8. Mai 1890.

Sonntag, nachdem ich vormittags an Dich geschrieben hatte, fuhren wir zu

Amtmann Nielsens. Frits Hansens Kinder sollten den ganzen Tag dort sein.

Aber während wir gerade gemütlich bei Nielsens saßen, kamen plötzlich

Frits Hansen, Ingeborg Hansen und der Hauslehrer! Sie wußten, daß wir da

waren. Ich ging sofort in den Garten, der Amtmann hinterdrein, und nun

waren also zwei Parteien, eine im Garten und eine drinnen, Amtmanns

völlig verzweifelt. Und nun alle Menschen (und Mutter nicht als letzte)

auf Frits Hansen los, der sagte, er wäre einzig gekommen, um es wieder

gut zu machen. Aber erst müsse er mich um Entschuldigung bitten. Und so

kam er denn heraus in den Garten und machte es sehr nett, indem er immer

wieder und wieder versicherte, es sei _niemals_ seine Meinung gewesen,

ich wäre ein weniger ehrenwerter Mann, als irgend einer von ihnen. Und

er war überhaupt so überströmend liebenswürdig, daß ich mit Herz, Seele

und Sinn mich ergab; und am andern Tag kam er hierher, den Tag darauf

waren sie beide hier zu Annas Geburtstag und gestern wir bei ihnen oben

zusammen mit allen Vonhejmsleuten. Es ist ein altes Wort: alte Liebe

rostet nicht, und das hat sich wieder auf beiden Seiten bewahrheitet. --

Wir sind sehr froh darüber allerseits, sehr, sehr froh.

Kristofer Kristofersen und Frau sind hier; sie sind so sehr gemütlich,

besonders er. Schlicht, klar, warm. Sie lassen Dich herzlich grüßen. Sie

wollen den Sommer über auf Solhejm wohnen. Überhaupt werden eine Menge

prächtige Menschen hier sein im Sommer. Und ich will im Sommer nur

Gedichte machen. Jeder Mensch muß zugeben, ich bin so jung an Kraft und

Saft, als wäre ich (aufs Haar) knapp über 40. Wenn das so fort geht,

dann muß ich ja ein sehr alter Knabe werden. -- Denk Dir, heute wollen

wir nach Sönstevold, um zu beschließen, daß in Gausdal Telephon gelegt

wird! Telephon in Gausdal! Telephon bis in unsern Flur, und da stehen

und mit Kristiania sprechen, so wird es enden!

Ob Du heute einen Brief von Mutter bekommst? Jedenfalls ist sie bei Dir

mit allen ihren Gedanken. Ich war so erfüllt von der Frage, wann Du nach

Hause kommen würdest, und sie nicht minder, daß ich nun voll Betrübnis

Deinen Brief ihr zugehen lasse, zugleich mit diesem.

Wir wollen alle hinüber zu Peter Sletterud, deshalb beeile ich mich so.

Sie warten alle auf mich. Wenn Du es bloß lesen kannst!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Du hättest in Norwegen sein sollen und dies

Winterauftauen sehen! Es erscheint mir gar nicht anders möglich, als daß

in einem Volk, das unter diesen alljährlichen Eindrücken lebt, der

Glaube wachsen muß, auch die schlimmsten Hindernisse und Schwierigkeiten

müßten weichen vor einem frischen Frühlingswillen in uns selbst. Der

Schnee ging den Leuten bis unter die Arme, sobald sie außerhalb der

gebahnten Wege gingen; und die Wege vereist, um sich Arme und Beine zu

brechen. Entsetzlich kalt manche Tage, ziemlich warm an anderen, niemals

gleich, immer unsicher.

Und dann eines Tags ganz unvorhergesehene Wärmegrade; anfangs ein

Tröpfeln von den Dächern, Rinnsale auf den Wegen, Ballen unter den

Pferdehufen; aber dann Schneestürze von den Dächern, daß die Häuser

erbeben, Bäche durch die Gehöfte und Wege, der Schnee geht scheffelweise

jeden Tag, Schlamm und Eis _ein_ Brei, und alles Wasser schwarz. Wo Du

gehst, ein Murmeln von Bächen, Funkeln in der Luft, blauer Dämmer im

Schnee und unter den Vögeln eine Lustigkeit -- die Hühner kommen heraus,

die Hähne krähen, die Schweine laufen wie wahnsinnig; die bisher noch

nie draußen gewesen sind, stehen ganz still, die Köpfe aneinander

gedrängt und getrauen sich keinen Fuß zu rühren; die Pferde wälzen sich

und sausen vorüber in rasendem Trab, und die Menschen mit Hacken,

Spaten, Schaufeln, Beilen, um die Wasserströme zu regulieren und ihnen

Wege zu graben, daß sie nicht den ganzen Hof mit sich fortfegen. Die

Luft so stark, daß einem schwach wird, wenn man zu lang darin bleibt.

Und nun muß ich ein Lied für Dich abschreiben:

Wann wird es wirklich Morgen?

Wenn goldner Strahlenglanz

Über Firnen hüpft im Tanz,

Tief in den Abgrund dringend,

Beschwingend

Den zum Lichte kletternden Stengel,

Daß er sich träumt als seligen Engel.

Dann ist es Morgen,

Wirklich, wirklich Morgen.

Doch wenn's wettert und sprüht

Und krank mein Gemüt,

Kann das Morgen sein?

Nein.

Wohl ist es wirklich Morgen,

Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,

Und Vöglein Tautropfen trinken

Und zwitschernd dem Baume zum Lohne

Eine Krone

Von jungfrischem Grün versprechen,

Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.

Dann ist es Morgen,

Wirklich, wirklich Morgen.

Doch wenn's wettert und sprüht

Und krank mein Gemüt,

Kann das Morgen sein?

Nein.

Wann wird es wirklich Morgen?

Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,

Sonne der Seele bringt,

Wenn in Deinen Armen

Erwarmen

Alle die Menschen, groß und klein,

Dann gegen alle nur gut zu sein.

Dann ist es Morgen,

Wirklich, wirklich Morgen.

Die gefährliche Kraft,

Die das Höchste schafft,

Ist sie's, die Dir nah?

Ja.

Grüße Griegs vielmals von uns und geh gleich zu ihnen.

Dein Freund Vater.

p. t. Lillehammer, 18. Mai 1890.

Liebe Bergliot, ich sitze hier bei Lundes, Sonntag, den 18. Mai, und

schreibe ein paar Worte, damit Du nicht vergessen sein sollst. Wir

fuhren gestern im herrlichsten Wetter hierher, der Wagen mit grünem

Birkenlaub geschmückt, so daß wir in einem Zelt saßen, Erling auf dem

Bock, Anna, Kristofersen und ich drinnen. Unsre seidne Flagge voran.

Kein Mucks, weil ich dasaß und über meine Rede sann; aber alle, denen

wir begegneten, wurden froher Laune, und in der Stadt große Freude. Auf

dem Markt ein paar Tausend Menschen und die Stimmung gut. Am ersten

Pfingsttag kommen die Rindalsleute, Gustums und einer von Svartum zu

uns. Um Johanni soll ich hinunter nach Sarpsborg und dort im liberalen

Verein des Smålener Bezirks reden. Vielleicht können wir uns dann auf

Torö bei Frau Möller treffen. Du kommst ja diesmal auf dem Landweg und

bleibst ein paar Tage bei Hegels? -- Mutter will nicht vor dem Herbste

hin, sie reist dann mit Dir. Ich wollte, der Teufel holte die Matinee in

der Salle Erard! Deinen Brief mit den Montmartre-Schilderungen schicke

ich Mutter. Dann ist ein lieber Brief von Ragna Kristensen eingetroffen,

die Dagnys Lehrerin werden sollte und am liebsten sofort gekommen wäre;

aber nun hat Jenny eine Stellung für sie gefunden als Gesellschaftsdame

bei einem reichen Herrn, Dr. Rohde, der eine kranke Frau hat und ein

Kind, mit denen er nach Paris will. Kennst Du Ragna? Ihr werdet sehr

gute Freunde werden!

Dr. Georg Brandes ist in Kristiania. Sein Zweck ist lediglich, indirekt

und direkt mich unmöglich zu machen. Thommessen sein getreuer Helfer.

Aber seine Zeit ist vorbei.

Mein guter, lieber Schatz, Dein letzter Brief atmete Zuversicht und

Freude, und es tat mir wohl, das zu lesen. Wärst Du nur bald bei uns!

Ach, wie schön es jetzt hier ist! Nach einem starken Regen hat alles

starke Fortschritte gemacht; ein Duft gestern von Vogelkirsche und Birke

ohne Unterlaß, und die Sturzbäche dampften. Aller Frühling ist ein Bild

des Starken. Ich schloß meine Rede gestern mit einem Bild von zwei

Staren, die an der Südecke unsres Hauses sich ihr Nest gebaut haben. Das

Männchen sitzt auf dem Knauf der Flaggenstange und singt ihr vor und

spielt und unterhält sie, während sie sitzt und brütet. Und sein Spielen

und Singen deute ich als die Festtage zwischen den Arbeitstagen; sie

sangen und spielten auf für die Frühlingsarbeit im Land. -- Aber komm

nun auch Du und singe und spiele auf für die Frühlingsarbeit, die

Zukunftssaat -- erst in Deinem Vaterhaus und später für das ganze Land.

So alt wir sind, wir haben den Glauben, daß es der _Frühling_ ist, dem

wir dienen, und die Arbeit ihr neues Lied verdient.

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 23 / 28 题