9. März 1890.

Liebes, süßes Mädchen Du, Sonntagmorgen, scharfer Wind überm Schnee, das

Barometer auf seinem tiefsten Stand, also haben wir Schlimmes zu

erwarten; aber im Hause warm; bei offenen Türen unten und oben kommt die

Wärme vom Flur zu uns herein und mischt sich mit der Wärme aller Öfen;

Karoline geht umher und sieht nach und räumt auf; unten ein

Frühstückstisch mit geräuchertem Lachs, kaltem gebratenen Schneehuhn,

fünf Sorten Käse, darunter ein neuer »Storthingskäse«, und unter all der

Herrlichkeit ein weißes Tischtuch, und blaue Karaffen und Gläser.

Karoline und ich sind eben von Tisch aufgestanden, jetzt hören wir Beate

und Alexander Kielland im Fremdenzimmer sich rühren; das Haus erzittert

unter seinen Schritten. Er ist -- ich werde ihm das nie vergessen --

hierhergekommen, um demonstrativ seinen Protest gegen die Verfolgungen

einzulegen, hat den Mjösen herauf in seinem Breitschlitten wie der

Teufel gefroren, wurde in Lillehammer von mir empfangen, fiel mitten in

die Geburtstagsgesellschaft bei Lunde, wurde in die Stube geführt,

schneebedeckt, sah aus wie Gustav Adolfs Statue an einem Wintertag, so

prachtvoll, daß die Leute schrien, und erzählte Geschichten, daß ich

mich ganz krank lachte. Du hättest die Verzweiflung der Lillehammerschen

Damen sehen sollen, aber lachen mußten sie doch! -- Er trank eine

Flasche Rotwein, Grog, Schnaps, aß ein Schneehuhn; aber unterhielt uns

dabei den ganzen Abend, dampfte unter allgemeinem Gelächter ab und

schlief zwei Stunden darauf. Etwas dicker als früher, aber dieselbe

unerschütterliche Verachtung für das »Pack«, und voll Gesundheit und

Kraft im Kampfe gegen dies Volk. Bei brillanter Bahn und brillantem

Wetter hierherauf, ich voran in einem Schmalschlitten mit Kiellands

Koffer hintendrauf, sie hinterdrein in einem Breitschlitten, zum Schluß

scharfer Trab, alle Flaggen über der Schneelandschaft an den hellen,

strahlenden Häusern gehißt, Feststimmung und Freude beim Empfang seitens

Karoline, Karen, Mutter, Inga, Dagny, Anna und Erling, großes Diner,

wobei er wieder Schneehuhn und Wein für zwei oder drei bekam, und ein

Gelächter, daß das Dach dröhnte. Und den ganzen Tag gestern ein

Schwatzen und Lachen und Apfelsinen und Possen bis zehn. Wieder neun bis

zehn Stunden Schlaf heute, und jetzt höre ich die Lachsalven unten vom

Frühstückstisch her; denn dort sind sie nun, nachdem sie mich begrüßt

und meine Glückwünsche entgegengenommen haben, weil Babys Geburtstag

ist. »_Die_ ist das Beste, was Du je gemacht hast«, sage ich zu Beate.

-- »Entschuldige, _ich_ habe sie gemacht«, antwortet er und zieht, den

Arm um Beates Taille, wie ein Gott stolz von dannen, begleitet vom

Gelächter aller. Er ist in seiner roten »Amtmannsweste«, falls Du

Dich ihrer entsinnst. Und als ich ihn fragte, ob er nicht

Storthingsabgeordneter werden wollte, antwortete er: »Du meinst als

dekorative Figur?« -- Gestern ist kein Brief von Dir gekommen;

vermutlich ist in Jütland Schneesturm; wenn nur nicht auch unser Brief

an Dich für einen Tag oder zwei weggeweht ist. -- Hedlund hat an mich

geschrieben, er halte es nicht länger aus, in Unfrieden mit mir zu

leben. Ja, ich renkte es denn wieder ein, soweit ich konnte. Ich habe ja

nichts gegen ihn, ich habe ihn sogar gern; aber ich könnte z. B. nicht

mehr über das mit ihm reden, was ich glaube. -- Beate Kielland -- nun,

Du weißt ja, wie lieb sie mir ist, und sie ist so warm und entzückend

hier bei uns, und dabei so bekümmert um ihrer Zukunft willen. Alexander

Kielland arbeitet an einem Roman, in dem ein Bauernbursche vom Lande in

die Stadt kommt und es bis zum ersten Mann dort bringt, einfach weil er

genau alle Schurkenstreiche und Nichtswürdigkeiten nachmacht, die die

anderen machen, und die von der guten Gesellschaft geheiligt sind. Ist

das nicht ergötzlich? -- Jetzt wird Erlings und Annas Haus gedeckt. In

der großen Welt nichts, was mich im Augenblick fesselt, und auch nichts

hier in der Heimat. -- Ich habe die große Angst, daß Mad. Marchesi kein

Verständnis für Dein Naturell hat und Dir eine verkehrte Aufgabe stellt.

Du mußt etwas haben, worin Leidenschaft ist und Phantasie oder

Schelmerei. Kannst Du ihr das nicht selber sagen? Ein Hurra dem Tag und

Dir und mir und allen miteinander.

Dein Freund Vater.

Alexander Kielland sitzt jetzt hier oben; als er hörte, daß das

Barometer so gewaltig sinkt, sagte er: »Es wird uns gehen, wie es in der

Frithjofsaga heißt: Der Fremde blieb, bis der Frühling kam!«

Heut steht der Wald weiß; denn es schneit die ganze Zeit, und etwas

Schöneres als einen weißen Wald hat die Natur nicht. -- Der Schnee liegt

auch weiß über den Dachsparren des neuen Hauses. Die Maurer setzen jetzt

die Schornsteine auf. Alles ist groß dort, z. B. sollen auch vier --

sage: vier -- Schornsteine hinkommen! Einmal wird das Haus uns allen

doch viel Freude machen, obwohl es verdammt viel kostet jetzt.

Wir haben ein Buch hier, die Selbstbiographie eines Dänen aus dem Anfang

des vorigen Jahrhunderts, Aerebo heißt er; das werden wir Dir schicken;

Du mußt doch sehen, wie der Ton damals war; wenn man bedenkt, daß wir

noch vor anderthalb Jahrhunderten roher waren als jetzt die Bauern. --

Also dürfen wir heute nicht zu viel voneinander erwarten, dünkt mich.

Wir müßten solche Selbstbiographien mehrere Meilensteine weit in der

Zeit zurück haben, dann begriffen wir, wie die Menschen noch heutigen

Tags Reißaus nehmen, wenn es gilt, den Arbeiterinnen zu helfen, und

mitten im schönsten Frieden Geld sammeln für Kanonen. -- Dies ist die

Bismarck-Woche gewesen; er ist gestürzt, und vorläufig auch sein Sohn!

_Jetzt_ sagen alle, wofür ich dereinst meine Prügel bekam, so oft ich es

sagte, er sei, nachdem er gewaltsam die Einigung Deutschlands zustande

gebracht hatte, im wesentlichen ein Schachspieler, der alle Spiele

gewann, darüber aber die Zukunft verlor; denn er war ein Mann des

Mittelalters, und die moderne Denkart erschien ihm als eine

Ausschweifung. Seine schlimmste Sünde, Rußland großzuziehen, aber

Frankreich zu beschneiden, -- unheilvoll für ganz Europa -- wird von

seinem Erben, dem Kaiser, nicht wieder gut gemacht werden. -- Ich

fürchte, wir stürzen durch den jungen Kaiser in eine ganze Reihe von

Fehlgriffen, die die Reaktion zu einer strengeren Tonart beeinflussen,

und vielleicht Bismarck oder auf jeden Fall sein System wieder von neuem

heraufbeschwören werden. Ja, wir gehen einer schweren Zeit entgegen!

Hätte ich nur so einigermaßen _unsre_ Zukunft gesichert! -- Um unser

Volk ist mir nicht bang, nicht im geringsten. Das geht seinen Weg. --

Hurra! Bei uns gilt es nur, das Volk zu wecken. Ist es erst wach

geworden, so ist mir nicht bang darum. -- Grüß' unsre Freunde! Runebergs

und Sansots haben beide ihre Briefe bekommen; aber grüße sie, grüße sie!

Gratuliere Hejde zum blauen Band! Möge er erleben, daß es rot wird! --

Leb' wohl!

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 18 / 28 题