»O -- ich! Mich macht die Sonne gesund. Du aber hast eine arme, kranke
Seele.«
»Eine Frau hat sie krank gemacht.«
»Nein, das war keine Frau. Frauen sind Heilbringerinnen.«
»Es gibt Frauen, die uns vergiften, gleichgültige, untreue ...«
»Nenne sie nicht mit dem Ehrennamen ›Frau‹. Du mußt uns keinen Schimpf
antun.«
»Weshalb -- weshalb bist du so gütig zu mir -- --«
»Das kannst du keine Frau fragen. Sie weiß keine Antwort.« --
Er beugte sich über sie mit angehaltenem Atem. Wie friedlich sie lag,
den schlanken Körper gestreckt, den brünetten Knabenkopf ein wenig zur
Seite geneigt, und in dem stillen Gesicht feine Zeichen ... War es
wirklich erst seit gestern, daß er diese Frau kannte? Erst seit heute,
daß er diese Zeichen zu deuten wußte? -- --
Der Matrose hoch oben im Ausguck gab das Stundenzeichen. Da erwachte
Miß Turnbull. Sie regte sich nicht. Nur die Augen schlug sie auf.
Verloren hing ihr Blick an seiner Hand, mit der er die Lehne ihres
Stuhles umspannt hielt.
»Haben Sie Schönes geträumt?« fragte er.
»Geträumt -- --? Haben wir uns denn nicht unterhalten?«
»Ja -- im Traum.«
»Das ist seltsam. Mir war, als erzählten Sie mir. Aus Ihrem Leben. Und
dann brach es ab.«
Ihr Blick war noch immer auf seine Hand geheftet, die am Ringfinger
einen schmalen, goldenen Reifen trug. Sein Blick folgte dem ihren.
Und tief atmend, ohne sich Rechenschaft zu geben, sagte er: »Ich will
weiter erzählen.«
Es war ganz still an Deck. Die Passagiere, ermüdet von den Strapazen
der Ballnacht, hatten frühzeitig ihre Kabinen aufgesucht. Nur der
Schritt des diensttuenden Offiziers scholl in schwerem Gleichmaß
von der Kommandobrücke. In der Ferne signalisierte ein Schiff und
verschwand in der Nacht.
»... Ich war gewarnt. Aber was wußte ich von der Frau! Nicht mehr
als von meiner Mutter. Und das genügte mir. Denn ich war stolz auf
meine Mutter. Als ich Hanna zum erstenmal sah, nahm sie keine Notiz
von mir. Ich war noch Student, im letzten Semester, und sie hatte
ohne mich Tänzer genug. Damals hieß es, sie würde einen Hauptmann
heiraten, und ich beneidete den Mann, denn sie hatte etwas an sich, das
verwirrte und fesselte. Zwei Jahre später -- ich war Dozent geworden
-- verlautete, ihre Hochzeit mit einem Diplomaten stünde bevor. Ich
weiß, daß ich damals einen heftigen Schmerz verspürte und eine ebenso
heftige Freude, als ich wenige Wochen darauf vernahm, die Verlobung
sei in letzter Minute zurückgegangen. Und wieder hörte ich lange Zeit
nichts von ihr. Bis mein erstes Geschichtswerk herauskam, das meinen
Namen bekannt machte und mir die Professur eintrug. Ich war der jüngste
Professor. Da öffneten sich manche Türen, an denen ich früher nur
scheu vorübergegangen war. Und bei einer Abendgesellschaft traf ich
Hanna -- --
Sie begrüßte mich, als ob sie sich meiner noch entsinne. Das
schmeichelte mir, obwohl ich genau wußte, daß ich ihr persönlich nie
vorgestellt worden war. Sie begann sofort über mein Buch zu sprechen
und die glänzende Laufbahn, die sich mir damit eröffnet hätte. Bei
Tisch war sie meine Dame. Sie hatte ihren besonderen Tag. Obwohl sie
mit mir gleichaltrig war, überstrahlte sie die jüngste der Damen.
Oder mir war nur so, und meine Augen sahen alles nur in dem Lichte, in
dem sie es gesehen haben wollte. Nie habe ich solchen Bann gespürt.
Das tat, sie behandelte mich wie einen Vertrauten. Wenn sie mich etwas
fragte, geschah es schnell und leise, als wäre ihr Wort nur für mich
berechnet. Wollte sie mich auf etwas aufmerksam machen, so winkte sie
mir mit den Augen und dirigierte lächelnd meinen Blick. Dazu der Ton
der vornehmen Welt, die schillernde Art, mit Gedanken zu spielen oder
an sich gleichgültige Dinge wie Gedanken einzukleiden. Ich hatte nie
Frauen dieser Sphäre gekannt. Ich war wie berauscht.
Anderen Tags erhielt ich den Besuch eines älteren Kollegen, den ich
hochschätzte. Er sagte mir, daß er wegen eines selten gewordenen
Buches käme, und sprach -- von Hanna. Ich ging mit Freuden auf die
Unterhaltung ein und dann mit Zorn. Wie konnte ein Mensch wagen, diese
Frau zu verdächtigen? Wo waren die Beweise? Daß sie zweimal verlobt
gewesen sei? Das sprach nur gegen die Männer. Daß sie kokettiere? Ach
Gott, das sagt man den Frauen nach, die beweglicheren Geistes sind
als andere. Wir aber sollten uns schämen, derartig müßiges Gerede
weiterzugeben.
›Die Scham,‹ sagte der alte Kollege, ›äußert sich bei manchem Manne
früher, bei manchem Manne später. Bei mancher Frau gar nicht.‹ Damit
ging er und grüßte mich ernst.
Ich blieb in wildester Erregung zurück. Das Blut brauste mir bis in
die Ohren. Und dann nahm ich meinen Hut und rannte durch die Straßen
und ohne weiteres zu ihr, zu Hanna. Sie stand vor mir, mit der leichten
Röte der Spannung auf den Wangen. Und ich sprudelte heraus, was ich
gehört, was man mir zugetragen hatte, und ich sah das Rot auf ihren
Wangen aufsteigen und hielt es für das Rot der Scham und forderte, als
sei ich an ihrer Statt der Beleidigte gewesen, Antwort. Ganz fest sah
sie mich an, und sie las in meinen Augen die Antwort, die ich hören
wollte ...«
Der Erzähler machte eine Pause.
»Eine halbe Stunde darauf waren wir verlobt.«
Die Zuhörerin fuhr auf. Dann ließ sie sich leise in ihre alte Stellung
zurücksinken.
Er aber sah an ihrem blassen Gesicht vorbei auf das nachtdunkle Meer,
das das Schiff in unaufhaltsamer Eile lautlos fast durchschnitt.
»Wenige Monate darauf waren wir verheiratet. Kaum einen anderen
Menschen habe ich in dieser Zeit zu Gesicht bekommen als Hanna. Sie
behauptete, auf jeden eifersüchtig zu sein, der sich mir nahen wollte.
Und diese Eifersucht machte mich glücklich. Wo wir Männer mit dem
Herzen lieben, sind wir Kinder.
Jetzt sind es drei Jahre, daß ich verheiratet bin, fuhr Professor
Wilhelmi fort. Die fürchterlichsten Jahre meines Lebens. Nein, nein,
lassen Sie mich zu Ende erzählen. Es ist gleich so weit, und es hätte
schon eher so weit sein können. Aber ich war eben ein Kind. Aus dem
Kind wurde ein Diener. Diese Art Avancement befremdete mich zunächst
in keiner Weise. Dann erst fiel mir auf, daß sie einseitig war. Aus
meinem Elternhause wußte ich, daß sich zwischen Vater und Mutter ein
Sport entwickelt hatte, sich gegenseitig zu bedienen. Bei uns blieb
die Beschäftigung mir allein zugedacht. Aus der ernstesten Arbeit
wurde ich herausgerissen, um Aufträge zu empfangen, und alle zielten
auf Geselligkeit und den Aufwand hierzu. Das Interesse an meinen
historischen Forschungen, das sie mir in den Tagen unserer Brautzeit
so sehr entgegengetragen, daß ich leicht auf alle Kollegen Verzicht
leisten konnte, war mit dem Tage der Hochzeit verschwunden. Und doch
sollte ich arbeiten, mußte ich arbeiten, um die immer höher steigenden
Ausgaben zu decken. Da war es kein Wunder, daß ich ihr nicht in alle
Gesellschaften, zu Waldpartien, zu Eisfesten und was weiß ich, folgen
konnte. ›Wir haben einen berühmten Namen‹, pflegte Hanna zu sagen. ›Ich
sorge dafür, daß er nicht in Vergessenheit gerät, während du in deinem
Gelehrtenstübchen über deinen unsterblichen Werken hockst.‹ Ich ließ
sie gehen, wohin sie wollte, denn ich gewann dadurch die Ruhe, die ich
brauchte, um durch Arbeit Geld zu schaffen. In diesen Tagen aber packte
mich ein neuer Neid. Der Neid auf den Schuster unten im Hof, der nach
Feierabend sein lachend sich sträubendes Weib auf den Schoß nahm.
Und dann -- nach drei Jahren fast -- erhielt ich zum zweiten Male
den Besuch meines alten Kollegen, zu dem ich die Hochschätzung
wiedergefunden hatte. Er nannte mir einen Namen. Und dann nahm er
mich fest in den Arm. ›Sie haben Hoffnungen zu erfüllen,‹ sagte er,
›wissenschaftliche Hoffnungen. Sie sind mir zu schade, daß Sie so
untergehen. Sonst wäre ich wahrhaftig nicht wiedergekommen.‹ Da habe
ich mich zusammengerissen.
Als Hanna von einer Ausfahrt heimkam, ging ich ruhig und gefaßt in
ihr Zimmer. Ihre glitzernden Augen sahen mich an, während ich sprach.
Aber sie lasen nicht mehr die Antwort aus meinen Augen, die Antwort,
die ihr am bequemsten gewesen wäre, wie damals bei unserer Verlobung.
Und plötzlich waren die Rollen gegen damals vertauscht. Die Worte
überstürzten sich auf ihren Lippen, sie leugnete, sie schwor, sie fand
Worte voll Schimpf und Hohn. Nie sah ich je einen Menschen in solcher
Ekstase des Häßlichen. Da wußte ich: wahr oder unwahr! -- dies Bild
wirst du nie im Leben mehr vergessen.
In der Nacht kam sie zu mir, kalt und überlegen. ›Du quälst dich
umsonst, mein Lieber, aus einem unschuldigen Flirt eine Haupt- und
Staatsaktion zu konstruieren. Ich könnte deinen verehrten Herrn
Kollegen vor Gericht fordern, wenn mir an einem Skandal läge. Ich habe
Zeugen, er nicht.‹
›Ich werde deinen Hauptzeugen morgen von Angesicht zu Angesicht sehen.‹
›Ach -- du denkst wohl gar an eine Herausforderung? Du wirst gegen
Windmühlen fechten.‹
›Das wird sich finden. Hast du sonst noch einen Wunsch?‹
›Den, mich nicht lächerlich gemacht zu sehen. Der Assessor, dessen
Namen du vorhin genannt hast, wird dir sein Ehrenwort geben, daß er
mich nicht mit der Spitze des Fingers berührt hat.‹
›Woher weißt du das?‹
›Weil es die Wahrheit ist! Nur, weil du mich stets allein in die
Gesellschaften entließest, durfte sich der Klatsch an mich wagen. Du
trägst die Schuld, du allein!‹
Alles in mir schrie auf gegen diese gehässige Umkehrung der Dinge. Es
zuckte mir wie ein Krampf in den Fingern. -- Aber da sah ich eine Frau
vor mir. Die anerzogene Ritterlichkeit siegte.
›Reise,‹ sagte ich, ›so können wir nicht mehr miteinander leben. Zeige
mir, daß ich im Unrecht bin. Ich will es uns beiden wünschen.‹
›Du kommst mir zuvor,‹ entgegnete sie. ›Ich werde morgen abreisen und
irgendwo an der Riviera diese Attacke auf meine Nerven kurieren. Bis du
selber zu mir kommst.‹«
Er stand auf und blickte in die Stille der Nacht. Kein Laut um sie her.
Nur der schwere Schritt des diensttuenden Offiziers über ihnen.
»Nun bin ich auf dem Wege,« sagte er dann ...
Ein Schatten fiel über ihn hin. Jetzt wird sie sich still entfernen,
dachte er. Aber er spürte eine Hand in der seinen.
»Ich wünsche Ihnen -- von Herzen -- Glück auf den Weg ...«
»Was für ein Glück? Sie wissen ja nicht, um was es sich für mich
handelt. Ich bin auf dem Wege, mir meine Ruhe wiederzuholen. Mehr habe
ich nicht zu verlangen.«
»Sie wollen Ihre Ruhe -- von der Frau verlangen, von der Sie mir
sprachen?«
»Ja, das will ich. Ich will wieder arbeiten können, wieder Hoffnungen
haben dürfen. Denn das ist alles hin. Alle Frische, alle Zuversicht.
Meine Gedanken laufen im Kreis, und sie ist der Mittelpunkt. O, staunen
Sie nicht. So jämmerlich bin ich, bei aller meiner Naivität den Frauen
gegenüber, doch nicht geworden, daß ich mich mit aller Gewalt an das
Schürzenband anklammere, das einmal mein war. Nein, ich will nur
wissen, daß es nicht mehr mein ist! Ich will das ehrliche Bewußtsein
haben, mich keiner unritterlichen Handlung schuldig bekennen zu müssen,
vor allem nicht der gegenüber, die dieses Bewußtsein, das unter
Gleichwertigen als Stärke gilt, als meine Schwäche auffaßt und damit
rechnet. Und dann -- dann will ich wieder frei aufatmen und von neuem
beginnen.«
»Wie wollen Sie das von der Frau verlangen ...«
»Es sind jetzt drei Monate,« sagte er leise, »daß sie an der Riviera
weilt. Zweimal erhielt ich eine Korrespondenzkarte als Quittung für die
übersandten Monatsbeträge. Das drittemal nicht. Ich hätte sofort durch
Deutschland und die Schweiz reisen können und wäre schneller am Platz
gewesen. Aber die Meerfahrt klärt uns ab und vertieft unsere Gedanken.
Darum gab ich mir selbst, als letzte Frist, diese Bedenkzeit auf,
diese Zeit des Bedenkens. Mehr kann ein Mensch nicht an sich selber
tun.«
»Nein, mein Freund.«
»Ich werde kommen und sehen. Finde ich, was ich erwarte, daß sie mit
der Elastizität ihrer Natur in diesen Dingen über das Vergangene zur
Tagesordnung übergegangen ist und unbekümmert um den schwerfälligen
Narren im Norden die schöne, leichtlebige Dame weiterspielt, so werde
ich ihr, selbst _gegen_ ihren Willen, die Freiheit zu allen ihren
Abenteuern verschaffen. -- Miß Turnbull, das ist ein altes Lied. Nur
für den, der plötzlich zum Mitsingen kommandiert wurde, erhält es mit
einem Mal den Reiz der Neuheit. Als ob es nie im Leben zuvor erklungen
wäre. Verzeihen Sie, aber die alltäglichsten Schmerzen kommen dem
Betroffenen immer als unerhörte und nie dagewesene vor. Menschliche
Eitelkeit, Miß Turnbull. Als Historiker sollte ich eine größere
Weltanschauung haben -- ich habe auch bei der Philosophie eine Anleihe
zu machen versucht --; aber wir setzen uns schneller über ein ganzes
Schlachtfeld voll Leichen hinweg als über einen einzigen Mord.«
Sie faßte seine Hand. »Ich sage nur nochmals: Glück auf den Weg! Jedes
weitere Wort wäre leer. Glück auf den Weg!«
Er spürte den festen Druck ihrer Hand, und es tat ihm wohl, daß sie
keine mitleidsvollen Worte suchte. Da stand ein Mensch, der hatte den
Glauben an seinen Weg.
»Liebe Freundin ...«, sagte er, als sie schieden.
Das Schiff fuhr dicht unter Land, die französische Riviera entlang,
und weiter, immer weiter an der in goldener Morgensonne erstrahlenden
italienischen Schwesterriviera vorbei. Staunend und stumm standen die
Passagiere vor der Gottesherrlichkeit der Natur. Dort, nur dort konnte
das Menschenglück zu Hause sein ...
Um zehn Uhr tauchten die Bergterrassen Genuas auf, wie ein schneeweißer
Traum aus blauem Meer. Der Lotsendampfer brauste heran. Eine alte
verwitterte Gestalt übernahm neben dem Kapitän das Kommando. Langsam
und majestätisch fuhr das Schiff in den Hafen Frederico Guilelmo.
»Leben Sie wohl, Miß Turnbull. Ich sagte am liebsten: Auf Wiedersehen.«
»So sagen Sie es.«
»Wohin werden Sie sich wenden?«
»Zum Lago di Como. Ich werde auf Wochen in Bellagio Quartier nehmen, in
der Villa Serbelloni.«
»Gott mit Ihnen!«
»Und mit Ihnen.«
Sie waren auf das Gespräch der Nacht nicht mehr zurückgekommen.
* * * * *
Es war eine Woche später, als Wilhelmi mit dem Dampfer von Como in
Bellagio landete. Er hatte von der Herrlichkeit des Sees nichts
bemerkt. Er war erschöpft von Seefahrten.
Er ließ sein Gepäck ins Hotel Genazzini bringen und stieg den
Treppenweg hinauf, der zur Villa Serbelloni führt. In der kleinen
Holzschnitzerei am Wege erstand er seine Einlaßkarte. Diese vornehmen
Parks schützten sich gegen unberufene Fremde. Sie wollten abgeschiedene
Stätten der Ruhe bleiben.
Beim Pförtner erkundigte er sich nach Miß Turnbull und ließ sich hoch
hinauf in den dichten Park weisen, der in Duft und Blüten schwamm.
Die einsame Bank, hoch oben über dem Felssturz zum See, sei ihr
Lieblingsplätzchen. Dort traf er sie. Er dachte an Feuerbachs Bild
der Iphigenie, die, weißgewandet, vom Felsen aus sehnsüchtig über die
Wasser blickt ...
»Da bin ich wieder, liebe Freundin.«
Sie machte eine jähe Bewegung. Dann sah sie die tiefen Schatten unter
seinen Augen und hielt ihre Freude zurück.
»Ich habe Sie erwartet. Jetzt müssen Sie ruhen. Blicken Sie um sich.
Ist das nicht alles die Ruhe?«
Er ließ sich neben ihr auf die Bank nieder, nahm seinen Hut ab und
strich sich mechanisch über die Stirn. Da berührte sie leise seine
Hand. »Lieber Freund ...«
»Ja, ja, ja -- hier ist die Ruhe.«
»Wissen Sie noch, was ich Ihnen einstmals erzählte? Daß ich in die Welt
gegangen sei, weil ich daheim nichts mehr zu sorgen fand? Ich muß immer
eine liebe Sorge haben, lieber Freund.«
Er blickte sie an, unbeweglich, ohne ein Wort zu erwidern.
»Ich glaube -- ich habe sie gefunden.«
Wie wohl das tat -- diese Ruhe ... Als Knabe war er einmal aufgewacht,
nach langem, schwerem Fieber. Da saß die Mutter an seinem Bett, und
ihre kühle Hand lag auf seiner Stirn. Es war so still um ihn her, daß
er die Fliegen summen hörte, die sich im weit geöffneten Fenster in der
Sonne badeten. Aus dem Garten zog der Duft einer Sommerrose herein.
Und durch sein Blut zog die Gesundung ... Damals hatte er der Mutter
seine wilden Fieberträume erzählt. Und ihre kühle Hand hatte sie alle
von seiner Stirn weggenommen. Daran dachte er jetzt, und er begann zu
sprechen.
»Ich war in Nizza -- und man wies mich nach Mentone. Ich war in Mentone
-- und man wies mich nach Nervi. Und von dort nach Como. So bin ich zu
Ihnen gekommen. Auf der Fahrt nach dem Glück.«
»Die Ruhe -- --« sagte sie, und ihr Blick ging über den See zu den
stillen Bergen.
»Ja, die Ruhe! Jetzt _will_ ich sie haben! Weshalb ich allein nicht?
Nur, weil diese Frau es nicht will? Mag sie ihre Marionetten am Drahte
ziehen. Ich scheide aus dem Spiel aus.«
»Sie sollten jetzt hier bleiben.«
»Ja, das will ich.«
»Wir werden den Lario befahren und durch die stillen Gärten wandern.
Die Azalien sind wie eine rote und weiße Flut, und die Blüten der
Magnolienbäume brechen auf. Oft ist es, als ob die Berge ringsum ein
Zaubereiland behüteten. Man möchte wie Kinder sein und sich Märchen
erzählen. Man kann ja gar nicht anders.«
»_Das_ können ...«
»Sie müssen nicht zweifeln. Wenn Sie es wieder gelernt haben, werden
Sie nicht wissen, daß Sie es je verlernt hatten. Das ist das Schönste
im Leben. Es gibt Wunden -- und es gibt Heilkräuter. Kommen Sie!«
Er bot ihr den Arm, und sie gingen durch den waldigen Park, der wie
ein stillatmendes Schweigen war. Und am Nachmittag, als die Sonne im
Westen stand, nahmen sie ein Boot und fuhren in den Leccoarm und zum
Park der Villa Giulia, dessen schwere Blütentrauben über die Mauer
bis ins Wasser hingen, als könnten sie sich nicht satt sehen an der
eigenen Schönheit. Und am nächsten Vormittag trug sie das Boot hinüber
nach Cadenabbia, und sie besuchten den Wunderpark der Villa Carlotta,
die die Königin des Lario heißt und in köstlich kühler Kamelienpracht
schwelgt. Und wieder am Nachmittag wanderten sie die schattenspendende
Platanenallee entlang, die von Bellagio aus in den Zedern- und
Agavenpark der Villa Melzi führt. Gärten um sie her. Und jeder Schritt
war ein Ausruhen.
Sie sah, wie er auflebte in diesem Gottesfrieden. Und sie sprach mit
ihm von den Blumen, Sträuchern und Bäumen, die sie in Urwaldspracht
kannte von ihren Reisen im Süden und im fernen Osten. Indien grüßte
herüber und das märchenhafte Japan. Und dann begann er von der
Geschichte der Länder zu reden, die sich aus ihrem Boden entwickelt.
»In acht Tagen,« sagte er, »geht mein Urlaub zu Ende. Aber ich komme
wieder, zum Herbst. Werde ich Sie dann noch finden?«
»Ich werde Sie hier begrüßen.«
Als die Woche zu Ende war, bat er sie, in der Frühe mit ihm
hinüberzufahren nach Varenna. Dort, im Rücken des Städtchens, das
seine ragenden Zypressen bis hart an den See vorschiebt, hebt sich
eine steile Bergkuppe. Auf ihr ein trotziger Turm, von zersplittertem
Mauerwerk umkränzt.
»Soll ich den Namen des Kastells erfragen?«
»Nein, es ist so geheimnisvoller. Man kann alte Sagen hineindichten,
aus grauen Zeiten, da noch die große Sonne auf große Menschen schien
und ein Graf hier hauste wie ein König des Sees.«
»Die Schulkinder werden uns Lügen strafen.«
»Ich aber behaupte es. Es wird ein Heckenritter gewesen sein. Denn wie
ein Wall, wie eine Hochwacht ist der Berg, und von der festen Burg war
ein beherrschender Blick über den Como- und den Leccoarm und über die
vereinigten Wasser des Lario, von den Dörfern und Städten, von den
Weingärten und Olivenhügeln bis zu der drohenden Kette der Schneeberge.
Nichts auf dem See konnte geschehen, ohne daß der Graf es wußte und
wollte. Und er nahm von den Tonnen Weins, die auf dem See verladen
wurden, die besten und trank sie aus und von den Frauen des Sees die
schönsten. Und auch sie sprachen, wenn er sie heimwärts ließ: Du hast
mich ausgetrunken wie einen Becher Weins. -- Es war einmal. Die Zeiten
und ihre Sitten haben sich gewandelt ...«
Sie drangen in den letzten Hohlweg, der zum Gipfel führte, und sie
lächelten über ein Liebespaar, das, wie eine Illustration ihres
Gesprächs, eng umschlungen ihnen entgegenkam.
»Ein italienischer Offizier. Wohl aus Como --«
Und ein Ruf hüben -- ein Schrei drüben!
Vor dem Paare stand Wilhelmi. Der Offizier verstand seine Bewegung
falsch und riß an seinem Säbel. Da beugte sich Wilhelmi weit vor, und
mit furchtbarem Hieb seines Stockes schlug er über die bewaffnete Hand,
daß der Säbel auf die Steine klirrte.
Wie eine Wildkatze hatte sich die Frau an die Brust des Verwundeten
geworfen und deckte ihn.
Und noch immer weit vornübergebeugt und auf die Gruppe starrend, sagte
Wilhelmi: »Frei!«
Dann wandte er sich nach seiner totblassen Begleiterin um und bot ihr
den Arm.
»Ich habe um Entschuldigung zu bitten, Miß Turnbull. Kehren wir nach
Bellagio zurück.«
Sie gingen. Und er spürte die Schläge ihres Herzens gegen seinen Arm
stürmen. Dann hatten sie die Wegbiegung hinter sich.
»Ich muß Sie schwer geängstigt haben, liebe Freundin. Verzeihen Sie
mir. Ich glaube, der ~genius loci~, der Geist des Heckenritters mußte
in mich gefahren sein.«
Er versuchte zu scherzen.
Da löste sie sich von seinem Arm, hob ihre Hände und zog seinen Kopf zu
sich. Hastig, fiebernd.
-- -- -- Und ihre Tränen strömten über sein Gesicht ... -- -- --
Am anderen Morgen wartete sie hoch oben im Park der Villa Serbelloni
vergebens auf ihn, daß er käme. Als es Mittag wurde, eilte sie hinunter
ins Hotel Genazzini. »Der Herr,« beschied sie der Torhüter, »habe noch
gestern abend spät Besuch erhalten. Heute morgen in der Frühe sei er
mit den Herren fortgegangen. Die Rechnung sei bezahlt. Aber wegen
seines Gepäcks habe der Herr noch nichts bestimmt. Er müsse also noch
einmal zurückkommen.«
Und er kam.
Als die brennende Mittagsglut die Menschen in den Häusern hielt, hinter
geschlossenen Läden die heißen Stunden zu verschlafen, kam er auf
einem Maultierkarren. Durch die Brust geschossen. Ein Karabiniere trug
ihn mit Hilfe des Friedhofwärters in die kleine Totenkapelle. Kein
Neugieriger war zugegen. Nur die englische Dame, die seit Mittag in
brennender Glut den Weg auf und ab gegangen war.
An sie auch lautete der Brief des Toten.
»Wenn ich falle, so sollst Du wissen, daß ich auf der Fahrt nach dem
Glück gefallen bin. Ich liebe Dich.«
* * * * *
Sommer und Winter wechseln, Sonne und Sturm. Die Blumen in dem
ruhevollen Park und die Scharen der Menschen, die die Gestade des Lario
besuchen. Nur eine englische Dame bleibt Sommer und Winter, jahraus,
jahrein. Der mädchenhaft schlanke Wuchs ist ihr geblieben und das junge
Gesicht mit den feinen Zeichen. Durch das kurze brünette Haar ziehen
sich Silberfädchen.
»Die Natur hat es ihr angetan,« sagen mit Stolz die Barkenführer, und
die Fremden nicken, überwältigt von dem Zauber der Landschaft.
Und wissen nicht, daß sie den stillen Schläfer, der am Berge ruht, zu
trösten hat, jahraus, jahrein ... --
Der Gruß des Lebens