Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange

in Verhören herumstehen zu müssen; schlafend wird er sein Urtheil anhören

und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten

der Zuchthäusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben

stark beeinträchtigen.

Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des

schwermüthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der

Unglücklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhält

sich mit dem einäugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz

unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in

sein Winterquartier, nämlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher

erhalten wird.

Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten,

Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der

schöpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher

den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger

einmal verkörpert und die äußere Gestalt den innern Anlagen vollkommen

entsprechend gebildet zu haben.

Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was

er sieht und hört, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung,

welche ihn auch in dieses Kellergewölbe gebracht hat und voraussichtlich zu

einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wüste Lieder, gemeine Zoten,

unzüchtige Erzählungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind

seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er

redet.

Anfangs entleidete sein Geschwätz und sein Gabahren [Gebahren] einigen

Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen

sie ihn reden und hören nicht mehr darauf. Von Natur schwächlich, feige und

furchtsam würde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des

Indianers oder jedes Andern für einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der

einäugige Stoffel nimmt stets eifrig für das Affengesicht Parthei, der

Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Sünde und Laster

grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser

als Talmud und Bibel, erzählt gerne pikante Histörchen, um anderer

Quälereien los und ledig zu werden.

Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schüler des Affengesichtes

geworden, dem unerfahrenen, täppischen Zuckerhannes ist in diesem

dämmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht über Leben und Lieben

aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein,

doch reift in ihm auch der Entschluß, seine Dummheit zu verbessern und wenn

das Affengesicht, der Moses oder der Einäugige etwas vorbringen, was nicht

schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, paßte

er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewöhnlich um ein baldiges %da

Capo%.

Während er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es

im nächsten Käfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berüchtigtste

Weibsbild des Städtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses

Lied, während eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich

noch ein bischen vor sich selbst schäme.

Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes

verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall

zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekümmert

weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schüttelt den grauen

Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er

mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum

allgemeinen Besten in der Nähe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand

am dünsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er preßt seine

aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und führt ein

Gespräch mit dem Liesle, über dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und

welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelächter der

zuhörenden Weiber und Männer unterbrochen wird.

Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls

hinüber, doch seine dumpfe, krächzende Stimme wird nicht verstanden; der

Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die

Antwort ist ein Gruß und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher

sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hält, der Zuckerhannes mit einer Art

von Stolz und Freude vergnüglich umherhüpft.

Endlich klirren Schlüssel, Gespräch und Gesang nehmen für diesmal ein Ende,

um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!----

So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Männer sich unter

Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefängnisse Schulen der Unzucht

bleiben; Kerkermeister und Schildwachen können beim besten Willen nur wenig

verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und

Züchtigkeit?

Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter"

Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind

schon oft genug mit Ehebruch und Mätressenwirthschaft der tollsten Art

vorangegangen--doch _der Staat_ soll den Uebertretungen des sechsten

Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies überall, wo er Leute

verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen

Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch _Leute verschiedener

Glaubensbekenntnisse_ sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am

allerwenigsten Juden zu Christen.

Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach

in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schön und recht wünschenswerth

finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfüllung

wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je

entfernt sind.

Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fühlen und

Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln,

im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder für

das "reine" Menschenthum wüthen. Man haßt nicht sowohl seine Religion, denn

seine Irreligion, nämlich die gemeine Habsucht, die spitzbübische

Schlauheit, den tiefgehenden Haß gegen das Christenvolk und den Fanatismus

des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Büchern aller

Art zur Schau trägt, während das mit greifbaren Dingen schachernde Israel

das Volk arm und elend macht.

Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich

entgegengekommen; ihr Haß gegen die Christen hätte vielhundertjährige

Berechtigung, wenn der Haß überhaupt jemals berechtigt sein könnte, doch

worin wurzeln die ersten Ursachen der betrübenden Feindschaft zwischen

Juden_menschen_ und Christen_menschen_? Verschiedenheiten der Nationalität,

Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfüllte Fluch

Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwüste Arabiens, dann zu den

Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wüste eines fremdartigen Völkerlebens

verbannte, erklären die trübe, schwermüthige Geschichte des auserwählten,

tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes.

Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden

wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel

zur Verbesserung der Lage des unglücklichen Volkes zu sehen als das

Sichselbstaufgeben und Bekehren.

Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke

kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch

der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner

Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.

Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art

verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen

drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei

ergriffen und _daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine

Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von

welcher die Gesetze nichts wissen wollen._

Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum

Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen

Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als

halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt

hatte.

Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten"

Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner

Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger

Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von

besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden

sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand

in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche

mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles

Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine

Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs

auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er

die Leiden des Kerkers.

Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei

heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen

Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel"

oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus

Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der

Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich

von "unsere Lait" kreuzigen ließ.

So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt

zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist

auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht

schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling

ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.

Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die

finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul

hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen

gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende

Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten:

"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche,

spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du

Tropf!"

"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes

gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!"

Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der

sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in

Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn

nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend

dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck

verschafft hätte.

"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er muß in den Schooß Abrahams

und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen.

"Graußer Gott, kümm ich gegange zu gain in de Taud! ... Laßt mich gain ...

gain! ... As ich klag beim Polizeicumisär, ist er doch aach von unsere

Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ...

uh ... Laßt mich gain, ... Zuckerhannes!" ...

Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende

Zuckerhannes den geängstigten ächzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol

mit seinen Fäusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegriß, indem er

schrie:

"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die

Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die

Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lärm um Nichts! ... weg da,

Jean de sucre, par Dieu!" ...

Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und

schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine

besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht,

der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft

heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt

still und erbittert in einem Winkel und schwört den "Göjims" im Herzen von

Neuem Rache und Haß.

Er wußte schon, daß eine Anzeige ihm wenig nützen würde, weil Alle gegen

ihn sprächen, wohl aber sehr mißliche Folgen für ihn nach sich ziehen

könnte und beschloß, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch

Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn.

"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzählen, thue

es jetzt. Es hat zwar draußen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es

dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte

wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten

Manne, dessen große, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl

umherwandelt.

"Oui, je suis prêt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte

und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich über meine Geschichte nach, ich

will sie so gut erzählen, als ich vermag und _Das_ will ich Euch sagen,

_wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige

Zeugen genug nennen._ Ich lüge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann,

doch Euch lüge ich nicht an, es wäre nicht der Mühe werth. Zudem kennt der

Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den

Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter

Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! _Du_ besonders sollst Deine

Judenohren spitzen, denn ich _bin ein Evangelischer_ und _Pfaffenfeind_,

frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine

Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine

Spöttereien will ich auch nicht mehr hören!"

Alle Zuhörer kauern auf ihre Strohsäcke, der Paul will erzählen, wir geben

dessen Lebensgeschichte mit wenigen nöthigen Abänderungen, wie er sie

selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem

Spiele.

_Die Geschichte des alten Mannes._

"Es ist eine hübsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige

Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glücklich sein, nämlich vom 70.

Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil

Alles so pünktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch

dieses eintreffen.

Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jüngste Sohn eines Stabstrompeters,

welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und später vom Churfürsten

Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt.

Als ein Büblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich

mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an

diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich

Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brüder waren als Soldaten fort, die

Schwestern verheiratet, ich mußte in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde

dort erzogen. Später erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als

Geselle drunten in der Pfalz.

Verwandte von mir lebten über dem Rheine und dort regierten damals die

Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herüber, klagt mir ihre

Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte

ihr an die Hand gehen außer dem ältesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre

alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und

der General hatte der armen Frau fürchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn

nicht beischaffe oder einen Mann für denselben stelle.

Jetzt weinte sie mit mir über ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch

damals schon so groß war, wie jetzt und so stark, daß ich alle Webstühle

hätte zusammenschlagen mögen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte,

dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Prozeß, ging mit der Base über

den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit

Freuden angenommen und zum 16. französischen Linienregiment eingeteilt.

Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht

von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu

bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln

verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in

die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze

liegen und wurde gefangen.

Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe

eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und

besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel

mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.

Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir

schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen

uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof

hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten

vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir

nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen

Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal,

der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter

der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt.

Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug

und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner

diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen.

Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch

das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich

langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder

gelangte ich aus dem Graben ins Freie.

Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror

Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg,

ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich

nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf

allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern

und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain

hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief

im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige

Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß

ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei

bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof

ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das

Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem

Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht

nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben.

Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo

es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein

Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet

erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals

zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen

laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es

gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr

eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor

dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir

das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es

denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu

sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben

wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur

lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch

herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps,

als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen

Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett,

betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein

Wort verstanden.

Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher

Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt

sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht

fast dazu.

Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich

wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer

Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich

ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen.

Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins

Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen.

Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann

derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an

einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann

Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel

Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie

ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren

mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.

Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim

gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie

mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis

Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den

Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem

eisgrauen Gottesmanne.

Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus

mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er

sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.

Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern

Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du

deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen

verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der

Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre

alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten.

Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage

erleben!"

Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum

recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung.

Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß,

auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles

wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu

holen, der Commandant aber schnauzte mich an:

"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat

oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten

Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir

Bedenkzeit!"

Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der

Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur

bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit

kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war.

Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"--Nein!

--"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!"

Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es

auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig,

hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich

ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen

Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht,

der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden

hätten!

Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur;

derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend

und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den

Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die

Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein

Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst

bis morgen bei mir bleiben!"

Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte;

zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich

ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher

betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch

halbtod prügeln werde.

Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege,

welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich

ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide

bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch

viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große

Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für

eine halbe Compagnie.

Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich

sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus

zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer

Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze

Apotheke durchgebraucht gehabt hätte.

Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld,

sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst

übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages,

ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und

ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in

der Nacht erfrieren können.

Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können,

blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser,

sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und

Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles

so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem

Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein

Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.

Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim

Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu

begleiten.

Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte

nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben

mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort

unter die Soldaten anwerben zu lassen.

Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste

Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben

und frage, ob ich über Nacht bleiben könne.

Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.

Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause,

sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld

als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's?

der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.

Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst

hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager

und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch

er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister

heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen

Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.

Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24

Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das

Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich

beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.

Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen

wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen

waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen,

weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am

Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum

Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf

uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf

geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf

eingeliefert.

Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte

mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen

hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere

Vorwürfe.

Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der

Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach

der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß

nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem

Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch

bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz

gewaltig.

Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen

die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort:

Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben

schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir

schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem

Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig

blutete.

_Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen

vieler Herren und Damen der Stadt._

Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins

Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war

mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte,

in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die

Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte

ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch

dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf

halt auf dem Rücken keine Maden geben!"

Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt

erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren,

wenn es mir auch das Leben kosten sollte.

Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben

konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine

Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich

trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen

Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste

ernsthafte Bekanntschaft an.

Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften

anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei

ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und

Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für

dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht

heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!"

Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu

bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten,

Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht

sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört,

was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie

allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es

mit der Marie im Mohren gut meine.

Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und

sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie

selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten

sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen.

Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern

ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein.

"Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"--"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn

ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"--"Nu, nu, Alterle!"--

"Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ

mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"--

"So, so!"--"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die

Meinige!"

Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt,

der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches

Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben.

Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus,

worin Muck arbeitete.

Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es

Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und

sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"

Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine

Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch

nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles,

stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie

ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn

wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen

Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche

im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag

fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.

Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus

Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name

nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die

Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu

lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt

werde.

Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause,

es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt

oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im

Gartenhause zu Jägerndorf denke!

Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres

Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich

Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und

mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu

vermeiden.

Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau

wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden

Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer,

ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten

hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon,

daß wir Deserteurs seien--er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe,

spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog

denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns

ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie

die Rehe dem Walde zu!

Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien,

denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag.

Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den

Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der

Stadt seien und kamen unangefochten hinein.

Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein

Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem

Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen.

Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn

die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst

im ärgsten Rausche nicht vergaß.

Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir

gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune

Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe.

Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment

bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend,

dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine

Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier

müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.

Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und

verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das

Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der

Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich

Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei

den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem

Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu

lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden

Handgeld.

Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf,

doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich

zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet,

zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und

begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe

ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber

die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger

mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt

vielleicht schon daheim.

Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich

sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht

verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"

In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal

noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in

Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke

Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer

mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den

Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte

mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn

ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen.

Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß

sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich

auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest

verherrlichen sollte.

Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte,

sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen

fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte,

wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht

schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim

Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.

Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn

zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand

jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine

besonderen Absichten.

Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit

einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag

in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der

Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt

wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß

eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle

dazu.

Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und

gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn

ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der

dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren

arbeitete und allen Soldaten bekannt war.

Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks

Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die

Karte?"--"Hier!"--"Woher die Karte?"--"Von dem und dem!"--"Kennst du den

Soldaten?"--"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf

wird denselben wissen!"--"Arretirt!--"

Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein

Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten,

der in der Moldau ertrunken sei.

Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf,

als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts

wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe

mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei

meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör

gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im

vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"--"Weßhalb?"--"Schon im ersten

Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche

dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben

und meine Sache dem General vortragen."--"Glaubst du, es sei dir zuviel

geschehen?"--"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"--"Glaubst du

nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"--"Freilich

glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"--Jetzt meint

der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür

sind wir auch da!--Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so

pfiffig gemacht!--"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich

auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem

den Buckel blau zu schlagen!"--"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom

Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber

angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht

in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du

nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"--"Nein!"--Jetzt

sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn.

Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst

in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem

Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"

Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren

lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder

eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3

Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"

Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut

bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er

meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon

gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es

heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich

es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest

dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern

desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!"

Ich dachte, _du_ hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.

Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten,

Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als

sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die

Offiziere gefüllt hatte.

Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln

beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire

und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein

Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze

sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber

und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in

Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht

mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine

Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem

Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben

und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und

brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück.

Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski

die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum

Rasiren ging, aus Prag hinaus.

Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich

warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen

sollte, war schon in der Nähe!

Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich

bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des

Landes?"--"Bin bei Eger zu Hause!"--"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!"

--"Warum nicht?"--"Hm, hm!"

Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien,

ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die

Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich

bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im--Staabsstockhaus.

Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte

darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur

für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab!

Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins

Regimentsstockhaus und ins Verhör.

"Woher die Zivilkleider?"--"Mitgebracht!"--"Dann?"--"Im Wolf, dann bei

der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"--"Dann?"--"Auf dem Leibe

unter der Montur!"--"Die Montur?"--"Hinter einem Gartenzaune!"--"Wie kamst

du zum Thore hinaus?"--"In Civilkleidern und mit einer Karte!"--"Woher die

Karte?"--"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]--"So! Nun diesmal geht

es anders, Paule!"

Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen,

die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte,

freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich

um baares Geld alles bekam, was ich wünschte.

Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke:

"Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!"

Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden,

wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde

ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.

Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15

herab!--Gestehst du jetzt?"--"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"--

"Nochmals 15!"

So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ

ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte,

nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau

des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in

der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht

geschunden wurde!

Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.--

"Weßhalb keine Antwort?"--"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"--

"Bleibst du dabei?"--"Ja!"--Wieder 15 herunter!--"Gestehst du?"--

"Ich habe Alles schon gesagt!"--"Das Verhör ist geschlossen!"

Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht

für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in

Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen.

Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den

Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem

Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die

Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei

mir war.

Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.

Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden

verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth

noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben

würde.

"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin--"Wen Gott halten

will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"--"Ja, es ist arg!"

sagt die Margareth traurig--"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem

selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf

dem Exerzierplatze!--Am Sonntag wird's eingebracht!"--"He, 's wird

halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat--"Ja, Bruder,

wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"--"Aber die

Ordonnanz?"--"Können nicht Zwei zusammen gehen?"--"Ist schon oft

geschehen!"--"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch

österreichischer Bürger werden!"

Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu

dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich

bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause

hinaus.

Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei

der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm

versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so

durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn,

weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe.

Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren

und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.

Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen

würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum

Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit

6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte

die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit

milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten

sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht:

Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen

Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.

Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und

ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine

Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im

ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem

Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch

das Kind zu sich nahmen.

Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem

Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der

Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon

redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir

an den Augen abzusehen vermochte.

Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines

Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit

mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre

zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit

mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren

wäre--ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit,

den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.

Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf,

die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als

Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren

Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem

Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore

hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth

mangelte.

In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im

letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam

heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag

wegbrachte, wuchs unser Muth.

Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich

dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.

Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach

Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage

sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht

auf, geht zur Thüre hinaus und--kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er

gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein

Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei

ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich

mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe

ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte

auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien,

ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe

derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.

Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau

seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie

ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater

das Tanzen gelernt haben.

Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den

Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in

Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle

jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge

immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.

Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer

heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz

am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so

wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.

Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr

gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren

Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war.

Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr

Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum

Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.

Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken

Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß

ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen

mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren

Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein

Deserteur, aber ein Rekrute sei.

Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück,

der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner

meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär,

dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der

angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten

bekommen würde.

Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu

danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu

lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine

schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in

einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei,

das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die

Kaiserstadt.

Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen

Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm

essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch

einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben.

Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders

die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die

Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr

bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh

den Weg unter die Füße zu bekommen.

Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen

Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute

denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen!

Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen,

doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die

Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen

glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich

wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches

Regiment?"--"Deutschmeister!"--"Gut, du kannst jetzt allein gehen und

dich melden, dein Paß bleibt da!"

Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung

sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient

habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht

der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem

Bäckerladen und--vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf,

welche bisher auf mich geharrt hatte.

Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen

reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie

sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich

ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied

genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der

Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor,

der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis

zum Jahre 1852!

Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten

und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und

fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"--"Ebenfalls hier!"--"Wo finden

wir ihn?"--"Er hat die Wache beziehen müssen!"--"Wo gehts Abends hin?"

--"Da und da!"--"Gut, wir treffen uns!"

Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu

verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn

die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten.

Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den

Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß

ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle!

... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht

aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie

gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren

vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich

keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief

aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.

In der Nähe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach

Rom, um mich bei den päpstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch

Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefährdet

tief in die Lombardei.

Unglücklicherweise begegnen mir französische Soldaten, welche einen Trupp

Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe

gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepäck bei mir trug, besitze

nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, muß

eine Stunde weit zurückmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert.

Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbärmliches Gefängniß, wo 300

Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafür vom Ungeziefer beinahe

verzehrt wurden. Solchen Mühseligkeiten erlag endlich auch meine

riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus

auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwöchentlichen Leiden und

trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der

ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles

eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte.

Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhör. Ich sagte, daß ich wohl

kein Deserteur, sondern französischer Soldat beim 16. Regimente sei, der

nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte

mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich

befände mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin

und her, ich mußte noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche

schmachten, dann hörte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten

und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und

viele Italiener in seinen Reihen zählte. Es lag sehr viel Militär in der

Stadt, wir wurden zu den Bürgern einquartiert, aßen jedoch in der Menage

und ich hatte das Unglück, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu

kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwälsch ich kaum das

%No% und %Si% verstand.

Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer

hinaus, um zu fischen und ich ging gewöhnlich mit.

Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert,

meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe

keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich muß den

Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf

das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir

nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen

umherfuhr, ließ unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns

Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und

kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen.

Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und

verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach

kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im

Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhör vom Kriegsgericht zum

Tode verurtheilt!

Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nämlich daß ich

ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfüllung gegangen

und Du siehst nun, Mauschel, daß der Mensch sein Schicksal nicht macht,

sondern daß es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darüber bin ich

zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen!

Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und

wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wäre, würde man ein

ziemlich einfältiges Gesicht gesehen haben.

Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint.

"Wenn _Ihr_ nicht lügt, dann lügt Keiner mehr. Wie könnte ein Mensch in

kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!"

"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, daß man die

Erzählung für Erdichtung halten könnte!"

"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge

vorfielen, als die, von denen die Dichter träumen und schreiben. Soll ich

Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau

nennen? Von Italien, Spanien und Rußland, wo ich auch gewesen, wüßte ich

vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen,

doch Zeugnisse genug würde ich aufweisen können, wenn es der Mühe werth

wäre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe,

Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!"

"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer.

"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in _ganz kurzer Zeit_! seufzt

der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000,

zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut

accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die

damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus

ungebrannter Asche! ... Was später kam, will ich morgen sagen, so zwischen

9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt!

"Erzähle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige.

"Nein, für heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe,

ich habe mich müde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen

Pfifferling für meine ganze Leidensgeschichte!"

"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles

ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes.

"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von

Siebenzig, _dann_ muß mein Glück anfangen, es ist hohe Zeit,

siebenzigjähriges Leiden ist kein Spaß, ich habe noch wenig gute Stunden

gesehen und das Elend fängt jetzt erst recht an, Ihr werdets hören! ...

Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!"

"Ach, dein Bernardus ist ein Mährlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol.

"So gewiß ich jetzt da stehe und rede und so gewiß ein Gott im Himmel ist,

ebenso gewiß ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzählte. Es ließe sich

Alles beweisen, wenn es nöthig wäre, denn ich habe ein merkwürdiges

Gedächtniß für Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mähren

ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!"

"Ach, ich glaube, daß Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen

bist!" meint der Indianer.

"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewiß kein Jesuit, sondern von

Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich

weiß es selbst nicht, aber das weiß ich, daß die Pfaffen einen alten

Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an

der Nase herumführen. Laßt mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne

glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzähle doch weniger für Euch, als für

mich!"

"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die

Philosophen nichts träumen lassen, der Paule ist eine merkwürdige Person!"

murmelt der Spaniol.

"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich weiß es,

ich!" brummt der Paule.

"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen

helfen mit seiner Weissagung, ohne daß er dies beabsichtigte!" meint der

Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die

er vor einigen Augenblicken äußerte.

Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam näher und näher, man

vernahm das Gelächter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich öffnet

sich der Thürschalter, zunächst dringt ein kühlender Luftzug in diese

Jammerhöhle, dann werden die Suppenschüsselchen hereingereicht oder

vielmehr Schüsselchen mit einer unnennbaren Brühe, in der einige Brocken

umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen!

#DER ZUCKERHANNES KOMMT AUS DEM THURME.#

Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der

Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings

sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich

unruhig hin und herwälzten.

Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten

dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft.

"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben,

die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!"

"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges

Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch

kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich

her, wie in Mantua!" riefen Einige.

"Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit

Domino und Neunerstein abkürzen!" brummt der Spaniol.

"Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht!

... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war

Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause

gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel.

"Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst

auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen

gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der

alte Paule.

"Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!"

meint der Spaniol.

"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter

dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist

ebbes Rares!" versichert der Moses.

"So was läßt sich hören, Mauschel!" meint der Paule.

"Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich

an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht

braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die

Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle

abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie

wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!" erzählte

der Zuckerhannes.

"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn

und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an,

doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf

noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das

Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!"

"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder

nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte,

die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu

nichts Gutem!"

Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige

Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und

seine Geschichte fortzusetzen.

Nach einigem Bitten sagt der Alte:

"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer

Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und

die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden,

wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen

alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich

glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und

oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran

denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend

Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt

mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ...

Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich

je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein

gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht

thun!"

Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und

bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will

zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli

Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt:

_Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes._

Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern

behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar

nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch

und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben,

doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte,

weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar

Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache,

die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff

geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied

hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf

das schwere %travaux% nach Straßburg gebracht wurden.

Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft;

wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und

wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her,

mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon

erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen

Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich

wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808

kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in

Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.

Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien

war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die

fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles

Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich

keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und

unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles

die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen

Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen

Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die

Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins

Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen,

schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir

Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich

für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute

und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das

Hornberger Schießen!

Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß

ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere

auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins,

was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns

anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder

fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen,

die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen

Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der

grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig,

verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende

Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und

umbrüllt wurden!

Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken

durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich,

sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für

todt auf dem Platze liegen blieb.

Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen

und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß

ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.

Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde

erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das

Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu

mir zu nehmen.

Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich

nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er

lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich

dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag!

... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders

an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil

ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er

blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward

er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm

mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als

genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt

sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte,

wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm

nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele

Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in

welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte

und eine Wienerin zur Frau hatte.

Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau

konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann

immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach,

mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen

recht gewonnen hatte.

Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm

aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal

mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und

nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.

Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts,

denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein

pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah.

Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem

Pelzhändler nach Wien.

Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht

bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich

allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag

lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war

die Kugel für mich dreifach gegossen.

Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei

gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in

meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der

Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo

mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir

einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über

meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach

Heidelberg.

Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der

unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am

nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach

Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der

Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen

Drangsalen und über meine Rückkehr freute.

Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur

abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich

seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin

bestand meine einzige Freude.

Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger

betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu

einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht

lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich

beim 16. Regimente.

Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern

mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht

von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die

Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell

am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen

sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen

Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und

Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden

war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten

ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch

anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so

mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei

erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und

jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr

je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein

Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend

auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer

war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die

Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch

nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen?

Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu

sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon

wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans

Desertiren gedacht!--Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die

Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte,

zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich

nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht

wurde.

Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital,

das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an

einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder

hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.

Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück

wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und

bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede

Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren

lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich

erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner

Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.

Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern

lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren,

bis ich Arbeit erhielt.

Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath

und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und

Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber

auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.

Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer

Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld

anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging

es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte

Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur

zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und

liederliches Weibsstück.

Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um

mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen

Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme

Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und

Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange,

ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte,

zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht

hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden

Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und

mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.

Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten

herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern

Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich

einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke

Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir

zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.

Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm

abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das

Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und

blieb viele Monate sitzen.

Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit

alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals

ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir

redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren

Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.

Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat

redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser

lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der

mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste

versprach!

Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die

vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten

sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt

muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen

immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen

den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von

Karlsruhe aus also angeordnet würde.

Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in

die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug

verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn

Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute

seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie

auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es

Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die

Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre

Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie

Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die

größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen

feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius

nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und

rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken

darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein,

dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert

vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt:

Kommt Zeit, kommt Rath!

Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem

Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten

kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich

Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden

gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig

erkannt und freigelassen.

Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir

den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst

in die Klauen und sein erstes Wort hieß: "Warte, dich Lalle will ich zahm

machen!"

Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was

ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen,

wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben

versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt,

läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen

sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und

zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören.

Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn

drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und

ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige

saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte.

Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute

freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine

Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede

mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten.

Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte,

heimtückische Tyrannen.

Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es

damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen!

Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag,

mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. "Vor der

Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!"--"Nein, fülle Sie ihn, Sie hat

Ihr Wartgeld dafür!"--"Soll ich meinen Mann schellen?"--"Nur

zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!"

Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du

Deinen Sack füllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, _Du_ bist dazu da!"

Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht,

doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm,

wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen,

ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt

und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt

mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich

nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie

davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr

aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8

Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig,

der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"--"Nein, Du Mörder, ich habe nichts

mit Dir!"--"Wendet Gewalt an!" brüllt er.--["]Das werdet Ihr bleiben

lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten

mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich

schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage.

"Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!"

Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich

gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Weßhalb

den Gefangenwärter mißhandeln?"--"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen,

will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu

schlecht, als daß ich Dir antwortete!"

Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters

holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch,

weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das

Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte

meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu

melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben,

damit es das Hofgericht erfahre.

Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war,

als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.

Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus

einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und

Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und

vernietet jede mit einem Nagel.

Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der

Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und

Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet

hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser

mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt

ordentlich seid!"--"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie

auch tragen!"

Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden

einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der

ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der

Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende

Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt"

worden sei, daß er das Bett hütete.

Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich

wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen,

endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen.

Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: "Meine

Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"--"Du bist auch nicht sauber, Du

Tyrann!" schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und

ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene

Thüre herein.

Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will

mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen

sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich

antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!"

... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle,

voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen

Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf.

Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem

Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle

behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien,

welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie

dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation

reden sollten.

Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die

Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer,

nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres

Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.

Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich

wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.

Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet

sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs

ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel

los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle

gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde

mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und

verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun.

Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal

gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als

Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt

einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und

4 Wochen schweres Eisen.

Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben

beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in

2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde.

Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der

ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!

Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine

Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese

machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und

Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten

aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern

herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem

Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem

herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede

immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien.

Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab

vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der

"goldenen Gans," theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich,

ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.

Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt

zurück, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte,

gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme,

so möge ich sie im "freien Leben" erwarten.

Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der

"goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich

sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe

da--es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es

sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der

"goldenen Gans" gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet.

Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen

müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht

sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen

breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und

Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die

Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der

Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde

Zuflucht im Hause eines "guten Freundes."

Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen,

mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und

drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze.

Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich

wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum

Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister

herein: "Hat Niemand hier übernachtet?"--"Nein!"--"Ei, dort schauen ja

zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!" meint der Wachtmeister, macht

die Thüre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt

Ihr hier übernachtet?"--"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod,

ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich

hier so viele Leute kennen!"--"Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?"

--"Ja, ich bin schuldlos!"--"Das wird sich herausstellen, kommt nur

mit!"

Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing

erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß

Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit

derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem

Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen,

kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin.

Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen

Käfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und

sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern

so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!"

Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem

Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.

Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das

Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen

Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen

vermochte.

Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt,

alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von

den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen.

Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im "schwarzen

Block" sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der

Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich

vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man

Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam

auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte,

daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere

lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod

sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank,

diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein

Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem

Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals

solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug,

Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte,

wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen!

... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie

und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei

Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel

setzten.

Beide saßen im "schwarzen Block" und paßten, bis der Schlimmste unter den

Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein

geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und

beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war,

worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt

ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den

Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und

Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten

Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus.

Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da

steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die

Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen

diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein

Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein

Sack.

Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein

und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem

Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß

des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein,

schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück.

Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen

würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten

und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den

Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner,

jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter

Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen

achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die

Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen

Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft

ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen

in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!

Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer

gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug.

Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch

zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach

Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25

empfangen.

Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie

erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die

Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal

ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern

herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war,

fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt,

dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit

Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört,

einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von

der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur

Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre

Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten

jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester

verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten

nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in

unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht

weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen,

hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie

hinausgeworfen.

Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h.

in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.

Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien

abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und

sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen,

ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23

Tage bleiben.

Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des

sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und

hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten,

ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden

andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich

eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.

Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf

zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich

sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir.

Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte,

weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und

arbeitete.

Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir

entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht

mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch

schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich

schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich

kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan--ich hing mich

einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang

bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte

es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die

Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und

Gottesvertrauen ein.

Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur

scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.

Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam,

doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem

Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath

Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei.

Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den

Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.

Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter

Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine

Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange

Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu

verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen

zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem

Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen

erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort

und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus

einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit

und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner

Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte.

Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas

verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt

ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment,

welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo

auch einen Fuß verlor.

Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu

finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle,

so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus

reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und

versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde.

Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es:

"Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der

Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten

verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"--

"Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden

wenden!"

Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage

diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts

Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht,

sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.

In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht

lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt

mich bald nachkommen und reist weiter.

Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der

Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe

Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort!

Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne

Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.

Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig;

es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den

schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen.

Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn

zurück, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"--"Ich habe kein

Buch mitgenommen."--"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"--"Ich weiß von

keinem Buche nichts!"--"Fort, in den Brückenthurm!"

Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen,

weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens

würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"--

"Ist die wahr?"--"Mein Seel!"--"Ich wills gestehen, ich habe das Buch

genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!"--

"Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!"

Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht

frei und komme ins Verhör.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil · 第 7 / 10 题