hob und die Mauern des Sarazenenturmes aus dem Dunkel sich lösten, ließ
Giuditta ihre Ruder über dem Wasser schwingen, lehnte sich zurück und
begann ein Lied. Zum ersten Male, daß sie sang. Eine wilde, ergreifende
Melodie. Die zog auf breiten Schwingen über das Wasser, umflatterte
den harrenden Turm und legte sich über den Strand, auf den das Boot
auffuhr. Es war wie ein großes, wunderbares Geheimnis.
Sie schritten über den Strand und betraten den Turm. Zwischen den
Mauern, über dem Schutt, war ein Nest hergerichtet. Notdürftig zwar,
aber genügend, um Schutz zu gewähren. Ein alter bunter Teppich deckte
den Boden. Durch die fensterlose Turmluke, die wie der Eingang durch
eine Wolldecke zu sperren war, schwebte die weiche, laue Nachtluft und
der Sternenschein. Unaufhörlich sang das Meer.
»Nimm Besitz, Enrico. Das ist unser Reich. Dort in der Holzhütte
schläft unser Hofstaat, Francesca. Wir brauchen das Dach nur zur Nacht.
Am Tage haben wir den Sonnenhimmel zu Häupten und zu Füßen die blühende
Insel. Sprich ein Wort, ob du zufrieden bist.«
»Ja, nur ein Wort: -- Giuditta!«
Und sie in seinen Armen: »Mein Enrico ... Mir gehörst du!«
Früh mit der Sonne durchstreiften sie ihr Reich. Oft eng
aneinandergeschmiegt, oft wie ausgelassene Kinder sich jagend und
haschend. Auf jedem Punkte, der neue Aussicht bot, hielten sie an und
schrien auf vor Entzücken. Mit jedem Baum, jedem Strauch, mit der
ganzen Blütenwildnis umher machten sie feierlich Bekanntschaft. Auf
einer Steinplatte, die sich über das Meer hinausreckte, lagerten sie
eng verschlungen, den Blick auf die hochgeschwungene Silhouette Capris
gerichtet, oder südwärts, in der Richtung, in der sie Salerno wußten.
»Dorthin mußte der arme Heinrich, Giuditta. Ich konnte mir den Weg
sparen. Hoho! Ich bin gesund!«
»Ruhig, ich bin dein Arzt!«
»Mein Mädchen bist du! Aber her nur mit deiner Medizin.« Und sie
jubelten über die See.
Alle zwei, drei Tage, wenn es Abend wurde, kam ein Boot zu ihnen
herüber und brachte Trinkwasser und die wenige Ware, deren sie
benötigten. Die alte Francesca schwatzte mit dem Mann, nachdem sie ihm
für die Fahrt eine Silberlira gezahlt. »Es ist ein ›Afrikaner‹,« sagte
Giuditta, »aus der Sippe der Francesca. Er tut es gern.«
Während die Alte in den Morgenstunden das Hauswesen besorgte, sprang
das junge Paar von geschützter Stelle in die See, schwamm spielerisch
hinaus oder rund um die kleine Insel. Nachher lagen sie in der Sonne.
Wurde es heißer, so suchten sie den Schatten der Bäume oder die runden
Höhlen, die das Meer in den Fels gewaschen. Von hier aus warfen sie die
Angel, meist aber träumten sie Schulter an Schulter, glücklich, daß
sie ihr Beisammensein fühlten, und merkten nicht, wenn ein Fisch an
den Köder ging. Und in dem seligen Nichtstun erstarkte der Mann, seine
Brust war gesundet, und zuweilen schon blitzte es wie Tatendrang aus
seinen Augen. Giuditta aber dachte an nichts als an die Stunde, die um
sie war.
»Du gehörst mir, Enrico.«
»Du hast mir das Leben doppelt geschenkt, mit dem Glück die Gesundung.«
»Wenn ich mein Ohr auf deine Brust lege, höre ich nichts mehr von
eifernden Stimmen.«
»Tust du das?«
»Jede Nacht.«
Und immer schöner wurde der Frühling, und immer stärker entfaltete
sich das Leben. Wenn sie auf der überragenden Steinplatte saßen und
über das Meer blickten, sahen sie die Dampfer, die den Strom der
Fremden nach Messina und Palermo führten, die großen Segler, die von
der afrikanischen Küste nach Neapel und Livorno strebten. Oft war die
Ferne erfüllt von kleinen Booten, welche die Frühjahrsgäste Capris bis
nach Sorrent spazieren fuhren. Und die Fischerflottillen aller kleinen
Küstenstädte der Runde standen am Horizont wie lange schwarze Striche,
umglitzert von der Sonne, die sich in den weißen und roten Segeln fing.
Heimlich dehnte der Deutsche die Arme. Die Kraft wurde überschüssig.
Einmal sie wieder erproben, einmal nur ...
Neben ihm, die Hände unter dem Haarknoten verschränkt, lag Giuditta,
mit großen Augen in die Sonne blickend. Er sah das ruhige Atmen des
schlanken, frauenhaften Körpers. Er sah das stille Lächeln des Glücks
um ihren Mund. Und er ließ die sich dehnenden Arme leise sinken.
»Höre, Giuditta,« begann er an einem Abend, während die alte Francesca
mit dem ihr verwandten Fischer aus Positano am Landungsplatze
plauderte, »wer bestreitet denn eigentlich den Haushalt?«
Sie sah ihn überrascht an.
»Das ist Frauensorge. Nimm fürlieb.«
»Oho! So schüttelst du mich nicht ab. Du willst doch nicht, daß ich
mich vor dir schäme?«
Sie sah ihm noch immer in die Augen wie in einem jähen Schreck.
»Was dein ist und was mein ist, darin weiß ich keinen Unterschied.
Wo bliebe da die Liebe, die eins ist? Wenn es dich jedoch beruhigt,
Enrico: ich habe ein kleines Vermögen, und wir brauchen fast nichts.«
Er war nicht darauf zurückgekommen. Er wollte sie nicht kränken. Aber
umso stärker spürte er die eigene, neugeborene Kraft, die sich nicht
betätigen konnte. Und als der Frühling weiter und weiter schritt, dem
Sommer entgegen, wurde er ganz still.
Der Schirokko meldete sich. Der legte sich ihm ins Blut wie Blei.
Stundenlang konnte er, ohne zu sprechen, auf der Felsplatte liegen und
nach Norden schauen.
»Was ist dir, Enrico?« fragte sie angstvoll, und doch bemüht, die Angst
in der Stimme zu bändigen.
»Ich hatte ein Gesicht.«
»Erzähle doch ...«
»Jetzt schneiden sie daheim das Korn. Dann folgt die Kartoffelernte.
Wie schnell die Zeit da sein wird.«
»Was plagst du dich um Korn- und Kartoffelernte? Du bist doch kein
Landmann.«
»Nein, aber Offizier bin ich -- nein, nein: war ich. Ich seh’ die
Stoppelfelder und den Brachacker. Die Schwadronen ziehen aus mit
klingendem Spiel. Es geht ins Manöver. Ach was -- ich bin ja doch nicht
dabei.«
»Du gehörst mir, Enrico,« sagte sie mit zitternder Stimme.
Er nickte. --
Seit Wochen lag der Schirokko wie ein glühender Hauch über Land und
Meer. Der Deutsche sprach nicht mehr. Er sah an Giuditta vorbei. Und
sie wußte, daß er unablässig grübelte. Längst hatte sie begonnen, jeden
Zug in seinem Gesicht zu belauschen. Da trat sie vor ihn hin.
»Du küssest mich nicht mehr, Enrico. Du sehnst dich heim.«
»Ich muß -- fort!« stieß er hervor.
»Mit mir --?«
»Ich will wieder Dienste nehmen. Bei meinem alten Regiment. Ich bin
gesund und lungere herum.«
»Willst du -- mit mir -- fort?«
»Giuditta -- ich komme wieder.«
Sie stand blaß und aufrecht. Ihr Blick umfaßte seine ganze Gestalt.
Glühend lastete der Schirokko über den beiden Menschen.
»Morgen abend,« sagte sie, »kommt der Verwandte der Francesca. Er kann
dich nach Positano rudern oder nach Sorrent. Es ist besser, unser Boot
bleibt hier. Bist du es zufrieden?«
»Giuditta!« schrie er. Alle Mattigkeit war von ihm abgefallen. Er
schlang die Arme um die Willenlose und preßte sie an sich, als wollte
er sie erdrücken. Er überschüttete sie mit Zärtlichkeiten.
»Dieser Tag und die Nacht gehören mir,« sagte sie leise.
Den Kopf in ihrem Schoß gebettet, lag er lang ausgestreckt, haschte
nach ihren Händen, die er küßte, und sang deutsche Lieder über das
Meer. Sie sah auf ihn hinab mit demselben steten, starren Blick. Als es
Abend wurde, erhob sie sich.
»Bleibe. Ich will Francesca sagen, daß sie uns nicht umsonst erwartet.
Die Nacht ist so warm. Wir wollen sie im Freien verbringen.«
Sie ging zum Turm zurück und kramte in ihren Sachen. Die alte Amme
schaute ins Gelaß.
»Giuditta --!« rief sie erschreckt.
»Du schweigst! Ich bin die Herrin!«
»Giuditta --,« wimmerte die Alte und hob die Hände.
Die aber setzte sich nieder und schrieb mühsam ein paar Zeilen auf ein
Blatt Papier, das sie verschloß.
»Morgen in der Frühe fährst du hinüber nach Positano und übergibst das
dem Pfarrer. Kein Wort! Es muß sein. Enrico ist schwer krank.«
Und plötzlich nahm sie die Alte fest in die Arme und küßte sie wieder
und wieder. »Schwöre mir bei allen Heiligen, schwöre mir, daß du tust,
wie ich will. Du wendest dich nicht nach mir um. Und morgen in der
Frühe ruderst du hinüber. Bei meiner Liebe, die ich dir entziehen
würde.«
Die Alte machte das Zeichen des Kreuzes. »Ich bin deine Dienerin,«
flüsterte sie stumpf. »O Madonna, Madonna ...«
»Ich schrieb auch ihr. Gestern nacht. Nimm.«
Und Giuditta lag auf der die See überragenden Felsplatte neben
dem Geliebten. Wie ein Sturm waren seine Zärtlichkeiten über sie
dahingebraust. Nun schlief er in ihrem Arm.
Sie richtete sich auf und legte ihr Ohr auf seine Brust. Dann drückte
sie die Lippen auf die Stelle.
»Was tust du?« fragte er und öffnete schlaftrunken die Augen.
»Ich küsse dein Herz.«
Und er hob die Arme zu ihrem Halse und entschlummerte aufs neue.
Giuditta saß unbeweglich. Ihr Auge grüßte den blauen, sternenbesäten
Himmel und das blaue, schweigende Meer. Es grüßte die Küste und die
schattenhaften Türme, die Zeichen alter Sarazenenherrlichkeit. Die Hand
senkte sich in ihr Kleid und tastete nach dem Herzen des Schläfers.
Dann beugte sie sich rasch vor, preßte die Lippen auf den Mund des
Geliebten und stieß ihr Stilett tief in sein Herz.
Der Mann gab keinen Laut. Im Todesschlaf lächelnd lag er vor ihr.
»Giuditta Africana,« flüsterte sie. Und sie erhob sich und ging leisen,
schnellen Schrittes den Felspfad zur anderen Seite hinab, wo ihre Barke
auf dem Strande lag. Leise löste sie die lange Kette, legte sie, um das
Klirren zu hindern, um die Schultern und stieg wieder hinan. Vor dem
Toten kniete sie nieder.
»Du gehörst mir! Wir bleiben zusammen.«
Schwere Steine befestigte sie an der Kette. Sie schlang sie fest um den
Toten und sich und verhakte sie. Da vernahm sie das Heranhasten der
alten Francesca.
Sie umklammerte das blasse Haupt des Geliebten. »Komm,« sagte sie, »wir
sind Könige --«
Mit aller Kraft hielt sie die Füße gegen die Steinplatte gestemmt. Es
klirrte und klang. Dann war die Steinplatte leer. Unten seufzte das
Meer auf wie unter einer allzuschweren Last, die es nicht zu halten
vermochte. Die alte Dienerin, die sich mit wildverstörten Augen über
den Felssturz beugte, sah nur noch die seltsam grünen Flecke des
Meeres, die im Mondlicht stille, weite Ringe zogen ...
* * * * *
Ich hatte die Achtzigjährige in der verfallenden Kapelle
zurückgelassen. Als ich nach heißer Wanderung zurückkehrte, lag die
Alte noch auf demselben Platz. Friedlich schlief sie. Und sie erwachte
nicht mehr, als ich sie rüttelte.
Die Leute von Positano sträubten sich gegen das Begräbnis der
Verrückten, die seit zwanzig Jahren wie eine Heidin gehaust hatte und
nicht einmal zur Osterbeichte gekommen war. Da fragte ich nach ihrem
Verwandten und fand einen alten Fischer. In der Nacht haben wir den
leichten Körper ins Boot getragen.
»Schirokko,« sagte der Alte und wischte sich die glühende Stirn.
Und ich dachte, als wir hinausruderten zu den Galli-Inseln, und der
Sarazenenturm aus dem Dunkel stieg, an das schöne, einsame Weib, das
›Feuer im Blut‹ hatte von ihren Vorfahren her.
Dort, wo die grünen Flecke im blauen Wasser leuchten, haben wir die
Leiche der alten Dienerin versenkt. Dort ruht sie auf dem Grunde zur
Seite ihrer angebeteten Herrin, Giuditta Africana.
Auf der Fahrt nach dem Glück
Der Straße von Gibraltar zu steuerte ein Schiff. Rosenrote Streifen
liefen über das Meer, leise zitternd, als ob die gewaltigen Wasser
den Atem anhielten vor der Schönheit der untergehenden Sonne. Schon
dunkelte es über der Küste Afrikas. Nur die weißen Häuser Tangers
leuchteten aus den mit tiefen Schatten erfüllten Gebirgsfalten des
kahlen Atlas. Spaniens Felsenküste rückte näher und näher. Im Norden
wuchs, immer deutlicher erkennbar, das Löwenhaupt Gibraltar.
Lautlos fast durchschnitt der mächtige Schiffsrumpf die Wasser. Aus den
glitzernden Wellen, die er aufwarf, hob sich ein Kopf, ein zweiter.
Ein Delphinenpaar schnellte sich in graziösem Bogen von Welle zu
Welle. Hinter ihm drein ein anderes. Und nun, links und rechts, vor-
und rückwärts Hunderte von silbrigen Leibern, in weiten, elastischen
Sprüngen sich folgend und überholend, wie eine Koppel schlanker
Windhunde an den schäumenden Flanken des Jagdrosses dahinsausend. -- --
Unbeachtet glitt das blitzende Spiel durch die Stille. Der Ruf der
Schiffstrompete hatte eine Stunde früher als sonst zum Diner geladen.
Auf dem Promenadendeck arbeiteten hastig die Elektrotechniker,
überspannten den breiten Gang mit schwankem Segeldach und schufen einen
Sternenhimmel aus bunten Beleuchtungskörpern. Alles klar zum Ball an
Bord, waren die Säulen des Herkules passiert! Irgend einem hohen Herrn
zu Ehren, dem mit der technischen Leistungsfähigkeit nicht minder die
Eleganz der Lebensführung eines deutschen Ostasiendampfers verdeutlicht
werden sollte.
Oben auf dem Sonnendeck lehnte ein Reisender. Sein Blick ging über das
Meer und haftete an dem geheimnisvollen Gebirgszug, der fern an der
marokkanischen Küste mehr und mehr zurückblieb. »Der Atlas -- --« sagte
er gedankenlos vor sich hin. Aber das Wort umflatterte ihn, als trüge
es den Hauch einer Erinnerung in sich, so daß er, aufmerksamer werdend,
die Gedanken spornte und endlich mit einer zähen Angestrengtheit, die
ihm bald ein Lächeln entlockte, hinter dem Worte hersann. Und dann
verflog das Lächeln, und er hatte die Erinnerung. Eine Strophe, eine
Heinesche Strophe -- -- Fort, fort mit ihr! Er zwang den Blick, daß er
sich dem buntglitzernden Wasser zukehrte. Aber das Spiel der Delphine
bemerkte er nicht. Das Auge suchte aufs neue den Bann des Bergrückens
auf, der nach der Sage der Alten das Himmelsgewölbe trug, und immer
wieder krochen die Verse in sein Gehirn und klammerten sich darin fest:
»Ich unglücksel’ger Atlas! eine Welt,
Die ganze Welt der Schmerzen muß ich tragen,
Ich trage Unerträgliches, und brechen
Will mir das Herz im Leibe.«
Seine Augen weiteten sich, als müßten sie eine unaufhörliche Kette von
Bildern ertragen. Über sein von der Seeluft gebräuntes Gesicht ging ein
nervöses Zucken.
Was denn nur? Was denn nur? dachte er. Du hast es ja gewollt! --
»O ...« machte er ironisch, denn ihm war eingefallen, daß die Heinesche
Strophe ebenso sprach.
»Du hast es ja gewollt --
Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich,
Oder unendlich elend, stolzes Herz,
Und jetzo bist du elend.«
Er wandte sich kurz ab.
Über ihm war ein Rauschen und Flattern. Großbritanniens Flagge
wehte vom Mast, grüßend stieg die deutsche auf und nieder, über die
Toppen hißte das Schiff paradierend den Wimpelschmuck der Nationen.
Und von der Reede Gibraltars erwiderten englische Kriegsschiffe die
Höflichkeitsbezeigungen mit kurzem Flaggengruß.
Die Passagiere waren an Deck geeilt. Lachend und lärmend um die
Schiffskapelle geschart, die mit aller Kraft »~God save the king~«
ertönen ließ, winkten sie mit den Tüchern den drohenden Felsbatterien
zu, bis der Dampfer in stolzer Fahrt einen Streifen freien Mittelmeers
zwischen sich und die gewalttätige Europaspitze gebracht hatte und das
Dunkel der hereinbrechenden Nacht das Land verschlang. Und plötzlich
durchbrach ein Blitzen die Dunkelheit, feurige Blumen strahlten,
lockten und flammten, süße Walzerklänge schmeichelten sich wiegend
über Deck -- »Rosen aus dem Süden« ...
Eine Stunde schon jauchzte die Musik durch das Schiff. Der Mann auf
dem Sonnendeck horchte. Leichte Schritte kamen die Treppe herauf,
schwerere hinterdrein. Dann stand im Licht der einsamen elektrischen
Lampe eine überschlanke Erscheinung in schleppender, meergrüner Seide,
mit einem feinen blassen Köpfchen, das brünette Haar nach Knabenart
kurz geschnitten. Neben ihr der Kapitän, mit der Zuvorkommenheit des
aufmerksamen Gastgebers. Sie sprachen Englisch.
»So, Miß Turnbull, hier können Sie Luft schöpfen. Das ist ein ganzes
Reservoir.«
»Danke, Kapitän. Und nun kehren Sie zu Ihren Pflichten zurück. Es war
sehr schön.«
»Fallen Sie mir nicht über Bord, Miß Turnbull, und lassen Sie
sich nicht vom Wassermann stehlen. Auf Wiedersehen! Hallo, ist da
jemand -- --?«
»Jawohl!«
»Ah, sieh da. Das trifft sich. Sie unterhalten wohl Miß Turnbull. Darf
ich vorstellen? Herr Wilhelmi, Doktor oder Professor, das weiß ich
wirklich nicht.«
»Nehmen Sie an: beides.«
»Auf Wiedersehen, meine Herrschaften. Versäumen Sie nicht den ganzen
Ball!«
Sie lehnten schweigend an der Brüstung. Bis dem Manne das Schweigen
peinlich wurde.
»Verzeihen Sie, Miß Turnbull, aber ich spreche nicht gern Englisch.«
»Und ich nicht gern Deutsch.«
Wieder eine längere Pause. Dann suchte der Mann heimlich den
Gesichtsausdruck der Reisegefährtin, die bewegungslos auf ihrem
Aussichtsposten verharrte.
»Mein Fräulein ...«
»Mein Herr ...«
»Ich hoffe, Sie haben mich vorhin nicht mißverstanden. Ich würde das
sehr bedauern. Meine Worte sollten keine Unhöflichkeit enthalten.«
»Oh -- ich würde das von einem Gentleman auch nicht erwartet haben.«
»Ich danke Ihnen. Aber mein Englisch ist tatsächlich derart, daß es
Ihnen keine Freude bereiten würde.«
»Mein Deutsch ist von gleicher Beschaffenheit.«
»Nicht doch! Ich verstehe Sie ohne Mühe.«
»Aber wir brauchen ja gar nicht zu sprechen. Das Meer besorgt die
Konversation für uns.«
»Schön. Da naht eine Welle. Ein bißchen demütig. Sehen Sie sie? Das ist
meine Frage.«
»Und dort eine andere. Sie macht einen Knix. Sehen Sie? -- Das ist
meine Antwort.«
»Aha, ich verstehe. Das soll heißen: In Gnaden aufgenommen.«
Sie lachte und schüttelte den Kopf.
»O nein. Das soll heißen: Bemühen Sie sich nicht.«
»Zur Strafe wird die kokette Welle von der eben noch demütigen
plötzlich verschlungen.«
»Möglich. Aber ich bin nicht kokett. Ich habe durchaus keinen Grund
dazu.«
»Mit anderen Worten: Ich komme nicht in Betracht. Ob ich anwesend bin
oder nicht.«
»Sie sind böse über den Scherz, Herr Wilhelmi ...«
»Gewiß nicht. Ich finde mich eben mit meinem Schicksal ab.«
»Nun kokettieren _Sie_. Nun wollen Sie eine Schmeichelei hören.«
»Ich ...? Ach du lieber Gott! Mache ich wirklich einen so schlechten
Eindruck?«
»Sie sind bitter, Herr Wilhelmi. Das paßt nicht zu der schönen Nacht.«
»Die schönen Nächte sind für die glücklichen Träumer. Sie haben das
Leben vor sich.«
»Und Sie? Machen Sie sich nicht älter, als Sie sind.«
»Ich habe es hinter mir. Es kommt nicht auf die Jahre, nur auf die
Erlebnisse an.«
»Erlebnisse bleiben keinem erspart. Damit müssen wir uns abfinden.«
»Ja, mit den ehrenhaften.«
Sie sah ihn erschrocken an. Dann sagte sie, während ihre feinen
Nasenflügel bebten: »Kann man denn anders handeln?«
»Nein. Aber man kann passiv in Mitleidenschaft gezogen werden. Zum
Beispiel: wenn man Schmutz anfaßt.«
Sie richtete ihren Blick fest auf ihn.
»Dafür gibt es Wasser.«
»Wasser allein tut’s nicht immer.«
»Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe,« murmelte sie, und eine
rasche Blutwelle ging ihr durch die Wangen. »Ich wollte keine häßlichen
Erinnerungen in Ihnen erwecken. Verzeihen Sie.«
»Gute Nacht!« sagte er freundlich und verbeugte sich.
»Gute Nacht!« Einer schnellen, weiblichen Empfindung folgend, streckte
sie ihm die Hand hin. »Morgen wollen wir heiterer plaudern.«
Er drückte seine Lippen auf ihre Hand ...
Vom Promenadendeck tönte die Musik. Dazwischen das Scharren und
Schleifen tanzender Füße. Champagnerpfropfen knallten, ein ungestümes
Lachen scholl herauf. Und wieder Musik ...
Die beiden standen und sahen sich an. Um sie her das dunkle Meer,
vom Mond mit glitzernden Maschen überspannt. Zur Linken tauchte
geheimnisvoll die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada auf. Ein
Signalfeuer blitzte auf und verschwand.
Da nickten sie sich zu wie alte Bekannte und gingen. --
In der Frühe des Morgens saß Wilhelmi an seinem Lieblingsplatz
auf Sonnendeck. Er sah nach der spanischen Küste hinüber und den
Schneebergen. Aber er sah nicht ihre gigantische Schönheit, er wollte
nur einen Ruhepunkt für seinen Blick. Der trug an einem Bilde, und er
dachte nicht daran, es zu tauschen. Eine knabenhaft schlanke Gestalt
mit einem ernsten, blassen Köpfchen stand vor ihm und reichte ihm die
Hand. Das ist eine feste, treue Hand, dachte er. Eine Frauenhand ist
nicht wie die andere. Manche kühlen wie ein Segen, andere brennen wie
ein Fluch ...
Da floh die Heiterkeit der Morgenstimmung von seinen Zügen. Er starrte
auf die himmelanragende Küste, und er fand sie abwehrend, unwirtlich
und öde.
»Guten Morgen,« hört er eine Stimme neben sich. Er wandte hastig den
Kopf.
»Was ist das für ein bitterböses Gesicht! Ich dachte, heute wollten Sie
heiter sein?«
»Nun bin ich es.«
»Das ist gut. Also bin ich noch etwas nütze auf der Erde.«
Er war aufgesprungen und hielt ihre Hand. Das einfache weiße
Leinenkleid ließ die Gestalt elastisch wie eine junge Birke erscheinen.
Auf dem kurzen brünetten Haar trug sie ein weißes Jockeimützchen.
»Sie sind wie ein frischer Morgengruß,« sagte er.
»Aber ein Gruß erfordert eine Antwort.«
»Die habe ich Ihnen schon gegeben. Mit meiner Freude.«
»Dann beanspruche ich den Gruß den ganzen Tag.«
Er nötigte sie in den langgestreckten Stuhl und wollte einen zweiten
herbeiholen.
»Wissen Sie was, Herr Wilhelmi? Unsere Mitpassagiere schlafen ihren
Tanzrausch aus. Wollen wir hier oben frühstücken?«
»Ah -- ich besorge den Tee.«
»Nein, das ist Frauengeschäft.«
»Sie sollen sich nicht von der Stelle rühren.«
»Und Sie noch weniger! Ein Mann mit einem Präsentierbrett!«
»Es wäre nicht das erstemal.«
»Dann muß es das letzte -- gewesen sein.«
»Sonderbar,« sagte er, »ich hatte mir die englischen Damen ganz anders
vorgestellt.«
»Ach, das kommt nicht auf die Nation an. Und im übrigen -- ich glaube,
ich habe gar keine Nation.«
»Sie sind doch Engländerin?«
»Von den Eltern her. In England selbst war ich immer nur wenige Monate.
Mein Vater wurde als Diplomat bald hierin, bald dorthin versetzt.
Augenblicklich lebt er in Japan. Dort war ich auch zuletzt.«
»Aber Sie sind in Southampton an Bord gekommen. Sie befinden sich also
auf der Rückreise?«
»Nein,« sagte sie, »ich bin überflüssig geworden. Mein Vater hat
sich zum zweitenmal vermählt. Eine Dame meines Alters. Da habe ich
stillschweigend das Feld geräumt.«
»O -- war das notwendig ...«
»Ich muß immer etwas zu sorgen haben,« gab sie mit einem leisen Lächeln
zurück.
»Und auch in England fanden Sie nicht den richtigen Boden?«
»Man lebt nicht ungestraft sein ganzes Leben im Süden. Ich konnte das
heimatliche Klima nicht mehr vertragen und wurde krank. Wie Sie mich
hier sehen, bin ich eine Rekonvaleszentin.«
»So,« sagte er, »dann werden Sie sich von nun an auch als solche
behandeln lassen. Trotz Ihrer Antipathie gegen Männer mit
Präsentierbrettern. Keine Widerrede!«
»Rufen Sie doch den Steward,« bat ihre Stimme hinter ihm her, und er
hörte ein stilles, wohliges Lachen aus dem Klang. --
Den ganzen Vormittag saßen sie beieinander. Oft rann eine halbe Stunde
hin, ohne daß sie sprachen. Nur das Meer rauschte leise zu ihnen
empor. Dann beugten sie sich über die Brüstung und lauschten. Wenn sie
sprachen, geschah es, daß einer die Sprache des anderen versuchte. Wie
in zarter Rücksichtnahme.
»Sie behandeln mich wie eine Kranke. Ich bin ganz gesund.«
»Sie sollen es werden. Und deshalb sollen Sie sich nicht anstrengen.«
»Weil ich Deutsch spreche? Macht es Ihnen keine Freude?«
»Halten Sie mich nicht für undankbar. Ich bin im Leben nie verwöhnt
worden. Daran liegt es.«
»Wollen Sie mir nicht erzählen? Ich möchte Ihnen helfen.«
»Nein,« sagte er, »ich kann mir nur allein helfen. Ich hätte es schon
früher tun sollen.«
Dann verstummten sie. --
Nach dem Diner trafen sie sich wie auf Verabredung am alten Platze.
»Sie sehen müde aus, Miß Turnbull. Still! Sie sollen mich gar nicht
bemerken.«
»Die Menschen waren so laut heute abend,« gab sie wie zur
Entschuldigung zurück. »Kann man sich nicht verstehen ohne vieles
Sprechen?«
»Ja, das kann man. Und wir werden auf der Stelle den Beweis antreten.
So, nun strecken Sie sich gemütlich in Ihrem Tropenstuhl aus. Ich werde
eine Decke um Ihre Füße hüllen. Und jetzt: kein Wort!«
»Nur eins ... Sie sagten vorhin, Sie seien nie im Leben verwöhnt
worden. Ich bin’s! Heute!«
Sie schloß schnell die Augen und rührte sich nicht. Wenige Minuten
darauf war sie eingeschlummert.
Er saß aufgerichtet neben ihr. Wie eine Schildwache. Seine Augen wurden
nicht müde, sie anzusehen. Als müßte er hinter den geschlossenen Lidern
die offenen Augen ihrer Seele erblicken. Und er sah sie, und es begann
eine stille Zwiesprache.
»O du, wie kann ich dich verwöhnt haben ... Das sagtest du nur, um mir
wohlzutun.«
»Ja, ich möchte dir wohltun.«