Wahltag in Paris; wenn er bloß gut abläuft.
Lieber, lieber Schatz, Du mußt doch nicht immer die wechselnde Laune
eines anderen Menschen so tragisch nehmen, wie Du's bei Madame Marchesi
getan hast, oder es so auffassen, als sei nun alles, was ein anderer
sagt, auch seine endgültige Meinung. Du mußt von Dir selbst wissen, wie
leicht Deine eigne Meinung wechselt nach Deinen eignen Stimmungen, und
selbst die stärksten Menschen sind nicht immer so neutral, so
selbständig unbeeinflußt, daß ihr Urteil völlig ihr eignes ist. Stell'
Dir vor, Du kommst bei Madame Marchesi an die Reihe nach einer Stimme,
die wie ein Meer von Klang ist? Dann hast _Du_ ja eine »kleine« Stimme;
stell' Dir vor, daß dieses Meer oder etwas andres Privates sie geärgert
hat, -- dann _sagt_ sie Dir, daß Du »eine kleine« Stimme hast. _Das hast
Du ganz und gar nicht._ Zu den »großen« gehört sie nicht; aber sie wird
(wenn sie nie forciert, nie bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit
angespannt wird, sondern immer in vollem Wohlklang ist) sich überall
groß genug anhören, sei es in der Oper oder im Volkskonzert; ihre
intensive Klarheit wird es schon mit weit größeren Stimmen aufnehmen
können.
Auch ich, wenn ich die Stimme zum erstenmal hörte und von allem
Persönlichen in ihr und in Dir absähe, würde sagen, ganz _unbedingt_
sagen: es ist eine lyrische Stimme, keine dramatische. Kannst Du Dich
erinnern, wie ich Dir sagte, Madame Marchesi würde zweifellos den
Versuch machen, sie für die feinsten Sachen auszubilden? Und Du würdest
deshalb jedenfalls _zwei_ Jahre bei ihr singen müssen statt einem? --
Sei ganz sicher, -- an dem Tage, an dem sie Dich frei von der Leber weg
hat singen hören oder überhaupt Dich richtig erfaßt hat -- wenn auch nur
als Persönlichkeit -- wird sie ihre Ansicht ändern. Vorläufig ist es ja
auch ganz gleichgültig für Dich, was sie über Deinen zukünftigen Beruf
denkt. Richte Du Dich ein, wie es Dir nach Deinem eigenen Gefühl am
besten erscheint; nimm Unterricht in Plastik usw.
Die Hauptsache ist ja doch, daß Du Dich vervollkommnest in der
Gesangskunst, und das kannst Du am leichtesten, am allseitigsten
(jedenfalls was das Technische betrifft) als »lyrische« Sängerin. Dein
Temperament, Deine ganze Veranlagung weisen Dich auf den Weg zur Oper;
und den betrittst Du, wann Du selbst es willst, -- hast Du erst die
ganze Kunst, die ganze, ganze Kunst bis ins Feinste und Letzte weg. _Und
dahin mußt Du kommen!_
Selbst das ärgert Dich, daß sie will, Du sollst ganz im kleinen
anfangen. Natürlich geschieht das deshalb, um die Fehler in Deiner
Stimme zu packen. Es sind Töne da, die Du nicht so frei nimmst wie andre
Töne, die Du quetschst; z. B. mit dem »l«, in das Du ein »i« oder was
Ähnliches hineinbringst, ehe Du es nimmst. Übrigens habe ich nie von
einem Musiklehrer gehört, der _nicht_ von seinen Schülern verlangt
hätte, sie sollten wieder von vorn anfangen; da ist sicher auch viel
Wichtigtuerei mit im Spiel!
Du mußt es bei Dir selbst fühlen, Bergliot, was _wir_, die Dich hören,
wissen: daß in Deiner Stimme etwas ist, das durch seine Klarheit, seinen
Ausdruck, seinen Liebreiz bezaubert oder »vertrollt«, wie es auf
norwegisch heißt. Und auf dem Ankergrund dieses Bewußtseins sollst Du
Deine Arbeit befestigen, daß niemand daran rütteln kann. Du sollst Dich
ruhig und sicher rüsten für Deine Fahrt --, wohin sie führt, wird sich
schon zeigen. Daß Du aus Deinen ganz besonders schönen Mitteln gemacht
hast, was sich daraus machen läßt, darauf kommt es an; denn dadurch hast
Du selber Sicherheit und wir anderen _Gewißheit_. Wenige müßten sich so
glücklich und arbeitsfreudig fühlen wie Du, Bergliot.
Hier ist mannigfarbiger Herbst, schöner denn alle andre Jahreszeit. Von
den gemütlichen, warmen Stuben aus sehen wir ihn oder wir genießen ihn
auf Spaziergängen. Sonntagmorgen; Mutter just aus dem Bett, Großmutters
Geburtstag, alle Flaggen gehißt, Sonnenwetter, aber noch im Morgennebel;
oben Dagny und Inga im lustigsten Vogelgezwitscher, Großmutter kommt
eben strahlend heraus, ich laufe und küsse sie, und wieder hinein zu
Dir, um es Dir zu erzählen. Erling, mit dem ich zusammen gefrühstückt
habe, ist mit seinen zwei Hunden unten auf dem Schießstand (eben kommt
er heim); Hermann Anker hat ihm seinen feinen Hühnerhund »Lord«
geschenkt. Alles auf dem Hofe eingeherbstet, die Felder herbstgrün,
Pferde und Vieh draußen zum Morgengetummel; Dienstag kommt die Herde von
der Alm zurück; aller Almsegen ist eingebracht.
Dein Freund Vater.