30. April 1890.

Mein lieber, süßer Schatz, wie schön ist es jetzt, einen Brief von Dir

zu bekommen, weil Deinem Gemüt eine feste Hoffnung aufdämmert; Du wirst

sicherer und stärker dadurch. Es ist, als wäre jeder Brief eine Meile

näher dem Ziele geschrieben, es ist, als hättest Du jedesmal geloggt und

nachgerechnet und die Fahrt für gut befunden. Und die Zeugnisse anderer

sagen dasselbe. Wir warten und warten auf Dich wie auf die

Frühlingsschwalbe. Möchtest Du nun auch Glück haben zur Lebensfahrt und

nicht wie ich Gegenwind das ganze Leben, -- obschon er die Flagge so

fröhlich wehen läßt.

Jetzt sollst Du aber hören: ein Franzose, Crépieux-Jamin, ist Graphologe

(Schriftdeuter), und hat aus Dänemark drei Handschriften zugesandt

bekommen: die Mark Twains, der Gräfin Danner und meine. Ich habe den

dänischen Übersetzer seines Buchs gebeten, Dir ein Exemplar zu schicken,

und da kannst Du selbst sehen, was er über mich sagt nach der

Handschrift. Mutter und ich sind ganz platt. Ja, Du wirst ja sehen!

Wir werden Dir Garborgs neues Buch schicken, oder Du kannst es lesen,

wenn Du hierher kommst. »König Midas« besitzen wir nicht. Wir erwarten

heute Kristofersen und vielleicht Lunde. Immer noch liegt Schnee in

allen Spalten und am Wald; aber der Tag ist schön, der Altan ein

Schutzdach gegen frische Brise, und der Bau drüben reift im Verein mit

den Bäumen dem Sommer entgegen. Jetzt haben wir unser Haus wieder für

uns, die Küche wird renoviert, und es ist still hier. Ein Frühlingstag

in Norwegen zwischen den Bergen ist reicher als jeder andere, weil die

Seele, die wir ihm entgegenbringen, gewaltiger sich sehnt und mehr

erhofft, als dies anderen Völkern in einer andern Natur möglich ist.

Gestern las ich eine schwedische Kritik über mein letztes Buch; ich

glaube, ich sende sie Dir. Sie war glänzend. Es heißt dort (nach einem

andern schwedischen Kritiker), daß B. B. der am wenigsten blasierte von

allen nordischen Schriftstellern ist. Ich glaube selber, daß das wahr

ist.

Hier auf dem Hofe laufen fünf bis sechs Ferkel herum, schneeweiß und

voller Leben, und ich muß bei ihnen an Dich denken. Ich glaube, Du wärst

solch ein Kleines, wenn Du ein Tier wärst. Und dabei noch etwas von

einem Vogel, vielleicht einer Schwalbe. Kleines Ferkel und große

Schwalbe, eins und das andre, ich muß lachen. -- Mutter hat sich in der

letzten Zeit herausgemacht, sie ist »rund un woll«, wie sie hier sagen;

aber mit dem Gehör ist es zu dumm. Übrigens steht es ihr gut, so als

Sibylle dazusitzen und von dem einen und von dem andern ein Wort hier,

ein Wort da zu borgen. Wenn es doch bloß wieder besser würde mit ihr!

Ich kann und kann die Hoffnung nicht aufgeben. -- Ich hatte wirklich

Angst, Du könntest nicht mehr leben, nachdem Cavlings abgereist waren;

aber Gott sei Dank, Du schreibst, als habest Du die Absicht, auch ferner

am Leben zu bleiben. -- Ich möchte gern wissen, ob Du einmal »La légende

des siècles« von Victor Hugo auftreiben könntest; eine billige Ausgabe.

In diesem Falle möchte ich es haben. Und vergiß nicht, mir den Namen des

Bildhauers zu schreiben, so, daß ich ihn lesen kann; Donnerwetter ja,

dies ewige Elend mit den Namen! -- Brief von Hejde und Frau Hejde; es

geht ihnen brillant. -- Dagny hat sicher große Begabung für Musik; aber

keinen Fleiß, obwohl ich allmählich glaube, wenn sie eine gute Lehrerin

hätte, käme der auch. Sie ist ja im ganzen sehr flüchtig; aber so lieb

und so begabt! Sie ist jetzt im Alter des Romanlesens und der ewigen

Freundschaften. Marie Hansen ist das Höchste auf Erden. Das heißt,

vielleicht daß Dagny nun doch anfängt, auch an ihr Kritik zu üben; damit

ist sie _sonst_ rasch bei der Hand. Anna ist wirklich reizend; so

lebhaft und klug; und so wohl wie sie sich bei uns fühlt! -- Meine liebe

Bergliot, Dank für alle Deine Briefe und für alle guten Nachrichten!

Bewahre Dir Deinen Humor, härte Dich ab gegen Kritik und Widrigkeiten,

werde stark! Und grüße Deine gute Wirtin! Du wirst wohl auch nächstes

Jahr dort wohnen? Hast Du in letzter Zeit Deine Freundin besucht, das

Mädchen bei Deinem alten Hausdrachen? Hast Du Gouzien vorgesungen? Bist

Du bei Sansots gewesen? Voilà! Leb' wohl! In Frühling und Arbeit, in

schmucken Kleidern und Sonnenschein, in guter Gesellschaft und

Vergnügen, bei guter Lektüre und gesunden Gedanken!

Dein Freund Vater.

Aulestad, 27. April 1890.

Liebes Kind, Du mußt das alles selbst entscheiden, Du steckst in Deiner

eigenen Haut und in Deinen eigenen Kleidern, Du allein kannst wissen,

wie müde Du bist, und was Deiner Gesundheit neben Deinem Gesang, oder

vielleicht gerade um dessentwillen nottut.

Du mußt _sofort_ Mad. Marchesi sagen, wofür Du Dich entschlossen hast.

In jedem Fall: bleib nicht so lange wie gewöhnlich, komm nicht so elend

nach Hause, daß Du abreisen mußt, eh Du wieder Bergliot geworden bist.

-- Möchtest Du bis zum 1. Juni bleiben, dann meine ich, solltest Du

schon am 15. Mai bis zum 1. Juni bezahlen. Dann wirst Du ja hören. Aber

bezahle lieber voll, als Streit anzufangen. -- Entschließest Du Dich,

schon am 15. Mai aufzuhören, so vergiß nicht, daß zwischen der Witterung

im Norden und in Frankreich ein Unterschied ist, der Dich nicht zu

Dummheiten verleiten darf. Du mußt Dich jedenfalls danach anziehen. Den

einen Tag ist es hier ganz warm, den andern halber Winter _bis Mitte

Juni_; besonders aber im Mai. Dein Arbeitsplan wäre nicht so schwierig,

wie er Dir scheint, wenn nicht diese verteufelten Reisen wären. Aber

Paris ist ja ohne Eisenbahnen. Richte Dich für die Reise hierher

beizeiten ein. Und verlobe Dich nicht unterwegs! Komm heim und sei

Bergliot toute entière et toute seule. -- Diese »Köbenhavn« ist wirklich

ein grausiges, ganz grausames Blatt. Ich muß dabei an das Grüne denken,

das in den Windeln der Säuglinge liegt. Mich dünkt, daß »K.havn«

überhaupt nicht just das im Norden repräsentiert, was gesund und stark

ist; sondern das Überfeinerte und Frivole. -- In den Zeitungen und

Zeichnungen, die Du aus Paris heimschickst, ist ein ganz andrer Zug. Da

wird das Kleine nie groß, das Gleichgültige nie wichtig; wir haben

keinen gesunden Maßstab. Octave Feuillets letztes Buch solltest Du

aufzutreiben suchen, ebenso Maupassants; ich sehe, man lobt sie beide

sehr. Du mußt es billiger kaufen können als für den Ladenpreis. Übrigens

kannst Du es auch lassen. -- Keines von uns sehnt sich mehr nach dem

Sommer als ich. Ich kann nicht arbeiten, es sei denn, es wird besseres

Wetter, und am liebsten bei offenen Fenstern. Bringst Du das gute Wetter

mit? Hier ist es scheußlich jetzt.

Wir sind ein bißchen in Sorge um Erling, es könnte ihm schaden, daß er

so ohne Arbeit in vermögende Verhältnisse gekommen ist. Besonders Mutter

ist besorgt. Aber es kann ja gut gehen, auch wenn er noch nicht weiß,

wie er im Sattel sitzen soll. Ich halte mich von ihm zurück; ich habe ja

kein einziges Interesse mit ihm gemeinsam; denn bei dem einzigen, das

ich haben könnte, dem Betrieb auf dem Hof und dem Bau, fragt er nie um

Rat und erzählt nie davon. Er ist vollkommen, er ist Selbstherrscher.

Nun, Du wirst ja selber sehen! -- Hier ist es öde. Diese Zeit ist

schrecklich. Graue Erde, grauer Laubwald, unheimlich finsterer

Tannenwald, Schnee auf den Höhen und in den Spalten, kalter Regen, kalte

grüne Ansätze hie und da. Nirgends ein Mensch. Die Bücher gleichfalls

kalt. Kalte Kritiken in den Zeitungen, unerfreuliche Politik daheim und

draußen, Unfruchtbarkeit und Mutlosigkeit der Mittelmäßigkeit überall.

Ich langweile mich. Komm Du heim mit Sommer, mit Mut, mit Gesang, mit

Zukunft! Dann bin ich in guter Laune, wie einer, der in einen

dichterischen Zauberkreis gebannt wird, wo es nichts Graues gibt.

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 21 / 28 题