Liebes Kind, Dank für Deinen langen Brief! Ja, jetzt ist er gekommen --
in wenigen Tagen -- voller, voller Sommer, alle Fenster und Türen auf,
Sonne über dem Altan, Hähnekrähen und Vogelsang den lieben langen Tag,
und Glocken und Hammerschlag und der Klang der Egge an den kleinen
Steinen.
Also vermissen wir auf Aulestad jetzt nur noch eines, und das ist unser
Pariser Singvogel. Das beherrscht in dem Grade meine Stimmung, daß ich
nur mit der größten Überwindung an Dich schreiben kann. _Du_ bist nicht
dort, sondern hier. Und die Briefe sterben aus Sehnsucht nach dem
Menschen.
Ich habe eben ein Buch bekommen: »Pepitas Hochzeit« von Heidenstam
(einem Schweden), das völlig übereinstimmt mit meinem Aufsatz »Die neue
Kunst«. Ich möchte wissen, was z. B. von Garborg übrigbliebe, wenn die
poetische Kraft, mit der _hier_ geschildert wird, ausschlaggebend würde?
Da würden nicht viele von diesen Matt in Matt-Kopien bestehen können. --
Ich bin durchaus einverstanden, wenn geschrieben wird, daß jeder, was
die Kunstform anlangt, seine eigene Art haben dürfe; -- seine poetische
Fülle, das Wesen und der Reichtum seiner Persönlichkeit seien es, die
über den Eindruck entscheiden. Bin ganz einverstanden -- nur nicht mit
der Leichtfertigkeit. Man darf nicht um den Augenblick die Zukunft
verkaufen. Ich verstehe auch die nicht, die, um fröhlich zu sein,
absolut Punsch brauchen. Ich antworte immer: ich kann genau so fröhlich
sein wie ihr, _ohne_ daß ich Punsch trinke. Auch verstehe ich nicht, daß
nicht zwei Verschiedengeartete fröhlich sein und sich aneinander freuen
können, ohne daß sie sich sofort in die Haare geraten müssen. Wird nicht
gerade durch die Kraft der Selbstbeherrschung die Freude etwas, das
unser Leben bereichert, das Wesen der Persönlichkeit stärkt und die
Selbstachtung und die Achtung anderer in eins verwandelt? Gib Dich hin
da, wo Dein Herz Heimat und Zukunft gewählt hat; sei fröhlich ohne diese
letzte Hingebung überall da, wo Menschen für dasselbe leben wie Du. --
Übrigens sind das Dinge, über die man nicht zu streiten braucht, das
_Blut_ entscheidet hier; die Starken (weil sie selbstbeherrschend
gewesen sind) erzeugen Starke, die Schwachen (weil sie Schweine gewesen
sind) erzeugen Schwache. Und die Welt gehört den Starken.
Hier ist das allerherrlichste Wetter, Du! Aber wirst Du Dich auch hier
wohl fühlen können ohne irgendwelche Abwechslung vier Monate im Jahr?
Ich hätte an Sansots schreiben sollen; na, ich hol' es nach. Sag' ihnen,
daß Ernest Tissot mir soeben ein Buch geschickt, das er herausgegeben
hat: »Les évolutions de la critique française«. Es ist ausgezeichnet.
Die Librairie académique Didier hat es herausgegeben. Das ist der
Tissot, über den ich Sansots geschrieben habe, weil er an mich schrieb;
er wünschte eine Studie über meine Werke zu schreiben. Ich sagte ihm zu,
schien es.
Meine geliebte Bergliot, wir sehnen uns zu hören, was Du beschlossen
hast. Du freust Dich selbst so sehr, daß auch wir unsre Freude auf das
Wiedersehen aussprechen dürfen.
Dein Freund Vater.