Wahltag. Bin _gespannt_!
Liebe Bergliot, nun also der Brief war schon heiterer. Mad. Marchesi hat
Dich nicht umgebracht, Deine Stimme ist nicht eingerostet, Du selbst
bist nicht in die Seine gesprungen, Paris ist auch nicht untergegangen.
Das letztemal sah es recht trübe aus. Es wäre doch sehr nett, wenn es
wenigstens _etwas_ gäbe, was fest bestehen bliebe, selbst wenn Deine
Laune zum Teufel geht. Aber wenn die ganze Welt aus den Fugen gehen
soll, so oft die Marchesi den Mund verzieht, so kann mir die Welt nur
leid tun. Wenn Du nur z. B. Dir selber klar würdest, daß Deine Stimme
von einem Klang und einer Reinheit erster Klasse ist, so ließe sich ja
der Gedanke ertragen, daß sie nicht groß ist oder an augenblicklicher
Schwäche leidet. Und wenn es feststände, daß Du _seltene_ dramatische
Schwungkraft und Illusion in Dir hast, so wäre es ja wohl möglich, mit
der Entscheidung der Frage: wozu? zu warten, bis die Stimme völlig
ausgebildet ist. Selbst wenn es etwas länger dauern sollte: die
vollständige Ausbildung der Stimme ist das Erste.
Auf Zweierlei bin ich sehr gespannt jetzt: findest Du, daß Du
Fortschritte machst, etwas lernst, das Dir ganz besonders vorwärts
hilft, Fehler ablegst, Neues aufnimmst, -- _und ferner auf den Preis_!
Du mußt Dir doch einmal darüber klar werden, was der Spaß kostet. --
Erling und Anna sind gestern abend gekommen, und _Freitag, den 11._,
soll die Hochzeit stattfinden, so gibt es viel zu tun hier; darunter
mußt auch Du leiden. Alles soll umgekrempelt werden; wir glaubten, es
sollte am 14. sein; also Mutter ist böse und hat keine Zeit zum
Schreiben. Anna ist wirklich lieb, so ganz unberührt; sie müßte für eine
ganz bedeutende Entwicklung empfänglich sein, und es ist eigentlich eine
Sünde, daß das alles nun in der Sorge ums tägliche Brot aufgehen soll,
-- wenn wir auch das Unsrige dazu tun werden, daß es nicht so wird.
Du wolltest die Frauenzimmer in der Rue Labic (oder wie sie heißt)
aufsuchen, nur _ein_ Frühstück im Hause, nur ein Zimmer; erkundige Dich!
Das Paar meldet seine hohe Ankunft telegraphisch. Sie möchten gern
irgendwo in Ternes wohnen; Du hast freie Hand, Vorsehung zu spielen.
Wir haben einen neuen Ochsen aus Telemarken, eins der schönsten Tiere,
das man je hier gesehen hat, 130 Kronen, 1½ Jahr alt. Ullmanns Knecht
hat ihn gebracht. Dann haben wir unsern eignen Ochsen und eine Färse
verkauft -- ohne daß das den Preis für das Biest aus Telemarken
eingebracht hätte. -- Mutter, Erling und Anna sitzen und schreiben die
Einladungen zur Hochzeit. Bloß Annas Eltern, Fyksens, Pfarrers,
Börresens, Even Toft und Kätnerleute von hier. Lundes und Mejdells aus
Lillehammer und mein Bruder mit Frau aus Xania. Die Neuvermählten fahren
Freitag um 5 Uhr von hier nach Lillehammer ins Victoria-Hotel -- ha! wie
Bergliot schreibt! -- Wir haben das allermildeste Wetter. Wir pflügen
für nächstes Jahr im voraus und lassen den Stall und den Schweinekofen
inwendig bewerfen, ebenso Karens Raum (oben neben Erlings), und eins
wird wärmer als das andre. Alle Gebäude instand zur Übergabe außer der
Einrichtung des Kuhstalls.
Hier ist ein solcher Wirrwarr, daß das Schreiben gar keinen Sinn hat.
Dein Freund Vater.
Sonntag, 13. Oktober 1889.
Liebe Bergliot, das Haus ist noch immer voll von Gästen; Peter und
Laura, Sigurd und Lina, Frau Mejdell, Frau Lunde und Elisabeth Konow
sind alle hier.
Daß Du es entgelten mußt, das kann nicht anders sein. Du mußt einen
Ersatz dafür in Erlings und Annas Besuch diese Woche sehen. Morgen abend
(Montag) reisen sie von Kristiania ab.
Also am Hochzeitstag war gutes Wetter mitten in der Regenzeit. Gutes
Wetter, klarer Himmel für die Flaggen. Am Abend vorher waren Sigurd und
Lina gekommen und Peter und Laura und Arvesen; so daß das Haus in
Festlichkeit erwachte; und die Flaggen verkündigten es sofort; auch Bö
hatte geflaggt.
Um halb eins kamen die Gäste, alle in Wagen mit zwei Pferden, Fyksens
und Annas Eltern, Konows, Amtmanns, Börresens, der Landrichter und
Lundes. Ohne Verzug ging es zur Trauung. Hier im Arbeitszimmer war alles
hergerichtet (das beschreibt Mutter). Die Leute vom Gut waren auch da,
und als die beiden treuherzigen, lieben, jungen Menschen sich erhoben
und »Ja« sagten, da brachen wir alle, die ihnen die nächsten sind, in
Tränen aus, und ich weine jetzt wieder, während ich das schreibe. Die
Handlung war feierlich, nicht ein unwahres Wort dabei. Und der alte
Mejdell so rührend, und stellte die Fragen an Erling wie an einen Sohn,
mit »Du« und mit solcher Wärme und Teilnahme! Und Anna war so
unglaublich niedlich in ihrem schwarzen Atlaskleid und so freudig und so
gerührt. Und das waren wir samt und sonders. Wir waren mit einemmal eine
Gemeinschaft.
Keines von uns vergißt den Tag; er hinterließ eine Stimmung, von der wir
noch heute zehren. -- Aber ich muß Dir noch vom Essen erzählen, es war
so angeordnet, daß jede einen Tischherrn hatte (Inga, Elisabeth, Cäcilie
Mejdell und Dagny die Kätner), da sagte Ole Dokken, wie er so dasaß, mit
einemmal zu seiner Dame, Inga, so daß es alle hörten: »Nee, nu muß ich
'n bißchen raus«, und damit ging er ab und kam kreuzvergnügt und harmlos
wieder herein. Seitdem heißt es hier im Hause: »Nee, nu muß ich 'n
bißchen raus!« jedesmal, wenn einer aufs Örtchen muß. Und dann muß ich
Dir erzählen, daß das Tintenfaß, das beim Unterschreiben des Kontrakts
benutzt wurde und ebenso die Feder (eine Goldfeder mit Diamantspitze)
meine Jubiläumsgeschenke waren, und wir machten aus, Du und Dagny
dürften sie auch benutzen. Und der Brautschleier war Mutter ihrer, und
den sollt ihr, Du und Dagny, auch tragen.
Elisabeth, Inga und Dagny machen einen Heidenlärm über mir, ich kann
fast nicht schreiben. Nein, ist diese Inga eine Perle! So ein
gediegener, verständiger, guter, entzückender Mensch! -- Na, ich weiß
ja, Du erfährst alles mündlich, also will ich lieber einen langen
Spaziergang machen mit Peter und Sigurd, anstatt mit Dir zu schwatzen
heute. Mir ist auch so weinselig im Kopf. Dein letzter Brief gab ein
Bild davon, daß Du Dich über Deine Fortschritte freust. Erzähl' etwas
von Deinen Klassenkameraden, und wie es dort zugeht. Singt Ihr Euch
gegenseitig vor? Wie lange dauert es dann? Ihr müßt also mehrere Stunden
hintereinander da sein?
Dein bester Freund, Dein Vater
B. B.
Aulestad, 19. Oktober 1889.
Liebe Bergliot, Deinen nächsten Brief mußt Du nach Kristiania richten,
denn gleichzeitig mit diesem reisen Deine Mutter und ich dorthin. Ich
habe einen so herzlichen Brief von Grieg bekommen, und dann will ich mir
die Ausstellung ansehen und »Olaf Trygvason« hören, und sehen, was in
aller Welt Thommessen vorhat, und noch so allerhand andres. Übrigens ist
es eine Schande, daß ich meine unterhaltsame Arbeit unterbrechen muß.
Deine Erkältung hat mich erschreckt. Zwei Dinge _verbiete_ ich Dir,
nämlich, Dich zu verloben und Dich zu erkälten. Denn beides ist
unmöglich, wenn man es nicht selbst will. Durchaus unmöglich. Das ist
auch das erste Mal, daß Du von Erkältung schreibst und eine Sängerin muß
_lernen_, sich nicht zu erkälten, und streng befolgen, was sie durch
Erfahrung darüber gelernt hat. Wer von seiner Kehle leben will und doch
sich erkältet, dem gehören Prügel. Das ist _meine_ Meinung. Ich bin das
ganze Jahr nicht erkältet.
Björns großer Erfolg in Kopenhagen hat uns _und alle möglichen Menschen_
erfreut. Ein voller Triumph! Die da drinnen (in Kristiania) wissen
nichts davon, daß wir jetzt kommen. -- Wir freuen uns rasend. -- Lies
nun endlich _Letourneau_ von Anfang bis Ende. Wenn Du diese Dinge
kennst, so kommst Du eher zum Ergebnis der Geschichte als eine Menge
Menschen, die Weltgeschichte zum Abiturium studiert haben. Und möchtest
Du es lieber auf norwegisch haben, weil es Dir unangenehm ist, es auf
französisch zu lesen, so sollst Du es sofort haben. Versprich mir das!
Aber wo bleiben die zwei Bücher, die _ich_ Dich bat zu kaufen? Bei denen
eilt es sehr mit dem Lesen, sieh zu, daß ich sie bekomme, nicht beide
auf einmal, aber eins nach dem andern. -- Hier oben sind sie dabei, den
Bauplatz zu graben, Bauplatz, Bauplatz, Bauplatz! Übrigens hübsch, daß
man weiß, da werden sie wohnen! -- Sage Erling und Anna, daß sie nicht
lange wegbleiben dürfen, lieber ein andermal wieder fort, wenn
vielleicht wir auch fort sind. Du mußt ein bißchen von ihnen erzählen;
sie kommen wohl nicht dazu, selbst viel zu schreiben. Sag' Erling, daß
wir im Handumdrehen große Ersparnisse machen. Dem Baumeister geben wir 3
Kronen täglich bei eigner Beköstigung, und _er_ macht für uns die
Akkorde mit den anderen. Wir streichen eine ganze Menge von dem, was der
Architekt hingeschmiert hat; will man es _später_ nachholen, so ist
immer Gelegenheit dazu. Wir legen Schieferboden in den Kellern anstatt
Ziegel, legen keinen _Zink_boden im Badezimmer, bauen keine Veranda,
richten es aber so ein, daß einmal eine gebaut werden kann, wenn es
gerade paßt. Und die Fensterrahmen erneuern wir nicht; das kann auch ein
andermal geschehen. Wir graben auch keine Abflußrinnen durch die Keller;
der Grund ist vorzüglich, und das sind überflüssig angeordnete Dinge.
Wir mauern die Keller nicht aus; das wird rasend kostspielig und ist
sicher ganz unnötig. Auf diese Weise sparen wir viele tausend Kronen.
Und der Baumeister steht dafür ein, daß das Haus auch ohne das gut und
schön wird. Das hier mußt Du den »Jungen« vorlesen und ihnen sagen, daß
wir alle Tage von ihnen reden, und sie, sobald sie sich losreißen
können, wieder zu Hause haben möchten. -- Ich habe mich gefreut, in
Deinem letzten Brief einiges von der Klasse und dem Unterricht zu lesen;
Du solltest Dich darin üben, mehr derartiges zu sehen und wiederzugeben;
es wird Dir selbst Freude machen, es zu können; denn Du hast zweifellos
Anlage; aber es gehört Übung dazu. -- Es hat mir dieser Tage Spaß
gemacht, von der Begegnung zwischen dem deutschen Kaiser und dem
russischen zu lesen. In der zierlichsten Form die entschiedenste Werbung
und die entschiedenste Ablehnung. Und beide dachten bei jedem Wort, das
sie sagten, an Frankreich, obwohl der Name nicht genannt wurde. Wenn Du
die Reden gelesen hast, so verstehst Du, was ich meine.
Wir haben einen langen Brief von Ejnar gehabt und haben ihm wieder lange
Briefe geschickt und die Zeichnungen vom Haus, hübsch ausgeführt, und
einen Deiner Briefe und Sansots letzten Brief und noch allerhand sonst.
-- Mit Inga und Dagny geht es ausgezeichnet. Diese Inga ist prächtig.
Ich habe ihnen zum Frühjahr eine Spritztour nach Kristiania versprochen.
Dagny soll wenigstens einmal im Jahre nach Kristiania, ins Theater usw.
Wenn wir sie doch nach Paris schicken könnten! Du mußt wirklich Deine
alten Leute von uns grüßen; ich freue mich so sehr darüber, daß Du bei
guten, gebildeten Menschen bist, die Dich gern haben. Und wie ich mich
freue, daß Du so gut schläfst! Mehr als darüber, daß Du arbeitest! --
Ist ja wahr, Du mußt Erling erzählen, daß »Han« ein ausgelernter Dieb
geworden ist. Er muß zweifellos aus einer Diebsfamilie stammen. Nicht
allein, daß er hier stiehlt, darauf spannt, wenn die anderen gegessen
haben und der Tisch unbeaufsichtigt ist, und dann auf den Hinterpfoten
herumgeht, mit den Vorderpfoten auf den Tisch, die Teller abschleckt,
alles nimmt, was ihm zusagt; sondern er geht auch auf andere Höfe und
stiehlt; auf einem Gehöft erwischte er einen Ziegenkäse, auf einem
andern fraß er eine Schüssel kalten Brei aus, Frau Börresen stahl er
Fleisch, -- und so die Runde herum, zum Schrecken der Leute. Das wird
noch sein Verhängnis werden, armes Tier. -- Erzähle, daß hier jetzt
gedroschen ist. Wenig, aber vorzüglich. Der Kleesame ist völlig
mißraten; wir haben ihn nicht einmal durch die Maschine gehen lassen.
Tausend Grüße von uns allen!
Dein Freund Vater.
Ich schicke kein Buch.
Cavlings. Er ist ja in Kopenhagen, und ich weiß seine Adresse nicht.
Liebe Bergliot, ich habe eine arbeitsreiche Woche hinter mir, es geht
nun flott mit der Erzählung. Und mitten in der Arbeit mußte ich mich
über Dich freuen, mein keckes Mädel, daß Du es das erstemal, wo Du
aufgetreten bist, so gut gemacht hast. Cavling strich Dich natürlich zu
sehr heraus; aber es war so gutherzig und warm geschrieben, daß ich es
den andern nicht vorlesen konnte, sondern es Keilhau geben mußte. Die
Namen der beiden Damen, von denen Du schreibst, daß die eine mit Dir,
die andre mit Madame Lürig gesprochen hat, kann ich nicht lesen. Du mußt
ein einziges Mal versuchen, deutlich zu schreiben. -- Herrgott,
Bergliot, Du solltest bloß wissen, was es heißt, etwas Schönes über
seine Kinder zu lesen, _und dabei sicher zu sein, daß es wahr ist_. Das
übertrifft alles, was man überhaupt lesen kann. -- Nun fängst auch Du
an, uns diese Freude zu bereiten. -- Propstens sind vor kurzem hier
gewesen; die Mädels sind nach Bergen gereist, um unter die Haube
gebracht zu werden, und ich habe ihn bös geneckt. -- Sonst keine
Neuigkeiten von hier, außer daß N. N. vor die Tür gesetzt ist. Sie hatte
eine Nasenspitze, die trippte gerade ins Essen hinein, und darüber
entzweiten sich Karen und sie, und noch hundert andre Dinge kamen dazu,
und schließlich wurde sie ganz unmöglich. Wir setzten den Koffer und die
Kommode und die Tasche und das Weibsbild und die Trippnase auf einen
Langschlitten und fort damit, adieu! -- Große Freude im ganzen Hause.
Großer Spektakel mit Geschichten über sie, seit sie weg ist. -- Ich habe
nichts gehört, ob Du jetzt Darwin liest. Ich schickte Dir das über die
Vererbung; das solltest Du nach Dir Frau Runeberg lesen lassen; es wird
ihr großes Vergnügen machen, und Du könntest gleichzeitig herzlich für
den Brief danken. Glaube mir, der war reizend. -- Jetzt sind wir des
Abends vom Whist zum Boston übergegangen, und weiß Gott, die Mädelchens
sind dabei ebenso pfiffig wie wir! -- Heute wurde Peters Mutter
begraben; der Sarg wurde hier gemacht, und die Pferde gingen von hier,
so daß die ganze Gesellschaft von Baklien aus in Schlitten zur Kirche
fuhr, alle Dienstboten und Kätner. Und die Mädelchens kamen mit ihren
Handschlitten zur Kirche hinauf, und weil der Leichenzug nicht
rechtzeitig kam, schlitterten sie den neuen Weg hinunter bis nach
Solhejm; und dann saßen sie bei der Leiche auf bis oben und fuhren vor
dem ganzen Leichenzug noch einmal hinunter! Keilhau und Erling mit
zurück, wo große Gesellschaft war, und sie spielten Whist mit Fedje und
Peter (der vielleicht außer Erling der beste Whistspieler in Gausdal
ist) und kamen um 7 Uhr heim und waren sehr erbaut von der Fahrt und der
Gesellschaft. Aber es sieht so aus, als ob Peters jüngstes Kind (3
Wochen alt) ebenfalls dran glauben muß, also gibt es noch ein Begräbnis.
Auch Mathias' Frau, die Ingeborg, stirbt gewiß bald. Wir haben ihm mit
Geld und Essen und Kleidern für die Kinder helfen müssen, obwohl er das
größte Anwesen des Gutes, vielleicht des ganzen Kirchspiels hat; es geht
rückwärts, wenn die Frau krank liegt. Also, Ihr taugt doch zu etwas, Ihr
Frauensleute, selbst wenn ihr uns nicht vorsingt. Ja, Du bist doch unsre
einzige herrliche Bergliot, Du! Oh, wie ich Dich lieb habe, ganz gleich,
zum Teufel, ob Du eine berühmte Tochter wirst oder nicht.
Grüße Mad. Lürig und Deine alte Dame. Du kannst Geld für die Uhr
_geliehen_ bekommen.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, hast Du den »Professor« gelesen? -- Falls nicht, so
schicken wir Dir das Buch, und Du es Ejnar! Dank für alles, was Du mir
schickst! Es freut mich erstens an und für sich, und dann, weil es von
Dir kommt und zeigt, daß Du selber Anteil nimmst und willst, daß auch
wir Anteil nehmen. Ich lese noch immer täglich »Le Temps«. Fertig mit
»Le rêve«, nachgemachte, gut nachgemachte Legenden-Poesie, aber
unwahrscheinlich. Ja, liebe Bergliot, wenn Du jetzt Sehnsucht hast, so
vergiß nicht, daß in ihrer unklaren Arbeitszeit das alle haben, und am
meisten diejenigen, die ihrer Arbeit wegen sich abschließen müssen. Die
Belohnung kommt später. Sei nicht ungeduldig. Aber sag' uns _alles_, was
sich Dir in den Weg stellt, zeichne alle Wolken, die Dir dräuen, selbst
nur momentan; schon sie abzeichnen zu können, ist der halbe Weg, sie los
zu werden.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, Dank, tausend Dank für Deinen Brief! Die Stelle über
Hanka als Mezzosopran war allerliebst! Sag' ihr von mir, daß sie einen
Mann heiraten muß, der um ein Viertel größer ist, und der die
Liebhaberpartien singt, sonst kann sie sich auf keiner Bühne sehen
lassen. -- Was Du über die Aussprache des Französischen schreibst, ist
richtig. -- Du mußt auch noch lernen, das _Norwegische_ auszusprechen.
Wer einen herzlichen Eindruck machen will, muß die Worte genau so sagen,
wie wir selbst sie sagen, wenn wir am natürlichsten sind.
Hier zu Hause ist es so gemütlich. Voller Winter, Schnee, Schnee,
Schnee; in diesem Augenblick dichter Schneefall bei nebligem Wetter, als
wären grauweiße Gardinen vor den Fenstern _draußen_. Herrlich in der
warmen, behaglichen Stube. -- Möglich, daß Björn und Peter, vielleicht
L. Holst zu Weihnachten herkommen. Denk nur, wenn Du es wärst! Denk nur,
wenn Du wieder Schlitten fahren kannst! Wenn Du Deinen Gesangskursus
hinter Dir hast (mutmaßlich in anderthalb Jahren), dann kannst Du wohl
ein Jahr lang Ferien machen; oder soll's gleich losgehen? -- Ich stimme
für Ferien und Allotria ein Jahr lang, damit Du zu Kräften kommst. Aber
alles zu seiner Zeit; -- Schlittenfahren mußt Du, Mädel, und frische
norwegische Winterluft einatmen so bald als möglich; denn das ist das
Köstlichste, was wir haben, die Winterluft! Ebenso wie das Land im
Schnee das Schönste auf der Welt ist. Aber die Menschen, Du, wie die
kalt sind und starr! Genau wie eine nicht durchgearbeitete Stimme, so
ist der ganze Mensch. Ich leide Herzensqualen vor Sehnsucht nach Wärme
und Glauben an irgend eine Kraft in ihnen. Herzensqualen. Ich warte von
Jahr zu Jahr; aber hie und da ein kleines Aufflackern, dann weg,
erloschen, trocken, nichts. -- Leb' wohl, liebe Bergliot, leb' wohl!
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, nur ein paar Worte. Dies ist die Parnell-Woche gewesen;
alle Zeitungen schreiben, alle Leute reden von nichts als Parnell, den
man seit länger als einem Jahr beschuldigt, zusammen mit seinen Freunden
heimlich auf seiten derer zu stehen, die die Sache Irlands mit Mord und
Raub verteidigen, während er öffentlich sich als der Mann gäbe, der
streng auf dem Boden des Gesetzes stünde. Nun liegt die ganze
Verleumdung (und die Times, die sie angezettelt hat) im Schmutz! Alles
war Lug und Trug!
Diese Woche gehört zu den frohsten, die ich erlebt habe. Ich habe auch
in diesen Tagen ausgezeichnet geschrieben, und ich werde ein prächtiges
Buch fertig bringen Frühjahr, glaub' es mir!
Hier ist es noch immer ganz wundervoll! Heute Sonntag sitze ich und lese
meinen zweiten Artikel über Norwegen in Harpers Monthly; heute
Nachmittag wollen wir zum Propst im Breitschlitten mit zwei Pferden vor.
Hurra! -- Also nun ist Frau Lürig wieder brav; -- ja, ihr Weibervolk! --
Wenn Du turnst, hast Du da eiserne Hanteln zum Heben? Du kannst sie
kaufen, wo die Av. des Ternes mit dem Faubourg Honoré zusammenstößt.
Carl Keilhau hat angefangen, Bruun zu studieren, um eine Reihe Aufsätze
zu schreiben über seine »Bruniana«. Er verdient, daß er einmal unters
Schermesser kommt, der alte Zopf! -- Hier zu Hause freuen wir uns
mächtig über Sverdrup, daß er nun endlich erledigt -- und der Verachtung
aller Menschen preisgegeben ist. _Jetzt_ ist »V. G.« der rechte Ausdruck
für das, was fast alle fühlen, sogar manche Oftedöler. Vater Fougner war
eines Sonntags hier, und sagte dasselbe. -- Arbeit nützt doch etwas.
Von Björn nichts in letzter Zeit. Von Kielland vergnügten Brief. Seine
Zeitung geht. Siehst Du, ein paar Zeilen hab' ich doch zuwege gebracht
für mein einzig süßes Mädel!
Dein B. B.
Grüße Cavlings!
Liebe Bergliot, es gefällt mir ungeheuer, daß Du nur den rechten Weg zum
Ziele gehen willst, nicht lügen, nicht schmeicheln, nicht feig sein;
sondern treu und gehorsam und wahr. Ich glaube zwar nicht, daß Du auf
die Dauer die Künstler-Charakterlosigkeit und die Intrigen aushältst;
aber ich sehe nichts Schlimmes darin, wenn Du nicht auf die Dauer
Opernsängerin wirst. Wenn Du bloß ein tüchtiger Mensch wirst, der seine
Sache kann bis zur Meisterschaft, und durch die persönliche Macht Deines
Gesanges hinreißt; dann hängt das übrige von Dir ab; dann kriegen sie
Dich nicht unter.
Schon wieder ein langer Brief von Ejnar. Sie hatten gerade die Nachricht
von Parnells Rechtfertigung erhalten, und da die meisten dort
Konservative sind, die die schärfsten Ausdrücke über ihn gebraucht
hatten, so erzählt Ejnar, daß er die »Ziegenböcke« in ihrem eigenen Fett
hat braten lassen. Ja, necken kann er. -- Hierzulande zurzeit nur Doktor
Nansen; -- sein Einzug muß großartig gewesen sein.
Der Haß zwischen Norwegern und Schweden wird immer heftiger. Ich darf
wohl behaupten, daß die Stimmung jetzt für offenes Entgegenarbeiten
gegen die Umwandlung der Union in einen Bund ist. Selbst die Rechte
schließt sich bald an. -- Wie es mich freut, daß Hejmann endlich etwas
zu tun hat. Denn zum Kindermädchen paßt er gewiß. Na ja, im übrigen weiß
ich nicht; es wird ihm wohl auch das leid werden! -- Einen ähnlichen
Frühling hat noch kein Mensch, nicht der allerälteste erlebt. Nachts
Regen, Tags Sonnenschein! Wie die Küh' auf die Alm sind 'zogen, habn's
'tanzt! Nein, wie schön die Herde geworden ist! Schade, daß Du sie nicht
sehen kannst, -- nie sehen, wenn sie ausgetrieben wird, nie, wenn sie
weidet, nie, wenn sie heimkehrt. Das ist das Schönste von allem, was das
Landleben in Norwegen bietet.
Andere haben Dir wohl schon geschrieben, daß Großmutter gekommen ist,
und daß kein Mensch die geringste Veränderung an ihr bemerkt; auch
derselbe prächtige Humor! -- Jetzt solltest Du die Küken sehen in ihrem
Stall unter der Treppe des Vorratsschuppens mit Drahtnetz darüber, einem
großen Raum, mehrere Ellen lang und anderthalb breit, und an dem einen
Ende eine von Björns Hundehütten, frisch rot angestrichen. Jeder steht
davor und schwatzt mit den Küken und wirft ihnen Gras hinein oder gibt
ihnen Wasser oder Futter. Und vorn auf der Veranda, die nun gestrichen
ist, ein Schwalbengezwitscher, Bergliot, und bald wird der würzige Duft
vom Klee kommen. Und die herrlichen Sonnenuntergänge über den Bergen
über Bleike! Und das Bad wartet auf Dich und ein neuer Hengst, Spellet
wie aus dem Gesicht geschnitten, nur breiter. Du sollst selbst von
Lillehammer heimkutschieren! Ja, komm nun! Du sollst sehen, die See ist
ausnahmsweise einmal artig.
Dein guter Freund Vater.
Hurra dem Frühling auf Aulestad!