Und ich las. Ungeschickte Worte, die wie das Gestammel eines Kindes

klangen und die verzweifelnde Leidenschaft, die grimmige Seelennot

eines Weibes in sich bargen. Worte, in einer Stunde niedergeschrieben,

die das erste, jähe Erwachen bedeutet haben mochte. Angstrufe,

herrisches Aufbäumen -- mit seltsam weichen Erinnerungen gemischt, die

wie aufblitzende Sterne gegen das Dunkel der Seele anzukämpfen suchten.

Der Brief eines Wildlings an die ferne Madonna ...

Wo das Gewebe sich wirrte, befragte ich die murmelnde Alte. Und immer

lebendiger hob sich das Bild und fügte sich in den Rahmen. Von der

Kerze tropfte das Wachs. Als der Docht erlosch, schwebten durch die

leeren Fensterhöhlen die ersten feinen Schleier des jungen Tages.

* * * * *

In dem rotgestrichenen Hause, das man Palazzo nannte, weil es aus

Steinquadern errichtet war, lebte die junge Giuditta, die man die

›Afrikanerin‹ nannte, wie man Vater und Großvater, soweit das

Gedächtnis der Positaner reichte, mit dem Beinamen die ›Afrikaner‹

bedacht hatte. Ob einer der Voreltern Giudittas, die von Vater auf Sohn

das Mittelmeer befahren hatten, einst eine Frau der afrikanischen Küste

mit heimgebracht, ob vor Jahrhunderten, als afrikanische Piraten die

italienischen Gewässer beherrschten und ihre Raubnester von Sizilien

bis Ligurien an die Felsen klebten, ein Sarazene das Geschlecht

zurückgelassen, keiner wußte Genaues zu sagen. Nur Giuditta wußte es.

Ihre Amme Francesca hatte, als die Mutter jung am Fieber zu Grunde

gegangen und der Vater zwischen den Riffen bei Tetuan gescheitert

und ertrunken war, das eigenwillige Kind mit alten Sagen zur Ruhe

gebracht. Und die kleine Elternlose kannte ihre Macht über die Amme und

Pflegerin, die mit schwärmerischer Verehrung an dem jungen, schönen

Geschöpfe hing, das so schnell zu befehlen verstand.

»Erzähle mir, daß ich eine Prinzessin bin. Was in der Schule neben mir

sitzt, sind Lümmel, und ich will nichts mit ihnen zu tun haben.«

»Mein Prinzeßchen hat recht. Es sind schmutzige Rangen, und es gab

einmal eine Zeit, da sie flugs die Mützen herunterrissen, wenn sie nur

dies Haus von weitem sahen.«

»Aber mein Vater war ein Seemann.«

»Was tut’s? Seine Vorfahren waren Könige der See. Sie kamen aus dem

Lande der Mittagsonne und hatten Feuer im Blut. Herren waren sie, und

die Positaner ihre Diener, die ihnen die Schuhe küßten.«

»Ich habe auch Feuer im Blut,« murmelte das Kind, und dann preßte es

die Lippen aufeinander.

»Die Positaner,« fuhr die Amme fort, um dem schönen Eigensinn zu

schmeicheln, »waren Sklavenseelen, die sich von Päpsten und Fürsten

Gesetze geben ließen. Deine Vorfahren aber waren freie Häuptlinge und

gaben sich selbst Gesetze nach ihrem Willen.«

»Das will ich auch.«

»Sie wählten sich nur Königinnen zur Frau.«

»Und ich will einen König! Hörst du, Francesca? Und wenn ich auf meinem

Schlosse sitze, sollst nur du meine Hofdame sein.«

»O du süße Seele! Und was werden die Leute von Positano sagen?«

»Laß sie schimpfen.«

Und die Leute von Positano schimpften. Denn stolz und herrisch schritt

die kleine Giuditta durch die Reihen ihrer Altersgenossen, ohne

einen Blick nach rechts und links, und nur wenn ein alter Fischer,

überrascht von der seltenen Schönheit des Kindes, unwillkürlich nach

der Mütze fuhr, fand sie ein Lächeln, dessen Zauber die Menschen in

Banden schlug. Zuletzt ließ man sie gewähren, da sie mit ihrer alten

Dienerin wenig aus dem Hause ging, es sei denn in ihren Limonen- und

Olivengarten, von dessen Ertrag sie lebten. Nur wenn die Aveglocke

erklungen war und bald darauf kaum ein Mensch noch in dem stumpfen

Städtchen wachte, huschten Herrin und Dienerin an den Strand der

ehemaligen Hafenbucht und blickten lange hinüber nach den märchenhaften

Inselgebilden mit dem trotzigen Rundturm. Und wieder, im Flüsterton,

mußte die Amme erzählen, und ihr bißchen Hirn entzündete sich an den

glänzenden Augen des heranwachsenden Mädchens, das, die Hände um die

Knie geschlungen, in den Steinen neben ihr saß, bis sie die Wahrheit

ihrer Erzählungen hätte beschwören können.

Wenn der Schirokko aus Südosten kam, saßen sie die ganze Nacht. Dann

fieberte das Blut Giudittas, daß sie meinte, wilde Piratenschiffe auf

der leuchtenden See zu erblicken. Todmüde kehrten sie in der Frühe

heim. Und wenn der Septembersturm durch den Golf fuhr, daß die Wellen

brausend über den Strand glitten und gierig in den Schluchten an der

Felswand fraßen, wenn die See fernhin auf der Höhe in weißen Kappen

sprang und tanzte, daß die Boote, die heimwärts arbeiteten, in tollem

Wechsel aufgesogen und ausgespieen wurden, saßen sie nicht minder in

Wind und Wetter, und Giudittas Mund grüßte durch Rauschen und Brausen

hindurch jauchzend den Starken, der Boot und See zu zwingen verstand,

und hatte ein verächtliches Zucken für den Feigen und Ungeschickten.

Dann glaubten die Kühnen, es mit ihrer Liebe wagen zu können, aber wenn

sie ihr unter die Augen traten und ihre wohlgesetzte Rede begannen,

lachte sie ihnen ins Gesicht: »Nimm dich in acht, daß ich dich nicht

verbrenne!« und wandte den Rücken.

»Sie hat im Schirokko gesessen,« sagten die Klugen Positanos

bedeutungsvoll, und die noch Klügeren sagten nur: »Giuditta Africana«

und machten dazu eine Gebärde.

Über zwanzig war Giuditta alt geworden, und wenn die Frauen der

Südküste in diesen Jahren hastig alterten und verblühten, ihre

Schönheit wurde wie zum Trotz gewaltiger und leuchtender. Groß war sie

gewachsen, schlank und voll. Auf dem mattglänzenden Halse, den rote

Korallen schmückten, trug sie den schmalen Kopf mit dem dunkeln, im

Nacken schwer verknoteten Haar, auf beiden Seiten von einer einzelnen

tiefroten Koralle gehalten. Wenn sie die langen Wimpern hob, sah man in

ihren Augen ein stolzes geheimes Feuer. Aber selten nur flammte es nach

außen. Es war, als ob es nach innen gerichtet sei. Längst schon wagten

die Burschen Positanos nicht mehr, sie mit Liebesgedanken zu verfolgen,

wenn sie, weißgekleidet, mit schnellem leichten Schritt durch die

Gassen kam. Die Altersgenossen waren früh verheiratet, der Nachwuchs

gestattete sich nur scheue Bewunderung. Man hielt sie für gelehrt, da

sie zu Hause Bücher las und das Schreiben erlernt hatte.

Und eines Abends spät kam die große Überraschung.

An einem Septemberabend war’s. Die Aveglocke war verklungen, und die

Bewohner Positanos hatten ihre Häuser geschlossen. Giuditta saß allein

zwischen den Felsen am Strand, denn die Alte plagte sich daheim mit

einer Erkältung. »Sturm«, sagten ihre Lippen, aber sie selbst blieb

regungslos. Sie blickte auf die See, die in der Ferne zu tänzeln

begann. Sie sah es deutlich an den huschenden weißen Lichtern, die

immer schneller wiederkehrten. Dann kam es näher, und die erste Dünung

zog, bei flauem Winde noch, über die glatte Meeresfläche der Bucht. Für

Sekunden Ruhe. Dem Winde war der Atem ausgegangen. Und plötzlich --

hui -- pfiff es aus Nordwest, daß die Felswand Echo gab, und nur des

Signals gewärtig, warf das blaue Meer Farbe und Zahmheit ab, wandelte

sich zu tiefem Schwarz und giftigem Grün und erfüllte sein Becken mit

heiserem Grollen.

Aus der Richtung der Galli-Inseln arbeitete sich ein Boot heran. Es

mußte weiter herkommen, vielleicht von Capri, denn die kleinen Inseln

waren um diese Zeit unbewohnt. Auch hätte man dort den heraufziehenden

Sturm bemerken müssen. Mit ungestümer Kraft legten sich die beiden

Ruderer in die Riemen. Das Segel war eingezogen, wohl zur rechten

Zeit. Und aufrecht an dem dünnen Mast stand ein Mann, ein Fremder der

Tracht nach. Giuditta hatte es mit scharfem Blick erkannt.

Sie war aufgesprungen und ließ ihr weißes Tuch flattern. Schon kämpfte

die Dunkelheit das letzte Dämmer nieder.

»Hier -- her!« schrie sie durch die hohle Hand. »Hier! -- Hier! --

Hier! ...«

Einen Augenblick standen die vier Ruder wagrecht über dem Bootsrand.

Dann schoß das Boot mit einer jähen Wendung auf den einstmaligen

Hafenplatz zu. Der Fremde an der Maststange hatte wohl einen Befehl

erteilt.

Giuditta kannte die seichte Stelle zum Landen. Ausladend genug, um

vor den gierigen Klippen zu bewahren. Auf flüchtigen Füßen sprang sie

hin. Der Wind riß ihr das Kopftuch in den Nacken. Sie ließ es. Wie aus

Stein gehauen, weit vornübergebeugt, jede Sehne gespannt, stand sie und

erwartete das Boot.

Da kam es heran, von wütenden Wellen verfolgt. Mit letzter Kraft hieben

die Ruder, weit vorgreifend, in Ufersand und -gestein. Und Giuditta

packte mit klammernden Fäusten die Spitze des Kahns.

Was war das? Fast hätte sie losgelassen, und noch war der Fremde im

Boot.

Ein Lachen schlug an ihr Ohr, ein Lachen, so sündhaft übermütig, wie

sie es nie für möglich gehalten. Und dann eine Stimme, in schlechtem

Italienisch: »Druff, druff! Heilig Kreuz, ist die Attacke schon zu

End’?« Ein Husten, und die Stimme brach ab.

Der Fremde stand neben ihr, groß, hager, mit hellem, wehendem

Schnurrbart in dem eingefallenen Gesicht, in dem die jungen,

blaublitzenden Augen einen seltsamen Kontrast schufen. Erst dehnte er

die Arme und Beine, um die steif gewordenen Gelenke geschmeidiger zu

machen, dann trat er näher und klopfte dem Mädchen unbefangen die Wange.

»Gut gemacht, gut gemacht -- ah, Pardon!«

Ein flammender Blick hatte ihn getroffen. Eine Sekunde nur. Und

Giuditta wandte gleichmütig den Rücken und stieg den Steinpfad hinan.

»Stillgestanden!«

Unwillkürlich hielt sie den Schritt an. Da war er bei ihr, den Hut in

der Hand.

»Verzeihung, mein Fräulein,« sagte er ernsthaft. Und sie sah ihm in

die Augen und sah, daß die Augen lachten. »Ich habe Ihnen zu danken,

daß Sie mich von der Verantwortung für diese beiden wackeren Capreser

Familienväter entbunden haben. Machen Sie das Maß voll und weisen Sie

uns eine Herberge. Das scheint hier ja ein gottverlassenes Nest zu

sein.«

»Und für sich -- danken Sie nicht?«

»Später,« sagte er kurz, »erst die Herberge.«

Die Fischer hatten ihr Boot auf den Strand gezogen, es angepflockt und

traten mit dem Gepäck heran. Da ging sie stumm vorauf. Nur der Fremde

blieb neben ihr und plauderte. Der Nachmittagsdampfer von Capri nach

Sorrent war ihm vor der Nase auf und davon gegangen. Kein Unglück

weiter. Die Capreser Barkenführer wollen auch leben. So konnte er

statt Sorrent gleich Positano erreichen. Man hatte es ihm empfohlen

wegen des weichen und warmen Winterklimas. »Ich seh’ danach aus, was?«

Da streifte sie schnell seine elastische Figur. »Unterwegs ging der

Tanz los. Ein Kontertanz. Wechselt die Damen! Herrgott, war das schön!

Und lustig obenein. Das Blut wurde aufgerüttelt -- es war nämlich

seit einem halben Jahr eingeschlafen -- und man spürte den alten Adam

wieder! Gekreuzt hin und her, aus dem Kurs geschlagen, wieder hinein,

das knallende Segel beigeholt und dann mit Muck und Spuck in die Ruder!

Ihre Landsleute, mein Fräulein, alle Achtung, hielten sich tapfer. Nur

lachen wollten die Kerle nicht, wenn’s mit Heidi nach unten und mit

Hallo nach oben ging. Na ja, ist auch kein Vergleich. Mein sogenanntes

Leben --«. Er pfiff durch die Zähne.

Die Herberge war dunkel und verschlossen. Kein Mensch zeigte sich auf

das starke Klopfen.

»Ob es erlaubt ist, die Tür einzuschlagen? Ich bin in den Landessitten

noch unbewandert.«

»Kommen Sie,« sagte Giuditta.

Sie bog von der Straße ab zu dem einsamen steinernen Haus, in dessen

rotem Anstrich der Regen fahle Striemen zog. Auf der Diele entzündete

sie eine bereitstehende Kerze. Dann öffnete sie eine Tür zu einem

leeren Gemach.

»Hier können die beiden Männer schlafen. Decken habe ich nicht. Ihr

müßt euch schon die Jacken über die Ohren ziehen.«

Bereitwillig streckten sich die beiden auf den Fußboden. Sie schliefen

fast im Stehen.

Giuditta ging die Treppe hinauf, und der Fremde folgte. Vor einer Tür

zögerte sie. Dann drückte sie entschlossen die Klinke nieder.

»Hier!«

Der Gast schaute sich verwundert um.

»Entschuldigung, das scheint mir -- Ihr eignes Stübchen zu sein. Da muß

ich protestieren.«

»Hier ist _mein_ Haus!« sagte sie herrisch. »Gute Nacht.«

Er lachte in sich hinein. Und plötzlich, bevor sie die Tür schließen

konnte, stand er neben ihr.

»Ich versprach Ihnen meinen Dank --«

Nichts hörte sie mehr. Nur seinen Mund fühlte sie auf ihren Lippen.

Bevor sie schreien, bevor sie aufatmen konnte, war die Tür im Schloß.

Und als sie mit wildem Herzschlag weiterschritt, krampfhaft suchend,

was auf der Stelle tun, kam ihr nur immer der eine Gedanke: ›Gut, daß

er nicht gemerkt hat, daß ich nur dies eine Zimmer habe. Dies und die

Kammer der alten Francesca. Und daß ich nun wie eine Magd auf dem

Fußboden schlafen muß ...‹

Aber sie schlief nicht. Sie horchte nur immer hinüber nach ihrem

Zimmer, mit finsterem Gesicht. Und dann ertappte sie sich, wie sie

lachte.

»Pirat, der! -- Wenn ich ein Mann wär’!« --

Die Capresen hatten schon in aller Morgenfrühe das Haus verlassen. Der

Lohn war ihnen vorherbezahlt samt Trinkgeld. Da hielt sie nichts, ohne

Addio heimzusegeln.

Giuditta wartete vergebens, daß ihr Gast sich erheben möchte. Sie hatte

der alten Francesca Bescheid gegeben, und die Alte war spornstreichs

aus den Federn geschlüpft.

»Weshalb hast du mich nicht geweckt? Madonna, welch ein ungezogener

Engel! Und die eigne Kammer? Was? Mein Prinzeßchen hat im Saal

geschlafen? Auf der blanken Diele? Warte, ich treibe den Unhold hinaus.«

»Höre, Francesca, ich glaube, er ist krank. Er muß sich bei dem

Unwetter erkältet haben.«

»So soll er sich eine Kutsche nehmen, bis er die Eisenbahn hat, und

nach Neapel reisen. Hier ist keine Herberge.«

»Nein,« sagte Giuditta, »hier ist _mein_ Haus.«

Da duckte sich die Alte und haschte nach ihrer Herrin Händen.

»Nicht böse sein, Herzchen, nicht böse sein. Wir wissen doch, was wir

Gästen schuldig sind. Wir waren Könige.«

»Siehst du nun,« sagte Giuditta, und ihre Augen gingen ins Weite.

Drüben aus der Kammer drang ein Geräusch, ein Husten. Und die beiden

Frauen standen vor der Tür und horchten ... Noch einmal erscholl der

Husten, trockener, quälender. Da gab Giuditta der Amme ein Zeichen,

und die Alte pochte leise an die Tür.

»Ruhe, Johann!« schnarrte es drinnen in deutscher Sprache.

Da nickte Giuditta zum zweiten Male mit dem Kopfe, und die alte

Francesca schlüpfte lautlos in das Zimmer. Wenige Minuten, und sie

kehrte zurück.

»Komm in die Küche, mein Seelchen, wir wollen Kräuter kochen.«

»Was ist es?«

»Es sitzt auf der Brust. Wenn du das Ohr auf sein Herz legst, hörst du

eifernde Stimmen.«

Drinnen erschollen die fremden Laute. Kommandoworte -- Lachen -- ein

Fluch. Giuditta beugte sich vor, mit blassem Gesicht. »Wie er befehlen

kann!«

Die Alte rüttelte sie am Arm. »Was willst du noch hier?«

»Ich möchte die eifernden Stimmen hören. Wenn man das Ohr auf sein Herz

legt, sagst du?«

»So verträume die Hilfe. Ich gehe jetzt.«

Da ging sie mit und war tätiger als die Alte. Aber mit

halbgeschlossenen, nach innen gerichteten Augen. Das Feuer loderte auf

dem Herd, das Wasser im Kupferkessel brodelte, stechend zog der Dampf

der aufgebrühten Kräuter durch das Haus. Die Amme hinter sich, betrat

Giuditta das Zimmer des Kranken. Der lag mit aufgerissenen, unruhig

suchenden Augen, die nichts erkannten. Schweiß perlte auf seiner Stirn,

noch eingefallener erschien das Gesicht.

»Guten Morgen,« sagte Giuditta, und dann nahm sie, als keine Antwort

erfolgte, ihr Tüchlein aus dem Busen und wischte die Stirn des Kranken

trocken. »Still,« sagte sie wieder, und legte ihm die kühlende Hand

fest auf die Augen. Dann brachte sie den freien Arm unter seinen Kopf

und hob ihn sacht empor. »Trinken -- jetzt!« Die alte Francesca hielt

ihm die Tasse an die Lippen. Er trank. Und behutsam bettete sie ihn

zurück in die Kissen ihres Mädchenbettes.

Die Alte winkte ihr, und sie trat mit ihr an die Tür.

»Sein Puls fliegt, mein Täubchen. Er wird uns unter den Händen

davongehen.«

»Nein! Er soll leben! Ich will es!«

»Die Madonna mög’ helfen. Ich will neue Medizinen kochen.«

Giuditta war mit ihrem fiebernden Gast allein. Sie stand aufrecht am

Kopfende des Bettes und sah ihn an. Er war in Schlummer gefallen. ›Wenn

ich ihn rette, gehört er mir,‹ ging es ihr durch den Kopf. Oder -- ›ich

kann ihn nicht sterben lassen, weil er mich geküßt hat.‹ Der Kranke

lachte im Schlaf. Sie zog die Brauen zusammen. ›Was in ihm vorgehen

mag ...?‹ Ganz blaß wurde ihr Gesicht. Ein Beben ging durch ihre Hände.

Und plötzlich beugte sie sich nieder, hob das Leintuch von der Brust

des Kranken und legte ihr Ohr auf die Stelle ...

Langsam richtete sie sich auf, ein wenig nur, ihr Gesicht dicht über

dem Schlummernden. Dann schloß sie fest die Augen und legte, leise

tastend, die Hände weich um seine Wangen. Und mit festgeschlossenen

Augen beugte sie sich vor und küßte ihn.

»Gut gemacht,« lallte der Fremde, »gut gemacht.« Und er hob die Arme

und streichelte schwerfällig ihr Haar.

Dieselben Worte, die er ihr zugerufen hatte, als er aus dem Kahne

sprang. Dieselbe Bewegung fast. Heute ließ sie Worte und Berührung über

sich ergehen. Sie lächelte.

Und eine Woche ging hin. Giuditta war nicht aus dem Zimmer gewichen.

Wenn der Schlaf sie übermannte oder die alte Amme sie zur Ruhe zwang,

genügte ihr ein notdürftig Lager in einer Ecke der Kammer. Beim

leisesten Geräusch, das der Kranke verursachte, sprang sie auf. »Es

geht nicht ohne mich.« Tag für Tag legte sie ihr Ohr auf seine Brust

und ihre Hände um seine Wangen. Minutenlang. Aber geküßt hatte sie ihn

nicht wieder.

Eines Morgens schlug er ruhig die Augen auf. Aufmerksam betrachtete er

seine Umgebung und besonders prüfend seine Pflegerin.

»Wie heißen Sie?«

»Giuditta.«

»Was tun Sie hier?«

»Ich bin in meinem Hause.«

»Pardon. War ich krank?«

Sie nickte.

»Demnach habe ich Ihnen wohl zu danken? Na, dann komm mal her, mein

Mädchen.«

Sie verschränkte die Arme über der Brust und lächelte, wie man ein Kind

belächelt.

Er hielt den Blick aus, wurde rot, dehnte sich und sagte:

»Donnerwetter, ist das eine gemütliche Klappe.«

Gleich darauf war er wieder eingeschlafen.

Mit über der Brust verschränkten Armen stand sie noch, als die alte

Francesca eintrat.

»Ist er aufgewacht?« flüsterte sie.

»Er ist gerettet.«

Die Alte wollte verschwinden. »Ich will eine Fleischbrühe richten.«

»Höre, Francesca.« Und die dunkeln Augen groß und fest auf ihre alte

Dienerin richtend, sagte sie, jedes ihrer Worte ruhig betonend: »Er --

gehört -- mir!«

Das hatte die Alte nie im Leben vergessen. -- --

* * * * *

»Also meinen Namen wollen Sie wissen? Warum? Das zerstört nur das

Märchen.«

»Aber ich muß Sie doch nennen, anrufen können.«

»Das leuchtet mir ein. Ich bin der arme Heinrich.«

»Hein--rich? Das ist schwer. Wie würde man bei uns sagen?«

»Enrico, meine verehrte Giuditta.«

»Weshalb nennen Sie sich den ›armen Enrico‹?«

»Weil vor fast tausend Jahren ein Namensvetter von mir, der auch in

seiner Jugend so fröhlich gewesen war, daß sein leiblicher Mensch

einen Knacks bekam, wie ich dieselbe Straße zog. Gen Salerno, jenseits

der Bucht. Dort sprach ein berühmter Arzt zu ihm: ›Wenn sich ein reines

Mägdlein dir zum Opfer bringt, wirst du ewig leben.‹ Das ist die

Historie vom armen Heinrich.«

»Fand er solch ein Mädchen?«

»Mein Namensvetter war schlauer als ich. Er hatte es sich gleich

mitgebracht.«

»Armer Enrico,« spöttelte sie.

»Meinen Sie -- mich? Hierher! Hiergeblieben! Na, warten Sie, wenn ich

erst auf die Beine komme.«

Wieder ging draußen ein Sturm. Er pfiff über das Meer und verfing sich

wütend brüllend in den Felsen.

Sie saßen sich am Tisch gegenüber, die Lampe zwischen sich. Seit

wenigen Tagen war er auf.

»Bei solchem Unwetter landete ich,« sagte der Genesende.

»Das taten meine Vorfahren auch, wenn sie als Sieger kamen.«

»Werd’s mir merken.« Er schaute sie unter der Lampenglocke an.

»Übrigens -- Ihre Vorfahren?«

»Waren die Herren Positanos. Die alte Francesca weiß es, und ich weiß

es. Man nennt mich daher noch ›Giuditta Africana‹.«

»Aha -- Piratenblut. Damit kann ich auch aufwarten.«

»Erzählen Sie, Herr Enrico.« Sie rückte den Stuhl näher an den Tisch

und stützte das Kinn in die Hände.

»Was denn? Einen Schuß Banditenblut haben wir alle in den Adern. Das

ist wie Heimweh. Na, und ich? Ich fand auf unserm Schloß --«

»Schloß --?«

»Keine Angst. Es bricht bald zusammen. Unter der Last der Hypotheken

nämlich. Also auf diesem unserm Schloß an der Ostsee, hoch droben im

Norden, las ich in alten Urkunden, daß meine Vorfahren gar wacker

als Piraten zur See gefahren waren, wie der Blitz bald hier, bald

dort einschlagend. Es war eine erlauchte Gesellschaft. Die Blüte

des Adels, selbst Herzöge und Fürsten darunter. Man nannte sie die

›Vitalienbrüder‹. Nachher wurde eine Banditenbande daraus, welche die

Küsten von Freund und Feind brandschatzte und nur den eigenen Magen

kannte. Hoho, mein Fräulein, aufzuwarten! Ich habe die Ehre!«

Die Arme aufgestützt, den Kopf in den Händen, saß sie und sah ihm auf

die Lippen.

»Das ist wie ein verwandtes Blut,« sagte sie langsam.

»Richtig. Normannen und Sarazenen, wer kennt sich da aus! Sizilien und

die ganze italienische Küste -- überall Spuren gemeinsamer Tätigkeit.

Normannen und Sarazenen. Sarazenen und Normannen.«

»Und Sie, Herr Enrico -- sind Sie ein Seeheld?«

»Ich bin der arme Heinrich, der ein Mädchen sucht.«

»Antworten Sie ernsthaft.«

Da schlug er auf den Tisch.

»Nichts bin ich, nichts, nichts!« Und seine Augen blickten grimmig auf

die geballte Faust. Giuditta rührte sich nicht in ihrer Stellung. »O

ja,« lachte er auf, »einst, als ich die Welt erobern wollte, da saß ich

auf meinem Rotschimmel, und hinter mir zog meine Schwadron. Dragoner,

Mecklenburger Jungens. Der Trompeter bläst. Das Signal: Galopp! Und

heisa heidi über die Brachäcker, daß uns die Erdklumpen um die Ohren

sausen! Herrgott, hab’ ich in den Sturm hineingeschrien wie so ein

alter Erobererkönig. Hat sich was! Eines Tages stach es mich beim

Schreien in die Brust. Zu fröhlich gelebt, sagten die Ärzte. Als ob man

anders leben könnte! Resultat: Dienst quittiert, auf nach dem Süden.

Schluß: der arme Heinrich.«

Er brütete finster vor sich hin. Dann hob er den Kopf und begegnete dem

Blick des Mädchens.

»Was haben Sie sich da aufgelesen, Giuditta! Strandgut --«

»Der Strand gehört mir.«

»Und was Sie finden?«

»Behalt’ ich.«

»Scherze nicht. Du bist zu schön dazu.«

»Ich behalt’ es.«

Er stand auf, rasch, elastisch. Und sie wie er. Dicht voreinander

standen sie und maßen sich. Blaß, mit glühenden Augen. Und langsam

rötete sich bei beiden die Stirn, weil einer des andern zitterndes

Lächeln sah. Da umschlangen sie sich und ließen sich nicht aus den

Armen. --

Die Leute von Positano zischelten, wenn die beiden vorübergingen. Aber

der deutsche Herr hatte eine so absonderliche Art, um sich zu blicken.

Da ließen sie es. »Giuditta Africana,« sagten sie achselzuckend.

Aber Giuditta mochte die Menschen nicht, wenn sie sie auch übersah.

So groß und gewaltig wuchs sie in ihrer Liebe, daß es in ihr nach

der Einsamkeit der Großen verlangte. Und ihr Blick schweifte wieder

und wieder zu den einsamen Galli-Inseln und heftete sich an den

Sarazenenturm.

Es kam kein Winter in diesem Jahr. Im Dezember reiften die Orangen in

den Gärten. Im Januar begann das Rosenblühen. Blau spannte sich der

Himmel über das blaue Meer. Und die warme Luft war voll von Düften.

Giuditta stand in ihrem weißen Kleide, Korallen um den mattglänzenden

Hals und zu beiden Seiten des schweren dunklen Haares. In ihren Augen

war die Freude.

»Sag dem Haus ein Addio, Enrico. Wir beziehen unsere Sommervilla!«

»Willst du mich entführen? Gleich ist es Nacht.«

»Fürchtest du dich?«

»Mit dir in die Hölle oder ins Paradies.« Und er legte die Arme um

ihren Leib und küßte sie, als sei es das erste Mal.

»Ins Paradies! Komm!« Und endlich entwand sie sich seiner

Unersättlichkeit.

Er ging mit ihr, durch die menschenleeren Gassen, an den verfallenen

Häusern vorbei. Immer weiter hinunter, bis sie an den verlassenen Hafen

kamen. Er fragte nicht. Er hielt nur ihren Arm in den seinen gepreßt.

An einer beladenen Barke trafen sie die alte Francesca. Die grüßte

das schöne Paar tief wie ein Königspaar. Der Himmel war übersät mit

silbernen Sternen.

Wortlos nahmen sie, ein jedes auf einer Bootsbank, Platz. Dann griffen

die Ruderblätter tief ein.

Der alten Sehnsucht Lied: Erzählungen · 第 2 / 9 段