Liebes, süßes Mädchen Du, Sonntagmorgen, scharfer Wind überm Schnee, das
Barometer auf seinem tiefsten Stand, also haben wir Schlimmes zu
erwarten; aber im Hause warm; bei offenen Türen unten und oben kommt die
Wärme vom Flur zu uns herein und mischt sich mit der Wärme aller Öfen;
Karoline geht umher und sieht nach und räumt auf; unten ein
Frühstückstisch mit geräuchertem Lachs, kaltem gebratenen Schneehuhn,
fünf Sorten Käse, darunter ein neuer »Storthingskäse«, und unter all der
Herrlichkeit ein weißes Tischtuch, und blaue Karaffen und Gläser.
Karoline und ich sind eben von Tisch aufgestanden, jetzt hören wir Beate
und Alexander Kielland im Fremdenzimmer sich rühren; das Haus erzittert
unter seinen Schritten. Er ist -- ich werde ihm das nie vergessen --
hierhergekommen, um demonstrativ seinen Protest gegen die Verfolgungen
einzulegen, hat den Mjösen herauf in seinem Breitschlitten wie der
Teufel gefroren, wurde in Lillehammer von mir empfangen, fiel mitten in
die Geburtstagsgesellschaft bei Lunde, wurde in die Stube geführt,
schneebedeckt, sah aus wie Gustav Adolfs Statue an einem Wintertag, so
prachtvoll, daß die Leute schrien, und erzählte Geschichten, daß ich
mich ganz krank lachte. Du hättest die Verzweiflung der Lillehammerschen
Damen sehen sollen, aber lachen mußten sie doch! -- Er trank eine
Flasche Rotwein, Grog, Schnaps, aß ein Schneehuhn; aber unterhielt uns
dabei den ganzen Abend, dampfte unter allgemeinem Gelächter ab und
schlief zwei Stunden darauf. Etwas dicker als früher, aber dieselbe
unerschütterliche Verachtung für das »Pack«, und voll Gesundheit und
Kraft im Kampfe gegen dies Volk. Bei brillanter Bahn und brillantem
Wetter hierherauf, ich voran in einem Schmalschlitten mit Kiellands
Koffer hintendrauf, sie hinterdrein in einem Breitschlitten, zum Schluß
scharfer Trab, alle Flaggen über der Schneelandschaft an den hellen,
strahlenden Häusern gehißt, Feststimmung und Freude beim Empfang seitens
Karoline, Karen, Mutter, Inga, Dagny, Anna und Erling, großes Diner,
wobei er wieder Schneehuhn und Wein für zwei oder drei bekam, und ein
Gelächter, daß das Dach dröhnte. Und den ganzen Tag gestern ein
Schwatzen und Lachen und Apfelsinen und Possen bis zehn. Wieder neun bis
zehn Stunden Schlaf heute, und jetzt höre ich die Lachsalven unten vom
Frühstückstisch her; denn dort sind sie nun, nachdem sie mich begrüßt
und meine Glückwünsche entgegengenommen haben, weil Babys Geburtstag
ist. »_Die_ ist das Beste, was Du je gemacht hast«, sage ich zu Beate.
-- »Entschuldige, _ich_ habe sie gemacht«, antwortet er und zieht, den
Arm um Beates Taille, wie ein Gott stolz von dannen, begleitet vom
Gelächter aller. Er ist in seiner roten »Amtmannsweste«, falls Du
Dich ihrer entsinnst. Und als ich ihn fragte, ob er nicht
Storthingsabgeordneter werden wollte, antwortete er: »Du meinst als
dekorative Figur?« -- Gestern ist kein Brief von Dir gekommen;
vermutlich ist in Jütland Schneesturm; wenn nur nicht auch unser Brief
an Dich für einen Tag oder zwei weggeweht ist. -- Hedlund hat an mich
geschrieben, er halte es nicht länger aus, in Unfrieden mit mir zu
leben. Ja, ich renkte es denn wieder ein, soweit ich konnte. Ich habe ja
nichts gegen ihn, ich habe ihn sogar gern; aber ich könnte z. B. nicht
mehr über das mit ihm reden, was ich glaube. -- Beate Kielland -- nun,
Du weißt ja, wie lieb sie mir ist, und sie ist so warm und entzückend
hier bei uns, und dabei so bekümmert um ihrer Zukunft willen. Alexander
Kielland arbeitet an einem Roman, in dem ein Bauernbursche vom Lande in
die Stadt kommt und es bis zum ersten Mann dort bringt, einfach weil er
genau alle Schurkenstreiche und Nichtswürdigkeiten nachmacht, die die
anderen machen, und die von der guten Gesellschaft geheiligt sind. Ist
das nicht ergötzlich? -- Jetzt wird Erlings und Annas Haus gedeckt. In
der großen Welt nichts, was mich im Augenblick fesselt, und auch nichts
hier in der Heimat. -- Ich habe die große Angst, daß Mad. Marchesi kein
Verständnis für Dein Naturell hat und Dir eine verkehrte Aufgabe stellt.
Du mußt etwas haben, worin Leidenschaft ist und Phantasie oder
Schelmerei. Kannst Du ihr das nicht selber sagen? Ein Hurra dem Tag und
Dir und mir und allen miteinander.
Dein Freund Vater.
Alexander Kielland sitzt jetzt hier oben; als er hörte, daß das
Barometer so gewaltig sinkt, sagte er: »Es wird uns gehen, wie es in der
Frithjofsaga heißt: Der Fremde blieb, bis der Frühling kam!«
Heut steht der Wald weiß; denn es schneit die ganze Zeit, und etwas
Schöneres als einen weißen Wald hat die Natur nicht. -- Der Schnee liegt
auch weiß über den Dachsparren des neuen Hauses. Die Maurer setzen jetzt
die Schornsteine auf. Alles ist groß dort, z. B. sollen auch vier --
sage: vier -- Schornsteine hinkommen! Einmal wird das Haus uns allen
doch viel Freude machen, obwohl es verdammt viel kostet jetzt.
Wir haben ein Buch hier, die Selbstbiographie eines Dänen aus dem Anfang
des vorigen Jahrhunderts, Aerebo heißt er; das werden wir Dir schicken;
Du mußt doch sehen, wie der Ton damals war; wenn man bedenkt, daß wir
noch vor anderthalb Jahrhunderten roher waren als jetzt die Bauern. --
Also dürfen wir heute nicht zu viel voneinander erwarten, dünkt mich.
Wir müßten solche Selbstbiographien mehrere Meilensteine weit in der
Zeit zurück haben, dann begriffen wir, wie die Menschen noch heutigen
Tags Reißaus nehmen, wenn es gilt, den Arbeiterinnen zu helfen, und
mitten im schönsten Frieden Geld sammeln für Kanonen. -- Dies ist die
Bismarck-Woche gewesen; er ist gestürzt, und vorläufig auch sein Sohn!
_Jetzt_ sagen alle, wofür ich dereinst meine Prügel bekam, so oft ich es
sagte, er sei, nachdem er gewaltsam die Einigung Deutschlands zustande
gebracht hatte, im wesentlichen ein Schachspieler, der alle Spiele
gewann, darüber aber die Zukunft verlor; denn er war ein Mann des
Mittelalters, und die moderne Denkart erschien ihm als eine
Ausschweifung. Seine schlimmste Sünde, Rußland großzuziehen, aber
Frankreich zu beschneiden, -- unheilvoll für ganz Europa -- wird von
seinem Erben, dem Kaiser, nicht wieder gut gemacht werden. -- Ich
fürchte, wir stürzen durch den jungen Kaiser in eine ganze Reihe von
Fehlgriffen, die die Reaktion zu einer strengeren Tonart beeinflussen,
und vielleicht Bismarck oder auf jeden Fall sein System wieder von neuem
heraufbeschwören werden. Ja, wir gehen einer schweren Zeit entgegen!
Hätte ich nur so einigermaßen _unsre_ Zukunft gesichert! -- Um unser
Volk ist mir nicht bang, nicht im geringsten. Das geht seinen Weg. --
Hurra! Bei uns gilt es nur, das Volk zu wecken. Ist es erst wach
geworden, so ist mir nicht bang darum. -- Grüß' unsre Freunde! Runebergs
und Sansots haben beide ihre Briefe bekommen; aber grüße sie, grüße sie!
Gratuliere Hejde zum blauen Band! Möge er erleben, daß es rot wird! --
Leb' wohl!
Dein Freund Vater.