9. Februar 1890.

Liebes Kind, das Zeugnis war ja »brillant«. Wir freuten uns. Auf solch

ein Wort habe ich gewartet; ich hoffe, daß Mad. Marchesi die Wahrheit

sagt. Denn ich erinnere mich noch, daß sie auch Y. eine große Zukunft

prophezeite; ich widersprach und sagte, ein Mensch, der keine Seele

habe, würde auch nie eine bekommen, und ich habe recht behalten. Aber

der Irrtum war von ihrer Seite ganz natürlich; denn sie hörte einzig auf

die Stimme, und die war groß und schön. Ich freue mich über das Zeugnis,

denn wenn sie das von Dir glaubt, so setzt sie sicher alle ihre Arbeit

daran, Dich vorwärts zu bringen, und dann bürge ich dafür, daß auch Du

arbeitest. Ich freue mich auch aus dem Grunde, weil Dir das Bewußtsein,

sicheren Boden unter den Füßen zu haben, das Leben leichter macht.

Selbstvertrauen gehört dazu, und nicht das des Trotzes, sondern das der

Freude.

Mein lieber Schatz, ich bin seit langem nicht so froh gewesen.

Deine Somnambule ist eine Gedankenleserin, die fühlt, was der Mensch,

dessen Hand sie hält, denkt. Voilà tout.

Forr ist mit Frau und Töchtern ein paar Tage hier gewesen, und wir haben

uns gut unterhalten. -- Der Dreck mit »König Midas« ist doch bloß zu

meinem Vorteil ausgeschlagen. Das wußte ich im voraus. »V. G.« hat keine

Seide damit gesponnen.

Meine Sonntagsvorträge hier in der Nachbarschaft nehmen meine Zeit und

Gedanken gefangen, und Du mußt ein bißchen darunter leiden, Bergliot.

Aber da ich einmal schreibe, möchte ich für die Auskunft über Schlaf und

Essen danken, und bitten, _jedesmal_ eine ähnliche zu schicken. Also:

schläfst Du gut? Ißt Du gut? Stehst Du Dich gut mit den Leuten des

Hauses? Du bist nicht heftig, ungeduldig gegen irgendeinen von ihnen?

Diese beiden Fehler sind Deine Lieblingssünden. -- Hast Du bei

Mademoiselle Breslau öfters die Gräfin Martel (»Gyp«) getroffen? Ich

sehe, sie war vor Gericht, wegen ungebührlicher Einmischung in die

Wahlen (in der Normandie). -- Du solltest Dir noch ein oder zwei weitere

Zeugnisse verschaffen; wir behalten dies und reichen es zusammen mit dem

Gesuch ein, das bald abgehen soll. Es kommen mehrere Stipendien zur

Verteilung, so daß wir um mehrere auf einmal nachsuchen. -- Wir haben

das allerherrlichste Wetter; Sonnenschein und Schlittenbahn Tag aus, Tag

ein. Unsre Schlittenpartie (mit fünfzehn Pferden) und großem Ball

hinterher auf Rokvam war vorzüglich gelungen; also diese Woche war

voller Vergnügungen für die Jugend; dann waren wir ja auch auf Mejdells

siebzigstem Geburtstag. Wir fuhren mit drei Pferden bei vorzüglicher

Bahn in 1½ Stunden hin. Es waren 130 Menschen. Mejdells waren sehr

vergnügt. Anna und Erling schenkten ihnen eine Säule und eine antike

Figur. -- Heute ist Torp hier gewesen und hat Annas Kardialgie

untersucht. Nichts von Belang. Forr und Erling sitzen hinter mir und

lesen die Zeitung, also ich habe nicht viel Ruhe. -- Brief von Ejnar; er

schimpft immer über das eine oder andere, und lebt in großer

Geselligkeit, über die er nichts berichtet. Ein sonderbarer Bengel. --

Jetzt hat das Haus anderthalb Mannshöhe, und jetzt erst begreifen die

Leute, wie gut der Platz gewählt ist. Die Leute, d. h. Smehus und Even,

sind wegen Annas Sachen in Vestad gewesen. Als sie zurückkamen,

erzählten sie, daß im ganzen Tal kein Hof so schön sei wie Aulestad. Und

auf dem ganzen Weg hätten die Bauern gesagt: »Nee, was für Gäule!« Wenn

_sie_ so pikfeine Gäule hätten, meinten sie, das wäre famos! Uff, ich

sitze hier und kann bloß tratschen, -- zu mehr kann ich mich nicht

sammeln. Hast Du Dr. Sigurd Ibsens Aufsatz im »Dagblad« bemerkt? Da

kannst Du die Union in all ihrer Häßlichkeit sehen! Ja, an so was hat

man seinen Halt! -- Und mich verfolgt man, weil ich kein Blatt vor den

Mund nehme. Einmal werden die Leute sich schon schämen müssen. -- Ach,

Du hättest diesen Wintertag sehen sollen, Bergliot! _Aber sehen, ohne

unter norwegischer Geistesenge, Feigheit und Mißgunst zu leiden._

Dein Freund Vater.

_Liebe Bergliot in Paris!_ Wer an das Verhältnis zur Kirche und das

Verhältnis zu Schweden (und dem König, denn der König ist Schweden)

rührt, der ist ehrlos! Nun soll Sigurd Ibsen auch ehrlos gemacht werden.

Ich habe ihn eben willkommen geheißen unter der Zahl der Ehrlosen! Daß

sie sich sofort gegen uns wehren müssen durch derartige hämische

Versuche, beweist deutlich, wie _falsch_ das Verhältnis ist, wie in der

Wurzel unecht. -- Eine große Hilfe war mir das in meinem Kampf um die

Forderung, daß eine Vereinigung, die an sich neu unter den Völkern ist,

sich auch neue Formen schaffen muß! Unsre Vereinigung ist andern ein

Beispiel geworden (Österreich-Ungarn); schafft sie sich eine neue Form

in dem Verhältnis zum Ausland, so wird auch das ein Beispiel werden. Der

einzig mögliche Versuch, die Vereinigung als solche fortbestehen zu

lassen, ist, eine Teilung der auswärtigen Angelegenheiten anzustreben

und jedes Land seine eignen führen zu lassen. Damit ist nicht gesagt,

daß nicht vieles gemeinsam bleiben kann; aber es muß jedesmal auf freier

Übereinkunft beruhen. Zwei Minister des Äußern, jeder verantwortlich für

sein Volk.

Ich lese zurzeit Carlyle (Carleil) »Die französische Revolution«. Die

schicke ich Dir. Ich hätte eher daran denken sollen, daß Carlyle etwas

für Dich sein muß! Daß Du so leselustig bist, ist ein großes Glück für

mich. -- Ich sitze wie auf Kohlen, weil ich mich fertig machen muß zur

Reise. Ich will nämlich heute nach Öjer, d. i. fast drei Meilen, bei der

vorzüglichsten Schlittenbahn von der Welt, mildem Wetter und mit der

Großstute, die lang und mächtig ausholt, im Zweipferdelängenschritt. Der

Wald ist wie fein bepudert, Schneewolken lagern zwischen den Bergen, die

Luft daunenstill. -- Sie sind rein verzweifelt, alle die

»Landesverteidiger«, so oft ich mich rühre. Sie wollen durchaus mit mir

»diskutieren«. Ja, das glaube ich, wenn ich ihnen erst Leute verschafft

habe, zu denen sie reden können, dann wollen sie auch gern reden! Aber

daraus wird nichts. -- Frits Hansen muß sich außerdem erst bei mir

entschuldigen, bis ich ihn einer Unterredung, geschweige denn einer

Diskussion würdige. Ein bißchen Anständigkeit muß man beobachten, selbst

mir gegenüber. Ich schreibe gegenwärtig an etwas, das »Ditmar Mejdell«

heißt und Dich amüsieren wird, wenn es fertig ist. Ich bin in der

vorzüglichsten Laune, wieder ganz auf der Höhe nach all dem Skandal, der

so kläglich ablief für die Skandalmacher. Mutter hat draußen im Flur

einen Saltomortale über »Lord«, den Hund, gemacht, der beiden teuer

hätte zu stehen kommen können; aber es blieb beim bloßen Schrecken. Der

Köter rannte, hast du nicht gesehen! bis nach Bö und ließ sich später

viele Stunden nicht blicken.

Dein Freund Vater.

Aulestad, 23. Februar 1890.

So sollst Du also schon im März öffentlich singen? Mir wurde ganz bange;

denn ich mag euren Dressur-Gesang nicht, und viel anderes wird es wohl

nicht, wenn Du nicht selbst wählen darfst. Uff, nun soll ich mich auch

damit noch abängstigen! -- Aber andererseits beweist es ja, daß Mad.

Marchesi Zutrauen zu Dir hat; und kein geringes zu Deiner Zukunft, da

sie Dich schon jetzt auftreten läßt.

Hier ist es nur widerlich. Jetzt wollen die _Schweden_ mit König Midas

Norwegen bereisen; ist es nicht unglaublich, daß auch meine Freunde das

richtig finden? Entweder fühle ich anders als andere, oder hier muß eine

neue Denkart aufkommen, die jetzt noch nicht die Oberhand hat.

Jetzt will ich mein Drama fertig schreiben (ich habe das andre beiseite

gelegt), und sobald ich mir damit ein packendes Bild von unsrer

unglaublichen Verantwortungslosigkeit von der Seele geschrieben habe,

nehme ich meine Vorträge wieder auf und zeige den Leuten im großen und

kleinen, wie unverantwortlich wir gegeneinander handeln.

Wenn man denkt, daß meine sogenannten »Freunde« gleichzeitig »Freunde«

sind von Chr. Krohg und von mir, von Gunnar Hejberg und von mir! Und

wenn ich tausend Jahr alt werde, ich verstehe das nicht, ich will davon

nichts wissen. Aber ich werde dreinfahren!

Du tust mir so leid, immer wenn ich daran denke, wie tief Du Dir zu

Herzen nimmst, daß Du Cavlings verlierst. Du mußt jemand haben, mit dem

Du auch Unsinn treiben kannst; deshalb kann Mad. Sansot Dir nicht das

werden, was Dir das liebste ist; aber im übrigen ist sie kernecht durch

und durch, Bergliot. Und der Mann! Alles Vornehme, Gebildete, was

französischer Geist erreichen kann, verkörpert sich in diesem Manne! Ich

kenne wenige Männer auf der Welt, die ich höher schätze. Ja, meine

geliebte Bergliot, Du wirst bald lernen, daß solche Menschen wertvoll

sind, weil sie selten sind. Ich glaubte an alle Welt, und nun blutet es

in mir aus hundert Wunden -- der Enttäuschung.

Ich habe nie die Geschmeidigkeit besessen, mich, wie Du, zwischen so

vielen Mitschülern bewegen zu können, und mit keinem Freund oder Feind

zu werden. Ich gebe zu, das mag das Beste sein; und daß Du das schon

kannst, wird Dich gewiß sehr fördern und Dir vieles ersparen. Die

allermeisten sind nicht mehr wert, als daß wir Ihnen gegenüber die

höfliche Umgangsform nicht verletzen. -- Ach, Bergliot, ich hätte nie

geglaubt, ich würde eines Tages solche Worte niederschreiben. Und ich

kann mir nicht helfen, ich fühle starke Ergriffenheit, nun ich es getan

habe. -- Wenn ich bloß meine Arbeitsstimmung wieder hätte!

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 16 / 28 题