Liebe Bergliot, Du mußt ja nicht glauben, daß die Zeiten jetzt
unsittlicher sind, als sie früher waren. Sie sind viel besser! Was
Frankreich betrifft, so existieren Memoiren, die die größte
Unsittlichkeit nachweisen, bis in die Klöster hinein; das ist heute
unmöglich. Und eine Menge ähnliche Dinge, die ich nicht herbeten mag.
Aber die Frau hat eine Stellung im _Handwerk_ gehabt, die sie später
verloren hat.
Ich für mein Teil glaube an einen Kreuzzug gegen die Unsittlichkeit wie
jetzt gegen den Alkohol. Aber noch ist die Zeit nicht gekommen, obwohl
immer mehr Gemüter begreifen, daß es die Gesundheit des Geschlechts
gilt.
Seitdem ich das letztemal schrieb, bin ich auf einer Volksversammlung
gewesen und habe da eine der besten Reden gehalten, die ich je gehalten
habe (für allgemeines Stimmrecht). Hätte ich nur Zeit und die Mittel
dazu, so würde ich für die Sache im Lande herumreisen. Knut Forr ist
hier gewesen, der aus Fron, ein angenehmer Mensch. -- Morgen wollen wir
fort nach Rindal in Fåberg (auf der andern Seite des Mjösen), das ganze
Haus und der Gustum. Kommen Montag Morgen zurück. Wir haben viel
Ausfahrten heuer gemacht. »Geographie und Liebe« hat großen Erfolg in
Kristiania gehabt; das hat mich mächtig gefreut. -- Jeden Abend spielen
wir jetzt Boston; es ist sehr gemütlich. -- Für die Uhr, die Du kaufen
willst, wollen wir gern das Geld auslegen, falls Du es wünschst; aber
sie wird natürlich, wie alle solche alten Uhren, schlecht gehen, so daß
es Dich einmal ein neues Werk kosten wird, und das sind wieder an die
300 frs. -- Wenn Du Krieg oder Revolution in Frankreich befürchtest, so
irrst Du. Es kommt bei dem Ganzen nichts heraus als viel Lärm. Du kannst
Cavling von mir bestellen, es sei eine Schande von ihm, Äußerungen
hinzuwerfen, wie die, daß Gambetta scrutin de liste haben wolle, um
Diktator zu werden; das zeigt, wie leichtsinnig er schreibt. Gambetta
tat es nur, um der Unsitte ein Ende zu machen, daß die Deputierten ihren
Wählern alles mögliche versprachen; er dachte, wenn zehn bis zwanzig
Deputierte in einem ganzen Departement gewählt würden, so hätte es ein
Ende damit und also auch mit dem Übelstand, daß sie wie ein Alp auf den
Ministern lagen, um durchzusetzen, was sie ihren Wählern versprochen
hatten. Aber freilich -- Verzeihung! -- alle die in _einem_ Departement
Gewählten machen es jetzt so, daß sie _untereinander austauschen_, was
jeder von ihnen versprochen hat, und womit sie die Minister plagen
wollen, -- und so ist dasselbe Elend wieder da! -- Sag' ihm das! Und
füg' hinzu, daß er in der Regel teufelswenig weiß von dem, worüber er
schreibt; aber in Stil und Esprit nimmt er beständig zu. Alle Menschen
_müssen_ ihn lesen.
Hat Mutter Dir erzählt, daß wir eine mächtig feine neue Stute gekauft,
und die alte verkauft haben? Andre Neuigkeiten vom Hofe weiß ich nicht.
Doch! daß wir eine neue Bergliot im Kuhstall haben; die alte wollte bloß
schön sein und nicht recht Milch geben. Nun werden wir sehen, ob die
neue ihres Namens würdiger ist. Nein, wie ich es Dir gönnte, wieder
einen norwegischen Winter zu sehen! Du kannst Dir solche Pracht gar
nicht vorstellen! Ich werde in dem neuen Buche eine Reihe Schilderungen
bringen, also erspare ich sie mir hier im Brief. -- Karen war ziemlich
unentschieden, ob sie bleiben sollte oder nicht. Nun wird sie bleiben,
und es wird ihr zu Ehren auf dem Rollboden ein Ball gegeben, worauf sich
das ganze Haus freut, d. h. sein jüngerer Teil. -- Ich möchte gern
wissen, was Mad. Marchesi über Deine Stimme sagt. Schreibe gleich! Du
hast jetzt eine ganze Zeitlang nichts von den Fortschritten geschrieben,
die Du machst, z. B. im Trillern. -- Und was Du über Arve schreibst, ist
zu wenig. Wie verhielt er sich zu den anderen Schülern Marzicks und zu
Marzick selbst? Maßstab! Und hat sein Spiel mehr Feinheit gewonnen, mehr
sichere Gleichmäßigkeit? An diesen beiden Dingen fehlte es letztesmal.
Erzähl' genau und ausführlich. Und was sagt Marzick von ihm?
Nein, was dieser Keilhau für ein netter, guter Junge ist! Aber
schwächlich. Er hat einen Schwindelanfall usw. gehabt, einfach
Nikotinvergiftung. Nun hat er den Tabak ganz aufgegeben. Er raucht
überhaupt nicht mehr. Er geht stark mit dem Gedanken um, nach Drontheim
zu gehen als Redaktionssekretär bei »Dagsposten«. In diesem Falle gibt
er sein Studium auf. Ich weiß auch nicht, was er damit soll, wenn sein
Lebensberuf einen ganz andern Weg einschlägt. -- Von zu Hause muß ich
Dir erzählen, daß »Han« und die Katze »Mons« sich sterblich in sich
verliebt haben; sie können einander keinen Augenblick in Frieden lassen.
Sie lecken sich und spielen zusammen auf Schritt und Tritt. Aber »Han«
ist ein Bummelköter geworden, der sich auf allen Höfen herumtreibt. --
Ja, diesen Brief mußte ich schreiben, weil Mutter keine Zeit hatte;
jetzt stehen sie alle -- Sonntag morgen -- und warten auf mich; die
Pferde sind angespannt; wir wollen fort nach Rindalen. Leb' wohl und
verlobe Dich nicht! Verlieb' Dich auch nicht, außer in Deinen Gesang.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, Deinen letzten nervösen Brief empfangen und gelesen;
gleichzeitig einen sehr nervösen auch von Björn. Ja, das ist ein Fehler
bei Euch, daß Ihr so seid; aber das hängt wohl zusammen mit dem
Geistigen und dem Gefühlsstarken, mit dem, was die Seele der Kunst ist.
-- Wir amüsieren uns hier daheim, daß ich Bruun durchprügle. Ja, diesmal
soll er Haue haben, Haue, Haue. Jetzt bin ich daheim und den Zeitungen
ebenso nahe wie er. Du wirst auch Deinen Spaß daran haben, wenn Du die
Zeitungen siehst. -- Mein Buch schreitet rasch vorwärts; ich hoffe, ich
werde zu rechter Zeit fertig. -- All diese Schweinerei, die hier zutage
tritt; diese Roheit, mit der sie das Gefühl unterdrücken wollen und das
Recht des Stärkeren predigen! Wo käme die Welt hin, wenn es Gesetz
würde, daß ich das Recht hätte, einen Mann zu töten, den ich für unnütz
hielte, bloß damit ich dadurch das Geld zu etwas Nützlichem bekäme? Wer
sollte zuletzt Richter sein darüber, was »nützlich« ist?
Mir graut nicht vor dem, was kommt; die Kräfte müssen drauf losstürmen;
so lange die Reichen ihr Recht so fürchterlich mißbrauchen, wie sie es
tun, müssen die Vernichtungskräfte arbeiten. Aber ich weiß, welches die
Fortschrittslinie ist, und daß die Menschen niemals darüber
hinauskommen. -- Du solltest Mutter in diesen Tagen unten im Mistkeller
stehen sehen, wie sie ihren Mistprinzen Mist aufladen sieht! Nun ja, er
_ist_ auch tüchtig, das finden alle; aber Mutters Schwärmerei für ihn
kennt keine Grenzen; wenn sie wieder hereinkommt, geht ein Duft von ihr
aus, daß wir lachen müssen. -- Denk Dir, der Mist im Keller war so
eingefroren, daß wir ihn mit Sprengschüssen sprengen mußten und
wegfahren wie Steine. Jetzt ist er fort. Noch nie ist es so rasch
gegangen mit so wenig Hilfe. Wir sind Nummer eins im Dorf, und das ist
Erlings ganzer Ehrgeiz. -- Die neue Haushälterin ist eine prächtige und
tüchtige Person; ich habe sie Even Toft zur Frau bestimmt. Paß nur auf!
-- Der Nordrum kalbt jeden Tag, wir essen Biestermilchkäse, Mädel, wie
andere frische Milch trinken. Und Kalbfleisch und Kalbfleischsuppe
natürlich. -- Es ist möglich, daß Du jetzt einen Monat lang keinen Brief
von mir bekommst, der Erzählung wegen; ich muß jeden Augenblick
ausnutzen. Aber andere werden Dich schadlos halten.
Dein guter Freund Vater.
Liebe Bergliot, Mutter hat sich im Liegen die Hand verstaucht -- hast Du
schon so was gehört? -- Sie kann nicht schreiben. -- Jenny ist hier und
hat Anna Finsen mit, gestern große Umkalfaterung im Garten, die alten
Stachelbeerbüsche weg usw. Neues dafür. -- Noch kein Frühling ist, so
lang' ich denken kann, so schön gewesen in Norwegen wie dieser. 16 und
17 Grad Réaumur jeden Tag. Die Hühner im Sommerstall (wir haben fast
keine mehr, Erlings Hunde haben sie gefressen; neulich fraß »Han« noch
eines!), die Frühjahrsbestellung fast fertig. -- Wir haben die Mitte des
Altans wegnehmen müssen und sind auf diese Weise in der Lage, sie
reichlich eine Elle vorrücken zu können, so daß wir nun Platz für einen
Tisch und doch noch reichlich Platz zum Spazierenlaufen haben. --
Letztesmal schriebst Du einen netten, langen Brief. Nein, daß Du tanzt
und Dich amüsierst, dagegen habe ich gar nichts; aber dagegen, daß Du an
den _öffentlichen_ Vergnügungen der Skandinavier teilnimmst; davon hat
man nichts als Kritik und Undank; bist Du glücklicher dran -- um so
besser!
Nein, Du sollst Deine Zeit in Paris bleiben und keinerlei Rücksichten
nehmen, weder jetzt noch später, wenn es gilt, vorwärts zu kommen.
Hör' nun auf, Dich um mich zu ängstigen; ich werde schon den Mund
auftun, wenn es notwendig ist. Aber ich denke, wir schaffen's.
Wenn ich jetzt ein Bild vom norwegischen Frühling geben könnte, so wie
er in diesem Augenblick durchs Fenster zu mir hereinschaut; und wenn
Du's Werenskjold vorläsest, so käm' er vielleicht doch hierherauf. Er
hätte hier freie Wohnung in selbigem norwegischen Frühling, und falls er
es obendrein bleiben lassen wollte, mich zu malen, so wäre mein Glück,
ihn und seine Frau hier zu haben, vollkommen. Das Bild der Schnitter den
Hang hinauf, -- es steht vor mir, o Gott, -- wie herrlich das wäre! --
In ein paar Tagen lassen wir das Vieh wieder auf die Weide; _den_
Anblick mußt Du einmal wieder genießen. Björn kommt auf eine Spritztour
hierherauf und wird es dann sehen. Neulich kamen die kleinen Mädels, die
die fremden Schafe wegjagen, bis an den Kuhstall und schrien und
lachten, als man just Mittag läutete. Die Kühe fuhren -- 40 bis 50 große
und kleine -- auf hinter den Raufen; aber der Lärm weckte den Stallhund,
und der Hund und der Lärm und die Glocke und die Frühlingswärme stiegen
den Kühen zu Kopf, erst sprang die eine, dann die andere auf -- alle
brüllten der Stunde der Befreiung entgegen; ich war in der Nähe; ich
dachte, es sei was los; aber es war nichts weiter, als daß alle die
Köpfe über die Raufen streckten und nach dem Engel und der Stunde der
Befreiung ausschauten, während sie dabei brüllten, was ihre Lungen
halten wollten! Die im Kuhstall geborenen, die noch keine Ahnung von
Frühling und Weide haben, drängten sich ängstlich aneinander; sie
begriffen die Erinnerungen und Hoffnungen ihrer Mütter und Väter nicht
und ebensowenig ihre wilden Gebärden. -- Meine Lektüre ist zurzeit: die
Entwicklungsgeschichte der Moral von Ch. Letourneau, übersetzt von Boye
(Schubothes Verlag). Das mußt Du lesen, wenn Du heimkommst; Werenskjold
sollte es auch lesen. Danke W. für die Mitteilung von der Geburt seiner
Tochter; _hol' mich der Teufel_ -- ich werd' ihm schreiben. -- Hier soll
auf Solbakken großes 17. Maifest sein. Arvesen und Björn kommen. Leb'
wohl, süße Bergliot.
Dein Freund Vater.
_Mein Liebling_, daß Du so ganz mißverstanden hast, was ich von Deinem
Gesang erwarte? Ich habe mich ja gewehrt gegen den Glauben, Du könntest
eine Bühnensängerin oder Weltberühmtheit werden oder alles so was; aber
ich erwartete, daß Dir etwas von dem geschenkt würde, was keine
norwegische Sängerin bisher gehabt hat; die Gabe, uns zu packen und
hinzureißen, d. i. die Macht der Persönlichkeit in der Stimme, lieblich,
stark, jubelnd oder klagend, so daß wir den lieblichen Sommertag, die
starke Lebensfreude, die nordische Wehmut fühlten. All die anderen sind
gute Stimmen -- weiter nichts. Ein bißchen Leidenschaft, ein bißchen
Zärtlichkeit, ein Hauch von Energie, aber keine tiefere
Persönlichkeitsbotschaft für _uns_. Das glaube ich, wird _Deine_ Stimme
haben; ja, hat es bereits.
Sei jetzt vorsichtig, liebe Bergliot! Lauf nicht zu viel allein herum,
-- namentlich nicht, wenn es dunkel wird! Jetzt ist allerhand Gesindel
in Paris! Der Abschaum der Menschheit strömt jetzt dort zusammen -- aus
ganz Frankreich, England, Amerika, Deutschland, Italien.
Wir sind mitten in der Frühjahrsbestellung. Aulestad unter Erlings
Leitung ist all den anderen Höfen in Gausdal und Fåberg voran. Er ist
sehr stolz darauf!
Wie freue ich mich jedesmal, wenn Deine Briefe kommen und uns erzählen,
daß Du Fortschritte machst in Deiner Arbeit, Lebensmut fühlst und Dich
nicht ducken läßt oder hemmen!
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, diese Zeilen heute, um mit Dir über Deinen jetzigen
Zustand zu reden.
Bist Du so schwach, daß Du ein Jahr aussetzen willst? Überleg' es Dir!
Sprich in diesem Fall mit Mad. Marchesi darüber.
Daß Du Dich so unendlich einsam fühlst, ist natürlich auch nur Schwäche
-- das gleichfalls. Ich wüßte nicht, daß jemand leichteren Zutritt hätte
zu der besten französischen Gesellschaft als Du durch (Mademoiselle)
Breslau und ihre Freunde. Aber Dein ganzer Brief ist nur schwarz in
schwarz.
Herrgott, wie sonderbar Du bist! Begabt mit einer bezaubernden
Stimme, mit der Möglichkeit, sie auszubilden, mit Sprach- und
Menschenkenntnissen, in guter Umgebung, mit den Mitteln zu allem, was Du
an Essen, Kleidern, Vergnügen brauchst, und dabei in einer
kohlpechrabenschwarzen Laune! Und glaubst bloß an einen Menschen, Frau
Cavling!
Mußt Du nicht selbst lachen über die Unnatürlichkeit und die
Übertreibung, die darin liegt?
Mutter ist ganz verzweifelt, kannst Du Dir denken; denn sie macht alle
die Sprünge Deiner Laune mit; ich halte mich viel tapferer; aber zuletzt
muß ich mich ja auch besiegt geben, wenn es bloß immer schlimmer wird.
Liebe Bergliot, hat Deine Gesundheit darunter zu leiden, oder sind Deine
Fortschritte infolge der Gesundheit unbefriedigend, dann mache kurzen
Prozeß, das ist meine Meinung. Du bist jung und kannst es nachholen.
Wenn Du auf dem Wege warst, Dich zu verlieben oder zu verloben, dann
könnte ich ja verstehen -- teilweise wenigstens. Aber ich hoffe, das
hättest Du uns doch gesagt. Ich hoffe, Du hast Dich frei gehalten, wie
Du einmal übers andre versichert hast.
Also muß es unbedingt Schwäche sein, und da bedarfst Du des Ausruhens.
Am liebsten möchte ich, Du besorgtest das auf der Askov-Hochschule, da
könntest Du einen gründlichen dreimonatlichen Turnkursus durchmachen.
Meines Erachtens würde nichts Dir so helfen wie das.
Und _Du_ willst Dich besiegt geben, Bergliot? Schwarz sehen und Tinte
spucken? Mut in der Brust, Mädel!
Dein bester Freund Vater.
Liebe, süße Bergliot, die Geschichte mit dem naseweisen Prinzen hat mich
furchtbar geärgert. Du mußt doch einsehen, _das_ ist keine Annäherung --
durch einen Brief! Solche Leute haben irgendeinen, der ihr Konzert
veranstaltet, und durch den Betreffenden oder die Betreffende erfolgt
dann die Annäherung. Soll sie nicht durch so jemand erfolgen, sondern
direkt, dann kommt man auch direkt, und ist man unverheiratet, mit der
Person, die im Hause repräsentiert. Ich kenne Dich gar nicht wieder, daß
Du auch nur einen Augenblick von dem fürstlichen Lümmel Notiz genommen
hast. Du hättest zu Sansot (rue Clauzel 23) gehen sollen; er ist ein
Franzose und ritterlich.
Die Sache mit den Amerikanern gefällt mir gut, wenn Du jedesmal
ehrenwerter Leute und ehrenvoller Behandlung sicher bist. Du mußt Dich
selbst vor der Öffentlichkeit behaupten lernen, und Du darfst nicht
glauben, daß Du das kannst ohne _lange_ Übung im öffentlichen Auftreten.
Aber es darf Dir nicht zu viel Zeit wegnehmen und nicht zu große
Toilette erfordern; denn sonst ist es nicht lohnend genug und viel zu
früh; _jetzt_ hast Du Deine Zeit nötig. Ja, liebe Bergliot, es freut uns
ungemein, daß man also -- und zwar Leute, die sich auf Gesang verstehen
-- Dich schon jetzt auffordert, vor den Amerikanern zu singen. Also hast
Du Deine Zeit in diesem Winter gut angewandt. Ich verlasse mich darauf,
daß Du in diesen Gesellschaften Dich freihältst von allem, was nach
Absichtlichkeit oder Koketterie aussieht; so etwas liegt kaum in Deiner
ehrlichen, schlichten Natur. Und ich bin überzeugt, daß _die Besten_
dies auch sofort einsehen werden, und die anderen allmählich dahinter
kommen. -- Ganz gewiß hat Frau Lürig Recht darin, daß vier Monate ohne
Gesang zu viel sein würden. Aber bist Du _noch_ nicht so weit, daß Du
anderthalb Monate ohne Lehrerin üben kannst, -- ich meine durch
Tonleitern die Stimme auf der Höhe und gleichmäßig erhältst, und Dir
durch Einstudieren norwegischer Lieder ein schönes Repertoire zulegst?
Darüber mußt Du sofort und bestimmt mit ihr reden, hörst Du! Darüber ins
reine zu kommen, dürft Ihr nicht aufschieben, _hörst Du_!! Ich glaube
_nicht_, daß es für Dich gut sein wird, bis Ende Juni zu bleiben; ich
glaube es wirklich _nicht_. Das ist wichtig für Dich, weil die
_Gesundheit_ ein schwerwiegender Faktor ist in den Dingen, die Deine
Studien zu einem hohen Ziel führen sollen. -- Jennys Beschreibungen mußt
Du _buchstäblich_ nehmen, also genau so, wie sie es sagt; -- denn das
ist die Seite, die sie ärgert; die andre, die sie ergötzt, vergißt sie,
-- bis man in ihre Nähe kommt und sieht, wie vergnügt und frisch sie
selbst ist. -- Liebe, süße Bergliot, wie sehnen wir uns nach Dir; aber
das darf Dich auch nicht _einen_ Tag Deiner Übungen kosten! es gilt
einzig und allein die Rücksicht auf Dich selbst, auf Deine Gesundheit.
-- Wieder kalte Tage, die das Fest der Schneeschmelze aufhalten! Wieder
blitzende Keilereien mit Bruun; aber er ist jetzt zahmer. Ja, ich fühle
mich nun hier daheim behaglich, so wie es nun einmal ist. Wenn bloß
unsre öffentlichen Zustände gesunder wären. Aber auch das renkt sich
wohl noch ein. -- Wir haben aus dem Kutschwagen einen Char-à-banc
gemacht und uns einen kleinen zweirädrigen Federwagen und einen großen
dito (auch auf zwei Rädern) für Gepäck, den Wein und derartiges,
angeschafft.
Dein Freund Vater.