Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurück und stellte mich
bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder
unpolitischen Hörner zuerst abgerannt, nämlich in Freiburg. Ein
talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht
genug verhärteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Geständnissen
hinsichtlich meiner persönlichen Theilnahme an hochverrätherischen
Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen,
die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, daß ich kurz vor dem
unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte
viel dazu beitragen, daß ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt
wurde.
Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der
Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens gänzliche Amnestie.
Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik
mochte ich mir keine Mühe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgültiger
als eine Pfefferdute, etwas für die Menschheit und mich Ersprießliches
wollte und mußte ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des
Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des
Heckerzuges in der Schweiz herumirrten.
Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 führte ich ein friedliches und
glückliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach
Freiburg, vorzüglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen
Persönlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes,
an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter
Weise.
Wer sich von einem großmüthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines
gesetzmäßigen Verhaltens begnadigen läßt und später doch wieder gegen
seinen Wohlthäter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versündigt,
geräth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von
Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen.
Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde,
wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum _zweitenmal_, wenn auch in
der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehört
nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes
Zuchthaus.
Wie verhält sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht würdig?--
Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lüge zu
zeihen vermag, soll den Antrag stellen, daß ich als der Gnade des Fürsten
unwürdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe
geschenkten Jahre auszuhalten.
Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten
angreifen, ich beginge damit das größte, fragwürdigste Unrecht; aber gegen
jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen
weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins
Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und
meiner eigenen Person protestiren zu müssen und zu dürfen.
Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines
gesetzmäßigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am
Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint.
Die Gegend, in der ich vom Spätherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch
später lebte, gehörte meines Wissens schon vor der Revolution zu den
Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben
sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flüchtigen Hecker beharrlich
zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes wählen helfen und würden sich ohne
Dazwischenkunft des einflußreichen Flüchtlings W. wohl bedeutender auch am
Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist.
Bei meiner Ankunft fand ich den an Geld und Gut wie an Einfluß reichen, zum
Heckerzuge wahrhaft gepreßten W., dessen Söhne ich unterrichtete, sammt
andern politischen Führern des Bezirkes flüchtig, die revolutionäre
Gesinnung in reichlichem Maaße vorhanden und könnte ich eidlich beschwören,
innerhalb 6 Monaten weder Ein conservatives Wort gehört noch von einer
konstitutionellen Parthei das Mindeste gesehen zu haben. Es fehlte
lediglich an einem organisirenden und leitenden Kopfe, um diese zwischen
die Schweizerkantone Zürich und Schaffhausen eingekeilte, politisch und
noch mehr militärisch wichtige Gegend mit den üppig auftauchenden und unter
sich immer enger verbundenen demokratischen Vereinen des Landes in
Wechselverkehr zu setzen. Man traute mir Fähigkeit und Beruf hiezu von mehr
als einer Seite her zu, ich hätte es sogar versuchen und durchsetzen
können, ohne mein der Regierung gegebenes Wort zu brechen, denn die
demokratische Organisation ließ sich damals innerhalb der Schranken der
bestehenden Gesetze sehr leicht vornehmen.
Ich habe niemals den leisesten Versuch hiezu gemacht.
Es ließe sich sagen, ein so unangesehenes Menschenkind meiner Art würde
nicht Ansehen genug gehabt haben, um politischer Führer zu werden. Diesem
Einwande widersprächen frühere Ereignisse, auch ließe sich an das
Sprichwort denken: Probiren geht über Studiren, doch soll er gelten; ferner
ließe sich sagen, der Flüchtling W. als der einflußreichste Mann der Gegend
würde mein Thun nicht gebilliget haben und dies wäre möglich, denn der
Vater meiner Zöglinge ist trotz seines demokratischen Auftretens, durch
welches er sich in ein leider noch jetzt fortdauerndes Unglück gestürzt
hat, sein Lebenlang kein inwendiger Demokrat, höchstens ein schlichter
Liberaler und mit dem Herrn Amtsverweser ganz einverstanden gewesen im
ruhigen Leben. Allein das demokratische Organisiren war gesetzlich, der
Vater meiner Zöglinge noch längere Zeit flüchtig und ich keineswegs Einer,
der ein Stücklein Gnadenbrod bei ihm aß und ihm hinsichtlich meines
politischen Verhaltens Rechenschaft abzulegen hatte. Vieles lud zu
Versuchen ein, eine politische Rolle zu spielen.
Ich lebte ebenso unabhängig als glücklich in Herrn W's Hause und kann
beweisen, daß ich meine Pflicht als Lehrer mit strenger Gewissenhaftigkeit
erfüllte, die Kinder sogar zum Kirchengehen und Religionsunterrichte
anhielt, was außerhalb übernommener Verpflichtungen lag.
Im naheliegenden Amtsorte gab es einen Volksverein und keinen andern, in
meinem Wohnorte dagegen tauchte trotz der allbekannten Gesinnung der
Einwohner vor dem Mai 1849 kein politischer Verein irgend einer Art auf.
Was meine Wenigkeit anbelangt, las ich wochenlang keine Zeitung, ließ mich
mondenlang kaum in ein politisches Gespräch ein, besuchte den Volksverein
des Amtsortes auch nicht ein einziges mal, geschweige, daß ich Mitglied
irgend eines Vereins wurde und habe nicht einmal eine Petition jener
petitionenreichen Tage verfaßt oder unterzeichnet.
Benutzte ich vielleicht die Nähe der Gränze, um mit Flüchtlingen zu wühlen?
Bekanntlich ist die Schweiz unschuldig am badischen Maiaufstande, derselbe
ging von Mannheim aus und fing in der Residenz an, die Zahl der Flüchtlinge
war sehr gering in Schaffhausen und Zürich, zwei Ausflüge dorthin und drei
dahin brachten mich in Verbindung mit 3 ganzen Flüchtlingen, nämlich mit
dem Vater meiner Zöglinge und 2 Studienfreunden, von denen Einer in den
ersten Monden des Jahres 1849 nach Amerika ging.
Gegen den Frühling hin thaute ich wieder etwas auf, suchte Menschen fand
dieselben zumeist in den Wirthshäusern, deutsche und schweizerische
Republikanerblätter und aufregende Ereignisse liehen Stoff zu Gesprächen
und weil mein Thun keineswegs mit meinen politischen Gesinnungen
harmonirte, sondern lediglich durch mein gegebenes Versprechen eines
gesetzmäßigen Verhaltens und meine gleichmäßige Verachtung aller damaligen
politischen Partheien und feigen Windfahnen insbesondere bedingt war, so
mag ich zuweilen durch derbe Redensarten Diesem oder Jenem wehe gethan
haben, der es nicht verdiente aber vergaß, wohl auch verdiente, aber nur
bis auf andere Zeiten scheinbar vergaß.--
Im April fand ich in Freiburg ein sehr bewegtes politisches Treiben und
Wühlen, zahlreiche Bekannte, neben alten Freunden mehr als Einen, der
meinen Müßiggang in politischen Dingen hart und bitter tadelte, mir bereits
offener oder heimlicher Feind geworden war oder wurde, weil ich Allem
zusah, zuhörte und stumm und unthätig blieb in beharrlicher Neutralität.
Die Verhandlungen der armen, verhetzten Soldaten begannen, ich warnte meine
Bekannten unter denselben vor Unbesonnenheit, reiste beim beginnenden Sturm
von Freiburg ab und saß am Tage der Offenburger Volks- und
Soldatenverbrüderung im Mai 1849 bereits wieder in meiner Schulstube.
Obwohl ich meinen Credit als Republikaner bei Hecker und manchen Andern
schwer eingebüßt, wäre es mir doch ein Leichtes gewesen, bei der
provisorischen Regierung irgend ein Aemtlein zu erschnappen, mindestens als
Commissär mit dreifarbiger Leibbinde und klirrendem Schleppsäbel Bürgern
und Bauern einen nagelneuen, hochgebietenden Herrn zu zeigen. Ich that es
nie.
Das Herz glaubt so gerne, was es wünscht!
Lügenhafte und prahlerische Zeitungsberichte gaben mir wieder eine bessere
Meinung von den Menschen, die Dinge im Lande sahen von meinem Winkel aus
betrachtet prächtig und vielversprechend herein, ich glaubte an eine
baldige Versöhnung aller politischen Partheien, an Verzichtleistungen, eine
süddeutsche Foederativ-Republik, weiß Gott, was ich nicht Alles ferne vom
Schauplatze so ernsthaft glaubte, wie mancher schweizerische Landjäger, der
mich um Neuigkeiten bat, welche über Nacht zum Heil der Völker vom Himmel
gefallen.
Ich glaubte ernsthaft nicht das Gelingen, sondern das Gelungensein des
Maiaufstandes; die Stellung, welche der Landesfürst mit seinen Räthen der
Bewegung gegenüber annehmen würde, war mir jedoch noch nicht klar und als
diese Gewissenszweifel verschwanden, dachte ich, der Staat habe Diener
genug, bedürfe keines Schulmeisters, im Nothfalle höchstens eines
Freiwilligen mehr.
Als ich die Proclamationen der neuen Regierung las, die Karlsruher Zeitung
als deren Organ sammt den regelmäßig fortlaufenden Nummern des
Regierungsblattes in altem Format und neuem Style mit Entzücken verschlang,
die bisherigen Beamten und Behörden unseres Bezirkes friedlich huldigen
sah, ohne daß eine ernstliche Weigerung eines großherzoglichen Dieners oder
irgend eine Drohung von Seiten des Civilcommissärs stattfand und als ich
zuletzt Aktenstücke aus der Residenz in die Hände bekam, unter welchen
hochachtbare Namen im Staatsdienste beinahe ergrauter Herren standen und
von friedlichen Unterhandlungen der "provisorischen" Regierung mit dem
Großherzog viel Tröstliches vernahm--da hielt ich mich ehrlich und
aufrichtig meines Versprechens vom 18. Oktober 1848 ganz und gar entbunden,
denn gegen eine nicht mehr bestehende Regierung kann es keine
Verpflichtungen mehr geben, der Unterthan aber hat niemals nach dem
_Ursprunge_ seiner Regierung zu fragen, sondern nur zu gehorchen. Dieses
lehrt ja der Staatslehrer Zachariae, der gewiß ein großer Jurist und meines
Erachtens ein sehr winziger Demokrat war. Mein Herz hatte der alten
Regierung niemals gehört, solcher Mangel mag ihr wenig geschadet haben,
jedenfalls war ich an ihrem Sturze im Jahr 1849 so unschuldig wie ein
neugebornes Kind, doch der neuen, aus der Ferne anfangs so prächtig und
großartig aussehenden Regierung war ich mit Leib und Seele ergeben und
glaubte, es sei Pflicht und Schuldigkeit, derselben Dienste zu leisten,
wenn kein Anderer und Besserer als ich zu finden und ich ausdrücklich dazu
aufgefordert würde.
Meine Ansichten und Gesinnungen sprach ich am 27. Mai 1849 in einer Rede
über die jüngsten Ereignisse vor einer großen Volksversammlung aus,
rücksichtslos, derb und hinsichtlich der Thatsachen, welche ich ja nur vom
Lesen und Hörensagen kannte, vielfach unwahr. An Hochverrath dachte ich bei
dieser Rede so wenig, daß ich einen Entwurf derselben hübsch in eine Mappe
legte und später selbst in die Hände des Amtsverwesers durch genaue Angabe
des Verwahrungsortes liefern half.
Mir ist es bloß darum zu thun, den Beweis zu liefern, daß ich als
Amnestirter mein der Regierung geleistetes Versprechen eines gesetzmäßigen
Verhaltens keineswegs mit Wissen und Willen gebrochen, folglich in dieser
Hinsicht die Pflicht der Ehre nicht verletzt habe.
Meine Betheiligung am Aufstande sammt Untersuchung und Urtheil sollen und
können hier nicht besprochen werden. Eine Veröffentlichung sämmtlicher
Akten würde mir eher angenehm denn zuwider sein, weil einerseits daraus
hervorginge, daß mich die zahreiche [zahlreiche] Armee in Baden sammt dem
Standgerichte nicht im mindesten abhielt, mich zu meinen damaligen
Gesinnungen und mit Recht angeklagten Handlungen mit einem Trotze zu
bekennen, der sich lediglich durch meine Verblendung und Glauben an mein
gutes Recht entschuldigen ließe. Anderseits möchte eine derartige
Veröffentlichung aber ebenfalls zeigen, daß meine Vergehen rein politischer
Natur und mit keiner an sich ehrlosen Handlung oder gar mit einem gemeinen
Verbrechen im geringsten Zusammenhange seien.
Ich sah die letzten Tage des deutschen Parlamentes und der provisorischen
Regierung, den ordnungslosen Rückzug des Insurgentenheeres, das Lager bei
Baltersweil, den Uebergang ins Schweizerland, aber ich dachte nicht daran
ein Flüchtling zu werden.
Später nannte ich im Kerker mein Dableiben den allerdümmsten Streich meines
bisherigen Lebens, zumal ich schon im Frühling 1849 zur Auswanderung nach
Amerika entschlossen und im Juli eine angenehme Gelegenheit für mich da
war, um mit einer befreundeten Familie wohlfeil fortzukommen; der Stolz
mich vor keiner menschlichen Macht oder Uebermacht zu beugen, wo ich in
meinem Rechte zu sein glaube, die Einsicht, daß bei der ungeheuern Zahl der
Theilnehmer des Maiaufstandes ein politischer Prozeß vom Standpunkte des
Rechts und der Gerichte, die ja mit Ausnahme Eines [eines] Gerichtshofes
der provisorischen Regierung ebenfalls gehuldigt und ungeschoren
fortfunktionirt hatten, unmöglich sei, die Hoffnung, daß man bei einer
politisch allerdings sehr zu rechtfertigenden Verfolgung Einzelner
anerkenne, daß ich als Amnestirter meine Pflicht nicht verletzte und das
Bewußtsein, mich während des Maiaufstandes keineswegs zu einer Rolle
hingedrängt und noch weniger eine auffallende Rolle gespielt zu haben--dies
Alles bewog mich, die Ankunft der preußischen Truppen ruhig zu erwarten.
Am 13. Juli 1849 ließ mich der Amtsverweser verhaften, am 20. kam ich auf
den Transport nach Freiburg, am 21. fiel es einem churhessischen Offizier
ein, mich ohne den mindesten Anlaß von meiner Seite am frühen Morgen in
Stühlingen mit Handschellen zu bedenken und zu seinem Privatvergnügen eine
starke halbe Stunde vor seinem Hause gleichsam an den Pranger zu stellen.
Der Amtmann wollte nichts von Beschwerde hören; ich verzeihe es ihm sammt
seinem energisch ausgedrückten Herzenswunsche, daß es mir und meinem
Leidensgefährten "recht schlecht" ergehen möge, verzeihe auch gern Anderes,
was mir vom churhessischen und mecklenburgischen Militär sehr unnöthig
angethan wurde und mit soldatischer Biederkeit nicht sonderlich viel zu
schaffen hat.
Am 22. Juli kamen wir noch immer geschlossen, mit einer Eskorte, als ob ich
und der gefangene Bauer am Jahr 1848 und 1849 dazu Vaterstelle vertreten
hätten, in Freiburg an und lebte als Kriegsgefangener 7 Monate unter den
Preußen, über deren strenge Aufsicht nur ein Narr klagen könnte, während
alle Kriegsgefangenen Freiburgs hinsichtlich der ehrenhaften und
menschlichen Behandlung von Seite der Offiziere und Soldaten wohl
einstimmig sein und bleiben werden.