Liebe Bergliot, diese Woche also ist Hejbergs »König Midas« gestiegen.
Die Wirkung war »außerordentlich«, sagt man, und wir werden nun sehen,
ob sie andauert. Ferner, ob die Sache zu guterletzt mir wirklich zum
Schaden gereicht.
Ich hätte darüber schreiben sollen; aber ich hab' es in mich selbst
hinuntergeschluckt; so habe ich Dir nichts davon abzugeben.
Wie findest Du das -- zu tun, als ob dies kein Angriff auf mich sei; und
es damit zu verwechseln, daß ein Dichter eine Figur entlehnt, und
hiermit zu verwechseln, daß man eine bekannte Persönlichkeit nimmt und
sie beschimpft, indem man ihr Eigenschaften andichtet, die sie nicht
hat, und Handlungen, die sie niemals begehen könnte!
Nein, ein konsequentes Leben zu leben, etwas in der Welt zu wollen, es
mit Ernst zu wollen, das kostet was! Und hier in Norwegen gewiß mehr als
anderswo. Ich könnte Dir manches davon erzählen, liebe Bergliot; meines
Erachtens hast Du auch etwas von derselben Art, und das Theaterleben
wird deshalb zu schwer für Dich sein; also ich bin nicht gerade
begeistert, daß Du da hineinwillst.
Schatz, wie ich Dich darin wiedererkenne, daß Du nicht »mit Gefühl
singen« kannst, ehe Du zwanzigmal ohne Gefühl gesungen hast. Noch kannst
Du nichts aus Dir selbst; sondern erst nach der hartnäckigsten Übung.
_Mit Mut_ aufzutreten, das will auch geübt sein, und von Dir mehr als
von irgend jemand anders, weil Du so mißtrauisch bist, und alle, die das
sind, fühlen sich am leichtesten unsicher.
Nichts über oder von Mademoiselle Breslau und den Leuten? Und Sansots,
die so freundlich gegen Dich sind, und Runebergs. Nun schreibe ich bald
an ihn und antworte ihm auf seinen langen, prächtigen Brief. Aber es ist
gar nicht so einfach, an einen zu schreiben, der seinem Lande Kaiser[2]
wie Kunst und Wissenschaft und Industrie schenkt. -- Sansot antworte ich
auch. Er hat mir einen höchst interessanten Brief geschrieben.
Hier haben wir einen Schneefall gehabt, daß Gott erbarm'! -- Kein
Wunder, daß der Wald Märchen erzählen kann. Wir gingen in der Dämmerung
hinunter ins Nevrådal, der Schnee hatte alle Laubbäume geebnet, daß sie
wie ein schneeweißes gestricktes Tuch in Wellen sich weithin breiteten,
und hie und da ragten Fichten daraus auf, trutzig, rank, dunkel innen,
jung, stark wie ein Hurra; nie hast Du etwas Keckeres und Anmutigeres,
etwas Anmutigeres und Keckeres gesehen. -- Das Haus schreitet nun rasch
vorwärts, wir sind alle oft stundenlang drüben. -- Das Heu, das wir
gleich nach dem Schnitt einbrachten, fressen die Kühe lieber als alles
andere. So daß es geradezu ein Ereignis geworden ist. -- Abends ist es
immer so gemütlich; wir spielen draußen am Tisch auf der Diele Boston
und essen Apfelsinen und lesen und schwatzen. Jetzt erwarten wir Forrs
hier und Blekastads. -- An den Sonntagen werde ich künftighin immer aus
sein und Vorträge halten. -- Anna gedeiht so gut unter uns und ist in
jeder Hinsicht eine echte »Björnson« geworden. Und ihr Vater, der
anfangs fraglos gegen die Verbindung war, hat uns recht lieb gewonnen.
Ja, es erhebt sich eine hohe Mauer von Verleumdung um den Mann in
Norwegen, der Er selbst sein will, und versucht, andre dahin zu bringen.
-- Wenn Du schreibst, mußt Du uns immer, wie jetzt, damit trösten, daß
es Dir inbezug auf Essen und Schlafen gut geht und daß Du Fortschritte
bei der Marchesi machst. -- Aber ich für mein Teil sehne mich grenzenlos
nach dem Tage, da das Unmittelbare und Frische Deiner Natur in Deinem
Gesang zum Durchbruch gekommen sein wird, so daß er alle ergreift und
fesselt. Dahin muß es kommen, _muß_ es kommen.
Jetzt mußt Du Zeugnisse sammeln, Kind, für das Gesuch um ein Stipendium.
Es eilt nicht; aber Du darfst es nicht vergessen. (Doch, es eilt, sehr
sogar -- denn _jetzt_ muß es geschehen!) Kann nicht auch Dein Freund
Gouzien (oder wie er heißt) Dir eins geben?
Dein Freund Vater.
[Fußnote 2: Runeberg, ein berühmter finnischer Bildhauer, modellierte
1889 die Statue Alexanders II. von Rußland. Anm. d. Übers.]
Aulestad, 2. Februar 1890.
Liebes Kind, heute muß ich nach Helleberg, Svartum und einen Vortrag
halten, zwei Meilen von hier. Aber ich habe nicht besonders gut
geschlafen heute nacht vor lauter Zeitungen und Infamie und Lügen. Na,
ich werde schon damit fertig; aber daß ich insofern alt geworden bin,
daß ich nicht immer einschlafen kann, das ist schlimm.
Der »Olav« für Grieg ärgert mich. Das liegt so weit ab von meinem Weg,
und ich möchte am liebsten für mich selber arbeiten. Was tut Grieg für
andere? Aber daß sie gut zu Dir waren, war prächtig.
So, also Du willst Mutter bei Dir haben! Das glaube ich! Hätten wir nur
die Mittel dazu! Aber Du kostest uns so viel jetzt, weil Du alles haben
sollst, was Du brauchst, daß wir hier zu Hause so sparsam sein müssen,
wie wir können. Wir kommen ohnehin nicht aus. Also, wenn wir noch mehr
für Dich tun sollen und Dir die Mutter schicken, dann bittest Du um
mehr, als wir vermögen.
Ich war so froh über Deinen Brief, was den Gesang betrifft. Das ist der
erste Brief in diesem Jahr, der meldet, daß es so geht, wie Du und Mad.
Marchesi es wünschen. _Der erste._ Ich habe mich sehr danach gesehnt. --
Aber noch immer nichts darüber, ob Du mit Mademoiselle Breslau
verkehrst. -- Ich wußte ja freilich, daß der _Fleiß_ den Ausschlag geben
würde, wenn es galt, »Seele« hineinzulegen. Du erzählst, daß Du mehr als
je arbeitest, und daß Mad. Marchesi _jetzt_ zufrieden ist. Erzähl' mir
ein wenig von der Kopka. Ist sie eine große Sängerin, ist sie wirklich
freundlich zu Dir, und was hält sie von Dir? Ich sehe nie so recht klar,
wie Du mit den Leuten stehst. Ich sehe Dich nicht mitten unter ihnen.
Cavlings werden jetzt wohl bald abreisen; _die_ sind die einzigen, über
die Du ordentlich Bescheid gibst; _bei denen_ sehe ich Dich. Liebes
Kind, schreibe so, daß wir sehen!
Hier bereitet man wieder eine Schlittenpartie vor. Ich kann gar nicht
sagen, wie unvergleichlich die Bahn ist! Ich habe sie nie besser
gesehen.
Du solltest nur den herrlichen Klebersteinofen sehen, den ich jetzt in
meinem Arbeitszimmer habe! Aber ich fürchte, er hat leider keinen guten
Zug. Der Ofen von hier oben ist in die Stube unten umgesetzt worden. --
Am nächsten Sonntag spreche ich auf Haug, Sonntag darauf im Gemeindehaus
zu Öjer. Ich bin immer auf der Walze; denn jetzt _müssen_ die Ansichten
der Linken durchdringen. -- Wir sind so froh darüber, daß Du Dich in
Deinem Zimmer und mit den zwei Damen und dem Dienstmädchen wohlfühlst.
Alles was wir das letzte Mal von Dir hörten, klang so heiter. -- Das
Haus für Erling und Anna schreitet nicht schnell genug vorwärts; aber
von morgen ab kommen mehr Arbeiter. Anna ist sehr lieb, aber tüchtig
verzogen. Die Zwei sind ein gutes Gespann, glaube ich, aber ich will sie
erst sehen, wenn sie beide müde werden. Er arbeitet nichts heuer, führt
bloß das Leben eines Großbauern, die Hände in den Taschen, und
kommandiert vom »Oberhof« die Leute auf dem »untern«. Aber das gibt sich
wohl wieder, hoffe ich.
Zurzeit lese ich Carlyle (Carlejl), den großen englischen »Propheten«,
der Seele fordert für alles Leben und Materialismus und Snobismus und
Affektation und Eigenbrödelei und kirchlichen Dogmenkram haßt. Ich
wünschte, Du wärst fürs Lesen, dann würde ich Dir seine
Lebensbeschreibung schicken; denn darin steckt der ganze Kerl, weil
darin so viel von ihm zitiert wird. Er ist eine Größe durch die
Initiative, den Schwung, die er in den Menschen weckt. Aber er ist
grenzenlos willkürlich. Dann lese ich von neuem den »Ursprung der Arten«
von Darwin und ein gut Teil Belletristik.
Ich bin heute nicht aufgelegt, wie Du siehst, und ich bin mit meinem
Vortrag beschäftigt. Am Dienstag, an Landrichter Mejdells 70.
Geburtstag, soll ich die Festrede halten.
Dein Freund Vater.