Muhme Lenelies ärgerlich sagte: »Na, das ist schon wie beim Bader, wenn
der'n Zahn rausziehen will, just grad' so muß ich dir die Worte aus
dem Mund ziehen. Jetzt red' mal fix und sag, warum du so ein Gesicht
machst, als müßtest du sechs Mühlsteine als Vesperbrot verzehren!«
[Illustration: Muhme Lenelies und Friede]
Da erzählte Friede kleinlaut, was Mariandel ihm verraten hatte. Muhme
Lenelies lachte herzhaft: »Na, was schadet das? Eine Arbeit, die man
recht getan hat, braucht man doch nicht zu verstecken. Wenn die Frau
Gräfin die Arbeit liest und ist zufrieden, dann freue dich, aber bilde
dir nicht gleich ein, ein wichtiger Bube zu sein. Na, und wenn die
Arbeit der Frau Gräfin nicht gefällt, dann mußt du dir halt immer noch
mehr Mühe geben. So, und nun iß dich ordentlich satt, und nachher
wollen wir beide Kräuter und Pilze suchen gehen.«
Nach dieser Rede der Muhme schmeckte dem Friede das Essen gleich
prachtvoll, und fröhlich rüstete er sich dann zum Waldgang. Er durfte
Mariandel dazu holen, und die Kleine wurde darüber auch wieder
vergnügt; mit Muhme Lenelies in den Wald zu gehen, war eine lustige
Sache. Die alte Frau wußte so viel zu erzählen von allen Bäumen
und Blumen des Waldes, es war immer, als blätterte sie Seite für
Seite eines großen Bilderbuches um. An diesem Tage sagte Friede mit
nachdenklicher Bewunderung: »Weißt du, Muhme, wenn du mir wirklich bei
meiner Arbeit geholfen hättest, da wäre sie schon besser geworden. Ich
glaube, niemand auf der ganzen Welt kann feiner erzählen als du.«
Die Muhme lachte schelmisch: »Na, seh einer den Schmeichler an! Aber
wer weiß, Friede, gar lernst du's auch noch mal. Aus einem Traumfriede
kann schon ein Geschichtenerzähler werden. Doch nun flink, Kinder,
sucht Pfifferlinge! Dort wachsen welche, und wenn ihr brav sucht,
erzähle ich euch zum Schluß noch eine Geschichte. 's ist mir just eine
eingefallen.«
Flink suchten alle drei. Die Muhme fand Kräuter und die Kinder jedes
ein Säcklein Pfifferlinge. Ganz stolz schaute Mariandel auf ihren
Fund: »Das gibt ein Abendessen!« Ehe sie heimgingen, setzten sie sich
noch alle drei am Waldrand nieder. Ein Baumstamm lag da, der kürzlich
gefällt worden war, und auf dem noch mehr Buben und Mädel Platz gehabt
hätten. Es war, als hätten das des Schulzen Kinder Jakob und Röse und
Heine Peterle gewußt, sie kamen gerade von Niederheudorf heim, am
Waldrand entlang. »Kommt her, Muhme Lenelies erzählt uns was,« rief
Friede. Das ließen sich die drei nicht zweimal sagen. Sie waren da,
als hätte ein Windstoß sie hergeweht, und setzten sich auch auf den
Baumstamm, Heine Peterle so einträchtig neben Friede, als hätten sie
sich nie gestritten. Muhme Lenelies nickte: so war es recht, Bösesein
und Unfrieden konnte sie nicht leiden, und mit einem kleinen lustigen
Schelmenlachen begann sie die Geschichte vom unsichtbaren Kaspar zu
erzählen.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Burg von Berenbach]
Der unsichtbare Kaspar.
(Ein Märchen.)
Oben bei Berenbach, ein bißchen weiter in den Wald hinauf, stand, wie
ihr wißt, vor Zeiten eine Burg. Jetzt ist nur noch ein kümmerliches
Mauerrestchen davon da, früher aber war es eine stattliche Burg. Sie
gehörte einem reichen Grafen, der rings im Lande noch viele Schlösser
besaß. Auf der Burg wohnte er nur selten; sein Vogt, ein braver,
schlichter Mann, bewohnte mit den Seinen darin etliche Zimmer. Des
Vogtes einziger Bube hieß Kaspar. Das war ein Bube, der immer zu
hundert Dingen Lust hatte, aber nie zur Arbeit, wie das ja manchmal bei
Buben vorkommen soll. Am liebsten trieb er sich im Walde herum, immer
mit dem heimlichen Wunsch, einmal ein Abenteuer zu erleben. Damals gab
es noch Zwerge, Wichtlein, Waldweiblein und Nixen, und der Kaspar hätte
zu gern mal so ein kleines, seltsames Männlein oder Weiblein gefangen.
Und einmal, es war gerade am Johannistag, lief dem Buben wirklich so
ein kleiner Wichtel in den Weg, und Kaspar ergriff ihn flink und hielt
ihn fest, so sehr das Männlein auch zappelte und schrie. »Was willst du
denn von mir?« rief der Wichtelmann böse, »laß mich doch gehen! Dummer
Bube du, mit deinen groben Tatzen zerdrückst du mich ja!«
»Nä,« sagte Kaspar, »los lasse ich dich nicht, erst mußt du mir was
schenken. Meine Großmutter hat erzählt, die Wichtelleute wüßten
Farnsamen zu finden, der unsichtbar machen soll; gib mir etwas davon.«
»Meinetwegen,« sagte der Wichtelmann, »den sollst du haben. Heute ist
Johannisnacht, da werde ich welchen für dich suchen, morgen um diese
Zeit kannst du ihn dir holen. Hier auf diesem Baumstumpf wird ein
silbernes Döschen liegen, darin ist Farnsamen. Aber merke wohl, wenn du
einem Menschen davon erzählst, verliert der Samen seine Kraft; solange
du schweigst, kannst du dich immer unsichtbar machen, wenn du das
Döschen bei dir trägst. So, nun laß mich los!«
Kaspar ließ das Wichtelmännlein los; er wußte, die kleinen Waldleute
hielten, was sie versprachen. Am nächsten Tage konnte er es kaum
erwarten, wieder in den Wald zu kommen. Endlich war es Zeit, und er
rannte so geschwind in den Wald, als hätte er mit einem Hasen einen
Wettlauf verabredet. Da war die Stelle, wo er gestern den Wichtelmann
gefangen hatte, da der Baumstumpf, und richtig lag das silberne
Döschen darauf. Kaspar nahm es, steckte es ein und rannte nicht minder
geschwind heim; er mußte doch sehen, ob er wirklich unsichtbar war. Der
Vogt war mit den beiden Knechten zur Heuernte ausgezogen, die Mutter
war in der Waschküche mit den Schwestern, und nur die Magd kam gerade
über den Hof, als Kaspar zurückkehrte. Geschwind stellte der sich
im Haus auf und dachte: Ich will sie mal erschrecken. Die Magd trug
einen Korb voll Holz, und mit kräftigem Schwung schüttete sie das Holz
gerade dahin, wo Kaspar stand. »Au!« schrie der Bube, denn die dicken
Buchenscheite waren ihm auf die Füße gefallen. »Na, wer schreit hier
denn?« rief die Magd und sah sich erstaunt um. Da merkte Kaspar, daß er
wirklich unsichtbar war. Er rieb sich sein Knie, das ganz wund gestoßen
war, und humpelte nach der Waschküche; er gedachte nun den Schwestern
einen Schabernack zu spielen, von der Magd hatte er vorläufig genug.
Als er die Waschküche betrat, goß seine Mutter gerade das schmutzige
Waschwasser aus. Man machte das damals sehr einfach: schwapp! wurde
es zur Türe hinausgeschüttet, es konnte ja dann, wenn es Lust hatte,
den Burgberg hinunterlaufen. So ein voller Eimer Waschwasser traf nun
gerade Kaspar; seine Mutter sah ihn ja nicht, und so bekam er das warme
Seifenwasser über den Kopf. »Huhuhu!« heulte er.
»Der Kaspar schreit draußen,« riefen seine Schwestern und schauten
hinaus, erstaunt, daß der Bruder nicht da war.
»So ein Wildfang,« sagte die ältere, »nichts als Dummheiten hat er im
Kopf. Er könnte wahrlich schon dem Vater helfen.«
»Ja, es ist schlimm mit ihm, er ist ein rechter Tunichtgut,« erwiderte
die jüngere.
Da lief Kaspar wütend fort; patschnaß war er, und gescholten wurde
er auch noch, das ging ihm doch über den Spaß. Er legte sich in das
Burggärtlein und schaute sich die Wolken an. Es sah ja niemand, daß er
faulenzte.
Zum Abendessen kam er erst wieder. »Jetzt sollen sie einmal alle
staunen,« dachte er und nahm sich vor, sich eiligst die besten Bissen
aus der Schüssel zu nehmen. Er setzte sich vergnügt auf seinen Platz.
Der Vater sprach das Tischgebet und sagte dann: »Nehmt Kaspars Stuhl
weg! Wer nicht zur rechten Zeit kommt, braucht nicht zu essen.«
Schweigend nahm der Knecht Hermann den Stuhl mit dem unsichtbaren
Kaspar und stellte ihn in eine Ecke. »Potzwetter, ist der Stuhl
schwer,« rief er verblüfft und schüttelte ihn ordentlich, da plumpste
Kaspar ziemlich unsanft herunter. Alle sahen erstaunt auf. Was war das
eben gewesen?
Kaspar stand wütend auf. Er hatte sich den Arm verrenkt, dazu war er
noch immer naß, sein Bein tat ihm weh, und sein Magen knurrte gewaltig.
An den Tisch wagte er sich nicht mehr, obgleich er sehr hungrig war.
Er schlich sich hinaus, suchte sich ein Stück Brot in der Küche, und
dann dachte er patzig: »Nun werde ich Hermann zur Strafe recht ärgern!«
Er legte sich also in das Bett des Knechtes und schlief auch bald ein.
So fest schlief er, daß er gar nicht hörte, als der Knecht in die
Kammer kam, sich auszog und sich auch in das Bett legte. »Uff!« stöhnte
Kaspar, denn Hermann hatte sich ihm gerade auf das Bäuchlein gelegt.
Hui, fuhr der Knecht empor. »Zum Kuckuck, was ist denn das hier?«
schalt er. »Das schreit ja, und etwas liegt im Bett, und dabei seh'
ich doch nichts!« Bums, drehte er sich rechts herum, bums, links herum,
er puffte und stieß, und Kaspar flog jäh in einem weiten Bogen wie ein
Federball zum Bett hinaus. Er rollte an die Kammertür, die flog auf,
der Bube rollte hinaus, die Treppe hinunter, und auf einmal lag er
jämmerlich zerschlagen und zerbleut im Hausflur.
Oben schrie der Knecht: »Hier spukt es im Hause!« Unten jammerten die
Schwestern und die Magd, vom Hofe her tönte der Mutter Stimme: »Kaspar,
Kaspar, wo bist du denn?«
Der blieb stumm, er dachte: »Wenn ich mich jetzt melde, muß ich alles
erzählen, und erzählen darf ich nichts, sonst verliert der Farnsamen
seine Kraft.« Er seufzte tief, er fand es eigentlich ziemlich schwer,
unsichtbar zu sein. »Es ist am besten, ich gehe in die weite Welt zu
einem König. Vielleicht kann ich in eine Schatzkammer kommen und mir
viel Geld holen,« dachte er. Vorläufig kroch er in eine Scheune; dort
schlief er, bis es Tag wurde, dann nahm er sich noch ein Stück Brot und
wanderte ziemlich niedergeschlagen in die weite Welt hinaus.
Sehr unterhaltsam war es auf die Dauer wirklich nicht, unsichtbar zu
sein, und manchmal hätte Kaspar gern sein Döschen fortgetan, aber er
wagte es doch nicht, weil er dachte, es könnte ihm gestohlen werden.
Am schwersten hielt es, etwas zu essen zu bekommen. Anfangs hatte
Kaspar auch mal da, mal dort um ein Stück Brot gebeten, da waren die
Leute immer schreiend davongelaufen, und natürlich hatte niemand daran
gedacht, einem, der unsichtbar war, Brot zu geben. Dem Kaspar blieb
nichts weiter übrig, als selbst in die Speisekammern der Hausfrauen
zu gehen, um sich etwas zu holen. Das drückte ihn schwer. Er schämte
sich recht und merkte sich immer die Häuser und dachte: »Ich zahle es
später zurück!« Einmal ging er auch in ein Bauernhaus und betrat eine
Kammer, weil er meinte, dies sei wohl die Speisekammer. Er war aber in
eine Waschkammer geraten, und ehe er noch wieder hinaus konnte, wurde
draußen zugeschlossen, und er mußte die ganze Nacht in der Kammer
sitzen; es gab nicht einmal eine Bank, auf der er sich hätte richtig
ausstrecken können.
Nach etlichen Wochen gelangte der Bub schließlich doch in die
Königsstadt. Am Eingang der Stadt lag ein großes Kloster, wohlverwahrt
wie eine Festung. »Hier will ich mich ausruhen,« dachte Kaspar und
schlüpfte neben einem Mönch in die Klosterküche. Ein guter Bratengeruch
zog ihm entgegen. Das Kloster hatte vornehmen Besuch erhalten, und der
Klosterkoch wollte zum Abendessen Ehre einlegen mit seiner Kochkunst.
Am Spieß steckte ein saftiger Wildbraten, und in der Pfanne schmorten
junge Hähnchen. Kaspar war nicht faul, er nahm eine Gabel, fuhr in die
Pfanne, nahm sich ein Hähnchen heraus und setzte sich damit in eine
Ecke.
Der Koch schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als eine Gabel in
seine Pfanne fuhr und ein gebratenes Hähnchen durch die Luft flog, als
wäre es ein lebender Sperling. Der brave Mann erhob ein so furchtbares
Geschrei, daß Kaspar gewaltige Angst bekam und am liebsten durch
das Fenster gesprungen wäre. Aber das war fest vergittert, und die
Tür konnte der Bube nicht erreichen. Der Koch hatte einen Rußbesen
genommen, stöberte damit in allen Ecken herum und brüllte: »Hinaus
mit dem Teufel, hinaus mit dem Teufel!« Ritsch fuhr er Kaspar mit dem
schwarzen Besen über das Gesicht und merkte es gar nicht. Nun drehte
sich der Bube um, ritsch bekam er eins über die Jacke, und schließlich
war er heilfroh, als es ihm endlich gelang, aus der Küche zu flüchten.
Draußen begegneten ihm sehr viele Mönche, die alle auf des Kochs
Geschrei herbeikamen, und Kaspar flüchtete in seiner Verwirrung in die
Bücherei des Klosters. Ganz still und niedergeschlagen kauerte er dort
und knabberte an seinem Hühnchen herum, aber das wollte ihm trotz
seines Hungers gar nicht recht schmecken. Und wieder, wie so manches
Mal in den letzten Tagen, dachte der Bube sehnsüchtig: »Wäre ich doch
daheim!«
Nach und nach verstummte der Lärm im Kloster, und dann ertönte das
Abendgeläut fromm und feierlich. Das hörte Kaspar noch halb im Traum,
dann schlief er fest in seinem Winkel ein. Er schlief bis zum nächsten
Morgen, da schlich er sich leise zum Kloster hinaus, an einem Pilger
vorbei, der gerade zur Rast einkehrte. Kaspar war zwar sehr hungrig,
er wagte aber nirgends, in eine Küche oder Speisekammer einzudringen;
noch zitterte er vor Angst, wenn er an den gestrigen Auftritt in
der Klosterküche dachte. Er schlug den Weg nach dem Schloß ein, und
unterwegs hörte er, daß heute ein großes Fest stattfinden sollte. Bald
stand der Bube auch vor dem goldenen Schloßtor und staunte über die
Pracht ringsum. Keine Wache sah ihn, niemand hinderte ihn daran, in
das Schloß hineinzugehen, trotzdem war es ihm sehr beklommen zumute,
und immer, wenn jemand an ihm vorbeikam, drückte er sich an die Wand.
Sein Büchslein mit Farnsamen hatte er in die Hand genommen und hielt
es ängstlich fest, denn er hatte eine gewaltige Angst, er könnte es
verlieren. Bei dem Herumwandern im Schloß kam er auch in den großen
Festsaal. Heisa, riß er da die Augen auf, denn in dem Saal blinkte
es nur so von Gold. Viele Diener liefen geschäftig hin und her, sie
trugen goldenes und silbernes Geschirr herbei, wundervolle Torten und
große Schalen, auf denen herrliche Früchte und andere leckere Sachen
lagen. Dem Kaspar lief das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten hätte
er gleich eine ganze Torte aufgegessen, aber das wagte er doch nicht.
Er schlich sich vorsichtig an eine Tafel heran und wollte sich heimlich
ein paar Früchte nehmen. Doch o weh, die Schale geriet ins Wanken, sie
wackelte hin und her, und dann purzelte sie mit großem Gepolter um,
und alle köstlichen Früchte und Bonbons kollerten auf den Fußboden.
Die Diener schalten einer auf den andern, er hätte die Schale schlecht
hingestellt.
Kaspar hatte sich ängstlich in eine Ecke geflüchtet. Einen einzigen
Apfel hatte er aufzuheben gewagt, er hielt ihn in der Hand und dachte
bedrückt: »Wenn ich ihn esse, hören sie es vielleicht.« Wie er nun
so stand und sich ängstlich im Saale umschaute, fiel sein Blick auf
den goldenen Baldachin über dem Platz des Königspaares. Wenn er dort
oben säße, dann würde er sicher ganz ungestört das ganze Fest mit
ansehen können. Er sah sich den Baldachin an und fand, daß es gar
nicht so schwer war hinaufzukommen, und während sich die Diener noch
gegenseitig stritten, kletterte er geschwind hinauf. Dabei verlor er
aber seinen Apfel; das dröhnte ordentlich, als der herunterfiel und
durch den ganzen Saal rollte. »Hier spukt es, o Himmel, hier spukt es!«
schrie der alte Haushofmeister. »Hier ist doch kein Apfelbaum, von dem
die Äpfel herunterfallen können!«
»Nein, ein Apfelbaum ist wirklich nicht hier,« sagte der
Obertellerabwischer und drehte sich wie ein Kreisel auf seinen Absätzen
herum, »ich sehe keinen.«
»Seht doch nur, wie der Thronhimmel wackelt,« schrie plötzlich
der Obermesserputzer so laut, daß Kaspar beinahe von seinem hohen
Sitz heruntergefallen wäre. Vor Schreck blieb er mucksstill
sitzen, und als alle Diener hinaufsahen, wackelte der Baldachin
nicht mehr. »Du hast geträumt, lieber Obermesserputzer,« sagte der
Obermesserbänkchenverwahrer spöttisch.
»Ich bin noch nicht so kurzsichtig wie du, der neulich einer echten
Prinzessin nur ein silbernes Messerbänkchen hingelegt hat,« höhnte der
Obermesserputzer.
»Sputet euch, sputet euch!« schrie der Haushofmeister erschrocken, »in
zwei Minuten kommt der König. Geschwind, geschwind! Oh, die Schande,
wenn nicht alles zu rechter Zeit fertig ist!«
Da vergaßen der Obermesserputzer und der Obermesserbänkchenverwahrer
ihren Streit, und alle rannten aufgeregt durcheinander, hierhin und
dahin, -- nach dem Thronhimmel sah niemand mehr. Darüber war Kaspar
herzlich froh. Er setzte sich behaglich zurecht, und wenn er nur etwas
zu essen gehabt hätte, dann wäre ihm die ganze Sache recht gemütlich
gewesen. Er staunte aber und vergaß ein Weilchen allen Hunger, als
endlich der König und die Königin mit ihrem ganzen Hofstaat und vielen
edlen Gästen in den Saal zogen. Potzwetter, das war eine Pracht! Der
König und die Königin trugen Kronen, die funkelten wie zwei Sonnen, und
es war ein solches Rauschen von Seide im Saal, ein solches Funkeln von
edlen Steinen, daß dem Kaspar ordentlich Ohren und Augen weh taten.
Das war doch eine andere Sache als das Erntefest daheim im Dorf! Neben
dem König saß seine Tochter, eine wunderholde, liebliche Prinzessin,
schön wie ein Frühlingsmorgen. An der konnte sich Kaspar gar nicht
satt sehen. Ganz verwegen dachte er, die möchte ich mal heiraten; es
hat doch schon mancher arme Bube später eine Prinzessin bekommen,
warum soll es mir nicht gelingen? Darüber wurde er so lustig, daß er
zu pfeifen begann. Unten an der Tafel sahen sich die edlen Herren und
Frauen ganz erstaunt um, auch der König horchte auf. »Ist denn hier
eine Amsel im Saal?«
»Nein, gewiß nicht,« sagte der Haushofmeister und verbeugte sich ganz
tief. »Ein Apfelbaum ist auch nicht im Saal, und doch ist vorhin ein
Apfel durch die Luft geflogen.«
»Ei, das spukt hier wohl?« rief der König. »Na, das wäre ja eine nette
Sache, wenn es in unserm königlichen Speisesaal spuken sollte.«
Die holde Prinzessin rief kichernd: »Ach, das wäre so schön! Ich habe
mir schon immer gewünscht, einmal ein Gespenst zu sehen, und heute ist
mein Geburtstag. Wenn doch gleich eins käme!«
»Nun, wenn heute ein Gespenst erscheint, dann schenke ich es dir,«
sagte der König lachend, und die Prinzessin klatschte in ihre
schneeweißen Händchen und jubelte: »O wie freue ich mich, o wie freue
ich mich!«
»Ich heirate sie ganz gewiß, sie gefällt mir zu gut,« dachte Kaspar und
beugte sich weit vor. Nein, wie gut das roch! Er schnupperte wie ein
Mäuschen, das eine Speckschwarte riecht. Ach, der Bratenduft! Er spürte
wieder gewaltigen Hunger, und sein Magen knurrte so laut, daß unten die
Prinzessin rief: »Es ist ein Wolf im Saal, ich höre ihn knurren!«
»Nein, eine Katze schnurrt,« sagte ein alter Graf, der Katzen nicht
leiden konnte.
»Ich glaube, es ist ein Frosch, der quakt,« flüsterte ein Hoffräulein
zimperlich, vor Fröschen graulte sie sich sehr.
Inzwischen hatten zwei Diener eine mächtige goldene Schüssel voll
Kompott gebracht, die stellten sie vor die Frau Königin hin. Kompott
teilte diese immer selbst aus, es wurde sonst zu viel davon gegessen.
»Ach, wie fein!« dachte Kaspar. »Könnte ich doch mitessen!«
Das roch so köstlich wie ein großer Obstgarten und ein großer
Zuckerladen dazu. Noch weiter beugte sich der Bube vor, und als die
Königin dem Diener immer einen gefüllten Kompotteller nach dem andern
reichte, da griff er unwillkürlich danach, und dabei rutschte ihm sein
silbernes Döschen mit dem Farnsamen aus der Hand, und platsch fiel es
in die goldene Kompottschüssel hinein.
Die Königin schrie laut auf: »Wo ist denn meine Schüssel hin?«
»Sie war doch eben da,« sagte der König betroffen und setzte sich
geschwind seine Brille auf. »Hm ja, liebe Frau, wo ist denn die
Schüssel?«
Jeder schaute hin, niemand sah sie, denn weil nun der Farnsamen darin
lag, war die Schüssel auf einmal unsichtbar geworden.
»Da oben sitzt das Gespenst, es sieht wie ein schmutziger Junge aus!«
quiekte die Prinzessin mitten in alles Verwundern und Erstaunen hinein.
Erschrocken sahen alle zum Thronhimmel hinauf, -- da oben saß der nun
nicht mehr unsichtbare Kaspar und heulte.
»Bist du ein Gespenst?« rief der König zürnend.
Der Bube heulte nur, er brachte vor Angst kein Wort heraus. »Holt ihn
herunter!« gebot der König, und zwei Diener kletterten geschwind hinauf
und brachten den zitternden Kaspar vor den König. Der sah ihn so böse
an, daß der Bube dachte: »Nun werde ich gewiß ins Gefängnis geworfen!«
Ach, es war jammervoll, und sein Büchschen lag in der Kompottschüssel,
und sehen konnte er es nicht, weil ja die ganze Schüssel unsichtbar war.
»Bist du das Gespenst, das erst gepfiffen und dann geknurrt und jetzt
die Kompottschüssel verzaubert hat?« fragte der König streng. »Und
warum siehst du wie ein schmutziger Straßenjunge aus und spukst am
hellen Tage in meinem Schloß herum? Gespenster dürfen doch nur in der
Nacht erscheinen, und außerdem sehen sie weiß aus!«
»Halten zu Gnaden, mit Äpfeln hat es auch geschmissen,« sagte der
Haushofmeister.
»Ich -- ich -- bin -- ja kein Gespenst, ich -- bin ja der Kaspar,«
schluchzte der Bube. In seiner Herzensangst und Verzweiflung begann er
die Geschichte von dem Farnsamen zu erzählen.
Als er von dem Geschenk des Wichtelmannes anfing, rief die Königin
erstaunt: »Jetzt ist meine Kompottschüssel wieder da!« Da stand
wirklich die Schüssel wieder breit und golden, halb gefüllt mit
köstlichen Früchten auf dem Tisch -- das Farnsamenbüchslein hatte seine
Kraft verloren. Kaspar jammerte laut und erzählte heulend von seiner
Wanderung und all seinem Ungemach.
»Hm,« sagte der König und legte ernsthaft sein Szepter an die
Nasenspitze, »eigentlich müßte ich dich jetzt aufhängen, köpfen oder
mindestens in das Gefängnis stecken lassen. Du bist ja ein heilloser
Bube!«
»Ach bitte, bitte, lieber, guter Herzensvater, tu das nicht,« flehte
die Prinzessin, deren Herzchen voll Mitleid war. »Du hast mir doch das
Gespenst zu meinem Geburtstag geschenkt, das gepfiffen und geknurrt
hat.«
»Aber mein liebes Kind, das ist doch ein Junge und kein Gespenst,«
sagte der König noch immer sehr ernst.
»Er hat aber doch gepfiffen und geknurrt,« rief die Prinzessin, und
dicke, dicke Tränen flossen über ihre Rosenwangen.
Dem König tat sein Kind leid, und weil nun doch einmal Geburtstag war,
sagte er: »Na meinetwegen, entscheide du, was mit dem Buben werden
soll.«
»Willst du bei mir bleiben oder nach Hause gehen?« fragte die
holdselige Prinzessin den Kaspar fröhlich.
»Heim,« schluchzte der, »heim will ich, heim!«
»So lauf,« rief die Prinzessin und klatschte in die Hände. Da lief der
Kaspar wie gejagt zum Schloß hinaus, er fürchtete, sie köpften ihn
vielleicht doch noch. Er rannte über die Straßen und Plätze, am Kloster
vorbei, bis er draußen im Walde war; da fiel er um vor Müdigkeit und
Hunger und schlief bums ein.
Es war eine beschwerliche Wanderung für den Buben. Um ein Stückchen
Brot mußte er oftmals lange bitten, nichts bekam er als Brot und
Wasser; die Schuhe hatte er sich auch schon durchgelaufen, und seine
Füße wurden wund, und ganz krank und elend kam er eines Tages wieder
daheim an.
Im Abendsonnenglanz sah er die Heimat vor sich liegen, und sie kam ihm
viel, viel schöner vor als die weite Welt da draußen. Weil der Kaspar
nun nicht mehr unsichtbar war, erblickten ihn gleich seine Schwestern.
Die riefen laut über den Burghof: »Unser Kaspar ist wieder da!«
Der Bube mußte nun seine Erlebnisse erzählen, und der Vater meinte,
eigentlich hätte er tüchtige Prügel verdient, er hätte aber wohl schon
Strafe genug gehabt, darum sollte ihm verziehen sein. Die Mutter nahm
ihren Buben in die Arme und sagte nur leise: »Ich habe so viel um dich
geweint!«
Dieses Wort tat dem Kaspar weher als aller Hunger, alle Schmerzen und
alle Angst, und er gelobte sich still im Herzen, den Eltern fortan ein
guter Sohn zu sein. Das hat er auch gehalten. Er hat auch nie wieder in
seinem Leben einen Wichtelmann gesehen und gefangen, nur manchmal, wenn
er Beeren oder Reisig im Walde suchte, dann hörte er ein leises, leises
Kichern; das waren die Geistlein, die ihn auslachten. Mitunter rief
auch wohl neckend ein feines Stimmlein: »Willst du wieder Farnsamen?
Willst du wieder unsichtbar sein?«
Dafür aber bedankte sich der Kaspar sehr, er dachte: »Einmal und nicht
wieder!«
[Illustration: Kaspar]
[Illustration: Dekoration]
Traumfriedes Glück.