>Na nu,< dachte die kleine Waschfrauentochter, >das ist doch nicht so

etwas Absonderliches.< Sie ließ sich zur Königin führen, gab ihren

Ring ab, und die Königin beschloß gleich, die Probe zu machen. Sie

ließ eins der zerschnittenen goldgelbseidenen Hemden holen, dazu Seide

und die allerfeinsten goldenen Nähnadeln und fragte Liebelinde, ob sie

das wohl stopfen könne. >Ei freilich,< rief diese, nahm eine Nadel und

zog sich kurz entschlossen eins ihr goldblonden Haare aus, denn die

waren feiner als die allerfeinste Seide und schimmerten gerade so wie

die Wunderhemdlein. Mit ihrem Haar stopfte Liebelinde, und es ging

so schnell, daß die Nadel rascher hin und her flog als ein Bienchen

am Sommertag. Nach einem Weilchen rief Liebelinde: >So, ein Loch ist

gestopft. Freilich, zu dem ganzen Hemd werde ich schon etliche Tage

brauchen!<

Die Königin sah auf den Riß und fragte: >Wo ist er denn?< Das fragten

auch die Prinzessinnen und alle Hofdamen, die zugesehen hatten, und

alle staunten und verwunderten sich und sagten, so etwas hätten sie

noch nie gesehen.

Liebelinde wurde nun sehr feierlich zur Geheimen Oberhofstopfmeisterin

ernannt. Sie sollte auf dem Schloß wohnen bleiben, und ihre Mutter und

Brüder durften auch hinaufziehen; mitten im Schloßgarten bekamen sie

alle ein wunderfeines kleines Haus zum Wohnen. Freilich war es Tag und

Nacht von Wachen umstanden, damit nicht etwa eines der kostbaren Hemden

geraubt würde. Als Liebelinde alle Hemden sah, die sie stopfen sollte,

seufzte sie ein wenig, dann nahm sie eine Schere und schnitt sich

ritsch, ratsch ihre beiden blonden Zöpfe ab. >Ich muß doch ordentliches

Stopfgarn haben,< sagte sie.

Sechs Monate lang stopfte Liebelinde, dann waren alle Hemden heil,

niemand sah auch nur einen kleinen Fehler daran. Inzwischen waren

Liebelinde lauter goldblonde Ringellocken gewachsen, und sie sah so

wunderlieblich aus, daß alle vornehmen Hofherren, die noch keine Frau

hatten, sie heiraten wollten.

Prinz Friedemann aber lachte alle aus, denn er bekam die Braut.

Die alte Königin wollte eben durchaus eine Schwiegertochter haben,

die stopfen konnte. Und sie lebten alle glücklich und zufrieden

miteinander. Die goldgelbseidenen Hemden hielten bis an der Prinzen

Lebensende. Die böse Fee, die die Prinzen verwünscht hatte, ärgerte

sich darüber so, daß sie vor lauter Wut das Verwünschen aufgab.«

»Na, und die böse Magd?« fragte Schulzens Jakob, als Muhme Lenelies

schwieg, neugierig.

»Ach so,« sagte die Muhme, »die hätte ich beinahe vergessen, und der

ging es doch sehr, sehr schlecht. Sie wurde gefangen genommen, in einen

Turm gesteckt, und dort mußte sie sitzen und ungeschickten Mägdlein

das Stopfen beibringen. Erst wenn eine es einmal so gut könnte wie

Prinzessin Liebelinde, dann sollte die Magd frei werden. Sie hat aber

beinahe hundert Jahre in ihrem Turm gesessen und ist dann gestorben,

und kein Mägdlein hat das Stopfen so gut gelernt wie Liebelinde. So,

nun ist die Geschichte zu Ende, und nun geht geschwind nach Hause, ich

glaube, es ist gleich Abendbrotzeit.«

[Illustration: Turm in dem die böse Magd gefangen ist]

[Illustration: Dekoration]

Das zornmütige Annchen.

»Was ist immer munter, geht bei Tag und Nacht und wird von allen gern

gelitten?« Dieses Rätsel gab einmal Schuster Pechdraht etlichen Buben

und Mädeln auf, und selbst die, die eigentlich keine guten Rater

waren, riefen gleich: »Unser Dorfbrunnen.« Schulzens Jakob fügte ganz

hochmütig hinzu: »Solche leichte Rätsel sollte man gar nicht aufgeben.«

Schuster Pechdraht konnte, so oft er wollte, sagen, er hätte die

Turmuhr gemeint, die Kinder glaubten es ihm doch nicht. Das Brünnlein

auf dem Dorfplatz, das Tag und Nacht leise plätscherte, war ihnen allen

viel, viel lieber als die Turmuhr, die dummerweise immer anzeigte,

wann Schulzeit war. Was hatten die Buben und Mädel schon für lustige

Sachen am Brunnen erlebt! Welch ein prächtiger Rettungshafen war der

bei Ritter- und Räuberspielen! Am Brunnen konnte man spritzen, da

wagte sich die feindliche Partei nicht so leicht heran. Wollten sich

ein paar Mädel oder Buben treffen, immer hieß es: »Am Brunnen.« Da

war schon mancher dumme Streich erdacht worden, und wie oft war schon

ein Bube oder Mädel, ein Schulbuch, eine Wasserkanne, ein Puppenkind

oder eine Schürze, eine Bubenmütze oder gar ein Vesperbrot in den

großen Steintrog des Brunnens gefallen. Ja, der Brunnen konnte etwas

erzählen. Lustige und ernsthafte, kurze und lange Geschichten wußte

er, viel dumme, aber herzlich wenig kluge. Hans Rumps hatte ordentlich

Mitleid mit dem vielgeplagten Brunnen; er hatte oft gesagt, es sei

unausstehlich, daß die Kinder fortwährend am Brunnen herumspielten. An

einem Linksaufstehtag hatte er einmal den Schulzen so lange gebeten,

bis der wirklich das Spielen am Brunnen verbot. Hans Rumps selbst hatte

stöhnend und seufzend ein Plakat geschrieben, auf dem stand: »=Es is

ferbohden hiher zu schpieln un Uhnsinn un Lerm magen. Wär das nich duht

wirtt beschtrafft. Di Ohrdsbollezeih.=«

[Illustration: Dorfbrunnen]

Mit der Rechtschreibung standen die Oberheudorfer Kinder nun zwar

selbst manchmal auf dem Kriegsfuß, Hans Rumps' Plakat erregte aber doch

ihr allergrößtes Vergnügen. Sogar Heine Peterle, der es meist unter

zehn Fehlern im Diktat nicht tat, sagte: »Na, wenn das der Herr Lehrer

sieht!«

Der bekam es aber nie zu sehen, denn als Hans Rumps diese schöne

Verordnung eben am Brunnen befestigen wollte und dazu auf den Rand des

Troges trat, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und plumpste mit

seinem Plakat ins Wasser. Er kam wieder heraus und wurde auch wieder

trocken, seine schöne Verordnung aber war aufgeweicht, die Schrift

ineinander gelaufen und alles unbrauchbar geworden. Hans Rumps schrieb

kein zweites Plakat, der Schulze dachte: »Ach, mögen sie doch spielen!«

und so blieb der Brunnen den Kindern unverboten.

Etliche Tage, nachdem Muhme Lenelies die Geschichte von der schönen

Liebelinde erzählt hatte, saß Annchen Amsee am Brunnen und nähte. Es

war wieder schönes Wetter geworden. Ein bißchen kalt war es zwar,

aber das kümmerte Annchen nicht weiter, sie nähte mit vielem Eifer

an ihrem Röckchen und war rot und heiß dabei geworden. Annchen Amsee

war ganz fleißig in der Schule, war flink mit den Beinchen und noch

flinker mit dem Zünglein, aber Nähen, Stricken, Sticken und Stopfen

wollte und wollte ihr nicht gelingen. In der Handarbeitsstunde war

sie die schlechteste Schülerin, und es gab Ermahnungen und Strafen

ohne Ende. Seit Muhme Lenelies aber von der geschickten Flickerin

erzählte hatte, war in Annchen der Wunsch erwacht, auch so fleißig

und geschickt zu werden, um dann vielleicht einen Prinzen zum Mann zu

bekommen. So saß sie denn am Freitag nachmittag und stopfte. Natürlich

hatte sie gerade ein Loch im Kleid, sie hatte sich auch geschwind

etliche Haare ausgerissen und versuchte damit ihr Heil. Es ging aber

nicht so einfach, immer wieder rissen die Haare, und das Loch war

wie ein großes hungriges Maul, das sich nicht schließen will, selbst

beim größten Butterbrot nicht. Neben der Kleinen standen zwei Mägde,

Mine aus der »Himmelblauen Ente«, die gekommen war, Wasser zu holen,

und Amsees Laura, die wusch Eier am Brunnen ab. Morgen sollte zum

Markt gefahren werden, und Laura meinte, den Städtern müsse man die

Eier schön sauber bringen. Ihre Bäuerin fand zwar immer, dies sei eine

überflüssige Arbeit, Laura aber ließ nicht gerne davon ab, Oberheudorfs

Sauberkeit sollte in der Stadt gerühmt werden. Krämers Trude hatte

sich auch eingefunden, und die großen und kleinen Mädel schwatzten

gerade eifrig miteinander, als fünf Buben die Dorfstraße entlang kamen.

Natürlich blieben sie stehen, und natürlich sahen sie zu, was die Mädel

taten. Schnipfelbauers Fritz war es, der zuerst rief: »Annchen stopft,

seht doch nur! Nä, sie will wohl 'nen Prinzen heiraten?«

Annchen Amsee wurde rot. Sie neckte sonst gern und ließ sich necken,

aber nur nicht mit ihren Nähkünsten. Sie sagte darum sehr schnippisch:

»Was geht's euch an? So dumme Buben, wie ihr seid, will ich freilich

nicht heiraten.«

»Sie stopft, sie will 'nen Prinzen,« riefen nun auch die andern Buben

höhnend.

»Sie kriegt gar keinen, sie muß auch hundert Jahre lernen!« schrie

Heine Peterle.

»Seid doch still, ihr,« schalt Mine, die gerade fortgehen wollte, und

spritzte die Buben. »Haltet den Mund!« gebot Laura, und auch Trude

schalt und fing an zu spritzen; nur Annchen tat, als bemerkte sie die

Buben nicht mehr, eifrig stopfte sie weiter.

»Sie nimmt ihre Haare, nä, seht doch!« rief Schulzens Jakob, der sich

gar nicht um das Spritzen kümmerte. Die fünf Buben brachen in ein

lautes, höhnisches Gelächter aus, und soviel auch Laura und Trude

schalten, sie neckten das arme Annchen immer weiter. Die dachte tapfer:

»Sie werden es schon satt kriegen,« dabei kamen ihr aber doch die

Tränen in die Augen, und immer riß der Faden. Darüber wollten sich nun

die Buben ausschütten vor Lachen. Bei jedem Stich, den Annchen tat,

schrieen sie: »Es reißt, es reißt! Aufgepaßt, der Prinz rennt fort!«

»Nun hört aber endlich auf,« sagte Laura und schwang drohend einen

nassen Lappen, »sonst bekommt ihr den an den Kopf!«

»Erst treffen!« rief Heine Peterle schnippisch und stellte sich breit

und keck vor den Brunnen hin.

[Illustration: Das zornmütige Annchen.]

Ritsch! riß Annchens Haar entzwei und damit auch ihre Geduld. Sie

besann sich einen Augenblick, sollte sie spritzen oder ihr Röckchen

den Buben an die Köpfe werfen. Da fiel ihr Blick auf Lauras Eierkorb.

Hastig griff sie hinein und -- platsch! flog ein Ei Heine Peterle

gerade mitten auf seine kleine, dicke Stupsnase. Das halbe Gesicht

wurde gelb, es sah aus, als hinge dem Buben ein Eierkuchen an der Nase.

Ehe sich die andern noch besannen, ergriff das zornmütige Annchen zwei

andere Eier. Platsch! flog das eine dem dicken Friede in den offenen

Mund, der Bube schluckte und pustete, und da hatte Schulzens Jakob

schon ein Ei gerade vorn auf seinem Bäuchlein, als hätte er eine große

Sonnenblume vorgesteckt.

»Bist du denn närrisch, Mädel?« schrie Laura erbost und rettete

jammernd ihren Eierkorb. »Nä, zum Kuckuck, was fällt denn dir ein?

Das ist ja wohl eine neue Mode, mit Eiern Fangball zu spielen? Warte,

ich werde dir zeigen, was es heißt, Eier aus Vergnügen andern an die

Köpfe zu werfen!« Ehe Laura aber noch ausgeredet und die Buben sich von

ihrem Schreck erholt hatten, war Annchen Amsee schon auf und davon.

Wie gejagt eilte sie nach Hause, Trude rannte schluchzend hinterdrein.

Annchen raste, Trude raste, und so kamen sie unbemerkt in Amsees

Holzstall hinein. Dort kauerten sich beide Mädel in den dunkelsten

Winkel und heulten erst ein Weilchen um die Wette. Hörte Annchen einmal

auf, so schluchzte Trude »Huhuhu!« und hörte Trude auf, dann jammerte

Annchen »Achachachach!« Eigentlich hatte es Krämers Trude doch gar

nicht nötig zu weinen, sie war jedoch eine viel zu gute Freundin, um

Annchen in ihrem Kummer allein zu lassen.

Auf einmal flüsterte aber Trude ängstlich: »Es kommt jemand!« Ganz

geschwind krochen beide hinter einen Reisigberg. Trude schob noch rasch

ein paar Bündel vor, und so saßen sie wie in einer kleinen Kammer. Aber

da lugten auch schon etliche bitterböse Bubengesichter in den Holzstall

hinein, und tuschelnde Stimmen wurden laut: »Ob sie hier sind?« -- »Nä,

die sind sicher ins Haus gelaufen, die Bangbüxen,« sagte Heine Peterle

verächtlich. Eine Weile standen die Buben beratend an der Türe.

Einer sagte: »Wir müßten sie doch sehen!« Der dicke Friede meinte:

»Vielleicht sind sie hinters Holz gekrochen, ich gehe rein und suche!«

Die Mädel zitterten wie Espenlaub in ihrem Versteck, und beinahe hätten

sie beide losgeschrieen, als plötzlich eine barsche Stimme rief: »Was

macht ihr denn da?« Ein Knecht kam über den Hof, und ein wenig verlegen

brummelten die Buben, daß sie Annchen und Trude suchten. »Die sind

nicht hier,« rief der Knecht, kam in den Holzstall hinein und rief:

»Mädel, seid ihr da?«

Alles blieb still, die beiden wagten in ihrem Reisigkämmerlein kaum zu

atmen, sie fürchteten sich schrecklich, und Annchen hatte das Gefühl,

eine furchtbare Tat begangen zu haben. »Na seht ihr, sie sind nicht

drin,« sagte der Knecht, »also marsch hinaus!« Er trieb die Buben aus

dem Holzstall, schloß die Türe und schob den Riegel vor.

Die beiden Mädel hörten, wie die Buben fortgingen, und nach einem

Weilchen flüsterte Annchen: »Wir wollen jetzt ins Haus gehen, da sind

wir sicherer.« Sie versuchten die Türe zu öffnen, aber o weh, sie

war verschlossen. Betroffen schauten die beiden einander an. »Wir

sind -- eingesperrt!« Einen Augenblick standen sie beide ratlos an der

Tür; sie wußten erst nicht recht, sollten sie lachen oder weinen. Weil

nun das Tränenbrünnlein aber schon einmal aufgezogen war, fingen sie

ein jämmerliches Weinen an. Sie hockten beide im dämmerigen Holzstall

und schluchzten wieder abwechselnd »Huhuhuhu!« und »Achachachach!«,

schluchzten, bis Krämers Trude auf einmal an ihr Vesperbrot dachte,

das sie in der Tasche hatte. »A -- a -- annchen,« heulte sie,

»i -- i -- ich haabe was zu essen!«

Dies Wort wirkte sehr beruhigend auf Annchen, denn ihr fiel ein, daß

sie eigentlich Hunger und kein Vesperbrot hatte. Sie trocknete daher

ihre Tränen, und beide Mädel begannen Trudes Schnitten zu verzehren.

Sie wurden leidlich satt zusammen und waren nun imstande, etwas

ruhiger über ihre Lage nachzudenken. Zu schreien wagten sie nicht,

sicher trieben sich die Buben in der Nähe herum. »Nachher holt unsere

Laura noch Holz, sie tut das immer gegen Abend,« sagte Annchen, »dann

können wir raus. Sie ist schon nicht mehr böse, die brummt nie lange!«

»Wenn -- wenn nur keine Ratten hier sind,« flüsterte Trude bänglich.

»Hu hu,« quiekte Annchen und hopste so hoch, als säße ihr schon eine

auf dem Schoß, »Ratten, pfui!«

»Ich glaube, da krabbelt was,« tuschelte Trude und kletterte geschwind

auf einen Stoß Reisigbündel hinauf. »Komm hierher, hier kommen sie

vielleicht nicht hinauf.« Annchen folgte dem Rat. Oben saß es sich

ganz behaglich, nur etwas stachlig, aber wie sie beide gerade recht

überlegten, wie sie sich setzen wollten, geriet der Reisighaufen ins

Rutschen, und die beiden Mädel kamen sehr fix wieder unten an. »Ich

habe mir mein Kleid zerrissen,« stöhnte Trude, und Annchen barmte: »Ich

habe mich gekratzt.«

Selbst in einem Holzstall läßt sich allerlei erleben, dies merkten

Annchen und Trude an diesem Nachmittag. Die Rattenfurcht veranlaßte sie

immer wieder zu neuen Klettereien; waren sie oben, so purzelten sie

wieder herab. So ging es hin und her, und sie vergaßen beinahe, daß

sie eingesperrt waren. Es wurde dunkler und dunkler, und als die Mädel

nun genugsam heruntergefallen waren, gaben sie es auf, vor den Ratten

zu flüchten; sie kauerten sich in eine Ecke und begannen, sich leise

allerlei Geschichten zu erzählen.

Die fünf Buben waren unterdessen im ganzen Dorfe herumgezogen und

hatten die Mädel gesucht. Dreimal hatten sie beim Krämer und bei Amsees

gefragt, ob Trude oder Annchen da wären, aber niemand wußte etwas von

ihnen. Inzwischen war Annchens Tat auch im Dorfe bekannt geworden. Ihre

Mutter hatte sie ebenfalls erfahren, und alle dachten: »Die Mädel haben

sich versteckt.«

Es wurde dunkel, die Hausfrauen rüsteten das Abendbrot, und Hans

Rumps stand seufzend aus seinem Bette auf und überlegte, wo er in

dieser Nacht wohl am besten schlafen könnte. Jetzt begannen Annchens

Mutter und die Krämerin doch ängstlich nach ihren Mädeln auszuschauen.

Es wurde im Dorfe herumgeschickt, aber niemand wußte etwas von den

beiden. Die Turmuhr schlug sieben. Das war die Zeit, in der in jedem

Oberheudorfer Haus das Abendessen auf dem Tische stand, aber kein

Annchen, keine Trude ließen sich sehen. Amsees Laura kam zum Schulzen,

fragte nach Annchen und sagte zürnend zu Jakob: »Daran seid nur ihr

Buben schuld. Wer weiß, was den Mädeln passiert ist!« Und die Krämerin

jammerte in Heine Peterles Elternhaus: »Wo nur mein Mädel ist!«

Da ließen alle Buben, auch die, die gar nicht dabei gewesen waren, ihr

Abendbrot im Stich und rannten hinaus, die vermißten Mädel zu suchen.

Sie vergaßen allen Zorn und suchten sehr eifrig und aufgeregt, denn sie

hatten wirklich Angst, den Mädeln könnte etwas passiert sein. Nach und

nach geriet das ganze Dorf in Aufregung, die Erwachsenen schalten und

klagten, die Kinder schrieen, und Hans Rumps tutete etliche Male in

sein Horn. Bei Amsees hatten sie das Haus schon dreimal abgesucht, nun

kamen wieder etliche Buben und sagten: »Vielleicht sind sie hier doch

wo!«

»Wir wollen noch einmal in den Holzstall gehen,« meinte Laura.

»Friedrich behauptet zwar, sie wären nicht dort, aber je ja, der bringt

es fertig, zu Himmelfahrt nach dem Ostersonntag zu suchen!«

»So ein dummes Gewäsch,« schrie Friedrich erbost, ging mit schweren

Schritten voran nach dem Holzstall, riß die Türe auf und rief: »Na seht

her, nischt ist da!«

»Du meine Güte, nä, da liegen ja alle beide und schlafen wie'n paar

Ratten!« rief Laura, und die Buben brüllten los: »Sie sind da, sie sind

da!«

Mit diesem Jubelruf rannten die Buben hinaus und erfüllten die

Dorfstraße mit ihrem Geschrei. Laura aber sagte kurz entschlossen zu

Friedrich, der ganz verdutzt dastand und sich immerfort wunderte, daß

die Mädel im Holzstall waren: »Nimm du Krämers Trude und trag sie rasch

heim, ich nehme unser Annchen, sonst kommen die Buben zurück, und es

gibt ein großes Getratsch!«

Friedrich tat ganz stillschweigend, wie es Laura anordnete, und als

wirklich nach einigen Minuten eine ganze Schar Buben ankam, die nun

alle die beiden Mädel sehen wollten, da lagen diese bereits in ihren

Betten, und die Buben mußten abziehen. Sie waren sehr entrüstet

darüber, sie hätten zu gern gewußt, wie die Mädel eigentlich in den

Holzstall hineingekommen waren, denn Heine Peterle und Schulzens Jakob

behaupteten noch immer, sie wären bestimmt nicht darin gewesen.

Am nächsten Morgen gingen Annchen und Trude mit etwas schwerem Herzen

zur Schule. Trude hatte ja eigentlich keinen Grund dazu, aber aus

lauter Freundschaft war sie mit verlegen und schaute mit ängstlich nach

den Buben aus. Vor dem Brunnen trafen sie wieder alle fünf Kameraden,

die gestern dabeigewesen waren. Einige Augenblicke standen Mädel

und Buben stumm einander gegenüber, die Mädel verlegen, die Buben

nicht wissend, ob sie gut oder böse sein sollten. Auf einmal platzte

Schulzens Jakob heraus: »Wie seid ihr denn reingekommen?«

Annchen und Trude waren heilfroh, daß sie sprechen konnten und ihre

wunderbaren Abenteuer im Holzstall erzählen durften. Sie taten es sehr

eifrig, erzählten von ihrem Versteck, von den Ratten, die vielleicht

dagewesen wären, und von der Purzelei, und die Buben lauschten,

lachten, fanden die Holzstallgeschichte sehr vergnüglich und bedauerten

eigentlich, daß sie nicht mit dringewesen waren. Plötzlich rief Krämers

Trude kichernd: »Ach, Heine Peterle, dir saß das Ei gerade auf der

Nase!«

Wie ein Zauberwort wirkte dies. Sie brachen alle in ein lautes Lachen

aus, Schulzens Jakob und der dicke Friede schrieen ordentlich stolz:

»Mir saß es hier!« -- »Mir saß es hier!« Trude hopste vor Vergnügen hin

und her, Annchen kicherte in ihre Schürze hinein, und Schnipfelbauers

Fritz und Heine Peterle führten einen reinen Indianertanz auf. Die

Schulranzen gerieten in Gefahr, in den Brunnen zu fliegen, und die

Bücher und Federkasten polterten wie wild in den Ranzen herum. Die

Kinder hatten allen Zorn, alles Beleidigtsein vergessen und hätten wohl

bis Mittag am Brunnen gestanden und gelacht, wenn nicht plötzlich

mahnend die Schulglocke getönt hätte. Da liefen sie eilig alle Hand in

Hand der Schule zu; sie waren wieder gute Freunde, wie sie es bisher

gewesen waren, und waren vergnügt, daß sie den Berenbachern eine so

furchtbar komische Geschichte erzählen konnten.

Das Brünnlein aber rann und gluckste, tropf, tropf, tropf, tropf! Es

freute sich auch, daß es wieder etwas gesehen und gehört hatte.

[Illustration: Oberheudorfer Schulkinder]

[Illustration: Dekoration]

Wir wollen die Bahn!

Wer in Oberheudorf eine Reise tun wollte, der mußte erst zwei oder drei

Stunden laufen, je nachdem er lange oder kurze, flinke oder müde Beine

hatte, um die Bahnstation zu erreichen. Die Erwachsenen fanden das

beschwerlich, aber die Kinder entrüsteten sich darüber, als wäre ihnen

das Eisenbahnfahren so notwendig wie das liebe Brot. Da hieß es nun

auf einmal: Die Eisenbahn kommt! Ganz dicht an Oberheudorf sollte sie

vorbeifahren, ja Oberheudorf sollte sogar Bahnstation werden. So sagten

sie in Oberheudorf, in Niederheudorf sagten sie wieder, sie bekämen die

Station. Um diese Zeit war es, daß einmal etliche Oberheudorfer Buben

und Mädel mit ein paar Niederheudorfer Kindern beim Erdbeerpflücken

im Kuhberger Walde zusammentrafen. »Wir kriegen die Bahn!« schrie ein

langer Niederheudorfer Bube, als er kaum die Oberheudorfer erblickt

hatte, und seine Genossen stimmten ihm zu: »Ja, wir kriegen die Bahn!«

»Nä, wir kriegen sie,« schrie Schulzens Jakob patzig; er als

Schulzensohn mußte es doch wissen.

»Ja, drei Meilen am Mund vorbei,« höhnten die Niederheudorfer, und die

Oberheudorfer gaben keck zurück: »Wir sind Ober, ihr seid Nieder, und

Ober kommt allemal zuerst.«

»Pah, ihr! So 'n kleines Dorf! Nicht mal 'n richtiges Vogelschießen

habt ihr,« trumpften die Niederheudorfer auf, und die von Oberheudorf

spotteten: »Wir haben Grafens und ihr nicht, und wir haben 'n Theater

gehabt und ihr nicht, etsch!«

Der Streit wäre wohl noch eine Weile hin und her gegangen, und wer

weiß, ob es nicht zu einer Prügelei gekommen wäre, aber Leberecht

Sperling, der Waldhüter, erschien in der Ferne, da liefen die

Oberheudorfer geschwind links, die Niederheudorfer rechts, und nur

von weitem noch brüllten sie sich gegenseitig zu: »Wir kriegen

sie!« -- »Nä, wir!«

Daheim erzählten dann die Oberheudorfer Buben und Mädel, wie frech die

Niederheudorfer gewesen wären, und diese erzählten das gleiche von

den Oberheudorfern. Die Erwachsenen nahmen Partei: jedes Dorf wollte

gern die Bahn, jedes Dorf hielt sich für berechtigt, jedes meinte,

besonders gut zur Bahnstation zu passen, und es dauerte nicht lange, da

standen sich die beiden Dörfer wie Hund und Katze gegenüber. »Kriegen

wir die Bahn?« das war die Frage, die in dieser Zeit die Alten und

die Jungen, die Großen und die Kleinen beschäftigte. Standen zwei auf

der Dorfstraße zusammen, dann redeten sie über die Bahn, die Kinder

sprachen sogar davon in der Schule, und der Herr Lehrer sagte mitunter

seufzend zu seiner Frau: »Ich wollte, die Bahn führe schon am Dorf

vorbei und nicht immer meinen Schulkindern im Kopf herum.«

Sämtliche Buben und Mädel hatten schon die wunderbarsten Reisegedanken,

und die Sparbüchsen hatten es in dieser Zeit gut, sie durften so

tüchtig Pfennige schlucken, daß sie ganz fett wurden. Es war Mode unter

den Buben und Mädeln, Reisegeld zu sammeln, und wer einen Pfennig oder

gar einen Fünfer in seine Sparbüchse tun konnte, der krähte wie ein

Hähnlein bei Sonnenaufgang. Auch bei den Erwachsenen fing beinahe jedes

Gespräch mit den Worten an: »Wenn wir erst die Bahn haben!«

»Nun wird's Ernst,« sagte in dieser Zeit einmal der Oberheudorfer

Schulze, »die Bahnlinie soll jetzt vermessen werden.«

Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen · 第 7 / 11 段