»Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!« kreischte es da wieder, und

nun sprang Friede doch auf und sah sich um. In dem Gezweig der Eiche

saß ein blaugrüner Vogel, der mit schief gehaltenem Kopf den Buben

sehr prüfend ansah. Friede mußte an das Märchen vom blauen Vogel des

Glücks denken, das Muhme Lenelies ihm erzählt hatte. War das nun ein

Glücksvogel? Er faßte sich wieder an die Nase: nein, er war doch wach

und träumte nicht mehr, und der Wundervogel gehörte ins Märchenland,

also mußte das wohl hier doch ein anderer sein. Nun sah der Bub aber

auch die feine, goldene Kette, die von dem Fuß des Vogels herabhing.

Gewiß war der Vogel irgendwo ausgerissen. »Lola hat Hunger, Hunger,«

kreischte der Vogel und schlug mit den Flügeln, als wollte er

davonfliegen. Friede besann sich nicht lange. Er nahm rasch sein Brot

aus dem Sack, zerbröckelte ein Stück und streute es für den seltsamen

Gast hin. Der besah sich etwas erstaunt die Sache, hüpfte aber doch

auf einen niedrigen Ast, legte den Kopf auf die andere Seite und

schien sich zu überlegen, ob die Mahlzeit wohl für ein so vornehmes

Tier gut genug sei. In diesem Augenblick griff Friede rasch nach der

Kette und zog daran den Vogel vom Baum. Der war erst so verblüfft, daß

er sich ruhig greifen ließ, plötzlich aber besann er sich und hackte

wütend nach Friedes Hand. »Au!« schrie der Bube laut, hielt den Vogel

aber trotz des heftigen Schmerzes fest und steckte den zappelnden und

laut »Schafskopp« schimpfenden Gesellen kurz entschlossen in seinen

Rucksack. Da war der Herr Papagei gefangen; es half ihm nichts, daß er

schnarrte: »Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu, mach die Tür'

zu!«

Friede lachte: »Sie ist ja zu! Sei du nur still, es wird schon

herauskommen, wem du ausgerissen bist.« Der Bube war nicht so

empfindlich wie Hans Rumps, und die vielen Schafsköpfe, die ihm der

Papagei in seiner Wut zurief, ärgerten ihn nicht. Er lachte darüber,

wie drollig das war, daß ein Vogel sprechen konnte. Gewiß war es ein

Papagei, von diesen Vögeln hatte der Herr Lehrer auch erzählt.

Über des Buben Hand aber rann das Blut, und die Wunde schmerzte heftig.

Friede nahm einen Krug mit Wasser, den er sich immer an der Quelle,

an der er früh vorbeikam, füllte, und wusch die Wunde ab. Der Papagei

hatte ein ganzes Stück Fleisch aus dem Ballen der linken Hand gehackt,

und so weh es tat, Friede dachte doch: »Gut, daß es die linke Hand ist,

da kann ich wenigstens was anfassen.« Der Papagei zappelte in seinem

Gefängnis hin und her, bald fuhr er hier, bald dort mit seinem Schnabel

durch den Stoff und suchte sein Gefängnis zu zerreißen. Friede hatte

einen Bindfaden genommen und damit die Kette an einem niedrigen Ast

angebunden; kam der Vogel aus dem Sack heraus, so mußte er immer noch

eine Weile zerren und beißen, ehe er ganz frei wurde.

Etwas hilflos sah sich Friede nun um. Er wußte nicht recht, was er tun

sollte; seine Herde konnte er nicht verlassen, sie heimzutreiben, war

es zu früh, aber die Hand tat ihm sehr, sehr weh, und er sehnte sich

nach Muhme Lenelies, die so gut solche Schäden zu heilen wußte.

Es war recht gut, daß an diesem Tage Leberecht Sperling auch einmal

aus dem Walde heraus nach dem Buchberg ging, sonst wäre dem armen

Friede die Zeit doch wohl recht lang geworden. Seit ihn der Waldhüter

heimgetragen, war zwischen ihnen beiden eine stille Freundschaft, und

so rief Friede heute auch laut, als er diesen von ferne erblickte:

»Herr Waldhüter, Herr Waldhüter!«

»Na, was soll's denn?« brummte der und kam näher. Friede rannte ihm

entgegen und erzählte ihm rasch von seinem Fange. »Den suche ich doch

gerade, diesen Ausreißer,« schalt Leberecht Sperling. »Unsere Frau

Gräfin ist ganz traurig, und die junge Gräfin heult wie -- wie eine

Dachrinne.« Daß eine weinende Gräfin und eine tropfende Dachrinne

doch recht verschieden sind, störte den Waldhüter nicht, und Friede

fand den Vergleich sehr schön. Leberecht Sperling aber schimpfte auf

den Papagei, auf Friede, auf die verletzte Hand, auf des Waldmüllers

Ziegen, weil die neugierig herbeikamen, auf die Sonne, die zu heiß

brannte, und noch auf alles Mögliche und Unmögliche. Als er genug

geschimpft hatte, sagte er, Friede solle noch ein wenig warten, er

würde nach seinem Hause gehen, das nahe lag, und einen Korb holen

und darin den Papagei selbst nach dem Schlosse tragen. Es dauerte

auch nicht lange, da kam Leberecht Sperling wieder zurück. Er brachte

in dem Korb ein reines Tuch und eine Flasche Arnika mit und verband

Friede unter vielem Stöhnen und Brummen sehr sanft und ordentlich die

Hand, dann holte er aus dem Korb noch einen Topf Kaffee und ein Stück

Striezel heraus, sagte zu Friede mit einer Stimme, als wollte er den

Buben selbst aufessen, er sollte jetzt essen und trinken, nachher

würde er wiederkommen und ihm erzählen, wie er den Papagei nach dem

Schloß gebracht hätte. »Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,« schrie

der Gefangene in seinem Korb. »Freilich wird sie zugemacht,« brummte

Leberecht Sperling ungerührt und trabte los.

Friede saß nicht mehr lange in Einsamkeit und Stille unter der

Eiche. Schwatzend, lärmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt und

hoffnungsvoll kamen ungefähr zwanzig Buben und Mädel angelaufen.

»Friede, wir suchen einen Papagei! Friede, denke nur, er kann sprechen,

und wenn wir ihn fangen, dann kriegen wir was!«

Traumfriede lachte und erzählte nun von seinem Fang, und daß Leberecht

Sperling den Papagei nach dem Schloß getragen hätte. »Das ist doch ein

Märchen,« sagte Annchen Amsee, und ein paar Stimmen riefen: »Er neckt

uns nur.«

Aber Friede verteidigte sich, er zeigte seine verletzte Hand und

erzählte, was der Papagei gesprochen hatte, da mußten es ihm die andern

freilich glauben, daß der Wundervogel bereits gefangen sei. Anton

Friedlich, Krämers Trude und noch ein paar andere sagten ein bißchen

enttäuscht: »Ach, nun kriegt Friede alles und wir nichts!«

»Pfui,« murrte der dicke Friede, »ihr seid neidisch, das ist häßlich.«

Auch Annchen Amsee, Mariandel, Heine Peterle und noch andere riefen:

»Der Friede verdient's doch, gönnt's ihm doch!« Da schwiegen die

kleinen Neidhammel beschämt. Friede aber war rot geworden, an eine

Belohnung hatte er gar nicht gedacht; nun kam's ihm auf einmal in den

Sinn, wie schön das wäre, wenn er Muhme Lenelies etwas mitbringen

könnte. Darüber vergaß er fast die Schmerzen an seiner Hand, und als

Annchen Amsee ihn mitleidig fragte: »Tut's sehr weh?« da lächelte er

tapfer: »Es ist nicht so schlimm!«

Die Kinder beschlossen, auf Leberecht Sperling zu warten. Er würde

zwar brummen, aber das schadete nichts, die Neugier war doch größer

als die Angst vor seinem Schelten. Aber ach, Leberecht Sperling kam

freilich wieder, doch er erzählte gar nichts, er sagte nur ganz kurz

und brummig zu Friede: »Sie lassen schön danken, das Schwatztier ist

gut angekommen!« Dann wandte sich der Waldhüter zu den Kindern: »Daß

ihr mir nicht in den Wald kommt! Hier könnt ihr bleiben. Ob die Kühe,

Ziegen oder ihr auf dem Buchberg herumtrampeln, ist ja gleich!« Weg war

Leberecht Sperling, und alle miteinander sahen ihm geärgert nach.

»Das ist alles?« schrie Heine Peterle endlich empört, und Anton

Friedlich schalt: »Der tut gerade so, als ob jeden Tag ein Papagei im

Walde herumfliegt. Nun gehen wir doch in den Wald.«

Er fand aber keinen rechten Beifall mit seinem Vorschlag. Die Kinder

fanden es viel besser, auf der andern Seite des Buchberges, dort,

wo sich eine kleine Höhle befand, -- Leberecht Sperling nannte es

»ein Loch«, -- Indianer zu spielen, da man doch einmal draußen war.

Schulzens Jakob orakelte: »Wenn wir jetzt heimgehen, müssen wir Aufsatz

schreiben.« Dazu hatten sie alle miteinander herzlich wenig Lust,

und so zogen sie lachend und schwatzend weiter, und bald klang ihr

fröhliches Spielgeschrei zu Friede hin, der still unter der Eiche saß.

Er war ein wenig betrübt und enttäuscht und fühlte wieder heftiger die

Schmerzen in seiner Hand.

Auf einmal raschelte es neben ihm: Waldbauers Mariandel war es, die

zurückkehrte. »Friede,« sagte sie ein wenig verlegen, »ich will dir

frisches Wasser holen für deine Hand, weil du doch nicht fortkannst.«

Überrascht sah der Bube auf. Mit dem Mariandel hatte er immer nur wenig

gesprochen; mal vor einiger Zeit, als der Kleinen ein Buch in den

Schmutz gefallen war, da hatte er sie getröstet und sie heimgebracht.

Mariandel nahm Friedes Wasserkrug, lief zur Quelle und kam vergnügt

wieder; sie tat ordentlich wichtig wie eine kleine Krankenpflegerin.

Dann saßen sie beide unter der Eiche, und Friede begann seiner

Gefährtin von den Geschichten zu erzählen, die er am Morgen geträumt

hatte. Mariandel lauschte andächtig, sie sah mit ihren großen

Kornblumenaugen ernsthaft zu Friede auf, und wenn der einmal Atem

holte, flüsterte sie rasch: »Ach, bitte, weiter!«

So saßen die beiden friedlich zusammen. Sie sagten es einander nicht,

aber sie fühlten es beide, daß sie von dieser Stunde an gute Freunde

waren. Der Nachmittag verging ihnen schnell genug, und sie waren

beinahe erstaunt, als die andern spielmüde zurückkamen und mahnten, es

sei Zeit heimzukehren. Friede trieb seine Herde zusammen, und vergnügt

zogen alle dem Dorfe zu. Als Friede dann Muhme Lenelies sein Abenteuer

erzählte und von der entgangenen Belohnung sprach, fragte die sonst so

freundliche Muhme ganz ernst und streng: »Hast du's um eine Belohnung

getan?«

»Nein,« sagte Friede beschämt.

»Na, das wäre auch noch schöner gewesen,« schalt die Muhme. »Nä, nä,

nur nicht immer alles gleich aufs Belohnen ansehen, dabei kommt nischt

Rechtes raus. Und nun geh ins Bett und sei vergnügt, daß du jemand hast

einen Gefallen tun dürfen! Damit basta!«

Und Friede kroch geschwind und fröhlich in sein Bett und verschlief

selbst die Schmerzen an seiner Hand. Es war doch ein reicher, schöner

Tag gewesen: er hatte einen Wundervogel gefangen und eine liebe kleine

Freundin gefunden.

[Illustration: Papagei]

[Illustration: Dekoration]

Ferienarbeiten, und was daraus wird.

Man fängt nicht immer einen seltenen Vogel, und nach sehr

ereignisreichen Tagen kommen mitunter recht stille Stunden. Dies merkte

Traumfriede so recht am Tage nach seinem glücklichen Fange. Er saß

wieder am Buchberg und war ein bißchen unruhig und erwartungsvoll, weil

er dachte, irgend etwas oder irgend jemand müßte kommen. Aber kein

Papagei, kein Waldhüter, keine fröhlichen Schulkameraden ließen sich

sehen, ja selbst die Sonne kam den ganzen Tag nicht zum Vorschein. Früh

war es trübe gewesen, und am Nachmittag war es immer noch grau und

trübe, es regnete nicht, der Wind wehte auch nicht, und alle Vögel,

Eichhörnchen und Häslein, und was sonst einmal an Friede vorbeigehuscht

war, blieben ebenfalls unsichtbar. Alles in allem war es eigentlich

etwas langweilig. Zum ersten Male fand es Friede recht still und

einsam, und schließlich nahm er sich seine Bücher vor und begann seine

Ferienarbeit ins Unreine zu schreiben.

Um die gleiche Zeit wanderte Muhme Lenelies nach Schloß Friedheim. Am

Morgen, bald nach Friedes Weggang, war Leberecht Sperling bei der alten

Frau gewesen und hatte ihr gesagt, sie möchte doch einmal zur Frau

Gräfin kommen. Warum, das sagte der Waldhüter nicht, das war ihm zu

beschwerlich, er war schon wieder draußen, ehe sich die Muhme von ihrem

Erstaunen erholt hatte. »Na, ist recht,« dachte diese, »werd's schon

erfahren.« Sie versorgte noch ihre Ziege Friederike, brachte ihr Häusel

in Ordnung und trat dann ihren Weg an.

Muhme Lenelies war eine schlichte, bescheidene Frau, gehörte aber

nicht zu den Menschen, die vor einem, der reicher und höher gestellt

ist, gleich allen Freimut verlieren. »Jedem die Ehre, die ihm gebührt,

aber nicht vergessen, daß wir Menschen vor unserm Herrgott alle gleich

sind,« pflegte sie wohl zu sagen. Unter allerlei guten, freundlichen

Gedanken verging der Muhme der Weg rasch, und bald lag das Schloß vor

ihr. Sie fragte höflich und bescheiden nach der Frau Gräfin, und ein

Diener führte sie gleich in ein hohes, schönes Zimmer.

In einem blanken Messingkäfig saß nun wieder gefangen der Papagei. Als

der die fremde Frau erblickte, schlug er mit den Flügeln und rief recht

unhöflich: »Schafskopp, Schafskopp!«

»Na,« sagte Muhme Lenelies ganz ruhig, »ich dächte, du wärst eher

einer. Wozu brauchst du denn auszureißen?«

»Das stimmt,« sagte lachend jemand hinter der Muhme. Es war die Gräfin

selbst, die leise eingetreten war. Freundlich reichte sie der alten

Bauernfrau die Hand, und dann saß Muhme Lenelies, sie wußte selbst

nicht wie, auf einmal auf einem wunderschönen, weichen Samtstuhl

und erzählte vergnügt, als müßte es so sein, von ihrem Friede. Sie

erzählte, wie der Bube zu ihr gekommen war, und wie lieb, brav und

fleißig er sei, und weil die Frau Gräfin so aufmerksam zuhörte,

erzählte sie auch von dem Wintertag, an dem der Bube im Schneesturm den

weiten, weiten Weg gelaufen war, um ihr die Medizin zu holen.

Ganz still hörte die Gräfin zu, dann fragte sie noch allerlei, auch,

was der Friede wohl einmal werden wollte. »Du meine Güte,« sagte Muhme

Lenelies bescheiden, »was soll er werden! Ein rechtschaffener Arbeiter

hoffentlich. Freilich, freilich, so'ne Buben die haben immer mächtig

große Rosinen im Kopf. Da ist der Heine Peterle, der sagt, er möchte

mal General werden, und Schnipfelbauers Fritz, dem die Unnützigkeit

schon aus den Jackenärmeln herausguckt, meint, zu einem Doktor würde

er's schon bringen.«

»Und der Friede?« fragte die Gräfin noch einmal.

Muhme Lenelies wurde ein wenig rot, dann sagte sie halb lachend, halb

verlegen: »Na ja, der ist erst recht ein Hochhinaus, obgleich er ja

sonst ein ganz bescheidener Bube ist, der -- der -- nä, die Frau Gräfin

müssen ihn dann nicht für eingebildet halten, er möchte ein Lehrer oder

ein Bücherschreiber werden.«

Die Gräfin lachte und meinte: »Da wird er freilich noch viel lernen

müssen.« Sie fragte sie noch dies und das, dann brachte ein Diener

einen vollgepackten Handkorb herein, den übergab die Gräfin der alten

Frau und sagte freundlich: »Lassen Sie und Ihr Friede sich das gut

schmecken, was in dem Korbe ist.«

Muhme Lenelies war ganz verwirrt; sie dankte etliche Male, hörte es gar

nicht, daß der Papagei sie um ein Küßchen bat, und dann war sie wieder

draußen und war ordentlich niedergeschlagen, weil sie ihrer Meinung

nach nicht genug gedankt hatte.

Als Friede am Abend heimkam und alle Herrlichkeiten anschaute, -- es

waren Kaffee, Zucker, Schokolade, Wurst und noch viele andere gute

eßbare Dinge in dem Korb gewesen, -- tanzte er vor Freude in der Stube

herum. »Nun war der Papagei doch ein Glücksvogel!« jubelte er. »Oh,

Muhme Lenelies, was für wunderschöne Ferien habe ich!«

Die Ferien benahmen sich nun nicht mehr anders, als sich Ferien leider

benehmen. Schwipp, schwapp waren sie zu Ende, und an einem Montagmorgen

liefen die Oberheudorfer Kinder wieder ihrem roten, leuchtenden

Schulhause zu. Sie saßen wieder auf ihren Bänken, hier die Mädel, da

die Buben, hinten die Großen, vorn die Kleinen. Und der Herr Lehrer,

der verreist gewesen war, stand da, schaute in all die blinkeblanken

Kinderaugen und fragte: »Na, waren die Ferien schön?«

»Ja!« schrieen alle miteinander, und alle Ferienlust und Ferienfreude

klang in dem Ruf noch mit. Am lautesten aber schrie Friede, und seine

Augen strahlten wie ein Paar Sterne. Dann begann die Stunde. Zuletzt

sprach der Herr Lehrer: »Nun sollen noch einige von euch uns ihren

Aufsatz vorlesen. Heine Peterle, fang mal an!«

Heine Peterle bekam einen Kopf, so rot wie ein ganzes Büschel

Feuernelken, und stotternd las er: »Es war furchtbar schön. Dreimal

mußte ich aufs Feld. Viermal gab's Kuchen. Es hat mir am besten

gefallen, daß der Papagei immerfort Schafskopf schriete.«

»Schreite!« tuschelte Schulzens Jakob.

»Schreite,« stotterte Heine Peterle.

»Hat geschriet!« flüsterte der dicke Friede.

»Hat geschriet!« stammelte Heine Peterle.

»Schrie!« sagte der Herr Lehrer und runzelte ein wenig die Stirn. »Nun

lies weiter!«

Heine Peterle riß die Augen weit auf, seufzte schwer und murmelte

bedrückt: »Ich -- bin fertig.«

»Na, das muß man sagen,« rief der Herr Lehrer, »angestrengt hast du

dich nicht.«

»Nä,« bekannte Heine Peterle ehrlich und fiel mit der Nase beinahe auf

sein Pult.

»Wir sprechen nachher noch miteinander,« sagte der Lehrer streng.

»Annchen Amsee, lies du vor!«

Annchen las. Sehr lang war ihr Aufsatz auch nicht, auch sie hatte von

dem verflogenen Papagei geschrieben. Dann kam der blaue Friede dran,

der hatte die gleiche Geschichte erzählt. Ein Berenbacher Bube hatte

eine Fahrt nach der Stadt beschrieben, ein Mädel einen Besuch bei der

Großmutter. Zuletzt rief der Herr Lehrer Traumfriede auf, und rasch

wisperten ein paar Stimmen: »Der hat auch den Papagei.«

Aber Friede hatte den Papagei nicht in seinem Heft. Der Bube hatte

einen Tag im Walde beschrieben. Von Bäumen und Blumen, von der Sonne,

dem Wind, dem Gesang der Vögel und den schneeweißen Ziegen hatte er

erzählt; von dem alten Hünengrab und denen, die darin schliefen, und

deren Singen und Sagen an sonnenhellen Tagen im Walde zu hören war.

Wie ein Märchen klang es. Alle hörten ganz andächtig zu, und als Friede

geendet hatte, da sahen ihn alle verwundert an. Nein, so einen Aufsatz

hatte kein anderes Kind geschrieben, das war ja beinahe, als hätte

Muhme Lenelies eine Geschichte erzählt.

Der Lehrer sagte nichts weiter, er nickte Traumfriede nur sehr

freundlich zu, so freundlich, daß in dem Herzen des Buben die Hoffnung

erwachte, eine besonders gute Zensur zu erhalten. »Nun gebt mir alle

eure Hefte ab,« gebot der Lehrer, und da ertönte auch schon draußen das

Bimbaum der Schulglocke.

Etliche Minuten später standen alle Buben und Mädel draußen vor der

Schule und schwatzten noch ein Weilchen hin und her, denn so ein erster

Schultag nach den Ferien ist doch eine wichtige Sache.

Plötzlich rief Anton Friedlich ganz laut und patzig: »Traumfriede kann

gut Aufsätze schreiben, wenn er sie sich von Muhme Lenelies machen

läßt.« Und gleich riefen ein paar andere Buben- und Mädelstimmen:

»Pfui, das darf man doch nicht!«

Traumfriede war totenblaß geworden. Er war so ein ehrlicher,

aufrichtiger Junge, daß der Gedanke, seine Arbeiten nicht allein

zu machen, ihm nie gekommen wäre. Der leichtfertig ausgesprochene

Verdacht kränkte ihn so tief, daß er gar nicht sprechen konnte. Als

sei ihm die Kehle zugeschnürt, so war es ihm, und er kämpfte mit den

heiß aufsteigenden Tränen. Da sagte auch Heine Peterle, der sich

wegen seiner schlechten Arbeit schämte, ein bißchen hochfahrend: »Na,

abschreiben würde ich nicht. Pfui, wie ruppig!«

Schwapp hatte er eine Ohrfeige bekommen, er wußte nicht wie, und

Traumfriede wandte sich nach dieser Tat bleich mit funkelnden Augen

von Heine Peterle zu Anton Friedlich: der flog in den Sand wie ein

Gummiball. Die andern Kinder stoben erschrocken auseinander, so hatten

sie den sonst so freundlichen, sanften Traumfriede noch nie gesehen.

Der Bub sah aus, als wollte er seine sämtlichen Schulgenossen in den

Sand werfen, und alle Buben und Mädel erhoben ein wildes Geschrei. »Er

hat doch abgeschrieben,« schrieen einige, und Anton Friedlich, der

wieder aufgestanden war, brüllte laut: »Jawohl, sonst wäre er nicht so

wild. Pfui, pfui!«

In all das laute Stimmengewirr hinein tönte ein sanftes Stimmlein: »Er

hat es bestimmt nicht getan, er schreibt gewiß nicht ab!« Niemand hörte

sonderlich auf Waldbauers Mariandel, nur Friede hatte der Freundin

Stimme gehört. Die brachte ihn etwas zur Besinnung, und er begann sich

seiner Heftigkeit zu schämen. Er sagte kein Wort, aber er drehte sich

verächtlich um und rannte weg, so blitzschnell, daß die andern ihm erst

ganz verdutzt nachsahen. Aber dann erhoben Anton Friedlich und Heine

Peterle ihre Stimmen: »Er reißt aus, er reißt aus, pfui, er reißt aus!«

Und Mädel und Buben, die Großen und die Kleinen rannten alle lärmend

hinter Friede her.

Der Bube aber war bei seiner eiligen Flucht auf ein unerwartetes

Hindernis gestoßen. Mitten auf der Dorfstraße vor der Schmiede

stand ein stattlicher Wagen, und an dem Wagen stand die Frau Gräfin

Dachhausen und sprach mit dem Schulzen. Etliche Dorfleute standen

dabei, auch Muhme Lenelies hatte sich dazugesellt. Die Gräfin kam mit

ihrer Begleiterin von einer Spazierfahrt zurück. Unterwegs hatte das

eine Pferd ein Hufeisen verloren, nun sollte der Schmied das Tier

frisch beschlagen. »Nä, Friede,« rief Muhme Lenelies entsetzt und hielt

ihren Pflegesohn geschwind am Jackenärmel fest, »warum rennste denn so?

Man läuft doch die Menschen auf der Straße nicht um!«

Friede blickte sich ganz verstört um; er sah die Frau Gräfin, die

erstaunten Gesichter der andern, hörte das immer näher kommende

Geschrei seiner Kameraden, und eine wilde Verzweiflung ergriff ihn.

Nun würden es alle hören, daß man ihn für einen Abschreiber, einen

Lügner hielt. Er klammerte sich an Muhme Lenelies an und brach in ein

verzweifeltes Schluchzen aus.

»Friede, mein Junge, ih, was fehlt dir denn?« rief die alte Frau

besorgt, und die Gräfin fragte freundlich: »Ist das der Bube, der

meinen Papagei gefangen hat? Warum weint er denn so?«

Die ganze lärmende, schreiende Schuljugend war jetzt herangekommen. Als

sie die allen bekannte Gräfin erblickten, blieben sie aber doch ganz

verdattert stehen, und ihr Schreien verstummte. Nur ein Stimmlein hob

sich wieder mutig aus der Schar heraus, und diesmal wurde es von allen

gehört; Mariandel rief: »Er hat es nicht getan, er tut so etwas nicht.«

»Was soll denn mein Friede getan haben? Warum verfolgt ihr ihn?« fragte

Muhme Lenelies aufgeregt. Ihre sonst so freundlichen Augen blitzten

drohend die Kinder an, und die wurden ganz verlegen; eins sah betreten

das andere an, und etliche, die vorn standen, suchten sich hinter den

andern zu verstecken. Endlich aber trat doch Anton Friedlich vor und

wollte erzählen, was Friede getan haben sollte. Gleich fielen zwei,

drei andere Stimmen ein, und dazwischen rief Mariandel wieder: »Er hat

es nicht getan.« Annchen Amsee und Krämers Trude riefen nun auch der

Freundin nach: »Er hat es nicht getan!«

»Potzwetter noch einmal, macht nicht so'n Geschrei,« brüllte jetzt der

Schulze die Kinder an. »Was soll denn die Frau Gräfin von unserm Dorf

denken? Jakob, komm mal vor und sag, was los ist, aber geschwind und

kurz, sonst sperre ich euch alle zusammen ein!«

Das half. Jakob trat vor und erzählte etwas stotternd und verlegen

von Friedes Aufsatz, und was Anton Friedlich und Heine Peterle gesagt

hätten, und daß Friede gleich wild geworden sei.

»Es ist nicht wahr!« Friede löste sich aus Muhme Lenelies' Armen, rot,

heiß, mit blitzenden Augen stand er da. Er schämte sich unsagbar, daß

er so verklagt wurde, aber Mariandels Ruf und Muhme Lenelies' Nähe

hatten ihm seinen ganzen Mut zurückgegeben. Er reckte sich stolz und

gerade auf, wie ein kleiner Held schaute er sich um und rief noch

einmal laut mit klingender Stimme: »Es ist nicht wahr, was sie sagen,

ich habe die Arbeit bestimmt allein gemacht, aber« -- er stockte

einen Augenblick, dann fuhr er tapfer fort -- »Heine Peterle habe ich

geschlagen und Anton Friedlich hingeworfen!«

»Nu guck einer den Buben an,« brummelte vergnügt der Schulze, »wie ein

richtiger kleiner Kampfhahn steht er da.«

»Seine Arbeit hat er allein gemacht,« erklärte Muhme Lenelies laut und

ernst, »das muß ich doch wissen. Lügen tut mein Friede überhaupt nicht.

Freilich so wild um sich zu hauen, das brauchte er nicht.«

»Ich denke,« sagte nun die Gräfin, die still zugehört hatte, »ihr

vertragt euch miteinander. Wer einen Kameraden unrecht beschuldigt, ihn

gar einer Falschheit und Lüge zeiht, verdient zwar mehr Strafe als eine

Ohrfeige und einen Puff, aber weil Friede auch gleich zu heftig war,

werdet ihr euch wohl gegenseitig verzeihen.«

Das gütige Wort stellte den Frieden wieder her. Die meisten Buben und

Mädel schämten sich ohnehin, daß sie gleich Anton Friedlichs bösem Wort

geglaubt hatten, besonders Heine Peterle. Er war herzlich froh, daß er

mit dem Kameraden wieder gut sein konnte, und schüttelte Friede ganz

vergnügt die Hand, so herzlich, als sei eine Ohrfeige mindestens ein

Stück Kuchen. Anton Friedlich aber riß aus. Er war ein Trotzkopf und

ging mitunter tagelang einsam und verärgert herum, ehe er es fertig

brachte, sich mit jemand auszusöhnen. »Er fährt am schlimmsten dabei,«

sagte Muhme Lenelies, als sie mit Friede und Mariandel heimging. »Trotz

quält allemal den, der trotzig ist, am meisten. Und nun, Friede, bringe

Mariandel heim, und dann komm geschwind zum Essen.«

Hand in Hand liefen die Kinder nach dem Waldbauernhof. Friede war

ordentlich stolz auf seine tapfere Freundin, und an dem Hoftor sagte er

treuherzig: »Ich danke dir!«

»Du, Friede, ich weiß was!« Mariandel hopste von einem Beinchen auf das

andere, und ihre Kornblumenaugen strahlten den Freund lustig an.

»Was weißt du denn?«

»Ach, was Feines, was Feines! Rate mal!« Aber ehe Friede noch seinen

Mund auftun konnte, flüsterte Mariandel schon rasch: »Die Frau Gräfin

liest deinen Aufsatz. Ich hab's gehört, sie hat's zu der andern Dame

gesagt.«

Friede wurde blutrot und sah so unglücklich drein, daß Mariandel

erschrocken fragte: »Freust du dich nicht?«

Der Bube schüttelte den Kopf. »Ich schäm' mich so, ich schäm' mich so,«

stammelte er, und dann lief er geschwind weg und ließ Mariandel stehen.

Die Kleine sah ihm traurig nach, ihr war es zumute, als sei sie mit

ihrem Sonntagskleid ins Wasser gefallen.

Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen · 第 9 / 11 段