Sonntag, nachdem ich vormittags an Dich geschrieben hatte, fuhren wir zu
Amtmann Nielsens. Frits Hansens Kinder sollten den ganzen Tag dort sein.
Aber während wir gerade gemütlich bei Nielsens saßen, kamen plötzlich
Frits Hansen, Ingeborg Hansen und der Hauslehrer! Sie wußten, daß wir da
waren. Ich ging sofort in den Garten, der Amtmann hinterdrein, und nun
waren also zwei Parteien, eine im Garten und eine drinnen, Amtmanns
völlig verzweifelt. Und nun alle Menschen (und Mutter nicht als letzte)
auf Frits Hansen los, der sagte, er wäre einzig gekommen, um es wieder
gut zu machen. Aber erst müsse er mich um Entschuldigung bitten. Und so
kam er denn heraus in den Garten und machte es sehr nett, indem er immer
wieder und wieder versicherte, es sei _niemals_ seine Meinung gewesen,
ich wäre ein weniger ehrenwerter Mann, als irgend einer von ihnen. Und
er war überhaupt so überströmend liebenswürdig, daß ich mit Herz, Seele
und Sinn mich ergab; und am andern Tag kam er hierher, den Tag darauf
waren sie beide hier zu Annas Geburtstag und gestern wir bei ihnen oben
zusammen mit allen Vonhejmsleuten. Es ist ein altes Wort: alte Liebe
rostet nicht, und das hat sich wieder auf beiden Seiten bewahrheitet. --
Wir sind sehr froh darüber allerseits, sehr, sehr froh.
Kristofer Kristofersen und Frau sind hier; sie sind so sehr gemütlich,
besonders er. Schlicht, klar, warm. Sie lassen Dich herzlich grüßen. Sie
wollen den Sommer über auf Solhejm wohnen. Überhaupt werden eine Menge
prächtige Menschen hier sein im Sommer. Und ich will im Sommer nur
Gedichte machen. Jeder Mensch muß zugeben, ich bin so jung an Kraft und
Saft, als wäre ich (aufs Haar) knapp über 40. Wenn das so fort geht,
dann muß ich ja ein sehr alter Knabe werden. -- Denk Dir, heute wollen
wir nach Sönstevold, um zu beschließen, daß in Gausdal Telephon gelegt
wird! Telephon in Gausdal! Telephon bis in unsern Flur, und da stehen
und mit Kristiania sprechen, so wird es enden!
Ob Du heute einen Brief von Mutter bekommst? Jedenfalls ist sie bei Dir
mit allen ihren Gedanken. Ich war so erfüllt von der Frage, wann Du nach
Hause kommen würdest, und sie nicht minder, daß ich nun voll Betrübnis
Deinen Brief ihr zugehen lasse, zugleich mit diesem.
Wir wollen alle hinüber zu Peter Sletterud, deshalb beeile ich mich so.
Sie warten alle auf mich. Wenn Du es bloß lesen kannst!
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, Du hättest in Norwegen sein sollen und dies
Winterauftauen sehen! Es erscheint mir gar nicht anders möglich, als daß
in einem Volk, das unter diesen alljährlichen Eindrücken lebt, der
Glaube wachsen muß, auch die schlimmsten Hindernisse und Schwierigkeiten
müßten weichen vor einem frischen Frühlingswillen in uns selbst. Der
Schnee ging den Leuten bis unter die Arme, sobald sie außerhalb der
gebahnten Wege gingen; und die Wege vereist, um sich Arme und Beine zu
brechen. Entsetzlich kalt manche Tage, ziemlich warm an anderen, niemals
gleich, immer unsicher.
Und dann eines Tags ganz unvorhergesehene Wärmegrade; anfangs ein
Tröpfeln von den Dächern, Rinnsale auf den Wegen, Ballen unter den
Pferdehufen; aber dann Schneestürze von den Dächern, daß die Häuser
erbeben, Bäche durch die Gehöfte und Wege, der Schnee geht scheffelweise
jeden Tag, Schlamm und Eis _ein_ Brei, und alles Wasser schwarz. Wo Du
gehst, ein Murmeln von Bächen, Funkeln in der Luft, blauer Dämmer im
Schnee und unter den Vögeln eine Lustigkeit -- die Hühner kommen heraus,
die Hähne krähen, die Schweine laufen wie wahnsinnig; die bisher noch
nie draußen gewesen sind, stehen ganz still, die Köpfe aneinander
gedrängt und getrauen sich keinen Fuß zu rühren; die Pferde wälzen sich
und sausen vorüber in rasendem Trab, und die Menschen mit Hacken,
Spaten, Schaufeln, Beilen, um die Wasserströme zu regulieren und ihnen
Wege zu graben, daß sie nicht den ganzen Hof mit sich fortfegen. Die
Luft so stark, daß einem schwach wird, wenn man zu lang darin bleibt.
Und nun muß ich ein Lied für Dich abschreiben:
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn goldner Strahlenglanz
Über Firnen hüpft im Tanz,
Tief in den Abgrund dringend,
Beschwingend
Den zum Lichte kletternden Stengel,
Daß er sich träumt als seligen Engel.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wohl ist es wirklich Morgen,
Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
Und Vöglein Tautropfen trinken
Und zwitschernd dem Baume zum Lohne
Eine Krone
Von jungfrischem Grün versprechen,
Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
Sonne der Seele bringt,
Wenn in Deinen Armen
Erwarmen
Alle die Menschen, groß und klein,
Dann gegen alle nur gut zu sein.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Die gefährliche Kraft,
Die das Höchste schafft,
Ist sie's, die Dir nah?
Ja.
Grüße Griegs vielmals von uns und geh gleich zu ihnen.
Dein Freund Vater.
p. t. Lillehammer, 18. Mai 1890.
Liebe Bergliot, ich sitze hier bei Lundes, Sonntag, den 18. Mai, und
schreibe ein paar Worte, damit Du nicht vergessen sein sollst. Wir
fuhren gestern im herrlichsten Wetter hierher, der Wagen mit grünem
Birkenlaub geschmückt, so daß wir in einem Zelt saßen, Erling auf dem
Bock, Anna, Kristofersen und ich drinnen. Unsre seidne Flagge voran.
Kein Mucks, weil ich dasaß und über meine Rede sann; aber alle, denen
wir begegneten, wurden froher Laune, und in der Stadt große Freude. Auf
dem Markt ein paar Tausend Menschen und die Stimmung gut. Am ersten
Pfingsttag kommen die Rindalsleute, Gustums und einer von Svartum zu
uns. Um Johanni soll ich hinunter nach Sarpsborg und dort im liberalen
Verein des Smålener Bezirks reden. Vielleicht können wir uns dann auf
Torö bei Frau Möller treffen. Du kommst ja diesmal auf dem Landweg und
bleibst ein paar Tage bei Hegels? -- Mutter will nicht vor dem Herbste
hin, sie reist dann mit Dir. Ich wollte, der Teufel holte die Matinee in
der Salle Erard! Deinen Brief mit den Montmartre-Schilderungen schicke
ich Mutter. Dann ist ein lieber Brief von Ragna Kristensen eingetroffen,
die Dagnys Lehrerin werden sollte und am liebsten sofort gekommen wäre;
aber nun hat Jenny eine Stellung für sie gefunden als Gesellschaftsdame
bei einem reichen Herrn, Dr. Rohde, der eine kranke Frau hat und ein
Kind, mit denen er nach Paris will. Kennst Du Ragna? Ihr werdet sehr
gute Freunde werden!
Dr. Georg Brandes ist in Kristiania. Sein Zweck ist lediglich, indirekt
und direkt mich unmöglich zu machen. Thommessen sein getreuer Helfer.
Aber seine Zeit ist vorbei.
Mein guter, lieber Schatz, Dein letzter Brief atmete Zuversicht und
Freude, und es tat mir wohl, das zu lesen. Wärst Du nur bald bei uns!
Ach, wie schön es jetzt hier ist! Nach einem starken Regen hat alles
starke Fortschritte gemacht; ein Duft gestern von Vogelkirsche und Birke
ohne Unterlaß, und die Sturzbäche dampften. Aller Frühling ist ein Bild
des Starken. Ich schloß meine Rede gestern mit einem Bild von zwei
Staren, die an der Südecke unsres Hauses sich ihr Nest gebaut haben. Das
Männchen sitzt auf dem Knauf der Flaggenstange und singt ihr vor und
spielt und unterhält sie, während sie sitzt und brütet. Und sein Spielen
und Singen deute ich als die Festtage zwischen den Arbeitstagen; sie
sangen und spielten auf für die Frühlingsarbeit im Land. -- Aber komm
nun auch Du und singe und spiele auf für die Frühlingsarbeit, die
Zukunftssaat -- erst in Deinem Vaterhaus und später für das ganze Land.
So alt wir sind, wir haben den Glauben, daß es der _Frühling_ ist, dem
wir dienen, und die Arbeit ihr neues Lied verdient.
Dein Freund Vater.