Ehre und Dank den preußischen Offizieren und Soldaten!--

Im September ward ich den ordentlichen Gerichten überantwortet, im October

jedoch, obwohl ich in meinem allerersten Verhöre Alles gesagt hatte, was zu

sagen war und worauf später das Urtheil sich stützte, vor die

Untersuchungskommission des Standgerichtes gestellt, im November in Folge

einer Verschiebung des Gerichtstages und einer Verordnung des höchstseligen

Großherzogs abermals den ordentlichen Gerichten überwiesen. Am 28. Januar

1850 wurde mir das hofgerichtliche Erkenntniß eröffnet, welches auf _acht_

Jahre gemeinen _Zuchthauses_ lautete. Ich verzichtete auf einen

Vertheidiger und vertheidigte mich selbst bei der höchsten Instanz, jedoch

in einer so unklugen und trotzigen Weise, daß ich meine verbrecherische d.

h. revolutionäre Gesinnung dadurch abermals unwiderlegbar constatirte und

eher Schärfung des Urtheils fürchtete als Milderung hoffte.

Am 16. Februar 1850 schlüpfte ich in die entehrende Sträflingsjacke,

nachdem ich schon seit September 1849 innerhalb der Mauern des Zuchthauses

als Untersuchungsgefangener geweilt hatte. Im Sommer kam die Bestätigung

meines Urtheils von Seite des höchsten Gerichtshofes, im August 1850 wurde

ich in das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt und blieb daselbst bis

zum 13. April 1852.

Sterbend hat der edle, unvergeßliche Großherzog Leopold, dessen wahrhaft

adelich gesinnte _Persönlichkeit_ weder von mir noch, laut meiner gewiß

nicht armen Erfahrung, selbst von den wildesten Republikanern Badens jemals

angegriffen, sondern hochgeachtet und geliebt wurde, mich auf meine dritte

Bittschrift hin mit 16 Andern begnadiget.

Nach 33 Monden einer leidensvollen, jedoch schon 1848 wohlverdienten und

für mich durch Gottes Gnade höchst segensreichen Gefangenschaft durfte ich

zum erstenmal wieder ehrliche Kleider anziehen, ohne Hüter herumlaufen und

frische Luft schöpfen, wo es und wieviel mir beliebte.

Am 13. April und zur Stunde fast noch mehr empfand ich und empfinde,

wieviel ich dem in Gott ruhenden Fürsten verdanke, denn meine Bestrafung

und zwar gerade in der Art und Weise, wie dieselbe stattfand, war von Seite

der Menschen gerecht und milde, und zugleich der Quell meines zeitlichen

und ewigen Glückes und zudem sind tausend Kerkernächte zwar kein Spaß,

sondern furchtbarer Ernst, allein es sind noch lange keine 8 Jahre.

Weder vor noch während der Revolution beging ich jemals eine an sich

entehrende Handlung oder gar ein gemeines Verbrechen; ich glaube gezeigt zu

haben, daß ich als Amnestirter des Jahres 1848 keinen Wortbruch gegen die

badische Regierung %mala fide% beging; ebensowenig brach ich jemals einen

Eid, weil der Huldigungseid, den ich im August 1852 schwor und gewissenhaft

zu halten gedenke, mein allererster Eid war, den ich während meines Lebens

ablegte.

In diesen Thatsachen liegt die subjective Begründung der Protestation,

welche ich gegen die Anwendung jenes Gesetzes, das reinpolitische Vergehen

mit _entehrenden_ Strafen belegt, fortwährend erhob.

Große Rechtsgelehrte verfechten den Grundsatz, daß politische Verbrecher,

insbesondere wenn dieselben an einem allgemeinen Aufstande Antheil nahmen,

vom Standpunkte der Rechtsidee aus nur dann mit Entehrung bestraft, mit

Spitzbuben und Mördern in Eine [eine] Reihe gestellt werden sollen, wenn

sie an sich entehrende Handlungen und gemeine Verbrechen gleichzeitig

begangen haben. Dieser Grundsatz ist in den Gesetzgebungen der meisten

civilisierten Länder, wie Belgien, Preußen und Würtemberg in mehr oder

minder ausgedehntem Grade anerkannt; meines Wissens zog auch die frühere

badische Gesetzgebung hierin sachgemäßere und ausgedehntere Unterschiede

als die jetzige, doch die Liberalen der zweiten Kammer dachten an

verantwortliche Minister und ließen der Regierung keine Ruhe, bis das

Zuchthaus für reinpolitische Vergehen recht in Flor kam.

Die objective Begründung der Ungerechtigkeit eines derartigen Gesetzes mag

den Rechtsgelehrten überlassen bleiben und ist oft genug geliefert worden.

Wenn ich vom Standpunkte des Rechtes hinsichtlich meiner Person in alle

Ewigkeit meine Verurtheilung zum _Zuchthause_ lediglich als _Gewaltthat des

Gesetzes_ betrachten und dagegen protestiren muß, so mag eine kurze

Aufzählung der praktischen Folgen obigen Gesetzes zeigen, daß es nicht

minder unzweckmäßig als ungerecht und recht eigentlich gegen das wahre

Interesse der badischen Regierung gerichtet sei.

Ich habe die Belehrung über die praktischen Folgen nicht aus dem kleinen

Finger gesaugt sondern während und nach der Gefangenschaft aus der

alltäglichen Erfahrung geschöpft.

Um Alles in Einen Ausdruck zu fassen, möchte ich sagen, das Zuchthaus an

sich sei durch die Vermischung gemeiner und politischer Verbrecher

demoralisirt worden.

Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach

ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von

Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen

fühlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfähigen die

Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und

Besserung wohlthätigen Einfluß hatte und haben mußte, insofern ihr Gewissen

ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott

mahnte.

Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil

selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankömmlinge, von denen die Meisten

früher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als

wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu

betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn

nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, daß auch

die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkürlich verriethen, es

beständen unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern

Gefangenen, steigerte sich das Bewußtsein der Ehrbarmachung bei den

gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht

sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der

verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeinträchtiget.

Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen

Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewöhnten sich an die neue

Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wußten ganz

gut, ihre Freunde außerhalb des Zuchthauses dächten gar nicht, ihre Feinde

nur scheinbar an _Entehrung ohne ehrlose Handlungen_ und fuhren fort, die

Regierung keineswegs als eine über politischen Gegensätzen stehende Macht,

sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die

Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in

Versöhnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der

Zuchthausstrafe schien mächtig dagegen zu reden, daß die Regierung irgend

ein Gewicht auf Versöhnlichkeit und Gesinnungsänderung legte, nachdem sie

ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Räubern gleichgestellt hatte.

Ich bin aus guten Gründen nicht sonderlich für die Abschreckungstheorie

eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden,

so muß man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthäusern dreinfahren,

wenn man für die _nächste_ Zeit sich heilsame Wirkungen von jener

geschichtlich und rechtlich längst abgeurtheilten Theorie verspricht.

Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher

aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wütherich der Ordnung und

Ruhe schreibt heutzutage heldenmüthige und _höchst beunruhigende_ Artikel

über die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswürdigkeit der "ehrlosen,

gottvergessenen" Demokraten und könnte ein Blinder meinen, Demokrat und

Revolutionär seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von

vornherein der Teufel in höchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und

Taugenichts.

Ich für meine Person lache über dergleichen federfuchsende Narren oder

verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten

ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne hätte und

anstrebt. Ich habe sogar unter Freischärlern bei uns nicht Einen

heimtückischen, meuchelmörderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und

nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein

Deutscher, leidet als Revolutionär oft bei weitem mehr am Kopfe als am

Herzen, besitzt häufig ein tiefes, aber verwildertes Gemüth, ließe sich

jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche

Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche überhaupt ein

"politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glücklicherweise

im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig

und harmlos lebt.

Im Zuchthause bewährte mancher politische Gefangene übrigens nicht etwa

Religion und löblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher

Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam

viel Unfriede, Zwietracht und Haß unter die Bevölkerung und wäre Einfluß

und Mühe der Angestellten und Beamten minder groß, die Hoffnung auf

Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht

der Bildung kleiner gewesen, so würden arge und schreckliche Auftritte

vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mördergrube oder

in der Hölle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner

Leidensgefährten wenig für religiöse Erhebung und sittliche Ermannung

[Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der

gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorsätzlichen Todtschlägern ein

weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher

sogenannte Märtyrer einer zweideutigen Freiheit.

Die schädlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich

seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine

Verbrecher, daß sie die keineswegs völlig grundlose Ansicht von der

politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit

getragen, anderseits bemerkte ich eine große Abstumpfung gegen die Schande

im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den

niedern und mittlern Volksklassen überhaupt.

Die Tagesblätter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt,

sondern nur momentan gefesselt und gelähmt; Ereignisse der

schauderhaftesten Art sprechen dafür und ein Christ darf und muß sagen, die

Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hölle eine völlige Niederlage

erlitten haben werde. Das Böse schreitet in großen moralischen Körpern wie

in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen

Gesetzmäßigkeit vorwärts; das an sich Gute geht in leisen, allmäligen

Uebergängen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bösen, endlich zum

Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in

seinem Schooße hegen und großziehen, ohne daß er darum weiß und es will,

ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Empörung

seines sittlichen Gefühles allmälig und leise, in Uebergängen, welche er

spät oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Bürger zum Revolutionär

werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben

heißt, daß ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmäßige Gesetze

und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefühl seiner Bürger

verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewußt arbeitet.

Ein ungerechtes und unzweckmäßiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische

Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht,

das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses

Gesetz!--

Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem äußeren Leben. Was

meine innere Geschichte betrifft, die mit der äußern im engsten

Zusammenhange steht, so will und muß ich hier nur den hauptsächlichsten

Moment, nämlich den religiösen berühren, um über meinen Standtpunkt keinen

Zweifel mehr übrig zu lassen.

Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch

schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in

einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen

Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle

positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die

eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich

mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir

zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den

Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden

Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit

zu setzen.

Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und

die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen

zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum

Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn

gegangen zu sein.

Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen

klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, _bewußter_ Vorliebe für das

Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer,

welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose

Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich

langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder

des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach

in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein

mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als

18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte,

die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu

einer %tabula rasa% zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre

vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß

mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte.

Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von

Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu

spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand;

ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der

Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen

wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein,

dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die

Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen

beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger,

die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle

Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen

Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen

enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte

Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit--des Scheines.

Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich

Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in

der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und

theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen

lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den

Mitstudirenden recht imponiren zu können.

Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben

voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit

Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde

täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer

und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines

geistigen Lebens.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil · 第 4 / 10 题