Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!--

Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes

Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler

gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche

Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im

Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden

Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein

Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave,

gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner

Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.

Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden.

Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei

Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte

ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als

"anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal

mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit

gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs

vor--Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen

den Deutschkatholizismus war entschieden.

Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und

würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes

Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte.

Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza

begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren

Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender

den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und

der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch

vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines

dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen

Viper befürchtet.

In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser,

Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen

großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich

hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der

ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr

trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender

Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte.

Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch,

daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der

Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals

noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und

Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.

Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.

Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der

Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen

Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller

Protestanten bei.

Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der

mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen

derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem

argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern,

bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die

ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der

Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und

an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme

sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die

Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der

Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig

immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in

welchem wir noch befangen sind.

Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine

Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil

nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten"

geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu

retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des

äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes

überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu

allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig

mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten

und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn

nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung

des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des

allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen

Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr

geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch

die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben

sein würden.

Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte

gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden

Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz

unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der

Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung

und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich

fortgaloppirte.

Das Staatsexamen kühlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte

"Beruhigungsmütze" des Candidaten hatte für mich einen tiefen Sinn, welchen

ich damals nicht verstehen wollte.

Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu

meinen pantheistischen Ansichten als Hochschüler manchmal recht inbrünstig

gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich

betete um lauter zeitliche Güter und wenn ich diese hatte, ließ ich es

hübsch bleiben, doch die oftmalige Erhörung wirkte bei, daß mein Gemüth

nicht gänzlich erstarrte oder verwilderte.

Häufig hörte ich, die positive Religion übe gar keinen Einfluß auf das

Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gänzlich der

Fall war. Auf dem erträumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend,

betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Völker lediglich mit

wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid.

Ich hielt mich für den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar

nicht, daß lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei

und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament,

Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen

Genüssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen

gegen mich bewirkten.

Ein großer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur

verborgene Laster gewesen--ich war ein Heide und muß diesen Ausspruch für

meine Person bestätigen. Bildung für sich ist nimmermehr die Mutter wahrer

Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden

Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung geführt oder in schweres Unglück

gestürzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost,

Glück findet!--

Woher mein Unglaube?--Vorerst kehre ich die Frage um: woher hätte mein

Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war höchst mangelhaft, gab

mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller

kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschüler fast nur

als nutzlose, leidige Disciplinarsache.

Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den

Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten

der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprüchen an Studirende bald

gemacht, aber schwer durchzuführen. Ich für meine Person würde es bei den

althergebrachten zwei Stunden wöchentlich bewenden lassen, wenn von

tüchtigen und vor Allem von treugläubigen Lehrern Religionsunterricht

ertheilt wird.

Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religiösen Dingen nützt

blutwenig, wenn der Schüler nicht in seinen Lehrern Männer voll lebendigen

Glaubens, _handelnde Christen_ vor sich sieht.

Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat

mich mit meinen Altersgenossen großgezogen, ihr verdanken wir aber doch

weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern.

Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen

Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wüßte, habe ich

schon als Student jene oberflächlichen, einfältigen Einwände, welche man

dem ebenso kenntnißreichen als geistvollen und dabei charakterfesten

Hofrath Buß: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische

Medizin und sogar keine katholische Nationalökonomie u.s.f.

entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der

evidenten Thatsache, daß es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische

Wissenschaft gab, doch Beweise, daß es gar keine geben könne, lassen sich

nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich

im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das

Gegentheil thatsächlich zu zeigen.

Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger

Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im

Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem

geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der

Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche

bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen

Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht

zurück.

Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein

durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal

den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des

Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der

Entwicklung immer mehr und zwar _lediglich aus freier, innerer

Ueberzeugung_ zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren

müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation

der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß

ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des

Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und

kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule

u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame

daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen

Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber

das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was

Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch

katholisch!"

Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als

sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur

Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.

Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip

und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen

Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das

Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen

Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, _zuerst_

offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.

Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so

wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen

eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht

meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im

Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und

Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese

Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und

Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer

und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die

katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten

protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung

durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das

Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.

Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers,

aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr

heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm

gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich

selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein

Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht

gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand.

Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen

Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern

wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den

leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz

ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres

Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.

Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen

Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden

Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die

Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der

Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen

begründet?

Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed

herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß

vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der

Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei

erscheinen.

Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen

Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der

ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor

geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget.

Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit

lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht

klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie,

huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn

nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des

gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die

Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst.

Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir

sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche

Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und

habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren

Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und

kommender Geschlechter anpreisen hörte.

So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube

ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen

Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden

Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie

gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen

Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die

protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen

civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr

Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise.

Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen

Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über

die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das

Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht.

Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche,

und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist

ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten,

welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend

gegen sie eingeleitet werden.

Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte

in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der

Geschichte sei--dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß

ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung

stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres

Geschlechts in sich schließt.

Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden

protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen

vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen,

Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr

bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr

vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.

Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare

Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die

Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine

Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des

Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.

Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker,

Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke

der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff

vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor

Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte

das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion

habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und

bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen

Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen

zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der

Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher,

fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten,

verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der

Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im

mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken,

überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.

"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen,

Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene

auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen

verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und

selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in

Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und

keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht

verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und

gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und

sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion,

deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch

Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"

So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen

den Wald vor lauter Bäumen nicht, schöpften deßhalb aus dem vergangenen und

gegenwärtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Haß gegen

Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zuständen, welcher die

Revolution Bahn brechen sollte. Während der Revolution bekümmerte mich die

positive Religion und katholische Kirche blutwenig.

Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne"

Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem

Staate, zusammenfallen und redete für die Priester, weil sie auch "Bürger"

waren und sich ruhig verhielten.

Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit

erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die

wilde Nacht meines Innern erleuchteten.

Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als

welthistorische Erscheinung achten gelehrt, während der Revolution wurde

ich durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen Gottes gemahnt und

erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens

auch solche von der Macht des Glaubens.

Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil

ich die Wahrheit des Christenthums bereits für eine mögliche hielt, mußten

meine Zöglinge Religionsunterricht und Kirche fleißig besuchen, ich sprach

bei ihnen so wenig gegen, als für die positive Religion und manchmal

machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich.

Zeitgemäße Philosophie, zeitgemäße Geschichtschreibung, daraus folgende

zeitgemäße Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck

gegeben, die Seele desselben war mein souveräner Hochmuth, allein während

der Revolution redeten Thatsachen mit unläugbarer, zweifelloser Macht gegen

meinen Unglauben und erschütterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das

Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction

aufgehalten haben.

An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternächtlichen Gottesdienst in der

Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zöglinge mit mir. Voll und

tief zitterten die Glockenklänge durch die eiskalte, sternenhelle

Mitternacht, ich hörte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser

Nacht plaudern, dachte wehmüthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und

verzweifelnd an einige Verse aus Göthes Faust. Verstimmt legte ich den

etwas langen Weg zurück, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in

ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gäste leerten die Stube,

ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck

auf mich gemacht, ich hätte laut aufschreien mögen und zum erstenmale nach

langen Jahren riß mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne daß ich

zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese

Klosterkirche geführt, den unvergeßlichen Eindruck, welchen ich mit mir

hinausnehmen würde, hatte ich nicht geahnt.

Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache

lehren, daß ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der

einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender

Kirchengänger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern

aufsuchen ließ, denn ich Armer erwartete die Rückkehr des Prälaten mit

seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus

ist erstanden--und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik.

Innere Vorgänge mögen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande

und während desselben vielen Einfluß ausgeübt haben, sicher bleibt, daß die

theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das

Elend des Rückzuges einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte.

Gott verblendete mich, daß ich in kurzsichtigem, thörichtem Glauben, gar

nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in

Deutschland blieb.

In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August

1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und

ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen

davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum

wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er

hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das

Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut

hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für

die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben.

Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den

Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb

der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts

der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.

An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag

mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.

Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen.

Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie

acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr

als meine Schuld.

Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von

Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des

Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der

kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen.

War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in

Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in

das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in

der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte;

ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu

haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um

Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es

damals.

Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir

anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.

Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und

Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den

Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die

nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen

Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von

hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich

jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die

schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in

die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich

nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und

bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig

mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich

gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker

hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung

politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige

Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel

bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich

einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft

genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der

Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine

Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an

Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits

unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah

ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf

dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische

eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im

günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel.

Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich

ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete,

blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem

Ingrimme zusammen.

Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte

allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben

in Hochmuth beruht.

Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum

Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und

Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche

Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt.

Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee

der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr

dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins

gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet

Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die

auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des

alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie

es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte

folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein

schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb

auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert,

einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und

niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche

Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich

evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse

einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.

Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor

Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch

der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon

sich die Philosophen nichts träumen lassen!--hielt mich in beständiger

Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte,

protestirte beständig das bewegliche Herz.

Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit,

das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst

des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und

Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im

Ganzen.

Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte

nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der

Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben

durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich

hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der

Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den

Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder

Henker werden lassen?--

Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend

beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht

daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums

und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und

Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu

betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und

Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und

objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden

Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der

katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen

mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als

Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre

Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten,

dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich

keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein

_persönlicher_ Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben

wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das

Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene

Redensart, sondern volle Wahrheit ist.--

Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein

Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich

mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich

auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen

oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte.

Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen

brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und

gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den

solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als

verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten

erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte,

würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.

Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und

mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die

Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert

Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem

Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen.

Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich

nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre

Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine _wahren

zeitlichen_ Vortheile.

Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums längst

betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß

des _zeitlichen_ Glückes, die einfachste und großartigste _Lösung der

sozialen Aufgaben_.

Erzählungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich

gleichmäßig anschloß, besondere Vorfälle, das Lesen guter Bücher,

namentlich von Hirschers Erörterungen über die religiösen Fragen der

Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die

menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher

entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd

bleibende Lage ließ das Bedürfniß eines höhern sittlichen Haltes nimmer

einschlummern.

Gott schien mich an den Haaren zu Sich reißen zu wollen, im Zuchthause

mußte ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen, Gott

nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getröstet hatten,

indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entriß Er mich den sehr

bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Sträflingsgesellschaft eine tiefe

Verinnerlichung des Gemüthes arg erschweren und führte mich in eine Zelle

nach Bruchsal.

Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Sünden dem

Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde,

wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl

auch die kleine Gefälligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe für

meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zöglinge,

welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei

meinem längern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen mußten,

recht christlich und gottesfürchtig zu erziehen. Christus aber blieb

gesonnen, zunächst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher

Anderer würde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorläufig "in keiner

Weise veranlaßt", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen

namhaften Rückfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus.

"Entweder liegt dem Erlöser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zöglinge

oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und

vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken

läßt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den

Herren in Carlsruhe.

"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige

Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott

ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen

Himmel für sich behalten. Gibt es eine Hölle, dann ist sie schwerlich

heißer als ein pennsylvanisches Gefängniß und finde vornehme Kameradschaft

genug darin. Zunächst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt

den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht

unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was für ein grundsatzfester Mann in

einem Freischärler und in einer Sträflingsjacke zu stecken vermag!" So

dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der

Wand hängenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter

gleichgültig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein.

Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjährigen und

sich schuldlos dünkenden Gefangenen nicht gut.

Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte

Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Händel an, ich verbrachte

meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht

an mich, suchte die Räthsel meines Schicksales zu lösen und wurde täglich

mehr überzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig

es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des

Zuchthauses würdige That begangen zu haben.

Noch weit mehr als früher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches

Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Söldlinge

der vernichtungswürdigen badischen Regierung waren, meinen politischen

Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann

kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte und in ihm

gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt

hatte.

Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits

hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit

wurde durch Gespräche, Bücher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des

souveränen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das

Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott und je mehr ich die

Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto

sehnsüchtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender

Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souveräne Bürger und preiswürdige

Märtyrer des Volkes, an einem Krückenstocke, von leiblichen Schmerzen

gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum;

der Schmerz machte mich oft wüthend und nach einiger Zeit begriff ich, der

kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal

charakterfesterer und glücklicherer Mensch als ich gewesen.

Wiederum las ich Hirschers Erörterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens

Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische

Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern

Augen als früher in diese Bücher hinein und wünschte, daß sie lauter

Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten möchten.

Ich sah ein, daß ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn

alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, daß Christus der Mittelpunkt

und Wendepunkt der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Diesseits und

Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit

zurückgebliebene Christus.

"Wer die göttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz für Satz und Schluß für

Schluß die göttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an

Christum glaubt, muß nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er

ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und

glücklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und

beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein

Gottessohn, der auf Golgatha für die Sünden selbstgeschaffener Geschöpfe

büßt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszusühnen gewesen, welcher

Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern

ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es

nicht recht glauben und wenn ich deßhalb verdammt werden sollte, so sähe

ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine

Gnade; Andere mögen diese Gnade erhalten haben, ich weiß nichts von solcher

Begnadigung, folglich bin ich für meine Zweifel auch nicht verantwortlich!"

In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem

geistvollen, würdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der

Freischärler schlägt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als

ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum

ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein

katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an gründlichem

Wissen und ernstem Denken bekehren!"

Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lächelte in seiner

besondern Weise und fragte ruhig:

"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben _wollen?_"

"Gewiß, denn ich will Wahrheit, womöglich absolute Wahrheit und wenn

Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die

Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet

nicht darauf!"

"Haben Sie denn diesen guten Willen schon _bethätiget_?"

"Ei, habe ich nicht einen Heißhunger nach theologischen Schriften?

Vergleiche ich nicht während der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit

denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und

anderer Ketzer?"

"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bücherwissen gibt Ihnen höchstens

Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine

Gnade!--Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit

führt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas

wissen _wollen_, wenn sie auch die Unzulänglichkeit des menschlichen und

eignen Wissens einsehen und zugeben!"

"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben

behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer

die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr

gelangt, der _muß_ den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal

an Gott glauben sollte. Ich _habe_ gebetet, jedoch nicht um die Gnade des

Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewißheit in göttlichen Dingen."

"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?"

"Allerdings!"

"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller

Inbrunst, deren Sie fähig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den

Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch

beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose

Menschen _wollen_ nicht darum bitten, _wollen_ den vornehmen Weg zur

Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch längst vom Hörensagen

kennen. Im bösen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen

Namenchristen!"

Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich

um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue

Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich

mir in einer kleinen Zelle des neuen Männerzuchthauses zu Bruchsal.

Ich habe aufgehört, Christum lediglich als einen großen Mann, die Kirche

Christi als vorübergehende Erscheinung im geschichtlichen

Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose,

beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthümer fließen.

Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe

offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte.

Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen

geschlossen und ich gehe zu letztern selbst über.

Einer, der die Welt verbessern helfen möchte und zugleich Einer, der

rücksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die

Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren

Überzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige

Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne

zunächst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen

durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf

dem nächsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern.

Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmählig zur

Wirklichkeit, ist ein mühevolles Streben und langsames Werden und der gute

Wille unser vornehmstes Verdienst.

Wenn ich über Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke

oder die einzig ächten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen

Willens, nämlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten

derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Männer gedenke, deren

Gesinnungen und Wandel mich in dieser trüben, drangvollen, gewitterschwülen

Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch

langen Weg ich noch zurückzulegen habe, um in Allem ein erträglicher

Katholik heißen zu dürfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts

weniger als unfehlbar und meine Schriften mögen mehr Mängel haben denn ein

alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst

weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als

Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu

Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise

vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That

das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu fördern, damit für

die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran

fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter

anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein

zu hohes Ziel vorgesteckt habe.

Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung

durch das Aufblühen der spekulativen Theologie und christlichen

Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich

auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist

erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch

Schöpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben

entgegenzuarbeiten.

Wie Gleichgültigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit

vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und

insbesondere des jungen, lesesüchtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt

werden, indem Irrthum und Lüge das Mäntelchen der Wahrheit, falsche

Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhängen, so

läßt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die

Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die

unchristliche Unterhaltungsliteratur den großen Vortheil für sich, daß sie

der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen

schmeichelt, während die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen

entschiedenen Vernichtungskrieg führen muß.

Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen

und Tendenzen der Zeit, während die christliche bisher vorherrschend in der

ihr eigenthümlichen ideellen Welt, deren Verständniß zur Rarität geworden

und ein bereits christliches Gemüth voraussetzt, sich bewegte oder gegen

das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich

oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von

vornherein abstieß und langweilte. Endlich läßt sich nicht verkennen, daß

die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter

insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerüstet mit der

ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie für

den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefühle ihrer noch wenig

beeinträchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den

positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren.

Ich bin sehr weit davon entfernt, die großen Verdienste unserer

protestantischen und jüdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu

verkennen, oder Zeitrichtungen und Persönlichkeiten deßhalb verdammen zu

wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, daß

es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe

unmöglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus

fließt, mit andern als mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten,

doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur

allzuhäufig Alles abgethan wird, was katholisch heißt und heißen will,

halte ich eben für keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik

und der gegenwärtigen Zeit überhaupt.

Die Fähigkeit sich über Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in

entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den

gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden

Geschlechte täglich mehr abhanden zu kommen, je ärgeres Geschrei von

sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl

deßhalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das

Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und

jede Aeußerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei

aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten

Söhnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt.

Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine

Aeußerung ihrer unbesiegbaren Stärke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen

Blicke der Ewigkeit in das Gewühl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens

hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre

Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines

Glaubens überzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner

gegenüber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch

Waffen gegen sich in die Hände zu liefern.

Man darf nur in manche katholische Tagesblätter hinein sehen, um die

Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum

ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der

Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte

Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur

ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der

Subjectivität und der großartigen Verdienste der protestantischen

Wissenschaft und Kunst fortgeschritten.

Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein,

von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder

mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so

heißen Liebe für Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft

geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat,

Wissenschaft und Kunst die höchsten Verdienste erworben, um mißliebiger

Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher

kein Fünklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken

übrig bleibt.

Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der

unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch

mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu

kämpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu überzeugen, darf man nur

in die nächste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bücher am meisten gelesen

werden, habe ich hundertfältig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren

gehört.

Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller

Völker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schränken und selten

bekümmert sich ein Leser um dieselben. Ich könnte einen Leihbibliothekar in

einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Göthe's Werke sechs Jahre im

Laden hatte und dann verkaufte, weil während der ganzen Zeit auch nicht Ein

Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische

Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten

Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbären, allein reißend gehen

die neuern und neuesten Franzosen, noch reißender die einfältigsten,

geistlosesten Ritter-, Räuber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden

der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reißendsten bei

_allen_ Klassen des Volkes--schmutzige Geschichten ab.

Man darf nur Bücher, deren Decke von Schmutz glänzt und deren Blätter von

der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann

fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen

herausreden zu hören, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses

Gelichters frappante Ähnlichkeit hat.

Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen

Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmäuser" offenbar und zwar weder

historisch unwahr noch übertrieben, denn der gute Duckmäuser ist nichts

weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger

als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf weiß sondern

mündlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen

Geschichten vorkommenden Persönlichkeiten, ich möchte sagen bereits von

Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden

könnte.

Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschöpft und der

Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die

platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar

unmöglich und glücklicherweise auch unnöthig, allein wer nicht blos

unterhalten, sondern noch mehr belehren möchte und bei der Belehrung eine

bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und

verschönern, als er von Herzen gern wünschte, weil die Objektivität

darunter zu große Noth litte.

Einen ästhetischen Maßstab an vorliegende Schrift legen, hieße den Zweck

derselben gänzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch

praktischer.

Er ist auch zugleich ein zwiefacher.

Erstens nämlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die

Einsicht in die Schäden und Wunden unseres süddeutschen Volkslebens und

unserer gesellschaftlichen Zustände zu vermehren und dahin zu weisen, woher

gründliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag.

Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven

Religion so offen und ehrlich erzählt, daß ich nicht fürchte, dereinst am

Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine

Selbstliebe sich dagegen sträubte, daß ich der Welt mein Innerstes bloß

lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht.

Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und

dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glücke

offenbar, die finstern Mächte des Erdenlebens enthüllt, die verklärten

Gestalten des Himmels verherrlichet.

Langsam und allmählig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im

Bösen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend

und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines längere

Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist

eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und

damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen.

Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß

die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines

untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht

begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben

vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände.

Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die

Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik

und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste

Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte.

Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser

Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit

steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen

sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.

Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und

fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern

habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der

Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.

Auflösung und Zerstörung des Familienlebens--dieses Idol hirnloser

Utopier--führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange

entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten

betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich

von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und

Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.

Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und

gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind

nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.

Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften

darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der

Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen.

Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße

Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch

erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt

hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend

erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten

mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und

rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige

Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner

derselben--dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat

schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an

die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die

meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und

niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe

seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst

zerfällt, weil er _zuviel_ von den Menschen verlangt.

Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs-

und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und

Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften

Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach

streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch

einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle

Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter

zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen

Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel

Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.

Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine

erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde

aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar

Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel

und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger

vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.

Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die

Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in

Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra

des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen

Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre

Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.

Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles

Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt,

Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche

geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort

ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der

erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut

geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten,

gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der

reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger

deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat.

Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften

und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern

stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen

heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je

fragte.

Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos

an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt,

keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem

leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für

das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher

Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten

schweigen.

Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und

meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen

das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane,

welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als

andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt

Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher

sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig,

hier etwas Gutes zu leisten.

Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes

Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das

größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder

durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich

dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven

Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten.

Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn

Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im

Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der

geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe.

Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das _Gefängnißwesen_.

In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein

ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete,

als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.

Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu

sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre

hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine

Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins

Handwerk pfusche.

Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen

Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange

genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des

pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung

kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und

Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen

Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter

Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das

Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung

gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen

selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche

Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als

berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen

schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen

Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.

Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung

und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen

Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen

begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und

bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen

Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit

einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß

auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.

Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das

Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich

gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu

beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen,

theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr

verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen

angehörten.

Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich

ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch

bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen

einsamen Haft.

Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der

Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht.

Warum?

Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der _Besserung_, so

muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr

oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang

und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung

ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein

wird.

Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß

derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung

befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt.

Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der

Gefangenschaft _möglicherweise_ ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber

auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des

Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der

Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim

Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu

leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu

den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering.

Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im

Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein

grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung

von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte,

als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während

seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.

Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten

mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner

völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem

_Nutzen_ für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.

Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen

Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die

stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß

diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die

Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der

Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen?

Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen

in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die

Parias unserer gesellschaftlichen Zustände.

Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben

umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu

erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für

Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.

Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der

sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in

der positiven Religion.

Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges

Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden;

ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser

Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein

es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus

gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers

zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne--damit

habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr

viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern

spreche.

In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts

Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist

bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die

zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem

Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu

übertreten.

Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein

von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.

Warum?

Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz

zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen

Besserung durch dieselbe reden.

Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener

Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller

Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer

Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche

dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren

bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus

der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt

ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten--all

diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft

betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.

Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer

der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden

will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute

Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen

Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit

und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu

vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch

Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich

selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen

Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch

beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne

derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere

in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß

gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.

Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch

nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein

innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren

Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit

tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit

kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze,

äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft,

so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft,

läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf

jede Frucht des Zellenlebens.

Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller

Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die

Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des

religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst

erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen

soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.

Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter

gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine

einzige erwähnt werden soll.

Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und

Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes

huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider

statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten

innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin

fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und

mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.

In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der

Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre

Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden,

um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.

Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln

auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der

Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen,

wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer

Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit

Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft

wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu

oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.

Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft

verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden,

priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren

Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten

Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen

Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich

die _absolute Trennung der Verbrecher unter sich_, mehr oder minder

vollkommen beseitiget worden wäre.

In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr

verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch

Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die

Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig

sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der

Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß

untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal

vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt

in Widerspruch gerathen.

Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder

Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält

denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter

mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der

einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten

und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse

bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle

von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und

Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne

daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus

sich ergeben.

Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling

ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von

Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der

_Abschreckung_ in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich

trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen

sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der

Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die

Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all

diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich

hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der

gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft

bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch

Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man

hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung

nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und

zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren

finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst

nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß,

weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an

Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig

vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der

Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere

abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande

bringen.

Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die _Sühne_ auf

das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und

gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt,

was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist,

desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich

leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen

Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der

Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare

Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage

der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die

Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil

sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die

Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört.

Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler

und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die

schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu

mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern

und Schlechten gleich zu werden.

Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein

Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch

nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest

des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche

Gesellschaft darinnen gelesen.

Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder

minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft

die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld

keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten,

sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom

Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso

selbstsüchtig als ungerecht.

Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle

Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit

großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt

schreiben:

_Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!_

und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.

Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches

ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein

menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben

keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung

derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt.

Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der

Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein

gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche

Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch

über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich

Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und

Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein

Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben

alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich

verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch

freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst

seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet,

wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe

stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es

dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst

gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. _Den_ Sträfling

möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und

Laster _nicht_ zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht,

sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit

bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt!

Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe

gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres

Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen,

an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen

einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde

er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die

Hülfe der Religion bei diesem zu holen.

Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300

Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal

bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte,

wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in

Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als

leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und

weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener

Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische

Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er

nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser

Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden

Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.

Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei

Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und

um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von

schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von

der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit

welchen er sich zu vertragen vermochte.

Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen

jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die

Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die _individuelle

Behandlung_ der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller

Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.

Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der

Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit

religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird.

Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten

Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und

gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das %Non plus ultra% aller

Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse.

Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes

und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder

und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein

geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der

Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages

ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage

ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur

Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen

Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt

Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft

leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an

sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein

Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der

Zellenbewohner--aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur

Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht

jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder

im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst

durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den

individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen

vollkommen einig.

Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen

Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die

Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe.

Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst

gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige

Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des

Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr

beeinträchtigte.

Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der

Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der

Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große

Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise

behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen

her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt

die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes.

Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die

Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender

Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem

Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und

der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß,

welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern

Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen

wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn

erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge

tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur

übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem

Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt,

keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er

der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser

Geistlicher kommen, um die _Schrecken der Religion_ in die Zelle zu bringen

oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der

altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft

dem religiösen Wahnsinne verfallen.

Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer

derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und

europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des

Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und

hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt.

Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!--Dies ist

an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder

andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise

gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte.

Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß

zumeist die _schlechtesten_ Subjekte Seelenstörungen und

Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies

in der ganzen Welt der Fall ist.

Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat

mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft

_an sich_ als eine mangelhafte, verkehrte _Behandlung der Gefangenen_

machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der

Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu

Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da

und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man

bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und

überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der

Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von

sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein

Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem

Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der

noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren

bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin

Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal

noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen

Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das

lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu

müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem

Wahnsinn in die Arme treibt!--

In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige,

geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen

durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert;

mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen

Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein

Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe

eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft

auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus.

Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi

willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis

religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es

meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und

keine ächte Sittlichkeit.

Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man

könnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Särgen erblüht neues Leben und

jedem Tode folgt eine Auferstehung!------

Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Gründe dargelegt,

die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen

Freunde der einsamen Haft machten.

Ein berühmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller äußerte

sich gegen mich einmal dahin, daß die Einzelhaft eine zu starke Kur, die

Frucht der Besserung keine sichere sei und daß ein religiöser Orden,

welcher sich ganz und ausschließlich mit Gefangenen beschäftigte, ganz

andere und größere Erfolge erzielen würde, als die durch Zellenleben bisher

erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Gründe davon

werden durch das Folgende klar werden, hier möchte ich nur bemerken, daß im

kleinen Baden und in andern paritätischen Staaten, der Staat sich von

vornherein nicht dazu verstehen würde, die Sträflinge je nach ihrem

religiösen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die

Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu

überantworten. Ein Zellengefängniß bietet zudem den für das Aufwachen und

Erstarken des Bedürfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, daß

Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in

Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestört unter

vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.--Würde sich jedoch

niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren

Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein

entschiedener Anhänger der einsamen Haft.

Aus welchen Gründen?

Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei

der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele

Vortheile für die Gesellschaft wie für die Gefangenen.

Die Großhansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle

keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schärlein zu sammeln,

Zellengefängnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der

verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den

Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausführung

boshafter oder verbrecherischer Plane, welche während oder nach der

Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmöglichkeit,

endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgeführte Einzelhaft den

Bekanntschaften gleichgesinnter Bösewichter und den oft so folgenschweren

Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich

das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen

Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Sträflings an.

Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel,

ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen,

sondern er bekommt in weit höherm Grade als jeder andere Gefangene auch

Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung

anzueignen, um ein guter Bürger, ein sittlicher, religiös gesinnter Mensch

zu werden. Dadurch sühnt aber die Gesellschaft unstreitig großentheils die

Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des

einzelnen Mitgliedes hat und deßhalb halte ich auch einen ehemaligen

Zellenbewohner, welcher wiederum rückfällig wird, je nach Umständen für

weit strafwürdiger als jeden andern Rückfälligen.

Drittens endlich _wird der Zellenbewohner_ doch gewiß _nicht_ bei den

reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung _verschlechtert_,

wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefühl wird nicht

tödtlich verwundet, weil er seine Schande mehr für sich und fast ungesehen

tragen kann, der beständige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche

stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschließliche

Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Haß und seinen

leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Kläger

und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern läßt denselben ohne frische

Nahrung allmählig erlöschen.

Ein Zellengefängniß ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz für

blutdürstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefängnisse anderer

Art und hierin liegt ein großer Vortheil für die Gesellschaft, den sie blos

deßhalb nicht genügend anerkennen möchte, weil sie ihre wahren Interessen

überhaupt gerne vergißt.

Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten

alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener.

Ein Zellengefängniß nach dem Muster des badischen ist zwar ein für

Jahrhunderte erbautes Gebäude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres

Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und

möglicherweise zu bessern Zwecken verwenden können als zum raschen Aufbau

"moderner Bastillen und Spitzbubenpaläste."

Wenn meine zuchthäusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld

dazu hätte, so würde ich zunächst die vorhandenen alten Lasterschulen auch

stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klüglich schweigen und den

Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchführen,

zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen

oder Weniger sogleich Alle büßen zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte

ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen

Sündern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder

Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fünf Jahre unausgesetzt in

einer Zelle untergebracht werden sollte.

Statt mit Dunkelarrest würde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth

an Mann käme und die alten Gefängnisse gerade so wie die badische Regierung

gegenwärtig thut, allmählig in unvollkommene Zellengefängnisse verwandeln,

bis vollkommene gebaut wären.

In den Einzelzellen der alten Strafanstalten würde ich die schlechtesten

Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen

nicht mehr zu verschlechtern im Stande wären und hiebei insbesondere auf

die Halbgebildeten und Religionsspötter Bedacht nehmen.

In ordentlichen Zellengefängnissen dagegen würde ich vor Allem _jugendliche

Verbrecher_ unterbringen und bei diesen ausschließlich den Grundsatz der

Besserung durchzuführen suchen, denn erstens biegen sich Bäumlein am

leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens würde ich nicht

zuwarten, bis ein junger Mensch zum großgewordenen Verbrecher sich

herangebildet und die sittliche Fäulniß in ihm tüchtig um sich gegriffen,

sondern so schnell als möglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und

sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten

als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter

bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rücken hat.

Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern

rechtzeitig angewandt wird, ließe sich freilich bei der immer mehr

zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher

schwerlich namhaft vermindern, dagegen würden doch Rückfälle sicher zur

Seltenheit werden.

Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor

Unglücklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz

verloren bleibt, würde ich die Gesellschaft dadurch zu schützen suchen, daß

die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter beständiger sachgemäß

verschiedener Aufsicht und Behandlung bei öffentlichen Arbeiten--

Straßenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen--verwendet oder in Folge

eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne

Länder geschickt würden.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil · 第 5 / 10 题