Süße Bergliot, ich habe so wenig Zeit; aber ich muß Dir doch sagen, wie
sehr uns Dein letzter Brief erfreut hat. Wenn Du gut ißt, gut schläfst,
gut singst, ... dann ist Sonnenschein und Festtag. Und dann sind Erling
und Anna hier und erzählen von Dir und dem reizenden gichtbrüchigen
Manne, bei dem Du wohnst, und wie Du in Deinem Element bist, wenn Du gut
gegen ihn sein kannst. Und ich finde es so hübsch, daß Du ständig Deine
Herzenswärme übst an denen, die der Hilfe bedürfen. Das Herz muß geübt
werden, mindestens ebenso sehr wie der Geist und der Charakter; aber
darauf legen die Menschen kein Gewicht. Und als Sängerin singt man mit
dem Herzen genau so viel wie mit der Stimme selbst; es muß die Stimme
und die Worte durchdrungen haben. Darum muß es auch reich genug sein, um
durch Schule, fremde Sprache, Verlegenheit vor der Öffentlichkeit,
Nichtaufgelegtsein hindurchzudringen mit der impulsiven Naturmacht der
Stimmung.
_Was_ für Sachen singst Du? Ist die Marchesi freundlich zu Dir? -- _An
Hegel mußt Du solange im voraus schreiben, daß Du gerüstet bist, selbst
wenn er es ein paar Tage oder so vergißt._
Erling und Anna sind so entzückend, so entzückend, Du, daß ich mich gar
nicht satt an ihnen sehen kann. Sie sind so dumm und köstlich und so
voll frischen Glaubens an sich selbst und an die Zukunft. Sie machen mir
riesigen Spaß. Und obschon Mutter nicht wohl war, ist dies doch der
fruchtbarste Aufenthalt gewesen, den wir je in Kristiania gehabt haben.
So tätig und mit so viel Erfolg tätig bin ich noch nie gewesen. Und wer
glaubt, er könne mich zu Boden werfen, oder könne vorbeigehen an dem,
wofür ich mein Leben eingesetzt habe, der hat wieder umlernen müssen.
Ja, zu mehr habe ich nicht Zeit.
Dein Freund Vater.