Du Liebe, Liebe, um 11 Uhr gestern abend (denk Dir, erst um 11!) kamen
Frau Karoline Björnson und John Lund (die sich unerwartet getroffen
hatten) hier an, am Pfingstabend also, und heute, am Pfingstsonntag,
habe ich die schöne Zeit verplaudert; vollständig vergessen, daß wir
eine Bergliot in Paris haben; also dieser Brief wird nichts als eine
Wurst sein. Aber fressen mußt Du sie doch, von einem Zipfel zum andern.
Du Liebe, Süße, wie hübsch Dein letzter Brief zu lesen war! Wenn Du Dich
nur nicht in zu viel Geselligkeit verzettelst! Aber Du hast den Leuten
gegenüber ja keine Verpflichtungen; Du kannst in Gesellschaft gehen und
es lassen. Enfin! So wenig davon wie möglich. Und zugleich viel Freude
und Vergnügen dazu! -- Kein Mensch auf der Welt brächte mich dazu, in
einer Matinee oder sonst wo etwas anderes zu singen, als was mir selber
paßte. _Kein Mensch!_ Ich würde diese Bedingung stellen und mich um
keinen, keinen Preis davon abbringen lassen. -- Hier ist das
allerwundersamste Frühlingswetter, ein paar Tage lauter Sonnenschein,
den nächsten Tag Regen, und das abwechselnd Wochen hindurch. Dieses Jahr
muß, falls es lange so anhält, großartig werden. Gestern ließen wir die
Kühe heraus. Einen so schmucken Viehbestand, wie unserer jetzt ist,
haben wir noch nie gehabt. Es war ein schöner Anblick. Hansens und
Kristofersens teilten ihn. Gestern badete ich auch zum erstenmal im
Freien. Prächtig! -- Mutter ist recht müde. Die Ärzte in Kopenhagen sind
einstimmig der Ansicht, daß ihre Taubheit von Nervosität herrührt, und
daß sie nur dann abnehmen oder wenigstens nicht weiterschreiten könnte,
wenn ihre Nerven sich besserten.
Ich glaube, das ist anders; ich glaube, die Heilkunde muß hierin erst
Fortschritte machen. Der Hypnotismus spielt unter anderm da eine große
Rolle. Ferner müssen Instrumente erfunden werden, vermittelst derer
schwache Ohren hören, wie vermittelst der Brillen schwache Augen sehen.
Lund und Mutter kommen mit den widerlichsten Erzählungen über die
Bohêmerei heim, und ich muß schon sagen, solche Kerle sind nicht
gefährlich.
Heute habe ich 13 -- sage: dreizehn -- Bauern zu Tisch und Mutter und
John Lund als Extragäste. Karen ist rein aus dem Häuschen. Frau Hansen
hat uns Fisch geschickt, so daß wir wohl über das Schlimmste wegkommen.
-- Gestern war ich oben und sah mir ein Fohlen von »Spellet« an; Erling
kaufte es auf dem Fleck, so entzückend war es. Nun warten wir auf
»Musmärra«, auch bei ihr ist es bestimmt sehr bald soweit. In diesen
warmen Tagen haben wir voll Mitleid an Dich gedacht; ich glaub' es noch
nicht recht, wenn Du sagst, Du seist gesund; es kann ein Umschlag
kommen. -- Das Haus ist nun fertig in Mädchenkammer und Küche und
Speisekammer; alles andre mehr oder weniger unfertig, und dann fehlt die
Holzverkleidung außen. Die Leute hatten mit der Frühjahrsbestellung zu
tun, deshalb geht es so langsam mit dem Bau. -- Schön wird es, wenn es
fertig ist, und einen großen, flotten Hofraum gibt es rundum! -- Anna
ist ein prächtiges Mädchen; nie etwas Unangenehmes los mit ihr; sie hat
es eigentlich früher nie in ihrem Leben recht gut gehabt, bis jetzt; das
trägt auch dazu bei, daß sie so fröhlich ist. -- Mutter erzählt, »Das
neue System« werde in Kopenhagen beständig vor vollen Häusern gegeben.
»König Midas« dagegen ist unwiderruflich abgetan. »Das neue System«
bezahlt ein gut Teil _für Dich_.
Sonst nichts zu berichten. Ich freue mich, daß Thaulows (und nicht
Tauwlows) freundlich zu Dir sind. Ich halte große Stücke auf ihn; aber
in einigen wesentlichen Punkten ist er nicht so, wie ich ihn haben
möchte. Ich gehe indessen davon aus, daß eine solche Naturkraft so sein
muß, wie er ist. Im Verhältnis zu mir fordere ich _Treue_, und die,
denke ich, hat er. Ich meinte, er sei ein Freund von Chr. Krohg; aber
seitdem ich hörte, daß er das nicht ist, ist alles andre mir
gleichgültig, z. B. daß er mich _Ramseth_ genannt hatte. Er ist ja ein
großes Schwatzmaul. -- John Lund sitzt hier und wartet auf mich, ich
_muß_ schließen.
Dein Freund Vater.
Ich meine, Du solltest über Kopenhagen fahren, um Hegel zu danken, der
so gut gegen Dich ist. Dort haben wir gute Freunde, und die soll man
festhalten. »Auf dem Wege zu Deinem Freund soll kein Gras wachsen.«
Aulestad, 22. April 1892.
Süße Bergliot, die Sache mit dem Gelde mußt Du nicht so tragisch nehmen.
Du kannst Dir doch denken, daß Mutter und ich immer genug zum Leben
haben werden, und könnt Ihr uns etwas wiedergeben, so ist es gut; könnt
Ihr nicht, so ist es auch gut. Dafür leben wir doch nicht. Und am
allerwenigsten ich, der den größten Teil seines Lebens für andere gelebt
hat. Das ist ja die einzige Freude, die ich habe.
Deine Stimme läßt Dich noch immer bisweilen im Stich; -- ich bin sicher,
sie wird Dir eine Lebensfreude werden, wie sie in ihren guten Stunden
die unsre ist. Wenige Menschen können so hell ins Leben schauen wie Du,
die zweifellos großen Aufgaben und mancher schönen Tat entgegengeht.
Wir müssen unsern Lebensmut hüten, er ist unser höchster Schatz. Gut
essen, gut schlafen, das Rechte tun, gute Menschen in unser Herz
schließen und die Zerstörungslust der anderen hindern, das erhält den
Mut in uns. So ausgerüstet und begabt und geliebt, wie Du bist, -- --
Bergliot!
Du kannst überzeugt sein, ich leuchte Jonas Lie heim; denn ich habe
Briefe gefunden, die alles bestätigen, was ich gesagt habe. Ich glaube
nicht einmal, daß er es selbst erlebt haben kann; dazu war der Konflikt
in Rom wegen der gleichen Angelegenheit zu heftig.
Grüß' Ingeborg, an die ich niemals wieder schreiben darf, und Björn, der
bereits seine Sommergage erhoben hat -- wozu? Hier ist alles wohl; meine
Herzbeschwerden gänzlich vorüber.
Dein Freund Vater.
Roma, Quattro Fontane 155. Sonnabend,
24. April 1894.
Ihr solltet uns in Schwaz treffen und mit uns weiter gehen nach Italien.
-- Ihr werdet nie Italien sehen, wenn Ihr es nicht jetzt seht. Das »nie«
meine ich nicht so bitter ernst; denn sicher kommt Ihr einmal hin. Aber
nicht _jetzt_, nicht in Eurer Jugend, nicht zusammen mit so vielen guten
Freunden, wie die, die wir hier um Euch versammeln, und dann zusammen
mit Ejnar und uns; denn Ejnar kommt zum Herbst heim, wir hatten kürzlich
einen Brief! Ihr solltet das unbedingt tun! Erst nach Tirol, dann nach
Rom; -- was sollten das für Tage werden! Und wie Ihr Euch nach einer
Veränderung sehnen müßt! Selbst die alten Ibsens müssen Eure Sehnsucht
verstehen -- und auch unser Recht, Euch und den kleinen Buben einmal zu
genießen. Und der Gedanke, den Du verlauten ließest, über Dagnys Gesang
die Führung zu übernehmen, hat sich in mir festgesetzt. Sie hat Anlage
für Musik; ich sehe das an ihren Fortschritten auf dem Klavier, obwohl
sie kaum spielt. Und dann bedarf sie eines Anhalts. Sie zerfließt
reineweg in bloßer Konversation. Ihre schwache Gesundheit hat bisher
jede Regel und Anstrengung unmöglich gemacht; aber jetzt ist das anders;
sie wird kräftiger. Sie macht hier großes Glück und ist selbst
glücklich. Sie ist auch in allen Stücken ein braves, kluges Ding, und
hübsch. Aber sie _muß_ nun ein festes Interesse haben. Ich denke, es ist
keinerlei Opfer für Euch, ihr dieses zu verschaffen; aber selbst wenn es
das wäre, so ist sie es wohl wert. --
Der Maler Ross ist uns ein guter Freund. Er hat sich zu einem gutartigen
(obwohl etwas scharfzüngigen) Weltmann entwickelt, ohne jede Spur von
Unarten oder Snobismus; er gehört zu den angenehmsten und gefälligsten
Bekanntschaften, die man haben kann; -- und uns ist er außerdem, und ist
es stets gewesen, der beste Freund. _Ihr werdet beide Eure helle Freude
an ihm haben._ Seine Freunde hier sind auch die meinen, und edlere,
natürlichere, gebildetere Männer und Damen hat das europäische
Gesellschaftsleben nicht aufzuweisen -- außer etwa in Kreisen, die ich
nicht kenne. -- Wir erfuhren gestern zu unserer Überraschung, daß »Die
Neuvermählten« am Montag, den 23. im Valle-Theater aufgeführt werden
sollen! Man fragte mich, ob ich nicht der Generalprobe beiwohnen wolle,
morgen -- Sonntag --! Die genieren sich nicht. »Ein Fallissement« geht
über ganz Italien und hat großartigen Erfolg. Nun sollen auch »Die
Neuvermählten« und »Geographie und Liebe« folgen. Aber ich bekomme nicht
einen Schilling. Das einzige, was ich davon habe, ist die Freundschaft
des Übersetzers, eines vortrefflichen, liebenswürdigen Mannes. Ich habe
auch in Rumänien einen liebenswürdigen Übersetzer gefunden; aber, wie
gesagt, ihre Liebenswürdigkeit ist der ganze Gewinn. Ich hatte jetzt
Gelegenheit, meine neue kleine Erzählung (sie ist in den Zeitungen
angekündigt worden) ins Deutsche, Französische, Englische, Russische,
Italienische, Ungarische, Rumänische, Tschechische, Littauische und
Kroatische übersetzen zu lassen!! Ich habe laut aufgelacht über alle die
Nein, die ich in die Welt hinaussenden mußte (außer an den Engländer),
weil Hegel das ganze Buch, in dem die Erzählung stehen sollte,
vertrödelt hat! Er hat es seit November, und hat jetzt vier -- sage:
vier -- Bogen fertig gedruckt. -- Mir ist solche Geschäftsordnung
unbegreiflich.
Wir sind alle bei vorzüglicher Laune. Meine Krankheit unterbrach sie
eine Weile; aber wir sind darüber weg, seitdem wir die nötige Vorsicht
gelernt haben. Ich habe Schwindelanfälle, und ich vertrage nicht viel,
ohne daß ich müde werde. Aber es geht gut vorwärts. Im übrigen stecke
ich mitten in der größten Arbeit, die ich je vorhatte, und bin
ungeduldig. Mutter sieht vorzüglich aus und erregt großes Aufsehen in
den Gesellschaften, so hübsch ist sie; sie ist ungemein munter -- außer
wenn sie Briefe schreibt.
Entwirf nun einen klugen Kriegsplan, wonach Ihr ein Jahr lang mit uns
hier unten zusammen sein könnt! Oder wenn es nur ein Besuch wird, bis
Sigurd nach Hause berufen wird ... Er und Du habt dann auf alle Fälle
den Sommer in Tirol und den Oktober in Rom, die schönste Zeit für
Italien! Küsse den kleinen Tankred, grüss' Deinen Herzensmann und die
alten Ibsens und andre Freunde von
Deinem Freund Vater.
_Besonders Sörensens!_
Bitte Sörensen, daß er mir noch eins von Utheims Büchern schickt, ich
habe das erste zu Agitationszwecken weggegeben. Er verschickt sie wohl
an Zeitungen und Reichstagsabgeordnete in Schweden?
Ich wäre ihm sehr dankbar, wenn er Sars' Abhandlung und Utheims Buch an
Prof. Fridtjof Holmgren in Upsala senden wollte. Er war neulich hier
(auf dem Ärztekongreß), und ihm fehlten die Beweise für das Recht unsrer
Sache. Einem Mann wie ihm dürfen sie nicht fehlen.
Dein Freund Vater.
Wie ich den Brief zusammenfalten will, erhalte ich folgendes Telegramm
von L'Arronge, Direktor des »Deutschen Theaters«: »Außerordentlich
beifällige Aufnahme. Habe mehrmals für Sie danken können. Alle großen
Zeitungen voll Lob. Gruß, Glückwünsche. L'Arronge!« Hurra, hurra; _das
bedeutet nämlich ganz Deutschland_! Und für mich folglich ein ganzes
Kapital.
Schwaz, Tirol, 29. Mai 1894.
Liebe Bergliot, Du kannst Dir denken, wie uns Deine Schilderung des 17.
Mai ergötzt hat! Und daß ich einen Vertreter von meinem Fleisch und Blut
und Temperament hatte, machte mir nicht am wenigsten Spaß.
Hierher kam an dem Tage -- ohne an den Tag zu denken! -- Z. mit Frau.
Wir tranken »Vöslauer Schaumwein«, und vielleicht waren es Zeit und Ort
und Stimmung, die es bewirkten; aber der beste Champagner behagt mir
nicht so wie dieser. Es ist ein süßes Singen darin, ein Preislied auf
Tirol an einem klaren Tag und das Echo dazu. Ihr müßt ihn, falls er
aufzutreiben ist, kosten und ihn auf den Tiroler Sommer trinken, obwohl
er ein Stück weit von Tirol geboren und gewachsen ist, aber doch in
derselben Art Natur, wie man sagt. Z. war völlig der Alte, nur fand ich
ihn noch häßlicher, schiefbeinig, buckelrückig, langarmig, und die fette
Zunge immer vorne zwischen den Zähnen. Aber wie klug und anhänglich und
treu er ist! Seine Frau hat ihn vom Vegetarianismus abgebracht; sie hat
die Hosen an. Aber sie ist eine brave Person und so innig anhänglich an
ihn, wie bloß eine erlöste Gouvernante es sein kann. Sie ist hübsch,
»besonders wenn sie einen Schleier um hat«, fügen Dagny und Mutter
hinzu. Für die, die besser sehen als ich, soll sie etwas Angejahrtes
haben, wenn sie ihn heruntertut. Sie ist groß, schlank, dunkelhaarig,
mit schönen Augen. Nun habe ich es so weit gebracht, daß ich französisch
(mangelhaft) sprechen kann über Gott weiß was alles, und bis ich wieder
nach Italien zurückkomme, werde ich es ebensoweit im Italienischen
gebracht haben. In Rom mußte ich eine ganze Menge der neuesten
Belletristik lesen, um mein Urteil abzugeben. Die italienische Jugend
ist so naiv, frisch, poetisch, es ist eine Freude, mit ihr zu verkehren.
Ich begreife vorläufig nicht, was der Grund ist, daß ihre sozialen und
politischen Verhältnisse so bedauerlich im Rückstand sind. Daß kein
großer Reformator ersteht. Ich glaube, Italien gibt zum drittenmal der
Welt einen neuen Anfang, oder vielleicht besser: zum _vierten_ Male,
wenn das Papsttum ebenfalls als solcher gerechnet wird. Die
Römerherrschaft, das Papsttum, die Renaissance. Kein andres Volk hat
solchen Reichtum besessen, und wenn ich unter der Jugend bin, so habe
ich den Eindruck, als sei er noch immer da.
Du mußt Sigurd erzählen, daß sein ganzer Vergleich zwischen Leo dem
Dreizehnten und Gladstone in die »Review of Reviews« aufgenommen ist.
Aber sage ihm auch, daß ich _nicht_ gemeint habe, er müsse in einer
Berliner Zeitung dem entgegentreten, was sie über mich oder den Kampf in
Norwegen gesagt haben; ich schere mich den Teufel um ihre Niedertracht;
nein, eine kurze Darstellung dessen geben, um was es sich handelte; denn
darüber herrschen nachgerade irrige Anschauungen. Die Schweden sind sehr
fleißig gewesen. So schlecht, wie es mit dem Parlamentarismus steht in
Europa, und so fest, wie sich der Satz eingebürgert hat, daß die
Norweger Wirrköpfe sind, ein Haufen Abnormer -- ist die Lage nicht ohne
Gefahr.
Die Mutter ist von einem Magenübel geplagt, wozu mitunter starke
Rückenschmerzen kommen. Gegen diese gebraucht sie Salicyl, und mit gutem
Erfolg, aber die Magenbeschwerden kommen häufig wieder. Heute weint sie
vor Schmerzen. Bis dato ist es nichts Ernsteres; Malthe untersuchte sie
in Rom; aber es muß ja ernst werden, wenn nichts dafür getan wird. Dann
ist es wieder acht bis vierzehn Tage gut, aber kaum länger. Das schlägt
auf die Stimmung. Es wäre eigentlich ganz gut, wenn Du eines Tages zu
Malthe hingingst. -- Bitte Sigurd, mir zu sagen, was _er_ über die
Wahlen denkt. _Jetzt_ ist also die Zeit gekommen, da, wie ich erwartete,
das Ministerium Steen Kopf oder Schrift spielen würde mit dem
schwedischen König, der gleichzeitig der unsre sein soll. _Jetzt_ hätten
die Bewilligungen für Konsuln und Diplomaten, die schon in der vorigen
Session vorbereitet und angekündigt wurden, _abgelehnt werden müssen_.
Und die Regierung müßte vor die Alternative gestellt sein, entweder zu
gehen oder die Wahlen über am Ruder zu bleiben. Dann hätten wir unser
Ministerium bis jetzt gehabt und ständen zehnmal besser da in den
Wahlen.
Dagny spielt wirklich recht gut. Sie macht im ganzen große Fortschritte.
Peter hat uns alten Käse geschickt, Dikka geräucherten Lachs, wir sind
jeden Tag »auf den Fischbrücken des Westlands« und im Vorratshaus und
haben ein so echtes Konterfei von Norwegen, wie kein Gedicht es stärker
oder wahrer geben kann. Siehst Du Peter, so umarme ihn, Dikka ebenfalls!
--
Erzähl' auch von Cato! Wir müssen doch von Cato hören! Ihr dürft Cato
niemals weggeben, finde ich. Er war Euer erster Hausgenosse, und
Zuschauer von Anbeginn des Anbeginns und Zuhörer von Tankreds erstem
endlosen Geplärre. Wenn Dagny davon erzählt mit dazupassenden Bildern
von Sigurds mannhaftem Zorn, Deiner Verzweiflung und Catos Verzweiflung
am ganzen Leben, lachen wir, daß wir uns den Bauch halten.
Mit meiner Arbeit geht es gut jetzt. Björns und Ingeborgs Triumphe in
Kopenhagen haben uns furchtbar gefreut. Grüße Sigurd und Tankred, Peters
und die alten Ibsens vielmals von
Deinem Freund Vater.
Schwaz, Tirol, 22. Juni 1894.
Liebe Bergliot, Mutter soll nach Innsbruck; wir warten nur auf Geld.
Dort ist ein Arzt, der berühmt ist wegen seiner Kuren für
Magengeschichten. Es kommen viele von weither zu ihm.
Es freute mich, daß _Du_ kein Hase warst. »Absalons Haar« ist das
Stärkste, was ich geschrieben habe, weil es die teuerste Erfahrung
meines Lebens ist. Wer Dichter ist, und das auf meine Weise ist, und
etwas so Fürchterliches erlebt, und dann nicht das Seine tut, um zu
warnen und die Wiederholung im großen und kleinen zu verhindern, der
wird seiner Aufgabe untreu. Rücksichten wie: dann sagen die Leute _das_,
und dann denken sie _so_ von Dir, nehme ich nicht. Ich gehe drauf los,
und dafür sollten alle einstimmig mir danken und mich ehren. So habe ich
ja mein ganzes Leben lang gehandelt, und das wollen die Leute nie sehen,
und es mir nie lohnen. _Denn Aufopferung wird ihren Lohn und ihren Ruhm
haben_, wenn die Zeit gekommen ist. Sie ist nämlich ein Vorschuß, den
starke und gesunde Menschen auf das Ganze nehmen.
Rache? -- Nicht _ein_ Wort der Rache, nicht ein Wort der Bosheit findet
sich in der Schilderung, um die es sich hier handelt. Derartiges
verdunstet mir, wenn ich vor dem Ernst der Aufgabe stehe. Ja, mehr noch:
ich wehre mich dagegen, ganz entschieden. Um sicher zu gehen, lasse ich
mindestens ein Drittel von dem, was das Bild verschlimmern könnte, weg
und rücke den Rest in das Licht des Verstehens vom psychologischen
Gesichtspunkte aus. _Ihr_, die Ihr das Modell kennt, wißt alle, daß ich
auch diesmal so verfahren bin. Ich werde später darüber öffentlich etwas
schreiben, falls kein anderer es kann oder will.
Tausend Grüße an Euch alle!
Euer Freund Vater.
p. t. Schwaz, Tirol, 25. September 1894.
Liebe Bergliot, was ist denn das für ein Unsinn, daß Du uns etwas von
dem Gelde, das wir für Deinen Gesang ausgelegt haben, zurückbezahlen
willst! Das ist doch Deine Mitgift. Es wird sich mit der Zeit schon
zeigen, daß diese Mitgift sehr bedeutend ist. Es freut uns sehr, daß Du
glaubst, diese Zeit sei bereits gekommen.
Ich freue mich über die Drontheimer Wahl; aber wenn ich das Wachsen der
Rechten in Akershus und im Westland sehe, dann merke ich wohl, daß die
Wahlen im ganzen nicht nach Wunsch ausfallen. Leider! Eine falsche
Taktik wird von den besten Reden nicht aufgewogen. Es sieht ja aus, als
könnten wir in einem ganzen Menschenalter diese Bezirke nicht gewinnen.
-- Das ganze Ausland ist gegen uns. Ich glaube auch nicht, daß wir dem
Ausland das Verständnis beibringen können, ehe wir unserer
Unabhängigkeit ein Ziel stellen, das alle fassen. Dieses kann einzig
sein: Schiedsgerichte für alle vorkommenden Fälle, und ein Ansuchen
deswegen in allererster Linie bei Rußland. Wenn das Ausland einsieht,
daß es _das_ ist, dem die Schweden sich widersetzen, werden ihm die
Augen aufgehen. Wie lange soll ich diese Weise herleiern, ehe ich die
Leute mitkriege?
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, schon jetzt kann ich aus den Wahlen sehen, daß
die Rechte sich behauptet. Die Linke bringt es zu keiner
Zweidrittel-Majorität; und dann begreife ich nicht, was Ihr daheim
wollt, besonders wenn auch Ibsens reisen. Ich werde die Reise nach dem
Süden für Euch bezahlen, falls sie jetzt stattfindet, d. h. diesen
Herbst. -- Nimm Dich in acht vor Arlbergs allzu offnen Vokalen; im
übrigen hat er selbst eine brillante Gesangsmethode gehabt. Ob er
irgendeinen hervorragenden Schüler hat, weiß ich nicht. Ich glaube, das
einzige, was Deiner Stimme fehlte, wäre mehr Kraft in den Stimmbändern,
und die käme durch Elektrisieren und bei größerer körperlicher
Gesundheit. -- Aber Ihr versteht das ja besser, weil Ihr kundige Leute
zu Rate ziehen könnt.
Ich stimme im wesentlichen mit Sigurd in der Beurteilung Bismarcks
überein. Nur schwärme ich nicht, wie er, für das Große, bloß weil es
groß, für das Interessante, bloß weil es interessant ist. Dafür bezahle
ich _ein_mal Entree oder zweimal und bin fertig damit. Napoleon ist für
mich um vieles bedeutsamer geworden, seit seine Psychologie so
offenkundig vor allen liegt, daß wir den tiefen menschlichen
Zusammenhang sehen, den Zusammenhang des Herzens, des Charakters mit den
gärenden, schaffenden Mächten der Zeit nach allen Seiten hin. Etwas
Ähnliches ist es mit Bismarck; _das_ ist es, was ihm immer Bewunderung
sichern wird.
Dein B. B.
Liebe Bergliot! Ich schrieb gerade an Graf Prozor: daß der Phantast
Lugné-Poë und die ganze französische Komödie mit norwegischen Stücken zu
uns kommen, ist eigentlich zum Lachen. Ich ahnte, daß sie nicht einmal
gut spielen. -- Eine Affektation ist das, die mir so zuwider ist, daß
ich mich einfach abwende. Und nun folgt eine Reaktion, daß es in allen
Fugen kracht. -- Aber das Ärgerlichste ist, daß _wir_ eine Rolle dabei
spielen sollen; das müßte schon eine ganz andere sein! Nun ja, ich will
nicht weiter darüber reden; es wird genug geredet. Ich verfolge das in
_allen_ Literaturen und sehe den Umschlag kommen. Die Geschäftigkeit der
_Juden_ und ihre Begeisterung bei all dem hätte uns mißtrauisch machen
müssen. Nun -- die Abrechnung wird schon kommen. --
Wir ziehen also südwärts -- zum letztenmal. Noch einmal mag ich nicht.
Aber solange wollen wir draußen leben, als die Verhältnisse daheim keine
Gefahr bergen, oder klar sind. Es würde mich nur stören; ich habe
Hemmungen genug. Mit meiner Arbeit geht es gut.
Unsere innigsten Glückwünsche zu Eurem Hochzeitstage! Möge es Euch alles
in allem so wohl ergehen, wie es doch Summa Summarum uns gegangen ist!
Es ist eine fruchtbare Lebensreise, die hinter uns liegt; etwas lebt
nach uns -- und mehr wird noch kommen.
Ja, das ist wahr, immer habe ich vergessen, von dem Ringe zu erzählen.
Ich entdeckte ihn durch einen Zufall unter Mutters merkwürdigem
Krimskrams und war ganz erschrocken, daß sie ihn mitgenommen hatte. Denn
ein solcher Gegenstand war zu verlockend zum Stehlen; ich bat sie,
entweder ihn nach Hause zu schicken oder ihn zu tragen. Sie wollte
beides nicht, und so nahm ich ihn an mich, lediglich, um ihn
aufzubewahren. Freude hatte ich keine daran; _ich_ kann ja nicht sehen,
daß er leuchtet; das können bloß die anderen. Allmählich ist er mir
vertraut geworden einfach dadurch, daß ich morgens und abends an ihn
denke, so daß er ein Teil meines täglichen Lebens geworden ist. Aber Du
kannst ihn wiederhaben, sobald Du willst. Es ist buchstäblich nur
Vergeßlichkeit, daß ich nicht eher davon geschrieben habe. -- Mildes,
herrliches Herbstwetter, wie der Spätsommer bei uns daheim. Grüße
Sörensen!
Dein Freund Vater.
Roma, Quattro Fontane 155,
11. Dezember 1894.
Liebe Bergliot, so oft schon wollte ich Dir von Deinem alten Freund Dr.
N. N. erzählen.
Äußerlich gänzlich unverändert. Nur kann man jetzt überhaupt nicht mehr
mit ihm reden, ohne daß er wie zufällig hinwirft, er sei neulich nach
S.... zur Königin berufen worden, die ihn nicht habe wieder weglassen
wollen; er mußte den Vorwand gebrauchen, daß er nach London zu einer
Konsultation müsse, und merkwürdig genug, als er abreisen wollte, bekam
er wirklich ein Telegramm von Lord Dufferin. Dieser Lord Dufferin
segelte mit ihm den Sommer über im Golf von Neapel; aber N. N. mußte ihn
auf Capri absetzen, weil er zur Fürstin Ruspoli nach Rom berufen wurde.
Als ich wieder einmal mit N. N. sprach, war gerade einer von Amerikas
jungen Milliardärsöhnen zum erstenmal nach Rom gekommen, lediglich, um
Dr. N. N. zu konsultieren; er litt an Trunksucht und wollte keinem
andern folgen als Dr. N. N., und jetzt folgt er sogar seiner Mutter,
weil Dr. N. N. ihm das befohlen hat; N. N. erwartet 10000 Dollars
Honorar.
Er wohnt an der spanischen Treppe »in der Wohnung, in der der englische
Dichter Keats starb; obendrüber wohnte Shelley«. Wenn man zu N. N.
kommt, liegen Keats und Shelleys Gedichte ganz zufällig aufgeschlagen
da; beides Prachtbände von höchster Eleganz. Eine ungeheure Schale mit
Visitenkarten begrüßt einen im Vorzimmer; zu oberst die Gladstones, --
man sollte glauben, er sei erst gestern bei N. N. gewesen. Dr. N. N.
fährt entweder mit zwei Staatspferden oder mit zwei Ponys aus. Neben ihm
sitzen entweder die Kronprinzessin von X. oder seine zwei Hunde, ein
kleiner und ein großer von Englands edelstem Blut, der kleine auf dem
Rücksitz, der große auf dem Vordersitz. Ein Groom sitzt auf dem Bock
beim Kutscher, beide in Livree. N. N. selbst dagegen so einfach
gekleidet wie Napoleon. Nie sieht man ihn einen Orden tragen, selten
Handschuhe. Ganz zufällig, man kann sagen unversehens, erwähnt er, was
er der Königin, der Kronprinzessin, der Fürstin Ruspoli, dem
amerikanischen Milliardärsohn gewesen ist, oder er streift die
Konsultation, die dem Tode des englischen Gesandten voriges Jahr hier
vorausging, bei der Dr. N. N. Recht behielt und alle die anderen im
Unrecht waren. So was kommt eben ganz ungewollt heraus, wie wir mitunter
etwa erzählen, daß wir schon Mittag gegessen oder schon Kaffee getrunken
haben. Für einen Besuch erhält er 50-100 Lire oder mehr. Das Geld liegt
im ganzen Zimmer herum, zum Teil zusammengeknüllt. Oft nimmt er auch
kein Honorar. Was hat er denn weiter getan als seine Pflicht?! --
Er hat drei Mädchen, die alle einer Familie in A. angehören, deren
sämtliche Mitglieder er gerettet hat. Der übrige Teil der Familie wohnt
jetzt in seiner Villa dort. In A. kennt man nur _einen_ Namen, und das
ist der seine. (Neulich war ein Norweger dort und konnte niemand finden,
der wußte, wo Dr. N. N.s Villa läge.) --
Ich bin einmal -- sage: _ein_mal bei N. N. gewesen; somit hat er nun
auch meine Visitenkarte in seiner Schale; später hatte er keine
Verwendung mehr für mich und ich auch keine für ihn.
Lebe wohl, liebe Bergliot. Gott behüte Dich!
Dein Freund Vater.
Aulestad, 3. Oktober 1896.
Liebe Bergliot, ich meine, Du solltest jetzt die Bekanntschaft einer
Dame suchen, die Dich begleiten und mit Dir hierher kommen könnte und
überhaupt sich an Dich und uns so anschlösse, daß sich daraus eine
Tournee entwickeln ließe, wenn die Zeit kommt. Am liebsten möchte ich
ja, sie wäre einigermaßen hübsch, daß ich mich so ein bißchen in sie
verlieben könnte, denn das ist zu nett; aber da solche Damen meistens
häßlich sind, mußt Du wenigstens dafür sorgen, daß sie in dieser
Hinsicht nicht geradezu den ersten Preis verdient. Ihr Spiel muß Seele
haben, sonst taugt es nichts; aber sie selber muß diskret und umgänglich
sein, sonst ist sie nichts für uns, weißt Du. Wenn Du es darauf anlegst,
mußt Du schon eine finden können.