Liebe, süße Bergliot, die Treue, mit der Du an Frau Lürig hängst,
berührt mich sehr angenehm, -- natürlich vorausgesetzt, daß Du sicher
bist, sie kann Dich weiter bringen.
Treue und alles, was einen Menschen darin festigen kann, ist das Mittel,
unser Gemüt und unsern Charakter zu erweitern. Nichts bringt so großes
Leid, aber auch nichts so große Freuden; deshalb führt auch nichts so
viel der Seele eines Künstlers und dem Willen eines Menschen zu. Halt an
der Treue fest, Bergliot, sie ist die Krone des Lebens! Alles andere,
was die Menschen so nennen, ist es _nicht_, -- mögen nun Priester oder
Gott weiß wer sonst es behaupten. _Allein die Treue ist es._ Dabei aber
erhebt sich die Frage: wem schuldet man das Meiste? Also auch die
höchste Treue? _Dem Vaterland._ Unter diesem Namen hast Du Wahrheit,
hast Du alles Gute. Paß' auf, daß Deine Treue gegen die Menschen niemals
in Widerstreit kommt mit Deiner höchsten Verpflichtung. Erst sie, dann
alles andere! -- Ich zweifle nicht, daß gerade _Du_ hierin meinen Spuren
folgen wirst, meine liebe, treue Bergliot, und obwohl die Gelegenheit,
Dir das zu sagen, etwas fern liegt, so benutze ich sie doch. Du bist
außerordentlich pflichttreu (das hast Du wesentlich von Deiner Mutter)
und daraus folgt die Treue gegen andere.
Falls Lies keinen Krieg, _direkt oder indirekt_, gegen _uns_ führen, so
magst Du sie besuchen; aber am liebsten in Arves Begleitung; und dann
müßt ihr zusammen spielen und singen, was ihr uns vorgespielt und
vorgesungen habt; so könnt ihr ihnen ein Stück Sommer von uns bringen
und sie gleichzeitig von uns grüßen.
Dein nervöser Brief an Mutter hat uns sehr erschreckt. Was, glaubst Du,
wird die Folge sein, wenn Du diese Deine Nervosität nicht bekämpfst? Du
mußt mehr an die _Luft_, Bergliot! Sag' lieber Deine Unterrichtsstunden
ab! Hast Du überhaupt Nutzen davon?
Wir haben einen herrlichen Spätherbst, voll Wärme und Sonnenschein, die
Kühe sind noch draußen, und heute schreiben wir den letzten Oktober. Wir
haben ein gutes Jahr gehabt. Aber wir haben den großen Kummer, daß X.
nicht nur lotterig, sondern unredlich gewesen ist. Er hat mir das Geld
durchgebracht zu Tausenden. So werde ich auf alle mögliche Weise
geschunden. -- Ißt Du jetzt gut? Ißt Du Dich ordentlich satt? Vergiß
nicht, das zu beantworten. Lebwohl, mein liebes, süßes Mädel. Und
vergaff' Dich in keinen, sondern komm wieder als unser altes, munteres
Prachtmädel!
Dein Vater und Freund
B. B.