Mein lieber, süßer Schatz, wie schön ist es jetzt, einen Brief von Dir
zu bekommen, weil Deinem Gemüt eine feste Hoffnung aufdämmert; Du wirst
sicherer und stärker dadurch. Es ist, als wäre jeder Brief eine Meile
näher dem Ziele geschrieben, es ist, als hättest Du jedesmal geloggt und
nachgerechnet und die Fahrt für gut befunden. Und die Zeugnisse anderer
sagen dasselbe. Wir warten und warten auf Dich wie auf die
Frühlingsschwalbe. Möchtest Du nun auch Glück haben zur Lebensfahrt und
nicht wie ich Gegenwind das ganze Leben, -- obschon er die Flagge so
fröhlich wehen läßt.
Jetzt sollst Du aber hören: ein Franzose, Crépieux-Jamin, ist Graphologe
(Schriftdeuter), und hat aus Dänemark drei Handschriften zugesandt
bekommen: die Mark Twains, der Gräfin Danner und meine. Ich habe den
dänischen Übersetzer seines Buchs gebeten, Dir ein Exemplar zu schicken,
und da kannst Du selbst sehen, was er über mich sagt nach der
Handschrift. Mutter und ich sind ganz platt. Ja, Du wirst ja sehen!
Wir werden Dir Garborgs neues Buch schicken, oder Du kannst es lesen,
wenn Du hierher kommst. »König Midas« besitzen wir nicht. Wir erwarten
heute Kristofersen und vielleicht Lunde. Immer noch liegt Schnee in
allen Spalten und am Wald; aber der Tag ist schön, der Altan ein
Schutzdach gegen frische Brise, und der Bau drüben reift im Verein mit
den Bäumen dem Sommer entgegen. Jetzt haben wir unser Haus wieder für
uns, die Küche wird renoviert, und es ist still hier. Ein Frühlingstag
in Norwegen zwischen den Bergen ist reicher als jeder andere, weil die
Seele, die wir ihm entgegenbringen, gewaltiger sich sehnt und mehr
erhofft, als dies anderen Völkern in einer andern Natur möglich ist.
Gestern las ich eine schwedische Kritik über mein letztes Buch; ich
glaube, ich sende sie Dir. Sie war glänzend. Es heißt dort (nach einem
andern schwedischen Kritiker), daß B. B. der am wenigsten blasierte von
allen nordischen Schriftstellern ist. Ich glaube selber, daß das wahr
ist.
Hier auf dem Hofe laufen fünf bis sechs Ferkel herum, schneeweiß und
voller Leben, und ich muß bei ihnen an Dich denken. Ich glaube, Du wärst
solch ein Kleines, wenn Du ein Tier wärst. Und dabei noch etwas von
einem Vogel, vielleicht einer Schwalbe. Kleines Ferkel und große
Schwalbe, eins und das andre, ich muß lachen. -- Mutter hat sich in der
letzten Zeit herausgemacht, sie ist »rund un woll«, wie sie hier sagen;
aber mit dem Gehör ist es zu dumm. Übrigens steht es ihr gut, so als
Sibylle dazusitzen und von dem einen und von dem andern ein Wort hier,
ein Wort da zu borgen. Wenn es doch bloß wieder besser würde mit ihr!
Ich kann und kann die Hoffnung nicht aufgeben. -- Ich hatte wirklich
Angst, Du könntest nicht mehr leben, nachdem Cavlings abgereist waren;
aber Gott sei Dank, Du schreibst, als habest Du die Absicht, auch ferner
am Leben zu bleiben. -- Ich möchte gern wissen, ob Du einmal »La légende
des siècles« von Victor Hugo auftreiben könntest; eine billige Ausgabe.
In diesem Falle möchte ich es haben. Und vergiß nicht, mir den Namen des
Bildhauers zu schreiben, so, daß ich ihn lesen kann; Donnerwetter ja,
dies ewige Elend mit den Namen! -- Brief von Hejde und Frau Hejde; es
geht ihnen brillant. -- Dagny hat sicher große Begabung für Musik; aber
keinen Fleiß, obwohl ich allmählich glaube, wenn sie eine gute Lehrerin
hätte, käme der auch. Sie ist ja im ganzen sehr flüchtig; aber so lieb
und so begabt! Sie ist jetzt im Alter des Romanlesens und der ewigen
Freundschaften. Marie Hansen ist das Höchste auf Erden. Das heißt,
vielleicht daß Dagny nun doch anfängt, auch an ihr Kritik zu üben; damit
ist sie _sonst_ rasch bei der Hand. Anna ist wirklich reizend; so
lebhaft und klug; und so wohl wie sie sich bei uns fühlt! -- Meine liebe
Bergliot, Dank für alle Deine Briefe und für alle guten Nachrichten!
Bewahre Dir Deinen Humor, härte Dich ab gegen Kritik und Widrigkeiten,
werde stark! Und grüße Deine gute Wirtin! Du wirst wohl auch nächstes
Jahr dort wohnen? Hast Du in letzter Zeit Deine Freundin besucht, das
Mädchen bei Deinem alten Hausdrachen? Hast Du Gouzien vorgesungen? Bist
Du bei Sansots gewesen? Voilà! Leb' wohl! In Frühling und Arbeit, in
schmucken Kleidern und Sonnenschein, in guter Gesellschaft und
Vergnügen, bei guter Lektüre und gesunden Gedanken!
Dein Freund Vater.
Aulestad, 27. April 1890.
Liebes Kind, Du mußt das alles selbst entscheiden, Du steckst in Deiner
eigenen Haut und in Deinen eigenen Kleidern, Du allein kannst wissen,
wie müde Du bist, und was Deiner Gesundheit neben Deinem Gesang, oder
vielleicht gerade um dessentwillen nottut.
Du mußt _sofort_ Mad. Marchesi sagen, wofür Du Dich entschlossen hast.
In jedem Fall: bleib nicht so lange wie gewöhnlich, komm nicht so elend
nach Hause, daß Du abreisen mußt, eh Du wieder Bergliot geworden bist.
-- Möchtest Du bis zum 1. Juni bleiben, dann meine ich, solltest Du
schon am 15. Mai bis zum 1. Juni bezahlen. Dann wirst Du ja hören. Aber
bezahle lieber voll, als Streit anzufangen. -- Entschließest Du Dich,
schon am 15. Mai aufzuhören, so vergiß nicht, daß zwischen der Witterung
im Norden und in Frankreich ein Unterschied ist, der Dich nicht zu
Dummheiten verleiten darf. Du mußt Dich jedenfalls danach anziehen. Den
einen Tag ist es hier ganz warm, den andern halber Winter _bis Mitte
Juni_; besonders aber im Mai. Dein Arbeitsplan wäre nicht so schwierig,
wie er Dir scheint, wenn nicht diese verteufelten Reisen wären. Aber
Paris ist ja ohne Eisenbahnen. Richte Dich für die Reise hierher
beizeiten ein. Und verlobe Dich nicht unterwegs! Komm heim und sei
Bergliot toute entière et toute seule. -- Diese »Köbenhavn« ist wirklich
ein grausiges, ganz grausames Blatt. Ich muß dabei an das Grüne denken,
das in den Windeln der Säuglinge liegt. Mich dünkt, daß »K.havn«
überhaupt nicht just das im Norden repräsentiert, was gesund und stark
ist; sondern das Überfeinerte und Frivole. -- In den Zeitungen und
Zeichnungen, die Du aus Paris heimschickst, ist ein ganz andrer Zug. Da
wird das Kleine nie groß, das Gleichgültige nie wichtig; wir haben
keinen gesunden Maßstab. Octave Feuillets letztes Buch solltest Du
aufzutreiben suchen, ebenso Maupassants; ich sehe, man lobt sie beide
sehr. Du mußt es billiger kaufen können als für den Ladenpreis. Übrigens
kannst Du es auch lassen. -- Keines von uns sehnt sich mehr nach dem
Sommer als ich. Ich kann nicht arbeiten, es sei denn, es wird besseres
Wetter, und am liebsten bei offenen Fenstern. Bringst Du das gute Wetter
mit? Hier ist es scheußlich jetzt.
Wir sind ein bißchen in Sorge um Erling, es könnte ihm schaden, daß er
so ohne Arbeit in vermögende Verhältnisse gekommen ist. Besonders Mutter
ist besorgt. Aber es kann ja gut gehen, auch wenn er noch nicht weiß,
wie er im Sattel sitzen soll. Ich halte mich von ihm zurück; ich habe ja
kein einziges Interesse mit ihm gemeinsam; denn bei dem einzigen, das
ich haben könnte, dem Betrieb auf dem Hof und dem Bau, fragt er nie um
Rat und erzählt nie davon. Er ist vollkommen, er ist Selbstherrscher.
Nun, Du wirst ja selber sehen! -- Hier ist es öde. Diese Zeit ist
schrecklich. Graue Erde, grauer Laubwald, unheimlich finsterer
Tannenwald, Schnee auf den Höhen und in den Spalten, kalter Regen, kalte
grüne Ansätze hie und da. Nirgends ein Mensch. Die Bücher gleichfalls
kalt. Kalte Kritiken in den Zeitungen, unerfreuliche Politik daheim und
draußen, Unfruchtbarkeit und Mutlosigkeit der Mittelmäßigkeit überall.
Ich langweile mich. Komm Du heim mit Sommer, mit Mut, mit Gesang, mit
Zukunft! Dann bin ich in guter Laune, wie einer, der in einen
dichterischen Zauberkreis gebannt wird, wo es nichts Graues gibt.
Dein Freund Vater.