11. Dezember 1887.

Liebe, liebe Bergliot, innigen Dank für den Brief; worüber ich mich am

meisten gefreut habe, war natürlich, daß Du selbst gutes Mutes bist und

an Dich selber glaubst. Da kannst Du sehen, wie recht ich hatte, als ich

meinte, Du müßtest wieder sicherer werden und Dich sicherer fühlen im

Gesang, dies sei der Weg für Dich, um ruhigen, guten Mut zu schöpfen. --

Ja, ich freute mich so hierüber, daß ich nicht so viel Gewicht, als ich

vielleicht gesollt hätte, auf den Umstand legte, daß Du Dich bei Deiner

Dame nicht wohlfühlst. Liebes Kind, scher' Dich den Teufel um die

Person; setzt sie Dir zu oder kannst Du Dich nicht satt essen, so geh

_sofort_ weg. Du bist Dein eigner Herr. Wenn man sich wohl fühlen will,

so ist es durchaus notwendig, daß man es zu Hause behaglich hat, und

selbst wenn Dich Dein Aufenthalt weit mehr kosten sollte, als jetzt, --

lieber das, als wenn Du Dich ärgern mußt oder kaum wagst, Dich satt zu

essen!

Vergiß das nicht!

Ich möchte Dich so gern einmal hier auf der Hochschule haben; es ist die

beste des Nordens, und Schröders sind unsre Freunde von alters her.

Liebste, Du solltest die Mädchen turnen sehen! Das wäre was für Dich, --

_etwas, um ganz und gar gesund zu werden_. Doch davon ein andermal.

Ich habe nun 9000 Kronen Schulden bezahlt und werde noch mehr abzahlen.

Dann haben wir Ruhe. Zu Weihnachten in Kristiania (bei Björns, die sich

rasend freuen), und dann zurück nach Schweden, und aller

Wahrscheinlichkeit nach auch noch nach Finnland. Eine schwere Tournee,

eine große, große Anstrengung, über die ich allein durch Mutters immer

wache Pflege hinwegkomme. Dies in aller Eile. Wieder weiter!

Dein Freund Vater.

Grüße die lieben Heides und Cavlings und Kiellands und Runebergs, und

danke letzteren für die Briefe!

Aulestad, 6. Januar 1888.

Liebe Bergliot, Du müßtest Mutter mit Deiner Büste herumziehen sehen,

aus und ein, wie sie die verschiedensten Standorte, jede Art Beleuchtung

ausprobiert; dann die Treppe damit hinauf, vor den Spiegel, wo die Büste

eine Weile stehen bleibt, dann zu mir herein, damit sie nicht entzwei

gehen soll. Heute wieder von da weg -- ich weiß noch nicht, wohin.

Vermutlich endigt sie vor dem Spiegel im Korridor auf einem eigens dazu

angefertigten Sockel. -- Sie ist fein, die Ähnlichkeit in einem Teil des

Geistigen sicher getroffen; aber das Ganze gewissermaßen _verkleinert_;

besonders die Unterpartie. Immerhin, -- nur ein echter Künstler konnte

sie modellieren. Es ist ganz famos, daß wir sie haben. Danke ihm

vielmals, und innigen Dank Dir, die sie uns geschenkt hat. -- Was Du

über Arve schreibst, freut uns; ich wußte, er würde ein großer Meister

werden. Ich habe sofort den Vater gebeten, ein Darlehen für Arves

Rechnung aufzunehmen; sie muß so groß sein, wie der Junge wünscht! In

zwei Jahren muß er es selbst übernehmen können. -- Und es freut mich in

jedem neuen Brief zu lesen, daß Du Dich mit Deiner Kunst verheiratet

hast, daß eine Fertigkeit nach der andern aus Deinem gewissenhaften

Fleiß im Zusammenleben mit ihr geboren wird. Dieses innige Zusammenleben

ist notwendig. Besonders für Dich; denn es liegt _kein_, absolut _kein_

Erbe von Virtuosität in Dir. Unsere Familie hat _diese_ erarbeitete Gabe

nicht; so daß, falls Du sie erlangst, es allein geschehen kann durch

eine Energie und einen Fleiß, der seinesgleichen in der Familie nicht

gehabt hat. Ohne das geht es nie und nimmer. Und wenn Du auch Deine vier

(oder viereinhalb) Jahre lang singst, Du wirst sehen, Du mußt trotzdem

noch immer weitermachen. Du mußt _das_ schwer erringen, Zoll für Zoll,

was andere leicht nehmen wie im Spiel. Denn Du hast kein Erbe, das Dir

als Sprungbrett dient. Daß Du bereits _so_ viel erreicht hast, muß Dich

aufmuntern, immer weiter zu gehen! Und mit derselben treuen

_Behutsamkeit_; -- die darfst Du niemals außer acht lassen.

Ja, ich bin so glücklich über Deine Fortschritte und Dein Glücksgefühl,

daß Du Dich ihrer selbst bewußt bist, -- ja, das ist gegenwärtig mein

liebster Gedanke. -- Hast Du Darwin, 7. und 8. Heft gelesen? Das ist das

Herrlichste in seiner Art. Stell' Dir vor, -- Einblick zu gewinnen in

die Werkstatt eines so bahnbrechenden, so großen Werks, wie es der

»Ursprung der Arten« ist, eines Werks, das umwälzend gewirkt hat auf das

Gedankenleben der Menschen! Ich lese auch sonst viele herrliche Dinge

gegenwärtig. Und sammle Leute um mich zum Vorlesen. -- Die Politik

ärgert mich gewaltig; ich mag nichts über sie schreiben. Aber hier ist

ein Keimen in der Luft; die Norweger sackt keiner ein!

Dein Freund Vater.

Ich kann mir kein rechtes Bild von den Leuten machen, in deren Haus Du

bist; ich muß Dich mir hinter langen Gardinen in einem leeren Zimmer

denken, wo Kohlen im Kamin glimmen, und sehe nur Schatten an Dir

vorübergleiten. Es wäre hübsch, wenn Du mich auch Menschen sehen und

Stimmen hören ließest.

Es geht uns ja nun gut insofern, als wir Geld für eine Menge kleinere

und größere Bedürfnisse haben, die wir früher nicht befriedigen konnten,

und dazu die Aussicht, in Zukunft sorgloser leben zu können; aber wir

verdienen doch nicht so viel, wie es den Anschein hat. Und all die

Menschen, die wir kennen lernen, und all die Freude, die wir erleben!

Sind wir erst einmal damit durch, so wird es ergötzlich sein, das

Erlebte und Gesehene zu sammeln.

Innig geliebte Bergliot, ich sehne mich so danach, Dich wieder so gesund

und fröhlich zu sehen, wie damals, als Du aus Dänemark kamst.

Hoffentlich wird es auf Aulestad so gemütlich, wie wir es uns für den

Sommer wünschen; ich freue mich von Herzen darauf; aber am meisten auf

die Arbeit, selber mit Steine zu brechen und dadurch mehr Erdreich zu

gewinnen. Irgendeinen Sammelpunkt muß die Familie auch nach unsern Tagen

haben, und das wird wohl Aulestad sein; wir werden versuchen, es so gut

in Stand zu setzen, daß es dem, der den Hof besitzt, auch etwas abwirft.

Erling ist begeistert für die Landwirtschaft, so daß es den Anschein

hat, als müsse er die Aufgabe lösen können.

Wir sitzen nun hier bei Hedlunds, die uns lieben und die wir wieder

lieben. Wir haben an vielen Ecken und Enden der Welt Familien, die uns

geistig verschwistert sind, und ohne die wir uns unser Leben nicht mehr

denken können; wir müssen sie ab und zu besuchen. Wir denken, es soll

auch einmal für Euch ein gutes Erbe sein, die treue Anhänglichkeit all

dieser warmen Menschen. Die Liebsten sind und bleiben uns Hedlunds.

Ich habe eine ganz mächtige Sehnsucht, wieder an meinen Roman zu gehen!

Aber alles läßt sich nicht zu gleicher Zeit tun. Wenn ich doch so gut

verdiente, daß ich den Kauf von Solbakken verantworten könnte; dann

hätten wir eine Behausung für Sommergäste und auch für Erling, wenn er

eine Frau nach seinem Geschmack findet. Wir legten dann Telephon

zwischen den Häusern an, und auch hinüber zu anderen, die mit uns in

Verkehr stehen. Ich will zusammen mit mehreren in der Gemeinde und im

Sanatorium eine Station für Telephon bis nach Lillehammer errichten

lassen. Heutzutage meint man ohne Telephon nicht mehr auskommen zu

können. -- Alle Deine Freundinnen hier lassen Dich grüßen; sie

erkundigen sich sehr nach Deinem Gesang; aber ich kann ja nicht viel

antworten; ich weiß so wenig davon, und im Grunde wirst Du wohl selbst

nicht mehr wissen. So viel scheint mir sicher, daß Du vier Jahre statt

drei wirst studieren müssen, und ich hoffe, ich kann es durchführen.

Meine Ansicht ist: werde vollkommen darin; was für einen Gebrauch Du

später davon machst, ist weniger wichtig; die Hauptsache ist das Talent,

und das Bewußtsein, das Meistmögliche daraus gemacht zu haben.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Mutter ist ein paar Tage unwohl gewesen; aber nun ist es

wieder vorüber. Dank für Deinen letzten Brief. Hier machte in den

Zeitungen ein Brief Cavlings an »Politiken« über Dich die Runde, an dem

kein wahres Wort war. Das ist doch ein Satanskerl! Pack' ihn und hau'

ihn durch! Haben sich Bräkstad und Thommessen in Paris entzweit? Warum?

Sag' es mir! Ferner, erzähl' uns umgehend, was Du mit Mad.

Viardot-Garcia anfängst!

Ich bin in diesen Tagen besonders guter Laune. Ich will so viel und ich

glaube, ich vermag auch noch viel. Und dann glaube ich, wir stehen

wieder dicht vor einem Aufschwung; ich glaube es. Seltsame, starke

ethische Kräfte dringen von allen Seiten herein, strengere Forderungen,

ehrlicherer Wille. -- Was einen angewidert und dabei gepeinigt hat, die

Verräterei im großen und kleinen, hat seinen Hexensabbat gehabt; jetzt

sollst Du sehen, es wird bald Tag. Jedenfalls kann der Mensch nicht

arbeiten, wenn er nicht diesen Glauben hat. Und ich habe ihn! -- --

Dein guter Freund Vater.

Deine Briefe machen uns viel Spaß, liebe Bergliot, und Deine ganze Natur

tritt in jedem einzelnen klar zutage. Du bist die wiedererstandene

Jugend Deiner Mutter mit dem Mehr, das Dir die Gelegenheit zu zeitiger

Entwicklung gegeben hat, die ihr fehlte, die sie aber später nachzuholen

wußte; also für mich bist Du etwas von der Wonne, die ich in den Tagen

meiner Verliebtheit empfand. -- Karl Konow war hier mit seinen

Geschwistern; wie der sich herausgemacht hat! Nie ist er so hübsch

gewesen, so gesund, so unterhaltend. Er hat alle Herzen erobert,

Mutters, meins, Erlings und Keilhaus, der gute Karl. -- Wie entzückend

doch so ein norwegischer Winter ist; für mein Gefühl übertrifft er den

Sommer. Bald sollst Du von Hegel die norwegischen Bücher bekommen, die

zu Weihnachten erscheinen. Ich wollte, ich wäre mit darunter; aber ich

werde bei weitem nicht fertig. Ich schreibe diesmal was Feines. Bitte

keinen Schritt, um mit Lies zusammenzukommen! Ergibt es sich von selbst,

ja; sonst auf keinen Fall. Vergiß ja nicht, Tschernings zu grüßen! --

Sverdrup ist ja jetzt bald erledigt, soviel ich höre. Die Rechte nimmt

nun wohl selbst das Heft in die Hand?! -- Erling ist tüchtig in der

Wirtschaft. Aber Ejnars Brief verrät, daß er in Footchou in zu große

Geselligkeit geraten ist, die gefährlich für Gesundheit und Charakter

werden kann.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, nein, ich bin nicht dafür, daß Du mit Brandes

zusammentriffst. Ich meine, schütze nur Krankheit vor, wenn Du in dieser

Zeit zu Schandorphs oder Cavlings eingeladen wirst; es ist ja auch die

Zeit, in der Du am meisten zu tun hast, -- falls Du durchaus den Juni

über draußen bleiben willst.

Schandorphs Urteil über Literatur und Kunst ist sehr _saftig_, wie sein

Naturell -- kognak-getränkt. Das Urteil der Menschen ist in der Regel

wie ihr Leben, immer wie ihre Natur. -- Was Strindbergs »Julie« uns

zeigt, ist das Experiment eines begabten, aber ungesunden Burschen, der

dasitzt und konstruiert -- und ganz und gar nicht dem Leben folgt.

Folgen wir dem Leben (womit _sie_ sich immer nur brüsten), so ist alles

viel weniger überraschend; Aufsehen wollen sie machen; das ist für sie

Nummer eins. -- Du kannst ganz ruhig sein: so wird die Literatur _nicht_

werden; aber sie ist voll Verschrobenheit und Ziererei so lang auf

Abwegen gewandelt, daß sich mit Recht ein brutaler Protest erhoben hat.

Weißt Du noch, daß Arnljot Gellines Lied, wie er seine Liebste als Beute

in den Wald trägt, seinerzeit als unanständig ausgemustert wurde;

Magnhild war ein Buch über -- freie Liebe; auch Leonarda war das! Ja,

sogar »Es flaggen Stadt und Hafen« ist unanständig. Da mußte die Natur

ihr Recht wieder geltend machen, und das hat sie durch diese Menschen

getan, -- aber so getan, daß nun wieder protestiert wird. Es gibt nicht

viele unter uns, die ihren gesunden Gang gehen! -- Ja, jetzt macht der

Schnee Ernst, zu schmelzen. Auf den Höhen ist schon alles kahl, hier

durch den Hof geht _ein Fluß_; aber das Moor liegt noch unterm Schnee.

Auf dem Altan den ganzen Tag alle, die nicht arbeiten. -- Griegs trafst

Du also nicht. Ich hatte einen Brief von Werenskjold, den ich so

auffaßte, als wolle er diesen Sommer nach Bergen und Griegs malen, und

erst den nächsten nach Aulestad. Ich werde ihm antworten; aber frag'

ihn, ob ich ihn recht verstanden habe. Ich werde diesen Sommer ein

Lustspiel mit Gesang schreiben, und ich denke so halbwegs, Grieg zu

bitten, daß er hierher kommt und zusammen mit mir arbeitet. Aber das hat

noch gute Weile. Das Lustspiel ist nur ein einziger langer, sehr langer

Akt, psychologisch ungemein interessant und heißt »Der König kommt«! Es

steckt mir schon mehrere Jahre im Kopf. Davon sollst Du nächsten Winter

in Paris leben. Ich möchte aber nicht, daß Cavling etwas hierüber in

irgendeine Zeitung bringt; vergiß das nicht! Ach, ist das hier ein

Wetter! Von morgens bis abends, Tag für Tag, Woche für Woche wundervoll!

Ach, wie ich mich in Norwegen wohl fühle! Meine süße, liebe Bergliot,

alles, was Du von Deinem Gesang schreibst, freut mich unbändig. Du

sollst auch auf Solbakken ein Klavier haben!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, gestern hatten wir einen Brief von Ejnar; es scheint ihm

in jeder Hinsicht ausgezeichnet zu gehen; er schickt eine Photographie

von sich selbst mit fünf anderen zusammen, bis auf einen alles

Zollmenschen; es scheinen brave, gutmütige Leute zu sein; aber aus den

Gesichtern zu schließen, scheint Ejnar ihnen überlegen; er hat sich

überhaupt sehr herausgemacht. Es hat auch den Anschein, als würden ihm

schwierige Arbeiten zugewiesen, bei denen eine Verantwortung ist, und er

ist stolz darauf. Von seinen Geldverhältnissen schreibt er, sie stünden

gut. -- Wir haben jetzt »Fräulein Julie« gelesen. Ob wirklich in der

Welt ein Mensch glaubt, daß das wahrscheinlich ist? Hat es jemals

irgendwo zwei Menschen gegeben, die dieses Zwiegespräch gehabt und sich

in einer einzigen Nacht so aufgeführt haben? Oder hat es irgendwelches

Interesse, es sei denn, Sensation zu machen mit etwas, was sonst nicht

die Regel zu sein pflegt? Auch Ibsens Poesie fällt meines Erachtens

allzu stark unter das Ungewöhnliche und rein Unmögliche, um auf die

Dauer, d. h. wenn die Sensation verflogen ist, das allgemeine Interesse

bewahren zu können. Aber mag es damit sein, wie es will, -- Strindbergs

Poesie ist obendrein schmutzig. Er ist selbst ein bedenklicher Kerl, und

das spiegelt seine Dichtung wieder. Es gibt zwei Arten von Büchern, --

solche, die in den Menschen die Freude am Leben, die Sehnsucht nach dem

Guten steigern, und solche, die das nicht tun; die ersten sind gut, die

anderen sind schlecht, so ausgezeichnet und genial sie auch in

Einzelheiten sein mögen. -- Es hat mich rasend gefreut zu hören, daß es

»brillant« geht mit Deinem Gesang. Ja, das hat mich gefreut wie nichts

anderes augenblicklich. Mein lieber Schatz, wie sich das ganze Haus

darüber gefreut hat! Das muß ich Dir sagen: -- Du kannst Dir nicht

vorstellen, wie gespannt ich bin, was daraus werden wird. Nicht auf die

äußerliche Entwickelung, die es nehmen wird, ob Du Opernsängerin wirst

usw.; das mag seinen natürlichen Lauf haben; nein, ob _Du_ die Gabe

erringst, die ich mir für einen Norweger ersehnt habe -- die Gabe, uns

hinzureißen, uns in einen Schönheitstaumel zu versetzen. Uns regelrecht

zu verzaubern. Noch hat keiner sie gehabt. Erringst Du _die_, so werde

ich wieder jung und froh, -- froher, als über irgend etwas, was ich

selbst oder ein anderer geleistet hat. Mutter sitzt und schreibt für

mich ab in diesen Tagen, daß ihr die Finger steif werden und der Körper

krumm und lahm; aber es ist doch ihre liebste Arbeit. Es ist ein Jammer

mit meinem Buch, daß es zu lang wird; aber das läßt sich diesmal nicht

ändern; es soll auch nie mehr vorkommen. Ich will fortan fünf Jahre lang

nichts anderes tun als schreiben, schreiben, schreiben. Und dann punktum

finale! -- Du hättest die Materna hören sollen; _um jeden Preis_. Sie

war Richard Wagners Liebling. -- Es ist wieder Schnee gekommen; also

werden wir das Fest der Schmelze noch einmal haben, vielleicht sogar

noch zweimal. Nett!

Dein Freund Vater.

Aulestad, April 1888.

Ich finde, liebe Bergliot, es wäre eine wahre Sünde, wenn ich Dir nicht

ein paar Zeilen schriebe. --

Mir ist nicht recht klar, weshalb ich an Jonas Lie schreiben soll, nein,

ich tue es nicht. Mir liegt nichts daran, daß Du mit ihnen verkehrst; Du

wirst keine ungetrübte Freude daran haben. Aber wenn _Du_ es durchaus

willst, so würde ich schon eine Form finden können; z. B. jetzt bei

meinem neuen Buch.

Ich sehe, Bräkstad ist in Paris gewesen, um sein Geld loszuwerden, das

leichtsinnige Huhn. Aber er war wohl gemütlich? -- Meine liebe, süße

Bergliot, hörst Du auch genug Musik? Du schreibst nichts darüber; und es

macht mir Sorge, daß Du vielleicht die Maschine nicht mit dem

Verständnis und dem Geschmack ölst, die wir immer aus der Arbeit anderer

gewinnen. -- Du sagst, wir sollen Cavlings danken. Ja, was ist ein Brief

für ein merkwürdig armselig Ding; weder er noch sie zweifeln an unsrer

Dankbarkeit. Wir müssen bei Gelegenheit etwas anderes für sie aushecken.

Aber ich weiß noch nicht was. -- Jetzt beginnt der große

Schneeschmelzprozeß, und der ganze lange, kahle Frühling hinterher ohne

Grün. Haben wir einen Winter ohnegleichen gehabt, so müssen wir jetzt

für ihn büßen. -- Ich glaube annehmen zu können, daß Du jetzt gut

französisch sprichst. Ist das der Fall? Dann könntest Du vielleicht auch

lernen, es korrekt zu schreiben? Ich sehe, Du schreibst immer noch

»brilliant« statt brillant. -- Mutter wird entsetzlich taub, Du; aber

prachtvoll sieht sie aus! Und so gesund ist sie! Sie behauptet, sie

schlafe nicht gut, wenn sie nicht von halb zehn bis acht Uhr

durchschläft! -- Ich lese das 10. Heft von Darwin; hast Du es bekommen?

Wenn nicht, so sag' es mir oder schreibe an Husebye & Comp., Storgaten,

Kristiania. Ich finde, es gehört zum besten, was man in der Welt lesen

kann. Gibt es etwas Französisches, was sich lohnt, so kauf' es, lies es

und schick' es mir! Dann werd' ich es Ejnar schicken. Nichts geht über

einen gemütlichen Schwatz; aber gleich danach kommt ein gutes Buch.

Heute habe ich nichts zu schreiben, ich sitze da mit leerem Kopf, weil

das, was ich drin habe, bei der Erzählung ist und fürs erste nicht

heimkommt.

Dein Freund Vater.

Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen · 第 4 / 28 题