19. Mai 1889.

Liebe Bergliot, ich denke mir, Frau Lürig und Du seid wieder gute

Freunde, wenn Du diesen Brief bekommst. Das ist ja zu kindisch im Kern!

An Lehrern oder Lehrerinnen soll Deine Zukunft nicht scheitern. Aber

wenn es in Deinem Brief aussehen soll, als wollest Du _gegen Deine

Überzeugung nachgeben_, nur um vorwärts zu kommen, so soll der Teufel

den Wisch holen. Nein, gib da nach, wo Du unrecht hast, und meinetwegen

auch in allerhand Dreck und Blödsinn und sonst was; aber nicht da, wo Du

recht hast und es Deine Selbstachtung direkt angeht. Mag _dies_ Erbe

Deines innern Wesens Dir auch mancherlei zu schaffen machen, so hast Du

doch auch Freude davon und seelische Entwicklung. Es ist ja etwas in

Dir, das Du lernen mußt zu beherrschen. Und es ist schlimm, daß Du in

Deiner nächsten Umgebung Streitigkeiten hast, wo Du Frieden haben

solltest. Im Hause nämlich. Es ist auch schlimm, daß Du niemand hast, zu

dem Du gehen kannst, und der jetzt für Dich eintreten könnte. Ich habe

es Dir schon früher gesagt, und ich sage es Dir wieder, _das ist

falsch_. Wir müssen alle so dastehen, daß wir gegebenenfalls Verteidiger

haben. Aber Du verkehrst nicht mit Runebergs, nicht mit Sansots, nicht

mit Tschernings, also mit keinem von denen, die Dir in unserm Namen

Ratgeber und Beschützer sein könnten.

_Dies muß anders werden!_ Beherzige das!

Übrigens nimmst Du das Ganze zu tragisch. Sie ist ein Dummkopf, -- das

habe ich ja immer gesagt, und mit einem Dummkopf muß man Nachsicht

haben.

Willst Du nach Hause kommen, um Dich vor all dem zu retten, so tue es.

Wir haben Dikka hier gehabt.

Sie war einfach süß. Dann ist Arvesen hier gewesen zum 17. Mai --

unvergleichlich! Er wird immer prächtiger. Gute Laune, überlegne Ruhe

bei allem Eifer, -- prächtig!

Erling machte seine Sache als Preisausteiler und Festordner und Leiter

_vorzüglich_.

Wir stehen vor einer Reise nach Lillehammer, wohin wir Keilhau folgen

werden; er reist heute mit Dikka und Arvesen.

Der Brief ist faselig. Aber Du verstehst ihn schon. Hier im Hause ist es

so unruhig. -- Vergiß nie -- in was für Dummheiten Du auch

hineingerätst, und was Du selbst auch für Dummheiten machst --, stets

mußt Du die feste Überzeugung haben: wir glauben _dann_, daß Du bei

Deiner prächtigen Natur einfach _unglücklich_ bist, und wir werden nicht

böse, sondern selbst unglücklich sein _und Dir helfen nach bestem

Vermögen_. Denke daran, Bergliot, daß Du niemals etwas tun kannst, aus

dem Dir herauszuhelfen wir nicht mit aller Kraft versuchen werden. Habe

vor allem und unbedingt in Dir die Sicherheit, die das Bewußtsein gibt,

daß Du unerschütterlich _treue Freunde_ an uns hast, in Freud und Leid,

in Glück und Schande, in unwandelbarer, ausharrender Liebe. Mutter grüßt

und küßt Dich, lieber Schatz, und ebenso

Dein Freund Vater.

Ja, das sieht aus wie flott hingeschrieben; aber Du weißt, es ist guter

alter Wein, nur zu hastig eingeschenkt; sie drängen mich.

Lillehammer, 20. Mai 1889.

Liebe, süße Bergliot, Dein Brief vom 16. Mai hat einen Jubelsturm

hervorgerufen heute; wir bekamen ihn noch im Bette, oben bei Lundes.

Heute, das heißt Montag; wir sind gestern, Sonntag, um 11 Uhr hier

angekommen, -- so zeitig, daß eine kleine Deputation mit Blumen, die von

Balberg aus uns entgegenkommen wollte, zu spät erschien; sie waren mit

auf dem Solbakkefest gewesen und wollten ihre Dankbarkeit beweisen.

Tausend Dank für Deinen Brief! Mutter und Dagny sind beim Zahnarzt, und

ich habe versprochen, Dir ein paar Worte zu schreiben.

Liebe, süße Bergliot, Du sollst in Licht und Hoffnung leben; Du sollst

es gut haben. -- Ich habe mich sehr gewundert, daß Du nicht mit bei dem

Ausflug der skandinavischen Künstler nach Meudon warst. Ich wundere mich

sehr, daß Du nichts über Thommessens schreibst, die lange Zeit in Paris

gewesen sind. Am 17. Mai bekamen wir ein Telegramm von ihnen, und Dein

Name war nicht mit dabei; also warst Du auch nicht da. Das geht aber

doch nicht an, daß Du so ganz außerhalb lebst, wenn etwas Derartiges vor

sich geht! Hast Du keine skandinavischen Freunde sonst als Cavlings?

Hast Du zu niemand Vertrauen? Du bist so exklusiv.

Von Lundes die herzlichsten Grüße! Von allen, allen! Freude darüber,

Dich bald wiederzusehen! Wonne darüber, daß es Dir gut geht! Herrliche

Sommertage, prächtige Stimmung! Leb wohl!

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 8 / 28 题