die vornehmen Gäste saßen, und bald lachten alle Zuschauer, dröhnend,
herzhaft, lachten so, daß die Schauspieler nicht weitersprechen
konnten, weil ihre Stimmen in dem Lärm verhallten. »Zieht den Vorhang
zu!« stöhnte der Direktor auf seinem Königsthron, und schnurr verschloß
der rote Vorhang die Bühne, und Friede mit den geplatzten Hosen war
den lachenden Blicken entrückt.
Jemand wollte schelten, aber der Direktor sagte seufzend: »Laßt nur die
Buben, sie fangen sonst noch an zu heulen, und ein paar Pagen müssen
wir doch haben!«
Viel fehlte auch nicht, und Friede und Heine Peterle hätten geheult;
es zuckte ihnen schon bedenklich um die Mundwinkel, und beiden war die
Bühne nachgerade recht unheimlich geworden. Friede hielt krampfhaft
seine Höslein zusammen, und Heine Peterle starrte hilflos auf sein
Licht, das noch immer am Boden lag, und das er nicht zu holen wagte.
Was tun? Weitergespielt mußte werden, die Pagen wurden gebraucht, aber
einen Pagen mit geplatzten Hosen und einen, dem sie vielleicht noch
platzten, konnte man doch nicht an einem Königshofe brauchen. Die Frau
Direktorin war es, die in dieser Not Rat wußte. Sie holte geschwind ein
Paar grasgrüne Schärpen herbei, band jedem Buben eine um und steckte
breit und voll eine Schleife über die geplatzte Naht. »Nun sieht es
niemand,« sagte sie befriedigt, »nun steht nur hübsch still und bückt
euch nicht.«
Der Vorhang ging wieder auf. Steif und unbeweglich, die Leuchter
kerzengerade in den Händen, so standen die beiden Pagen rechts und
links vorm Königsthron und ein lautes »Ah!« der Bewunderung ertönte ob
der Pracht der grünseidenen Schärpen.
»Man sieht's gar nicht,« flüsterte Annchen Amsee halblaut, und
Waldbauers Mariandel sagte begeistert: »Nun sehen sie aber noch feiner
aus!«
Der Akt ging nun ohne Zwischenfall zu Ende. Alles war sehr rührend
und schön, und alle waren zufrieden. Die Zuschauer waren es und die
Schauspieler, weil es eben die Zuschauer waren. Und der Wirt war
zufrieden, weil er sah, wie Grafens lachten und vergnügt dreinsahen. Am
allervergnügtesten aber waren die beiden Buben oben auf der Bühne, sie
meinten, sie wären bei der Aufführung eben doch die Hauptsache.
Beim nächsten Akt hatten Heine Peterle und Friede dreimal über die
Bühne zu rennen. »Ihr müßt sehr aufgeregt und ängstlich tun,« hatte
der Direktor zu ihnen gesagt. Und die beiden befolgten seine Worte
so getreulich, daß unten im Saal Muhme Rese sehr ängstlich zu Muhme
Lenelies sagte: »Was haben denn nur die beiden, sind sie denn närrisch
geworden? Nä, nä, die machen noch 'ne Dummheit, und der Friede denkt
auch gar nicht an seine Hosen!«
»Die haben was verloren,« behauptete Schulzens Jakob, und seine
Schwester Röse sagte ängstlich: »Sie werden noch alles umrennen!«
Aber die Buben rannten nichts um, die Hosen platzten nicht weiter, und
der Direktor sagte freundlich: »Das habt ihr brav gemacht!«
Der nächste Akt sollte einen feierlichen Krönungszug bringen, und
weil die Schauspielergruppe nur klein war, mußten alle immer rund um
die Bühne herum, dicht an der Rampe entlang gehen und zur einen Türe
hinaus- und zur andern hineinspazieren, es sollte aussehen, als ob
viele, viele Menschen über die Bühne gingen. Draußen auf einem Tisch
lagen allerlei Mützen und Hüte, einmal setzten sich die Schauspieler
welche auf, das nächste Mal kamen sie ohne Kopfbedeckung über die
Bühne. Sie taten dies, damit man denken sollte, es wären immer andere
Leute. Auch Heine Peterle und Friede setzten ihre Mützen einmal ab.
Als sie wieder an dem Tisch vorbei kamen, lagen aber obenauf allerlei
andere Hüte. »Unsere Mützen!« rief Friede suchend. »Schnell, schnell,
nehmt ein paar andere!« sagte ein Schauspieler hinter ihnen ungeduldig,
und die Buben ergriffen rasch, was gerade dalag. Heine Peterle
erwischte dabei einen großen Federhut, der ihm, als er ihn aufsetzte,
fix auf die Nase rutschte.
»Seht doch den Heine Peterle an, was der für einen Hut hat!« ertönten
unten gleich wieder etliche Kinderstimmen.
Daß man seinen Hut bewunderte, schmeichelte Heine Peterle zwar sehr,
aber wenn er nur etwas hätte sehen können! Der Hut war ihm über die
Augen gerutscht, er wollte ihn zurückschieben, und dabei stolperte er.
»Bengel, du fällst ja hinunter,« flüsterte ihm ein Schauspieler
erschrocken zu.
Es war schon zu spät: Heine Peterles linkes Bein schwebte bereits in
der Luft; der Bube war an die Rampe gekommen, er schwankte, rutschte,
und fallend griff er nach einem Halt. Dabei packte er einen Ritter am
Bein, der verlor auch das Gleichgewicht; auch er griff unwillkürlich
nach etwas und erwischte die Schleppe einer Hofdame. Der dicke Friede
wollte seinen Kameraden halten, auch er wurde mitgezogen, und mit einem
wahren Donnergepolter sausten alle vier über die Rampe und plumpsten in
den Zuschauerraum hinab, Grafens gerade vor die Füße.
Ein wahrer Höllenlärm erhob sich. Oben auf der Bühne stockte der
Festzug, unten schrieen, heulten und lachten alle durcheinander. Der
Wirt und der Schulze kamen herbei, die Gestürzten aufzurichten. Heine
Peterle heulte, seine Mutter und Muhme Rese, die nicht gleich zu ihm
gelangen konnten, jammerten laut. Friede ächzte und hielt krampfhaft
seine Höslein fest, die nun völlig geplatzt waren, und seine Mutter
stieg über zwei Stuhlreihen hinweg, um ihren Buben zu trösten.
Aus der Kinderecke kam klägliches Schreien und angstvolles Fragen. Ein
paar Mädel weinten, ein paar Buben lachten, und oben auf der Bühne
sagte der Direktor grimmig: »Kruzitürken nochmal, sind das ein paar
dämliche Bengel!«
Und dann saß Heine Peterle auf einmal auf dem Schoß der Frau Gräfin und
Friede auf dem einer andern Dame, und die beiden Damen trösteten die
Buben, steckten ihnen Schokolade in den Mund und sagten, eigentlich
hätten sie ihre Sache doch sehr gut gemacht.
Da versiegten die Tränen der beiden, ganz stolz und wichtig schauten
sie sich um. Man saß doch nicht alle Tage auf dem Schoß einer Frau
Gräfin und aß wunderfeine Schokolade. Potztausend, war das fein! Weh
getan hatten sie sich nicht weiter, ein paar blaue Flecke und Schrammen
rechnet ein echter Oberheudorfer Bube nicht erst, auch die Schauspieler
hatten sich nichts gebrochen, und so konnte das Spiel weitergehen. Die
Buben waren dazu bereit, aber der Direktor sagte, jetzt brauchte er
keine Pagen mehr, sie sollten lieber unten bleiben.
So kamen denn die beiden nach einem Weilchen in ihren eigenen
Sonntagshöslein in den Zuschauerraum hinab und schauten sich den Schluß
des Stückes an. Ohne Unfall ging es nun zu Ende, aber Heine Peterle und
Friede und Muhme Rese und noch manch andere sagten: »Die Pagen hätten
bis zuletzt oben bleiben müssen, dann wäre es viel lustiger gewesen.«
Die Oberheudorfer meinen nämlich, in einem richtigen Trauerspiel müsse
man herzhaft lachen können.
Noch heute aber sagen die Oberheudorfer Kinder bei jedem Theaterspiel:
»Damals war es fein, als Heine Peterle und Friede mit Theater spielten!«
[Illustration: Heine Peterle und Friede]
[Illustration: Dekoration]
Die schöne Flickerin.
(Ein Märchen.)
Wenn Muhme Lenelies den Kindern, die eigentlich alle miteinander ihre
Freunde und Freundinnen waren, Märchen erzählte, dann fing sie meist
an: »Es war einmal ein König, eine Königin, ein Prinz, eine Prinzessin
oder doch wenigstens ein Graf.« Anders tat es Muhme Lenelies nicht. Die
Kinder waren darum ganz unzufrieden, als die Muhme ihnen, als sie an
einem regennassen Herbstnachmittag zum Märchenhören kamen, erzählte:
»Es war einmal eine Waschfrau!«
»Das ist nicht hübsch!« rief Annchen Amsee gleich entrüstet, und der
blaue Friede sagte: »Mit 'nem König muß es anfangen!«
»Es fängt an, wie es anfängt, und wenn es eine Waschfrau ist, die
zuerst kommt, dann ist es eben eine Waschfrau,« erwiderte Muhme
Lenelies freundlich. »Ihr braucht aber nicht zuzuhören. Wer gehen will,
kann gehen, wer zuhören will, muß den Schnabel halten. Also wer will
gehen?«
Niemand wollte das. Die Kinder fanden es wieder einmal ungeheuer
gemütlich bei Muhme Lenelies. Draußen floß der Regen in wahren
Gießbächen vom Himmel herunter, der Herbststurm zerrte noch die letzten
rotgelben Blätter von den Bäumen und brauste dazu: »Gib her, gib
her! Mußt alles geben, mußt alles geben!« An solchen Tagen besannen
sich immer etliche Oberheudorfer Buben und Mädel darauf, daß es doch
eigentlich wundervoll bei Muhme Lenelies sei, und daß sie mit der
alten Frau doch sehr befreundet wären. Im Sommer, wenn die langen Tage
schier zu kurz für alle lustigen Freispiele waren, kehrten bei Muhme
Lenelies meist nur die Kinder ein, die sich zufällig mal irgend etwas
zerrissen hatten; die gute Muhme heilte geschwind die Schäden und nahm
es nicht weiter übel, wenn Buben oder Mädel das Wiederkommen nachher
ein Weilchen vergaßen. Sie kannte ihre Freunde schon, sie wußte, daß
Sturm und Regen und dunkle Wintertage sie ihr wieder zuführten. Muhme
Lenelies konnte so viele Märchen erzählen, daß selbst der Herr Lehrer
ihr manchmal zuhörte und dann sagte, Muhme Lenelies sei eigentlich eine
Dichterin.
Von allen Kindern aber hörte der alten Frau niemand lieber zu als ihr
Pflegesohn Traumfriede. Der lauschte auch an sonnenhellen Sommertagen
gern allein, was seine gute Pflegemutter ihm erzählte. Er war es auch,
der an diesem Nachmittag, an dem Muhme Lenelies die Geschichte von der
Waschfrau begann, nochmals ärgerlich rief: »Ja, geht doch, wenn ihr
nicht zuhören wollt!«
Es ging aber auch jetzt niemand, alle saßen mäuschenstill, und so
begann Muhme Lenelies wieder: »Es war einmal eine Waschfrau. Sie war
arm, wie es Waschfrauen oft sind, aber sie war zufrieden und froh, was
selbst Königinnen nicht immer sind. Freilich mußte sie von früh bis
abends arbeiten, denn sie hatte vier Kinder zu ernähren, ein Mädel
und drei Buben. Liebelinde, die Tochter, schaffte fleißig in der
Wirtschaft, versorgte die drei kleinen Brüder und half der Mutter,
soviel sie konnte. Es war eine fleißige, fröhliche kleine Familie, die
da am äußersten Stadtende wohnte. Die drei Buben waren, wie kleine
Buben eben sind, oft recht wild und übermütig, und der Tag, an dem
einer nicht mit einem Riß im Höslein oder in der Jacke heimkam, war
noch nicht dagewesen.«
»Seht ihr, wie ihr seid,« sagte Schulzens Röse ein bißchen wichtig und
guckte die Buben ordentlich strafend an.
Die taten, als hätten sie das gar nicht gehört. Nur Heine Peterle
brummte: »Mädel müssen immer dreinreden!«
Muhme Lenelies achtete nicht auf die Zwischenreden, sondern fuhr fort:
»Liebelinde stopfte immer alle Risse bereitwillig zu, und weil sie
nicht wollte, daß ihre Brüder unordentlich aussehen sollten, gab sie
sich immer besondere Mühe, und manchmal sagte die Mutter: >Ei, wenn nur
alle Mädel so gut flicken könnten wie du!<
Über Land und Stadt herrschte ein mächtiger König. Der hatte drei
Söhne, die alle drei gut und brav waren und ihren Eltern viel Freude
bereiteten. Bei der Geburt der Söhne war, wie das früher manchmal
vorkam, schnurstracks eine böse Fee gekommen und hatte die armen
Prinzlein verwünscht. Aber so geschwind wie hinter einem rechten
Gewitter manchmal der Sonnenschein kommt, war gleich eine gute Fee
erschienen, die hatte der Königin für jeden Sohn zwölf wunderfeine
Hemden aus goldgelber Seide geschenkt, die sollten die Prinzlein
immer tragen: so lange würden sie gesund und glücklich sein, und alle
Zaubersprüche der bösen Fee könnten ihnen nichts anhaben. Die Königin
tat wie die Fee ihr geraten hatte, und seitdem trugen die Prinzlein
immer die Hemden von goldgelber Seide.«
»Das ist fein, das möchte ich auch,« zwitscherte Annchen Amsee
dazwischen.
»Wenn du mal eine Prinzessin bist, kannst du es ja tun,« spottete Anton
Friedlich.
»Seid doch still, sonst erzähle ich nicht weiter,« rief Muhme Lenelies.
Da waren alle gleich wieder ganz still, und Annchen Amsee hielt sich
den Mund zu, damit nur ja kein vorwitziges Wörtlein entschlüpfte.
Die Muhme aber erzählte: »Weil nun die Königin wußte, daß Glück und
Gesundheit ihrer Kinder von den Hemden abhingen und Hemden, selbst wenn
sie von Seide sind und von einer Fee stammen, doch manchmal reißen, gab
sie selbst jedesmal der Wäscherin die Hemdlein und nahm sie ihr auch
wieder ab und sah sie sorgfältig durch, ob auch kein Riß darin wäre. Du
lieber Himmel, zwölf Hemden, wenn sie ein ganzes Leben halten sollen,
sind wirklich nicht viel, zumal für einen Prinzen.«
»Das ist wahr,« sagte Waldbauers Mariandel bedächtig, »meine Mutter
hat --.« Heine Peterle legte ihr geschwind seine kleine, braune
Hand vor den Mund, so kräftig, daß Mariandel beinahe mitsamt ihrem
Schemelchen umgefallen wäre.
»Nein, zwölf Hemden sind wirklich nicht viel für das ganze Leben,«
fuhr Muhme Lenelies fort, »da hieß es eben achtsam sein, und als die
drei Prinzen Karlemann, Hannemann und Friedemann noch drei kleine
Männlein waren, da sagten sie mitunter ganz kläglich: >Ach, wir möchten
lieber ohne Hemden gehen. Es ist so langweilig, daß wir uns immer in
acht nehmen müssen.< Einmal zog auch Prinz Karlemann sein Hemdlein
heimlich aus, flugs bekam er einen Schnupfen, und die Frau Königin
sagte: >Siehst du, wie recht die gute Fee hatte? Nun bist du ohne dein
goldgelbseidenes Hemd gleich krank geworden.<
Auch Prinz Hannemann zog einmal heimlich sein Hemdlein aus, und an
diesem Tage schüttete er einer fremden Fürstin, die zu Besuch da war,
Himbeersauce auf ihr himmelblaues Atlaskleid. Er bekam dafür zur Strafe
einen Katzenkopf und keinen Nachtisch, und alles kam nur davon, daß er
das goldgelbseidene Hemdlein nicht trug.
Als die Prinzen erwachsen und mutige, kühne Jünglinge geworden waren,
zogen sie nacheinander in die Welt hinaus; sie sollten einmal sehen,
wie es wo anders ist, und sollten sich dabei gleich eine schöne
Prinzessin zur Gemahlin aussuchen. >Sie muß aber sehr gut stopfen
können,< sagte allemal die Frau Königin, >denn wißt ihr, mit euren
Hemden ist das so eine Sache, wer weiß, ob sie halten!<
Prinz Karlemann kam heim und brachte eine wunderschöne Frau mit. Es war
die reiche Prinzessin Gerlinde, die konnte singen, Klavier spielen,
reiten und tanzen, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Als
die alte Königin es einmal von ihr verlangte, da lachte sie und rief:
>Aber Frau Mutter, eine Prinzessin braucht doch nicht zu stopfen.<
Die Königin seufzte und dachte, vielleicht bringt mein Sohn Hannemann
eine Frau heim, die stopfen kann. Prinz Hannemann brachte die
wunderschöne Prinzessin Theolinde als Gemahlin mit. Die konnte malen,
Schlittschuh laufen und noch besser tanzen als Gerlinde, aber stopfen,
nein, stopfen konnte sie nicht. Sie wollte sich halbtot lachen, als es
die Königin von ihr verlangte. Die seufzte sehr und dachte sorgenvoll:
>Vielleicht bringt mein Sohn Friedemann die rechte Frau mit.<
Aber Prinz Friedemann kam eines Tages lustig und guter Dinge heim.
Er brachte einen Papagei, einen Affen, ein Nashorn, ein Kamel, ein
Känguruh, prächtige Kleider für seine Mutter und noch viele andere
schöne Dinge mit, eine Frau aber hatte er vergessen. Er war sehr
betrübt, als ihn seine Eltern ausschalten, und sagte: >Oh, Frau
Mutter, ich mußte nur immer und immer an Euch denken, und darüber
hat mir keine andere Frau gefallen.< Die Königin strich ihrem Sohn
über das dunkle Lockenhaar und sagte gütig: >Ja, mein Prinzlein, das
ist nun nicht anders, eine Frau mußt du haben, und eine muß es sein,
die stopfen kann, eher werde ich nicht ruhig sein. Vielleicht ist es
ganz gut, daß du keine Prinzessin genommen hast, die sind heute gar zu
verwöhnt; wir wollen es einmal mit einer Grafentochter versuchen.<
Dem Prinzen war das sehr recht. Er dachte, wie es meine Mutter macht,
wird es schon richtig sein. Er sorgte sich nun nicht weiter um die
Sache, die Königin aber gab mit ihren beiden Schwiegertöchtern zusammen
einen großen Kaffee und lud sämtliche Grafentöchter des Landes dazu
ein. Während sie nun alle saßen und Kaffee tranken und Kuchen aßen,
mußten sie erzählen, was sie alles konnten. Oh, sie konnten sehr
viel, ungeheuer viel sogar. Sie konnten malen, singen, Laute spielen,
reiten, jagen, schwimmen, tanzen, turnen, sie konnten gelehrte und
ungelehrte Bücher lesen und schreiben, konnten alle Sprachen der Welt,
eine konnte sämtliche Länder, Städte, Flüsse und Gebirge der Erde
wie das Abc hersagen, schnurr ging das wie ein Spinnrad; eine wußte,
wieviel Edelsteine jeder König der Welt in seiner Krone hatte; eine
andere sagte immer ein Gedicht nach dem andern auf und erzählte, sie
könnte tausend Tage ununterbrochen Gedichte sagen und wüßte immer
noch neue. Bei dieser sagte Prinz Friedemann gleich: >Die will ich
nicht, nein, die will ich bestimmt nicht.< Eine andere wieder verstand
alle Vogelstimmen nachzuahmen und sagte, jetzt wäre sie dabei, die
Säugetiere zu studieren, wie ein Esel könnte sie schon schreien.
Wirklich, die Grafentöchter waren sehr gebildet. Als die Königin aber
fragte, ob sie auch stopfen könnten, da fingen sie alle an zu lachen,
verneigten sich sehr ehrerbietig und sagten: >Euer Majestät machen sehr
gute Witze! Stopfen, eine Grafentochter stopfen! Hihihi, hahaha, das
ist zu drollig!<
Die Königin wurde sehr böse, schalt die Grafentöchter, und die gingen
sehr gekränkt und betrübt heim. Den Prinzen hätte nun schon jede gern
geheiratet, aber stopfen lernen, nein, stopfen lernen, das wollten sie
doch nicht.
Unter den Hausmädchen im Königsschloß nun war eine, die war boshaft und
zanksüchtig. Mit allen andern Mägden hatte sie Streit, und wenn sie
jemand etwas zuleide tun konnte, so tat sie es mehr als gern. Just an
dem Tage, an dem alle Grafentöchter zum Kaffee im Schloß waren, hatte
sie von der Frau Oberküchenmeisterin Schelte bekommen, weil sie von der
allerschönsten Torte die Früchte abgegessen hatte. Darüber war sie so
wütend, daß sie geschwind ihre Sachen packte und davonlaufen wollte.
Vorher freilich gedachte sie allen noch etwas recht Böses anzutun. Sie
schlich sich in die Wäschekammer und fand dort den Schrank offen, in
dem die goldgelbseidenen Hemden der Prinzen lagen. Da nahm die böse
Magd geschwind eine Schere und schnitt eins, zwei, drei lauter Löcher
in die Hemden, ritsch, ratsch ging das, und sie hätte die Hemden
gewiß ganz und gar zerschnitten, wenn sie nicht die Stimme der Frau
Oberwäschebesorgerin gehört hätte. Da riß die böse Magd eilig aus, nahm
ihre Sachen, lief zum Schloß hinaus und wanderte in die weite Welt
hinein.
Noch an diesem Abend aber wurden die zerschnittenen Hemden entdeckt,
und ein großes Wehklagen erhob sich. Die Königin sandte verzweifelt
nach der guten Fee, und die kam auch sehr geschwind herbei, aber ach,
helfen konnte sie nicht. Und wenn gute Feen nicht helfen können, ist
das sehr betrüblich, denn natürlich wollen sie doch allen Menschen
etwas Liebes antun. >O weh, o weh,< klagte die schöne, gute Fee, >das
ist wirklich ein rechtes Unglück. Die Hemden kann ich nicht ersetzen,
und wenn sie zerrissen sind, nützen sie auch nichts gegen all die bösen
Verwünschungen. Sie müssen so geflickt sein, daß man den Schaden kaum
sieht. Sucht eiligst die geschickteste Flickerin im Land und laßt sie
die Hemden flicken. Freilich,< setzte die gute Fee traurig hinzu, >ich
weiß schon, eine rechte Flickerin wird jetzt schwer zu finden sein.
Ach, es ist wirklich ein großes, großes Unglück!<
Der König und die Königin, Prinzen und Prinzessinnen, ja der ganze Hof
waren unendlich betrübt. Noch hatte ja jeder Prinz ein unzerrissenes
Hemd an, aber wehe, wenn das kaput ging. Gerlinde und Theolinde fingen
gleich an, sich im Stopfen zu üben, aber das ging gar nicht, es wurde
fürchterlich, man sah es schon von großer Weite, daß da ein Riß
geflickt war, und die Fee sagte immer wieder, man dürfe es nicht sehen.
Die Fee verließ sehr traurig das Schloß und ging zurück in ihren
Wunderwald. Ganz langsam ging sie durch die Straßen der Stadt, niemand
achtete auf sie, niemand wußte, daß die Frau in dem grauen Mantel eine
gute, mächtige Fee war. Ein Mägdlein ging vorüber und dachte: >Wenn ich
eine Fee wüßte, dann ging ich zu ihr und würde sie sehr bitten, mir
ein wunderfeines Ballkleid zu schenken.< Dabei streckte das Fräulein
die Nase in die Luft und rannte die gute Fee beinahe um. Ebenso erging
es einem jungen Mann, der auch das Herz voller Wünsche hatte, ihm
mußte die Fee sogar noch ausweichen. >Die Menschen sind doch manchmal
zu ungeschickt,< sagte sie ordentlich ärgerlich, und just in diesem
Augenblicke purzelte vor ihr ein Bübchen mit seinem Schulranzen hin.
Er hatte mit einem andern Buben Kriegsspiel gespielt, aber nun standen
alle beide, Freund und Feind, etwas verdattert da, und der Hingefallene
heulte laut: >Meine Jacke, meine Jacke! Wenn ich nach Hause komme,
kriege ich Haue. Huhuhuhu!<
>Ach, heule doch nicht,< sagte der andere, >komm rasch mit, meine
Schwester flickt dir geschwind deine Jacke. Sie kann es so gut, daß man
nichts mehr von dem Loch sieht. Komm nur, sie tut es schon, sie ist
sehr gut.<
Nun hätte die Fee dem Bübchen schon schnell eine neue Jacke schenken
können, denn so etwas ist für eine Fee natürlich nicht schwer, sie
tat es aber nicht, sondern folgte eiligst den Buben, die beide bis an
das Stadttor gingen dorthin, wo die Waschfrau mit ihren vier Kindern
wohnte. Liebelinde saß vor dem Haus unterm Fliederbaum; sie nannten es
das Gärtchen, obgleich es nur den einzigen Busch gab. Sie nähte und
sang dabei vergnügt ein Liedchen.
»Eile, Nadel, hin und her
Ganz geschwind, doch nicht zu sehr,
Fädchen darf nicht reißen.
Hei, das geht ja wie im Nu,
Löchlein schau, du bist schon zu,
Höslein ist nun heil!«
Als die Buben ankamen und ihr ihre Not klagten, lachte sie und rief:
>Komm her, du Schelm! Ach du lieber Himmel, ich wollte, ich hätte für
jeden Riß, den ich in Bubenhosen und -Jacken schon gestopft habe, ein
Goldstück, ei, da sollte es unserer Mutter gut gehen.< Dabei nahm sie
rasch Nadel und Faden und begann das Jäcklein zu stopfen; es ging wie
ein Mühlrädchen. Die Fee war näher getreten, tat, als sei sie eine müde
Wanderin, fragte dies, fragte das, und Liebelinde gab ihr bereitwillig
Auskunft. Sie erzählte heiter und zufrieden von ihrem stillen,
ärmlichen Leben, und dabei hatte sie im Umsehen den Riß zugestopft,
kein Linschen war mehr zu sehen. Der Bube zog vergnügt sein Jäcklein
an, vergaß auch seinen Dank nicht und lief dann so schnell nach Hause,
als sei er Sturmwinds Lehrjunge.
Die Fee nahm ein goldenes Ringlein und sagte zu Liebelinde: >Mädchen,
oben auf dem Schlosse braucht die Frau Königin eine gute Flickerin; ich
sollte meinen, du wärst die Rechte. Geh nur hinauf, gib das Ringlein
ab und sag', Gutenberga schicke dich, dann wird dich die Frau Königin
schon vorlassen.<
>Liebe Frau, aber liebe Frau,< rief Liebelinde erschrocken, >was
denkt Ihr Euch? Ich, einer Waschfrau Tochter, sollte so ohne weiteres
auf das Schloß gehen? Nicht den Mund könnte ich aufmachen vor lauter
Verlegenheit, und meine liebe Mutter würde sicher denken, ich sei
närrisch geworden.<
Die Fee aber redete zu, eine Nachbarin kam herbei, und als sie alles
hörte, redete sie mit zu, sie versprach auch, auf Haus und Buben zu
achten. So schlüpfte denn Liebelinde in ihr Sonntagsröcklein, nahm
Abschied von den Brüdern, der Nachbarin, dem Häuschen und der Katze,
als ginge sie auf Nimmerwiedersehen davon, und lief ins Schloß hinauf.
Oben wollte man sie erst gar nicht vorlassen. Erst rümpfte der Torwart
die Nase, dann der Diener, die Mägde, die Hofdamen, und wer sonst
noch herumlief. Liebelinde dachte gerade, dies sei wohl Hofsitte, und
begann auch ihr feines Näslein zu rümpfen, als die beiden Prinzessinnen
Gerlinde und Theolinde vorbeikamen. Sie sahen schrecklich traurig aus,
denn sie hatten es wieder vergeblich versucht zu stopfen und hatten
doch kein Loch zubekommen.
>Ei, die sehen gut aus,< dachte Liebelinde, machte einen Knicks und
richtete ihren Auftrag aus.
>Sie kann stopfen,< schrie Gerlinde, und Theolinde fiel Liebelinde
gleich um den Hals und jubelte: >Sie kann stopfen, sie kann stopfen!<