verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stübchen lag und mit
Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie draußen die
weißen Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit
von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem
Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewälle, trotz Sturm und
Kälte wollte er doch nach der Stadt wandern, um für seine Pflegemutter
die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wußte,
Muhme Lenelies würde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr
ersparen. Es bedrückte ihn freilich schwer, daß er nicht in der Schule
sein konnte, aber er dachte: »Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte,
wird er es mir schon verzeihen; ich mußte doch gehen.« Tapfer schritt
er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, daß er kaum den Weg
erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, daß er oft bis an den
Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der
Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde
das Vorwärtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt
stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies würde vielleicht kränker
werden, wenn er die Tropfen nicht brächte, trieb ihn immer wieder
vorwärts. Nach und nach dämmerte der Tag herauf, und als er aus dem
Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein
still und weiß vor ihm. Es sah so schön aus, daß er darüber beinahe
alle Beschwerden des Weges vergaß. Er blies hurtig sein Laternlein aus
und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstündiger Wanderung erreichte
er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie
bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen für Muhme Lenelies.
Dabei wunderte er sich selbst über seinen Mut; ganz vergnügt dachte
er: »Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde.«
Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem
andern Buche erzählt worden, aber auch die übrigen Oberheudorfer Buben
und Mädel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie
nämlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer
eine besondere Sache. Zum Vergnügen fuhren die Oberheudorfer nicht
in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von
Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und für Kindervolk kein Platz
mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm
aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte,
gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht
nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er hätte
keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der müde und
hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah
es und fragte mitleidig, für wen er die Tropfen wollte. Friede gab
Auskunft, treuherzig erzählte er alles, und der alte Herr riet ihm, er
sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nähe und
würde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn
Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt,
den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach
Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem
alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern
leiden. Er wußte aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie
schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. »Junge,« rief er ganz
erstaunt, »bist du denn zu Fuß gekommen?«
[Illustration: Traumfriede auf dem Wege zur Apotheke.]
»Ja,« sagte Friede treuherzig, »die Pferde kommen doch nicht mehr
durch, sonst hätte die Schnipfelbäuerin die Tropfen mitgebracht.«
»Na, das ist gut,« rief Doktor Treumann, »die Pferde können nicht mehr
durchkommen, und so ein Dreikäsehoch läuft den Weg, noch dazu in der
Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so
unvernünftig sein und dich gehen lassen!«
Verlegen bekannte Friede, daß er heimlich davongelaufen sei, weil
die Muhme ihn sonst nicht hätte gehen lassen. »Und sie muß doch ihre
Tropfen haben,« flüsterte er.
Der Arzt strich ihm sacht über den Kopf. »Du bist ein braver Bursche,«
sagte er ernst, »aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim
kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich
fürchte, das wird zu viel für deine Kräfte sein.«
»Ach nä,« rief Friede vergnügt und mutig, »es geht schon, ich bin gar
nicht müde!«
Der Arzt überdachte die Sache. Er selbst mußte eilig fort zu einem
Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas für den Buben zu sorgen. Kam
der nun heute nicht heim, dann ängstigte sich Muhme Lenelies vielleicht
so, daß sie noch kränker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote,
der den Weg machte, würde sich schwer finden, also mußte Friede
schon wieder zurückwandern. Er ließ dem Buben heißen Kaffee geben,
dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: »Du darfst dich aber
nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so müde bist, sonst
schläfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, daß du
dich nicht hinsetzt!«
Friede gab dem gütigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: »Denk
an dein Versprechen! Sein Wort muß man halten; ein Feigling, wer es
nicht tut.« --
Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in
der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben
sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte
er, daß Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, daß der Heimweg
schwerer sein würde. An manchen Stellen mußte er durch den Schnee
krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er
minutenlang still und meinte vor Müdigkeit umsinken zu müssen, dann
trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwärts.
Er hatte sein Wort gegeben, das mußte er halten, und Muhme Lenelies
mußte ihre Tropfen haben, sonst wurde sie kränker.
Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er
so im Schnee, daß er sich nur an dem tief herniederhängenden Ast einer
Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm
die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter
konnte er gar nichts sehen.
Als er endlich den Wald erreicht hatte, überfiel ihn eine solche
Mattigkeit, daß er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so müde
war er, ach so müde. Da war es ihm plötzlich, als rufe jemand laut
neben ihm: »Sein Wort muß man halten; ein Feigling wer es nicht tut!«
Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Händen sein Laternchen
anzuzünden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es
ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhölzern
verlöschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zündete das
Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stück Brot, das er noch in der
Tasche hatte, aß es auf und wurde nun wieder etwas munter.
Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich
ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes
Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, daß ihm jeder
Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer
wieder meinte er vor Müdigkeit fast umsinken zu müssen, aber immer
wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes
Wort empor.
Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern.
»Niederheudorf,« dachte er wie erlöst, »da kann ich mich ausruhen,
jemand nimmt mich schon auf.« Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte!
Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mußte er
wandern, immer weiter!
Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fühlte, wie seine
letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er
einen Schritt vorwärts, da packte ihn plötzlich eine kräftige Hand, und
eine laute, schnarrende Stimme rief: »Zum Donnerwetter noch einmal, wer
treibt sich denn hier herum?«
»Muhme Lenelies muß ihre Tropfen haben,« stammelte Friede halb
bewußtlos vor Mattigkeit. »Ihre Tropfen -- ihre Tropfen -- ich mein
Wort -- -- weiter -- weiter!«
»Na das ist ja eine nette Bescherung!« brummte Leberecht Sperling, der
Waldhüter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. »Sieh mal einer
an, der Traumfriede ist's. Du, Bube,« schrie er, »wo kommst du denn
her?«
[Illustration: Leberecht Sperling und Traumfriede]
»Aus -- der -- Stadt,« lallte Friede.
»Bei dem Wetter? Bist du verrückt?« schrie der Waldhüter. »Bist du etwa
hin und zurück gegangen?«
»Ja,« murmelte der Bube schlaftrunken, »die Tropfen, -- Muhme Lenelies
braucht sie doch!«
»So eine unvernünftige Kreatur,« schalt Leberecht Sperling, »läuft in
die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen müßte man so einen Buben! Na,
ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm,
ausnehmend dumm!«
Von diesem Schimpfen hörte Friede nichts mehr, er lag auf des
Waldhüters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wäre er dessen
Mutter, durch den Schnee. Die bösen Worte meinte Leberecht Sperling
nicht böse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das
war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder für ausnehmend
ungezogen erklärte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle
lieb -- freilich sie merkten das nur selten.
Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme
Lenelies sich zu ängstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und
Mimi noch so viel im Zimmer herumhüpfen, der alten Frau erschien es
heute doch bedrückend einsam. Sie atmete auf, als endlich draußen
Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und
nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden
nun erfuhr Muhme Lenelies, daß Friede an dem Tage gar nicht in der
Schule gewesen war. »Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach
Niederheudorf gegangen,« sagte Heine Peterles Mutter, »dort sind zwei
Mägde krank, und weil doch nächstens Hochzeit ist, haben sie alle Hände
voll zu tun.«
Muhme Lenelies schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum
hätte Friede nicht die Schule versäumt. Ihr wurde es auf einmal so bang
zumute, und angstvoll rief sie: »Meinem Buben ist etwas passiert, ein
Unglück ist geschehen!«
Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt
selbst seltsam vor. »Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wäre,«
murmelte dessen Mutter, »der brächte es schon fertig, mal hinter die
Schule zu gehen.«
Da erklangen draußen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht
Sperling riß die Türe auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins
Zimmer. »Da ist er,« rief der Waldhüter. »So ein dummer Purzel läuft
bei dem Wetter in die Stadt!« Friede riß krampfhaft seine Augen auf,
sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum:
»Die Tropfen -- ich darf nicht ausruhen -- mein Versprechen! Ich --«
»Bube, mein Bube,« rief Muhme Lenelies, »du warst in der Stadt?«
»Ja, da war er,« sagte Leberecht Sperling, »und jetzt geht er ins Bett.
Der schläft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen!« Er nahm dem Buben
seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen
halfen Jacke und Höslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl
kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke,
dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch
den heißen Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem,
was um ihn herum gesprochen wurde, hörte er aber gar nichts mehr. Er
hörte nicht, daß Muhme Lenelies unter Tränen rief: »Gott sei Dank, daß
mein Goldjunge wieder da ist,« und daß Leberecht Sperling schalt und
die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und träumte wundervolle Dinge.
Er ging im Traum an der weißen Hand der Schneekönigin, die führte
ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lächelnd nahm sie
einen köstlichen Pelz und legte ihn über seine Knie: »Damit du nicht
frierst.« Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und
wußte nicht, daß Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Füße gelegt
hatte, der köstliche Pelz der Schneekönigin war.
Um Mitternacht legte sich der Wind, es hörte auf zu schneien, und am
nächsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien
dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte.
Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine große Kaffeekanne
in der Hand und sah aus, als hätte sie sich ein bißchen mit
Sonnenschein gewaschen. »Muhme,« stammelte Friede verwirrt, »bist du
denn gesund?«
»Na, so ziemlich,« rief die alte Frau. »Die Tropfen haben mir gut
getan, mein Goldjunge. Paß auf, nun reißt das Kranksein aus!«
So wurde es auch, das Kranksein riß wirklich aus. Als nach einiger
Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte,
Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht
munter und vergnügt. »Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt überflüssig
zu sein,« sagte er lachend.
Muhme Lenelies nickte: »Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr
Doktor, daß mein Friede den schweren Weg für mich gemacht hat, das hat
mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund!«
»Ja, Freude ist gesund,« sagte auch der Arzt, »und Euer Friede, Muhme
Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Paßt auf, der sorgt noch oft für
Freude in Euerm Leben!«
Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Bäuerin, und Friede
bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie früher,
als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. Über
nichts aber freute er sich mehr als über Muhme Lenelies' Genesung und
über den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht über den versäumten
Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede
sehr, sehr gütig angeschaut.
[Illustration: Muhme Lenelies]
[Illustration: Dekoration]
Das Hünengrab.
In dem Kuhberger Walde, der Oberheudorfs Felder nach Süden und Westen
abgrenzte, lag tief innen auf einer Wiese ein mächtiger Steinhaufen.
Es war ein seltsam schöner Platz da mitten im Walde, immer lag es wie
eine stille Feierlichkeit darüber; eigentlich war es so recht ein
Erdenwinkelchen für Leute, die einmal ein bißchen träumen und ausruhen
wollen. Mitunter kam der Lehrer von Oberheudorf hierher und saß dann
wohl auf dem Steinhaufen und beobachtete still das Leben der Vögel und
Insekten. Es kam auch vor, daß er Traumfriede hier sitzen fand, denn
auch der Knabe hatte eine besondere Vorliebe für die einsame Waldwiese.
Dann erzählte der Lehrer dem Buben wohl allerlei von den Tieren und
Blumen des Waldes, und Traumfriede hörte versonnen zu. Er selbst
erzählte freilich nie, warum er just so gern hier saß, denn er war, so
munter er auch mit seinen Kameraden umging, seit er Muhme Lenelies'
Pflegesohn geworden war, doch ein etwas schüchterner Junge. Und der
Lehrer bedrängte ihn nie mit Fragen, er dachte immer: »Er wird schon
zutraulich werden.« Der Bube mit den schönen, blauen Träumeraugen war
ihm lieb, und des Lehrers Gedanken beschäftigten sich mehr mit Friede,
als der und seine Pflegemutter ahnten.
Muhme Lenelies ließ ihren Buben gern seinen Lieblingsplatz aufsuchen,
sie wußte ja, nach solchen Freistunden war er dann doppelt fleißig.
So verbrachte Friede manchen schulfreien Nachmittag auf der kleinen
Wiese. Hier fand er dann auch immer allerlei besonders schöne Dinge:
die größten Erdbeeren wuchsen zwischen den Steinen des Hügels, so
saftig und würzig, daß Muhme Lenelies, wenn ihr Pflegesohn die
Beeren heimbrachte, allemal sagte: »Das reine Festessen!« Auch ein
Stachelbeerbusch, der gelbe, süße Beeren trug, hatte sich hier
angesiedelt; niemand wußte, woher er gekommen war, er wuchs und trug
Früchte, als stünde er mitten in einem wohlgepflegten Garten. Ihn
umdrängten noch Himbeeren und Brombeeren, dazwischen blühten bunte,
leuchtende Blumen, und in all dem Wirrwarr hausten auch noch ein paar
kleine, lustige Vogelfamilien.
An einem warmen Sommertag saß Traumfriede wieder hier auf seinem
Lieblingsplatz. Die Stille wurde manchmal durch ein Lachen, einen
fröhlichen Schrei unterbrochen, denn die Oberheudorfer Kinder suchten
wieder einmal Erdbeeren im Kuhberger Walde. Friede hatte fleißig
gesucht, nicht so viel in den Schnabel, und nun stand sein Töpfchen
schon voll neben ihm. Er wartete hier auf seine Gefährten und träumte
noch ein wenig in den schönen Sonnentag hinein. Mitten in seinem
Träumen und Sinnen störte ihn Schulzens Jakob, der herbeikam. Sein
Töpfchen war noch ziemlich leer, aber dafür trug er im Gesicht
deutliche Spuren davon, daß ihm die Beeren gut geschmeckt hatten.
»Weißt du,« sagte er und blieb vor dem Steinhaufen stehen, auf dem
Friede saß, »das ist ein Hühnergrab.«
»Was,« rief Friede verdutzt, »ein Hühnergrab? Ja wer hat hier denn
Hühner vergraben?«
»Das weiß ich nicht,« brummte Jakob, »aber mein Vater hat einen Brief
bekommen, in dem steht, es wollten Leute aus der Stadt kommen und das
Hühnergrab aufmachen. Und Vater sagt, das hier wär's!«
»Quatsch!« sagte Friede ärgerlich, doch da wurde Jakob wild. Quatsch
ließ er seine, des Schulzensohns, Weisheit nicht nennen. Er stellte
geschwind sein Beerentöpfchen auf den Boden und rüstete sich zu einer
regelrechten Balgerei. Es wäre wohl auch dazu gekommen, wenn nicht
auf einmal Heine Peterle, Schnipfelbauers Fritz, der blaue Friede,
Annchen Amsee und Jakobs Schwester Röse herbeigekommen wären. Unter
großem Geschrei erzählten sie, daß sie soeben drei Rehe im Walde
gesehen hätten. Darüber vergaß Jakob ein Weilchen seine Wut, nachher
aber kam sie wieder, und er erzählte aufgebracht die Geschichte von dem
Hühnergrab.
»Ein Hühnergrab ist das?« riefen die Kinder alle verdutzt, und Annchen
Amsee fragte ganz hausfraulich weise: »Was sind's denn für Hühner, die
hier liegen, gewöhnliche oder etwa Perlhühner?« Auf diese Frage wußte
Jakob keine Antwort zu geben, es tröstete ihn aber sehr, daß die andern
seine Weisheit anerkannten, und sein Zorn legte sich allmählich.
Friede, der den Kameraden nicht hatte kränken wollen, sagte nun auch
einlenkend: »Wenn es dein Vater sagt, wird es schon stimmen, aber warum
sind nur hier gerade Hühner begraben?«
Das war wirklich eine schwere Frage, die sehr, sehr viel Nachdenken
erforderte. Weil die Oberheudorfer Kinder mitunter recht viel Geschrei
beim Nachdenken machten, so traten sie ziemlich lebhaft und aufgeregt
ihren Heimweg an, und die vierfüßigen und gefiederten Waldbewohner
verkrochen sich ängstlich in ihren Höhlen, Moosbettlein und Nestern ob
dieses Geschreies.
Am nächsten Tage gab es in der Schule eine sogenannte Plauderstunde,
etwas, das alle Kinder wundervoll fanden. Verstanden die Kinder
etwas nicht, wollten sie etwas wissen, dann durften sie nämlich den
Herrn Lehrer vor Schulanfang fragen. Fand der Lehrer, daß die Frage
vernünftig sei und sich darüber allerlei sagen ließ, so schloß er die
Schule ein wenig früher und hielt dann noch die Plauderstunde ab. In
dieser gab er Antwort, die Kinder durften Gegenfragen stellen, und
meist fanden die Kinder die Plauderstunde viel zu kurz, und sie lernten
darin manchmal mehr als vorher aus den Büchern.
An diesem Morgen hatten neun Buben und Mädel gefragt, ob der
Steinhaufen im Walde wirklich ein Hühnergrab wäre. Da erzählte ihnen
denn in der Plauderstunde der Lehrer, daß es Hünengrab heiße und
nicht Hühnergrab, und daß es solche uralte Gräber noch in manchen
Gegenden gebe. In Deutschland, aber auch in Dänemark, England, selbst
in Palästina finde man solche riesenhafte Grabdenkmäler. Viele habe
man geöffnet und darin alte Urnen, Steinhämmer, auch wohl Schwerter,
Armringe, Pfeile und dergleichen gefunden.
»Aber unseres ist doch gar nicht so groß,« rief Schulzens Jakob
erstaunt dazwischen.
»Nein,« erwiderte der Lehrer, »das ist es auch nicht, und darum ist man
auch noch im Zweifel, ob es wirklich ein Hünengrab ist. Vielleicht ist
es nur ein großer Steinhaufen, der von Hirten zusammengetragen wurde.
Es mögen auch die Überreste menschlicher Wohnungen sein, denn der Sage
nach soll dort früher ein Dorf gestanden haben. Etwas Genaueres läßt
sich darüber allerdings nicht ermitteln.«
Die Kinder lauschten gespannt den Erklärungen; jetzt fanden sie es sehr
dumm, daß sie zuerst gedacht hatten, Hühner lägen unter den großen
Steinen begraben. Schulzens Jakob tat wichtig und tuschelte seinen
Nachbarn zu: »Wie konntet ihr nur so dumm sein und denken, Hühner
liegen da!«
»Na, du hast es doch zuerst gesagt,« rief Heine Peterle halblaut. Ein
Weilchen gab es ein erregtes Tuscheln und Wispern, und der Lehrer
ließ die Kinder gewähren; er lächelte über ihren Eifer und sah dabei
Traumfriede an, der still und versonnen dasaß. Der Bube fühlte den
Blick des Lehrers, er hob seine schönen Augen zu ihm auf und fragte
leise, traurig: »Wird nun der Steinberg abgetragen werden?«
Der Lehrer nickte. »Ja, Friede, es geht an unsern Lieblingsplatz, er
wird wohl etwas zerstört werden.« Der Bube wurde rot. Daß der Lehrer
gesagt hatte, >unsern Lieblingsplatz<, das gab ihm eine heimliche
Freude, aber dann wurde er wieder traurig, und während die andern
Kinder nach Schluß der Schule laut und lustig auf die Dorfstraße
eilten, ging er still seinen Weg. Die Buben und Mädel redeten daheim
gewaltig klug von dem Hünengrab. Annchen Amsee meinte, vielleicht
könnte ein Topf voll Gold darin gefunden werden. »Oder eine Krone und
ein goldenes Schwert,« rief Heine Peterle, und zuletzt redeten alle nur
noch von den goldenen Schätzen des Hünengrabes.
Ganz ärgerlich aber war Muhme Lenelies. Sie schalt aufgebracht darüber,
daß auf der schönen, friedlichen Waldwiese gegraben werden sollte.
»Wirklich,« brummte sie, »die Stadtleute müssen ihre Nase auch in
alles stecken. Es ist jammerschade um unsern hübschen Platz.« Sie ließ
ihren Friede darum auch gleich am Nachmittag dahinlaufen; wer weiß,
wie lange der Bub seinen Lieblingsplatz noch haben würde, mochte er
ihn also noch genießen, soviel er konnte. So saß denn Traumfriede am
Nachmittag wieder still auf einem der beiden Steinhügel dicht neben dem
Stachelbeerbusch. Um ihn herum war ein Schwirren und Summen der Bienen
und Käfer, bunte Schmetterlinge flogen über die blühende Waldwiese, und
dicht neben ihm saßen auf einer Blumendolde vier Perlmutterfalter, ihre
Flügel glänzten und flimmerten märchenhaft im Sonnenlicht. Während
der Knabe so still in der warmen Sommerschönheit saß, war es ihm, als
löste sich plötzlich Stein um Stein von dem alten Grab und riesenhafte
Männer traten aus dunklen Höhlen hervor. Sie klirrten mit Schild und
Schwert, goldene Kronen funkelten auf ihren Häuptern, ihnen folgten
schöne Jungfrauen in schimmernden Gewändern, und plötzlich verschwand
der Wald, ein hohes Schloß mit Türmen und Zinnen wuchs empor, auf der
Brücke stand ein Torwächter und blies in sein Horn.
[Illustration: Traumfriede]
»Mähmäh mäh,« meckerte es plötzlich neben Traumfriede, und verdutzt
schaute sich der Bube um. Alle Märchenherrlichkeit war verschwunden, er
saß wieder neben dem Stachelbeerbusch, und vor ihm stand Friederike,
Muhme Lenelies' höchst kluge und gebildete Ziege. Sie war Friede
nachgelaufen und schien sehr ungnädig, daß sie so wenig beachtet
wurde. Der Bube schämte sich ein bißchen, ihm war es immer, als könnte
Friederike in seinem Herzen lesen, und gewiß lachte sie heimlich über
all die Geschichten, die er immer zusammenträumte. Aber Friederike
lachte nicht, sondern beschnupperte ein paar feine Blättchen und
geruhte sie zu fressen. »Komm heim, Friederike,« rief Friede, »du
darfst hier nicht fressen! Wenn es Leberecht Sperling sieht, schreibt
er uns auf.«
Leberecht Sperling, der gefürchtete Waldhüter, der jedes Kind, das er
im Walde traf, mißtrauisch ansah, ob es nicht eine Dummheit gemacht
hatte oder vielleicht eine machen wollte, schien auch Friederike zu
erschrecken. Sie trabte geduldig neben Friede her, und bald lag der
Wald mit aller Märchenherrlichkeit hinter den beiden.