und mehr noch als sonst wurde nun in den Dörfern vom Bahnbau
gesprochen. Als ein reisender Handwerksbursche durch Oberheudorf kam,
dachten sogar etliche Buben und Mädel, der Mann könnte vielleicht
etwas mit dem Bahnbau zu tun haben, und dem armen Handwerksburschen
wurde himmelangst, weil ihm auf Schritt und Tritt eine Anzahl Buben
und Mädel nachliefen. In Niederheudorf ging es zur gleichen Zeit einem
Handelsmann nicht besser, aber der war ein Schelm und erzählte den
Kindern: »Ja freilich, ihr kriegt schon die Bahn, paßt nur ordentlich
auf! Wenn einer von der Bahn kommt, dann müßt ihr ihm nur gut
zureden.« Eine Stunde später sagte der Handelsmann dies auch zu den
Oberheudorfern, und seitdem warteten sämtliche Buben und Mädel in Ober-
und Niederheudorf auf den Mann, dem sie gut zureden konnten.
In diesen Sommertagen wurde es einem Studentlein in einer großen Stadt
zu schwül. Er packte seinen Rucksack und zog hinaus ins weite Land,
ging über die Berge und durch Wälder, um sich einen recht stillen
Erdenwinkel auszusuchen, wo er in aller Ruhe arbeiten konnte. Das arme
Studentlein mußte im Herbst sein Examen machen, und nun zuguterletzt
fiel ihm ein, daß er recht, recht oft das Studieren vergessen hatte. Es
galt nun, das Versäumte nachzuholen, und weil ihn in der Stadt allerlei
von der Arbeit abgezogen hatte, wanderte er mit sehr ernsthaften
Fleißgedanken auf das Land hinaus. Er wanderte etliche Tage hin und her
und gelangte an einem besonders warmen Nachmittag an eine Wassermühle,
die ein wenig abseits von einem freundlichen, schmucken Dorf im Tale
lag. Wie ein silbernes Band, das irgend eine Riesenjungfrau verloren
hatte, floß das Bächlein durch den grünen Wiesengrund, die Mühle
klapperte, das Wasser rauschte, und im blühenden Gärtchen neben der
Mühle saß eine freundliche Frau und nähte. Sie grüßte den Studenten
mit einem so guten Lächeln, daß er stehen blieb und rasch fragte, wie
der Ort heiße. »Oberheudorf,« sagte die Frau. Ob er hier wohl etliche
Wochen wohnen könnte, forschte der Fremde weiter. »Wir sind kein
Gasthaus,« sagte die Frau freundlich, »was will denn der Herr?«
»Arbeiten,« sagte das Studentlein, »studieren. Das ist eine sehr
wichtige Sache, und Ruhe muß ich dazu haben.«
»Freilich schon, das stimmt, Ruhe muß eins zur Arbeit haben,« gab die
Frau zu.
»Und ruhig ist's hier, noch nicht einmal die Bahn fährt,« sagte das
Studentlein und lachte.
»Der ist von der Bahn,« dachte die Müllerin, »dem muß ich schon ein
Quartier geben, sonst läuft er noch nach Niederheudorf.« Sie erklärte
sich also bereit, den Studenten aufzunehmen, räumte ihm eine geräumige
Stube im Oberstock ein und sorgte für den Gast, als sei das ein lieber
heimgekehrter Sohn. Dem Studenten gefiel es sehr in der Mühle. Er
packte seinen Rucksack aus, schrieb in die Stadt, man sollte ihm Bücher
nachschicken, und dachte: »Na, das habe ich mal gut getroffen!«
Am Abend wußten es schon alle Leute in Ober- und Niederheudorf, daß der
Herr von der Bahn in der Wassermühle wohnte. »Allweil 'n bißchen jung
sieht er aus,« sagte der Schulze, dem einfiel, wie man einmal einen
Maler für den Schulrat in Oberheudorf gehalten hatte. »Man muß sehen,
ob's stimmt,« meinten auch die andern Bauern.
Am Abend sagte der Müller zu seinem Mieter: »Hm, 's wär schon recht,
wenn wir die Bahn kriegten, nicht die Niederheudorfer!«
»Freilich,« erwiderte der Student, der recht höflich sein wollte.
Als er am andern Tage erst den Schulzen, dann den Schnipfelbauern,
den Kaspar auf dem Berge, den Waldbauern und zuletzt Hans Rumps
hintereinander traf und jeder sagte: »Hm, 's wär schon gut, wenn wir
die Bahn kriegten und nicht die Niederheudorfer,« erwiderte er allemal
sehr freundlich: »Natürlich, Oberheudorf muß die Bahn haben.« Er meinte
das auch wirklich so, Niederheudorf kannte er gar nicht, und da die
Oberheudorfer sich so sehr eine Bahn zu wünschen schienen, wünschte er
sie ihnen auch.
Die Niederheudorfer waren wütend, denn natürlich erzählten es ihnen
die Oberheudorfer gleich: »Wir bekommen die Bahn!« Am zweiten Tage
lief darum der Niederheudorfer Schulze so lange im Walde herum, bis er
den Studenten traf. Der sammelte gerade Blumen, denn er war Botaniker,
und das Blumensuchen gehörte zu seiner Arbeit. »Hm,« brummte der
Niederheudorfer Schulze grimmig, »die Bahn soll wohl hierher kommen?«
»Bewahre, die kommt doch nach Oberheudorf,« erwiderte der Student
und ließ den Schulzen stehen, seine Pflanzen gefielen ihm besser als
der dicke Schulze. Der lief wütend heim, und die Niederheudorfer
beschlossen, eine Eingabe an die Regierung zu machen, die Bahn solle
über ihr Dorf gehen.
Am nächsten Morgen trafen zufällig etliche Oberheudorfer Buben und
Mädel mit einigen aus Niederheudorf zusammen, und die Oberheudorfer
taten sich so gewaltig mit der Bahn, daß es den Niederheudorfern zu
viel wurde; sie behaupteten, es sei noch gar nicht sicher, gingen wie
die Kampfhähne auf die andern los, und mit lautem Geschrei prügelten
sie sich alle lustig untereinander.
Der Student geriet bei seiner Heimkehr aus dem Walde gerade unter die
Streitenden. Er rief: »Aber Kinder, aber Kinder, was tut ihr denn?
Schämt euch doch!«
»Da ist er!« schrieen die Oberheudorfer, und die Niederheudorfer riefen
ebenfalls: »Da ist er!« Ihnen allen fiel die Mahnung ein, daß sie gut
zureden sollten, und sie dachten, jetzt sei die Gelegenheit günstig,
und auf einmal begannen die Niederheudorfer zu bitten: »Wir möchten die
Bahn, ach bitte, bitte, wir möchten sie!«
Wütend schrieen die Oberheudorfer: »Gelle, wir kriegen sie, uns ist sie
versprochen!«
Der Student schüttelte erstaunt den Kopf. Die Leute schienen hier
sonst so nett zu sein, wenn sie nur nicht die unglückliche Bahn im
Kopf gehabt hätten; er konnte mit niemand reden, ohne daß gleich von
der Bahn gesprochen wurde. Und dabei war es doch gerade so schön
still. Gut, daß es noch keine Bahn gab! Das wilde Geschrei der Kinder
ärgerte ihn, und nun begannen noch die unnützen Buben und Mädel an ihm
herumzuzerren und baten immer lauter: »Wir wollen die Bahn, gelle, wir
kriegen die Bahn!«
»Niemand kriegt sie,« rief der Student ärgerlich und versuchte,
die Kinder von sich abzuwehren. Aber die dachten an das Wort des
Handelsmannes, sie sollten nur zureden, und so baten sie immer
stürmischer: »Wir wollen die Bahn, nein, wir, wir, gelle, wir kriegen
sie?«
Dem Studenten wurde die Sache zu bunt, er schüttelte sich wie ein ins
Wasser gefallener Pudelhund und schalt fürchterlich. Aber alles half
ihm nichts, am Rockzipfel hingen ihm zwei, an der Botanisiertrommel
eins, rechts und links an jedem Arm gleich immer drei, und alle
bettelten und baten: »Wir wollen die Bahn, bitte, bitte, uns!«
[Illustration: Student und Oberheudorfer Kinder]
»Niemand kriegt sie, niemand,« brüllte der Student, da riß der Riemen
seiner Botanisiertrommel, und pardauz flogen Pflanzen, Notizbuch,
Frühstücksbrot, alles in einem weiten Bogen herum, und ritsch, riß
dem Studenten auch noch ein Ärmel aus. »Wenn ihr mich jetzt nicht
los laßt, dann -- dann dürft ihr nie mit der Bahn fahren,« rief der
Geplagte wütend. Da bekam er endlich etwas Luft, raffte seine Sachen
zusammen und rannte, was er konnte, der Mühle zu.
Die Kinder ihm nach, heidi, wie der Wind, sie sahen aber nur gerade
noch des Fremden Rockzipfel in der Mühle verschwinden, als sie ankamen,
und hinein wurden sie nicht gelassen. Sie zogen also jammernd nach
Hause, und dort erzählten sie klagend, was geschehen sei. Darüber gab
es eine mächtige Aufregung in beiden Dörfern. Zuerst bekamen alle
Buben und Mädel, die dabeigewesen waren, so heftige Schelte, daß sie
die Nase bis auf die Erde hingen und sich nur wunderten, daß an diesem
Tage nicht auch draußen Blitze und Donner herniedergingen. »Wenn wir
die Bahn nicht kriegen, seid ihr schuld daran,« sagten sie in Ober- und
Niederheudorf.
»Es wäre schon am besten, einmal zu dem Herrn hinzugehen,« sagte am
nächsten Morgen seufzend der Schulze von Oberheudorf, und der von
Niederheudorf dachte das auch. »Aber freilich, es muß noch jemand
mitgehen,« sagte der Oberheudorfer Schulze, und der von Niederheudorf
forderte gleich zwei reiche Bauern auf. Die Niederheudorfer hatten
sich etwas schneller besonnen, und so kam es, daß die Bauern alle
miteinander an der Wassermühle zusammentrafen. Sie schauten sich
ein bißchen verlegen an, es wußte gleich jeder vom andern, warum er
gekommen war. Die Müllerin kam den Gästen mit betrübter Miene entgegen
und klagte: »Er ist fort! Gestern ist er fuchswild heimgekommen,
und heute in aller Morgenfrühe hat er seine Sachen gepackt und ist
abgezogen. Er hat gesagt, hier wär's sonst schon recht, und die Mühle
gefiele ihm besonders gut, aber daß die Leute alle den Bahnrappel
hätten, das wäre schlimm.« Die Müllerin trocknete sich die Augen mit
der Schürze ab, die Sache ging ihr nahe; daß das Studentlein fort war,
tat ihr bitter leid, sie hätte dem blassen Stadtherrn doch himmelgern
rote Backen angepflegt. »Wie er schon ein Stückchen weg gegangen war,«
fuhr sie klagend fort, »hat er sich noch umgedreht und gerufen: >Besser
wär's, wenn gar keine Bahn herkäme!<«
Die Bauern sahen sich betroffen an. Na, das wäre ja eine schöne
Geschichte! Über diesen Schreck vergaßen sie allen gegenseitigen Zorn
und redeten ganz vernünftig zusammen. Nachher zogen sie sehr verstimmt,
sehr geärgert heimwärts. Die Müllerin sagte zwar, sie glaube, der
Herr habe gar nichts mit der Bahn zu tun gehabt, aber trau' einer den
Stadtleuten. Nach drei Tagen bekamen der Ober- und Niederheudorfer
Schulze je einen Brief, in dem stand, daß die Bahn über Langenrode
gehen würde, das lag etwa eine Stunde von jedem Dorf landeinwärts.
»Schockschwerenot, da haben wir's! An der ganzen Geschichte sind nur
die Kinder schuld, das unnütze Gesindel,« rief der Niederheudorfer
Schulze, und der von Oberheudorf schalt nicht minder, nur sagte er:
»Hagelwetter!«
Die Buben und Mädel, die dabeigewesen waren, hatten keine guten Tage.
Immer hieß es: »Da seid ihr daran schuld!« Ach, und sie hatten es doch
so gut gemeint und hatten sich selbst so sehr auf die Bahn gefreut.
Wieder nach einigen Tagen erfuhren es die Leute in beiden Dörfern,
daß das Studentlein ganz unschuldig an der Sache war. Da atmeten die
Kinder auf: nun konnten sie doch nichts dafür, daß es keine Bahn gab.
Sie sagten auch gleich sehr keck: »Na, auszureißen brauchte der Herr
auch nicht gleich, wir waren doch so nett mit ihm!« Und flugs waren
sie wieder lustig und unnütz wie vorher. Die Müllerin meinte auch, nun
könnte ihr Stadtherr eigentlich wiederkommen. Aber der kam nicht, der
hatte genug von der Oberheudorfer Ruhe.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Leberecht Sperling und der Papagei]
Ein Wundervogel.
Wieder einmal war die Zeit der großen Sommerferien gekommen. An einem
Sonnabend saßen alle Buben und Mädel, die fleißigen und die faulen,
sehr vergnügt und feierlich zum letzten Male in der Klasse. Drei Wochen
Ferien lagen vor ihnen, eine lange, wundervolle Zeit! Sämtliche Buben-
und Mädelfüße zappelten an diesem Tage unter den Tischen hin und her
wie Mäuslein, wenn sie in eine Falle gegangen sind, sie konnten das
Hinauslaufen gar nicht mehr erwarten. Und das tuschelte und wisperte in
den Reihen, und die Augen blitzten und blinkerten wie frisch geputzte
Fensterscheiben im Sonnenglanz. Mädelzöpfe wippten auf und ab, und
bald kicherte es hier, bald dort, ein Federhalter, der zu Boden
fiel, brachte die ganze Schar zum Lachen, und Anton Friedlich tunkte
beinahe mit seiner Nase in das Tintenfaß vor Vergnügen. Die Spatzen,
die auf dem Fenstersims saßen und Frühstückbrotreste verspeisten,
dachten sicher: »Na, das sollen nun brave, gesittete Schulkinder sein!
Potztausend, ja, anders geht es in unserer Spatzenschule auch nicht zu!«
»Ob wir viel Ferienarbeiten kriegen?« flüsterte auf der Mädelseite
Annchen Amsee ihrer Nachbarin Mariandel zu, und drüben auf der
Bubenseite seufzten Heine Peterle, Anton Friedlich und noch einige
andere: »Hoffentlich gibt's nichts auf!«
In diese Fragen hinein sagte der Herr Lehrer plötzlich: »Ferienarbeiten
will ich nicht viel geben, nur einen Aufsatz sollen die Großen
schreiben, von irgend etwas erzählen, was ihr erlebt habt, oder etwas
beschreiben, was euch sehr gefällt; die Kleinen mögen...«
Was die Kleinen sollten, darauf hörten die Großen gar nicht mehr, sie
waren nur heilfroh, daß sie selbst nicht viel aufbekommen hatten.
Ein Aufsatz! Pah, die Arbeit war nicht groß, die störte nicht die
Ferienfreude, und so stürmten denn die Kinder mit lautem Jubelgeschrei
nach Schluß der Schule auf die Dorfgasse hinaus.
»Bewahr' mich!« sagte Muhme Rese, die mit ihrem Strickstrumpf vor der
Haustüre saß, »heute schreien aber die Kinder wie die Hottentotten!«
Muhme Rese hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch keinen Hottentotten
gesehen, und wo die eigentlich lebten, wußte sie auch nicht, aber
»Hottentottengeschrei« galt ihr als etwas Fürchterliches.
»Nä, der Lärm! Wozu es auch nur Ferien geben muß!« murrte Schuster
Pechdraht.
Nun, wenn es der Schuster auch nicht wußte, die Buben und Mädel wußten
es ganz genau, wozu Ferien da sind; sie hatten so viele lustige
Ferienpläne, wußten so viele Spiele, die sie spielen wollten, daß sie
auch mit sechs Wochen Ferien fertig geworden wären.
Als Traumfriede heimkam und seine Bücher in den Schrank legte, kam
Muhme Lenelies rasch aus dem Gärtchen heraus und sagte: »Du, Friede,
die Wassermüllerin war vorhin da, sie läßt fragen, ob du die Ferien
über Hirt bei ihr sein willst; ihr Peter soll bei der Ernte helfen.
Magst du?«
Die gute Muhme fragte ein bißchen mitleidig, sie hätte ihrem Pflegesohn
gern die Ferienfreiheit gegönnt.
Friede aber machte gar kein betrübtes Gesicht, sondern sah sehr
vergnügt drein. Des Wassermüllers Kühe austreiben und den lieben
langen Tag draußen sein zu dürfen, erschien ihm ein köstliches
Ferienvergnügen.
Er sagte darum hell und froh: »Ei gewiß, Muhme, ich tu's gern!«
Am Montag in aller Morgenfrühe zog der Bube mit seiner kleinen Herde
nach dem Buchberg, einem nicht allzu hohen Berg, der gutes Weideland
hatte. Alle andern Oberheudorfer Buben und Mädel lagen noch in ihren
Betten und genossen Ferienruhe, aber Friede beneidete sie nicht,
es dünkte ihm wundervoll, so an einem taufrischen Sommermorgen
auszuziehen, einen langen, sonnigen Tag vor sich. In seinem
Rucksäckchen hatte er Brot und ein Buch, das ihm der Lehrer geborgt
hatte, damit kam er sich reich und glücklich wie ein Prinz vor. --
Ferien sind eigentlich kuriose Dinger, sie haben so lange Beine, daß
sie weglaufen, ehe Buben oder Mädel noch recht wissen, daß sie da sind.
Hui, wupp! sind sie um die Ecke herum, und das arme Schulkind steht da
und hat das Nachsehen. Den Oberheudorfer Kindern erging es gerade so.
Erst hatten sie gemeint, die Ferienwochen wären endlos lang, und auf
einmal war schon die dritte Woche da, sie wußten nicht wie. »Es sind
gar keine richtigen Ferien,« schalt Heine Peterle am Montag dieser
letzten Ferienwoche; er hatte nämlich dreimal auf dem Felde helfen
müssen, und nun stöhnte der kleine Faulpelz über die viele Arbeit. An
diesem Montagmorgen nun hatte er so viel zu tun, daß er, die Hände in
den Hosentaschen, vor der Haustür stand und -- gähnte. Er wußte nicht,
was er zuerst anfangen sollte. Die Mutter hatte gesagt: »Fange heute
einmal deinen Aufsatz an, es wird Zeit!« Muhme Rese hatte geraten:
»Hilf mir heute etwas im Garten, das ist gesund,« und der Vater hatte
den Vorschlag gemacht: »Erst schreibe etwas, dann komm und hilf beim
Einfahren, das muß ein künftiger Bauer lernen.«
Heine Peterle fand nun alle diese Pläne nicht sonderlich verlockend,
viel vergnüglicher fand er Schulzens Jakobs Vorschlag, mit nach dem
Buchberg zu gehen und Traumfriede zu besuchen. Wenn nur der Aufsatz
nicht gewesen wäre, die Gartenarbeit und das Einfahren, dann -- --
»Heine Peterle,« rief just in diesem Augenblick seine Mutter, »du
könntest heute erst einmal nach Niederheudorf laufen und dort beim
Krämer Schnelle Stärke holen, unserer hat keine mehr!«
So, das war nun eine Arbeit, die Heine Peterle gut gefiel, zu der
fanden sich auch Genossen, und schon nach etlichen Minuten trabte eine
vergnügte Schar auf Niederheudorf zu. Dicht hinter dem Dorfe trafen die
Kinder einen Boten des Grafen Dachhausen, der hielt sie an und erzählte
ihnen, der Papagei der Gräfin sei ausgerissen; sie möchten unterwegs
aufpassen, wer ihn wiederbrächte, sollte eine Belohnung erhalten. Der
Vogel habe eine feine goldene Kette am Fuß, an der sei er vielleicht
zu fangen. Dies war eine aufregende Sache. »Wir suchen ihn,« sagten
die Kinder gleich sehr eifrig. Schulzens Jakob meinte sogar ganz
kaltblütig: »Heine Peterle kann ja allein nach Niederheudorf gehen, wir
laufen in den Wald und suchen den Vogel.«
Heine Peterle war sprachlos über diese Treulosigkeit, Annchen Amsee
aber rief fix: »Nein, das tue ich nicht, der Vogel kann ja ebenso
gut an der Straße auf einem Baum sitzen. Ich hab's Heine Peterle
versprochen mitzugehen und gehe mit!«
Schulzens Jakob schwieg, er schämte sich ein bißchen, die andern Kinder
aber sagten alle: »Annchen hat recht.« Sie zogen also miteinander nach
Niederheudorf, liefen sehr still und eilig ins Dorf hinein, kauften
Stärke ein und rannten wieder hinaus, sie wollten nicht erst von den
Niederheudorfer Kindern gesehen werden. Auf dem Wege nach Niederheudorf
hatten sie keinen blaugrünen Papagei gesehen, soviel sie auch geguckt
hatten, und auf dem Rückwege durch den Wald war auch kein fremder Vogel
zu erblicken.
Nahe am Buchberg, wo Traumfriede seine Herde hütete, kam Hans Rumps den
Kindern entgegen. »Wißt ihr schon,« rief er bereits von großer Weite,
»daß -- --«
»Ja,« schrieen die Kinder alle, »wir wollen ihn suchen!«
»Suchen, warum denn suchen?« fragte Hans Rumps verdutzt.
»Ist er denn schon da?« riefen die Kinder enttäuscht.
»Na freilich ist er da, ist immer dagewesen. Warum sollte er auch nicht
da sein? Er hat es doch gesehen, wie der Wagen umfiel,« erklärte der
Nachtwächter.
»Ist denn der Papagei in einem Wagen gefahren?« Die Kinder sahen Hans
Rumps verwundert an, und Hans Rumps sah die Kinder verwundert an
und brummte: »Was redet ihr denn da von einem Papagei? Was ist das
überhaupt für ein närrisches Ding?«
»Ein Vogel ist das,« riefen die Kinder und redeten dann alle
durcheinander: »Davongeflogen ist er. Manchmal kann ein Papagei
auch sprechen, sagt der Herr Lehrer.« -- »Der Frau Gräfin gehört
er.« -- »Wenn wir ihn finden, sollen wir was kriegen. Helft uns doch
suchen.«
»Na, ich sag's doch,« rief Hans Rumps höchlichst erstaunt, »bei uns
passiert immer mehr, als ein Mensch vertragen kann. Dem Schulzen ist
sein Erntewagen umgefallen, pardauz! da lag er, und nun fliegt auch
noch ein Papagei im Walde herum. Du meine Güte, was soll das nur
werden, wenn es so fortgeht!«
»Schafskopp, Schafskopp, halt den Schnabel,« kreischte neben Hans Rumps
plötzlich eine Stimme, und der brave Nachtwächter erschrak so, daß er
sich rittlings in das Moos setzte. »Was ist denn das, was schreit hier
denn so?« jammerte er ängstlich. »Kinder, erbarmt euch, hier ist ja
wohl am hellichten Tage ein Gespenst!«
»Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,« kreischte es wieder, und nun
sahen die Kinder einen blaugrünen Vogel, der über ihnen auf einer Buche
saß und sich Nachtwächter und Kinder ganz vergnügt von oben herab ansah.
»Es ist der Papagei, der Frau Gräfin ihr Papagei! Er kann sprechen,
ach, er kann sprechen! Wir kriegen was,« schrieen die Kinder aufgeregt
und sprangen an dem Baum hoch, um die feine goldene Kette zu fassen,
die an dem Fuß des Wundervogels hing. »Hans Rumps, sieh doch, da ist
er, da sitzt er!«
»Wo denn?« murmelte Hans Rumps und sah immer an einer Tanne hinauf. Er
zitterte ordentlich, so war ihm der Schreck in die Glieder gefahren.
»Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu,« kreischte der Papagei
wieder. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Hans Rumps sprang wütend
auf. Ein Vogel sollte das sein, der da sprach und ihn, den Nachtwächter
von Oberheudorf, einen Schafskopf nannte, -- das war ihm doch zu toll.
»Was fällt dir denn ein, du dummes Vieh du?« brüllte er und sprang auf.
»Was hast du denn zu sprechen? So eine Frechheit, mich Schafskopf zu
nennen! Nä, nu sag' noch ein Wort, dann sollst du...«
»Mach die Tür' zu, geschwind, geschwind!« schnarrte der Papagei und
hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild
nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwächter aber sagte
beleidigt: »Das ist ein unverschämtes Tier, nä, das ist gar kein
richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht.«
Er warf dem Papagei einen verächtlichen Blick zu, bückte sich, hob
seine Mütze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an
heimzugehen.
»Hahahahaha, willst du ein Küßchen?« kreischte der Vogel.
[Illustration: Traumfriede und der Papagei.]
»Na, nun schlägt's dreizehn, nun will mir das unvernünftige Biest gar
noch einen Kuß geben! Na warte!« rief Hans Rumps empört. Er nahm sein
Horn, das er immer bei sich trug, denn es hätte doch wirklich einmal
brennen können, und tutete laut hinein. »Tuttut,« klang es durch den
Wald, und erschrocken flog der Papagei auf -- und weg war er.
Verblüfft starrten ihm die Kinder nach. »Nachtwächter,« riefen sie
klagend, »du hast ihn verjagt, nun kriegen wir vielleicht nichts!«
»Schadet nischt,« sagte Hans Rumps ungerührt, »nun hat das Untier doch
mal gesehen, wer ich eigentlich bin. Geht lieber nach Hause, 's ist
gleich Mittagszeit. Wenn ihr zu spät kommt, kriegt ihr Schelte, und
nachmittags ist der Vogel, der gewiß gar kein Vogel ist, sicher noch
da. Marsch, lauft, sonst bekommt ihr nichts zu essen!«
Brummelnd, sehr verdrießlich und doch recht mittagshungrig traten
die Kinder den Heimweg an. Der Nachtwächter tat, als bemerkte er
ihren Ärger gar nicht, er ging stolz voran. Daß er dem Vogel Respekt
eingeblasen hatte, befriedigte ihn ungemein; wie ein rechter Held kam
er sich vor. --
Muhme Lenelies' Pflegesohn saß an diesem stillen Sommertag höchst
vergnügt unter einer alten Eiche und gab auf seine Herde acht.
Sonderlich schwer machten es die fünf Kühe und drei Ziegen ihrem
Hüter nicht, sie in Ordnung zu halten, und der Bube war wieder einmal
recht der Traumfriede, er träumte mit offenen Augen wundervolle
Dinge. In den Zweigen des Baumes rauschte es, und dem Buben war es,
als flüsterten die leise aneinanderschlagenden Blätter ihm allerlei
seltsame Geschichten zu. Der Herr Lehrer hatte den Kindern in der
Schule von den alten Germanen erzählt, die im heiligen Eichenhain dem
Gott Donar geopfert hatten, und von diesen längst vergangenen Tagen
rauschte und raunte es in dem alten Baum, von den Helden, die einst
in seinem Schatten von ihren Kriegstaten berichtet und die Schädel
der geopferten Kriegsrosse am Stamme befestigt hatten. Aber auch von
Elfen und Waldweibchen flüsterte es, von Sommernächten, in denen hier
auf weichem Wiesengrund sich ein lustiges Märchenvolk im Tanze drehte.
Aus diesen Träumen schrak der Bube plötzlich empor. Über ihm rief eine
schnarrende Stimme: »Schafskopp, gib mir ein Küßchen, hahaha, gib mir
ein Küßchen!« Friede faßte sich unwillkürlich an seine Nase und zog
kräftig daran, -- träumte oder wachte er?