Liebe Bergliot, das ist ein schöner Vorsatz, an dem Du festhalten mußt,
uns jeden Montag zu schreiben. -- Deine Briefe machen uns immer Freude.
Von allem, was Du erzählst, hat nichts mich so gefreut, wie daß Du
_nicht_ lange aufbleibst abends. Wenn Du daran festhalten kannst,
wenigstens als Regel, so daß das andere zur seltenen Ausnahme wird, so
hast Du darin ein Kräftigungsmittel, besser als die meisten anderen. --
Du erzählst nichts davon, wie Du lebst. Du ißt doch gut bei »Deiner
alten Dame« -- und _genug_? Erzähl' mir das besonders, und verdient sie
es, dann grüße sie herzlich. Für Dein Geld, d. h. für das, was Du selbst
verdienst, mußt Du Musik hören; für Deinen Unterhalt und Deine Kunst
sollst Du genug bekommen. -- Ich möchte gerne hören, ob Frau Lürig dafür
einsteht, daß das, was so eine deutsche (oder französische) Sängerin Dir
sagt, auch wirklich so _gemeint_ ist; nicht bloß _gesagt_ als
Aufmunterung oder Schmeichelei. Ist Frau Lürig der Ansicht, die andere
habe wirklich das _gemeint_, was sie sagt, dann wünschen auch wir es zu
erfahren. -- Was wirst Du in dem Kirchenkonzert singen? Ich habe es
nicht recht verstanden. Und was ist es für eine Kirche? Das macht mir
viel Freude. -- Gestern, an Mutters Geburtstag, machten wir eine
Spazierfahrt in unserm, mit blauem Samt ausgeschlagenen Breitschlitten,
mit unserm Bärenfell und zwei Pferde vor, und Erling kutschierte. Aber
Mutter hat solche Angst jetzt vor dem Fahren, daß ich sie kaum
wiederkenne. -- Ich lasse Dir Ibsens neues Buch schicken; es scheint
großzügig zu sein und auch milder als die vorhergehenden. Ich habe eine
patriotische Freude an dem Glück, das er macht als bahnbrechender
Dramatiker. -- Mir selbst geht es gut mit dem Schreiben augenblicklich;
Du wirst seinerzeit Freude daran haben, wenn Du es liest. -- Im übrigen
herrscht hierzulande eine Reaktion und eine Engherzigkeit, die alles
übersteigt, was ich bisher für möglich gehalten habe. Aber wir müssen
wieder lichtere Zeiten zuwege bringen. Jeder, der durch Kunst Schönheit
und Lebensfreude in unser Leben legt, arbeitet dafür. Wir werden unsre
Zeitgenossen erleuchten und erwärmen, und so beharrlich darin sein, daß
wir durch den Dunst und Staub vermodernder Vorzeitsüberbleibsel des
Glaubens und der Sitten und der materiell und pietistisch versauerten
Erde strahlend durchdringen.
Dein Freund Vater.
Aulestad, 12. Dezember 1888.
Liebe, süße Bergliot, Dank für den Geburtstagsgruß und Dank im voraus
für die Büste. -- Du schreibst, daß ich zu streng bin gegen Dr. N. N.
Ja, wieso? Ein besseres, edleres Gemüt gibt es nicht; und eine Begabung,
so fein und groß und so reif für allumfassendes Denken, daß sie Seltenes
leisten könnte. Und eine Liebenswürdigkeit, eine Süße in Wesen und Augen
und Lächeln, die ihn unsterblich macht bei allen, über die er sein Bild
ausgegossen hat.
Aber vor lauter Selbstreflexion so unsicher, so zersplittert von eitler
Gefallsucht, so eingenommen von seinen eignen Einfällen in
Selbstbewunderung und der Bewunderung anderer, daß er vor sich selber
nicht mehr zur Ruhe kommt. Und, um immer in günstiger Beleuchtung zu
stehen, so unwahr, daß er nicht zwei Personen dasselbe erzählt! Er kann
sich große Mühe geben, um etwas zu erreichen; aber hat er es erreicht,
so ist er dessen in der Regel überdrüssig. Er kann sich auch um einer
Laune willen wegwerfen. Eine derartig unruhige Natur ist nie über den
Augenblick hinaus glücklich und wird seine Umgebung mit sich reißen. Ja,
ich könnte noch lange so weitermachen. Es gibt wenige Menschen, die ich
so lieb haben kann, wie solche einschmeichelnde Begabungen, die die des
Geistes und des Herzens in gleich hohem Grade besitzen. Aber während ich
ihn genieße, weiß ich, daß er meiner bereits müde ist. Und das Gefühl
läßt niemals eine Sicherheit aufkommen.
Es hat mich geärgert, daß Du um Dein Kirchenkonzert gekommen bist. Aber
es findet sich wohl etwas anderes für Dich, damit Du den Mut zum
Auftreten gewinnst. Du vergißt zu erzählen, wie es mit Deinen Trillern
geht? Ob Du es erfaßt hast? Hierzu -- besonders aber zu der Fertigkeit,
den Ton sicher eine Oktave zu schleudern, -- dazu gehört eine
Hundearbeit für Deine Art Stimme! Und das erfordert eine raffiniertere
Natur als die Deine; denn es liegt wenig oder gar keine
Virtuosenbegabung in unserer Familie -- von meiner Seite eine alte
Bauernsippe, und von Mutters Seite ein Gelehrten- und Handwerkerstamm.
Soll sie aber trotzdem erreicht werden, so muß den Mangel an Vererbung
die unglaublichste Arbeit ersetzen. Und die unermüdliche und doch
vorsichtige Art, wie Du es anpackst, muß, glaube ich, zum Ziele führen.
-- Danke für Zola! Das ist recht! Kaufe alles, was Aufsehen macht! Hast
Du je einen Menschen gekannt wie »die Frau vom Meere«? Was? -- Süße
Bergliot, laß uns bald von Dir hören.
Dein Freund Vater.
Januar 1889.
Liebe Bergliot, das »mit Seele singen« beruht nicht allein darauf, daß
man selbst »Seele« hat, die Gabe poetischer Interpretation von Wort und
Musik besitzt, es beruht darauf, daß einer (oder eine) _gearbeitet hat_.
Solange das Technische noch Schwierigkeiten macht, ist es
außerordentlich schwer, mehr zu erreichen als das Technische; man hat
nicht Zeit zu mehr; man wird gehemmt durch das Bestreben, es »richtig«
zu machen; das übrige muß gehen, wie es will. Aber wenn das Technische
überwunden ist, dann beginnt dem der »Geist« der Sache aufzugehen, der
Gefühl dafür hat. Dieses »_Gearbeitet-Haben_«, so daß man in jedem
einzelnen Teil Herr ist über das Technische, und dabei die seelische
Offenbarung vom Sinn des Stückes hat, das ist Vorbedingung des »mit
Seele Singen«. Wer ungeheuer viel studiert und viel Musik gehört hat,
kommt leichter dazu; schließlich ist das Technische in dem Maß
überwunden, daß man vom ersten Augenblick an einzig mit dem Geist des
Stückes beschäftigt ist; für alle aber gilt es, im Augenblicke der
Wiedergabe außerdem »aufgelegt« zu sein, die Inspiration (Beseelung) des
Vortrags aus der Macht des momentanen Gefühls zu schöpfen. Wer ein
persönliches Leben lebt, wer gebildet ist, so daß sein (oder ihr)
Verständnis feiner und mannigfaltiger ist, legt natürlich _mehr_ hinein,
als jemand, der bloß alle Kunstgriffe kennt und alle Variationen bei
hundert anderen Künstlern gehört hat. _Einzig die ursprünglichen_
Individuen sind es, die dauernd zu erschüttern vermögen; niemand sonst.
Die »reichen« Naturen, die, welche das große Talent in den tausend
Geschehnissen des Lebens geübt haben, deren Herz weich, deren Verstand
scharf, deren Mut sicher geworden ist in Kämpfen ohne Zahl, die meistern
sich selbst, wo sie auch stehen, sie beherrschen das »Aufgelegtsein« wie
Geister, die ihnen Untertan sind; denn das allein heißt: _in sich selbst
zu Hause sein_, ohne daß andere einen stören können.
Vor allem, Bergliot, will das »nicht mit Seele Singen« nur besagen, daß
entweder das Stück so schwer ist oder Dir so neu und ungewohnt, daß Du
nicht in seinen Geist eingedrungen bist, oder auch, daß Du nicht
genügend gearbeitet hast, oder daß im Augenblick etwas Dir im Wege
steht, so daß Du nicht all das herausbringst, was Du sonst in das Stück
hineinlegst.
Ich rate Dir, versuch' in den Geist jedes einzelnen Stückes auf Deine
eigne Weise einzudringen und Dich nicht eher zufrieden zu geben; niemals
aufzuhören bei dem ausschließlich Technischen. Je öfter Du auf diese
Weise Dich selbst erwärmt hast, um so wahrer machst Du es zuletzt. Um so
leichter fällt es Dir von Stück zu Stück.
Gestern bekam ich einen Brief von Franz Beyer, Griegs bestem Freund und
Nachbar, mit den flehentlichsten Bitten, »Olav Tryggvason« für ihn
fertig zu schreiben. Ja, so ist es; alle wollen sie mich ausnutzen,
alle, alle. Ich soll bei allem mit dabei sein, für die Interessen aller.
-- Kürzlich erhielten wir einen ungemein wichtigen Brief von Ejnar, er
gibt gute Ratschläge für den Kampf des Tages hier daheim; als ob er von
China aus eingreifen könnte! -- Björn hat zwei rasend amüsante Sachen im
Dagbl. geschrieben unter der Spitzmarke »Ein Zivilist«.
Ja, nun reißen sie mir den Brief weg. Hier ist Schneesturm; man sieht
nicht zwanzig Ellen weit. Nett.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, jetzt bekommst Du den »Professor«! »Die Unversöhnlichen«
von Garborg ist gar nichts wert. -- Wir lesen täglich Kiellands Blatt;
es ist geschmeidig, flüssig und klug geschrieben. Er ist offenbar für
Politik veranlagt. Gerade jetzt zeigt er sichere Gewandtheit, während
seine ganze Familie sich insolvent erklärt hat; es sieht aus, als
wollten sie wieder festen Fuß fassen, und dabei wird er von allen seinen
mannigfaltigen Kräften als Leiter einer Zeitung unterstützt. Vielleicht
glückt es. »Monogamie und Polygamie« ist in 11000 Exemplaren verkauft
und verkauft sich ständig weiter, also Gift für Bohémiens.
Meine liebe Bergliot, die Sache mit Deinem Heimweh ist wohl auch ein
bißchen Verzärtelung, weil Du niemanden hast, an den Du Dich anschließen
kannst. In dieser Hinsicht ist Paris auch sonderbar; man kann jahrelang
dort leben und kommt nirgendwo hinein. Oder es ist unsre eigne Schuld.
Ich schrieb an Sansot, er solle Dich aufsuchen, vielleicht tut er es. --
Danke dem lieben Werenskjold für seinen Brief. Dank' ihm für all seine
Güte und Treue in dem alten, schweren Jahr, ihm wie seiner Frau! Ich bin
so überbürdet mit Briefen und so gedankenleer, mitten in meiner
Schreiberei, daß es ihm nicht ein Jota nützte, wenn er einen Brief von
mir bekäme. Nicht ein Jota. -- Denke Dir, jetzt ist es erwiesen, daß
noch bis ins vorige Jahrhundert Frauen in allen Handwerken vertreten
waren (wie noch heute in Frankreich!); die Bürgerbriefe wurden auf Mann
und Frau ausgestellt, und sie hatte Spielraum für ihre Talente; erst in
diesem letzten Jahrhundert ist sie auch hier herausgedrängt worden.
Gleichzeitig ist nachgewiesen, daß sie in der ersten christlichen Kirche
Pfarrer war, die Sakramente austeilte, taufte, und daß sie erst im 7.
Jahrhundert und im Mittelalter überhaupt so gewaltig unrein und sündig
wurde, daß sie mit etwas so Heiligem nicht mehr betraut werden konnte.
Und zwei Arten von Einflüssen waren es, die diese Ausschließung
verursachten, ein heidnischer von dem Griechen Aristoteles her, der »das
Männliche« so hoch hielt, und ein christlicher (eigentlich ein Einfluß,
der durch das Judentum in das Christentum kam), wonach die Asketen (die
Selbstquäler) das Weib verfluchten. -- Aber nun sind wir in dem großen
Revolutionsjahr, nun soll es anders werden!
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, nur ein paar Worte in aller Eile! Herzlichen Dank für
Deine treffenden Briefe, die uns jedesmal so viel Neues erzählen. Du
hast doch wohl das siebente und achte Heft von Darwin gelesen. Ist »Die
Entstehung der Arten« ein Weltereignis ersten Ranges, so ist ein so
lebensvoller Einblick in die Werkstätte, wo sie geworden ist, einzig in
der Weltliteratur. Dieses sei die Einleitung für Deine Lektüre. Es
sollen Dir ein paar Bücher von hier zugeschickt werden unter der
Bedingung, daß Du sie an Ejnar weiterschickst. Auch werde ich für Dich
etwas aus dem »Dagblad« herausschneiden, das ich übersetzen ließ und
zurechtgestutzt habe.
Wir bekommen lange prächtige Briefe von Ejnar, und Du kannst Dir denken,
wie es uns freut. Er ist also ebenso frei von aller Art Verlobung wie
Du. So kommt sie -- falls sie kommen soll -- um so reifer und
überlegter, so daß Rücksicht auf eine gesunde Familie und gutes
moralisches und intellektuelles Erbe genommen wird. So etwas darf nicht
länger auf gut Glück und Zufall beruhen. Jonas Lies Buch ärgert mich,
weil er mit seinem Talent sich zum Stile Krohgs und Jägers herabgelassen
hat, der nur Eintagswert besitzt und einen dürftigen Stoff wie die
englischen Blaustrumpf-Romane in die Länge zieht. Das hier sollst Du
Werenskjold wortgetreu vorlesen. Und ihn sollst Du grüßen wie meinen
Bruder, und sie sollst Du umarmen und küssen von mir. Peters älteste
zwei Mädels sind hier zu Besuch bei den zwei jüngsten. Sie sind ganz
prächtig allesamt, und ich denke bei mir selbst -- wenn auch in unserer
Familie Fehler sein mögen wie in den meisten --, stolz und innerlich
wahr ist sie von Grund aus. -- Wie herrlich es jetzt hier ist, das
spottet jeder Beschreibung mit Feder und Pinsel; das mußt Du Werenskjold
sagen. Noch ist der norwegische Winter nicht geschildert, nicht vom
Landschafts- noch Figurenmaler, und am allerwenigsten vom Klein- oder
Stillebenmaler. Nein, bloß ein winziges Stück umzäunten Hofes mit
Aussicht auf die Baumstämme eines Hügels, wo sie so dicht stehen, daß
der Schnee nicht auf den Boden durchschlüpfen kann! Grüß' Inga!
Dein Freund Vater
B. B.
Liebe Bergliot, rasend wenig Zeit; aber ich muß mich schriftlich darüber
ärgern, daß Du zur Belustigung der Skandinavier mitbeiträgst, was nie
etwas anderes gewesen ist als undankbar, und niemals zu etwas anderem
geführt hat als zu schlechter, ekelhafter Kritik und Feindseligkeit und
Mißgunst. Es war ja doch _abgemacht_, daß etwas Derartiges nie vorkommen
sollte. Und jetzt stehst Du mitten drin, und ich bin sicher, Du hast
hinterdrein nur Ärger davon. -- Nun liegt nur wenig Schnee noch längs
der Wege unten auf dem Moor, sonst alles kahl. Wir haben die Maurer
gehabt, die Kuhstall- und die Pferdestallmauer frisch verputzt, den
Keller aufgebrochen, den inneren mit dazu genommen und zum Weinkeller
gemacht, man geht längs der Mauer gegen Süden hinein, gleich unterhalb
der winzigen Kammer, in der das Piano steht. Der Wein liegt unter der
Stube, wo Keilhau und Arve schliefen. Nun kommen die Maler, und da
sollen die Gesindestube und Oles Zimmer in stand gesetzt werden. -- Mit
meinem Schreiben geht es gut augenblicklich und ich bin in blendender
Stimmung. -- Jedesmal, wenn ein Brief von Dir kommt, ist das unser
Höchstes! Ist es aber bloß Gewäsch, so sitzen wir da wie die begossenen
Pudel! Also das mußt Du zu vermeiden suchen. -- Erbärmlicher als es
jetzt seit einer Weile hierzulande war und ist in Moral und Politik,
kann es nicht sein, sollte man denken. Doch ich habe schlimmere Zeiten
erlebt. Ich habe das unredliche Regiment der Rechten erlebt, mit bloß
einem Drittel des Volkes, die aber doch die Macht nicht aus den Händen
geben wollte, ehe sie Bürgschaft dafür hatte, daß sie auch weiterhin
_die_ Macht behielte, wenigstens das zu _verhindern_, was sie nicht zu
fördern wünschte. Und was _wir_ schrieben, war Dreck, und wofür wir
arbeiteten, war Sünde, und wir selber waren schlechte Kerle. Ich werde
in mein Grab steigen müssen als ein schlechter Mensch -- in der
Vorstellung eines Drittels der Leute, mit denen ich in meinem Vaterland
zusammenlebe. Das ist, was _mich_ betrifft, das Ergebnis des langen
Kampfes. Und gerade als wir gesiegt hatten, und die herrschende Mehrheit
waren, spaltete sich auch dieser Haufe in zwei Teile; und wiederum sieht
ein Drittel von ihnen mich für einen schlechten Kerl an. So steht es. --
Der Hof bringt nichts ein, weder unter dem einen Verwalter noch unter
dem andern. Ich muß Löhne und Maschinen und Saatkorn zu all dem andern
bezahlen; der Hof wirft nur das Essen und die Kleider ab. Auf die eine
oder andre Weise muß hier Wandel geschaffen werden. -- Hier daheim ist
es sehr gemütlich; das neue Gesinde einfach entzückend, und es geht so
gut, -- wenn es sich bloß auch lohnte! Aber für Dich in Paris bezahlen,
und den Hof hier, und dann die Schuldenlast darauf, das wird etwas zu
viel für Deinen Freund und Vater. Trotzdem -- es geht schon! -- Ja, leb
wohl denn! Gute Fortschritte, keine skandinavischen Narrenspossen,
Arbeit und gute Musik, voilà!
Dein Freund Vater.