Mit einem Vorwort

von

#DR. ALBAN STOLZ#

Professor an der Universität zu Freiburg.

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#ERSTER THEIL#

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Münster, 1853.

#VORWORT#

Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen

Verleger zu verschaffen; der Verleger wünschte dazu ein Vorwort von mir.

Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott

durch Verirrung und Unglück hindurch zum wahren Glück, zum

überzeugungsfesten Christenthum geführt hat, nützlich zu sein, sondern auch

den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlaßt werden

dieses Buch zur Hand zu nehmen.

Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwälder Geschichten von

Auerbach. Es wäre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein

Schwarzwälder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nämlich niemals ein

Schwarzwälder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstörung

Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich

niedergelassen hätten. Eben deßhalb mag Auerbach immerhin äußere

Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken

und Fühlen des Schwarzwälders reden will, so muß er dieses aus seiner

Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwälder Natur, sondern die eines

jüdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach

besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektüre

wollte und das tägliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwälder

Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenbläser des

Literaturmarktes den Meister Auerbach deßhalb gepriesen haben, weil er das

Verdienst hat kein Christ zu sein.

Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich für besser als

Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die kräftige

Durchführung kommt aus einem Schwarzwälder Naturell und aus einer Seele,

die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber überhaupt eine viel

interessantere und nützlichere Lektüre für einen geistiggesunden Menschen

die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie große Sünde

und großes Unglück in einandergreifen, als was ein Literat lustig

zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, daß die Leser sich nicht stoßen werden

an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er

lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine

sittliche Kränklichkeit, wenn man alsbald Aergerniß nehmen zu müssen

glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhüllt

mitgetheilt werden.

Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezüglich des stets

noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefängniß oder gemeinsame Haft in

Zuchthäusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen

competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Büchern und

kopfloser Sentimentalität spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt

hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe außer dem, was

mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch

eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung

erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich

zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drückender und führt zuweilen

selbst zur Verrücktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmäßiger

auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in

der Regel der Anlaß zu gründlicherer sittlicher Verwüstung, so daß wer mit

_einem_ Teufel ins Zuchthaus kömmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ,

der dieses weiß, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man

die Eierschalen gelehrter Bücher abgestreift hat und auf eigenen Füßen

geht, so wird man letztlich nicht dafür halten, daß um eine mögliche

Geistesstörung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter

Kameradschaft belassen werden müsse. Alle Formen des Wahnsinns sind

Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings

den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemäßen

Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit

geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische

Pause, daher ein unendlich geringeres Unglück, christlich aufgefaßt, als

ein bewußtes Leben in der Sünde. Hingegen ist die einzige Krankheit des

Geistes selbst Irrthum und Sünde; Erlösung davon kommt oft vor in der

Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen häufiger Verschlimmerung. Wer

deßhalb, weil in seltenen Fällen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der

verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich

selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewußt das

sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die höchste Bestimmung des

Menschen.

Ich wünschte, daß diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin

erzählten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd,

während sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen

für solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten

Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als für die %mysteres de

Paris% und andere aus fremden Sprachen übersetzte Verbrecherromane, wie sie

sonst der teutsche Michel liebt.

_Freiburg_ am Tag des h. Mansuetus 1853.

#ALBAN STOLZ.#

#MEINE VORGESCHICHTE#

Wenn ein ehemaliger Züchtling sich unterfängt, als Schriftsteller, und

zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so möchte es am Platze sein,

daß er zunächst ein Wörtlein über seine Person fallen läßt.

Zwar hat ein hochgeachteter und berühmter katholischer Schriftsteller sich

meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger für

die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache möchte für die

Schrift und wohl auch für meine Person genügende Empfehlung lieden

[liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der]

Sünde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthäusler, welcher die Religion

und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen möchte, kommt namentlich

heutzutage gar leicht in Gefahr, mißtrauisch angesehen und schief

beurtheilt zu werden und durch öffentliches Auftreten einer großen heiligen

Sache eher zu schaden als zu nützen.

Ich rede ungern von meiner Person, könnte sogar in den Verdacht gerathen,

als ob ich meine zuchthäuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen,

empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche,

der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwärtigen Zeitumstände

scheinen es mir anzubefehlen, zunächst Einiges über mich und noch mehr über

den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift

insbesondere einnehme, verlauten zu lassen.

Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges

aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte

dieser Geschichten bilden.

Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur

hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit

Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch

über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen

freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.

Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits

als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem

Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling

1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und

Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als

Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen

vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung

als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach

Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.

Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich

bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich

allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in

allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte.

Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes,

doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete.

Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in

einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen

Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode,

sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte

eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in

Europa und--keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger,

glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der

gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.

Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte,

gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und

Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen

Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen

Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu

Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern,

einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem

Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung

folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von

seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der

Revolution stürzte.

Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als

Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu

vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen

Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein

Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts

deren einzige Idole zu sein pflegen.

Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer

1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung

genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen

den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich

eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte

aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich

mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen

schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch

ganz anderer und schwererer Opfer würdig.

Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen

und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser

nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die

Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu

aufgefordert worden,--aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes

gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber

immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden

Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch

betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein

nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht

sonderlich gefiele.

Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, deßhalb will und kann ich

auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berühren.

Am 24. Februar 1848 noch ein erträglicher badischer Unterthan, weil ich den

Segen kleinerer Staaten für die Menschheitsentwicklung nicht verkannte,

wandelte mich die Nachricht der Geburt der französischen Republik

schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester

demokratischer Basis um; am 3. März schwärmte ich für ein unter 3 Herrscher

getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15.

erkannte ich den lächerlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher

getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wünschte einen

Barbarossa, der die Gränzen des Reiches scharf umreite, die

Souveränitätsträume aller großen und kleinen Fürsten vernichte und ein

scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. März war ich bei

der ersten großen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als

die Wiener Nachrichten bewirkten, daß ich in der Monarchie überhaupt nur

noch die fliegende Brücke sah, welche zur Republik hinüberführte; ein

Aufenthalt in Straßburg ließ mich vor lauter Freude über die kleinen,

tapfern Französlein ins Röthliche hinüberschillern, jedenfalls hätte

Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schooß legen

können, wenn er vorher seiner fürstlichen Stellung entsagt und eine Pension

angenommen hätte.

"Zuerst putzen und räuchern wir den germanischen Augiasstall tüchtig aus,

dann kommen unsere Brüder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore

bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter

den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann

einstimmiger Beschluß der verbündeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die

etwa noch übrigen regierenden Häuser der pyrenäischen und italischen

Halbinseln haben aufgehört zu regieren!--allgemeine Einladung an John

Bull, seinen kostspieligen und ziemlich überflüssigen monarchischen Flitter

vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein

großes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des

nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bündniß mit Bruder Jonathan,

friedliches Entwickeln innerhalb der europäischen Völkerfamilie, großartige

Freischaarenzüge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes

Aller nach andern Erdtheilen, zunächst Zurückführung der Kinder Israels ins

gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!"

Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler

Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848.

Vom 18. März an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mißtrauen ist des

Bürgers erste Pflicht! %Aux armes, citoyens%!"--erwartete von einem

Parlamente voll bedächtiger Professoren, wortklaubender Juristen und

schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr für Völkerfreiheit und

die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafür, daß mein Fieber

fortdauerte.

An Warnungen und Winken wohlmeinender Männer fehlte es nicht, die

alltägliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhörlich Ohrfeigen

und Fußtritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte

es ein bischen zu spät und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse,

dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurück, so weit es anging.

Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung für die Republik war im

Werke, ich griff nach Hirschfänger und Flinte und zog zu Fuß über den

Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung

und Gesinnung des Volkes zu mustern.

Die Reise aus dem betäubenden Volkslärm der Rheinebene über den dünn

bevölkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen

Häuptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir

wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens

voraussehen mußte.

Unter allen demokratischen Führern, welche ich auf der Reise und in

Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe

Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an

sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in

andern Ländern.

In Konstanz verlebte ich unvergeßliche Tage und schloß mich dann dem

allmählig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre"

zu retten und noch mehr, um ein Stücklein Geschichte mit eigenen Augen

werden, wachsen, blühen und vergehen zu sehen.

Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen

Flüchtlings auf den Hals.

Gott meinte es gut mit mir, denn ich besaß keine Anlage für einen

eigentlichen Revolutionär, ein leicht erregbares, stürmisches Temperament

würde mich bei längerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben,

weitere politische Thätigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben.

Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution

über diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Blätter"

und der berühmte Gründer derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des

Scheines und der Lüge sagten und erstere mit seltener Kühnheit fortwährend

sagten, während die Revolution die Völker verblendete und verführte, muß

ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das

Herz, entmenscht und verteufelt das Gemüth. Ich habe dies an mir selbst

erfahren und alle Ursache, dem Allmächtigen zu danken, weil Er auf eine oft

wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt,

zu denen mich mein politischer Fanatismus hätte leicht hinreißen und den

nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewußtsein werfen können.

Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, daß

ich jetzt Allen, welche mich im Frühling 1848 sahen, hörten und auf irgend

eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wißt Ihr auch nur eine

einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich

damals zu verhindern vermochte und zuließ oder gar selbst beging? Habt Ihr

von mir Eine Rede gehört, in welcher ich etwa nach dem Beispiele früherer

und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plünderung und

Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglücke

_empfahl_? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem

Schutze großer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen

Heldenmuth gegen alle mißliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt!

Versucht es, ob Ihr _meine_ Ehre auch besudeln könnt, es möchte schon der

Mühe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu

verspeisen!"

Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr

lernte ich während derselben kennen. Meine Begeisterung für das "souveräne"

Volk und manche Führer desselben wurde namentlich während des Heckerzuges

und noch weit mehr während meines Flüchtlingslebens ungemein abgekühlt.

Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden

Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den

Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schädliche Weise das Regieren

erschwert und das Gemüth verbittert und verhärtet wird, kann ungemein viel

rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken.

Im Lande der Alpen impfte mir das Flüchtlingsleben die früher einstudirte

und gänzlich vergessene Wahrheit wieder ein, daß Staatsformen an sich

keineswegs ein Volk beglücken und möglicherweise in einer Republik große

Engherzigkeit, arge Volksunterdrückung und thatsächliche Tyrannei jeder

Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung

gedeihen können.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Erster Theil · 第 2 / 10 题