26. Januar 1890.

Liebe Bergliot, diese Woche also ist Hejbergs »König Midas« gestiegen.

Die Wirkung war »außerordentlich«, sagt man, und wir werden nun sehen,

ob sie andauert. Ferner, ob die Sache zu guterletzt mir wirklich zum

Schaden gereicht.

Ich hätte darüber schreiben sollen; aber ich hab' es in mich selbst

hinuntergeschluckt; so habe ich Dir nichts davon abzugeben.

Wie findest Du das -- zu tun, als ob dies kein Angriff auf mich sei; und

es damit zu verwechseln, daß ein Dichter eine Figur entlehnt, und

hiermit zu verwechseln, daß man eine bekannte Persönlichkeit nimmt und

sie beschimpft, indem man ihr Eigenschaften andichtet, die sie nicht

hat, und Handlungen, die sie niemals begehen könnte!

Nein, ein konsequentes Leben zu leben, etwas in der Welt zu wollen, es

mit Ernst zu wollen, das kostet was! Und hier in Norwegen gewiß mehr als

anderswo. Ich könnte Dir manches davon erzählen, liebe Bergliot; meines

Erachtens hast Du auch etwas von derselben Art, und das Theaterleben

wird deshalb zu schwer für Dich sein; also ich bin nicht gerade

begeistert, daß Du da hineinwillst.

Schatz, wie ich Dich darin wiedererkenne, daß Du nicht »mit Gefühl

singen« kannst, ehe Du zwanzigmal ohne Gefühl gesungen hast. Noch kannst

Du nichts aus Dir selbst; sondern erst nach der hartnäckigsten Übung.

_Mit Mut_ aufzutreten, das will auch geübt sein, und von Dir mehr als

von irgend jemand anders, weil Du so mißtrauisch bist, und alle, die das

sind, fühlen sich am leichtesten unsicher.

Nichts über oder von Mademoiselle Breslau und den Leuten? Und Sansots,

die so freundlich gegen Dich sind, und Runebergs. Nun schreibe ich bald

an ihn und antworte ihm auf seinen langen, prächtigen Brief. Aber es ist

gar nicht so einfach, an einen zu schreiben, der seinem Lande Kaiser[2]

wie Kunst und Wissenschaft und Industrie schenkt. -- Sansot antworte ich

auch. Er hat mir einen höchst interessanten Brief geschrieben.

Hier haben wir einen Schneefall gehabt, daß Gott erbarm'! -- Kein

Wunder, daß der Wald Märchen erzählen kann. Wir gingen in der Dämmerung

hinunter ins Nevrådal, der Schnee hatte alle Laubbäume geebnet, daß sie

wie ein schneeweißes gestricktes Tuch in Wellen sich weithin breiteten,

und hie und da ragten Fichten daraus auf, trutzig, rank, dunkel innen,

jung, stark wie ein Hurra; nie hast Du etwas Keckeres und Anmutigeres,

etwas Anmutigeres und Keckeres gesehen. -- Das Haus schreitet nun rasch

vorwärts, wir sind alle oft stundenlang drüben. -- Das Heu, das wir

gleich nach dem Schnitt einbrachten, fressen die Kühe lieber als alles

andere. So daß es geradezu ein Ereignis geworden ist. -- Abends ist es

immer so gemütlich; wir spielen draußen am Tisch auf der Diele Boston

und essen Apfelsinen und lesen und schwatzen. Jetzt erwarten wir Forrs

hier und Blekastads. -- An den Sonntagen werde ich künftighin immer aus

sein und Vorträge halten. -- Anna gedeiht so gut unter uns und ist in

jeder Hinsicht eine echte »Björnson« geworden. Und ihr Vater, der

anfangs fraglos gegen die Verbindung war, hat uns recht lieb gewonnen.

Ja, es erhebt sich eine hohe Mauer von Verleumdung um den Mann in

Norwegen, der Er selbst sein will, und versucht, andre dahin zu bringen.

-- Wenn Du schreibst, mußt Du uns immer, wie jetzt, damit trösten, daß

es Dir inbezug auf Essen und Schlafen gut geht und daß Du Fortschritte

bei der Marchesi machst. -- Aber ich für mein Teil sehne mich grenzenlos

nach dem Tage, da das Unmittelbare und Frische Deiner Natur in Deinem

Gesang zum Durchbruch gekommen sein wird, so daß er alle ergreift und

fesselt. Dahin muß es kommen, _muß_ es kommen.

Jetzt mußt Du Zeugnisse sammeln, Kind, für das Gesuch um ein Stipendium.

Es eilt nicht; aber Du darfst es nicht vergessen. (Doch, es eilt, sehr

sogar -- denn _jetzt_ muß es geschehen!) Kann nicht auch Dein Freund

Gouzien (oder wie er heißt) Dir eins geben?

Dein Freund Vater.

[Fußnote 2: Runeberg, ein berühmter finnischer Bildhauer, modellierte

1889 die Statue Alexanders II. von Rußland. Anm. d. Übers.]

Aulestad, 2. Februar 1890.

Liebes Kind, heute muß ich nach Helleberg, Svartum und einen Vortrag

halten, zwei Meilen von hier. Aber ich habe nicht besonders gut

geschlafen heute nacht vor lauter Zeitungen und Infamie und Lügen. Na,

ich werde schon damit fertig; aber daß ich insofern alt geworden bin,

daß ich nicht immer einschlafen kann, das ist schlimm.

Der »Olav« für Grieg ärgert mich. Das liegt so weit ab von meinem Weg,

und ich möchte am liebsten für mich selber arbeiten. Was tut Grieg für

andere? Aber daß sie gut zu Dir waren, war prächtig.

So, also Du willst Mutter bei Dir haben! Das glaube ich! Hätten wir nur

die Mittel dazu! Aber Du kostest uns so viel jetzt, weil Du alles haben

sollst, was Du brauchst, daß wir hier zu Hause so sparsam sein müssen,

wie wir können. Wir kommen ohnehin nicht aus. Also, wenn wir noch mehr

für Dich tun sollen und Dir die Mutter schicken, dann bittest Du um

mehr, als wir vermögen.

Ich war so froh über Deinen Brief, was den Gesang betrifft. Das ist der

erste Brief in diesem Jahr, der meldet, daß es so geht, wie Du und Mad.

Marchesi es wünschen. _Der erste._ Ich habe mich sehr danach gesehnt. --

Aber noch immer nichts darüber, ob Du mit Mademoiselle Breslau

verkehrst. -- Ich wußte ja freilich, daß der _Fleiß_ den Ausschlag geben

würde, wenn es galt, »Seele« hineinzulegen. Du erzählst, daß Du mehr als

je arbeitest, und daß Mad. Marchesi _jetzt_ zufrieden ist. Erzähl' mir

ein wenig von der Kopka. Ist sie eine große Sängerin, ist sie wirklich

freundlich zu Dir, und was hält sie von Dir? Ich sehe nie so recht klar,

wie Du mit den Leuten stehst. Ich sehe Dich nicht mitten unter ihnen.

Cavlings werden jetzt wohl bald abreisen; _die_ sind die einzigen, über

die Du ordentlich Bescheid gibst; _bei denen_ sehe ich Dich. Liebes

Kind, schreibe so, daß wir sehen!

Hier bereitet man wieder eine Schlittenpartie vor. Ich kann gar nicht

sagen, wie unvergleichlich die Bahn ist! Ich habe sie nie besser

gesehen.

Du solltest nur den herrlichen Klebersteinofen sehen, den ich jetzt in

meinem Arbeitszimmer habe! Aber ich fürchte, er hat leider keinen guten

Zug. Der Ofen von hier oben ist in die Stube unten umgesetzt worden. --

Am nächsten Sonntag spreche ich auf Haug, Sonntag darauf im Gemeindehaus

zu Öjer. Ich bin immer auf der Walze; denn jetzt _müssen_ die Ansichten

der Linken durchdringen. -- Wir sind so froh darüber, daß Du Dich in

Deinem Zimmer und mit den zwei Damen und dem Dienstmädchen wohlfühlst.

Alles was wir das letzte Mal von Dir hörten, klang so heiter. -- Das

Haus für Erling und Anna schreitet nicht schnell genug vorwärts; aber

von morgen ab kommen mehr Arbeiter. Anna ist sehr lieb, aber tüchtig

verzogen. Die Zwei sind ein gutes Gespann, glaube ich, aber ich will sie

erst sehen, wenn sie beide müde werden. Er arbeitet nichts heuer, führt

bloß das Leben eines Großbauern, die Hände in den Taschen, und

kommandiert vom »Oberhof« die Leute auf dem »untern«. Aber das gibt sich

wohl wieder, hoffe ich.

Zurzeit lese ich Carlyle (Carlejl), den großen englischen »Propheten«,

der Seele fordert für alles Leben und Materialismus und Snobismus und

Affektation und Eigenbrödelei und kirchlichen Dogmenkram haßt. Ich

wünschte, Du wärst fürs Lesen, dann würde ich Dir seine

Lebensbeschreibung schicken; denn darin steckt der ganze Kerl, weil

darin so viel von ihm zitiert wird. Er ist eine Größe durch die

Initiative, den Schwung, die er in den Menschen weckt. Aber er ist

grenzenlos willkürlich. Dann lese ich von neuem den »Ursprung der Arten«

von Darwin und ein gut Teil Belletristik.

Ich bin heute nicht aufgelegt, wie Du siehst, und ich bin mit meinem

Vortrag beschäftigt. Am Dienstag, an Landrichter Mejdells 70.

Geburtstag, soll ich die Festrede halten.

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 15 / 28 题