Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und
herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren
sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht
ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne
Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch _als Ausnahmen_ sich stets
erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich
in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen.
Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen
und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas
ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.
Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit
schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar
nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute,
welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern
Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil
dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich
verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der
vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen
beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits
überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben
überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere
Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden
der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine
Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.
_Freiburg_, am Charfreitag 1853.
#J.M. HÄGELE#, Privatlehrer
#DER ZUCKERHANNES.#
#KINDER UND JUGENDLEBEN.#
Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die
Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern
Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn
nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern,
finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte,
könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei
verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und
arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder
machen.
Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.
Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu
verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und
Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen,
vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten
Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig
zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das
Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle
vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von
einer steilen Anhöhe herabschauen.
Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen
Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er
mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder
auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm
folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener
Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig
gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden
könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden
Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer
Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter
diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte
Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich
aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend
Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen"
und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.
Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen
dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich
vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche
weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr
unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen
bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder
unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo
Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott
gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der
stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den
sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die
alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie
keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.
Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung
ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug
bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das
Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind
froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des
Gottesackers stehen sehen.
Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu
nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien,
spricht das sonst so mechanische %miserere% und %de profundis% mit ganz
besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der
an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die
Tiefe sinke.
Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den
Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert
still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere,
die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem
Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der
Verstorbenen.
"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele
Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der
dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die
Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von
Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben
wollte.
Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu
überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren,
wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.
Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in
die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile
unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab
hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief
und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch
durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt
war.
Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme
Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte
bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat
thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das
Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war.
Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer
Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen
kühlen Grube der Mutter.
Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem
Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter
stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis
ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte!
Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen
Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen
Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit
traurigem Recht eine _Alltagsgeschichte_ genannt werden.
Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem
herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion
oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe
überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität
sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und
begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem
Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals
Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein
bischen herauszureißen.
Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib,
die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich
mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer
Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und
die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig
nicht übel bestellt.
Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die
ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer
Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und
schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an
einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr
Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker,
wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf
dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne
nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher
Woche mehr als sie brauchte?
Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas
gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes
Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der
strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen
Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte.
Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets
froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und
fand in diesem ihren besten Erdentrost.
Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der
Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine
handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist,
und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug,
aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches
brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche
später bitterlich bereut.
Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch
die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so
verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und
alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und
nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war.
Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht
ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die
wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine
schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu
dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der
Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den
stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.
Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme,
die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die
frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe
und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war
die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die
weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel
alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.
So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges
Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig
nach!"--seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger
und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese
nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja
sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott,
was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"
Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für
die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht
mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem
wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.
War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es
schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer
langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das
Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter
im Schwarzwalde geben konnte.
Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige
an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch
kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche
Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt.
Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war
letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses
Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten
auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und
Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges
Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld
machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr
Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere
Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.
Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht,
Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem
großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen
Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man
muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des
Gebirges nicht brauchen.
Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom
Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die
zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst
zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath
zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost
und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft.
Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis
Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele"
an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede,
Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich
Verdammten in der Hölle.
Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom
Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen
würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige,
hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr
ausgekommen sein.
Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz,
die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch
tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an
einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich,
kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen
Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden
zitterte.
Bibiane dagegen mußte Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch
Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits
arg nahe war, an die Möglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu
müssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie
Niemand verpflegen und lieben würde.
Unter solchen Umständen hätten sich die Beiden am Ende allmählig in
einander hineingelebt und an einander gewöhnt, jedenfalls nicht so bald an
Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wäre.
Dieser Michel, ein unschöner, großer, spindeldürrer Bursche, dessen altes
Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lügen strafte, war der Sohn
eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwöchentlich mit einem
mächtigen Wagen voll Getreide nach Zürich fuhr und dort im Adler wie in der
Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und
Fünflivren um sich warf, als ob es Bohnen wären.
"Wenn der Michel thäte, wie der alte Fesenfranz, dann würde es bei allem
Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heißen!" hieß es in der
Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank
wenig, spielte gar nicht und liebte außer dem Gelde nur noch die Weiber.
Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel
fortbetreiben, sondern sein Vermögen in ein Wirthshaus stecken, zunächst
mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf
die wohlfeilste Weise.
So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Bärenwirth an der Steig
und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche führte dieselbe am
Bären vorüber und weil die Base häufig Krämpfe bekam und dann jedesmal ein
oder zwei Fläschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter
der Woche den weiten Weg zum Bären, sah Michels Gefallen an ihr, hörte
dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle
Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den
spindeldürren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den
Nußbäumen bei einer gewissen Bürstenbinderstochter stehen sehen.
Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um
das Töchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute,
herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in
diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wüthen
der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschüttert geblieben und hatte
hundertmal ganz ruhig erwiedert:
"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich
habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du
hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das weiß ich!"--
Bibiane glich insofern der Bürstenbinderin, als auch sie durchaus keine
Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund
davon ein anderer war, nämlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die
Eifersucht.
Die alte Jungfer konnte stundenlang höchst lieblos über das ganze bärtige
Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung,
das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu dürfen und der
Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hübsche Bäschen werde noch vor ihr
unter die Haube kommen, machte sie rasend.
Es versteht sich von selbst, daß die Argwöhnische sehr bald erfuhr, weßhalb
Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bären gehe und als letztere
einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krämpfe in tiefer Ohnmacht und mit
dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nächsten
Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane
gleich einem Tiger zwischen das glückliche Paar und auf die Braut los.
Michel hatte bisher schöne Worte und Versprechungen, gräßliche Schwüre und
herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal
mußte er jedoch ein Einsehen nehmen und that es.
Brigitte übertrat die Thürschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem
Michel in den Bären, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als
solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht
und ein prächtiges, floretseidenes Halstuch dazu.
Kein Jahr später ist der Michel plötzlich aus der Gegend verschwunden und
lebt, wenn man dem Bärenwirth glauben wollte, in irgend einer wälschen
Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der
Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines
armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr
ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den süßen Mutternamen entgegenlallt.
Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Bärenwirth seine
Kellnerin fortgeschickt, die verführte und verlassene Brigitte zu Kreuze
kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die
tugendsame Bibiane stieß sie mit entrüsteten Fäusten aus dem Hause. Die
Unglückliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der
Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und
nach der Geburt des Hannesle mußte sie froh sein, bei einem Bauern einen
Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn
die schwersten Arbeiten verrichten mußte.
Der Hannesle blieb im Häuslein des Gestellmachers und gedieh leiblich,
seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsägliches; einer
uralten Sitte gemäß, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thälern
des Schwarzwaldes verschwunden ist, mußte sie als eine Mutter ohne Mann
eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet,
daß sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in
ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemüthe alles Zutrauen und alle Liebe
zu den Menschen genommen.
Der Mensch ist nur wahrhaft unglücklich, wenn die Religion kein Leben in
ihm hat. Brigitte war bei ihrem äußern Unglücke auch inwendig eine der
unglücklichsten Personen, denn daß alles Elend sie nicht besserte und zu
Gott zurück führte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle
bewiesen.
Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte ließ sich
bewegen als Haushälterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und--
beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig
denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich
Gras über den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der
Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale
herumgesprungen wäre, würde vielleicht irgend ein armer Holzschläger oder
ein Anderer beide Augen zugedrückt und nach dem "schönen Teufele" gegriffen
haben, um dasselbe heimzuführen.
Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran
sei, daß es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren überlegten, welch
abscheuliches Sündenleben oft unter dem Namen des Ehelebens geführt würde
und hätten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann
gegönnt, zumal das "schöne Teufele" zwar durch alle Mühsale kein rechtes
Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefährtinnen
ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute für lauter
Michels hielt und ärger als Gift, Feuer und Schwert scheute.
Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran,
welche am meisten Grund für nachsichtige, milde Beurtheilung in sich
trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit
erwiesen und dieselbe hartnäckig um so tiefer herabgesetzt, je höher sie
sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten.
Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten
Weiberzünglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit
Jahren unabläßig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die
gefallene Mitschwester vorgebracht hatten.
Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen,
der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben
durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht
zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base
Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft
herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet
hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und
Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.
Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der
Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig
brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren
bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu
jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch
stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch
die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer,
Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber
übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne
und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle.
Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden
versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden,
mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu
Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war
nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und
zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld,
welches sie sich am eigenen Leibe absparte.
Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben
niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen
haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus
freiem Willen.
Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll
Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich
lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem
Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit
ihren Leib durchwühle.
Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht
mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie
keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein
anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde
verpflegt zu werden.
Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre
irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die
Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott
zurückgeführt wurde.
Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus,
ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr
jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen,
welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte
Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte,
zusteckte.
Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen
für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht
ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines
elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.
Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal
nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer
Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den
verlassenen Hannesle zu trüben vermochte.
Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte
ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu
Christi willen nur vom Hörensagen kannten, und von einer gewaltigen
Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen
waren, den die Gebildeten hinter schönen Redensarten und einem mehr oder
minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen.
In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege,
doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens
störender Gast blieb sie fast überall und gerade die gar zu große
Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie kränker. Bald sahen Alle
voraus, daß sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange
mehr zur Last sein würde.
Allmählig genoß sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den
Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil
Jeder befürchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten
keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen
größere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals.
Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfündiges Pfarramt, dazu als
landesherrlicher Dekan mit viel unnützen Schreibereien geplagt, litt an
Gliederreißen, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch übertriebene
Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen führen, hielt mächtig auf
Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust
zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen,
schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu
belauschen und durch die Tröstungen der Religion zu erleichtern.
Sehr Vieles, was dieses 265 pfündige Pfarramt that und unterließ, unterließ
und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrühe von der Welt
Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jünger Christi, der nicht bloß
Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen
beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und
handelte.
Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschäften und bei der unbedingten
Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushälterin mit Verdruß aller Art
überladen, mußte er das Beten des Brevieres für einige Wochen abkürzen, um
der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hörte aus ihrem Munde die so
einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer
Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen
Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthüllt, auf denen sie nothwendig
wandeln mußte, um zu erfahren, was es heiße, Jesum Christum und Dessen
göttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein tröstender
Engel des Himmels, in dessen Nähe der Tod jeden Stachel und die Hölle jeden
Sieg einbüßte.
Am lebendigen Glauben des Priesters entzündet sich der Glaube der Laien, am
lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines
hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen
Lichtstrahl in die mehr trostlosen als tröstlichen Zustände der
"christlichen" Staaten!--
Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drückte derselben die
lebensmüden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr
möge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen.
Er kannte die Verstorbene, deßhalb seine Ergriffenheit während des
Begräbnisses.
Jetzt liegt die Bürstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im
halbzertrümmerten Sarge, die Herbstluft streicht über das einsame Grab, der
Himmel weint seine Thränen darauf und wie lange wird es dauern, bis
Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des
Schwarzwaldes?--
Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegängnisse nicht bei, aber er hörte
die Stimme des Todtenglöckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus
der Ewigkeit herübertönender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mögens
verantworten!" rief er, während er von der Arbeit aufstand und schlug
unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stüblein auf
und ab und als er zufällig in den kleinen Spiegel schaute, seinen
ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszüge sah,
schrak er zusammen, fuhr mit der Hand über die faltenreiche Stirne, als ob
er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes,
trübes Nachdenken und eilte dann in den Bären an der Steig, um die Grillen
mit Schnaps zu vertreiben.
Während dieser Zeit saß der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der
armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Häuslein des
Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in größter Gemüthsruhe eine
"Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen
worden war.
Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein
Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine
Entschädigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins
Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam.
Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des
floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt,
diese vor ihrem Tode der Bäurin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken
vermachte, wiederum geweint, doch die Bäurin gab ihm eine duftende
"Dinnelen" und er aß daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der
unbefangenen Kindheit.
Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal
und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der
Hannesle könne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur
reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr dürftiges Loos
und eine noch dürftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der
Sterbenden versprochen, für den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen.
Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft
magerer als eine der sieben magern Kühe des Pharao, der Credit heißt auch
nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein muß,
den Bündel zu schnüren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben
nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den
Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche
einer tüchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hörte immer just
da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht
mundete. Sie wollte ganz besondere Gründe für sich haben, um den Hannesle
nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten
Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt
verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von
allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche
den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser,
wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base dürfe
nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise
bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnißvolle
Gründe, auch kein Geld für den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen
anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege
und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrüge sich
nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schüttelte
der gute Vicar den Kopf und zog betrübt von dannen.
In diesem Augenblick glänzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er
andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu
Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken
Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden.
Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon längst
entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit
die Ehre des ersten Wortes gönnen wollen und deßhalb den Antrag des Herrn
Vicars erwartet. Der Hannesle möge noch in dieser Stunde kommen, er werde
in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heiße und weder an Leib
noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue.
Schon am nächsten Tage nach dem Begräbniß der Mutter wanderte der Hannesle
zur Sonnenwirthin und fühlte sich in der ersten Woche so glücklich, als
dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein
ordentliches Kleidungsstück auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im
Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht
vieles doch gutes Essen bekommt.
Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen
Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Büblein, die
Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine ächte Christin und am
allerwenigsten eine Erzieherin war.
Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl
gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten
Kellergewölbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel
wachsendes und vom Gärtner sorgsam gehegtes, beschütztes und beschnittenes
Bäumlein.
Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern
der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlösers zu dem
Menschengeschlechte entspricht und so häufig beide Arten von Liebe mit
einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, daß die
natürliche gewöhnlich die übernatürliche überflügelt und fast ganz
erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle beständig an
den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie
hatte zuviel liebreiches Gemüth, um dies beim Anblicke des hülflosen und
schuldlosen Bübleins, welches allein ihr die Aermchen liebend
entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener
Zärtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwärts sich richtet.
Eine arme Bauernmagd findet höchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen
Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig
geneigt, die Augen für die keimenden und wachsenden Unarten desselben
aufzumachen und wähnt, mit dem Rüthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus
dem zarten, jungen Herzen heraus.
Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die
"Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche über auf
Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verübt,
so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nähe saß, denn diese
kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und für das Bravsein zu
geben.
Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das
Pulver schwerlich erfunden haben würde, meinte Kinder seien eben Kinder und
der Hannesle müsse von andern Kindern genug leiden, so daß sie ihn nicht
noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine größte Freude an
den Unarten des heranwachsenden Bübleins und wollte sich schier ausschütten
vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich
spielte oder gar zornmüthig nach ihm schlug.
Wenn die Brigitte kam, wußte er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle
zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen
des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst
zeigte und dessen Gebahren sie hundertfältig an die eigene Kindheit mahnte.
Aus dem Häuslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern
arg bevölkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den
Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nöthige Futter und Gewand
beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am
Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten
anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch groß und stark
und gescheid genug, um Kühe und Geisen zu hüten, Reisig und Waldbeeren zu
sammeln und bei Feldgeschäften wie im Hause Hand mitanzulegen.
Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, daß der Fluch eines Geschlechtes
sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darüber hinaus. Der
Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern,
welche auf die Kinder übergehen und für diese keine guten Früchte bringen
können.
Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war
eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmüthig wie ein Kater,
naschhaft wie ein verzogenes Schooßhündchen und glich dem Michel höchstens
darin, daß er große Rührigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben
zeigte.
Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus
ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr
Christenthum berühmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen ächten
Christen und rechten Mustermenschen heranbilden.
Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch
kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib
und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem
ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im
Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen
worden.
Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe
zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst.
Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über
alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne
daß sie selbst darüber zur Einsicht kam.
Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre
Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten
ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen
Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und
stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil
Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich
nach ihren Kunden zu richten pflegen.
Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz
auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor
Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht
bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt,
so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut
glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen
Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu
Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an
Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.
Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf
machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam
und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen
Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in
Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des
Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die
Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht
wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu
sich nehmen.
Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht
bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen
haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre.
Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer
Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht
das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die
Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig
über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.
Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt
allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und
an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen
fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen
Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort
viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von
Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein
schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten
Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen
Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der
sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich
vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.
Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von _Hoffart_ so erfüllt, wie ein
ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer
wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch
frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen.
Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer
Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um
lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie
befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht,
diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu
bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie
ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte
und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne
behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim
und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.
Vom _Geize_ der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte
und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen
Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und
leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr
aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt.
Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine
besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte
und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere
Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht
übermannten.
Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht
zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit
er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß
sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten
Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie
ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu
üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen
mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode
behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die
Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die
große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und
ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen
sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer
Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.
Von der _Unkeuschheit_ der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu
erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie
hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit
blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst
zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes
merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem
Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die
Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie
ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine
Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum
patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so
wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den
dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.
Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen,
welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes
Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne
und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde,
allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es
Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein
kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die
Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das
Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle
betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe
werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner
"gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen
Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte
Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz
ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der
frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm
auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte.
Von Elsbethens _Unmäßigkeit_ munkelten und lärmten böse Zungen erst in
spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten
Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und
weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse
glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß
sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem
Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte,
allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler
vorausschickte.
Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die
besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur
Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit
im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich
die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe
eine Verkennung und Anschwärzung in sich.
Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum
eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen.
Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich,
sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der
Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh
herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu
vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche
freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den
Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen
vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den
Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen
und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches
sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten,
nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.
Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die
Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie
himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren
letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon
längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen
lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch
eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu
achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste
und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen
herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank
sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der
Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der
Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten
keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine
für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten
vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das
Wohl aller Menschen zum Himmel empor.
Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von
einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so
beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß
ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine
zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die
schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit
war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken
versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden
Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen
das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und
Zanksucht.
Zwar ging ihr _Zorn_ vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit
und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen
Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt
oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse
Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und
sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre
Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und
durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte
und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit
ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre
sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein,
wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil
trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen
verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das
Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und
Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.
Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames
Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm
nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die
Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die
ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen
Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen
desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich
zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden
wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle
verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch.
Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet
brachten, hielt Elsbeth den der _Trägheit_ und nimmermehr vermochte sie es
zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb,
welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte.
Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere
deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und
thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und
pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat
leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise
bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des
Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von
der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter
ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die
Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer
Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor
er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung
gebildet hat.
Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der
Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige
Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg
ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth
und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die
beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und
merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht
der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen,
Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen
mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.
Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im
Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der
Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu
verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine
Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes
Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.
Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken
Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene.
Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr
Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des
Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer
Todfeinde blutig gerächt haben soll.
Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen
gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen,
dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals
in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27
Jahren gelähmt war.
Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu
erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es
sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde,
nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder
gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei
unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme,
dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute
Meinung von ihr haben könne.--Andere berechneten, wieviel diese Zauberin
durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen
Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit
Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus
und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die
Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch
angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch
nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe
des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie
würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch
zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von
der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen
sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie
in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb
von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden
alter Zeiten abzubüßen.
Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen
halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der
Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene
lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin,
von der er schon Manches vernommen hatte.
In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges
Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder
überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren
und armseligen "G'häs" und:
"Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm,
aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!"
waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende
Geistliche von der Katzenlene hörte und dann setzte er sich, von einer
geheimnißvollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und
schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lächelnde Antlitz der alten
Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen.
Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glühten gleich
Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen,
die aus dem Gärtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch
das armselige Stüblein, der Vikar schaute in zwei große, helle Augen und in
ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer
höhern Welt hervorzubrechen schien.
Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hülfe
anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann
von dem irdischen Glücke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und
als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27
Jahre keine fünfzig Schritte weit von der Hütte gekommen war, nach einigen
Stunden verließ, trug er die Überzeugung mit sich fort, die glücklichste,
Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich
eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und
lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sei.
Für diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf
Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hülfe und
hat den jungen Geistlichen in der Erkenntniß göttlicher und menschlicher
Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen
Bibliothek vermocht haben würde.
Schade, daß wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schüler
besonders befassen dürfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine
Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben.
Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht
zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wußte er
bereits, es bestehe ein mächtiger Unterschied zwischen reichen und armen
Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die
Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht
gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider,
welche er im Vergleich zu seinen frühern für wahre Grafenkleider hielt und
dazu keine Schuhe, welche immer das höchste Ziel seiner Wünsche gewesen,
sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales
getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte.
"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den
besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlässig gekleideten oder
gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und
denselben als Ihresgleichen zu betrachten.
Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und
Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und
gäbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind.
"Vor Gott sind alle Menschen, Könige und Bettler gleich und die Menschen
sollen vor Allem Gott ähnlich werden!" hört das Kind, sieht jedoch in der
Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fühlt den
herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch
so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und
ist es Aufgabe Aller, gottähnlich zu werden, weßhalb machen sie denn unter
sich selbst so große Unterschiede?"
Der Hannesle hatte oft gehört, wie gewaltig der Gestellmacher über die
Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demüthig
derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm
begegnete und wie er ihr kein Wörtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er
daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr
redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthänigkeit schier
zerfloß.
Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam über Steuern und Abgaben,
Bettelvögte und Amtsleute, die spätern Pflegeltern und Andere machten es
ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich
blicken ließ, sah der Bube nichts als entblößte Häupter und demüthige Köpfe
und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder
gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause
und ließ höchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten.
Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten
etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer
Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen.
All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, daß die
Einen vieles Vieh, größere Häuser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr
Eigenthum nannten, schöne Kleider auch am Werktage trugen und mit Roß und
Wagen zu Markte fuhren, während die Mehrzahl kaum ein mageres Kühlein,
einige Geisen oder gar keinen Stall besaß, in Hütten hauste, die aus Stroh,
Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig Äcker und noch
weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an
bestimmten Tagen dürre Äste von den himmelhohen, stattlichen Bäumen
herabhäkeln zu dürfen, nur Einen Rock im Kasten führten und baarfuß oder
auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei
schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer
aufbrachten.
Der Hannesle dachte, Alles müsse so sein, wie es eben sei, richtete sich
nach den Erwachsenen und seine Gefühle wurden erst zu Gedanken, während er
in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn früh zu dem, was jeder
religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er häufig nichts davon
weiß, nämlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen
suchen die Ursachen des Unglaubens an allen möglichen Enden und Orten, beim
Hannesle genügte es, daß er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles
litt und ein bischen über das Leben und Treiben der Bewohner des Thales
nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu
bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben
fortschritten.
Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth
zukommen ließ, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich für besser und
höher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur
Schule, der Schulmeister hatte ihn höchstens dann seiner Aufmerksamkeit
gewürdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und
oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter
geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben hätten ihn
während der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein
"Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit
Schimpfreden und Steinwürfen verfolgt.
"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht
allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hände lief.
"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die
Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wußte, was ein "Bankert"
sei, so wußte er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und
weil die Hunde beißen und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu müssen.
"Die Buben meinens nicht böse, es kommt Alles von den Alten her, Gott
verzeihe es ihnen!" hüstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich
gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwürfe und Prügel thaten
wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott
denselben ohnehin verzieh, meinte der Mißhandelte, um so weniger Grund zur
Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfuß gingen und die
Herrenleute auf der Straße mit ihm anbettelten, haßte die
Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf
die Hülfe der großen Leute schier immer verlassen durften.
Jetzt wurde dies Alles plötzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im
Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkündigte, die Frau
Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schützlings, der Schulmeister
lächelte gnädig, die Schüler horchten hoch auf und Alles betrachtete den
Glücklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden.
Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe
trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein
Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit
"Gesindel und Bettelvolk" abgebe.
Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten
hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in
seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und
allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim
Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen
Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber
später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein
Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem
Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein
Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um
des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den
freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und
Sorgen wüßte.
Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu
bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer
spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem
spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.
Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern.
Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual
des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr
versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu
wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen
Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen
sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen
Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der
Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische
Trennen und Scheiden in größern Städten.
Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.
Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht
erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch
selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen,
weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und
war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen
herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es
fehlte ihm an Gespielen.
Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht
und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil
er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren
in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden,
Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu,
allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu
gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben,
ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden
Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie
verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!"
Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse,
doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig
niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in
gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als
Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er
die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.
Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen
seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele
hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke
Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle
erzogen.
Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein
Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste
und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der
Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum
Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als
den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum
Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten,
was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß
der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines
Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und
Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig
Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das
Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er
entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten
bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe
emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen
des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah
die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals
ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener
Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er
aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen
geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den
seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und
verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke.
Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes
Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum
Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat
er diese Lehre niemals recht erfaßt.
Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre
Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten
der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber
mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die
Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange
zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle
sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem
Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während
des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig
halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die
Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen,
Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er
nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme
Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme
Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte
anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu
widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er
die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen
habe.
Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem
Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen
müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung
aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die
Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat
verloren gegangen!--Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei
der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es
allgemach einerndten.
Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil
es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für
das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des
Himmels.
"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt
Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm
macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen,
daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor,
die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ,
dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und
Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen
denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der
Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte.
Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen
religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher
und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.
Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden
den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und
Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal
keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden
Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das
Christenthum.
Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich
leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen,
der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt
an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des
Christenthums über die heidnische Welt.
Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und
seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren
viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr
leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der
Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal
klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu
werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten
und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.--
Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber
einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er
in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit
kurzen Worten abmachen.
Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins
gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im
Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches
Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte
Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr
unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues,
niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren
ihm nicht recht gefallen wollte.
"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner
Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn
die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte
Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube
weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.
Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur
noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine
reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle
selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm
als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem
Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse.
Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage
zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich
mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen
brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth
Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin,
die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott
zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem
blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und
vorbei!--
Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth
übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den
Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die
Sache nicht mehr.
Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu
gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines
Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter,
ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen
Rolle.
"Komm, wir gehen zu _deiner Großmutter_;" spricht der Vicar an einem
schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die
dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung,
was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr
führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete.
Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen
einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt,
traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne
Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der
schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht,
weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch
unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört.
Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene.
War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der
Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre
Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie
schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem
Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie
mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch
später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales
und absonderlich die des Hannesle heißen?--Der Geistliche blieb eine
Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des
Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu
kommen und den Buben abzuholen.
Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren
wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine
neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu
Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat
die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben
verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die
Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben
der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende
Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das
fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar
und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht
mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der
Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen
empfand er täglich weniger.
Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als
der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der
Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise
machte, trug ihm bittere Früchte ein.
Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen
habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt
oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine
Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere,
setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem
Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je
musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein
schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.
Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein
anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes
mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein
zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe
Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen.
Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als
vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In
einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und
Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß
alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der
Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem
Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und
stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein
würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre.
Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und
ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die
Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war,
sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser
behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote
suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute
sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und
Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen
keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es
befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem
Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren
fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser,
Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter
genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er
allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte.
Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen
Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und
diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem
Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde.
Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und
diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin
die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den
Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter
Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden
Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch
keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.
Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging,
läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug,
um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen,
bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens
ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und
winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit
entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu
verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle
für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte
denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was
ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur
_"Zuckerhannes"_ rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und
Erwachsene.
Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und
hat denselben niemals wieder verloren.
Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube
geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn
boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe
sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der
Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die
Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth
und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der
Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das
Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.
Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in
der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute
Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.
Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte
jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen
und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte
in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen,
verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden
Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und
vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde
unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der
er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und
Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten,
kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten
weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das
Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und
Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte.
Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den
Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah
fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen
Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der
Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn
er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte
ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang
bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers
Werth veruntreue oder entwende.
Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der
schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als
Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.
"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich
zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen
soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte
Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei
ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und
Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und
betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit
langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß
gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim
keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren
lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der
Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche
er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste.
Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des
Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen,
Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes
Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen,
welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum
Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein
schienen.
War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die
Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe
entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer
schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für
sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares
Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße
und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat
und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde
hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen
oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei
heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung,
die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine
so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so
hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen
Haß gegen Gott und Welt schüren helfen.
Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande
eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger
und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl
verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte
derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb
behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so
schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger
wurde.
Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und
höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er
habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines
Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses
Wirthshaus für ihn finden.
Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen
Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den
"undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen,
der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich
manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen
und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden
auszustoßen.
Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und
ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten
und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im
herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und
göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.
Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während
des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder
im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht
angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht
allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen
wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der
Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel
ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der
Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin
getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse
Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er
manches Stündlein bei ihr.
Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes
bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch
Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden
lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern,
unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.
Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem
Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte,
aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den
auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge
Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des
Sünders für sich gewinnen.
Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und
weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres
Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit
willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ
dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein,
der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht
wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche
wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in
schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus:
"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine
Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst
am Sonntage noch gesagt!"
Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine
eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden
Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den
herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte.
Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche
unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete
amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz
redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den
Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben
geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem
lebenslänglichen Hinkebein.
Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn
ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von
Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte.
So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie
jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie
versprach demselben goldene Berge---eines schönen Morgens fand man das
Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand
sagen.
In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte
sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch
dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und
heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre
Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben.
Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines
Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher
als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer
freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der
Gedanke an seine Papiere.
Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen
Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er
sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue
und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm
nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein
gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah,
daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen
Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste
von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so
schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach,
ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche
machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und
Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen
ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen
Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an
erlebt, fand er im Mooshofe nicht.
Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen
Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen,
angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen.
An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse
über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz
und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges
Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ
und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das
Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.
Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins
Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf
erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu
lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht
unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht,
sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen
und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß.
"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde
einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei
fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!"
Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in
ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der
Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem
gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich
darnach zu richten.
Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag
Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube,
undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes"
mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines
Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer
und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von
Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei
merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten
solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle
Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das
Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft,
doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu
befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde.
Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung,
Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende
hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen
erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß
gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint
haben.
Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen
Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen
Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die
Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.
Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und
seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und
sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden
zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat
den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und
menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als
getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen
Gesellschaftern machte.
An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine
silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus
der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme
den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß.
#IM THURM.#
Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der
Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in
Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das
Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen.
Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit
einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen
vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.
So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser,
Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich
bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so
bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig.
Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur
noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie _durch das
Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster
werden_; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und
Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität
schneidenden Hohn sprechen.
Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit
Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und
Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu,
mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich
sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern,
mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren
Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen
versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen,
die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit
eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über
kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber
großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden.
Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen
Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam,
schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue
Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger
auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen.
Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten
sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die
Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen
bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen
oder gar vereiteln.
Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische
Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung
und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr
bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen--mit
diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine _Ausnahme_
von der Regel, nämlich in ein _schlechtes_ Amtsgefängniß treten und in
einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.
Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe
vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft
erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen
Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft
und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel
einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die
Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf
die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am
Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum
Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen.
An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger
Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht
alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle
denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen
Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit
marmorirten Wände hingeklekst wurden.
Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers
ein und nur längs der Wand, in welcher sich die Thüre mit dem Schieber
findet, läuft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her
gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nämlich
darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er
außerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines
Stuhles oder Tisches ein Möbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und
Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des
Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome
verschiedener Mineralien und zerstäubter Thiergeschlechter einzuathmen;
viertens endlich muß er gute Augen haben oder ein geschickter
Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschädige an den scharfkantigen
hölzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke
umzäunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dämmerungsreichen
Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er
geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nähe
weggebracht werden könnte, bleibt ein Räthsel, an dessen Lösung der
Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte.
Die Gefangenen indeß oder der Kerkermeister selbst zertrümmern von Jahr zu
Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und säubert
den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen über die
"liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue
Pallisaden. Abends erzählt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen
Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden
Lokale unter der Amtsstube könnten einmal bequem ersticken oder auch
verbrennen, ersterer versichert, das Gewölbe sei feuerfest und jedenfalls
würden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des
Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getröstet.
In einem derartigen Kerker keinen vorübergehenden Besuch machen, sondern
schwüle Sommermonate und endlose Winternächte hindurch den Ausgang einer
spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang
der Justiz vor Einführung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall
war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines
deutschen Bauern tief erschüttern und hat sicher den Armenhäusern,
Spitälern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten
geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwärter und unsichtbare Beamte
hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal während des Reinigens der
Spelunke frische Luft gönnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem
Befehle _strenger_ Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann könnte man
wohl begreifen, daß die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen
die Regierung erbittert werden.
Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das
gemeine Volk sei, die _Regierung_ als den allgemeinen großen Sündenbock
aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkür, Brutalität der
Angestellten und Beamten zu betrachten.
Die preußische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Höflichkeit und mildere
Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntniß des Volkes und ihre Einsicht
beurkundet--eine ähnliche Empfehlung möchte von Zeit zu Zeit in Baden
noch weit nothwendiger sein denn in Preußen und um so bessere Folgen haben,
wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und
Beamten zu Gemüthe geführt würde, unter denen gar Mancher durch unnöthige
Grobheit und hochnasige Rohheit der gewiß wohlwollenden Regierung mehr
geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"--eine
Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhärten.
Der Zuckerhannes schneidet sein gutmüthiges, etwas einfältiges
Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen
Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn genügend vor
Verweichlichung schützt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne,
die aus ihrem dichten Gewebe in der Nähe des gegenwärtig halb zerbrochenen
und von der Mittagssonne eines Frühlingstages umspielten Fensterleins
heißhungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstürzt, bald einen
Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit
freundlicher Neugier in die Wüste dieser Behausung hineinzirpt und
erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche träg aus einer Fuge der
morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom
schmutzigen Hemdärmel des Nachbars sich durch einen fröhlichen Harrassprung
auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen
bleibt und seine Bestimmung zu erfüllen sucht, nämlich Gefangene in
schwermüthigen Grillen und Nachbrüten zu stören.
Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehüllt
in Lumpen, die mit Namen und Wappen tätovirten Arme schlecht verhüllend.
Wäre das arg verworrene, mit Strohstückchen und andern Dingen gepuderte
Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und würde
nicht ein starker Bart sich seines dreiwöchentlichen Daseins erfreuen, so
gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, länglichen
Gesichte und dunkeln, glühenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in
Gegenwart mehrerer Blaßgesichter Zurüstungen trifft, die verlorene
Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er
knetet nämlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hülfe seines
Speichels zu einem Teige und unterhält sich damit, aus diesem Teige
abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife,
einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der
allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstück zum Ovid
künstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehülfe
auf dem nächsten Bette macht.
Dieser, ein hübscher Schlosserlehrling und böser Bube dazu, schneidet
gehärtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichförmige Vierecke und der
Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine
des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der
Bettlade mit einem Bleistiftstückchen die nöthigen Punkte und Striche
macht.
Während der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der
Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein
Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundbaß dazu.
Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht
in Einem fort zu schlafen und mörderlich zu schnarchen trotz Flöhen und
Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der
Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut muß, gähnt, murrt und
brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Bär, redet selten
ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein.
Er wird zornig und fährt auf, wenn man ihn stößt und rüttelt, mit Wasser
begießt, wirft, sticht oder schlägt, doch sein Zorn endet stets mit der
Mißhandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in
Wallung bringt.
Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, höchstwahrscheinlich im Schlafe,
eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen haben soll, vielleicht den Gästen zu
gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und
wenn ihn seine Frau erzürnt, so brummt er heftig über das Ministerium und
repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung.