Aulestad, 8. Juni 1887.
Liebe, liebe Bergliot, als Mutter aus Deinem Briefe vorlas, Du hättest
bei der Nachricht, daß mir mein Dichtersold entzogen sei, stundenlang
weinen müssen, da konnt' auch ich die Tränen nicht zurückhalten. Ich sah
Dich vor mir, wie Du weich und bewegt bist; ich liebe Dein Gemüt an Dir,
Bergliot, und bin stolz darauf, daß Du mich verstehst. Dank Dir für Dein
Mitgefühl; Du kannst mir glauben, es hat mir wohlgetan. Ich mußte nach
meiner Pflicht handeln; denn diese schlechten Menschen gingen darauf
aus, mir ebenso zu schaden wie Kielland. Ich gebrauche nicht gern das
Wort »schlecht«; aber hier darf ich es ohne Bedenken.
Dann waren Mutter und ich lebhaft berührt von Deiner schrecklichen Angst
vor einer Untersuchung. Wir fühlen Dir nach, daß es ganz furchtbar ist.
Aber wenn es sein muß, muß es eben sein. Ich freue mich mächtig auf den
Tag, da Du wieder von Gesundheit und Mut strotzen wirst; so warst Du,
ehe diese Sache anfing, und Du mußt wieder die alte werden. Damit ist
die Schamhaftigkeit und Vorsicht durchaus vereinbar, von der das
Seelenleben einer so unverdorbenen Natur, wie Deiner, beherrscht wird.
Du bist von allen unsern Kindern die vollste und _einheitlichste_ Natur.
Daher bist Du unter ihnen auch _das Kind_, um das ich mir die wenigste
Sorge zu machen brauche. Versuche nun, von der Gesellschaft, in der Du
lebst, zu lernen; sie sind so gemessen in ihren Empfindungen und Ideen;
es läßt sich so friedlich und gut mit ihnen leben. Grüße alle aufs
herzlichste. Hast Du auch nicht vergessen, Hegel zu bitten, die Büste
von mir, die Runeberg auf die Ausstellung nach Kopenhagen geschickt hat,
an meine Mutter nach Kristiania zu senden? -- Runebergs sind jetzt auf
ein paar Tage in Kopenhagen. Sie reisen nach Finnland.
Hier ist es unglaublich schön in diesen Tagen, durchaus nicht zu warm.
Geht es _Dir_ gut? Sobald Du untersucht bist, mußt Du schreiben!
Entsinnst Du Dich der Longworthy-Geschichte, die ich Euch aus England
erzählte? Von dem Menschen, der ein junges Mädchen in Belgien heiratete
und recht gut wußte, daß kirchliche Trauung nicht genügend war? Und sie
später nicht mehr kennen wollte? Nun, er hat jetzt geantwortet (er lebt
in Buenos-Aires, Südamerika), und diese Antwort ist vernichtender für
ihn als irgend etwas, was die Frau selbst gesagt oder durch Zeugen vor
Gericht bekundet hat. _Solch ein ausgemachter Schurke!_ -- Hast Du
meinen Aufsatz über Rußland gelesen? Oder soll ich ihn Dir schicken? Du
liest »Verdens Gang« jetzt wohl nicht? Es ist ein Brief an Dich aus
Kopenhagen gekommen; sollte mich wundern, wenn er nicht vom kleinen
Höffding wäre? Du solltest es so einrichten, daß Du so lange wie möglich
in Hamburg bleibst, der Sprache wegen. Und solltest eigentlich schon
jetzt deutsch lernen. -- Ist es nicht drollig, daß Thommessen »Verdens
Gang« gekauft hat, so daß er nun die Hälfte besitzt und zwei andere
Freunde je ein Viertel, und nun soll es eine Tageszeitung werden. -- Du
weißt wohl, daß auch Garborg den Staatsrevisor-Posten verloren hat? Wir
sind also nun drei norwegische Dichter, denen man das Geld wegnimmt,
weil wir nicht dieselben Ansichten haben wie die Majorität. -- Ja, leb'
wohl, liebe, süße Bergliot! Wir wissen, Du machst uns nur Ehre, wo Du
auch bist, und Du wirst heimkehren mit ungeteiltem Herzen für Heimat und
Eltern! Dein Dir innig zugetaner Freund _Vater_.
Dein Björnst. Bj.