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel,
strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders
Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und
weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.
Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in
diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der
Zuckerhannes ein Träger der Cultur der "großen Zukunft." Von ihm selbst
nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge,
dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag
Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht.
Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen
Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr
gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten
Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute
berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den
heilbringenden Westen.
Wozu ein wüstes, liederliches Leben genauer schildern?
Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und
der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen
Grund, ihn deßhalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hörte, Schlechtes
endlich selbst ausübte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche
seinem ursprünglich heftigen Temperamente und der Natur des Bösen
entsprach.
Sein Leben nach der Entlassung drängt zu wenigen Bemerkungen.
Erstens nämlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Sträflinge in
ihre Heimath treibt, deßhalb für unzweckmäßig, weil es in den meisten
Fällen bei weitem mehr schadet als nützt und die Quelle manches Rückfalles
wird.
Zweitens möchte man Entlassene auch ferner polizeilich überwachen, weil
dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die
allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsänderung und Besserung der Menschen
einigen Einfluß übt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen
als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und
menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer
Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten
aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen _Vereine für Entlassene_
von Neuem begründen.
Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur
Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine
Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einfluß auf seine Gesinnungen
und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne
arbeiteten, wenn sie nur Beschäftigung immer fänden, ist es ferner eine
Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit für Arbeit anzuweisen oder dieselben wo
möglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umständen auch
einen Galgen finden.
Weßhalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekümmern, denn um ehrliche
Arme? Weil Entlassene gefährlich gewordene Arme sind, die weit leichter als
andere Menschen sich zu Verbrechen hinreißen lassen, insbesondere wenn sie
des Glückes der Gesellschaft anderer Verbrecher längere Zeit theilhaftig
geworden.
Drittens endlich hat der _Stifter der Gesellenbunde_ den besten Weg
gezeigt, auf welchem den Grundübeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag.
Wer ist den Hetzereien und Wühlereien gewissenloser Demagogen und
politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der
kleine Handwerker, der Mittelstand überhaupt, scheint zum Opfer des
gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer
Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gänzlich verschwinden
zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital
arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und König einer neuen Zeit empor; den
Kleingewerben vermag der edelste Fürst, die wohlwollendste Regierung nicht
mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des
Proletariats zu verhindern.
Hier kann zumeist nur Gott und können nur die Einzelnen selbst sich retten,
indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemüthes
durch ihren Frieden, die steigende Genußwuth und Verdienstlosigkeit durch
Genügsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch großartige Maßregeln
christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt.
Ein Mensch ohne Religion ist ein unglückliches Geschöpf, wird zum unseligen
Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften
und das um so eher, je mehr der Druck äußerer Verhältnisse auf ihm lastet
und je unselbstständiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung
dasteht.
Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen,
Ihr Mächtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nöthig, für
Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll
Flüchtlinge beifällt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes
furchtbarer Armeen und rücksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen,
Ihr habt alsdann auch nicht nöthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer
Enkel Zukunft zu bedenken.
Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den
Verschwörungsplanen derselben offene Gesellschaften der Söhne des Volkes
entgegen, in welcher ein religiöser Geist auflebt und in _diesem_ Falle
einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit
vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die
Revolution, diese Ausgeburt der Hölle!--
Pflege eines religiösen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von
Gesellenbunden und Vereine für Christianisirung des Proletariats sind
allerdings Anfänge zum Bessern, aber auch nur Anfänge, zu welchen bittere
Erfahrungen hindrängten.
_Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Städten und auf dem
Lande in ähnlichen Vereinen_, sorgt für angenehme und nützliche
Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath
und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Sünden, Laster und Verbrechen,
welche unter den Dächern der Dienstgeber, in Wirthshäusern und Tanzsälen,
in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die
Gesellschaft zurückfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und große Mühe
sind des heilbringenden Zweckes würdig, Ihr befestiget dadurch das
zeitliche und ewige Glück der eigenen Person und der Nebenmenschen!--
Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher
gründlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religiösen Zuständen
aussieht, wie weit die Fäulniß der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die
Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewiß nicht für Eingebungen der
Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich stützende Schilderung
des Lebens, Denkens und Fühlens der Gefangenen für keine Uebertreibung
halten.
Kennt doch ein ehemaliger Revolutionär die Revolution und ein ehemaliger
Gefangener seine Leidensgefährten wohl genauer als mancher Andere!--
Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und müßig in den Tag hinein, versank im
freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, daß einige Briefe,
welche der Duckmäuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben
kein vollkommen verwildertes Gemüth und einiger Sinn für ein ehrbares,
sittliches und religiöses Leben heraussprach.
Er beantwortete den ersten, zerriß den zweiten und ließ den dritten bereits
ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz
zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude
und aufhörte, demselben Etwas zu senden.
Die Elsbeth wußte stets woran sie war, fand es allgemach räthlich, andere
Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner
Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten
Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestüme Gläubiger auf dem
Halse hatte, fing die Wirthin schwere Händel an, der Zuckerhannes mußte mit
dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mißhandelte und
lebensgefährliche Drohungen ausstieß und erhielt wiederum eine
mehrwöchentliche Gefängnißstrafe.
Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last
fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genußflucht ließ
ihn nicht ruhen, er würde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen
haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Kräfte waren sehr
geschwächt, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben,
hatte er durch ein qualvolles, zügelloses Leben in sich selbst zum
Entwickeln gebracht.
Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er längst
nichts mehr, aber der Menschenhaß erwachte vollends, als er erleben mußte,
daß dieselben Weiber und Saufbrüder, denen er so Vieles angehängt, ihm den
Rücken wandten, sich verächtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten,
nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen.
Der Vogt spielte längst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale
fand er Aufnahme, er mußte der Gemeinde übergeben werden und sollte ein
elendes, entbehrungsreiches Leben führen. Dies überstieg seine Kräfte; der
einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und
Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thüren zuschloß und sich
fürchtete.
Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache
zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum
Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie
wohlhabende Bauern und Bäuerinnen, welche aus Respekt vor derartigen
Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten für
den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem
Kameraden fänden das einfache Mittel für Verbesserung ihrer Glücksumstände
in außerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der
unermüdlichen Behörden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden
Korbmacher zu bringen.
In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am
Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre
Wirthsstube verboten und ihn zurückgestoßen hatte.
Der Brand des steinernen Häusleins wurde bald und glücklich gelöscht, der
Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdächtige Pflegsohn wurde
festgenommen, der Brandstiftung halb und halb überführt und zu einer
langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles
wegläugnete.
Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nämlich den Spaniolen, der seiner
Wuth ob dem alten Betrug gleichmüthiges Gelächter entgegensetzte und Martin
den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tödtung im
Affect eine 15jährige Freiheitsstrafe eingetragen.
Der Duckmäuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang
ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mühsalen desselben
ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein _Christ_, sondern als der
_Zuckerhannes_ gestorben.
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