13. April 1890.

Liebe Bergliot, Dein Brief mit seiner Entrüstung, weil ich es eine

»Niederlage« genannt hatte, daß Du _nicht_ in der Matinee sangst, hat

uns riesig ergötzt, und Dein Mut und Deine Lust freuen uns, -- obschon

wir natürlich auf einen zweiten, tief niedergeschlagenen, gänzlich

zerschmetterten Brief gefaßt sind. Diesmal versicherst Du, Du könntest

Dich nie mehr verlieben; wir sind sicher, daß bereits eine neue

Verliebtheit im Anzug ist, Deine hundertzwanzigste! Aber mehr als alles

andre hat mich gefreut, daß Du ein Buch wie das Zolas in Dich aufnehmen

kannst, ohne von ihm anders gepackt zu werden, als das starke Bild

packen muß.

Wenn Du von Zolas letztem Buch sagst, es sei die lautere Wirklichkeit,

so wie kein anderes Buch, das Du gelesen hast, so beruht dies auf einem

Irrtum. Dieser Kniff mit der Eisenbahn, mit ihr zu spektakeln, immer

wieder und wieder, bis einem ganz schwindlig wird, ist ein alter Kniff

von ihm, und an und für sich um kein Haar anschaulicher, als wenn

Maupassant es in wenigen Zeilen gibt. Zola macht so lange fort, bis es

zu hysterischen Vorstellungen wird, bis die Lokomotive zur Naturkraft

wird im Geiste des Persönlichkeits-Jahrhunderts, zum Dampf-Geist.

Das ist Mystik, sind symbolische Schwindeleien, und nicht Wirklichkeit.

_Alle_ Wirklichkeit bei Zola wird verzerrt; er kann nicht einfach etwas

so lassen, wie es ist; es wird schlimmer und schlimmer. Vergegenwärtige

Dir einmal die Bilder und Personen, dann siehst Du es selbst. Und dann

weiß er nicht richtig Bescheid über das, was er aus der medizinischen

Wissenschaft bringt. So zum Beispiel hier, wenn er einen Menschen

zeichnet, der einzig Wollust am Blut hat. Das ist völlig richtig; aber

-- wenn ich bitten darf -- nicht _zusammen_ mit sinnlichem Genuß, nein,

_an Stelle_ des sinnlichen Genusses. Wie es hier geschildert ist, wird

der Mensch völlig unverständlich. -- All der Schmutz, der da ausgegraben

wird, all diese Morde und Selbstmorde, und all diese Verruchtheit, ...

Du fühlst doch selbst, daß er da Ausnahmen schildert, ungeheuerliche

seltene Ausnahmen, und das _Leben_ nennt. Selbst in der Farbengebung,

die sonst seine große Stärke ist, schwelgt er nachgerade so toll, daß es

mich abstößt. Herrgott, was solch ein Buch für eine ungesunde Lektüre

ist, und so verführerisch durch Häufung von ungewöhnlichen, grauenvollen

sinnaufreizenden Orgien aller Art!

In dieser Woche will Arnoldson aus Schweden hierher kommen; Kristofer

Kristofersen und Frau kommen entweder in dieser oder der nächsten, und

Redakteur Holst will auch kommen.

Denke Dir, heute, am 13. April, liegt wieder einviertel Meter hoch

Schnee, der Wald großartig unter der Last. Keine Überraschung hätte

größer sein können als heute dies Erwachen. -- Famoser Brief von Sansot

gestern; grüß' ihn von mir. Ich schreibe bald. Vorläufig nur, daß _W.

Lange in Berlin_ eine Übersetzung von »Es flaggen ...« gemacht hat, die

ich dem Schweizer zum Lesen anempfehlen kann. Es gibt auch eine deutsche

Übersetzung (im Manuskript) vom »König« von _Fräulein Klingenfeld,

München, Bayern, Gabelsbergerstraße 21_, die der Schweizer bestimmt

geliehen bekommt, wenn er darum schreibt. Mehr weiß ich ihm nicht zu

sagen. Die Sansots halten große Stücke auf Dich, und falls ich sie, wie

Sansot schreibt, 1891 hier begrüßen dürfte, so wäre das einer meiner

glücklichsten Tage auf Aulestad. Für dasselbe Jahr habe ich geplant, mit

der ganzen Familie nach Romsdalen zu reisen, und da könnten sie sich uns

anschließen. Das würde eine Karawane! Meine geliebte Bergliot, ich habe

oft gewünscht, das erstemal, daß Du in Norwegen öffentlich sängest,

sollte es in Romsdalen, in Molde sein. Aber das sei in Dein Belieben

gestellt. Dann reisten wir von dort nach Nässet, wo ich als Junge

herumsprang, und dort versammle ich die Leute und rede zu ihnen. Ein

großer Tag soll das werden, wenn das Wetter gut ist. -- Wenn doch auch

Ejnar mit dabei sein könnte! Die Volksversammlung soll an der Stelle

stattfinden, wo der Kerl hingerichtet wurde, über den ich einst schrieb.

-- Ich kenne keinen schöneren Punkt in Norwegen, als den ganzen Bezirk

dort. Ach, soll das eine Fahrt und ein Tag werden! Und den ganzen Weg da

hinauf habe ich Freunde, also wir werden sehr vergnügt sein. Und dort

uns auf den Fjorddampfern herumtummeln! Die launenvolle Lieblichkeit und

ruhige Größe des Romsdalfjords geht über alle Beschreibung. Oh, wie

vergnügt wir sein werden! -- Ja, nun sag' ich Dir für heut Adieu. Ich

habe verlockende Bücher zu lesen und muß mich auch ein bißchen in meinen

großen Stoff hineindenken. Es geht gut, geht uns allen vorzüglich, wir

sind alle fröhlich und alle gesund. Hier ist die Stätte, wo gearbeitet

wird. -- Hast Du »Die französische Revolution« von Carlyle gelesen? Ich

lese den Freiheitskampf der Niederlande von Motley (einem Amerikaner),

also über meinen Liebling Wilhelm von Oranien. Ein ganzes Leben lang

immer unterliegen und dennoch ausharren, nicht nur selber, sondern auch

alle anderen zum Ausharren anfeuern -- ja, das ist mein Lebensideal! Das

ist größer, als der größte Sieg, denn dazu gehören mehr und größere

Eigenschaften als zu einem glänzenden, im Augenblick alle Kräfte

anspannenden Sieg. -- Und das versteht jeder, der weiß, was ausdauernde

Arbeit, treuer Sinn und leuchtender Glaube bedeuten.

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 20 / 28 题