3. Februar 1889.

Liebe Bergliot, Du mußt ja nicht glauben, daß die Zeiten jetzt

unsittlicher sind, als sie früher waren. Sie sind viel besser! Was

Frankreich betrifft, so existieren Memoiren, die die größte

Unsittlichkeit nachweisen, bis in die Klöster hinein; das ist heute

unmöglich. Und eine Menge ähnliche Dinge, die ich nicht herbeten mag.

Aber die Frau hat eine Stellung im _Handwerk_ gehabt, die sie später

verloren hat.

Ich für mein Teil glaube an einen Kreuzzug gegen die Unsittlichkeit wie

jetzt gegen den Alkohol. Aber noch ist die Zeit nicht gekommen, obwohl

immer mehr Gemüter begreifen, daß es die Gesundheit des Geschlechts

gilt.

Seitdem ich das letztemal schrieb, bin ich auf einer Volksversammlung

gewesen und habe da eine der besten Reden gehalten, die ich je gehalten

habe (für allgemeines Stimmrecht). Hätte ich nur Zeit und die Mittel

dazu, so würde ich für die Sache im Lande herumreisen. Knut Forr ist

hier gewesen, der aus Fron, ein angenehmer Mensch. -- Morgen wollen wir

fort nach Rindal in Fåberg (auf der andern Seite des Mjösen), das ganze

Haus und der Gustum. Kommen Montag Morgen zurück. Wir haben viel

Ausfahrten heuer gemacht. »Geographie und Liebe« hat großen Erfolg in

Kristiania gehabt; das hat mich mächtig gefreut. -- Jeden Abend spielen

wir jetzt Boston; es ist sehr gemütlich. -- Für die Uhr, die Du kaufen

willst, wollen wir gern das Geld auslegen, falls Du es wünschst; aber

sie wird natürlich, wie alle solche alten Uhren, schlecht gehen, so daß

es Dich einmal ein neues Werk kosten wird, und das sind wieder an die

300 frs. -- Wenn Du Krieg oder Revolution in Frankreich befürchtest, so

irrst Du. Es kommt bei dem Ganzen nichts heraus als viel Lärm. Du kannst

Cavling von mir bestellen, es sei eine Schande von ihm, Äußerungen

hinzuwerfen, wie die, daß Gambetta scrutin de liste haben wolle, um

Diktator zu werden; das zeigt, wie leichtsinnig er schreibt. Gambetta

tat es nur, um der Unsitte ein Ende zu machen, daß die Deputierten ihren

Wählern alles mögliche versprachen; er dachte, wenn zehn bis zwanzig

Deputierte in einem ganzen Departement gewählt würden, so hätte es ein

Ende damit und also auch mit dem Übelstand, daß sie wie ein Alp auf den

Ministern lagen, um durchzusetzen, was sie ihren Wählern versprochen

hatten. Aber freilich -- Verzeihung! -- alle die in _einem_ Departement

Gewählten machen es jetzt so, daß sie _untereinander austauschen_, was

jeder von ihnen versprochen hat, und womit sie die Minister plagen

wollen, -- und so ist dasselbe Elend wieder da! -- Sag' ihm das! Und

füg' hinzu, daß er in der Regel teufelswenig weiß von dem, worüber er

schreibt; aber in Stil und Esprit nimmt er beständig zu. Alle Menschen

_müssen_ ihn lesen.

Hat Mutter Dir erzählt, daß wir eine mächtig feine neue Stute gekauft,

und die alte verkauft haben? Andre Neuigkeiten vom Hofe weiß ich nicht.

Doch! daß wir eine neue Bergliot im Kuhstall haben; die alte wollte bloß

schön sein und nicht recht Milch geben. Nun werden wir sehen, ob die

neue ihres Namens würdiger ist. Nein, wie ich es Dir gönnte, wieder

einen norwegischen Winter zu sehen! Du kannst Dir solche Pracht gar

nicht vorstellen! Ich werde in dem neuen Buche eine Reihe Schilderungen

bringen, also erspare ich sie mir hier im Brief. -- Karen war ziemlich

unentschieden, ob sie bleiben sollte oder nicht. Nun wird sie bleiben,

und es wird ihr zu Ehren auf dem Rollboden ein Ball gegeben, worauf sich

das ganze Haus freut, d. h. sein jüngerer Teil. -- Ich möchte gern

wissen, was Mad. Marchesi über Deine Stimme sagt. Schreibe gleich! Du

hast jetzt eine ganze Zeitlang nichts von den Fortschritten geschrieben,

die Du machst, z. B. im Trillern. -- Und was Du über Arve schreibst, ist

zu wenig. Wie verhielt er sich zu den anderen Schülern Marzicks und zu

Marzick selbst? Maßstab! Und hat sein Spiel mehr Feinheit gewonnen, mehr

sichere Gleichmäßigkeit? An diesen beiden Dingen fehlte es letztesmal.

Erzähl' genau und ausführlich. Und was sagt Marzick von ihm?

Nein, was dieser Keilhau für ein netter, guter Junge ist! Aber

schwächlich. Er hat einen Schwindelanfall usw. gehabt, einfach

Nikotinvergiftung. Nun hat er den Tabak ganz aufgegeben. Er raucht

überhaupt nicht mehr. Er geht stark mit dem Gedanken um, nach Drontheim

zu gehen als Redaktionssekretär bei »Dagsposten«. In diesem Falle gibt

er sein Studium auf. Ich weiß auch nicht, was er damit soll, wenn sein

Lebensberuf einen ganz andern Weg einschlägt. -- Von zu Hause muß ich

Dir erzählen, daß »Han« und die Katze »Mons« sich sterblich in sich

verliebt haben; sie können einander keinen Augenblick in Frieden lassen.

Sie lecken sich und spielen zusammen auf Schritt und Tritt. Aber »Han«

ist ein Bummelköter geworden, der sich auf allen Höfen herumtreibt. --

Ja, diesen Brief mußte ich schreiben, weil Mutter keine Zeit hatte;

jetzt stehen sie alle -- Sonntag morgen -- und warten auf mich; die

Pferde sind angespannt; wir wollen fort nach Rindalen. Leb' wohl und

verlobe Dich nicht! Verlieb' Dich auch nicht, außer in Deinen Gesang.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Deinen letzten nervösen Brief empfangen und gelesen;

gleichzeitig einen sehr nervösen auch von Björn. Ja, das ist ein Fehler

bei Euch, daß Ihr so seid; aber das hängt wohl zusammen mit dem

Geistigen und dem Gefühlsstarken, mit dem, was die Seele der Kunst ist.

-- Wir amüsieren uns hier daheim, daß ich Bruun durchprügle. Ja, diesmal

soll er Haue haben, Haue, Haue. Jetzt bin ich daheim und den Zeitungen

ebenso nahe wie er. Du wirst auch Deinen Spaß daran haben, wenn Du die

Zeitungen siehst. -- Mein Buch schreitet rasch vorwärts; ich hoffe, ich

werde zu rechter Zeit fertig. -- All diese Schweinerei, die hier zutage

tritt; diese Roheit, mit der sie das Gefühl unterdrücken wollen und das

Recht des Stärkeren predigen! Wo käme die Welt hin, wenn es Gesetz

würde, daß ich das Recht hätte, einen Mann zu töten, den ich für unnütz

hielte, bloß damit ich dadurch das Geld zu etwas Nützlichem bekäme? Wer

sollte zuletzt Richter sein darüber, was »nützlich« ist?

Mir graut nicht vor dem, was kommt; die Kräfte müssen drauf losstürmen;

so lange die Reichen ihr Recht so fürchterlich mißbrauchen, wie sie es

tun, müssen die Vernichtungskräfte arbeiten. Aber ich weiß, welches die

Fortschrittslinie ist, und daß die Menschen niemals darüber

hinauskommen. -- Du solltest Mutter in diesen Tagen unten im Mistkeller

stehen sehen, wie sie ihren Mistprinzen Mist aufladen sieht! Nun ja, er

_ist_ auch tüchtig, das finden alle; aber Mutters Schwärmerei für ihn

kennt keine Grenzen; wenn sie wieder hereinkommt, geht ein Duft von ihr

aus, daß wir lachen müssen. -- Denk Dir, der Mist im Keller war so

eingefroren, daß wir ihn mit Sprengschüssen sprengen mußten und

wegfahren wie Steine. Jetzt ist er fort. Noch nie ist es so rasch

gegangen mit so wenig Hilfe. Wir sind Nummer eins im Dorf, und das ist

Erlings ganzer Ehrgeiz. -- Die neue Haushälterin ist eine prächtige und

tüchtige Person; ich habe sie Even Toft zur Frau bestimmt. Paß nur auf!

-- Der Nordrum kalbt jeden Tag, wir essen Biestermilchkäse, Mädel, wie

andere frische Milch trinken. Und Kalbfleisch und Kalbfleischsuppe

natürlich. -- Es ist möglich, daß Du jetzt einen Monat lang keinen Brief

von mir bekommst, der Erzählung wegen; ich muß jeden Augenblick

ausnutzen. Aber andere werden Dich schadlos halten.

Dein guter Freund Vater.

Liebe Bergliot, Mutter hat sich im Liegen die Hand verstaucht -- hast Du

schon so was gehört? -- Sie kann nicht schreiben. -- Jenny ist hier und

hat Anna Finsen mit, gestern große Umkalfaterung im Garten, die alten

Stachelbeerbüsche weg usw. Neues dafür. -- Noch kein Frühling ist, so

lang' ich denken kann, so schön gewesen in Norwegen wie dieser. 16 und

17 Grad Réaumur jeden Tag. Die Hühner im Sommerstall (wir haben fast

keine mehr, Erlings Hunde haben sie gefressen; neulich fraß »Han« noch

eines!), die Frühjahrsbestellung fast fertig. -- Wir haben die Mitte des

Altans wegnehmen müssen und sind auf diese Weise in der Lage, sie

reichlich eine Elle vorrücken zu können, so daß wir nun Platz für einen

Tisch und doch noch reichlich Platz zum Spazierenlaufen haben. --

Letztesmal schriebst Du einen netten, langen Brief. Nein, daß Du tanzt

und Dich amüsierst, dagegen habe ich gar nichts; aber dagegen, daß Du an

den _öffentlichen_ Vergnügungen der Skandinavier teilnimmst; davon hat

man nichts als Kritik und Undank; bist Du glücklicher dran -- um so

besser!

Nein, Du sollst Deine Zeit in Paris bleiben und keinerlei Rücksichten

nehmen, weder jetzt noch später, wenn es gilt, vorwärts zu kommen.

Hör' nun auf, Dich um mich zu ängstigen; ich werde schon den Mund

auftun, wenn es notwendig ist. Aber ich denke, wir schaffen's.

Wenn ich jetzt ein Bild vom norwegischen Frühling geben könnte, so wie

er in diesem Augenblick durchs Fenster zu mir hereinschaut; und wenn

Du's Werenskjold vorläsest, so käm' er vielleicht doch hierherauf. Er

hätte hier freie Wohnung in selbigem norwegischen Frühling, und falls er

es obendrein bleiben lassen wollte, mich zu malen, so wäre mein Glück,

ihn und seine Frau hier zu haben, vollkommen. Das Bild der Schnitter den

Hang hinauf, -- es steht vor mir, o Gott, -- wie herrlich das wäre! --

In ein paar Tagen lassen wir das Vieh wieder auf die Weide; _den_

Anblick mußt Du einmal wieder genießen. Björn kommt auf eine Spritztour

hierherauf und wird es dann sehen. Neulich kamen die kleinen Mädels, die

die fremden Schafe wegjagen, bis an den Kuhstall und schrien und

lachten, als man just Mittag läutete. Die Kühe fuhren -- 40 bis 50 große

und kleine -- auf hinter den Raufen; aber der Lärm weckte den Stallhund,

und der Hund und der Lärm und die Glocke und die Frühlingswärme stiegen

den Kühen zu Kopf, erst sprang die eine, dann die andere auf -- alle

brüllten der Stunde der Befreiung entgegen; ich war in der Nähe; ich

dachte, es sei was los; aber es war nichts weiter, als daß alle die

Köpfe über die Raufen streckten und nach dem Engel und der Stunde der

Befreiung ausschauten, während sie dabei brüllten, was ihre Lungen

halten wollten! Die im Kuhstall geborenen, die noch keine Ahnung von

Frühling und Weide haben, drängten sich ängstlich aneinander; sie

begriffen die Erinnerungen und Hoffnungen ihrer Mütter und Väter nicht

und ebensowenig ihre wilden Gebärden. -- Meine Lektüre ist zurzeit: die

Entwicklungsgeschichte der Moral von Ch. Letourneau, übersetzt von Boye

(Schubothes Verlag). Das mußt Du lesen, wenn Du heimkommst; Werenskjold

sollte es auch lesen. Danke W. für die Mitteilung von der Geburt seiner

Tochter; _hol' mich der Teufel_ -- ich werd' ihm schreiben. -- Hier soll

auf Solbakken großes 17. Maifest sein. Arvesen und Björn kommen. Leb'

wohl, süße Bergliot.

Dein Freund Vater.

_Mein Liebling_, daß Du so ganz mißverstanden hast, was ich von Deinem

Gesang erwarte? Ich habe mich ja gewehrt gegen den Glauben, Du könntest

eine Bühnensängerin oder Weltberühmtheit werden oder alles so was; aber

ich erwartete, daß Dir etwas von dem geschenkt würde, was keine

norwegische Sängerin bisher gehabt hat; die Gabe, uns zu packen und

hinzureißen, d. i. die Macht der Persönlichkeit in der Stimme, lieblich,

stark, jubelnd oder klagend, so daß wir den lieblichen Sommertag, die

starke Lebensfreude, die nordische Wehmut fühlten. All die anderen sind

gute Stimmen -- weiter nichts. Ein bißchen Leidenschaft, ein bißchen

Zärtlichkeit, ein Hauch von Energie, aber keine tiefere

Persönlichkeitsbotschaft für _uns_. Das glaube ich, wird _Deine_ Stimme

haben; ja, hat es bereits.

Sei jetzt vorsichtig, liebe Bergliot! Lauf nicht zu viel allein herum,

-- namentlich nicht, wenn es dunkel wird! Jetzt ist allerhand Gesindel

in Paris! Der Abschaum der Menschheit strömt jetzt dort zusammen -- aus

ganz Frankreich, England, Amerika, Deutschland, Italien.

Wir sind mitten in der Frühjahrsbestellung. Aulestad unter Erlings

Leitung ist all den anderen Höfen in Gausdal und Fåberg voran. Er ist

sehr stolz darauf!

Wie freue ich mich jedesmal, wenn Deine Briefe kommen und uns erzählen,

daß Du Fortschritte machst in Deiner Arbeit, Lebensmut fühlst und Dich

nicht ducken läßt oder hemmen!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, diese Zeilen heute, um mit Dir über Deinen jetzigen

Zustand zu reden.

Bist Du so schwach, daß Du ein Jahr aussetzen willst? Überleg' es Dir!

Sprich in diesem Fall mit Mad. Marchesi darüber.

Daß Du Dich so unendlich einsam fühlst, ist natürlich auch nur Schwäche

-- das gleichfalls. Ich wüßte nicht, daß jemand leichteren Zutritt hätte

zu der besten französischen Gesellschaft als Du durch (Mademoiselle)

Breslau und ihre Freunde. Aber Dein ganzer Brief ist nur schwarz in

schwarz.

Herrgott, wie sonderbar Du bist! Begabt mit einer bezaubernden

Stimme, mit der Möglichkeit, sie auszubilden, mit Sprach- und

Menschenkenntnissen, in guter Umgebung, mit den Mitteln zu allem, was Du

an Essen, Kleidern, Vergnügen brauchst, und dabei in einer

kohlpechrabenschwarzen Laune! Und glaubst bloß an einen Menschen, Frau

Cavling!

Mußt Du nicht selbst lachen über die Unnatürlichkeit und die

Übertreibung, die darin liegt?

Mutter ist ganz verzweifelt, kannst Du Dir denken; denn sie macht alle

die Sprünge Deiner Laune mit; ich halte mich viel tapferer; aber zuletzt

muß ich mich ja auch besiegt geben, wenn es bloß immer schlimmer wird.

Liebe Bergliot, hat Deine Gesundheit darunter zu leiden, oder sind Deine

Fortschritte infolge der Gesundheit unbefriedigend, dann mache kurzen

Prozeß, das ist meine Meinung. Du bist jung und kannst es nachholen.

Wenn Du auf dem Wege warst, Dich zu verlieben oder zu verloben, dann

könnte ich ja verstehen -- teilweise wenigstens. Aber ich hoffe, das

hättest Du uns doch gesagt. Ich hoffe, Du hast Dich frei gehalten, wie

Du einmal übers andre versichert hast.

Also muß es unbedingt Schwäche sein, und da bedarfst Du des Ausruhens.

Am liebsten möchte ich, Du besorgtest das auf der Askov-Hochschule, da

könntest Du einen gründlichen dreimonatlichen Turnkursus durchmachen.

Meines Erachtens würde nichts Dir so helfen wie das.

Und _Du_ willst Dich besiegt geben, Bergliot? Schwarz sehen und Tinte

spucken? Mut in der Brust, Mädel!

Dein bester Freund Vater.

Liebe, süße Bergliot, die Geschichte mit dem naseweisen Prinzen hat mich

furchtbar geärgert. Du mußt doch einsehen, _das_ ist keine Annäherung --

durch einen Brief! Solche Leute haben irgendeinen, der ihr Konzert

veranstaltet, und durch den Betreffenden oder die Betreffende erfolgt

dann die Annäherung. Soll sie nicht durch so jemand erfolgen, sondern

direkt, dann kommt man auch direkt, und ist man unverheiratet, mit der

Person, die im Hause repräsentiert. Ich kenne Dich gar nicht wieder, daß

Du auch nur einen Augenblick von dem fürstlichen Lümmel Notiz genommen

hast. Du hättest zu Sansot (rue Clauzel 23) gehen sollen; er ist ein

Franzose und ritterlich.

Die Sache mit den Amerikanern gefällt mir gut, wenn Du jedesmal

ehrenwerter Leute und ehrenvoller Behandlung sicher bist. Du mußt Dich

selbst vor der Öffentlichkeit behaupten lernen, und Du darfst nicht

glauben, daß Du das kannst ohne _lange_ Übung im öffentlichen Auftreten.

Aber es darf Dir nicht zu viel Zeit wegnehmen und nicht zu große

Toilette erfordern; denn sonst ist es nicht lohnend genug und viel zu

früh; _jetzt_ hast Du Deine Zeit nötig. Ja, liebe Bergliot, es freut uns

ungemein, daß man also -- und zwar Leute, die sich auf Gesang verstehen

-- Dich schon jetzt auffordert, vor den Amerikanern zu singen. Also hast

Du Deine Zeit in diesem Winter gut angewandt. Ich verlasse mich darauf,

daß Du in diesen Gesellschaften Dich freihältst von allem, was nach

Absichtlichkeit oder Koketterie aussieht; so etwas liegt kaum in Deiner

ehrlichen, schlichten Natur. Und ich bin überzeugt, daß _die Besten_

dies auch sofort einsehen werden, und die anderen allmählich dahinter

kommen. -- Ganz gewiß hat Frau Lürig Recht darin, daß vier Monate ohne

Gesang zu viel sein würden. Aber bist Du _noch_ nicht so weit, daß Du

anderthalb Monate ohne Lehrerin üben kannst, -- ich meine durch

Tonleitern die Stimme auf der Höhe und gleichmäßig erhältst, und Dir

durch Einstudieren norwegischer Lieder ein schönes Repertoire zulegst?

Darüber mußt Du sofort und bestimmt mit ihr reden, hörst Du! Darüber ins

reine zu kommen, dürft Ihr nicht aufschieben, _hörst Du_!! Ich glaube

_nicht_, daß es für Dich gut sein wird, bis Ende Juni zu bleiben; ich

glaube es wirklich _nicht_. Das ist wichtig für Dich, weil die

_Gesundheit_ ein schwerwiegender Faktor ist in den Dingen, die Deine

Studien zu einem hohen Ziel führen sollen. -- Jennys Beschreibungen mußt

Du _buchstäblich_ nehmen, also genau so, wie sie es sagt; -- denn das

ist die Seite, die sie ärgert; die andre, die sie ergötzt, vergißt sie,

-- bis man in ihre Nähe kommt und sieht, wie vergnügt und frisch sie

selbst ist. -- Liebe, süße Bergliot, wie sehnen wir uns nach Dir; aber

das darf Dich auch nicht _einen_ Tag Deiner Übungen kosten! es gilt

einzig und allein die Rücksicht auf Dich selbst, auf Deine Gesundheit.

-- Wieder kalte Tage, die das Fest der Schneeschmelze aufhalten! Wieder

blitzende Keilereien mit Bruun; aber er ist jetzt zahmer. Ja, ich fühle

mich nun hier daheim behaglich, so wie es nun einmal ist. Wenn bloß

unsre öffentlichen Zustände gesunder wären. Aber auch das renkt sich

wohl noch ein. -- Wir haben aus dem Kutschwagen einen Char-à-banc

gemacht und uns einen kleinen zweirädrigen Federwagen und einen großen

dito (auch auf zwei Rädern) für Gepäck, den Wein und derartiges,

angeschafft.

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 7 / 28 题